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Kein Verbrechen darf ungesühnt bleiben … Kann die Zeit einen Mörder von seiner Schuld reinwaschen? – Kommissarin Elina Wiik wird auf einen rätselhaften Fall aufmerksam: Vor 25 Jahren wurde eine Frau ermordet, ihr Baby verschwand spurlos. Nur noch drei Wochen, dann ist der Fall verjährt, nur noch 21 Tage, bis der Täter für immer mit seinem schrecklichen Verbrechen davonkommt. Elina Wiik weiß, dass es vernünftiger wäre, sich nicht in das aussichtlose Unternehmen zu stürzen – aber sie kann nicht anders und beginnt, unter Hochdruck zu ermitteln. Was wurde aus dem verschwundenen Baby? Sie ahnt nicht, dass zur gleichen Zeit die junge Kari versucht, das Rätsel ihrer eigenen Vergangenheit zu lüften … und mit jeder Entdeckung mehr in tödliche Gefahr gerät! Dieser Cold-Case bringt selbst Elina Wiik an ihre Grenzen – Skandi-Spannung für Fans von Tove Alsterdal und Sara Strömberg. Ein Urlaub, der zum Albtraum wird: In Elina Wiiks fünftem Fall findet die Kommissarin ihren Geliebten ermordet auf. Doch wer war er wirklich? Auf der Suche nach der Wahrheit gerät die Kommissarin in ein düsteres Netz aus Lügen und Intrigen …
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Seitenzahl: 409
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Über dieses Buch:
Kann die Zeit einen Mörder von seiner Schuld reinwaschen? Kommissarin Elina Wiik wird auf einen rätselhaften Fall aufmerksam: Vor 25 Jahren wurde eine Frau ermordet, ihr Baby verschwand spurlos. Nur noch drei Wochen, dann ist der Fall verjährt, nur noch 21 Tage, bis der Täter sich für alle Zeit in Sicherheit wiegen kann. Elina Wiik weiß, dass es vernünftiger wäre, sich nicht in das aussichtlose Unternehmen zu stürzen – aber sie kann nicht anders und beginnt, unter Hochdruck zu ermitteln. Was wurde aus dem Baby? Sie ahnt nicht, dass zur gleichen Zeit die junge Kari versucht, das Rätsel ihrer Vergangenheit zu lüften … und mit jeder Entdeckung mehr in tödliche Gefahr gerät!
Über den Autor:
Thomas Kanger wuchs in Uppsala auf und verbrachte viele Jahre in Västerås, bevor er als freier Journalist die Welt bereiste und unter anderem in Israel, Indien und Amerika lebte. Nach einem Sachbuch veröffentlicht er seit 2003 regelmäßig Kriminalromane, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Er wird für die aktuellen Themen seiner Bücher, sein journalistisches Gespür und seine klare, eindrucksvolle Sprache gelobt.
Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine beliebte Reihe um die schwedische Kommissarin Elina Wiik, bestehend aus den Bänden »Der werfe den ersten Stein«, »Sing wie ein Vogel«, »Die Toten im Wald«, »Die vergessene Tote« und »Der blinde Fleck«.
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eBook-Neuausgabe Dezember 2018, April 2025
Die schwedische Originalausgabe erschien 2004 unter dem Titel »Sondagsmannen« bei Nörstedts Förlag, Stockholm. Die deutsche Erstausgabe erschien 2007 unter dem Titel »Der Sonntagsmann« im btb-Verlag.
Copyright © der schwedischen Originalausgabe 2004 by Thomas Kanger.
Copyright © der deutschen Erstausgabe 2008 by btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München. Published by arrangement with Pan Agency.
Die Rechte an der deutschen Übersetzung von Lotte Rüegger und Holger Wolandt liegen beim btb Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH.
Copyright © der Neuausgabe 2018 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Shutterstock/Milano M, Black_Rabbit, Julian Dewert
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ts/fe)
ISBN 978-3-96148-276-4
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Thomas Kanger
Die vergessene Tote
Kriminalroman – Mord in Västmanland 4
Aus dem Schwedischen von Lotte Rüegger und Holger Wolandt
dotbooks.
Vor langer Zeit begegneten sich Wolf und Ren zum ersten Mal. Der Wolf erschrak vor dem großen Geweih und den dunklen Augen des Rens.
»Wozu brauchst du dein spitzes Geweih?«, fragte der Wolf.
»Du hast Recht, mein Geweih ist spitz«, antwortete das Ren. »Aber ich habe gerade erst das Licht der Welt erblickt und weiß nicht, wozu das Geweih verwendet wird.«
Doch den Wolf beruhigte das nicht.
»Warum starrst du mich mit deinen großen schwarzen Augen so an?«, wollte er wissen.
»Ich will dich nicht ängstigen, also wende ich meinen Blick ab«, sagte das Ren.
Jetzt war das Ren an der Reihe den Wolf zu befragen.
»Und wer bist du? Ich zittere vor Schreck, wenn ich deine gelben Zähne und deinen roten Rachen sehe.«
Als der Wolf hörte, dass das Ren Angst vor ihm hatte, wedelte er sachte mit dem Schwanz und knurrte: »Nimm dich vor mir in Acht, denn ich bin sehr hungrig.«
Seither ist der Wolf mächtiger und das Ren seine Beute.
Routiniert ließ er die Leine mit den Haken ins Wasser gleiten. Der Himmel war grau und bedeckt, Regen lag in der Luft, und es herrschte eine für das Nordmeer ungewöhnliche Stille. Das kleine Boot wippte behutsam voran. Aus Erfahrung wusste er, dass das Wetter abrupt umschlagen konnte. Aus der Flaute wurde schnell ein Unwetter, aber das hatte ihn nie davon abgehalten hinauszurudern. Auf offener See, weit entfernt vom Ufer, fühlte er sich wohl.
Die Berge hinter ihm wirkten wie Kathedralen. Sie erhoben sich senkrecht aus dem Meer, groß und mächtig, alt und zerklüftet, jeder mit seinem eigenen grauen Gesicht. Obwohl selbst ein ganzes Leben nicht ausreichte, um es zu bemerken, veränderten sie ständig ihr Aussehen. Unendlich langsam, aber unerbittlich verwitterten sie durch die Orgelmusik der tosenden Winde.
Er bemerkte sie nicht einmal mehr. Sie waren immer da gewesen. Andere Menschen kamen hierher, um sich von den Bergen verzaubern zu lassen, um sie zu besteigen und dem Himmel näher zu kommen, vielleicht um mit den Göttern in Kontakt zu treten. Aber er war wie die anderen Ansässigen. Für ihn waren die Berge eine Selbstverständlichkeit. Wenn er einen Hang zum Philosophieren und Grübeln gehabt hätte, hätte er sie sicher als Wachtposten betrachtet, als Schutz vor allen Bedrohungen. Einmal hatte er die Inseln verlassen, hatte versucht, sie endgültig zu verlassen, doch das war ihm nicht gelungen. Seither hatte er nur die notwendigen Fahrten aufs Festland erledigt und die eine oder andere Pauschalreise in den Süden unternommen.
Er war jetzt ein anderer. Lebte ein geregeltes Leben. Wer hätte das früher geglaubt? Es kam vor, dass seine Gedanken in die Vergangenheit wanderten. Immer seltener, es war besser, Gewesenes ruhen zu lassen. Aber das glückte ihm nicht immer. Wohin war sie verschwunden? Würde er es je erfahren?
Die Berghänge waren mit einem satten Grün überzogen. Die Zikaden lärmten. Ein Vogel mit roten, grünen und blauen Federn flog dicht über die Äste hinweg. Unten im Tal schlängelte sich der Weg Richtung Sonnenuntergang. Das Meer funkelte.
Was habe ich hier verloren, dachte Kari Solbakken, als sie sich nach der kurzen Toilettenpause wieder in den Bus drängte. Es hatte keine Klobrille und erst recht kein Klopapier gegeben. Die Kleider klebten ihr auf der Haut, es war immer noch heiß, und die Luft war so sauerstoffarm, dass ein Streichholz erloschen wäre, falls man es bei dieser Feuchtigkeit überhaupt hätte anzünden können. Sie hatte einen Fensterplatz, aber das Fenster ließ sich nicht öffnen. Der Mann neben ihr war dick und saß deswegen halb auf ihrem Platz. Das Ticket war billig gewesen.
Drei Stunden später schulterte sie am Giap Bats-Busbahnhof mit steifen Bewegungen ihren Rucksack. Eine Traube erwartungsvoller Unternehmer bot sofort ihre Dienste an. »Motorbike?« Kari suchte in ihren Taschen nach einem Zettel. »To here«, antwortete sie. Ein junger Mann beugte sich vor und las. »Hang Bac. Three dollar.« Kari war so müde, dass sie den Überpreis akzeptierte.
Er fuhr recht schnell und bahnte sich durch die Flut der Honda Wave-Motorräder geschickt seinen Weg. Ein junges Mädchen bog aus einer Seitenstraße vor ihnen ein, ohne sich umzusehen, aber Karis Fahrer wich ihr elegant aus. Dies war das Land, in dem sich die Verkehrsteilnehmer stillschweigend darauf geeinigt hatten, nicht miteinander zusammenzustoßen.
Sie fuhren an einem kleinen See vorbei, vielleicht handelte es sich auch nur um einen Teich, als er sich, ohne das Tempo zu drosseln, zu ihr umdrehte. »Old town. Hanoi old town«, sagte er. Sie nickte und wünschte, er würde geradeaus schauen, statt den Fremdenführer zu spielen. Einige Häuserblöcke weiter hielt er, deutete auf eine Tür und sagte: »Hostel.« Neben der Tür hing ein Schild in Druckbuchstaben: »LOVE PLANET.« Kari gab dem Mann mit dem Motorrad die drei Dollar, die er sich verdient hatte, und trat ein. An der kleinen Rezeption saß eine Frau. Sie beantwortete Karis Frage nach einem freien Zimmer nicht, sondern drehte sich um und nahm einen Schlüssel von einem Haken. »Toilet in corridor. Pay in advan' plea«, sagte sie und hielt ihr den Schlüssel hin.
Das Zimmer war klein und mit einem Bett, einem Tisch und einem Stuhl möbliert. Kari streckte sich auf dem Bett aus. Sie sehnte sich weit weg, obwohl das hier schon weit weg für sie war. Vor nicht allzu langer Zeit hatte sie sich hierher, an das Ziel ihrer Träume, gesehnt. Als sie von Stockholm aufgebrochen war, hatte dies die Reise werden sollen, auf der sie sich endlich selbst finden würde. Sie hatte das Gefühl, von ihrer Umwelt abgeschnitten zu sein, ablegen wollen. Sie reiste allein, aber sie wollte Menschen treffen, die sie sahen. Sie würde alles besser verstehen. Aber die echte Kari Solbakken wollte in dieser fremden Umgebung nicht zum Vorschein kommen.
Das Bett war unbequem, oder taten ihr ohnehin schon die Knochen weh? Sie setzte sich auf und grub mit der Hand in einem der Fächer ihres Rucksacks. Schließlich fand sie einen kleinen, weichen, braunen Würfel. Sie zerkrümelte ihn und stopfte sich damit eine Pfeife. Sie trat an das kleine Fenster, öffnete es und zündete die Pfeife an. Der Rauch in den Lungen betäubte ihre Unruhe.
Sie erwachte erst am Spätnachmittag. Es dauerte eine Weile, bis sie wusste, wo sie war. Alle Zimmer, in denen sie während der letzten zwei Monate übernachtet hatte, sahen ungefähr gleich aus. Am Fußende des Bettes lag ein zerschlissenes Handtuch. Das musste reichen, da ihr eigenes immer noch feucht war. Sie trat auf den Korridor. Die Dusche lag am anderen Ende neben der Gemeinschaftstoilette. Als das Wasser auf ihre Haut rieselte, fühlte sie sich etwas besser.
Anschließend zog sie langsam die Bürste durch ihr schulterlanges, blondes Haar. Sie sah sich im Spiegel in die Augen und begegnete einem verständnislosen Blick, dem alles Angst machte. Es war der Blick eines Kindes, jedoch ohne kindliche Freude an Entdeckungen. Das Gesicht wirkte mit seiner Stupsnase jünger als fünfundzwanzig. Die schmalen Brauen waren in einem hübschen Bogen geformt. Die Oberlippe war schmal, die Unterlippe dafür sehr ausgeprägt. Die Sonne hatte ihr sonst stets blasses Gesicht gebräunt.
Sie nahm ein Paar Shorts aus ihrem Rucksack, das nicht allzu schmutzig war. Sie trat auf die Straße und schlug eine Richtung ein, ohne zu wissen, wo sie hinführte. Die Bürgersteige waren mit Motorrädern zugeparkt, die die Fußgänger auf die Straße zwangen. Das Gedränge auf der Straße war groß. Frauen jeden Alters trugen mit wiegenden Schritten zwei schwere Körbe an einem Joch auf den Schultern. Kleine Jungen rannten herum und versuchten, hellhäutigen Ausländern Ansichtskarten und Lonely-Planet-Reiseführer anzudrehen, und zwar jenen hellhäutigen Ausländern, die nach billigen Dienstleistungen verlangten, sich dann aber nicht damit abfinden konnten, als Geldbeutel auf zwei Beinen behandelt zu werden.
Ein Schlepper rief »welcome, good vietnamee food«und Kari trat ein. Sie erklomm eine schmale Treppe und trat auf eine Terrasse mit einfachen Tischen. Die Klientel bestand aus Ihresgleichen, aus Rucksacktouristen, die Geborgenheit in der Gesellschaft der anderen suchten. Ein Kellner legte eine Speisekarte auf ihren Tisch, und sie bestellte Frühlingsrollen und eine Suppe. Ihr Magen schmerzte vor Hunger und sie hoffte, dass das Essen rasch serviert wurde.
»Hallo.«
Sie sah auf. Ein Bursche mit Pferdeschwanz und Sonnenbrille. Er lächelte. »Ich heiße Jack. Darf ich mich dazusetzen?«
Kari nickte. Er bestellte zwei Bier, eins für sich und eins für sie. »Woher kommst du?«, fragte er und nahm die Sonnenbrille ab.
Fünf Fragen, dachte Kari. Das übliche Spielchen der Rucksacktouristen. Dann fragt er mich, wo ich schon war, wie es mir in Saigon, Na Trang, Hoi An oder Hue gefallen hat, wohin ich noch will und wie viel Geld ich für die Reise habe. Dann wird er sich endlos über alle Widrigkeiten auslassen, die ihm widerfahren sind, und mir seine kleinen Expertentipps zuteil werden lassen.
»Aus Schweden.«
»Ich bin aus den USA«, sagte er und griff von unerwarteter Ausgangsposition an: Den eigenen Reiseerfahrungen. »Ich bin jetzt schon ein halbes Jahr unterwegs, Indien, Nepal, Thailand, Kambodscha, und jetzt bin ich hier.«
Kari trank einen Schluck Bier. Who fucking cares?, dachte sie. Das Essen kam.
»Vietnam ist wirklich was ganz Besonderes für mich«, fuhr er fort. »Really special. Mein Vater war hier. Früher. Als Hubschrauberpilot.« Er hob die Hände als hielte er eine Maschinenpistole und ahmte das Geräusch nach. »Als ich klein war, hat er oft von Vietnam erzählt. Er ist schon tot, aber ich wünschte, er könnte das hier miterleben. Dass wir hier willkommen sind. Niemand macht uns wegen des Krieges Vorwürfe. Wenn man sie wie Seinesgleichen behandelt, funktioniert alles sehr gut.«
Er lächelte Kari an.
»Dieser Krieg war ein Fehler«, meinte er. »Jahrelang, Unzählige unserer Soldaten sind gestorben. Der Krieg wurde auch auf die falsche Art geführt, nicht wie heute. Ich bin froh, dass Dad überlebt hat. Sonst säße ich jetzt nicht hier.«
Er strich seinen Pferdeschwanz glatt und lächelte. »Hast du Lust auf was anderes als Bier?«
»Und das wäre?« Sie sah ihn an, nun etwas interessierter.
Er krümmte die Hand, sodass sie einem Pfeifenkopf ähnelte, und hielt sie an den Mund.
Das Piece, das sie von dem Australier in Hue gekauft hatte, hatte sie am Vorabend aufgebraucht. »Okay«, sagte sie.
Sie gingen die schmale Treppe hinunter. Das Gedränge auf der Straße hatte abgenommen. Es begann zu dämmern, und ein Gemüsemarkt um die Ecke schloss gerade. Alle schienen auf dem Weg nach Hause zu sein. Jack ging voraus, an Hang Bac vorbei, der Straße, in der ihr Hotel lag. »Die alte Straße der Silberschmiede«, erläuterte Jack und lächelte sie wieder an. Offenbar war er zufrieden mit sich. Sie drangen weiter in die Altstadt vor. Kari fragte sich, ob sie noch zu ihrem Zimmer zurückfinden würde.
Jacks Zimmer war ebenfalls klein, verfügte aber über ein größeres Bett und eine Toilette. Kari setzte sich aufs Bett. Jack nahm auf einem Stuhl Platz, öffnete seine Tasche und nahm eine kleine Pfeife und ein mit Plastikfolie umwickeltes Paket heraus. Er wickelte es aus. Eine schwarzbraune Platte kam zum Vorschein. Groß, dachte Kari. Sicher mehrere hundert Gramm schwer. Vielleicht sogar ein halbes Kilo. Wo er das wohl her hat? Jack zerbröselte ein Stück zwischen Daumen und Zeigefinger und stopfte damit die Pfeife. Er zündete sie an, inhalierte zweimal tief und reichte sie Kari. Sie nahm einen tiefen Zug und behielt den Rauch in der Lunge. Das Wohlgefühl breitete sich rasch in ihr aus. Sie nahm einen weiteren Zug, ehe sie Jack die Pfeife zurückgab. Dieser inhalierte erneut und setzte sich zu Kari aufs Bett. Er beugte sich zu ihrem Gesicht vor, drückte seine Lippen auf ihre und blies den Rauch in ihren Mund. Sie atmete ein und legte sich hin. Er gab ihr die Pfeife, und während sie rauchte, knöpfte er ihr die Hose auf. Da sie wegen der Wärme weite Kleidung trug, bereitete es ihm keine Mühe, seine Hand zwischen ihre Schenkel zu schieben.
»Nein«, sagte sie. »Aah, come on«, erwiderte er und packte etwas fester zu. Sie versuchte seine Hand hochzuziehen, aber er war stärker. »Du willst doch auch«, sagte er. »Ich weiß, dass du auch willst.« Der Druck seiner Hand wurde stärker. Sie spürte, dass er stärker war als sie.
Als er fertig war, stellte er sich hin und knöpfte seine Hose zu. Er sah sie nicht an. Sie drehte ihren Kopf zur Wand. »Wenn du nicht gewollt hättest, hättest du schreien können«, meinte er, »hast du aber nicht.«
Als sie erwachte, war er weg. Es dauerte einige Sekunden, bis ihre Erinnerung zurückkehrte. Ihr Kopf war schwer. Wie lange war sie schon hier? Sie stand auf und suchte nach ihren Kleidern. Die Hose lag auf dem Boden, ihr Slip am Fußende des Bettes. Sie zog sich an und öffnete die Tür, drehte sich dann aber noch einmal um. Am Boden unter dem Bett stand die Tasche. Rasch machte sie einen Schritt auf sie zu und griff hinein. Die mit Plastikfolie verpackte Platte lag unter ein paar Kleidungsstücken. Sie ließ sie unter ihrer Bluse verschwinden und rannte auf die Straße. Es war dunkel und vollkommen menschenleer. Sie versuchte sich daran zu erinnern, welchen Weg sie gekommen war, aber alle Straßen sahen gleich aus. Sie hörte sich selbst winseln: ein leises Geräusch, wie das eines Tieres. Sie lief durch die Straßen, an einem Häuserblock nach dem anderen entlang.
Plötzlich sah sie das Schild: »LOVE PLANET«. Es tauchte aus dem Nichts auf. Sie atmete auf und hämmerte an die Tür. Nach einer Weile kam die Frau, die an der Rezeption gesessen hatte. Wortlos ließ sie Kari ein.
Am Morgen bat Kari darum, das Telefon benutzen zu dürfen. Sie wählte die örtliche Nummer, die sie vom Reisebüro in Schweden bekommen hatte. Der Vertreter ihrer Fluggesellschaft meinte, es gebe noch einige wenige Plätze für den Flug an diesem Tag, aber die Umbuchung koste einhundert Dollar. Kari zählte ihre Geldscheine und war einverstanden. Auf der Straße stoppte sie ein Taxi. »How much to the airport?« – »Fifteen dollar.« – »I have twelve.« Der Taxifahrer öffnete die Tür auf der Beifahrerseite.
Siebzehn Stunden und zwei Zwischenlandungen später landete die Maschine in Arlanda. Kari konnte sich nur noch mit Mühe auf den Beinen halten, als sie die Empfangshalle betrat. Sie fühlte sich schmutzig, sowohl innerlich als auch äußerlich. Sie hatte das Gefühl, dass alle sie anstarrten. Das Paket unter ihrer Bluse brannte auf ihrem Bauch. Sie folgte dem allgemeinen Strom, ohne zu wissen, wohin sie gehen musste, um ins Freie zu gelangen. Sie kam an einer Reihe Läden vorbei, fuhr eine Rolltreppe hinunter und ging durch Glastüren, die sich automatisch öffneten. In einer großen Halle kreisten die Fließbänder mit dem Gepäck. Sie sah sich um. »Paris« stand auf einem Monitor an der Decke. Dort war sie das zweite Mal zwischengelandet. Sie stellte sich vor das Band. Etwas weiter entfernt hing ein Schild an der Wand: Zoll. Kari spürte, dass ihre Knie weich wurden. »Irgendetwas nicht in Ordnung?«, fragte sie ein Mann in Anzug. »Wo sind die Toiletten?«, wollte sie mit schwacher Stimme wissen. Der Mann wies ihr den Weg. Sie ging, so rasch sie konnte, doch es gelang ihr trotzdem nicht, den Kopf noch rechtzeitig über die Kloschüssel zu halten, bevor sie sich übergeben musste.
Als sie wieder hinaustrat, nahm sie ihren Rucksack vom Band, es war der letzte, der verwaist seine Runden drehte. Sie steuerte auf den Ausgang und auf ein Schild mit der Aufschrift: Reisende aus EU-Ländern zu. Sie hielt ihren Rucksack mit beiden Händen wie einen Schild vor der Brust und blickte starr geradeaus. Hinter einem Tisch unterhielten sich zwei uniformierte Männer, offenbar Zollbeamte, schienen aber nicht zu bemerken, dass sie vorbeiging. Eine Schiebetür glitt zur Seite, davor warteten Menschen. Noch ein Schritt und sie war bei ihnen, in Sicherheit.
»Entschuldigung!«
Sie hörte eine Stimme hinter sich. Als sie sich umdrehte, standen die beiden uniformierten Männer vor ihr. Einer von ihnen lächelte. Er wirkte nett.
»Dürfte ich Sie bitten, noch mal zurückzukommen? Nur für eine kurze Kontrolle.«
Eine Frau eilte durch die Straßen Oslos. Sie rannte nicht, ging aber sehr schnell, als wolle sie entkommen. Sie wollte das Unbehagen hinter sich lassen. Gerade eben noch war sie in einem Geschäft gewesen und hatte sich die Waren angesehen. Ein Kaufhausdetektiv war ihr gefolgt. Er war nicht einmal sonderlich diskret gewesen. Er hatte sich in geringer Entfernung von ihr postiert und gestarrt. Um die anderen Kunden hatte er sich nicht gekümmert.
Sie war das gewohnt. So war es eben, in einem weißen Land schwarz zu sein. Obwohl sie schon seit fast zwanzig Jahren in diesem Land wohnte. Obwohl sie die Sprache beherrschte und obwohl sie nach ihrem Studium immer ihr eigenes Geld verdient hatte. Sie war allen erdenklichen Normen gemäß angepasst und verhielt sich genau so, wie es ihre neuen Landsleute wünschten und forderten. Sogar dieser Politiker, der aussah wie ein amerikanischer Fernsehprediger, konnte mit ihr zufrieden sein. Der, der immer davon sprach, wie wichtig es sei, dass auch die Einwanderer nach den norwegischen Werten lebten.
Sie war es gewohnt, aber sie würde sich nie daran gewöhnen. Deswegen eilte sie durch die Stadt. Es kam vor, dass sie erwog zurückzukehren. Aber zu was? In ihrem alten Heimatland würde sie sich wie eine Touristin vorkommen. Außerdem hatte sie Verpflichtungen, denen sie nicht einfach entfliehen konnte. Und Bindungen. Sie fuhr neuerdings sogar Ski.
Als sie den Schlüssel in die Wohnungstür steckte, hatte sie sich wieder beruhigt. Das war ihr Zuhause. Sie trat über die Schwelle, bückte sich und hob die Post vom Boden auf. Zwei Umschläge mit Reklame. Eine Rechnung. Und ein Brief mit einer handgeschriebenen Adresse. Weiß, klein und mit einer undeutlich abgestempelten Briefmarke.
Ihr Name und ihre Adresse mit blauer Tinte. Kein Absender. Nur ihr Name und ihre Adresse.
So kann das nicht weitergehen. Ich muss mich zusammenreißen.
Elina Wiik starrte aus dem Fenster ihres Büros im Polizeipräsidium. Vor ihr stapelten sich die Ordner mit ungelösten Fällen. Jeder einzelne schien sie anzuklagen.
Acht Monate waren vergangen, seit Elina Annika Liljas und Jamal Al-Sharifs Mörder gefasst hatte. Das war 2003 gewesen, am Tag vor Heiligabend.
Anfänglich hatte sie sich noch rational verhalten, als wäre nichts passiert, als könnte sie auch weiterhin Polizistin bleiben, ohne dass sich etwas verändert hatte. Dass ihr Leben bedroht wurde, tangierte sie nicht, schließlich war es nicht das erste Mal. Die Animositäten innerhalb des Präsidiums perlten an ihr ab. Ihre psychische Verfassung war unerschütterlich. Ein weiterer goldener Stern in ihrem Lebenslauf, etwas mehr Aufmerksamkeit von Seiten der Medien, das war alles.
Dann war in ihrem Privatleben Tabula rasa gemacht worden. Danach war ihr alles entglitten. Oder vielleicht hatte sie auch freiwillig losgelassen, nachgegeben, sich treiben lassen. Nur der Autopilot hatte sie davor bewahrt, jenseits des Horizonts zu verschwinden.
Es war nicht einmal eine Qual gewesen. Eher interessant. Manchmal hatte sie es sogar genossen. Es hatte sie immer gereizt, ihre inneren Türen zu öffnen, doch sie war jedesmal davor zurückgeschreckt. Der Frühling und der Sommer waren wie ein stürmisches Meer gewesen, und sie hatte noch keinen festen Boden unter den Füßen.
Jetzt war der Sommer zu Ende, es war bald September, aber immer noch warm. Wie gewohnt war sie früh auf, sie hatte noch größere Schlafprobleme als früher. Jeden Morgen machte sie einen Spaziergang. Eine halbe Stunde, manchmal länger. Das war die schönste Zeit des Tages. Um halb acht hatte sie ihre Bürotür aufgeschlossen und sich an den Schreibtisch gesetzt. Vermutlich würde dieser Tag genau wie der vorhergehende verlaufen. Sie wusste, dass sie sich endlich wieder in den Griff kriegen musste, hatte aber keine Ahnung, wie.
Es klopfte leise, und sie rief: »Herein!« John Rosén öffnete die Tür. Er war Chef für die Ermittlungen der »Mordgruppe«, einer Spezialeinheit, die die komplizierteren Mordfälle in der Provinz lösen sollte. Er schloss die Tür hinter sich und hielt inne. Elina fand, dass er irgendwie bedrückt wirkte. »Hast du schon gehört?«, fragte er. Elina schüttelte den Kopf. Sie hatte nichts von dem gehört, was John ihr offenbar zu berichten hatte. Ein neuer Mordfall? Elina spürte ein erwartungsvolles Kribbeln.
»Es geht um Kärnlund. Er hatte einen Herzinfarkt.«
Elina griff sich an die Brust.
»Er hat ihn überlebt«, fuhr Rosén fort, »aber ich glaube, es ist ziemlich schlimm.«
Egon Jönsson konnte bei der Acht-Uhr-Besprechung Genaueres berichten. Es war am Vorabend gegen zehn passiert. Oskar Kärnlund war plötzlich vor dem Fernseher zusammengesackt. Der Krankenwagen war schnell zur Stelle gewesen, was ihm das Leben gerettet hatte. Sein Zustand war jedoch kritisch.
Sie sammelten Geld für einen Blumenstrauß, 280 Kronen. Die vierzehn anwesenden Kriminalbeamten entschieden, dass Jönsson, Kärnlunds Nachfolger als Dezernatschef, und Elina Wiik, die einzige Frau ihrer Einheit, so bald wie möglich ins Krankenhaus fahren sollten. Elina versprach, sich um die Blumen zu kümmern.
Beim Verlassen des Präsidiums wurde sie von John Rosén eingeholt. »Ich begleite dich in den Blumenladen«, sagte er.
Sie gingen über den Svartån Richtung Zentrum zu dem Blumengeschäft im umgebauten Domushaus. Es war ein strahlend schöner Morgen mit berauschend klarer Luft, einer dieser allerersten Herbsttage. Aber die zufriedenen Gesichter der Passanten ärgerten Elina. Wussten die denn nicht, was passiert war?
»Das ist so schrecklich, dass es mir die Sprache verschlägt«, meinte sie. »Er ist doch erst vor einem halben Jahr in Rente gegangen. Er darf einfach noch nicht sterben. Das wäre nicht gerecht.«
»Kärnlund ist so schnell nicht kleinzukriegen«, erwiderte Rosén. »Ein Herzinfarkt bringt so einen Mann nicht gleich um. Er wird es schon schaffen.«
Elina schüttelte den Kopf. »Ich fahre gleich hin. Ich werde so lange dort sitzen bleiben, bis die Krise überstanden ist.«
»Mach das«, meinte Rosén, »er mag dich.«
»Oskar Kärnlund hat immer an mich geglaubt.«
»Ich weiß.«
»Deswegen habe ich jetzt auch vor, an ihn zu glauben.«
Egon Jönsson fand, es sei noch zu früh, ins Krankenhaus zu fahren. Sie würden nur im Weg sein und vielleicht auch Kärnlunds Frau stören. Vermutlich wollte sie mit ihrem Mann allein sein. Dann gab er jedoch Elinas Entschlossenheit nach. Gemeinsam betraten sie die Intensivstation der Kardiologie und fragten sich zu Kärnlunds Zimmer durch. Mit einer Sauerstoffmaske vor dem Gesicht lag Oskar Kärnlund im Bett, reglos und nichts um sich herum wahrnehmend, aber das Kardiogramm neben ihm zeigte, dass er noch am Leben war. Vera Kärnlund saß bedrückt auf einem Stuhl. Sie wirkte schmächtig und gab den Besuchern schweigend die Hand, als sie eintraten.
Drei Tage später saß Elina Wiik allein an Oskar Kärnlunds Bett. Vera Kärnlund hatte zwei Tage und Nächte bei ihm gewacht, immer nur kurz geschlafen und war schließlich nach Hause gefahren, um nicht auch noch ihre eigene Gesundheit zu riskieren. Elina hatte zweimal am Tag vorbeigeschaut, war eine halbe oder eine ganze Stunde geblieben, hatte aber auch nichts anderes tun können, als abzuwarten. Jetzt hatte sie Vera versprochen, einige Stunden zu bleiben.
Schwer und grau lag Oskar Kärnlund im Bett. Er schien zu schlafen, aber plötzlich schlug er die Augen auf und drehte seinen Kopf in Elinas Richtung.
»Sitzt du immer noch hier?«
»Wusstest du, dass ich hier war?«
»Natürlich, ich habe dich schon gestern gesehen. Das war abends, nicht wahr?«
»Du bist über den Berg, Oskar. Die Ärzte meinen, dass du wieder gesund wirst. Weißt du das schon?«
Er lächelte schwach.
»Ich glaube, du hast mich zum ersten Mal mit Oskar angesprochen.«
»So ist das nun mal mit diesem Polizistenjargon, man nennt sich eben beim Nachnamen. Für mich warst du immer nur Kärnlund.«
»Im Augenblick habe ich nicht mal das Kommando über mich selbst. Es ist wirklich fürchterlich.«
Elina wollte ihre Hand auf die Seine legen, wollte ihm sagen, es werde alles wieder gut, aber Oskar Kärnlund wandte den Kopf zur Seite und schloss die Augen.
Als sie ihn zwei Tage später besuchte, saß er bereits im Aufenthaltsraum der Station in einem Rollstuhl.
»Vera hat mir erzählt, dass du mich mehrmals täglich besucht hast, während ich bewusstlos war. Vielen Dank.
»Das ganze Dezernat hat sich Sorgen gemacht. Wie geht es dir heute?«
»Die Ärzte finden, dass ich einen Bypass brauche. Ich muss wohl noch eine Weile bleiben. Sie wollen die Sache im Auge behalten, sagen sie. Die Operation ist in ein paar Wochen. Dann ist alles wieder wie vorher. Ich werde wieder der Alte. Als wäre das so erstrebenswert.«
Er fuhr fort, noch ehe Elina etwas erwidern konnte.
»Als ich erwachte, kamen mir als erstes Vera und Nils und seine beiden kleinen Mädchen in den Sinn. Als Nils klein war, habe ich eigentlich nur gearbeitet. Vera hat sich um ihn gekümmert. Diese Zeit wünsche ich mir manchmal zurück. Aber jetzt ist es zu spät.«
»Und die Mädchen? Kannst du nicht mehr Zeit mit ihnen verbringen?«
»Es ist schon wahr. Wenn es ans Sterben geht, wird das ganze Leben noch einmal vor einem abgespult. Man rechnet mit sich selbst ab, ohne Wenn und Aber. Man wird brutal ehrlich. Diese Tage ... es war nicht leicht, sie zu überleben.«
»Du wirst nicht sterben«, sagte Elina und merkte sofort, dass sie falsch reagierte. Oskar Kärnlund sprach von seinem Leben und nicht von seinem Tod. »Geh nicht zu hart mit dir ins Gericht«, meinte sie dann.
»Weißt du«, überlegte er und sah ihr durchdringend in die Augen, als sei der Kommissar wieder in ihm erwacht, »ich dachte an meine Familie, aber da ist noch ein anderes Gesicht aufgetaucht.«
»Und das wäre?«
»Das einer Frau.«
»Die du mal geliebt hast?«, fragte Elina rasch und ohne nachzudenken.
»Nein, aus einem Fall. Lange her. Frühe Achtziger ungefähr, ich erinnere mich nicht mehr genau. Es handelte sich um eine junge Frau. Sie ist in der Wildnis gefunden worden, irgendwo in Norrbotten. Ein Kollege von dort oben hat die Ermittlung geleitet. Sie war allerdings wohnhaft in Västerås, deswegen bin ich am Rande auch an dem Fall beteiligt gewesen.«
»Und im Einzelnen?«
»Erdrosselt, wenn ich mich recht entsinne. Die Leiche war jedoch schon sehr stark verwest gewesen. Sie hatte mehrere Monate lang im Freien gelegen. Wir haben alle verhört, die sie irgendwie gekannt hatten, haben aber nicht einmal jemanden gefunden, den wir hätten verdächtigen können. Der Fall wurde nie gelöst.«
»Und weshalb musstest du ausgerechnet jetzt an sie denken?«
Er versuchte zu lächeln und verzog dabei das Gesicht.
»Vielleicht weil es sich um ein weiteres Versagen meinerseits handelt.«
John Rosén erhob sich und öffnete die Tür, als Elina anklopfte. Er war der einzige im Präsidium, der nie »Herein« rief, wenn ihn jemand in seinem Büro aufsuchte. Er rückte sogar den Stuhl für Elina zurecht. Roséns Höflichkeit war bei allen Angestellten des Präsidiums bekannt und hoch geschätzt.
»Wie geht es ihm?«
»Besser. Jedenfalls physisch. Aber er wirkt niedergeschlagen.«
»Vermutlich ist niemandem nach Lachen zumute, wenn er so brutal an die Endlichkeit des Lebens erinnert wird.«
»Wir haben uns recht lange unterhalten. Er erzählte sogar von einer alten Mordsache.«
»Fehlt ihm die Arbeit?«
»Ich glaube schon. Als er letzten Winter aufhörte, hat er ;ich darauf gefreut, endlich Zeit für sich zu haben. Das behauptete er zumindest. Aber du weißt ja, wie Kärnlund ist. Er ist durch und durch Polizist. Mit der Arbeit verschwanden auch die Kollegen. Vermutlich war das recht einsam.«
»Über welchen Fall hat er gesprochen?«
»Über den Mord an einer gewissen Ylva Malmberg. Eine junge Frau. Ich hatte noch nie von der Sache gehört, aber der Fall liegt auch recht lange zurück, vor meiner Zeit. Offenbar wurde der Mörder nie gefunden. Ich dachte ... ich schaue mir die Sache mal an.«
John Rosén lächelte. »Um Kärnlund aufzumuntern?«
»Ja, warum nicht? Die Frau wohnte hier in der Stadt, aber die Tat geschah in Norrbotten. Wo liegen denn die Akten?«
»Wenn niemand mehr an dem Fall arbeitet, dann liegen sie vermutlich im Archiv. Hast du Norrbotten gesagt?«
Er drehte sich um und zog ein Verzeichnis aus dem Bücherregal.
»Die Akten müssten in Piteå sein. Die Polizei dort verwaltet das Archiv der gesamten Provinz. Schreib dir die Telefonnummer doch einfach auf.«
Elina nahm sich einen Kugelschreiber vom Tisch. »Danke«, sagte sie und erhob sich.
»Elina«, meinte Rosén. »Das ist wirklich nett von dir, Kärnlund auf andere Gedanken bringen zu wollen. Aber sieh zu, dass du das nicht während der regulären Arbeitszeit tust. Das ist nicht unser Fall, und du kennst unsere Anweisungen. Wenn wir nicht gerade in einer Mordsache ermitteln, müssen wir uns genau wie alle anderen um die Routineangelegenheiten kümmern.«
»Nichts könnte mich davon abhalten, mich mit ganzer Seele den Einbrüchen und Körperverletzungen, die sich auf meinem Schreibtisch türmen, zu widmen«, erwiderte Elina.
»Vergiss es nur nicht«, erwiderte Rosén.
Vorsichtig machte sie die Tür hinter sich zu. Das war nicht nur ein beiläufiger Hinweis, dachte sie. Sie war drauf und dran, noch einmal umzukehren, um ihn zu fragen, was er eigentlich damit gemeint hatte, besann sich dann aber eines Besseren. Im Grunde wollte sie es gar nicht wissen.
»Ein Paket für dich. Beim Hausmeister.«
Es dauerte nur zwei Tage, bis die Ermittlungsakten aus Piteå eintrafen. Sie waren sorgfältig in einen Karton verpackt, der Elina, als sie ihn das erste Mal anhob, zehn Kilo schwer zu sein schien, und fast doppelt so schwer, als sie ihn in ihr Büro trug. Sie schob die Papiere auf ihrem Schreibtisch mit einer Hand beiseite und ließ das Paket fallen. Mit einem Brieföffner schlitzte sie das Klebeband auf und öffnete den Karton. Obenauf lag ein Brief, den ein Kriminalkommissar aus Piteå unterzeichnet hatte:
»Beschlagnahmte Gegenstände vom Tatort, d. h. Briefe, persönliche Gegenstände etc. liegen weiterhin bei der Polizeibehörde in Piteå. Sichergestelltes humanbiologisches Material befindet sich im Staatlichen Kriminaltechnischen Labor in Linköping. Die Fotos liegen dieser Sendung bei.«
Wie eine Mitteilung aus dem Weltall, dachte Elina. Sie blätterte die Papierstapel durch und überschlug rasch: etwa 3000 Seiten.
Mehr als eine unwesentliche Freizeitbeschäftigung, dachte sie und schaute auf die Uhr. Es war zehn. Um eins musste sie eine Frau vernehmen, die ihren Mann zum dritten Mal wegen Misshandlung angezeigt hatte. Vorher musste sie die Akte dazu ansehen. Sie lag in der Dokumentenablage auf ihrem Schreibtisch. Sie schaute wieder auf die Uhr. Der Stapel aus Piteå war interessanter. Zum ersten Mal seit dem Winter empfand sie einer Aufgabe gegenüber so etwas wie Vorfreude. Sie ließ sich auf ihren Stuhl sinken und begann, im obersten Ordner zu blättern.
Das Opfer hieß Ylva Marieanne Malmberg, geboren am 30. September 1954, wohnhaft in der Sandgärdsgatan in Västerås. Schülerin der Tärna Folkhögskola zwischen 1977 und 1979. Sie hatte Kurse in Entwicklungshilfe und Kunsthandwerk belegt.
Elina suchte in den Papierbergen nach einem Foto der Frau, um ein Bild vor Augen zu haben, während sie weiterlas. Sie stieß auf eine vergilbte Plastikmappe. Auch die Fotos waren ein wenig verfärbt. Auf dem obersten Bild waren drei lachende Mädchen zu sehen, oder handelte es sich bereits um Frauen? Sie fragte sich, welches von ihnen Ylva Malmberg war. Auf dem nächsten Bild saß eine Frau an einer Schreibmaschine und lächelte in die Kamera. Auf die Rückseite hatte jemand, vermutlich ein Ermittlungsbeamter, »Ylva M.« geschrieben. Die Frau hatte langes, glattes Haar, weder dunkel noch hell, und trug einen gestrickten Pullover. Recht hübsch, dachte Elina. Aber auch recht durchschnittlich.
In einer Broschüre, in der alle Schülerinnen und Schüler der Tärna Folkhögskola des Jahres 1978 abgebildet waren, kniete Ylva Malmberg neben vier anderen Frauen. Hinter ihnen standen vornübergebeugt drei Jungen, oder handelte es sich bereits um Männer? Einer von ihnen stützte sich auf Ylvas Schultern ab. Er hatte langes, blondes Haar, trug einen Rollkragenpullover und sah recht kindlich aus.
Sie warf erneut einen Blick auf die Uhr. Es war fast halb elf. Mit einem Seufzer legte sie die Fotos beiseite und griff nach der Dokumentenablage auf dem Schreibtisch.
Der Frau, die vor Elina Platz genommen hatte, fehlten oben zwei Zähne, und über ihrem linken Auge hatte sich die Haut blau, gelb und rot verfärbt. Das Auge war blutunterlaufen. Sie sah zehn Jahre älter aus, als sie tatsächlich war. Elina hatte sie vor einem Jahr schon einmal getroffen. Der Grund war derselbe gewesen. Ihr Mann war zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden und es war ihm untersagt worden, sich ihr zu nähern, aber sie war freiwillig zu ihm zurückgekehrt. Genau wie sie es bereits nach der ersten Verurteilung wegen Körperverletzung getan hatte.
»Dieses Mal verlasse ich ihn«, sagte sie. »Ich hoffe, er schmort in der Hölle. Schauen Sie sich nur meine Zähne an!«
»Warum sind Sie denn das letzte Mal zurückgekehrt?«, fragte Elina, obwohl sie die Antwort kannte.
»Er hatte versprochen, dass es nie wieder vorkommen würde. Ich weiß, ich bin eine dumme Gans. Schließlich verspricht er es jedes Mal.«
»Die erste Verurteilung war 1999«, erklärte Elina, »also vor fünf Jahren. Sie sind seit vierzehn Jahren verheiratet. Wann hat er Sie zum ersten Mal geschlagen?«
»In den Flitterwochen. Wir waren auf den Kanarischen Inseln, und er war betrunkener als je zuvor.«
Sie beugte sich zu Elina vor. »Ich habe ihn damals nicht angezeigt, aber ein paar Jahre später habe ich es dann getan. Er stritt alles ab, und die Polizei hat das Verfahren eingestellt. Es kümmerte einfach niemanden. Dann gab es irgendwie kein Zurück mehr, irgendwie. Ich kam nicht weg. Wenn Sie ihn schon beim ersten Mal eingebuchtet hätten, wäre es nicht soweit gekommen.«
Elina nickte. Sie konnte ihr nur recht geben.
Als die Frau wieder gegangen war und sie das Verhör protokolliert hatte, nahm Elina sich die Akten aus Piteå wieder vor und las den restlichen Nachmittag darin. Es fiel ihr immer schwerer, nicht in dem Fall aufzugehen; ihr Gehirn arbeitete wie ferngesteuert. Unbewusst begann sie nach Lücken in der Ermittlung zu suchen, nach Fehlern, die ihre Kollegen gemacht hatten. Ylva Marieanne Malmberg war von zwei Skiläufern in der Nähe von Jäkkvik, einem kleinen Ort etwa achtzig Kilometer von der norwegischen Grenze entfernt, gefunden worden. Die Kopie einer Landkarte lag den Akten bei, und der Fundort war mit einem Kreuz markiert. Er lag ganz in der Nähe des Fernwanderwegs Kungsleden, der an Jäkkvik vorbeiführte. Elina war nie in diesem Teil des Fjälls gewesen und konnte sich daher die Gegend nicht besonders gut vorstellen.
Dem Gerichtsmediziner zufolge hatte die Leiche mindestens ein halbes Jahr dort gelegen. Als man sie entdeckt hatte, war sie fast komplett mit Schnee bedeckt gewesen. Elina fuhr mit dem Finger über die Zeilen des medizinischen Gutachtens, versuchte sich einen Reim darauf zu machen und den Fachjargon in allgemein verständliches Schwedisch zu übertragen.
Plötzlich zog sie ihren Finger zurück, als habe sie sich verbrannt. Die Beine des Opfers ... wiesen Spuren von Fangzähnen auf. Die Abdrücke waren charakteristisch. Elina schauderte: Ein Wolf hatte an Ylva Malmbergs Waden genagt. Das war nach Eintritt des Todes passiert. Sie war zweimal von Raubtieren angefallen worden, das erste Mal war sie noch am Leben gewesen.
Sie legte die Papiere beiseite. Ihre Hand zitterte leicht. Nach einigen Minuten setzte sie ihre Lektüre fort.
Die Frau war erdrosselt worden, genau wie Kärnlund gesagt hatte. Da so viel Zeit bis zum Auffinden der Leiche verstrichen war, hatte man verschiedene Zeugenaussagen mit Funden vom Mordplatz in Zusammenhang gebracht, um einen offiziellen Todestag zu bestimmen. Das war der 1. Oktober 1979.
Kärnlund hatte Unrecht gehabt, der Mord war nicht in den Achtzigerjahren begangen worden, sondern 1979 ... vor bald fünfundzwanzig Jahren. Elina warf einen Blick auf ihren Tischkalender. Freitag, der 3. September 2004. Sie rechnete zurück. Bis zum fünfundzwanzigsten Jahrestag waren es noch 27 Tage. Danach war der Mord verjährt. In genau drei Wochen und sechs Tagen würde der Mörder ungeschoren davonkommen. Falls er nicht vorher gefasst wurde.
Elina hatte den Samstag im Dojo mit zweistündigem Training, einem harten Zweikampf mit Sadegh, begonnen. Sie kannte ihn nur vom Karatetraining. Als sie vor bald elf Jahren nach Västerås gezogen war, war er noch nicht Mitglied des Clubs gewesen, sie meinte sich zu erinnern, dass er erst mehrere Jahre später begonnen hatte, dort zu trainieren. Seit zwei Jahren besaß er nun den schwarzen Gürtel. Elina musste insgeheim zugeben, dass er ihr technisch überlegen war, obwohl sie bedeutend mehr Erfahrung besaß und weitaus mehr Jahre auf den Wettkampfmatten verbracht hatte. Sie tröstete sich damit, dass sie nicht in Form war, in diesem Frühjahr und Sommer waren andere Dinge wichtiger als das Training.
Aber heute lief es gut. Sie hatte am Vorabend kein einziges Glas Wein getrunken, es war der erste Freitagabend seit Ewigkeiten, an dem sie keinen Tropfen angerührt hatte. Dieses Jahr war wirklich anders.
Nachdem sie ihre Sporttasche in ihrer Wohnung im Lidmansvägen abgestellt hatte, spazierte sie die Stora Gatan hinunter. Sie wollte sich mit Susanne, ihrer besten Freundin, treffen, um ihr zu helfen, Gardinenstoff für die scheinbar zahllosen Fenster im neuen Haus der Familie Norman in Stallhagen auszusuchen. Es handelte sich um eine Villa, für eine Anwältin und einen Anwalt, die zielsicher die Karriereleiter erklommen, durchaus standesgemäß.
Das Wetter war umgeschlagen, Regen lag in der Luft, und es war fast kühl. Die Passanten, die im Zentrum ihre zielbewusste samstägliche Shoppingrunde drehten, trugen bereits Herbstjacken.
Susanne war stiller als sonst, und als sie nach dem Stoffkauf im Café saßen, fragte Elina, wo der Schuh drückte.
»Nichts. Eigentlich ist alles in Ordnung. Das Haus ist super, und Emilie geht es gut.«
»Aber dir nicht?«
»Emilie ist jetzt fast vier. Ich habe eigentlich das Gefühl, Johan und ich sollten ... aber Sex ... hab' schon fast vergessen, was das Wort bedeutet.«
»Als wir uns das letzte Mal darüber unterhalten haben, hast du gesagt, dass alles in Ordnung wäre.«
»Wir waren die ganze Zeit so damit beschäftigt, eine Familie zu sein und haben die Partnerschaft darüber irgendwie vergessen. Zu Anfang war das gar nicht so übel. So soll es vermutlich sein, wenn man gerade ein Kind bekommen hat. Und als wir letzten Winter das Haus gekauft haben, hat mich das vollkommen beschäftigt. Aber jetzt ... jetzt ist mir das zu wenig.«
»Und was sagt Johan dazu? Habt ihr darüber gesprochen?«
»Nein, es ist ihm unangenehm. Aber ich muss darüber reden. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Bist du heute Abend zu Hause? Ich würde gerne kurz bei dir vorbeikommen.«
»Klar. Dann reden wir darüber. Dann kannst du dir ein paar gute Ratschläge von einer richtigen Partnerschaftsexpertin abholen.«
Susanne lachte. »Man kann auch aus Fehlern lernen«, meinte sie. »Erzähl mir, was du seit letzter Woche getrieben hast.«
»Immerhin sind mir keine neuen Fehler unterlaufen. Gestern Abend habe ich eine alte Akte gelesen. Ich weiß, das klingt bescheuert, aber so lustig geht's bei mir freitagabends zu.«
»Die muss wirklich interessant gewesen sein.«
»Eigentlich habe ich die Akte wegen Kärnlund gelesen. Er schien über diesen Fall reden zu wollen, das ist wohl seine Art, am Leben festzuhalten.«
»Kommt er durch?«
»Die Ärzte sind ganz zuversichtlich.«
»Was war das für eine Akte?«
»Es ging um eine gewisse Ylva Marieanne Malmberg. Sie wurde vor vierundzwanzig Jahren und elf Monaten ermordet. Der Fall ist nie aufgeklärt worden.«
»Aha«, sagte Susanne und lächelte breit. »Ich verstehe. Es fing mit Kärnlund an, aber jetzt geht es um dich. Nicht mal mehr ein Monat, bis der Fall verjährt. Wieder eine passende Herausforderung für unser Polizei-Ass aus Västerås!«
»Das ist nicht mal unser Fall«, wehrte Elina ab. »Sie hat zwar hier gewohnt, aber die Leiche wurde in Norrbotten gefunden, irgendwo in der Gegend von Arjeplog. Die Polizei aus Arvidsjaur war damals mit der Ermittlung befasst.«
»Aber die haben sich schon des längeren nicht mehr damit beschäftigt? Erzähl doch einfach deiner geliebten Anwältin die ganze Geschichte!«
»Das letzte Verhör liegt fast zwanzig Jahre zurück. Seitdem scheint nichts mehr unternommen worden zu sein.«
»Schlamperei?«
»Nein, im Gegenteil. Nach meinem Eindruck waren sie ziemlich gründlich. Ich habe nach Versäumnissen gesucht, das gewöhnt man sich in diesem Beruf vermutlich an, aber ich konnte auf den ersten Blick nichts entdecken. Bisher habe ich die Unterlagen allerdings nur durchgeblättert. Sie enthalten tausende von Dokumenten und Unmengen von Verhören, die ich noch nicht gelesen habe.«
»Und worum ging es bei dem Fall?«
»Sie war fünfundzwanzig. Genauer gesagt fünfundzwanzig und einen Tag. Einen Täter müsste man also spätestens an ihrem fünfzigsten Geburtstag fassen.«
Elina schaute sich um, um sich zu vergewissern, dass niemand zuhörte. Schließlich waren die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen. Vor zwei Jahren war sie im Vasapark unwissentlich einem Mörder begegnet. Natürlich konnte sie nicht im geringsten ahnen, was er getan hatte oder wer er war. So konnte theoretisch jeder im richtigen Alter Ylva Malmbergs Mörder sein. Sie beugte sich vor und sprach etwas leiser.
»Sie hat in Västerås gewohnt, aber Sommer und Herbst 1979 hat sie in dem Häuschen ihrer Großmutter väterlicherseits in Jäkkvik verbracht. Das ist so ein Nest oben im Norden. Anfang Mai des folgenden Jahres wurde sie erdrosselt im Fjäll aufgefunden.«
Elina überlegte, ob sie erwähnen sollte, dass sie von einem Wolf angenagt worden war. »Ihre Leiche lag dort über ein halbes Jahr, ohne dass sie jemand vermisst hatte. Ihr Körper wies Bissspuren von einem Wolf auf.«
Susanne verzog angeekelt das Gesicht. »Und wer war sie?«, fragte sie.
»Ich weiß nicht. Aber es gibt ein paar Tagebücher und Taschenkalender von ihr. Wenn ich dazu komme, werde ich sie lesen. Hauptsächlich aus eigenem Interesse.«
»Hat dein Job nicht auch so schon genug Geheimnisse zu bieten?«
»Doch ... aber ...«
»Aber was?«
»Das hier ist anders.«
»Inwiefern?«
Die beiden Freundinnen sahen sich an. Susanne wartete.
»Dieses Mordopfer war etwas Besonderes«, sagte Elina. »Sie hatte nämlich einige Monate vor ihrem Tod ein Kind zur Welt gebracht. Dieses Kind wurde jedoch nie gefunden.«
Kari Solbakken starrte an die Decke. Sie lag rücklings im Bett. So hatte sie schon fast eine Woche lang dagelegen. Immer wieder war dieselbe Situation vor ihrem inneren Auge aufgetaucht. Die Zollbeamten baten sie, ihre Tasche auf den Tisch zu stellen.
»Haben Sie etwas zu verzollen?«, fragte der Mann, der sie aufgehalten hatte.
»Nein. Ich habe nur eine Stange Zigaretten dabei.«
»Woher kommen Sie?«
»Aus Paris.«
Der andere Beamte begutachtete ihre Tasche. »Diese Tasche kommt aus Hanoi.«
»Ja, stimmt, ich auch, aber ich bin in Paris zwischengelandet.«
Einer der beiden Männer öffnete die Tasche und durchsuchte sie. Anschließend bat er sie mitzukommen. Sie musste sich setzen. Nach einer Weile erschien eine Zollbeamtin mit einem Hund an der Leine. Der Hund zerrte an der Leine und gab Laut in Richtung Karis Bauchregion.
»Wir müssen Sie einer Leibesvisitation unterziehen«, sagte die Beamtin, »würden Sie so freundlich sein und Ihre Kleidung ablegen?«
»Mir geht es nicht gut. Ich bin krank. Ich habe mich gerade eben übergeben müssen.«
»Das geht ganz schnell.«
Kari knöpfte ihre Hose auf und zog sie aus. Die Bluse zog sie über den Kopf.
»Den Slip auch«, sagte die Zöllnerin und zog sich ein Paar Plastikhandschuhe über. Als sie mit der Untersuchung von Karis Körperöffnungen fertig war, wies sie Kari an, sich wieder anzukleiden.
»Warten Sie hier.«
Die beiden männlichen Kollegen betraten wieder den Raum. Der eine setzte sich Kari gegenüber und sah ihr in die Augen. »Unser Hund hat bei Ihnen deutlich Laut gegeben. Das bedeutet, dass Sie in Kontakt mit Drogen gewesen sein müssen. Stimmt das?«
»Nein.« Kari versuchte nicht zu weinen.
»Können Sie uns erklären, warum der Hund dann auf Sie reagiert hat?«
Kari schüttelte den Kopf. Der Beamte bat sie um ihren Namen und ihre Adresse und verglich die Angaben mit ihrem Pass. »Sie können jetzt gehen«, sagte er. Kari bat um ein Glas Wasser.
Daran, wie sie in ihre Wohnung in Gröndal gelangt war, konnte sie sich nicht mehr erinnern. Die ersten Tage hatte sie die Angst, der Spürhund könnte Spuren des Dopes, das sie ins Klo gespült hatte, entdecken, fast gelähmt. Jetzt waren sechs Tage vergangen, und sie wagte allmählich wieder zu hoffen, dass nichts mehr passieren würde. Andernfalls hätten sie sich sicherlich bereits gemeldet, die Polizei hätte sie abgeholt, dessen war sie sich fast sicher. Sie stand auf und ging ins Badezimmer. Ihr Gesicht war verquollen, die Sonnenbräune der zwei Monate in Vietnam war fast ausradiert. Sie stellte sich auf die Waage. 48 Kilo. Sie hatte mehr als fünf Kilo abgenommen. Jack, dachte sie. Vielleicht findet er mich und rächt sich an mir. Aber wie sollte er das anstellen? Wie soll er herausfinden, wie ich außer Kari noch heiße? Habe ich ihm überhaupt meinen Namen genannt? Vielleicht hat er ja in den Hotels gefragt und meinen Namen und meine Passnummer erfahren? Aber würde er nur deswegen nach Stockholm fahren?
Sie betrachtete ihre spiegelverkehrten Gesichtszüge. Die Angst stand ihr wie ein Kastenzeichen ins Gesicht geschrieben. Der Gedanke an Jack und an das, was er ihr angetan hatte, ließ sie in Tränen ausbrechen. Ihre Wehrlosigkeit war schlimmer gewesen als seine Tätlichkeit. Und jetzt hatte sie Angst, dass er sich rächen, an ihr rächen könnte!
Sie kehrte zum Bett zurück und ließ sich darauf niedersinken. Es stand in der Ecke des einzigen Zimmers. Kleider lagen am Boden verstreut, und auf dem kleinen Tisch in der Küche stand schmutziges Geschirr. Sie hatte noch ein paar tausend Kronen übrig von damals, als sie abends bei 7-Eleven gearbeitet hatte. Das Geld hatte sie auf ihrem Konto gelassen, als sie weggefahren war. Sie besaß auch ein Sparbuch, wusste aber nicht, wie viel Geld sich darauf befand. Vielleicht ein paar weitere tausend? Einige Wochen lang würde sie zurechtkommen, vielleicht einen Monat. Aber dann? Sie hatte keine Arbeit und niemanden, den sie anrufen und mit dem sie reden konnte. Niemand konnte ihr helfen. Der Druck hinter ihrer Stirn wurde stärker. Sie hätte jetzt gern etwas geraucht und bereute eine verwirrte Sekunde lang, das gestohlene Haschisch weggeworfen zu haben.
Sie zuckte zusammen, als es klingelte. Der Schreck erfasste sie wie eine Welle. Sie schaute durch den Spion. Es war der Nachbar von oben. Sie wusste nicht, wer er war, sie kannte ihn nur vom Sehen. Sie öffnete die Tür einen Spaltbreit.
»Hallo«, sagte er. »Ich habe gesehen, dass du wieder zu Hause bist. Ich heiße Robert und wohne ...«
»Was willst du?« Karis Stimme klang barsch.
Er trat einen Schritt zurück. »Ich wollte nicht stören.«
»Was willst du dann?«
»Ich dachte nur ... vielleicht willst du eine Kleinigkeit essen? Meine Mutter hat mir einen Hühnereintopf vorbeigebracht, und das ist so viel, dass es vielleicht ...«
Sie schwieg einen Augenblick und starrte ihn an. Er sah harmlos aus, war etwas jünger als sie. »Okay. Ich komme in ein paar Minuten.« Dann machte sie ihm die Tür vor der Nase zu.
