Die Verstoßenen - M. K. England - E-Book

Die Verstoßenen E-Book

M. K. England

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Beschreibung

Anschnallen, bitte: »Die Verstoßenen« ist ein actionreiches Science-Fiction-Abenteuer um eine Gruppe Ausgestoßener und die größte Verschwörung seit der Besiedelung des Weltalls. Für Spitzenpilot Nax Hall ist es keine Überraschung, nach nur 24 Stunden hochkant aus der Elite-Akademie Ellis Station zu fliegen – er hat in seinem Leben schon ganz andere Dinge verbockt. Nur diesmal ist seine Pechsträhne mit dem Rauswurf keineswegs beendet, eigentlich fängt sie sogar erst richtig an: Nax' Rückflug zur Erde wird jäh unterbrochen, als eine Gruppe Terroristen die Akademie angreift. Nur knapp gelingt Nax mit drei anderen die Flucht – damit sind die vier Verstoßenen plötzlich die einzigen Augenzeugen des größten Verbrechens seit Beginn der Besiedelung des Weltalls. Das macht sie auch zu den einzigen, die unzählige Planeten vor einer Katastrophe bewahren könnten … Dialogwitz und unvergessliche Charaktere machen das Debüt von M. K. England zu einer echten Entdeckung für alle Science-Fiction-Fans.

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Seitenzahl: 400

Veröffentlichungsjahr: 2021

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M. K. England

Die Verstoßenen

Aufbruch der Swift Kick

Aus dem amerikanischen Englisch von Oliver Plaschka

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Anschnallen, bitte:

»Die Verstoßenen« ist ein actionreiches Science-Fiction-Abenteuer um eine Gruppe Ausgestoßener und die größte Verschwörung seit der Besiedelung des Weltalls.

Für Spitzenpilot Nax Hall ist es keine Überraschung, nach nur 24 Stunden hochkant aus der Elite-Akademie Ellis Station zu fliegen – er hat in seinem Leben schon ganz andere Dinge verbockt. Nur diesmal ist seine Pechsträhne mit dem Rauswurf keineswegs beendet, eigentlich fängt sie sogar erst richtig an:

Nax' Rückflug zur Erde wird jäh unterbrochen, als eine Gruppe Terroristen die Akademie angreift. Nur knapp gelingt Nax mit drei anderen die Flucht – damit sind die vier Verstoßenen plötzlich die einzigen Augenzeugen des größten Verbrechens seit Beginn der Besiedelung des Weltalls. Das macht sie auch zu den Einzigen, die unzählige Planeten vor einer Katastrophe bewahren könnten …

Dialogwitz und unvergessliche Charaktere machen das Debüt der amerikanischen Autorin M. K. England zu einer echten Entdeckung für alle Science-Fiction-Fans.

Dialog-Witz und unvergesslichen Charaktere machen das Debüt von M. K. England zu einer echten Entdeckung für alle Science-Fiction-Fans.

Inhaltsübersicht

Kapitel eins

Kapitel zwei

Kapitel drei

Kapitel vier

Kapitel fünf

Kapitel sechs

Kapitel sieben

Kapitel acht

Kapitel neun

Kapitel zehn

Kapitel elf

Kapitel zwölf

Kapitel dreizehn

Kapitel vierzehn

Kapitel fünfzehn

Kapitel sechzehn

Kapitel siebzehn

Kapitel achtzehn

Kapitel neunzehn

Kapitel zwanzig

Kapitel einundzwanzig

Kapitel zweiundzwanzig

Kapitel eins

Name: Nasir Alexander »Nax« Hall

Zulassungsstatus: Abgelehnt

Gerade mal vierundzwanzig Stunden bin ich jetzt an der Akademie in Ellis Station. Vierundzwanzig Stunden und schon wieder draußen.

Ehrlich gesagt bin ich nicht einmal überrascht.

Ich stopfe ein Paar saubere Boxershorts in meine Reisetasche, direkt neben das brandneue Akademie-Shirt, das ich erst gestern gekauft habe. Könnte es jetzt genauso gut verbrennen. Vielleicht zünde ich es ja an und hisse es am Fahnenmast des Hauptquartiers, sobald ich wieder unten auf der Erde bin.

Am anderen Ende des Schlafsaals hängen ein paar Neue rum und tauschen lachend ihre Prüfungsergebnisse aus. Entweder sie merken nicht, wie laut sie sind, oder es ist ihnen egal. So oder so höre ich jedes Wort.

»Wieso hat er sich überhaupt die Mühe gemacht, seine Sachen auszupacken? Dachte wohl, er ist der heiße Scheiß im Cockpit, aber wir haben ja gesehen, wie das lief.«

Ich zerknülle meine Papiere und atme ruhig und tief, widerstehe mit Mühe dem Impuls, dem Arsch da draußen die Faust ins Gesicht zu schlagen. Als ob ich eine Erinnerung bräuchte, was für ein Versager ich bin; in meinem Gehirn läuft ein permanenter TED-Talk zu dem Thema.

Nur einer von meiner Highschool hat es an die Akademie geschafft, und natürlich muss es ausgerechnet Tucker Fineman sein. Anscheinend hat dieser Typ, der sich früher im Maisfeld Lachgas aus der Zahnarztpraxis seiner Mutter reinzog, das Zeug zum Akademiepiloten. Und ich nicht.

Ich dachte ja früher schon, ich würde ihn hassen, aber da hatte sein Arschlochcharakter noch gar nicht seine Vollendung erreicht. Als er heute Morgen in den Prüfungsraum schneite mit seinem falschen Lächeln und wichtigtuerischen Händedruck wie so ein Möchtegernpolitiker, blieb mir die Luft weg. Sein ganzes Vorstellungsgespräch über wartete ich darauf, dass er meine schmutzige Vergangenheit auspackt und den Prüfern allen Grund gibt, mich wieder heimzuschicken.

Hat er nicht – wie sich rausstellte, hatte ich seine Hilfe gar nicht nötig, um rausgeworfen zu werden.

Aber wenn sie sich Arschgesichter wie Tucker als künftige Kolonisten wünschen, ist es auch kein Wunder, dass sie dem Loser aus Kaffhausen den Laufpass geben. Also mir.

Ich werfe den Stapel Kosmetika in Reisegrößen auf meine Klamotten in der Tasche und ziehe am Reißverschluss. Der klemmt natürlich. Denn nichts würde diesen Tag besser abrunden, als dass ich mein Shuttle zur Erde verpasse, weil ich sogar zu unfähig bin, meine Tasche zu schließen. Ich zerre, dann zerre ich noch mal, der Reißverschluss ruckelt einen Zentimeter vorwärts … und reißt dann ganz ab.

Ich starre die Tasche an. Die Tasche starrt zurück.

Dann schnappe ich sie mir am Schultergurt und stürme aus dem Zimmer, gefolgt von unterdrücktem Gelächter und einer Spur tropfender Mundspülung.

Erst links, dann rechts. Augen hoch und nach vorn gerichtet. Bloß keinen Blickkontakt. Jedes Mal, wenn ein lachender Student an mir vorbeimarschiert und mit stolzgeschwellter Brust das Akademielogo auf seinem T-Shirt präsentiert, brennt es heiß in meiner Kehle. Ich zähle Lüftungsschlitze in der Decke und konzentriere mich aufs Atmen.

Die Studenten und ihre uniformierten Ausbilder weichen allmählich Beamten und Leuten in Zivil, als ich aus dem Akademieflügel in die normalen Bereiche von Ellis Station wechsle. Hinter mir richten sich die Neuankömmlinge für ihr Training ein: sechs Monate für alle, die in die Kolonien übersiedeln wollen, und zwischen ein und vier Jahren für Piloten und Offiziersanwärterinnen. Vor mir bereiten sich die Absolvierenden auf ihren Flug ohne Wiederkehr in die Schwärze vor, freuen sich auf ihr neues Leben.

Ich kriege keins von beidem. Nur beklemmendes Elternschweigen und übertriebene Rücksichtnahme. Juhu.

Zum Terminal für die Flüge zur Erde ist es nicht weit, doch mein Shuttle legt jeden Moment an, also fange ich an zu joggen. Mein Deo hüpft aus der offenen Tasche und fällt klappernd hinter mir zu Boden, aber ich habe keine Zeit mehr für den Scheiß. Ganz ehrlich – wenn ich diesen Flug versäume, schwimme ich lieber ohne Raumanzug nach Hause, als noch eine Minute länger zu bleiben. Wie um mich zu verspotten, strahlt der helle Umriss der Erde in den Panoramafenstern und wirft gespenstische Schatten auf die zerklüftete Mondlandschaft. Die Umrisse der alten Versorgungstunnel, die Ellis Station mit der lange aufgegebenen ersten Siedlung verbinden, zeichnen sich darin ab wie etwas aus einem Albtraum. Als ich gestern ankam, wirkten sie noch eindrucksvoll, fast schön.

Jetzt sind sie einfach nur hässlich.

Noch einmal nach links, und ich bin da. Auf der enormen Anzeigetafel leuchtet nur ein einziger Flug: meiner, Ankunft: planmäßig. Ich habe ihn nicht versäumt. Das sollte mich wohl freuen, aber ehrlich gesagt hatte ich mich fast auf meinen kleinen Weltraumausflug gefreut. Wäre wahrscheinlich besser, als mich daheim noch mal blicken zu lassen und schon wieder alles versaut zu haben.

Zwar werden meine Eltern sich mit Kritik zurückhalten, wie immer, aber »sich zurückhalten« und »enttäuscht von ihrem Versagersohn sein« schließen sich nicht gegenseitig aus. Es geht doch nichts über einen kleinen Vortrag am Morgen über »gute Entscheidungen« im Leben, garniert mit ein paar mütterlichen Tränen. Kann es kaum erwarten. Sie haben mir zugesehen, wie ich Pilot spielte, während ich auf der Wiese hinter unserem Haus die Ziegen hütete. Mit fünf Jahren und auch noch vor leider gar nicht mal so langer Zeit. Jetzt ist mir diese Zukunft verbaut – ihr Mitleid wird unerträglich sein.

Wenigstens wird ihr Goldjunge nicht Zeuge meiner großen Rückkehr sein und mich wie ein kleines Kind ausschimpfen. Malik hat sein Ticket in die Kolonien schon lange gekriegt. Ganz klar. Aber hey, dann lebe ich halt bis ans Ende meiner Tage bei meiner Ammi und Dad, fütter die Hühner und fliege im Simulator.

Ein Schwarzer in meinem Alter versperrt die Tür zum Terminal, ins Gespräch mit – ausgerechnet – Dr. Herrera persönlich vertieft, der Direktorin der Akademie. Der Typ macht einen selbstbewussten Eindruck, wie er da steht. Er redet ganz gelassen und bedacht, und die langen britischen Vokale gleiten nur so von seiner Zunge. Auf der rechten Seite seines perfekt sitzenden Polohemds prangt das Wappen der Schule für Koloniale Beziehungen.

Noch so ein angehender Politiker. Na toll.

»Wir können doch sicher eine Lösung finden«, sagt er und sondert seinen ganzen Charme ab. Doch offenbar ist die Unterhaltung schon beendet, denn Dr. Herrera unterbricht ihn mit einer scharfen Geste.

»Sie haben Ihre Wahl getroffen, Rion. Nun müssen Sie auch damit leben. Bitte entschuldigen Sie mich.« Sie wirft einen Blick auf ihre Uhr und eilt davon. Rions kühle Miene verfinstert sich, und er fährt sich mit der Hand durchs rot gefärbte Haar. Unsere Blicke begegnen einander, und ich grinse.

»Das heißt dann wohl, du kommst mit mir!«, sage ich mit gespielter Freude. »Und was hast du angestellt, dass sie dich rauswerfen?«

Seine Lippen kräuseln sich. »Verpiss dich, Schlappschwanz.«

Oh, ich bin noch nie mit britischem Akzent beschimpft worden – nicht dass es mir gefehlt hätte.

Rion schnappt sich eine schicke Ledertasche und schlägt auf den Türöffner. Ein grünes Licht blinkt, während sich die Systeme vergewissern, dass es hinter der Tür auch atembare Atmosphäre gibt, dann öffnet sie sich mit einem lauten Rauschen. Schale, recycelte Luft mit einer Spur von Maschinenöl und Abgasen schlägt uns entgegen. Mechaniker und Deckarbeitende rufen einander Anweisungen und dreckige Witze zu. Ihre Stimmen hallen in der weiten Landebucht wider, vermengen sich mit dem Scheppern von Werkzeugen und dem Zischen von Luftschleusen.

Am Ende der Bucht sitzen schon zwei Mädchen in der Gruppe unbequemer Metallstühle, die direkt unter dem Schild »Landezone 6« festgeschraubt sind. Wir kriegen ein spezielles Abend-Shuttle, nur für uns, das nach Feierabend im Schutz der Schummerbeleuchtung die Freaks und Versager wegschafft. Sobald wir wieder auf der Erde sind, können sie mir auch gleich die Füße am Boden festkleben. Dies ist das einzige Raumfahrtprogramm, und die nächsten fünf Jahre darf ich mich nicht noch mal bewerben. Andererseits, warum sollte ich? Nur um abermals durchzufallen? Ich bin fertig damit.

Die beiden Mädchen im Wartebereich könnten gegensätzlicher nicht sein. Das blonde, weiße Mädchen wippt zwanghaft mit dem rechten Bein, immer in Bewegung, und starrt in die Ferne. Das andere sitzt völlig reglos, fast wie eine Statue, und verbirgt das Gesicht hinter warmen braunen Händen und einem dichten Vorhang aus schwarzem, leicht gekräuseltem Haar. Keine scheint sonderlich wild auf eine Unterhaltung zu sein, was mir nur recht ist. Lieber setze ich mich und hülle mich in Schweigen. Ich wünschte, wir hätten unsere Tablets in die Akademie mitbringen dürfen; dann könnte ich wenigstens Starhunters spielen und alle ignorieren. Als ich näher trete und meine Tasche zu Boden werfe, zuckt das schwarzhaarige Mädchen von dem Geräusch zusammen.

»Whoa, bisschen nervös?«, frage ich, hüpfe auf einen Stuhl und setze mich auf die Rücklehne.

»Ach, leck mich.« Jetzt, wo sie aufschaut, erkenne ich sie: Einer der anderen Pilotenanwärter hat mir beim Essen von ihr erzählt. Sie ist wohl eins dieser Wunderkinder, die schon mit fünfzehn aufs College kamen. So eine kleine Überfliegerin. Ihr Akzent klingt zu neunzig Prozent nach New York und zu zehn Prozent spanisch, deutlich schärfer als mein halb unterdrücktes North-Carolina-Geleier. Ihre Augen schauen wach und schlau, und ich vertiefe mich etwas zu lang in ihr herrliches Haselnussbraun, obwohl die gehobenen Brauen mir unmissverständlich zu verstehen geben, wie absolut unbeeindruckt sie von meiner Erscheinung ist.

»Du hast schon gemerkt, dass dein Zeug total mit Rasiercreme vollgeschmiert ist, oder?«, erkundigt sie sich unschuldig.

Ich sehe nach meiner Tasche. Sieht wirklich so aus, als ob die Creme darin geplatzt wäre. Rion schlägt einen weiten Bogen darum, als er sich einen Stuhl rauspickt, und setzt seine vornehme Tasche sehr viel vorsichtiger ab.

Ich wische ein bisschen blauen Schaum von meiner Tasche und schnippe ihn fort. »Ist bloß mein Akademie-Shirt, und das brauche ich ja jetzt nicht mehr. Wieso trägst du deins denn noch?« Ich grinse spöttisch. »Wenn du hier rumsitzt, heißt das doch, dass du durchgefallen bist. Klammerst du dich noch an deinen Traum?«

Kaum dass mir die Worte rausgerutscht sind, würde ich sie am liebsten zurückpfeifen, aber es ist, als würde ich einem unerträglichen Arschloch zusehen und wäre zu weit weg, um einzugreifen. Die Überfliegerin schürzt die Lippen und verschränkt die Arme vor dem spitzen Logo der Technikerschule auf ihrem Shirt. Doch ehe sie wegschaut, erhasche ich ihren verletzten Blick. Durch lange Wimpern sieht Rion mich missbilligend an.

»Macht euch mal locker«, murmle ich und mustere Rion. Er ist breiter als ich – ich bin eher der lange, schlanke Fußballertyp –, und im Gegensatz zu meinem nervigen Stoppelbart ist er sauber rasiert. Das Gesicht unter den roten Locken ist markant und sehr ansehnlich. Ich wünschte, die schmalen Augen würden gute Laune versprühen, statt mich so anzufunkeln.

Na ja. Zu spät jetzt.

Das Mädchen am anderen Ende der Sitzgruppe schaut nun ebenfalls in unsere Richtung. Sie streicht sich das blonde Haar zurück; darunter kommen blaue Strähnchen an den Schläfen und graugrüne, mit Wimperntusche und Eyeliner geschminkte Augen zum Vorschein. Ihre durchtrainierten Beine deuten auf eine Sportlerin hin, aber sie trägt das Rot und Weiß der Medizinerschule. Unter ihrem prüfenden Blick rutsche ich unbehaglich auf meiner Stuhllehne herum.

»Du hast recht«, sagt sie. Ihre Konsonanten klingen hart und präzise – Russin vielleicht. »Hat keinen Sinn, sich an etwas festzuklammern. Mir haben sie gleich zu Beginn des Interviews gesagt, dass ich gar nicht durch die Vorauswahl hätte kommen sollen. Anscheinend suchen die Kolonien verzweifelt nach Ärzten – so verzweifelt dann aber doch nicht, dass sie mich nehmen würden. Es ist nun mal, wie’s ist, oder?«

Die Überfliegerin zieht die Brauen zusammen und runzelt die Stirn. »Das ist ja übel. Wieso haben sie dich abblitzen lassen?«

Dr. Eyeliner zuckt mit den Schultern.

»Ist was Persönliches.« Sie verzieht die Lippen zu einem schiefen Lächeln. »Nichts für ungut. Und was war bei dir?«

Die Überfliegerin ist einen Moment lang still.

»Auch was Persönliches«, wiederholt sie schließlich und fährt sich nervös mit den Fingern durchs schwarze Haar. Alle schauen sie an, warten darauf, dass sie ins Detail geht, doch sie sagt bloß: »Ich will einfach nach Hause.«

Rion schnaubt. »Ich will wirklich alles, aber nicht nach Hause.«

In einer wortlosen Solidaritätsbekundung stößt Dr. Eyeliner ihre Faust gegen seine.

Ein tiefer, warmer Klang hallt durch die Landebucht, und eine Welle blinkender roter Lichter jagt um die Ränder der großen transparenten Schleuse, welche das Vakuum des Alls zurückhält. Gemeinsam beobachten wir, wie sich ein eckiges, blau gestreiftes Erdshuttle dahinter in Stellung bringt. Eine ruhige Stimme dröhnt aus den Lautsprechern: »Warnung. Außentore öffnen.« Das Shuttle fliegt in die Schleuse, und die Türen hinter ihm schließen sich wieder. Ein Zischen, ein Warnsignal, dann abermals die Stimme: »Innentore öffnen.«

Als die Innentore sich einen Spalt weit auftun, schließe ich die Augen und verdränge das Brennen in den Winkeln. Das war’s – das Einzige, was ich je wirklich wollte, ist offiziell und unwiederbringlich Geschichte. Die Kolonien werde ich in Zukunft bloß noch vom Sofa im Keller meines Kumpels aus bereisen, wenn wir eingebröselt in Käseflips Settlement III spielen.

Verstohlen mustere ich meine Leidensgefährten. Die Verliererklasse von 2194. Der Atem der Überfliegerin geht ruhig, doch ihr Gesicht verrät ihren Schmerz. Rions leerer Blick ist starr auf seine gefalteten Hände gerichtet. Eyeliner dagegen wirkt angespannt, verengt misstrauisch die Augen. Sie zeigt auf das Shuttle, das keine hundert Meter vor uns andockt. Auf seiner Steuerbordseite ist etwas Seltsames aufgemalt, was da nicht hingehört – hellblau und grün.

»Was ist denn das da auf …«

Das Licht geht aus.

Der stationsweite Alarm kreischt durch die Landebucht, eine schmerzhafte Kakofonie. Rein instinktiv werfe ich mich auf den Boden, suche Deckung hinter den Metallstühlen, während mein Herz gegen meine Rippen hämmert.

»Kommunikationssysteme versagen. Warnung. Kommunikationssysteme ver-«

Rauschen.

Ich spähe gerade rechtzeitig über die Stühle, um zu sehen, wie schattenhafte Figuren aus dem Shuttle huschen, getaucht ins dunkelrote Glühen der Notbeleuchtung. Mein Körper versteift sich. Es sind mindestens sechs, in völlig schwarze raumtaugliche Kampfanzüge gekleidet. In enger, präziser Formation rücken sie vor, dann scheren vier von ihnen aus und eilen zu den Türen, die zur Leitzentrale der Station führen. Am Schalter der Flugüberwachung halten sie kurz inne, und ich glaube, einen leisen, weit entfernten Schuss zu hören. Ein dumpfer Laut, dann setzen die Gestalten ihren Weg fort.

Das ist schlecht, das ist so was von schlecht. Mein Atem rauscht in meinen Ohren, und mein Magen stimmt eine Wiederauflage des Kartoffelgerichts von heute Abend an. Ich kann die Umrisse der Überfliegerin im Dunkeln erkennen, das Weiß ihrer Augen, als sie mich am Ärmel packt.

»Zwei von ihnen sind noch hier«, haucht sie, und fast im selben Moment erledigen die Unbekannten mit schnellen Schüssen eine Gruppe Mechaniker. Als die Leichen zu Boden sinken, kann die Überfliegerin kaum einen Schrei unterdrücken.

»Sie bleiben, um das Shuttle zu bewachen«, sagt Eyeliner. Ich erschrecke fast zu Tode. Sie kauert direkt neben mir – ich habe sie absolut nicht gehört.

Der Deckenlautsprecher kracht noch einmal, doch die Stimme klingt, als stotterte sie. »Zugang zu Rettungskapseln ist gesperrt. Fehlfunktion in-in-in der Atmosphärenaufbereitung. Atemluft verbleibt geschätzt für zwei …«

Stille. Nur das ferne Zischen von Luft, die ins Weltall entweicht.

»Zwei was?«, blafft die Überfliegerin laut. Hastig sehe ich mich um, ob niemand am Shuttle sie gehört hat. »Zwei Stunden? Zwei Minuten? Zwei Sekunden?«

»Eine Minute fünfundvier…«, ergänzt der Lautsprecher, und diesmal schauen wir uns alle an.

»Wir müssen zu den Rettungskapseln«, sagt Rion, doch die Überfliegerin unterbricht ihn.

»Hast du nicht zugehört? Der Zugang ist gesperrt! Wir müssen …«

»Zum Shuttle, sofort!«, stoße ich aus.

Ich schnelle aus meiner Deckung und sprinte ins Dunkel, ohne darauf zu achten, ob die anderen hinter mir sind. Mein Atem sticht mir in der Kehle. Es bleibt keine Zeit zu verlieren, also renne ich, so schnell ich kann, schlage wahllos Haken nach links und nach rechts, während meine langen Beine mich die hundert Meter bis zum Shuttle tragen. Wenn die Eindringlinge Gelegenheit haben, auf uns zu zielen, sind wir tot; wobei, vor die Wahl gestellt zwischen erschossen werden und ersticken, fress ich lieber eine Kugel. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, doch ich muss mich zusammenreißen, zusammenreißen, renne, verlier bloß nicht die …

Eyeliner schließt mühelos zu mir auf und gibt mir eine auf den Arm. »Ich nehme den Linken«, unterbricht sie meine Panik und zischt davon, setzt kraftvoll und geschickt über eine große Werkzeugkiste hinweg. Definitiv eine Sportlerin.

Irgendwo fällt ein weiterer gedämpfter Schuss, und ich spüre den Luftzug, als die Kugel an meinem Ohr vorbeisaust. Beinahe erwischt; das Adrenalin trifft mich wie ein Vorschlaghammer. Keine Zeit, zu überlegen, keine Zeit …

»Eine Minute, dreißig Sekunden Atemluft verblei…« Der Lautsprecher verstummt wieder.

Wir erreichen das Schiff.

Mir bleibt eine halbe Sekunde, um in der blassen Notbeleuchtung der Schleuse den Anblick des erhobenen Waffenlaufs vor meinem Gesicht zu verarbeiten. Dann werfe ich mich hin, die Waffe geht los, und ich ramme dem Angreifer die Faust zwischen die Beine.

Mist.

Keine Eier – ich bin am Arsch.

Ich höre ein unterdrücktes Stöhnen, dann fährt die Pistole nieder und erwischt mich an der Schulter. Ich will schon meinem Hintern Lebewohl sagen, als aus dem Nichts ein Stiefel auftaucht und die Frau in die Niere trifft, rasch gefolgt von einem zweiten Tritt gegen den Kopf. Schlapp fällt die Getroffene zu Boden, und Erleichterung überkommt mich wie eine kühle Woge. Danke für die Rettung, Dr. Eyeliner! Verdammt, die Frau ist das reinste Kraftpaket.

»Los, komm!«, drängt sie und tastet nach meinem Arm. Hinter ihr stürmen Rion und die Überfliegerin die schmale Rampe ins Schiff. Ich hoffe nur, dass keine weiteren Bewaffneten auf sie warten.

»Bin direkt hinter dir!«, antworte ich, während ich der Bewusstlosen ihre Waffe abnehme. Wenn ich irgendwas aus Actionfilmen gelernt habe, dann dass man nie die Waffe zurücklässt.

Sobald ich an Bord bin, schlage ich auf die Steuerung, um die Rampe zu schließen, und kontrolliere, dass sie wirklich zu ist. Dann eile ich durch den zentralen Gang des Shuttles zum Cockpit. Dort finde ich die anderen schon zusammengepfercht in den Sitzen, sie schnallen sich gerade fest. Die Überfliegerin sitzt auf dem Platz des Navigators, doch der Pilotensessel ist noch frei.

»Sag bitte, dass du ’nen Pilotenschein hast«, sagt die Überfliegerin, kaum dass ich hereingestolpert komme. Sie schaut nicht auf, sondern tippt wütend auf dem hellen Touchscreen herum.

Ich zucke zusammen, als mir die Angst tief ins Herz sticht. »Na ja, nicht direkt …«

Rion stößt ein paar kreative Flüche aus. Ich hebe die Hände, bemerke, dass ich immer noch die Waffe halte, und sichere sie rasch. Hoppla. Meine Ammi, die Polizistin, wäre gerade echt entsetzt.

»Hey, ich hab nicht gesagt, dass ich nicht fliegen kann!« Ich gleite in den Pilotensessel, lege die Waffe neben mir auf den Geräten ab und greife mit zitternden Händen nach dem Steuerknüppel. »Nur dass ich keine Erlaubnis dazu habe.«

Fliegen ist schließlich der Grund, weshalb ich auf die Akademie wollte. Aber einen Raumpilotenschein müsste mir die Akademie erst noch ausstellen, und was sie davon hält, wurde mir ja deutlich zu verstehen gegeben. Sollte ich zugeben, dass ich noch nie ein echtes Schiff geflogen habe, bloß im Simulator? Soll ich ihnen …

Na ja. Was würde das bringen? Anscheinend bin ich gerade unsere einzige Hoffnung. Besser, ich krieg meinen Scheiß auf die Reihe und mach einfach.

Im Ernst – ich kann das.

Ich stelle meinen Sitz ein, bis meine Füße bequem die Pedale erreichen, atme tief aus und schaue die Überfliegerin an. »Kriegen wir die Schleusentore auf, oder müssen wir da auf die harte Tour durch?«

»Ich bin fast so weit«, schnauzt sie. »Im Übrigen zeigen die Scanner noch vier weitere Schiffe in der Nähe der Akademie. 269 zu 53 zu 620. Du solltest sie auf deinem Head-up-Display sehen, sobald wir draußen sind.«

Ich wische mir die verschwitzten Hände an der Hose ab, dann greife ich wieder nach den Kontrollern und werfe einen Blick aufs HUD. »Klasse. Hervorragend. Irgendjemand religiös? Mag wer ein Gebet sprechen? Ein, zwei Hymnen singen vielleicht?«

Ich linse nach hinten. Dr. Eyeliner ringt sich ein Lächeln ab, doch Rion verschränkt bloß die Arme und starrt nervös aus dem Sichtfenster. Niemand ist von meinem Versuch, die Stimmung aufzulockern, beeindruckt, dennoch hilft es mir, den quälenden Knoten in meinen Eingeweiden zu lockern. Alleine fliegen? Jederzeit, ohne Bedenken. Dann ist es wenigstens nur mein Problem, wenn ich’s versaue und den Löffel abgebe.

Aber mit den ganzen anderen an Bord?

Ich verschließe die Augen vor der lebhaften Erinnerung an blitzende Krankenwagenlichter, verzogenes Metall und Blut. Die Stimme meines Bruders und die Sirenen verschmelzen zu einem einzigen ohrenbetäubenden Tumult.

»Hab es!«, ruft die Überfliegerin. Ich reiße die Augen auf, und tatsächlich – die inneren Schleusentore kriechen auseinander. Ich hole tief Luft, spreche innerlich die Basmala und beruhige meine Hände.

Dann leite ich etwas Energie in die Magnetspulen, und das Schiff löst sich geschmeidig vom Deck. Okay, so weit, so gut. Ich kann das. Langsam, vorsichtig drehe ich uns herum und gebe Gas. Das Shuttle macht einen Satz nach vorn, viel zu schnell.

»Öffne die Außentore!«, rufe ich, als wir schon durch die erste Öffnung rauschen.

»Ich versuch es ja!« Die Überfliegerin drückt auf dem Touchpad herum. Doch die Tore bleiben stur geschlossen. Etwas sanfter als zuvor kippe ich das Schiff, sodass die Magnetspulen sich aufs geschlossene Tor richten und uns zurückstoßen, in Richtung der sich schließenden Innentore – das ist die schlimmste Partie Pong aller Zeiten.

Jemand hinter mir stößt dieses angespannte Zischen aus, das auch Ammi immer machte, als sie mir das Fliegen beibrachte: ich mit Vollgas die 401 an den Maisfeldern entlang, sie eine Hand im Haar, damit sie noch was sieht, und die andere fest am Ach-du-Scheiße-Griff.

Ich hasse dieses Zischen.

Die äußeren Schleusentore öffnen sich endlich, ganz langsam; sobald der Spalt breit genug ist, gebe ich Stoff. Der plötzliche Antrieb presst mich tief in den Sessel, mein liebstes Gefühl überhaupt. Simulatoren kriegen es nie ganz richtig hin – in einem echten Schiff ist es viel besser. Die Trägheitsdämpfer des Shuttles geben ihr Bestes, um mitzuhalten, doch ich spüre die Beschleunigung bis in den Magen, und an die Stelle des nervtötenden Zischens treten nun drei angsterfüllte Schreie, während wir durch die aufgleitenden Tore schießen.

Viel besser.

Mein Timing ist so gut, dass uns beiderseits der Stummelflügel sogar noch einige Zentimeter extra bleiben. Die Schreie verebben, wir donnern über die zerklüftete Mondlandschaft und auf das sanfte Licht der blauen Murmel am Himmel zu.

Ich vollführe eine kleine Fassrolle, einfach weil ich es kann. Ich kann nicht widerstehen, obwohl mein Hirn schon halb damit rechnet, dass das Schiff unter mir explodiert oder ohne jede Warnung außer Kontrolle gerät. Die Steuerung fühlt sich ein wenig ungewohnt an. Irgendwie … physischer, so als könnte ich das Shuttle als Verlängerung meiner Hände und Füße spüren. Ich hänge noch ein paar Manöver dran, um mich abzureagieren, und grinse wie ein kleines Kind, das mit ausgebreiteten Armen durch die Felder rennt.

»Moment mal«, ruft da Rion hinter mir. »Du! Du bist doch dieser Arsch, über den sich alle Pilotenanwärter ausgekotzt haben, oder? Der Typ, der in der Vorauswahl die volle Punktzahl abgesahnt hat.«

»Genau der.« Ich grinse, um den dumpfen Schmerz in meiner Brust zu überspielen. Es fing ja alles so gut an, aber wie wir wissen, ging es nicht so aus.

»Im Ernst?«, fragt Rion. »Wie zur Hölle hast du’s da geschafft, noch durchzufallen?«

»Wir haben ernstere Probleme, Leute«, unterbricht die Überfliegerin. »Dreh uns mal zurück zur Station, damit wir was sehen, du Held.«

Ich erfülle ihr den Wunsch, und wir kriegen gerade noch mit, wie die letzten Reste Atemluft der Station wie Wolken im Nichts verwehen. Urplötzlich wird mir die ganze Tragweite der Situation bewusst.

»Ob sie’s noch geschafft haben, die restliche Luft am Entweichen zu hindern?«

Ich kenne die Antwort.

Niemand konnte es verhindern – die Station hat keinen Sauerstoff mehr.

»Ich registriere bloß noch eine Handvoll Wärmequellen in der ganzen Station. Sie sind alle …« Die Überfliegerin spricht nicht weiter. Ihre Stimme ist schwer vor Tränen.

Tucker Fineman ist tot. Wir sind zusammen zur Schule gegangen. Vor einer guten Viertelstunde hab ich ihn noch gesehen.

Hatte nicht irgendwer gerade einen Raumanzug zur Hand? Sind denn wirklich alle tot?

Und es betrifft ja nicht bloß die Akademie – sondern ganz Ellis Station. Der Raumhafen, die Lagerhäuser, die Labore. Die Luft der gesamten Station, dahin.

All diese Menschen, verloren.

Ich habe ein flaues Gefühl im Magen.

Ich nehme die Hand vom Gas und lasse uns einen Moment lang treiben. Umgeben von der Leere des Alls, von der Schwärze verschlungen. Jenseits des gekrümmten Horizonts des Monds und des reflektierten Erdlichts füllen Sterne das Nichts, sprenkeln die endlose Nacht mit ihrem glitzernden Schimmer.

Im Cockpit herrscht Schweigen. Bloß vier Fremde, die dieselbe Luft atmen. Am Leben sind, zu begreifen versuchen. Wer sollte so etwas tun? Und wieso bloß?

Schließlich ergreift Dr. Eyeliner das Wort. »Sollten wir versuchen, die Station zu rufen? Nachsehen, ob diese Wärmequellen Überlebende sind? Vielleicht konnten sie …«

Da knistert das Kom. »Alle Schiffe: vorrücken auf den zugewiesenen Vektor! Die Station wurde neutralisiert.«

Im Lautsprecher zischt es, dann antwortet eine andere Stimme. »Verstanden. Haben wir mit Widerstand zu rechnen?«

»Wir konnten die Kanäle unterbrechen, ehe eine Warnung an die Erde rausging. Alles still und sauber. Unsere Insider passen die Logs an und pumpen frischen Sauerstoff in die Station. Bis ihr anlegt, sind wir fertig. Von draußen sollte alles wirken wie gehabt.«

Insider? Wusste etwa jemand in der Station, was passieren würde – und half sogar dabei? Der Gedanke allein verschlägt mir den Atem. »Wir müssen jemandem Bescheid geben«, sage ich zur Überfliegerin.

Sie nickt, die Lippen schmal, die Augen entschlossen. »Ich öffne einen Kanal zum Hauptquartier auf der Erde. Damit verraten wir zwar unsere Position, aber die GKK soll – hart Steuerbord!«

Meine Hände und Füße reagieren, noch ehe mein Gehirn die Worte richtig erfasst hat, und das Shuttle springt nach oben und rechts. Vor dem Sichtfenster fliegt eine Rakete vorbei, und eine neue Stimme erklingt im knackenden Kom, knapp und bestimmt.

»Alpha, hier spricht Tiger fünf. Nummer zwei hat das flüchtige Shuttle lokalisiert. Wir schalten es aus.«

»Gute Jagd, Tigergeschwader.«

Ich ramme den Fuß aufs Pedal und reiße das Shuttle herum, als ein Strom von Geschossen an uns vorbeirast. Zwei abrupte Manöver hintereinander in einem unvertrauten Schiff, und ich bin völlig desorientiert.

Flieg Richtung Erde, Scheißescheißescheiße, wo liegt die …

Zwei wertvolle Sekunden studiere ich die Instrumente, dann schwenke ich das Shuttle zurück nach Backbord und neige seine Nase. Die Erde rückt ins Bild, ein langer blauer Bogen im Gegenlicht.

Da mein Gehirn nun endlich richtig justiert ist, gebe ich wieder Gas. Diesmal bin ich darauf vorbereitet, dass es mir gleich die Organe hinten in den Brustkorb quetscht. 384000 Kilometer von Ellis Station auf dem Mond bis zur Erde. Mein Herzschlag ist ohrenbetäubend. Ich darf das nicht vermasseln, muss uns retten, wir sind die Einzigen, die Bescheid wissen …

Ein buntes Blitzen voraus, dann noch eines, und ein Kugelhagel deckt uns ein. Unsere Schilde wehren das meiste ab, doch von achtern erklingt das Ping von Metall auf Metall, ein einziger Treffer, der ein stotterndes Husten durchs Shuttle schickt. Nicht gut, nicht gut …

»Verdammte Schweine!« Ich reiße den Steuerknüppel herum, als das HUD mir eine schrille Warnung entgegenschreit. Eine Rakete hat uns erfasst – schon wieder. Einer der Jäger hat sich uns an die Fersen geheftet, und mindestens drei andere umkreisen uns wie Raubtiere, geschickt und siegesgewiss. Ich hatte nicht ernsthaft vor, heute zu sterben, und so wenig ich auf der Erde festsitzen will, das hier schmeckt mir noch viel weniger.

»Da kommt noch einer!«, meldet die Überfliegerin. »Dreißig Sekunden entfernt. Sie schneiden uns den Weg ab.«

Ich stoße die Luft aus. Lege meine Hände ruhig auf die schweißnassen Kontrollen. Verdränge die Panik in meinem Schädel.

»Okay!«, übertöne ich das protestierende Schiff und seine Alarmsignale. »Wenn ihr nicht mit übermäßig vielen Löchern im Körper nach Hause wollt, brauchen wir wohl einen Plan B. Alle Karten auf den Tisch, denn so schaffen wir’s garantiert nicht bis zum Boden. Das hier ist ein scheißklobiges Shuttle, kein Kampfjet, und ich kann die Arschlöcher dahinten nicht ewig beschäftigen.«

Rion beugt sich vor und legt die Hand auf meine Lehne. »Wehren wir uns!«, schreit er mir ins Ohr, dann wirft es ihn zurück in seinen Sitz, als ich überraschend bremse und ein Ausweichmanöver fliege. Ein Jäger rast an uns vorbei. »Ich bin ein guter Schütze. Wir schaffen das!«

»Ja, tolle Idee! Bloß dass du dich leider aus dem Fenster lehnen und mit Steinen schmeißen musst, denn wie ich schon sagte, ist das ein verdammtes Shuttle und kein Jäger. Wir sind absolut zahnlos.« Ein Politiker, der gut mit Waffen ist? Ein erschreckender Gedanke. Wo ist dieser andere Jäger hin? Was gäbe ich jetzt nicht für ein Schiff mit Bordwaffen …

»Dann ruf uns Verstärkung«, sagt Rion.

Die Schilde flackern kurz.

»Sie stören unsere Funkverbindung!«, schreit die Überfliegerin in der Pause zwischen zwei Feuerstößen. Sie legt einen Schalter um, und aus den Lautsprechern zischt und knistert es nur so.

»Na, dann kümmer dich drum!« Ich reiße derart hart am Steuerknüppel, dass es alle in ihre Gurte drückt, und weiche gerade noch der nächsten Rakete aus.

»Ich finde keine Frequenz!«

Ich knirsche mit den Zähnen. Die nächsten Jäger, die uns hätten helfen können, wären ohnehin an der Akademie stationiert gewesen. Die Piloten sind wahrscheinlich alle tot. Bis wir Hilfe bekommen oder die orbitalen Verteidigungswaffen alles abschießen, was hier nicht hingehört, sind wir längst Asche. Uns bleibt kein Ausweg mehr.

Das Herz rutscht mir in die Hose. Ich schlucke schwer, versuche mich zu beruhigen. Doch die Zeit läuft uns davon.

Sag es.

»Ich glaube, wir müssen in die Kolonien springen.«

Stille senkt sich über uns.

»Tu es«, sagt Dr. Eyeliner gefasst.

»Du hast doch ’nen Schaden!« Die Überfliegerin schreit, um den immer besorgniserregenderen Lärm des Antriebs zu übertönen. »Und was ist mit dem Rückkehrverbot? Wenn wir den erdnahen Raum verlassen, können wir niemals mehr …«

»Was für eine Wahl haben wir denn?«, entgegnet Rion scharf. »Wenn wir es durch die Akademie gepackt hätten, hätten wir auch nicht zurückgekonnt. Das war doch von vornherein klar. Ich will leben – also müssen wir springen.«

Ich gebe mir nicht die Mühe, etwas hinzuzufügen. Das HUD ist bereits komplett rot, und zwischen das Plärren des Raketenwarnsystems und das Rauschen der Lautsprecher passt nur noch die Panik in meinem Kopf. Ich werde uns garantiert alle umbringen. Ich kann das nicht, ich bin furchtbar, hab bis heute nicht einmal ein echtes Schiff geflogen, das ist unmöglich. Meine Hände rutschen von den Kontrollen, der Angstschweiß und das Muskelzittern machen alles nur noch schlimmer. Ein einziger Schnitzer, ein falsches Manöver, und diese Jäger werden uns drankriegen. Ein letztes Mal sehe ich zur Sonne, die über dem juwelenfarbenen Bogen der Erde aufgeht, dann reiße ich das Shuttle herum, schleudere uns aus dem Schwerkraftfeld des Monds hinaus und der Schwärze entgegen. Die Kugeln folgen uns und schlagen mittlerweile in den Rumpf statt in die Schilde.

»Hat dieses Ding überhaupt einen Sprungantrieb?«, frage ich noch in letzter Sekunde.

Doch das muss es wohl, denn die Überfliegerin ruft eine Sternenkarte auf und wählt aufs Geratewohl ein aufleuchtendes Ziel. Die Triebwerke heulen noch lauter, noch gellender, und ein Furcht einflößendes Beben pflanzt sich bis in die Pedale unter meinen Füßen fort. Gott, wir machen das tatsächlich, wir verlassen wirklich den erdnahen Raum, kommen niemals zurück, sehen unsere Familien nie wieder – und ja, ich wusste, dass es so geschehen würde, habe es mir sogar gewünscht, aber doch nicht so, nicht …

Mein Magen hebt sich, mein Brustkorb wird zusammengequetscht, das Licht krümmt sich in unverständlicher, kopfschmerzträchtiger Art und Weise. Halt das Schiff ruhig, pass den richtigen Moment ab … Ein letztes, plötzliches Beschleunigen, dann reißt der Raum vor uns auf. Ein winziges Loch im Weltall erscheint, nur für uns.

Und wir sind weg.