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"Die vier Jahreszeiten und andere Gedichte Wedekinds" ist eine faszinierende Sammlung von 90 Gedichten des renommierten Autors Frank Wedekind. Die Gedichte in diesem Band spiegeln die Vielseitigkeit und Tiefe von Wedekinds literarischem Schaffen wider, wobei Themen wie Liebe, Natur und Gesellschaft auf poetische Weise behandelt werden. Wedekinds unverwechselbarer Stil, der von einer klaren Sprache und starken Bildern geprägt ist, macht dieses Werk zu einem Meisterwerk der deutschen Lyrik des 19. Jahrhunderts. Diese Sammlung zeigt auch die Verbindung von Wedekinds Gedichten mit seinem Theaterwerk und bietet einen faszinierenden Einblick in sein Gesamtwerk.
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Seitenzahl: 84
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Ich war ein Kind von fünfzehn Jahren, Ein reines unschuldsvolles Kind, Als ich zum erstenmal erfahren, Wie süß der Liebe Freuden sind.
Er nahm mich um den Leib und lachte Und flüsterte: O welch ein Glück! Und dabei bog er sachte, sachte Den Kopf mir auf das Pfühl zurück.
Seit jenem Tag lieb’ ich sie alle, Des Lebens schönster Lenz ist mein; Und wenn ich keinem mehr gefalle, Dann will ich gern begraben sein.
Franziska, mein reizender Falter, Hätt’st du nicht zu eng für dein Alter Den keimenden Busen geschnürt, Dann klafften wohl nicht die Gewänder, Sobald ich nur eben die Bänder Mit harmlosem Finger berührt.
Nun wehr auch nicht meinem Entzücken, Als erster die Küsse zu pflücken Der zarten, jungfräulichen Haut. Mich blendet die schneeige Weiße, Solang’ ich das Fleisch nicht, das heiße, Mit bebenden Lippen betaut.
Denn gleich wie die Knospe der Blume Nichts ahnt von der Pracht und dem Ruhme Der Rose am üppigen Strauch, So seh’ ich bescheiden erst schwellen Die keuschen, die kindlichen Wellen, Umweht von berauschendem Hauch.
O! glaub mir, die Monde entfliehen, Die Rosen verwelken, verblühen Und fallen dem Winter zum Raub. Es kommen und gehen die Jahre, Man legt deinen Leib auf die Bahre Und alles wird Moder und Staub.
Willkommen, schöne Schäferin In deinem leichten Kleide, Mit deinem leichten frohen Sinn, Willkommen auf der Weide.
Sieh, wie so klar mein Bächlein fließt, Zu tränken deine Herde! Komm setz dich, wenn du müde bist, Zu mir auf die grüne Erde.
Und trübt sich der Sonne goldiger Schein, Und fällt ein kühlender Regen, Dann ist mein Mantel nicht zu klein, Wollen beide darunter uns legen.
O ihr Tage meiner Kindheit, Nun dahin auf immerdar, Da die Seele noch in Blindheit, Noch voll Licht das Auge war: Meine Blicke ließ ich schweifen Jedem frei ins Angesicht; Glauben galt mir für Begreifen Und Gedanken kannt’ ich nicht.
Ich begann jedoch zu sinnen Und zu grübeln hin und her, Und in meiner Seele drinnen Schwoll ein wildempörtes Meer. Meine Blicke senkt’ ich nieder, Schaute tief in mich hinein
Freudig schwör’ ich es mit jedem Schwure Vor der Allmacht, die mich züchtigen kann: Wie viel lieber wär’ ich eine Hure Als an Ruhm und Glück der reichste Mann!
Welt, in mir ging dir ein Weib verloren, Abgeklärt und jeder Hemmung bar. Wer war für den Liebesmarkt geboren So wie ich dafür geboren war?
Lebt’ ich nicht der Liebe treu ergeben Wie es andre ihrem Handwerk sind? Liebt’ ich nur ein einzig Mal im Leben Irgendein bestimmtes Menschenkind?
Lieben? – Nein, das bringt kein Glück auf Erden. Lieben bringt Entwürdigung und Neid. Heiß und oft und stark geliebt zu werden, Das heißt Leben, das ist Seligkeit!
Oder sollte Schamgefühl mich hindern, Wenn sich erste Jugendkraft verliert, Jeden noch so seltnen Schmerz zu lindern, Den verwegne Phantasie gebiert?
Schamgefühl? – Ich hab es oft empfunden; Schamgefühl nach mancher edlen Tat; Schamgefühl vor Klagen und vor Wunden; Scham, wenn endlich sich Belohnung naht.
Aber Schamgefühl des Körpers wegen, Der mit Wonnen überreich begabt? Solch ein Undank hat mir ferngelegen, Seit mich einst der erste Kuß gelabt!
Und ein Leib, vom Scheitel bis zur Sohle Allerwärts als Hochgenuß begehrt… Welchem reinern, köstlichern Idole Nachzustreben, ist dies Dasein wert?
Wenn der Knie leiseste Bewegung Krafterzeugend wirkt wie Feuersglut, Und die Kraft, aus wonniger Erregung, Sich zu überbieten, nicht mehr ruht;
Immer unverwüstlicher und süßer, Immer klarer im Genuß geschaut, Daß es statt vor Ohnmacht dem Genießer Nur vor seiner Riesenstärke graut…
Welt, wenn ich von solchem Zauber träume, Dann zerstiebt zu nichts, was ich getan; Dann preis’ ich das Dasein und ich bäume Zu den Sternen mich vor Größenwahn! – – –
Unrecht wär’s, wollt’ ich der Welt verhehlen, Was mein Innerstes so wild entflammt, Denn vom Beifall vieler braver Seelen Frag’ ich mich umsonst, woraus er stammt.
Blitzt der Taler im Sonnenschein, Blitzt dem Kind in die Augen hinein, Über die Wangen rollen die Tränen. Mutter zieht gar ein ernst Gesicht: Vor dem Taler, Schatz, fürchte dich nicht; Nach dem Taler sollst du dich sehnen.
Sieh, mein Herzblatt, auf Gottes Welt Für uns Menschen gibt’s nichts ohne Geld, Hätt’ ich dich, Herzblatt, auch nicht bekommen. Bist noch so unschuldig, noch so klein, Willst doch täglich gefüttert sein, Hast es mir selbst aus der Tasche genommen.
Darfst nicht weinen, bist all mein Glück; Gibst mir’s tausendfältig zurück. Sich, die goldene Sonne dort oben, Brennt sie dir gleich deine Guckaugen wund, Nährt und behütet den Erdenrund, Daß alle Kreaturen sie loben.
Nach der Sonne in goldiger Pracht Haben die Menschen ihr Geld gemacht; Ohne das Geld muß man elend sterben. Sonne ist Glück und Glück ist Geld; Wem es nicht schon in die Wiege fällt, Der muß es mühevoll sich erwerben.
Sieh, mein Herzblatt, den grünen Wald, Drin der Vögel Gezwitscher erschallt; Wie das so lieblich ist anzuschauen! Hast du kein Geld für das morgige Brot, Dir sind all die Vögelein tot, Und der Wald ist ein schrecklich Grauen!
Geld ist Schönheit! Mit recht viel Geld Nimmst du den Mann, der dir wohlgefällt, Keinen Häßlichen, keinen Alten. Sieh, der Reichen Hände, wie weiß! Wissen nichts von Frost und von Schweiß; Haben keine Schwielen noch Falten.
Bei uns Armen ist Eins mal schön, Aber nur im Vorübergehn; Morgen schon ist zerrupft sein Gefieder. Oder die Schönheit wird ihm zu Geld; Kommt es hinauf in die große Welt, Steigt es nicht leicht mehr zu uns hernieder.
Kind, hab acht auf wahren Gewinn: Geld ist Freiheit, ist Edelsinn, Menschenwürde und Seelenfrieden. Alles kehrt sich zum goldenen Licht, Warum sollen wir Menschen es nicht? Dir, mein Kind, sei das Glück beschieden.
Mein Käthchen fordert zum Lohne Von mir ein Liebesgedicht. Ich sage: Mein Käthchen verschone Mich damit, ich kann das nicht.
Ob überhaupt ich dich liebe, Das weiß ich nicht so genau. Zwar sagst du ganz richtig, das bliebe Gleichgültig; doch, Käthchen, schau:
Wenn ich die Liebe bedichte, Bedicht’ ich sie immer vorher, Denn wenn vorbei die Geschichte, Wird mir das Dichten zu schwer.
Leise schleich’ ich wie auf Eiern Mich aus Liebchens Paradies, Wo ich hinter dichten Schleiern Meine besten Kräfte ließ.
Traurig spiegelt sich der bleiche Mond in meinem alten Frack; Ach die Wirkung bleibt die gleiche, Wie das Kind auch heißen mag.
Wilhelmine, Karoline, ‘s ist gesprungen wie gehupft, Nur daß hier die Unschuldsmiene, Dort dich die Routine rupft.
Ich, der alte Ahasver, Habe große Eile, Zu verscheuchen wünscht’ ich sehr Ewig lange Weile: Lenke wieder meine Bahn, Endlos mir beschieden, Nach dem alten Kanaan, Das ich lang gemieden.
Mir ist in der Ferne die Kunde geworden, Es käme gezogen ein Herrscher von Norden, Da setzt es vielleicht auch für mich einen Orden.
Rückwärts schweift mein Auge matt, Reuevoll umdustert, Nach der alten Judenstadt, Drin ich einst geschustert, Derart, daß mich heute noch Gottes Welt verachtet, Weil ich nicht den Braten roch, Eh’ das Lamm geschlachtet!
Wär’ jener gekommen, wie Dieser kommt heute, Mit stolzem Gepränge und großem Geleite, Ich wäre moralisch gegangen nicht Pleite!
Jener ritt die Eselin, Dieser den Trakehner, Ehr’ und Glück trägt Dieser hin Und sein Leben jener. Durch der Rede reiches Wort Einzig sind die Beiden, Und ihr Ziehn von Ort zu Ort Nicht zu unterscheiden.
Was aber hilft tief mir im Busen die Reue! Versagt’ ich denn jemals dem Herrscher die Treue?! – Am Ende ereilt mich mein Unglück aufs neue!
Kam doch auch zu jener Zeit Unter Kriegerscharen In verbrämtem Purpurkleid Einer angefahren! – – Wenn der Andre nun auch jetzt Beim Erlöserwerke Sich vor meine Türe setzt, Ohne daß ich’s merke?!
Von ihm stand kein Wort in der Zeitung geschrieben. Ich hätt’ ihn ja sonst von der Bank nicht vertrieben! Und darin ist alles beim alten geblieben. –
Ja, wir Menschen stolpern blind Durch des Lebens Enge. Oft ist leer wie Schall und Wind Größtes Festgepränge. Irrt man ehrfurchtsvollen Blicks, Ehr’ und Macht zu suchen, Kommt der Mächt’ge hinterrücks, Einen zu verfluchen! –
Es wechseln nicht nur an der Börse die Größen! – Nichts bleibt uns, inmitten von Püffen und Stößen, Als ununterbrochen das Haupt zu entblößen.
Ein junges Mädchen kam nach Baden, Brigitte B. war sie genannt, Fand Stellung dort in einem Laden, Wo sie gut angeschrieben stand.
Die Dame, schon ein wenig älter, War dem Geschäfte zugetan, Der Herr ein höherer Angestellter Der königlichen Eisenbahn.
Die Dame sagt’ nun eines Tages, Wie man zu Nacht gegessen hat: Nimm dies Paket, mein Kind, und trag es Zu der Baronin vor der Stadt.
Auf diesem Wege traf Brigitte