Die Ziele alles Wissens.
Das bewußte menschliche Handeln.
Der Grundtrieb zur Wissenschaft.
Das Denken im Dienste der Weltauffassung.
Die Welt als Wahrnehmung.
Das Erkennen der Welt.
Die menschliche Individualität.
Die Wirklichkeit der Freiheit.
Die Faktoren des Lebens.
Die Idee der Freiheit.
Freiheitsphilosophie und Monismus.
Weltzweck und Lebenszweck.
Die moralische Phantasie.
Der Wert des Lebens.
Individualität und Gattung.
Die letzten Fragen.
Die Konsequenzen des Monismus.
Die Ziele alles Wissens.
Ich
glaube einen Grundzug unseres Zeitalters richtig zu treffen, wenn ich
sage: der Kultus des menschlichen Individuums strebt gegenwärtig
dahin, Mittelpunkt aller Lebensinteressen zu werden. Mit Energie wird
die Überwindung jeder wie immer gearteten Autorität erstrebt. Was
gelten soll, muß seinen Ursprung in den Wurzeln der Individualität
haben. Abgewiesen wird alles, was die volle Entfaltung der Kräfte
des Einzelnen hemmt. „Ein jeglicher muß seinen Helden wählen, dem
er die Wege zum Olymp hinauf sich nacharbeitet,“ gilt nicht mehr
für uns. Wir lassen uns keine Ideale aufdrängen; wir sind
überzeugt, daß in jedem von uns etwas lebt, das edel ist und wert,
zur Entwicklung zu kommen, wenn wir nur tief genug, bis in den Grund
unseres Wesens, hinabzusteigen vermögen. Wir glauben nicht mehr
daran, daß es einen Normalmenschen giebt, zu dem
alle
hinstreben sollen. Unsere Anschauung von der Vollkommenheit des
Ganzen ist die, daß es auf der besonderen Vollkommenheit jedes
einzelnen Individuums beruht. Nicht das, was jeder andere
auch
kann, wollen wir hervorbringen, sondern, was nach der
Eigentümlichkeit unseres Wesens nur uns möglich ist, soll als unser
Scherflein der Weltentwicklung einverleibt werden. Niemals wollten
die Künstler weniger wissen von Normen und Regeln der Kunst als
heute. Jeder behauptet ein Recht zu haben,
das
künstlerisch zu gestalten, was
ihm
eigen ist. Es giebt Dramatiker, die lieber im Dialekt schreiben, als
in einer von der Grammatik geforderten Normalsprache.Keinen
besseren Ausdruck kann ich finden für diese Erscheinungen als den:
sie gehen hervor aus dem bis aufs Höchste gesteigerten
Freiheitsdrang des Individuums. Wir wollen nach keiner Richtung
abhängig sein; und wo Abhängigkeit sein
muß,
da ertragen wir sie nur, wenn sie mit einem Lebensinteresse unseres
Individuums zusammenfällt.Ein
solches Zeitalter kann auch die
Wahrheit
nur aus der Tiefe des menschlichen Wesens schöpfen wollen. Von
Schillers bekannten zwei Wegen:
„Wahrheit
suchen wir beide, du außen im Leben, ich innenIn
dem Herzen, und so findet sie jeder gewiß.Ist
das Auge gesund, so begegnet es außen dem Schöpfer;Ist
es das Herz, dann gewiß spiegelt es innen die Welt“wird
der Gegenwart vorzüglich der zweite frommen. Eine Wahrheit, die uns
von außen kommt, trägt immer den Stempel der Unsicherheit an sich.
Nur was einem jeden von uns in seinem eigenen Innern als Wahrheit
erscheint, daran mögen wir glauben.Nur
die Wahrheit kann uns Sicherheit bringen im Entwickeln unserer
individuellen Kräfte. Wer von Zweifeln gequält ist, dessen Kräfte
sind gelähmt. In einer Welt, die ihm rätselhaft ist, kann er kein
Ziel seines Schaffens finden.Wir
wollen nicht mehr
glauben;
wir wollen
wissen.
Der Glaube fordert Anerkennung von Wahrheiten, die wir nicht ganz
durchschauen. Was wir aber nicht durchschauen, widerstrebt dem
Individuellen, das alles mit seinem tiefsten Innern durchleben will.
Nur das
Wissen
befriedigt uns, das keiner äußeren Norm sich unterwirft, sondern
aus dem Innenleben der Persönlichkeit entspringt.Wir
wollen auch kein solches Wissen, das in eingefrornen Schulregeln sich
ein- für allemal ausgestaltet hat, und in, für alle Zeiten gültigen
Kompendien aufbewahrt ist. Wir halten uns jeder berechtigt, von
seinen nächsten Erfahrungen, seinen unmittelbaren Erlebnissen
auszugehen, und von da aus zur Erkenntnis des ganzen Universums
aufzusteigen. Wir erstreben ein sicheres Wissen, aber jeder auf seine
eigene Art.Unsere
wissenschaftlichen Lehren sollen auch nicht mehr eine solche Gestalt
annehmen, als wenn ihre Anerkennung Sache eines unbedingten Zwanges
wäre. Keiner von uns möchte einer wissenschaftlichen Schrift einen
Titel geben, wie einst
Fichte:
„Sonnenklarer Bericht an das größere Publikum über das
eigentliche Wesen der neuesten Philosophie.
Ein Versuch, die Leser zum Verstehen zu zwingen.“
Heute soll niemand zum Verstehen
gezwungen
werden. Wen nicht ein besonderes, individuelles Bedürfnis zu einer
Anschauung treibt, von dem fordern wir keine Anerkennung. Auch dem
noch unreifen Menschen, dem Kinde, wollen wir gegenwärtig keine
Erkenntnisse eintrichtern, sondern wir suchen seine Fähigkeiten zu
entwickeln, damit es nicht mehr zum Verstehen
gezwungen
zu werden braucht, sondern verstehen
will.Ich
gebe mich keiner Illusion hin in Bezug auf diese Charakteristik
meines Zeitalters. Ich weiß, wie viel individualitätloses
Schablonentum lebt und sich breit macht. Aber ich weiß ebenso gut,
daß viele meiner Zeitgenossen im Sinne der angedeuteten Richtung ihr
Leben einzurichten suchen. Ihnen möchte ich diese Schrift widmen.
Sie soll nicht „den einzig möglichen“ Weg zur Wahrheit führen,
aber sie soll von demjenigen
erzählen,
den einer eingeschlagen hat, dem es um Wahrheit zu thun ist.Die
Schrift führt zuerst in abstraktere Gebiete, wo der Gedanke scharfe
Contouren ziehen muß, um zu sichern Punkten zu kommen. Aber der
Leser wird aus den dürren Begriffen heraus auch in das konkrete
Leben geführt. Ich bin eben durchaus der Ansicht, daß man auch in
das Ätherreich der Abstraktion sich erheben muß, wenn man das
Dasein nach allen Richtungen durchleben will. Wer nur mit den Sinnen
zu genießen versteht, der kennt die Leckerbissen des Lebens nicht.
Die orientalischen Gelehrten lassen die Lernenden erst Jahre eines
entsagenden und asketischen Lebens verbringen, bevor sie ihnen
mitteilen, was sie selbst wissen. Das Abendland fordert zur
Wissenschaft keine frommen Übungen und keine Askese mehr, aber es
verlangt dafür den guten Willen, kurze Zeit sich den unmittelbaren
Eindrücken des Lebens zu entziehen, und in das Gebiet der reinen
Gedankenwelt sich zu begeben.Der
Gebiete des Lebens sind viele. Für jedes einzelne entwickeln sich
besondere Wissenschaften. Das Leben selbst aber ist eine Einheit, und
je mehr die Wissenschaften bestrebt sind, sich in die einzelnen
Gebiete zu vertiefen, desto mehr entfernen sie sich von der
Anschauung des lebendigen Weltganzen. Es muß ein Wissen geben, das
in den einzelnen Wissenschaften die Elemente sucht, um den Menschen
zum vollen Leben wieder zurückzuführen. Der wissenschaftliche
Spezialforscher will sich durch seine Erkenntnisse ein Bewußtsein
von der Welt und ihren Wirkungen erwerben; in dieser Schrift ist das
Ziel ein philosophisches: die Wissenschaft soll selbst
organisch-lebendig werden. Die Einzelwissenschaften sind Vorstufen
der hier angestrebten Wissenschaft. Ein ähnliches Verhältnis
herrscht in den Künsten. Der Komponist arbeitet auf Grund der
Kompositionslehre. Die letztere ist eine Summe von Kenntnissen, deren
Besitz eine notwendige Vorbedingung des Komponierens ist. Im
Komponieren dienen die Gesetze der Kompositionslehre dem Leben, der
realen Wirklichkeit. Genau in demselben Sinne ist die Philosophie
eine
Kunst.
Alle wirklichen Philosophen waren
Begriffskünstler.
Für sie wurden die menschlichen Ideen zum Kunstmateriale und die
wissenschaftliche Methode zur künstlerischen Technik. Das abstrakte
Denken gewinnt dadurch konkretes, individuelles Leben. Die Ideen
werden Lebensmächte. Wir haben dann nicht bloß ein Wissen von den
Dingen, sondern wir haben das Wissen zum realen, sich selbst
beherrschenden Organismus gemacht; unser wirkliches, thätiges
Bewußtsein hat sich über ein bloß passives Aufnehmen von
Wahrheiten gestellt.Wie
sich die Philosophie als Kunst zur
Freiheit
des Menschen verhält, was die letztere ist, und ob wir ihrer
teilhaftig sind oder es werden können: das ist die Hauptfrage meiner
Schrift. Alle anderen wissenschaftlichen Ausführungen stehen hier
nur, weil sie zuletzt Aufklärung geben über jene, meiner Meinung
nach, den Menschen am nächsten liegenden Fragen. Eine „Philosophie
der Freiheit“
soll in diesen Blättern gegeben werden.Alle
Wissenschaft wäre nur Befriedigung müßiger Neugierde, wenn sie
nicht auf die Erhöhung des
Daseinswertes der menschlichen Persönlichkeit
hinstrebte. Den wahren Wert erhalten die Wissenschaften erst durch
eine Darstellung der menschlichen Bedeutung ihrer Resultate. Nicht
die Veredlung eines einzelnen Seelenvermögens kann Endzweck des
Individuums sein, sondern die Entwicklung aller in uns schlummernden
Fähigkeiten. Das Wissen hat nur dadurch Wert, daß es einen Beitrag
liefert zur
allseitigen
Entfaltung der
ganzen
Menschennatur.Diese
Schrift faßt deshalb die Beziehung zwischen Wissenschaft und Leben
nicht so auf, daß der Mensch sich der Idee zu beugen hat und seine
Kräfte ihrem Dienst weihen soll, sondern in dem Sinne, daß er sich
der Ideenwelt bemächtigt, um sie zu seinen
menschlichen
Zielen, die über die bloß wissenschaftlichen hinausgehen, zu
gebrauchen.Man
muß sich der Idee als Herr gegenüberstellen,
sonst
gerät man unter ihre Knechtschaft.
Das bewußte menschliche Handeln.
Ist
der Mensch in seinem Denken und Handeln
frei,
oder steht er unter dem Zwange einer ehernen Notwendigkeit? Auf
wenige Fragen ist soviel Scharfsinn gewendet worden, als auf diese.
Die Idee der Freiheit hat warme Anhänger wie hartnäckige Gegner in
reicher Zahl gefunden. Es giebt Menschen, die in ihrem sittlichen
Pathos jeden für einen beschränkten Geist erklären, der eine so
offenkundige
Thatsache
wie die Freiheit zu leugnen vermag. Ihnen stehen andere gegenüber,
die darin den Gipfel der Unwissenschaftlichkeit erblicken, wenn
jemand die Gesetzmäßigkeit der Natur auf dem Gebiete des
menschlichen Handelns und Denkens unterbrochen glaubt. Ein und
dasselbe Ding wird hier gleich oft für das kostbarste Gut der
Menschheit wie für die ärgste Illusion erklärt. Unendliche
Spitzfindigkeit wurde aufgewendet, um zu erklären, wie sich die
menschliche Freiheit mit dem Wirken in der Natur, der doch auch der
Mensch angehört, verträgt. Nicht geringer ist die Mühe, mit der
von anderer Seite begreiflich zu machen gesucht wurde, wie eine
solche Wahnidee hat entstehen können. Daß man es hier mit einer der
wichtigsten Fragen des Lebens, der Religion, der Praxis und der
Wissenschaft zu thun hat, das fühlt jeder, bei dem nicht das
Gegenteil von Gründlichkeit der hervorstechendste Zug seines
Charakters ist. Und es gehört zu den traurigen Zeichen der
Oberflächlichkeit gegenwärtigen Denkens, daß ein Buch, das aus den
Ergebnissen neuerer Naturforschung einen „neuen Glauben“ prägen
will (Dav. Fried. Strauss: „Der alte und neue Glaube“), über
diese Frage nichts enthält als die Worte: „Auf die Frage nach der
Freiheit des menschlichen Willens haben wir uns hierbei nicht
einzulassen. Die vermeintlich indifferente Wahlfreiheit ist von jeder
Philosophie, die des Namens wert war, immer als ein leeres Phantom
erkannt worden; die sittliche Wertbestimmung der menschlichen
Handlungen und Gesinnungen aber bleibt von jener Frage unberührt.“
Nicht weil ich glaube, daß das Buch, in dem sie steht, eine
besondere Bedeutung hat, führe ich diese Stelle hier an, sondern
weil sie mir die Meinung auszusprechen scheint, bis zu der sich in
der fraglichen Angelegenheit die Mehrzahl unserer denkenden
Zeitgenossen aufzuschwingen vermag. Daß die Freiheit darin nicht
bestehen könne, von zwei möglichen Handlungen ganz nach Belieben
die eine oder die andere zu wählen, scheint heute jeder zu wissen,
der darauf Anspruch macht, den wissenschaftlichen Kinderschuhen
entwachsen zu sein. Es ist immer, so behauptet man, ein ganz
bestimmter
Grund
vorhanden, warum man von mehreren möglichen Handlungen gerade eine
bestimmte zur Ausführung bringt.Das
scheint einleuchtend. Trotzdem richten sich bis zum heutigen Tage die
Hauptangriffe der Freiheitsgegner nur gegen die Wahlfreiheit. Sagt
doch sogar Herbert
Spencer,
dessen Ansichten mit jedem Tage an Verbreitung gewinnen (Die
Prinzipien der Psychologie, von Herbert
Spencer,
deutsche Ausgabe von Dr. B.
Vetter,
Stuttgart 1882): „Daß
aber jedermann auch nach Belieben begehren oder nicht begehren könne,
was der eigentliche, im Dogma vom freien Willen liegende Satz ist,
das wird freilich ebensosehr durch die Analyse des Bewußtseins, als
durch den Inhalt der vorhergehenden Kapitel (der Psychologie)
verneint.“ Von demselben Gesichtspunkte gehen auch andere aus, wenn
sie den Begriff des freien Willens bekämpfen. Im Keime finden sich
alle diesbezüglichen Ausführungen schon bei
Spinoza.
Was dieser klar und einfach gegen die Idee der Freiheit vorbrachte,
das wurde seitdem unzählige Male wiederholt, nur eingehüllt zumeist
in die spitzfindigsten theoretischen Lehren, sodaß es schwer wird,
den schlichten Gedankengang, auf den es allein ankommt, zu erkennen.
Spinoza schreibt in einem Briefe vom Oktober oder November 1674: „Ich
nenne nämlich die Sache
frei,
die aus der bloßen Notwendigkeit ihrer Natur besteht und handelt,
und
gezwungen
nenne ich die, welche von etwas anderem zum Dasein und Wirken in
genauer und fester Weise bestimmt wird. So besteht z. B. Gott,
obgleich notwendig, doch frei, weil er nur aus der Notwendigkeit
seiner Natur allein besteht. Ebenso erkennt Gott sich selbst und
alles andere frei, weil es aus der Notwendigkeit seiner Natur allein
folgt, daß er alles erkennt. Sie sehen also, daß ich die Freiheit
nicht in ein freies Beschließen, sondern in eine freie Notwendigkeit
setze.
„Doch
wir wollen zu den erschaffenen Dingen herabsteigen, welche sämtlich
von äußeren Ursachen bestimmt werden, in fester und genauer Weise
zu bestehen und zu wirken. Um dies deutlicher einzusehen, wollen wir
uns eine ganz einfache Sache vorstellen. So erhält z. B. ein Stein
von einer äußeren, ihn stoßenden Ursache eine gewisse Menge von
Bewegung, mit der er nachher, wenn der Stoß der äußeren Ursache
aufgehört hat, notwendig fortfährt, sich zu bewegen. Dieses
Beharren des Steines in seiner Bewegung ist deshalb ein erzwungenes
und kein notwendiges, weil es durch den Stoß einer äußeren Ursache
definiert werden muß. Was hier von dem Stein gilt, gilt von jeder
anderen einzelnen Sache, und mag sie noch so zusammengesetzt und zu
vielem geeignet sein, nämlich, daß jede Sache notwendig von einer
äußeren Ursache bestimmt wird, in fester und genauer Weise zu
bestehen und zu wirken.
„Nehmen
Sie nun, ich bitte, an, daß der Stein, während er sich bewegt,
denkt und weiß, er bestrebe sich, soviel er kann, in dem Bewegen
fortzufahren. Dieser Stein, der nur seines Strebens sich bewußt ist
und keineswegs gleichgültig sich verhält, wird glauben, daß er
ganz frei sei und daß er aus keinem anderen Grunde in seiner
Bewegung fortfahre, als weil er es wolle. Dies ist aber jene
menschliche Freiheit, die alle zu besitzen behaupten und die nur
darin besteht, daß die Menschen ihres Begehrens sich bewußt sind,
aber die Ursachen, von denen sie bestimmt werden, nicht kennen.
So glaubt das Kind, daß es die Milch frei begehre, und der zornige
Knabe, daß er frei die Rache verlange, und der Furchtsame die
Flucht. Ferner glaubt der Betrunkene, daß er nach freiem Entschluß
dies spreche, was er, wenn er nüchtern geworden, gern nicht
gesprochen hätte, und da dieses Vorurteil allen Menschen angeboren
ist, so kann man sich nicht leicht davon befreien. Denn wenn auch die
Erfahrung genügend lehrt, daß die Menschen am wenigsten ihr
Begehren mäßigen können und daß sie, von entgegengesetzten
Leidenschaften bewegt, das Bessere einsehen und das Schlechtere thun,
so halten sie sich doch für frei und zwar, weil sie manches weniger
stark begehren und manches Begehren leicht durch die Erinnerung an
anderes, dessen man sich oft entsinnt, gehemmt werden kann.“Weil
hier eine klar und bestimmt ausgesprochene Ansicht vorliegt, wird es
auch leicht, den Grundirrtum, der darin steckt, aufzudecken. So
notwendig wie der Stein auf einen Anstoß hin eine bestimmte Bewegung
ausführt, ebenso notwendig soll der Mensch eine Handlung ausführen,
wenn er durch irgend einen Grund dazu getrieben wird. Nur weil der
Mensch ein Bewußtsein von seiner Handlung hat, hält er sich für
den freien Veranlasser derselben. Er übersieht dabei aber, daß eine
Ursache ihn treibt, der er unbedingt folgen muß. Der Irrtum in
diesem Gedankengange ist bald gefunden. Spinoza und alle, die denken
wie er, übersehen, daß der Mensch nicht nur ein Bewußtsein von
seiner Handlung hat, sondern es auch von den Ursachen haben kann, von
denen er geleitet wird. Niemand wird es bestreiten, daß das Kind
unfrei
ist, wenn es die Milch begehrt, daß der Betrunkene es ist, wenn er
Dinge spricht, die er später bereut. Beide wissen nichts von den
Ursachen, die in den Tiefen ihres Organismus thätig sind, und unter
deren unwiderstehlichem Zwange sie stehen. Aber ist es berechtigt,
Handlungen dieser Art in einen Topf zu werfen mit solchen, bei denen
sich der Mensch nicht nur seines Handelns bewußt ist, sondern auch
der Gründe, die ihn veranlassen? Sind die Handlungen der Menschen
denn von einerlei Art? Darf die That des Kriegers auf dem
Schlachtfelde, die des wissenschaftlichen Forschers im Laboratorium,
des Staatsmannes in verwickeltsten diplomatischen Angelegenheiten
wissenschaftlich auf gleiche Stufe gestellt werden mit der des
Kindes, wenn es nach Milch begehrt? Wohl ist es wahr, daß man die
Lösung einer Aufgabe da am besten versucht, wo die Sache am
einfachsten ist. Aber oft schon hat der Mangel an
Unterscheidungsvermögen endlose Verwirrung gebracht. Und ein
tiefgreifender Unterschied ist es doch, ob ich weiß, warum ich etwas
thue, oder ob das nicht der Fall ist. Zunächst scheint das eine ganz
selbstverständliche Wahrheit zu sein. Und doch wird von den Gegnern
der Freiheit nie darnach gefragt: ob denn ein Beweggrund meines
Handelns, den ich erkenne und durchschaue, für mich in gleichem
Sinne einen Zwang bedeutet, wie der organische Prozeß, der das Kind
veranlaßt, nach Milch zu schreien.Eduard
von Hartmann
behauptet in seiner „Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins“
(S. 451), das menschliche Wollen hänge von zwei Hauptfaktoren ab:
von den Beweggründen und von dem Charakter. Betrachtet man die
Menschen alle als gleich, oder doch ihre Verschiedenheiten als
unerheblich, so erscheint ihr Wollen von
außen
als bestimmt; nämlich durch die Umstände, die an sie herantreten.
Erwägt man aber, daß verschiedene Menschen eine Vorstellung erst
dann zum Beweggrund ihres Handelns machen, wenn ihr Charakter ein
solcher ist, der durch die entsprechende Vorstellung zu einer
Begehrung veranlaßt wird, so erscheint der Mensch von
innen
bestimmt und nicht von
außen.
Der Mensch glaubt nun, weil er, gemäß seinem Charakter, eine ihm
von außen aufgedrängte Vorstellung erst zum Beweggrund machen muß:
er sei frei, d. h. unabhängig von äußeren Beweggründen. Die
Wahrheit aber ist, nach Eduard von Hartmann, daß: „wenn wir auch
selbst die Vorstellungen erst zu Motiven erheben, so thun wir dies
doch nicht willkürlich, sondern nach der Notwendigkeit unserer
charakterologischen Veranlagung,
also nichts weniger als frei.“
Auch hier bleibt der Umstand ohne alle Berücksichtigung, der besteht
zwischen Beweggründen, die ich erst auf mich wirken lasse, nachdem
ich sie mit meinem Bewußtsein durchdrungen habe, und solchen, denen
ich folge, ohne daß ich ein klares Wissen von ihnen besitze.Und
dies führt unmittelbar auf den Standpunkt, von dem aus hier die
Sache angesehen werden soll. Darf die Frage nach der Freiheit unseres
Willens überhaupt einseitig für sich versucht werden? Und wenn
nicht: mit welcher andern muß sie notwendig verknüpft werden?Ist
ein Unterschied zwischen einem bewußten Beweggrund meines Handelns
und einem unbewußten, dann wird der erstere auch eine Handlung nach
sich ziehen, die anders beurteilt werden muß, als eine solche aus
blindem Drange. Die Frage nach diesem Unterschied wird also die erste
sein. Und was sie ergiebt, davon wird es erst abhängen, wie wir uns
zu der eigentlichen Freiheitsfrage zu stellen haben.Was
heißt es, ein
Wissen
von den Gründen seines Handelns haben? Man hat diese Frage zu wenig
berücksichtigt, weil man leider immer in zwei Teile zerrissen hat,
was ein untrennbares Ganzes ist: den Menschen. Den Handelnden und den
Erkennenden unterschied man, und leer ausgegangen ist dabei nur der,
auf den es vor allen andern Dingen ankommt: der aus Erkenntnis
Handelnde.Man
sagt: frei sei der Mensch, wenn er nur unter der Herrschaft seiner
Vernunft stehe und nicht unter der der animalischen Begierden. Oder
auch: Freiheit bedeute, sein Leben und Handeln nach Zwecken und
Entschlüssen bestimmen zu können.Mit
Behauptungen solcher Art ist aber gar nichts gewonnen. Denn das ist
ja eben die Frage, ob die Vernunft, ob Zwecke und Entschlüsse in
gleicher Weise auf den Menschen einen Zwang ausüben wie animalische
Begierden. Wenn ohne mein Zuthun ein vernünftiger Entschluß in mir
auftaucht, gerade mit derselben Notwendigkeit wie Hunger und Durst,
dann kann ich ihm nur notgedrungen folgen, und meine Freiheit ist
eine Illusion.Eine
andere Redensart lautet: Freisein heißt: nicht wollen können, was
man will, sondern thun können, was man will. Diesem Gedanken hat der
Dichterphilosoph
Robert Hamerling
in seiner „Atomistik des Willens“ einen scharfumrissenen Ausdruck
gegeben. „Der Mensch kann allerdings thun, was er will — aber er
kann nicht wollen, was er will, weil sein Wille durch
Motive
bestimmt ist! — Er kann nicht wollen was er will? Sehe man sich
diese Worte doch einmal näher an. Ist ein vernünftiger Sinn darin?
Freiheit des Wollens müßte also darin bestehen, daß man ohne
Grund, ohne Motiv etwas wollen könnte? Aber was heißt denn Wollen
anders, als
einen Grund haben,
dies lieber zu thun oder anzustreben als jenes? Ohne Grund, ohne
Motiv etwas wollen, hieße etwas wollen,
ohne es zu wollen.
Mit dem Begriffe des Wollens ist der des Motivs unzertrennlich
verknüpft. Ohne ein bestimmendes Motiv ist der Wille ein leeres
Vermögen:
erst durch das Motiv wird er thätig und reell. Es ist also ganz
richtig, daß der menschliche Wille insofern nicht „frei“ ist,
als seine Richtung immer durch das stärkste der Motive bestimmt ist.
Aber es muß andererseits zugegeben werden, daß es absurd ist,
dieser „Unfreiheit“ gegenüber von einer denkbaren „Freiheit“
des Willens zu reden, welche dahin ginge, wollen zu können, was man
nicht
will.“ (Atomistik des Willens S. 213 f.)Auch
hier wird nur von Motiven im allgemeinen gesprochen, ohne auf den
Unterschied zwischen unbewußten und bewußten Rücksicht zu nehmen.
Wenn ein Motiv auf mich wirkt und ich gezwungen bin, ihm zu folgen,
weil es sich als das „stärkste“ unter seinesgleichen erweist,
dann hört der Gedanke an Freiheit auf, einen Sinn zu haben. Wie soll
es für mich eine Bedeutung haben, ob ich etwas thun kann oder nicht,
wenn ich von dem Motive
gezwungen
werde, es zu thun? Nicht darauf kommt es zunächst an: ob ich dann,
wenn das Motiv auf mich gewirkt hat, etwas thun kann oder nicht,
sondern ob es nur solche Motive giebt, die mit zwingender
Notwendigkeit wirken. Wenn ich etwas wollen
muß,
dann ist es mir unter Umständen höchst gleichgültig, ob ich es
auch thun kann. Wenn mir wegen meines Charakters und wegen der in
meiner Umgebung herrschenden Umstände ein Motiv aufgedrängt wird,
das sich meinem Denken gegenüber als unvernünftig erweist, dann
müßte ich sogar froh sein, wenn ich nicht könnte, was ich will.Nicht
darauf kommt es an, ob ich einen gefaßten Entschluß zur Ausführung
bringen kann, sondern
wie der Entschluß in mir entsteht.Was
den Menschen von allen andern organischen Wesen unterscheidet, ist
sein vernünftiges Denken. Thätig zu sein, hat er mit anderen
Organismen gemein. Nichts ist damit gewonnen, wenn man zur Aufhellung
des Freiheitsbegriffes für das Handeln des Menschen nach Analogieen
im Tierreiche sucht. Die moderne Naturwissenschaft liebt solche
Analogieen. Und wenn es ihr gelungen ist, bei den Tieren etwas dem
menschlichen Verhalten Ähnliches gefunden zu haben, glaubt sie, die
wichtigste Frage der Wissenschaft vom Menschen berührt zu haben. Zu
welchen Mißverständnissen diese Meinung führt, zeigt sich z. B. in
dem Buche: „Die Illusion der Willensfreiheit“ von P. Rée, 1885,
der (S. 5) über die Freiheit folgendes sagt: „Daß es uns so
scheint, als ob die Bewegung des Steines notwendig, des Esels Wollen
nicht notwendig wäre, ist leicht erklärlich. Die Ursachen, welche
den Stein bewegen, sind ja draußen und sichtbar. Die Ursachen aber,
vermöge deren der Esel will, sind drinnen und unsichtbar: zwischen
uns und der Stätte ihrer Wirksamkeit befindet sich die Hirnschale
des Esels..... Man sieht die kausale Bedingtheit nicht, und meint
daher, sie sei nicht vorhanden. Das Wollen, erklärt man, sei zwar
die Ursache der Umdrehung [des Esels], selbst aber sei es unbedingt;
es sei ein absoluter Anfang.“ Also auch hier wieder wird über
Handlungen des Menschen, bei denen er ein Bewußtsein von den Gründen
seines Handelns hat, einfach hinweggegangen, denn Rée erklärt:
„zwischen uns und der Stätte ihrer Wirksamkeit befindet sich die
Hirnschale des Esels“. Daß es, zwar nicht Handlungen des Esels,
wohl aber solche der Menschen giebt, bei denen zwischen uns und der
Handlung das
bewußt gewordene
Motiv liegt, davon hat, schon nach diesen Worten, Rée keine Ahnung.
Er beweist das einige Seiten später auch noch durch die Worte: „Wir
nehmen die
Ursachen
nicht wahr, durch welche unser Wollen bedingt wird, daher meinen wir,
es sei überhaupt nicht ursachlich bedingt.“Doch
genug der Beispiele, welche beweisen, daß viele gegen die Freiheit
kämpfen, ohne zu wissen, was Freiheit überhaupt ist.Daß
eine Handlung nicht
frei
sein kann, von der der Thäter nicht weiß, warum er sie vollbringt,
ist ganz selbstverständlich. Wie verhält es sich aber mit einer
solchen, über deren Gründe gedacht wird? Das führt uns auf die
Frage: welches ist der Ursprung und die Bedeutung des Denkens? Wenn
wir wissen, was Denken im allgemeinen bedeutet, dann wird es auch
leicht sein, klar darüber zu werden, was für eine Rolle das Denken
beim menschlichen Handeln spielt. „Das Denken macht die Seele,
womit auch das Tier begabt ist, erst zum Geiste“, sagt Hegel mit
Recht, und deshalb wird das Denken auch dem menschlichen Handeln sein
eigentümliches Gepräge geben.Keineswegs
soll behauptet werden, daß all unser Handeln nur aus der nüchternen
Überlegung unseres Verstandes fließe. Nur diejenigen Handlungen als
im höchsten Sinne
menschlich
hinzustellen, die aus dem abstrakten Urteil hervorgehen, liegt mir
ganz fern. Aber sobald sich unser Handeln herauferhebt aus dem
Gebiete der Befriedigung rein animalischer Begierden, sind unsere
Beweggründe immer von Gedanken durchsetzt. Liebe, Mitleid,
Patriotismus sind Triebfedern des Handelns, die sich nicht in kalte
Verstandesbegriffe auflösen lassen. Man sagt: das Herz, das Gemüt
treten da in ihre Rechte. Ohne Zweifel. Aber das Herz und das Gemüt
schaffen keine Beweggründe des Handelns. Sie setzen dieselben
voraus. In meinem Herzen stellt sich das Mitleid ein, wenn in meinem
Bewußtsein die Vorstellung einer mitleiderregenden Person
aufgetreten ist. Der Weg zum Herzen geht durch den Kopf. Davon macht
auch die Liebe keine Ausnahme. Wenn sie nicht die bloße Äußerung
des niedrigen Geschlechtstriebes ist, dann beruht sie auf den
Vorstellungen, die wir uns von dem geliebten Wesen machen. Und je
idealistischer diese Vorstellungen sind, desto beseligender ist die
Liebe. Auch hier ist der Gedanke der Vater des Gefühles. Man sagt:
die Liebe mache blind für die Schwächen des geliebten Wesens. Die
Sache kann auch umgekehrt angefaßt werden und behauptet: die Liebe
öffne gerade für die Vorzüge das Auge. Viele gehen ahnungslos an
diesen Vorzügen vorbei, ohne sie zu bemerken. Der eine sieht sie,
und eben deswegen erwacht die Liebe in seiner Seele. Was hat er
anderes gethan: als von dem sich eine Vorstellung gemacht, wovon
hundert andere keine haben. Sie haben die Liebe nicht, weil ihnen die
Vorstellung
mangelt.Wir
mögen die Sache anfassen, wie wir wollen: immer klarer muß es
werden, daß die Frage nach dem Wesen des menschlichen Handelns die
andere voraussetzt nach dem Ursprunge des Denkens. Ich wende mich
daher zunächst dieser Frage zu.