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Wenn die Luxusyacht zum Gefängnis wird - und deine besten Freunde zu deinen größten Feinden
Eine exklusive Silvesterparty auf einer Luxusyacht im Hafen von Ventimiglia. Als Hannah von der wohlhabenden Libby und deren Ehemann eingeladen wird, sieht sie dem Abend nicht nur mit Vorfreude entgegen. Obwohl die beiden Frauen schon lange befreundet sind, wiegen die sozialen Unterschiede schwer. Bereits kurz nach der Ankunft fühlt Hannah sich wie Libbys persönliches Sozialprojekt und beschließt, an Neujahr frühestmöglich abzureisen. Doch am nächsten Morgen stellt sie mit Entsetzen fest, dass die Yacht auf dem offenen Meer treibt - mit leerem Tank, nur wenigen Vorräten und ohne die Möglichkeit, Hilfe zu rufen. Schon bald wird der erste Passagier vermisst ...
Beste Nervenkitzel-Lektüre - packend, wendungsreich und unheimlich spannend
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Seitenzahl: 492
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Über das Buch
Über die Autorin
Titel
Impressum
Widmung
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
Epilog
Danksagung
Über das Buch
Eine exklusive Silvesterparty auf einer Luxusyacht im Hafen von Ventimiglia. Als Hannah von der wohlhabenden Libby und deren Ehemann eingeladen wird, sieht sie dem Abend nicht nur mit Vorfreude entgegen. Obwohl die beiden Frauen schon lange befreundet sind, wiegen die sozialen Unterschiede schwer. Bereits kurz nach der Ankunft fühlt Hannah sich wie Libbys persönliches Sozialprojekt und beschließt, an Neujahr frühestmöglich abzureisen. Doch am nächsten Morgen stellt sie mit Entsetzen fest, dass die Yacht auf dem offenen Meer treibt - mit leerem Tank, nur wenigen Vorräten und ohne die Möglichkeit, Hilfe zu rufen. Schon bald wird der erste Passagier vermisst …
Über die Autorin
Sarah Goodwin hat Kreatives Schreiben an der Bath Spa University studiert und bereits mehrere Thriller geschrieben. Neben der Schreiberei liebt sie es, sich mit Büchern kritisch auseinanderzusetzen, und sie betreibt einen Podcast. Sie lebt im ländlichen Hertfordshire.
Weitere Titel der Autorin:
Stranded – Die Insel
Das Resort – Du kannst nicht entkommen
Sarah Goodwin
Thriller
Die Yacht
Wer wird untergehen, wenn die Wahrheit ans Licht kommt?
Übersetzung aus dem Englischen von Dr. Holger Hanowell
Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Deutsche Erstausgabe
Für die Originalausgabe:
Copyright © Sarah Goodwin 2024
Titel der englischen Originalausgabe: »The Yacht«
Originalverlag: AVON, a division of HarperCollinsPublishers
First published in Great Britain by HarperCollinsPublishers 2024
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2025 by
Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln
Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an [email protected]
Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.
Textredaktion: Dr. Frank Weinreich, Bochum
Covergestaltung: Manuela Städele-Monverde
Covermotiv: © Felix Cesare /gettyimages
Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN978-3-7517-6150-5
Sie finden uns im Internet unter luebbe.de
Bitte beachten Sie auch: lesejury.de
Dieser Roman ist meiner tapferen und schönen Tante Nicki gewidmet, die im August 2023 verstorben ist. Sie wird uns fehlen, immer.
Am Abend vor Silvester musste ich länger arbeiten, was aber nicht so schlimm war. Aus Sicht der Firma wurde das unter »business as usual« verbucht. Normale Leute waren zwischen dem Zweiten Weihnachtstag und Silvester zu Hause und fielen über die Schachtel mit Celebrations und zunehmend reifendem Brie her. Aber »normale Leute« arbeiten nun mal nicht im Management in Callcentern oder Supermärkten oder an irgendwelchen anderen Orten, die geöffnet bleiben müssen, damit ein oder zwei einsame Mitglieder der Öffentlichkeit jemanden haben, den sie vollmeckern können. Ich konnte zu Hause weder Kinder noch einen Lebenspartner als Ausrede geltend machen, mit denen ich meine Zeit verbringen wollte, deshalb waren meine Feiertage – zumindest was Rin, meinen Manager, betraf – zu vergeben. Aber im Grunde war mir das auch ziemlich egal.
Nein, das ist eigentlich gelogen; es hat mir schon etwas ausgemacht. Ich hatte nur einfach nichts gesagt. Keine der Meinungsverschiedenheiten, die ich mit Rin hatte, hat je meinen Kopf verlassen. Unter der Dusche fielen mir alle möglichen Dinge ein, die ich ihm sagen wollte. Aber in der Realität sah das anders aus: Wenn mein Manager mir sagte, was ich machen sollte, dann machte ich das auch und behielt meine Verärgerung darüber für mich und meine Shampoo-Flaschen.
Da ich die einzige Mitarbeiterin der »Spätschicht« war, geisterte ich drei Stunden lang durch das ansonsten verwaiste Callcenter, nachdem die letzten Kollegen gegangen waren. In Gedanken war ich bei all den Möglichkeiten, die Zeit besser zu nutzen, wenn man bedachte, dass ich eine Autofahrt von zwölf Stunden vor mir hatte. Aber um ehrlich zu sein, darauf war ich auch nicht gerade scharf. Ganz bestimmt nicht. Zwölf Stunden in meinem Auto, Schlaf und Pausen nicht mitgerechnet, klang offen gestanden richtig scheiße. Wenn ich das Geld gehabt hätte, erst den Flieger zu nehmen und mir eine sündhaft teure Taxifahrt vom Flughafen Nizza nach Ventimiglia zu leisten, dann hätte ich das getan. Aber dies war die Saison der total abgefahrenen Preise, deshalb das Auto.
Es würde sich zumindest lohnen – so redete ich es mir jedenfalls ein, als ich mir die kommenden zwölf Stunden ausmalte. Am Ende der Fahrt würde ich zusammen mit meinen besten Freunden ein schillerndes Wochenende an Bord einer privaten Yacht verbringen. Ich durfte nur nicht an die Rückfahrt denken, um rechtzeitig zur Arbeit wieder da zu sein. Zumal ich bestimmt mit einem ziemlichen Kater am Steuer sitzen würde.
Wenn überhaupt, dann war diese Zeit allein im Büro die letzte Chance, mich zu entspannen. Kostenlose Nutzung der Kaffeemaschine und der Heizung waren weitere Boni. Die meiste Zeit über las ich auf meinem Kindle und trank einen Caffè mocha nach dem anderen, mit extra viel Espresso, um wach zu bleiben.
In der ganzen Zeit bekam ich genau zwei Anrufe. Einen von Rin, weil er wissen wollte, ob ich auch wirklich arbeitete, den anderen von Libby, auf meinem Handy.
»Hi, Schätzchen, ich wollte nur noch mal hören, ob du auch wirklich zu meiner Party kommst und dein Auto nicht den Geist aufgegeben hat«, trällerte sie fröhlich. Im Hintergrund waren schabende und hämmernde Geräusche sowie laute Stimmen zu hören, was Libby aber nicht zu stören schien.
»Ich mache mich auf den Weg, sobald meine Schicht endet. Morgen Abend bin ich bei euch, frisch von einem der charmanten Rastplätze Frankreichs.«
Libby musste lachen. »Und, hast du schon ein Kleid für die Party? Du brauchst dir nichts zu leihen. Denn ich kann jemanden losschicken, der –«
»Das Party-Outfit ist längst im Auto.« Ich hatte Monate hin und her überlegt, was ich auf Libbys Silvesterparty tragen würde. Ich glaube, dass ich mir deswegen schon auf der Party im letzten Jahr Gedanken gemacht hatte. Damals hatte ich etwas Konventionelles aus dem Einzelhandel getragen – ein Fehler. Als Libby mich dann fragte, woher ich die Klamotten hätte, sah sie mich bei meiner Antwort fast erschrocken an. »Die verkaufen Koffer, Hannah«, hielt sie mir vor. Als hätte ich ihr gesagt, dass meine Sachen vom Lidl kamen. Louis Vuitton verkauft ja schließlich auch Koffer, hatte ich gedacht, aber für mich behalten.
Für die Feier in diesem Jahr war mein Kleid zumindest aus Seide, außerdem von einem angesagten Designer, auch wenn ich es aus dem Second-Hand-Shop einer Wohltätigkeitsorganisation hatte. Aus meiner Sicht war das stilvoll für den Abend, obwohl es ein bisschen zu eng saß und unter einem Arm ausgebessert worden war. Blieb zu hoffen, dass das niemandem auffiel.
»Was ist das für ein Krach?«, hakte ich nach, weil ich Libby von ihrer Idee abbringen wollte, mir ein Kleid zu besorgen – dazu muss man nämlich wissen, dass ich mich bereits für die Designer Heels entschieden hatte, die sie mir geschenkt hatte. Preislich gesehen, waren ihre Geschenke immer übertrieben, und mir war es peinlich, dass ich mich nicht auf die gleiche Weise revanchieren konnte.
»Krach? Ach so, das sind bloß die Angestellten.« Sie senkte die Stimme ein wenig, ehe sie fortfuhr: »Olly hat diese Caterer angeheuert, um die Yacht rechtzeitig mit allem auszustatten, und jetzt ordnen sie noch ein paar Sachen anders an, Änderungen auf den letzten Drücker. Du weißt nicht zufällig, was ›aufpassen, das ist verdammt teuer‹ auf Italienisch heißt, oder?«
»In so einer Situation war ich noch nie«, sagte ich, während ich überlegte, wie viel Uhr es dort eigentlich war. Außerdem hoffte ich, dass Libby die Leute für ihre Bemühungen auch anständig bezahlte. »Ich kann es kaum abwarten, mir alles anzusehen.«
»Das wird fantastisch! Aber ich schwöre, wenn die noch ein Glas zerbrechen, dann bringe ich hier alle um und dann mich selbst. Bis dann. Küsschen!« Libby beendete das Gespräch, und ich seufzte, denn jetzt hatte ich noch mehr Bedenken wegen der Party als zuvor. Bei so wenigen Gästen gab es so gut wie keinen Rückzugsort, und klar war, dass für Libby alles perfekt sein musste.
Während ich mein Ende-der-Schicht-Formular ausfüllte, schickte ich Harry eine SMS, mit der Frage, was er anziehen würde. Ich hoffte, er würde sich wie immer kleiden, denn dadurch wäre die Aufmerksamkeit nicht so sehr auf mich gerichtet. Seit unserer Zeit auf der Uni pflegte Harry eine Art Grunge-Look – Bleach Splatter Karomuster, zerrissene Jeans, Leder und T-Shirts mit Slogans, die ich mir während meiner Hobby-Designerkarriere ausgedacht hatte. Darunter verbarg sich ein sarkastischer rothaariger Nerd mit durchtrainierten Oberarmen und einer Stupsnase, die er sich dreimal hatte piercen lassen in dem Versuch, männlicher auszusehen. Einmal hatte ich ihm gesagt, er sähe aus wie ein Klempner, der durch Urban Outfitters gefallen sei, daraufhin hatte er mich mit einem Hähnchenunterschenkel beworfen.
Inzwischen besorgte er sich seine Lederjacken wahrscheinlich bei Bottega und seine »subversiven« Slogan-Shirts bei Moschino und nicht mehr aus meiner Tasche mit der Ausschussware zum halben Preis. Letztes Jahr hätten wir noch im selben Boot gesessen. Dieses Jahr war ihm der große Durchbruch gelungen, und ihm stand das entsprechende Budget zur Verfügung. Seine geschweißten Skulpturen aus Schrott hatten endlich Käufer gefunden, und so hatte er seinen Job als Elektriker an den Nagel gehängt, um dauerhaft zum Liebling der Kunstszene zu werden. Seine Werke verkauften sich für fast abscheuliche Summen, und ich hatte ihn sogar schon im Lokalfernsehen gesehen, als man ihn in den Nachrichten interviewte. Ich habe mich für ihn gefreut, ehrlich. Denn endlich machte er das, was er immer schon machen wollte, und verdiente ein Vermögen, genau wie die anderen auch. Somit blieb nur noch ich in der »Gib-deinen- Job-nicht-auf«-Kategorie übrig.
Während sowohl Maggie als auch Libs mehr Geld hatten, als ich je zu Gesicht bekommen würde – geschweige denn ausgeben könnte –, war Libby superreich. Sie und Olly besaßen ein Anwesen auf dem Land, dazu Stadthäuser in London und Paris, Villen in Italien und Spanien und, offensichtlich, eine Yacht. Ollys Familie hatte eine Art Titel, den ich mir nie merken konnte, aber als die beiden sich kennenlernten, besaß Olly gar nicht so viel Kohle. Nur ein riesiges Anwesen und ein Herrenhaus, das zu heizen sich seine Eltern nicht leisten konnten. Libbys Großvater hatte eine Reihe Nachtclubs und »Etablissements für Herren« gegründet – erst nach Jahren hatte ich kapiert, dass damit Stripclubs gemeint waren. Als ihr Opa starb, erbte sie mal eben eine Viertelmillion, die Olly in Immobilien investierte. Er konnte jede Menge Leute davon überzeugen, gemeinsam mit ihm zu investieren – auf eine Art und Weise, die nie ganz legal klang – und machte einen Profit von mehr als zwei Millionen.
Jedes Jahr schmiss Libby eine Neujahrsparty, und ich bekam stets eine Einladung. Es war eine Reminiszenz an unsere Zeit an der Uni, wenn wir uns nach Weihnachten wiedersahen. Libby hatte dann meist zwei Wochen mit Skifahren verbracht oder sich in einem privaten Resort in den Bergen gesonnt, während sie mit einem Cocktail-Kellner schlief und Jetski lernte. Maggie kam von ihren Weihnachtsfeiern in New York und Paris mit Klatsch und Tratsch zurück (und Taschen voller toller Klamotten). Auf diesen Partys floss der Champagner wie Tränen bei abgehalfterten Designern, und Nacktmodels ritten auf Pferden durch Hotellobbys. Dann gab es da noch Harry und mich. Wir hatten zu dem Zeitpunkt zwei Wochen mit unseren Familien verbracht – Harrys Eltern zofften sich ständig, und meine Mum trauerte zu sehr den Erinnerungen an Weihnachten mit meinem Dad nach, um wirklich mit mir zu feiern. Wenn dann Silvester nahte, waren wir beide reif für eine tolle Zeit, und Libbys Party ließ keine Wünsche offen. Libs spendierte sich eine Hotelsuite, ein Ferienhaus oder einmal eine Kirche, die zu Wohnungen umgebaut werden sollte. Sie lud andere Studierende und Harrys Händlerkollegen ein, und wir ließen uns volllaufen, tanzten durch und sorgten meistens dafür, dass die Polizei gegen drei Uhr morgens aufkreuzte. Einmal hatte Libby die Idee, »Schneemänner im Haus« zu machen: also mietete sie eine Schneemaschine in Filmstudioqualität – mit der Folge, dass sie danach eine sehr bekannte Hotelkette nicht mehr betreten durfte. Aber das war es wert gewesen!
In diesem Jahr sollte die Party also auf Ollys Yacht steigen.
Normalerweise ging ich bei dem jährlichen Event in all den Gästen unter, denn die Silvesterparty fiel von Jahr zu Jahr größer aus. Vor zwei Jahren waren wir auf einer Burg in Schottland gewesen, in der extra dafür angeworbene Schauspieler, die ich sogar kannte, ihr Unwesen trieben. In all der Zeit verbrachte ich nur eine Stunde gemeinsam mit Libby – der Rest war durchchoreografiert, mit geröstetem Wildbret an einer langen Tafel und einem »Mord im Dunkeln«, in dessen Verlauf Theaterblut und Pyrotechnik zum Einsatz kamen, nicht zu vergessen der Stuntman, der von einem der Türme hinunter in den Wassergraben gesprungen war.
Für dieses Jahr war die Gästeliste zurechtgestutzt worden; Libby beschrieb sie als »intimer und gehobener.« Ich schätze, das lag daran, weil eine Yacht nun mal kleiner als eine Burg ist, und so fühlte ich mich irgendwie geehrt, dass ich es auf die Liste geschafft hatte. Eigentlich unglaublich, aber ganz gleich, wie unterschiedlich unser Leben verlief, Libby blieb dieser Tradition treu. Als wüsste sie, wie hart es für mich in dieser Zeit des Jahres war, und deshalb nicht wollte, dass ich den Jahreswechsel allein verbringe, insbesondere seit ich auch noch Mum verloren hatte.
Maggie und ich, wir kannten Libby beide von früher. Wir waren zusammen aufgewachsen und hatten dieselbe Mädchenschule besucht. Ich hatte natürlich ein Stipendium. Dad war Busfahrer und meine Mutter arbeitete in der Essensausgabe der Kantine, bis er eines Tages starb. Damals machte es mir nicht so viel aus. Erst als ich ein bisschen älter war, begriff ich allmählich, wie unterschiedlich unsere Familien waren. Und sobald mir das bewusst geworden war, schien es immer schlimmer zu werden. Es gab einen heiklen Moment, als Libby und Mags überlegten, in Oxford oder Cambridge oder im Ausland zu studieren, und ich glaubte, ich hätte für immer das Nachsehen. Aber da Maggies Prüfungsergebnisse nicht so rosig aussahen und Libby mehrfach gegen die Vorschriften verstoßen hatte, blieben die beiden zum Glück näher an meinem Level, und mit meinen ausgezeichneten Ergebnissen in Kunst und einer ganzen Reihe von Krediten gingen wir letzten Endes alle auf dieselbe Uni. Ich wollte unbedingt dorthin, wo die beiden hingingen, und Maggie hatte Libby sowieso immer schon in allem nachgeahmt.
Maggie – Tochter eines halbwegs erfolgreichen Models und des Inhabers eines französischen Modemagazins, das in den späten Neunzigern Konkurs anmelden musste – war immer schon etwas empfindlich gewesen, sobald es um das schwindende Vermögen ihrer Eltern ging, vor allem, wenn sie mit Libby mithalten wollte. Mags hatte die Namen ihrer Eltern und ihren Upper-Second-Class-Abschluss in textilem Gestalten genutzt, um in der Modebranche Fuß zu fassen, aber manchmal dachte ich, dass sie nur darauf wartete, dass alles den Bach runterging wie bei ihren Eltern. Ich fragte mich auch, ob das der Grund sein mochte, warum sie sich zu ihrem Verlobten Leon hingezogen fühlte. Denn wenn sich bei ihr alles zum Schlechten wendete, könnte sie immer noch auf seinen Namen zurückgreifen. Da ich gerade an Leon denke … leider würde auch er auf der Party sein. Nicht bloß wegen Maggie, sondern weil er Olly kannte.
Harry war der letzte Gast. Er war über Libby zu unserer Clique an der Uni gestoßen. Im ersten Jahr waren die beiden eine Woche lang zusammen gewesen, bis Libby einen anderen hatte und Harry den Studiengang abbrach, um stattdessen bei einem Elektriker in die Lehre zu gehen. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob wir Harry danach überhaupt wiedergesehen hätten, wenn er nicht in ein Haus in der Nähe des Campus gezogen wäre. Dort wohnten jede Menge Azubis und Typen von der Berufsschule, aber das Haus lag nun mal in der Nähe der Clubs und – das war entscheidend – abseits allen neugierigen Sicherheitspersonals der Uni und etwaiger zu Besuch kommender Eltern. In unserem ersten Jahr wurde Harrys Haus ziemlich schnell zum Treffpunkt fürs Vorglühen, ehe wir durch die Clubs zogen – später konnten wir bei Harry unseren Rausch ausschlafen. So kam es, dass er bald zu unserer Clique gehörte. Und als wir den Campus schließlich verließen, wäre es uns nie eingefallen, Harry nicht weiterhin einzuladen.
Harrys SMS kam mit einem Pling rein.
Angst, dass ich dich bloßstelle? Wenn du dich damit besser fühlst, lasse ich meinen Hermelinpelz und die Diamanten im Rolls.
Ich schnaubte. Das war Harry wie er leibte und lebte; was für eine Erleichterung.
Mein Auto stand im unteren Deck eines Parkhauses und war das einzige, abgesehen von dem Van der Sicherheitsfirma. Ich zitterte, als ich zu meinem Wagen ging. Wenn ich so darüber nachdachte, klang ein Hermelinpelz gar nicht so schlecht. Ich würde noch erfrieren, wenn es so kalt blieb und ich unterwegs anhalten müsste, um ein Nickerchen zu machen. Ganz zu schweigen von der Vorstellung, einige Zeit an Deck verbringen zu müssen, wenn ich mich erst einmal für die Party umgezogen hatte. Ich überlegte, noch schnell nach Hause zu fahren und eine Decke oder eine Jacke zu holen, nur für alle Fälle, aber ich stand auch so schon unter Zeitdruck.
Und wen kümmerte es, wenn ich mir den Arsch abfrieren würde? Ich würde teuren Champagner schlürfen, winzige Kleckse von aufwendig angerichteten Leckerbissen essen und ein paar tolle Tage mit meinen Freunden erleben. Wir würden uns Geschichten von der Zeit an der Uni erzählen und uns gegenseitig vorjammern, dass seit dem Abschluss fast zehn Jahre ins Land gegangen waren, einmal abgesehen von dem drohenden Grauen, bald dreißig zu werden. Für die Dauer eines Wochenendes würde ich die Hannah aus dem Callcenter hinter mir lassen und zu meinem alten Ich zurückkehren, jenes, das nur Libby und Mags aus mir herauszukitzeln vermochten. Das Ich, das Zeit und Energie für Kunst und Tanzen hatte, auch für absurde Geständnisse in Toilettenkabinen, die unter Kichern abgelegt wurden. Sosehr ich auch Bedenken wegen der Party hatte, es war der jährliche Trip zurück in eine Zeit, in der ich wirklich glücklich gewesen war. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Auf keinen Fall.
Im Auto drehte ich die Heizung bis zum Anschlag auf und hoffte, dass ich es wenigstens einigermaßen warm hätte. In der Halterung für Tassen hing ein Becher mit Kaffee aus dem Büro, und vor mir lag eine lange Fahrt. The Best of Dolly Parton senkte sich mit einem Klicken ins Kassettenlaufwerk – eine Erinnerung daran, dass ich immer noch dasselbe Auto wie an der Uni hatte –, dann setzte ich rückwärts aus der Parkbucht und fuhr in Richtung Hauptstraße.
Ich kam ziemlich gut voran, alles in allem betrachtet. Vorteilhaft war, dass die Straßen fast verlassen waren. Und da selbst die Autobahn nicht so voll wie sonst war, fuhr ich meine hundert Stundenkilometer. Schneller wollte ich nicht fahren, weil es sich dann anfühlte, als würde sich mein Auto zerlegen.
Auf der Überfahrt mit der Fähre bekam ich eine Stunde Schlaf und verbrachte die verbleibende halbe Stunde mit der Frage, ob es den Zeitaufwand wert war, dreißig Pfund zu sparen. Ich hätte doch besser den Tunnel nehmen sollen. Auf der Fähre war es ziemlich trostlos – da es schon so spät war, betranken sich die Passagiere oder schliefen in der Spielecke für Kinder.
Schließlich zockelte ich durch Nordfrankreich und hatte das Gefühl, noch müder geworden zu sein, weil ich mir ein bisschen Schlaf gegönnt hatte. Daher kurbelte ich beide Fensterscheiben herunter, um bei dem Fahrtwind wach zu bleiben.
Nach einer Stunde Fahrt in Richtung eines annehmbaren Rastplatzes, den mir das Internet für die Übernachtung schmackhaft gemacht hatte, klingelte mein Handy erneut. Es hing in der Halterung am Armaturenbrett, und ich stellte auf Lautsprecher. Es war Harry.
»Bonjour, Madame – comment allez-vous? Mehr Französisch kann ich übrigens nicht, du solltest es also genießen.«
»Läuft so weit, Harry«, sagte ich und kurbelte die Scheibe der Fahrertür wieder hoch, um ihn besser verstehen zu können. »Und es muss ›Mademoiselle‹ für unverheiratete Frauen heißen. Libby ist eine Madame.«
»Das ist sie sicher – kannst du dir vorstellen, dass sie mir gerade noch mal den Dress-Code durchgegeben hat? Als ob ich mich dann daran hielte.« Ich hörte ein Rascheln, was verdächtig danach klang, dass er sich noch im Bett rekelte.
»Ich wollte eigentlich schon schlafen«, sagte er, als hätte er meine Gedanken gelesen, »aber dann dachte ich, ich sorge dafür, dass du dich nicht verfährst und noch in Amsterdam landest. Denn in diesem Fall könnte ich zu dir stoßen.«
»Hättest du wohl gern. Nein, ich bin in Frankreich und schon auf dem Weg – keine Chance also für dich, Olly zu entkommen.«
»Was für ein Jammer.« Harry seufzte. »Aber ich denke, du meinst eher, dass Olly keine Chance hat, mir zu entkommen. Seiner Meinung nach bin ich die schlimmste Person, die es gibt, wogegen ich ihn bloß für einen Vollidioten halte.«
»Versuch, freundlich zu sein.« Ich musste gähnen. »Es ist schließlich sein Boot, schon vergessen?«
»Wenn ich Vollidiot sage, dann bin ich bereits freundlich. Ich wollte dich nur nicht mit Beleidigungen schocken, während du fährst. Wie ist die Aussicht so?«
»Äh … dunkel und voller Motten?«
»Hör auf, wenn du es so sagst, klingt es so romantisch«, sprudelte es aus ihm heraus. »Wie soll ich jetzt noch schlafen?«
Ich musste kichern. »Gute Nacht, Harry.«
»Bonne nuit.«
»Du kannst also doch noch mehr Französisch«, sagte ich, aber da hatte er schon aufgelegt. Ich verdrehte die Augen.
Um mir die Zeit zu vertreiben, überlegte ich, was wir eigentlich tun würden, sobald wir auf dieser Yacht waren. Libby hatte sich leider sehr bedeckt gehalten, was die Details betraf. Aber wir würden bestimmt nicht weit rausfahren, denn Olly wollte die Party genießen und hätte keine Lust, das ganze Wochenende damit zu verbringen, auf dem Mittelmeer rumzuschippern. Eine kleine Bootstour und vielleicht eine Band an Deck, die über den Jahreswechsel für uns spielen würde, so in etwa sah die Planung wahrscheinlich aus. Andererseits klang das ein bisschen zu gesetzt für jemanden wie Libby. Vor drei Jahren hatte sie ihre Party im Royal Opera House in London geschmissen. Wir hatten den Abend dort in der Paul Hamlyn Hall verbracht, mit Akrobaten und Tänzern in Seidenkostümen, die über unseren Köpfen auftraten: an den Eisenstreben des riesigen wintergartenähnlichen Gebäudes hängend. Libby hatte auch dieses Jahr wieder etwas Besonderes geplant; ich konnte es regelrecht spüren.
Doch selbst meine Vorfreude auf das, was mich erwartete, vermochte nicht, mich auf Dauer wach zu halten, und ich gähnte fürchterlich, als ich den Platz erreichte, den ich mir für ein paar Stunden Schlaf ausgeguckt hatte.
Frankreich war ein bisschen entspannter als Großbritannien, was nächtliches Parken und Campen betraf, so hatte ich es zumindest gelesen und mir einen akzeptablen öffentlichen Parkplatz ausgesucht, auf dem es keine Verbotsschilder gab, dort im Auto zu übernachten. Eine Reihe Bäume schirmte den Platz von der Straße ab, und auf der gegenüberliegenden Seite schlängelten sich zwei Wanderwege in einen Kiefernwald. Zumindest auf der Karte. In der Dunkelheit konnte ich nämlich nichts sehen, nachdem ich erst den Motor abgestellt hatte. Gern hätte ich eine Toilette zur Verfügung gehabt, oder eine Straßenlaterne, aber im Gegensatz zu einem Hotel war es umsonst, deshalb wollte ich das Beste draus machen.
Auf der Rückbank deckte ich mich mit einem Schlafsack zu und wälzte mich so lange hin und her, bis mein Körper sich an die Sitzfläche gewöhnt hatte. Ich wünschte, ich hätte die Fenster von innen zuhängen können, weil ich mich dauernd vergewissern musste, ob nicht doch jemand von draußen ins Auto glotzte. Ein paarmal glaubte ich, zu hören, dass dort irgendwer herumschlich, aber sobald ich mich aufrecht hinsetzte, war da nichts. Ich hatte bei meiner ganzen Planung nicht bedacht, wie gruselig es sein würde, eine Nacht in einem fremden Land in meinem miesen kleinen Wagen zu verbringen. Stundenlang lag ich da und konnte mich einfach nicht entspannen.
Ein Teil von mir wollte Harry anrufen, damit er mich beruhigte, aber es war zu spät, ihn jetzt noch zu behelligen. Nicht, dass es ihm etwas ausgemacht hätte. Einmal hatte ich ihn um ein Uhr morgens angerufen und gebeten, mich abzuholen, als mein Auto in Swindon liegen geblieben war. Harry war mit einem Kaffee und einem Lächeln aufgekreuzt. So war er eben. Libby, Mags und ich wussten, dass man ihn anrufen konnte, wenn man in der Klemme saß. Als wir noch auf der Uni waren und irgendetwas kaputt ging, transportiert werden musste oder wir wieder mal blau waren, aber kein Taxi auftreiben konnten – Harry war zur Stelle. Ich hatte ihn jetzt länger nicht gesehen, weil er so viel um die Ohren hatte, aber zwischendurch meldete er sich immer mal, wenn es die Zeit zuließ. Und er ging stets ans Handy, sobald ich anrief, weil ich wieder mal nicht weiterwusste oder jemanden brauchte, dem ich wegen der Arbeit etwas vorjammern konnte.
Irgendwann schlief ich ein und wurde erst aus dem Schlaf gerissen, als grelles Sonnenlicht durch die Scheibe fiel. Sofort fuhr ich hoch, knallte mit dem Kopf gegen die Innenverkleidung des Autos und versuchte krampfhaft, mich zu erinnern, wo ich überhaupt war. Und warum. Draußen schrie jemand etwas – eine Frau –, und ein Mann schrie zurück. Es war ein amerikanisches Pärchen; sie stritten sich, wo sie sich befanden oder wo sie eigentlich hätten sein müssen. Die Frau, die mich geweckt hatte, schlug entnervt auf einen Klappstuhl ein, bis er nachgab, während ihr Mann, dem Geruch nach zu urteilen, offenbar Kaffee kochte. Mir lief das Wasser im Mund zusammen.
Nachdem ich die Blockaden aus meiner neunundzwanzigjährigen Wirbelsäule gedehnt hatte, kletterte ich auf den Fahrersitz und erschrak beim Blick in den Rückspiegel. Eine bleiche Frau mit Schatten unter den Augen sah mich an, ihr Haar ein einziges Durcheinander, und auf ihrer Wange hatte sich der Abdruck eines Sicherheitsgurtverschlusses eingegraben. Na toll. Ich musste irgendeinen Ort finden, um mich frisch zu machen, ehe es zur Party ging.
Beim Blick auf die Uhr entfuhr mir ein Fluch. Ich hatte ewig geschlafen. Es war schon fast Mittag, und ich musste immer noch in ein anderes Land kommen.
Ursprünglich hatte ich mit der Idee geliebäugelt, auf dem Weg zur Yacht ein bisschen Sightseeing zu machen, aber ich war so müde und so spät dran, dass ich gerade noch die Kraft aufbieten konnte, die überall golden glänzenden Bögen von McDonald’s ausfindig zu machen, ehe ich in Richtung Italien weiterfuhr. Hinterm Steuer aß ich Hash Browns, während ich dem Verlauf der mir unbekannten Straßen folgte, und wischte die fettige Hand dann an meinen Leggins ab. Libby wäre entsetzt gewesen.
Da ich nördlich von Dijon geparkt hatte, um die Vorteile des Nationalparks und der dortigen Campingareale zu nutzen, lag jetzt noch eine Fahrt von etwa sieben Stunden vor mir. Nicht mit eingerechnet der Zwischenstopp bei McDonald’s, ein Sandwich auf die Hand, die Tankfüllung unterwegs und die Suche nach einem Ort, wo ich mich vor dem Eintreffen auf der Party schnell noch umziehen konnte.
Letzten Endes schlüpfte ich in einer öffentlichen Toilette in meine Partyklamotten und holte das Make-up im Autospiegel nach. Kein besonders glamouröser Start, aber außer mir würde ja niemand davon erfahren. Und alles in allem hatte ich den Eindruck, dass ich ganz okay aussah.
Endlich erreichte ich Ventimiglia, jene Stadt, wo Ollys Yacht im Augenblick festgemacht hatte. Es wurde schon dunkel um diese Zeit, aber ich kam nicht umhin, die Sehenswürdigkeiten auf mich wirken zu lassen, während ich durch die Stadt fuhr. Die weitläufigen, karamellfarbenen Steinhäuser erinnerten mich ein wenig an Bath, übrigens auch die gewundenen Straßen. Aber die Ziegeldächer, Bögen und schlanken Kirchtürme waren eindeutig italienisch.
Die Marina lag in einem Viertel aus Hotels und Restaurants, und alle waren voller Gäste. Es war Silvester nach neun Uhr abends, und wohin ich auch blickte, tummelten sich Leute, die unbekümmert vor meinem Auto die Straße überquerten. Ein einziges Chaos. Normalerweise hielt ich mich für eine selbstbewusste Fahrerin. Ich hatte schon viele Camping-Trips nach Frankreich gemacht, sowohl allein als auch gemeinsam mit Nicola und Rosemary, zwei Freundinnen aus meiner Kunstgruppe. (Beides ältere Damen, die genauso überarbeitet wie ich waren.) Und einmal hatte mich mein Ex Jimmy gefragt, ob ich ihn auf einer Reise durch die USA begleiten wolle, aber ich hatte ihm eine Absage erteilt – Pärchenausflüge waren ein No-Go für mich. Dennoch, nach einem Tag nonstop am Steuer war selbst ich nicht mehr ganz so cool. Hinzu kam, dass die Autos auf beiden Seiten der Straße parkten und etliche Seitenstraßen abgesperrt und mit Schildern in italienischer Sprache zugekleistert waren.
Nachdem ich den Parkplatz gefunden hatte, ließ ich mein Auto mehr oder weniger im Stich. Ich wollte einfach raus und es ein paar Tage lang nicht mehr sehen. Ich bezahlte den Parkplatz und holte mein Gepäck und die Geschenke für meine Gastgeberin aus dem Kofferraum. Obwohl ich nur zwei Tage bleiben würde, hatte ich viel zu viel Gepäck dabei – die Tasche war schwer und ließ sich ärgerlicherweise echt schlecht tragen. Ich überlegte kurz, ob ich auf dem Weg bis zum Boot meine Sportschuhe anziehen sollte, aber damit hätte ich wohl gegen Libbys ästhetisches Empfinden verstoßen. Da die Sneaker nicht mehr in meine Tasche passten, ließ ich sie im Auto.
Die Marina war halbkreisförmig angelegt, was ich so noch nie gesehen hatte. Das Dock war gepflastert und verlief vom Parkplatz aus in beide Richtungen in einem leichten Bogen, zwischendurch immer wieder makellos weiße Boote, die im ruhigen Wasser dümpelten. Die Sterne standen am Himmel und funkelten wie Nuggets aus Eis, und ich legte den Kopf in den Nacken, um den Anblick auf mich wirken zu lassen. Sogar der Mond, nicht mehr als eine hauchdünne Sichel, schien klar und hell. Es sah wirklich wunderschön aus. Gerne hätte ich diesen Blick noch länger genossen, aber die Temperatur lag leider im einstelligen Bereich und ich wollte einfach nur ins Warme. Was bedeutete, dass ich erst einmal Ollys Yacht finden musste.
Die sündhaft teuren Schuhe, die Libby mir geschenkt hatte, wiesen nicht einen Millimeter Fußpolster auf; mir war, als würde ich die Plastik-Heels eines Prinzessinnenkostüms tragen. Also zuckte ich bei jedem Schritt über die unebene Straße zusammen, ehe ich die wirklich riskante Treppe zum Kai in Angriff nahm. Die Seeluft war so rein, aber auch so knackig kalt, dass es beim Atmen in der Lunge stach. Aber ich sog die Luft trotzdem ein und verspürte eine innere Ruhe, zum ersten Mal, seitdem ich am Abend zuvor meinen Arbeitsplatz verlassen hatte. Das Einzige, das dieses Gefühl ein klein wenig trübte, waren die tiefen Bässe, die von irgendwo herüberdröhnten – ich konnte die Vibrationen förmlich auf den Steinplatten am Kai spüren.
»Oh, mein Gott – Han! Han! Hier drüben!«
Ich verspannte mich, und mein Blick glitt entlang der Reihe von Booten. Jedes Boot sah anders aus, mal mit Lichterketten geschmückt, mal mit erleuchteten Bullaugen, auf einigen Decks wehten Gebetsfahnen, auf anderen standen echte Lorbeerbäume, Liegestühle oder Kübel mit ausgreifenden dunklen Pflanzen. Ganz am Ende der Reihe lag jedoch ein Boot, das alle anderen klein aussehen ließ. Und auf dem obersten Deck stand Libby und winkte mir im weißen Licht mehrerer Scheinwerfer zu.
Ich schleppte meine Tasche bis zur Gangway, die aufs untere Deck führte. Es war das größte der drei Decks auf der Yacht, erleuchtet von Scheinwerfern, die sich um die eigene Achse drehten, was mich irgendwie an alte Filmpremieren erinnerte. Über mir schwebten Bänder mit glitzernden Perlen, die wie imposante Spinnweben herabhingen, durchsetzt mit Girlanden, deren Wimpel mit Monogrammen versehen waren – Goldfäden auf weißer Seide, die Ollys und Libbys Initialen vereinten. Es herrschte eine gewisse Hochzeitsstimmung, und ich fragte mich, ob das bedeuten mochte, dass die beiden um Mitternacht das Eheversprechen erneuern würden. Der Weg, der zu einer zweiflügligen Glastür führte, war mit weißen Blütenblättern bestreut, dazwischen lagen Flocken wie aus Blattgold.
Weitere Scheinwerfer schnitten durch die Dunkelheit auf dem oberen Deck, von wo Libby mir zugewinkt hatte. Das mittlere Deck bestand im Wesentlichen aus einem einzigen verglasten Raum, dessen bodenlange Scheiben in sanftem Licht zu pulsieren schienen, als wären sie mit Mikro-LEDs ausgestattet. Hinter dem Glas entdeckte ich weiße und goldene Ballons an der Decke.
Das untere Deck hatte seinen eigenen verglasten Raum, und im hinteren Bereich, von mehreren Scheinwerferkegeln beleuchtet, stand ein echter Hubschrauber, weiß und golden, damit er zum Boot passte. War das nun Absicht oder reiner Zufall? Ich verdrehte die Augen. Natürlich war das Absicht! Wer würde den eigenen Hubschrauber nicht in genau der Farbe bestellen, die die Yacht aufwies? Wer waren wir denn, etwa Wilde?
Sei nett, Hannah, rief ich mir in Erinnerung. Zumindest so lange, bis ich allein mit Harry war. Er war der Einzige, mit dem ich offen sprechen konnte, wann immer Libbys absolut übertriebener Lifestyle kaum noch zu ertragen war. Aber soweit ich wusste, hatte Harry vielleicht schon seinen eigenen Hubschrauber bestellt, jetzt, da er Kohle scheffelte wie die anderen.
»Hannah!«, rief Libby, als sie die Flügeltür des verglasten Raums aufstieß und mir entgegeneilte, die Arme ausgebreitet zur Begrüßung, während ihre Heels die Blütenblätter aufwirbelten. Als sie mich in die Arme schloss, spürte ich, wie der verschüttete Champagner auf ihrem Kleid meinen Blazer und die Schulterpartie meines Kleids durchfeuchtete. Libby drehte sich einmal mit mir schwungvoll im Kreis und schmatzte klebrige Küsschen mit Lipgloss auf meine Wangen. »Ich bin so happy, dass du endlich da bist! Du hast ja ewig gebraucht!«
Ich nahm einen Hauch Zigarettenrauch in ihrer Parfümwolke wahr. Hatte sie etwa wieder mit dem Rauchen angefangen? Vor Jahren hatte sie es aufgegeben, weil Olly meinte, es sähe zu gewöhnlich aus. Vielleicht hatte er es sich anders überlegt – oder ihr war es inzwischen egal, was er dachte.
Sie trat einen halben Schritt zurück, und wir begutachteten einander vom Scheitel bis zur Sohle: unser Outfit-Check. Libby sah, wie immer, umwerfend aus. Seit der Schulzeit stand sie auf künstliche Bräune und hatte sich ihr Haar professionell blond färben lassen, um den glamourösesten Angestellten in den Clubs ihrer Familie nachzueifern. Seitdem hat sie ihre äußere Erscheinung noch weiter vergoldet, mit mehreren Brustkorrekturen, einem neuen Hintern, aufgepolsterten Lippen und Extensions, sowohl am Haar als auch an den Wimpern – was alles fast natürlich wirkte, weil sie sich eben die teuersten Stylisten leisten konnte. Libby hätte problemlos einfach so von einem Baywatch-Strand kommen können.
Sie trug ein kurzes goldenes Kleid, das über und über mit Glasperlen besetzt war – das musste eine Tonne wiegen –, und bei ihrer Bräune stach der weiße Pelzmantel, den sie sich um die Schultern gelegt hatte, noch heller hervor als das Gold und die Diamanten, die sie um den Hals trug. Ein winziger, gehässiger Teil von mir fragte sich, ob sie sich extra so angezogen hatte, damit sie optisch zur Yacht und zum Hubschrauber passte.
»Sieh dich nur an«, trällerte sie. »Gott, du bist so gut darin, dich mit den Basics auszustatten.«
Ich brachte ein Lächeln zustande und fasste das Kompliment so auf, wie es hoffentlich gemeint war. Es war ja nicht ihre Schuld, dass sie so direkt daherkam. So war sie immer schon gewesen. Als wir einmal für ein Abschlusskleid shoppen waren, meinte sie, in dem Kleid meiner Wahl sähe ich aus wie »eine Vogelscheuche mit Buckel«, und sie hatte recht. Letzten Endes besaß ich noch ein fantastisches Foto vom Abschlussball, weil Libby ein tolles Kleid für mich ausgesucht hatte.
»Komm, du musst dir unbedingt ansehen, was wir drinnen gemacht haben. Kein Dankeschön an die absolut furchtbaren Leute vom Catering. Holen wir dir auch gleich einen Drink. Dieser Champagner ist köstlich, aber ich kann es kaum abwarten, Cocktails zu mixen«, trällerte sie, als würde sie für eine Reality Show proben, bei der Besitzer von millionenschweren Yachten auftraten. Klar war jedenfalls, dass sie schon einiges von dem »köstlichen« Champagner intus hatte.
»Hört sich an, als könnte ich das gebrauchen. Das ist übrigens für dich.« Ich reichte ihr die Tüte mit den Geschenken, die sie mir mit perfekt gestylten Händen abnahm.
»Oh, das ist ja so lieb von dir!« Libby machte die Tüte auf und blickte auf die Schachtel mit Pralinen von einem speziellen Laden auf der High Street – dafür hatte ich fünf Stunden meines Lohns hingeblättert – und auf die Flasche Whisky, die für Olly bestimmt war. Sie war zwar aus dem Supermarkt, aber trotzdem in einer edlen Pappröhre; die Sorte benutzte man sicher nicht, um sie mit Cola zu mischen. Libby machte die Tüte zu und lächelte mich an.
»Du bist so süß. Olly wird das lieben.«
Ich lächelte und spürte, wie ich mich ein wenig entspannte. Die Fahrt war vorüber, und dieser Abend sollte die Belohnung dafür sein, dass ich in nur zwölf Stunden durch zwei Länder gefahren war.
»Komm, ich zeige dir, wo du schläfst, dann kannst du das alles abstellen« – sie zeigte auf meine Tasche – »und danach besorgen wir dir einen Drink und lassen die Party steigen!«
Libby führte mich in den Bauch der Yacht, in eine Art Lobby mit einem Kamin aus weißem Marmor, schneeweißen Couchen und runden Goldtischchen, auf denen Vasen mit Lilien standen. Weitere O&L-Monogramme zierten kleine seidene Kissen. Zum Glück brannte ein Feuer in dem Kamin. Im Innern des Boots war es wärmer als in meiner Wohnung, und das alles, obwohl man durch die Verglasung freien Blick auf die dunkle See hatte. Auf einem der größeren Tische türmte sich eine Pyramide aus leeren Champagnergläsern, bereit für eine Champagnerquelle, sobald uns der Sinn danach stand.
»Alles komplett neugestaltet«, betonte Libby, als sie über den Boden aus hellem Holz stöckelte. »Von oben bis unten. Die Vorbesitzer hatten alles in Eiche und Leder. Komplett, kannst du dir das vorstellen?«
»Ja«, sagte ich, hatte aber keinen Schimmer, von was sie da sprach. Eiche und Leder klangen gemütlicher als Marmor und Metall. Bei all den picobello glänzenden Oberflächen aus Gold, Marmor und weißem Leder hatte ich das Gefühl, als hätte sich hier eine Zahnhygienikerin übers Wochenende ausgetobt.
»Die Kabinen sind alle unten. Die Yacht bietet Platz für zehn Personen in fünf Schlafzimmern, also jede Menge Platz – obwohl die zusätzliche Kabine im Augenblick verschlossen ist.« Sie warf mir ein durchtriebenes Lächeln zu. »Ich kann nicht zulassen, dass es in dieser Nacht wild durch die Betten geht!«
Wenn man bedachte, dass auf der Gästeliste zwei Paare standen sowie Harry und meine Wenigkeit, erschien es mir unwahrscheinlich, dass das alles in einer Orgie enden würde. Dennoch, ich spürte, wie meine Wangen heiß wurden, während ich versuchte, den Hintergedanken ihres kleinen Scherzes zu erraten. Hatte ich zu viel hineininterpretiert?
Libby stakste die Treppe hinunter zu den Kabinen und musste über sich selbst lachen, als sie auf der untersten Stufe ins Straucheln geriet. Jede Stufe war von innen mit Neonröhren erleuchtet, was die Ästhetik einer protzigen Zahnarztpraxis noch verstärkte. Wir folgten dem Verlauf des Flurs, bis Libby eine mit Spiegelglas bestückte Tür zu einem Raum aufstieß, in dem ein King-Size-Bett stand, halb begraben unter Schaffellen und Plüschkissen. Aus dem digitalen Wecker am Bett dudelte leise klassische Musik, daneben stand eine Karaffe mit Minzwasser neben einer Schlafmaske aus Satin und einer Duftkerze von Jo Malone. Meine Füße versanken in cremefarbenem Teppich, und ich reckte den Kopf, um den Schminktisch gegenüber dem Bett besser sehen zu können. Da hatte jemand eine ganze Reihe Modemagazine ausgelegt, und auf dem Flatscreen dahinter war ein loderndes Kaminfeuer zu sehen.
Ich würde nur zwei Nächte bleiben, aber in dieser Kabine hätte ich gerne auch einen dreiwöchigen Urlaub verbracht. Sie war größer als Küche und Schlafzimmer bei mir zu Hause zusammen. Libby nahm mir die Tasche ab und legte sie aufs Bett, genauer gesagt auf einen sauber gefalteten Morgenmantel, der mit weißen Rosen verziert war. Dort legte sie auch die Tüte mit den Geschenken ab, bedeutete mir dann mitzukommen und schloss die Tür wieder.
»Also dann – Zeit für Drinks.«
Mein Lächeln war verkrampft. Vermutlich hatte Libby bloß vergessen, warum sie die Tüte in der Hand gehabt hatte, oder war etwas zu benebelt, um sich daran zu erinnern, dass ich ihr die Sachen geschenkt hatte. Deswegen wollte ich mir aber nicht den Abend verderben lassen.
»Nach dir. Dann wollen wir die Party mal steigen lassen«, sagte ich.
»Hannah! Wir dachten schon, du würdest nie ankommen«, rief Maggie, als ich die letzte Stufe zum Oberdeck nahm. Sie lehnte mit beiden Armen auf der Reling, als posierte sie für ein Foto-Shooting. Außer ihr war nur Leon oben an Deck, er lag lang ausgestreckt auf einer Ledercouch an der gegenüberliegenden Reling. Keine Spur von Olly oder Harry. Ich hoffte doch sehr, dass Harry nicht im letzten Moment abgesprungen war.
»Ich bin so schnell gekommen, wie ich nur konnte«, sagte ich. »Immerhin kann ich nicht sagen ›Ich bin seit letztem Jahr gefahren‹.«
Bei diesem kleinen Scherz lächelte bloß Maggie, wobei sich ihr perfekt geschminktes Gesicht kaum regte. Sie stöckelte heran und hauchte mir Küsschen auf die Wangen. Sie war genauso extravagant gekleidet wie Libby, hatte aber die »Weniger-ist-mehr«-Richtung eingeschlagen. Sie trug ein anthrazitfarbenes Raw-Edge-Cocktailkleid mit sichtbaren Nähten, das trotzdem mehr gekostet hatte als eine ganze Etage meines Primark-Discounters zu Hause. Wahrscheinlich hatte sie das Kleid selbst entworfen, denn es passte ihr wie angegossen und brachte ihre bloßen Arme und die ausgeprägten Schlüsselbeine zur Geltung. Das lange schwarze Haar hatte sie streng zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden, für den jedes Vollblut gelobt worden wäre, und von ihren Ohrläppchen hingen ihr die Diamanten fast bis auf die Schultern. Die teuren Ohrgehänge passten zu dem mondbohnenförmigen Stein, der ihren eleganten Finger zierte.
»Du siehst umwerfend aus«, platzte es aus mir heraus.
»Danke, Liebes – du siehst auch sehr nett aus«, sagte Mags. »Dieser Blazer ist von Terrico, weißt du.«
»Oh, klar«, sagte ich, hatte aber keine Ahnung, wer das nun wieder sein sollte. Vermutlich ein kleinerer Designer, wie der, mit dem sie letztes Jahr zu tun gehabt hatte und der alles aus Biegeringen aus Sterlingsilber fertigte.
»Hm, ja, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, haben die versucht, eine Übergrößen-Kollektion auf den Markt zu bringen, aber das hat nicht geklappt. Sie haben uns den ganzen Kram überlassen – zum Recyceln. Eine grüne Initiative, die man steuerlich absetzen kann.«
Ich presste die Lippen aufeinander und nickte, weil ich meiner Stimme nicht vertraute. Maggie hatte wohl vergessen, dass sie es war, die mir den Blazer geschenkt hatte. Doch so war sie nun mal, so vage und luftig wie ihre Entwürfe. Tatsache war aber, dass mich ihre künstlerische Ader und ihr cooles Auftreten immer schon in ehrfürchtiges Staunen versetzt hatten. Mit ihrer Vergesslichkeit hatte sie mich allerdings trotzdem verletzt. Es war mir egal, dass sie den Blazer umsonst bekommen hatte – schließlich benutzte ich ja auch immer noch eine Schlafmaske, die ich vor fünf Jahren aus einem Hotel hatte mitgehen lassen –, es tat nur ein bisschen weh, dass Maggie sich offenbar so wenig Gedanken wegen des Geburtstagsgeschenks für mich gemacht hatte, dass sie schon vier Monate später nicht mehr wusste, was sie mir überhaupt geschenkt hatte.
Maggie entfernte sich von mir und näherte sich dem Rollwagen, auf dem die Drinks standen. Leon, ihr Verlobter, machte sich nicht die Mühe, sich von der langen Ledercouch zu erheben, um mich zu begrüßen. Hätte er nicht ab und zu einen Schluck aus seinem Glas genommen, wäre ich davon überzeugt gewesen, dass er schlief.
Leon hatte ich nur ein paarmal getroffen und war immer wieder aufs Neue überrascht, wie kräftig er gebaut war. Er hatte den Body eines Rugbyspielers, und auf der Uni hatte er das zweifellos auch gespielt. Mit seinen runden, rosigen Wangen und dem wuscheligen Blondschopf sah er immer noch wie ein halber Schuljunge aus. Zusammen ergänzten sich Maggie und er wie Tag und Nacht. An diesem Abend hatte Leon sich in ein blassrosa Hemd, eine weiße Hose und einen dunkelblauen Blazer gezwängt. Bedenklich war, dass er keine Socken in seinen braunen Slippern trug. Etwas seltsam fand ich auch die Sonnenbrille, da es ja längst dunkel war – vielleicht hatte er sie aber wegen der ganzen Scheinwerfer an Deck aufgesetzt.
Libby schenkte mir ein Glas Champagner ein, das sie mir in die Hand drückte, ehe sie ihr eigenes Glas erneut füllte und sich an der Reling anlehnte, wobei sie einen Fuß durch die Stäbe schob, wie ein Kid auf dem Schulhof, das sich cool gibt. Mein Kleid hatte immer noch diese feuchte Stelle von ihrem letzten Drink, daher ahnte ich, dass ich meinen Blazer noch eine Weile nicht ablegen konnte. Was ein Jammer war, weil ich mich unter den raumschiffartigen Heizstrahlern an Deck schon ein bisschen erhitzt fühlte.
»Du musstest bestimmt heute noch arbeiten, wie?« Maggie zuckte mitleidsvoll zusammen und legte sich neben Leon auf die Couch, einen neuen Drink in der Hand. »Gott, weißt du noch, Libs? All die Samstage, an denen wir uns gegen sechs aus den Wohnheimen schleppen mussten, um die Schicht bei Topshop zu übernehmen?« Sie lachte und schüttelte den Kopf, als wäre diese Vorstellung heute absolut abwegig. Aber ich war überrascht, dass sie sich überhaupt erinnerte. Denn sie hatten nur drei Monate dort gejobbt, über den Jahreswechsel. Als wäre es ein Abo im Fitness-Studio gewesen, das sie ausprobieren wollten, dann aber beschlossen, dass das für sie nicht infrage kam. Ich hatte schon damals vermutet, dass sie sich nur einen Job gesucht hatten, weil alle anderen auch arbeiten gingen – daher hatten sie sich außen vor gefühlt, wenn der Rest von uns im Wohnheim von den Schichten bei Costa und Wetherspoons erzählte.
»Respektiert die Knochenmühle«, sagte Leon und nickte, als hätte er einen Beitrag geleistet, den ich nicht Rins inspirierendem Kalender hätte entnehmen können. »Ich habe seit letztem Monat auf Content gesetzt, damit ich während der Saison kein Upload verpasse.«
»Content?«, fragte ich, weil ich nett sein wollte.
»Leon hat einen Podcast ins Leben gerufen«, gurrte Maggie, als würde sie ihr Kleinkind loben, das lernte, zur Toilette zu gehen.
»Ich starte eine Bewegung«, verbesserte Leon sie.
»Um was geht es dabei?«, wollte ich wissen.
»Würdest du nicht verstehen. Ist nichts für dich.«
»Okaaay«, sagte ich gedehnt, denn mal ehrlich, was sollte man dazu noch groß sagen? Abgesehen von »hört sich nach Bullshit an.« Das hätte ich auch am liebsten geäußert, hielt mich aber zurück. Leons Appeal war immer schon an mir vorbeigegangen, doch ich nahm an, dass Maggie etwas in ihm sah. Und wenn es ihr nur darum ging, dass er alte Connections hatte, was Geld betraf, genau wie Olly. Schließlich hatte Maggie immer schon das haben wollen, was Libby hatte.
»Süße Schuhe, übrigens«, sagte Mags und deutete mit einer Kralle auf meine Heels. »Von Dior? Könnte sein … Kollektion von vor zwei Jahren?«
»Vor vier Jahren«, verbesserte Libby sie. »Wir lieben den Vintage-Moment.«
Wie, um alles in der Welt, hatte ich erwartet, damit durchzukommen? Libby hatte die Schuhe wahrscheinlich in dem Moment bemerkt, als ich an Bord ging. Okay, sagte ich zu mir, ruhig bleiben. Sie meinen es ja nicht so. Wir haben uns immer schon gegenseitig in die Pfanne gehauen. So hatte ich Libby zum Beispiel gnadenlos damit aufgezogen, weil sie mich einmal fragen musste, wie man eigentlich einen Geldautomaten benutzt. Ihr Dad hatte ihr immer Bargeld überlassen, für einen bestimmten Zeitraum, und jedes Mal, wenn eine von uns Geld nahm, nannten wir es »Daddys Portemonnaie plündern«. Genau wie wir uns beide über Mags lustig machten, die zwar ein Jahr lang in Portugal gelebt hatte, aber im Verlauf einer ganzen Erdkundestunde immer noch behauptete, es läge in Asien. Das war also alles nichts Neues. Ich musste mir nur ein dickeres Fell zulegen.
Schritte tapsten die Treppe vom zweiten Deck herauf, und Olly erschien. Er kam in einem rein weißen Outfit daher, abgesehen von seiner goldenen Armbanduhr. Die Kombination aus Rollkragenpullover und Bundfaltenhose zu weißen Slippern stach einem im Scheinwerferlicht grell in die Augen.
Olly war blass und groß und bildete einen Gegenpol zu Leons athletischem, wohlgenährtem Körper. Bei Olly hatte man immer das Gefühl, er würde an einer Strippe hochgehalten, ohne die er klappernd zu Boden fiele. Er besaß die gleiche ätherische Leichtigkeit wie Maggie, nur dass es bei ihm fast übertrieben wirkte – als bräuchte er tatsächlich ein Korsett für die Wirbelsäule. Libby meinte immer, dass Ollys Familie »sehr weit zurückreiche« (aber traf das nicht eigentlich auf alle Familien zu?) und dass sie früher einmal einen Titel besaßen (oder immer noch einen hatten, aber nicht mehr offiziell führten). Gott sei Dank, denn mal ehrlich, wenn ich Libby mit »Lady« oder »Baronin« anreden müsste, würde Harry sich vor Lachen nicht halten können und mit Lungenkollaps in die Klinik eingeliefert werden.
»Oh, Hannah – du bist ja … hier«, sagte Olly und zog die blassen Augenbrauen fast bis zum Haaransatz.
»Ja, ich habe gerade erzählt, dass es eine lange Tour war. Bin froh, dass es vorüber ist.«
»Klar«, sagte er, sah dann Libby an, die sich von der Reling löste und sich daranmachte, ihm ein Glas Champagner zu organisieren.
»Ich schätze, ihr hattet eine schnelle Anreise. Ist das eine Robinson R22, die ich da gesehen habe? Unser Hotel auf Bali hatte eine«, schaltete sich Maggie ins Gespräch ein.
War das etwas Neues von BMW, von dem ich noch nie was gehört hatte? Ich hoffte doch sehr, dass sich jetzt nicht gleich alles um Autos drehen würde. Meins war ja im Moment nicht zu sehen, aber ich war seit der Uni damit unterwegs, und sowohl Libby als auch Mags liebten es, mich zu fragen, ob der »Schrottexpress« noch in Betrieb sei. Ich hätte meinem Auto den Spitznamen selbst geben können, aber ihn aus ihrem Mund zu hören, wurde immer beschämender, je mehr Zeit verging.
»Sie ist eine Schönheit, oder nicht? Wir waren in null Komma nix hier – und sie ist fantastisch in der Luft. Nicht wahr, Libby?«
»Oh, absolut. Ich kann kaum glauben, wie einfach es jetzt ist, herumzukommen.«
Klar, der Hubschrauber. Plötzlich hatte ich ein Bild vor Augen, wie er im Park in der Nähe meiner Wohnung landet und Libby für einen kurzen Besuch herausspringt. Was natürlich sehr unwahrscheinlich wäre. Nicht unbedingt die Sache mit dem Hubschrauber – ich meine den Besuch. Sie war seit der Uni nicht mehr bei mir gewesen, denn die wenigen Male, da sie mich besuchte, verbrachten wir die Zeit in einem Restaurant oder in einem Wellness-Center – zwei ihrer Lieblingsorte.
»Es ist angenehm, den Landeplatz an Deck zu haben«, fuhr Olly fort. »Nach der Party lichten wir den Anker für einen Abstecher entlang der südfranzösischen Küste, danach lasse ich die Yacht wahrscheinlich zurück nach England bringen, damit wir nach Hause fliegen können, nachdem wir eine Stippvisite in unserem Haus in Paris gemacht haben. Ich habe keine Geduld für Kreuzfahrten, nur um auf See zu sein.«
»Oh, dann fahren wir also heute Abend … nirgendwo hin?«, fragte ich.
Alle sahen mich an, als hätte ich vorgeschlagen, Kurs auf das Bermuda-Dreieck zu nehmen. Leon schnaubte in seinen Drink, ehe er sich Maggie zuwandte und ihr etwas zuflüsterte, das sie zum Lächeln brachte.
»Ich dachte bloß … ich meine, weil ihr den Hubschrauber schon mal an Bord habt, da dachte ich …« Ich spürte, dass mir die Röte ins Gesicht stieg.
Libby lachte, als hätte ich einen Witz gerissen, von dem sie sich erst erholen müsste, und schlang den freien Arm um Ollys Taille. »Sorry, Han, aber wir bleiben im Hafen.«
Ich stand da und nippte am Champagner, während die anderen sich Markennamen von Helikoptern zuwarfen und mögliche Zielorte für die Yacht ins Spiel brachten. Zu diesem Gespräch konnte ich nichts beitragen und merkte, dass mir die ganze Szene an Deck immer unwirklicher erschien. Was das Geld betraf, spielten Olly und Libby nun schon seit Jahren in einer völlig anderen Liga, aber das hier war etwas anderes. Seit letztem Jahr mussten sie es ja wirklich gut getroffen haben. Ein Privathubschrauber und eine Yacht? Stand Olly kurz davor, seine erste Milliarde zu machen? Oder noch mehr?
Ich konnte förmlich spüren, wie der Graben zwischen uns immer weiter aufklaffte, weil wir keine gemeinsamen Erfahrungen mehr teilten, wie etwa verspätete Busse, Warenumtausch beim Supermarkt, steigende Energierechnungen und sterbende Einkaufsstraßen. Wann war Libby wohl das letzte Mal einfach in der Stadt shoppen gewesen und nicht in einem dieser exklusiven Designer-Ateliers? Mein Magen krampfte sich zusammen. Warum war mir das alles unangenehm, obwohl ich doch diejenige war, die auf dem Teppich geblieben war? Diejenige, die ein ruhiges, beschauliches Leben führte? Ich schätze, aus deren Sicht war mein Leben alles andere als normal. Unter ihnen war ich diejenige mit der »einzigartigen« Erfahrung.
»Alles okay, Hannah? Du bist so still?«, fragte Libby.
Hörte ich Olly da etwa lachen? Ein fast lautloses, verächtliches Schnauben? Oder war das nur mein angekratzter Stolz, der sich bemerkbar machte? Olly und Leon gaben mir nicht gerade das Gefühl, willkommen zu sein. Andererseits waren sie ja auch nicht meine Freunde. Befreundet war ich mit Libby und Mags. Und Libby sah nun tatsächlich besorgt aus.
»Ich muss mich noch von der Fahrt erholen. Du kannst dir ja vorstellen, dass man irgendwann unterwegs einen Tunnelblick kriegt.« Vielleicht hätte ich, um es mit einem Scherz zu versuchen, hinzufügen sollen »Wie es einem da oben sicher auch bei all den Wolken geht«. Aber die Atmosphäre fühlte sich im Augenblick etwas zu aufgeladen an.
»Die Straßen waren heute wie leer gefegt. Da konnte man endlich mal die Grenzen des Lambo austesten. In der Stadt bekommt er schließlich kaum Gelegenheit, richtig in Fahrt zu kommen.« Leon fixierte mich mit einem anzüglichen Blick. Sollte das eine Art Anspielung sein? Wenn ja, dann war das hoffentlich die letzte, die er mir zuwarf.
»Ich habe keine Ahnung, wie du es geschafft hast, dieses Auto so lange zu fahren, wenn man bedenkt, was wir der Kiste alles zugemutet haben«, sagte Mags zu mir und lachte glucksend. »Gott, weißt du noch den einen Abend, als wir auf der Fahrt zurück das Schild verpasst haben und auf der Brücke nach Wales gelandet sind? Wir haben Stunden bis nach Hause gebraucht.«
Ich entspannte mich wieder ein bisschen, erinnerte ich mich doch an diesen Abend und an all den Spaß, den wir zusammen hatten. Ich musste lachen. »Ich weiß noch, wie du von der Rückbank in den Kofferraum kriechen wolltest, um auf der Heimfahrt zu schlafen, und dann stecken geblieben bist.«
»Ahoi!«
Ich erkannte Harry an der Stimme, flitzte zur Reling und blickte hinunter auf die Straße am Hafen. Das meiste Licht kam vom Boot, daher konnte ich Harry ziemlich gut sehen; er blinzelte zu uns hinauf und winkte, obwohl er uns gegen das Licht kaum erkannt haben dürfte. Er hatte sich den rötlichen Bart abrasiert, seit ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, was eigentlich ein Jammer war, weil ihm der meiner Ansicht nach gut stand. Dafür war er zu meiner Erleichterung nicht so gekleidet wie Olly oder Leon. Ich meinte sogar, das T-Shirt zu erkennen, das er unter der Lammfelljacke trug, denn das Design hatte ich vor ein paar Jahren entworfen. Aber da hatte ich schon lange aufgehört mit meinem Siebdruck-Business. Immerhin, es war das Design, mit dem ich beinahe viral gegangen wäre – ein Bild von Dackeln, die dabei zusehen, wie ein hundeartiger Clown einen Luftballon zu einem Menschen formt.
»Du bist ganz schön spät dran!«, rief Libby ihm zu. »Vielleicht solltest du etwas von dem Geld deiner Kunstausstellungen abzweigen, um dir eine Uhr zuzulegen!«
»Ich musste noch schnell aus dem Duty-free-Shop ein bisschen Wein mitnehmen, der zum Anlass passt«, rief Harry zurück. »Ihr wisst schon, Perlen vor die Säue und so.«
Ich schaute mich um und sah, wie Olly die Augen verdrehte. Erst da kam mir wieder das in den Sinn, was er vorher gesagt hatte: »Oh, Hannah – du bist … hier.« Nicht etwa »Endlich bist du da« oder »Da bist du ja«, sondern nur »Du bist … hier«, als wäre er verwundert, dass ich gekommen war. Ganz so, als hätte man nicht damit gerechnet, dass ich überhaupt komme.
Ein kalter Schauer durchfuhr mich, den selbst die aggressiven Heizstrahler nicht zu zerstreuen vermochten. Bei Olly oder Leon hatte ich noch nie das Gefühl gehabt, wirklich willkommen zu sein. Sie waren nicht meine Freunde, sie gehörten eben zu Libby und Mags. Doch abgesehen davon, dass wir einfach nicht miteinander harmonierten, spürte ich jetzt stärker als je zuvor, dass ich eigentlich gar nicht erwünscht war.
»Ich komme an Bord!«, rief Harry und joggte die Gangway hoch.
Ich klammerte mich an mein Glas, als wäre es eine Rettungsleine. Zumindest war Harry gekommen. Für ihn waren wir alle nur ein paar Leute mit einer gemeinsamen Vergangenheit, vereint in dem Wunsch, noch vor Mitternacht sturzbesoffen zu sein. Dazu würde ich gern mein Glas erheben.
Nach Harrys Ankunft war es leichter für mich an Bord. Vielleicht lag das aber auch daran, dass Libby uns bereits zwei Runden Cocktails spendiert hatte. Wie dem auch sei, es wurde wesentlich erträglicher.
Nachdem Harry unserem Gastgeber eine Flasche Jacob’s Creek – mit kleinerem Label – in die Hand gedrückt hatte, die Olly allerdings nur widerstrebend annahm, zog Harry mich in seine Arme, drückte mich und wisperte »Hermelin und Diamanten, hab ich doch gesagt« an meinem Ohr. Die Umarmung währte nur kurz. Ich hätte etwas mehr Zuwendung gut gebrauchen können, aber es genügte, um den Bann zu brechen, den die Yacht auf mich ausgeübt hatte. Ich fühlte mich nicht länger fehl am Platz. Ich war hier zu Gast, und das waren meine Freunde. Zumindest … einige von ihnen. Ich würde einen netten Abend verbringen.
»Klasse T-Shirt«, sagte ich und deutete auf mein Design.
»Ich kann dir sagen, woher ich es hab.« Harry grinste. »Kleine Firma, sehr exklusiv.«
»Ich hörte, sie haben das Geschäft aufgegeben«, erwiderte ich und bemühte mich, euphorisch und witzig zu klingen.
Harry knuffte mir in die Schulter. »Nein, die kommen wieder, wart’s nur ab.«
Ich errötete, es war mir unangenehm, dass er weiterhin an mich glaubte, zumal ich nicht die Absicht hegte, noch einmal mit meinem Business durchzustarten. Ich hatte die Chance gehabt, etwas zu kreieren, das nur mir gehörte und auf das ich stolz sein konnte, aber dabei hatte ich mir die Finger verbrannt. Nie wieder.
Das Oberdeck wirkte mit einem Mal etwas beengt, da wir alle sechs dort standen, daher führte Libby uns aufs mittlere Deck, wo sich auch der Steuerstand der Yacht befand. Auf diesem Deck gab es eine Art Aussichtslounge mit einem modernistischen goldenen Kronleuchter und einem Tisch auf weißen Marmorplatten, auf dem Hors d’œuvres angerichtet waren. Der Rest des Mobiliars war nicht ganz so ultramodern wie das im unteren Deck. Einige Möbelstücke bestanden sogar aus Holz und nicht aus Metall, doch selbst die waren mit Perlmutt und mit etwas, das nach Elfenbein aussah, verziert. Ich fragte mich, ob es sich um Antiquitäten handeln mochte und begriff, dass dem bestimmt so war, trotz der neuen weiß-goldenen Polsterung. Hier gab es keinen Kamin, aber in der Mitte des Hors d’œuvres-Tischs befand sich eine Vertiefung mit klaren Kristallen und einer Art Flüssigbrennstoff, auf dem gelbliche Flammen tanzten. Ich war mir nicht ganz sicher, ob das nur reine Dekoration war oder die Variante eines Fondues, außerdem war es mir zu peinlich, genauer nachzufragen. Ich brauchte ja nur abzuwarten, ob irgendjemand anfing, Fonduespieße darüber zu halten.
