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Stell dir vor, du kannst in andere Welten reisen – aber nur wenn du dort bereits tot bist … »Erde 0« ist eine temporeiche SciFi-Dystopie voller Parallelwelten, Varianten und die Frage, wer wir sind, wenn wir unser Schicksal selbst bestimmen können. Perfekt für alle Fans der Marvel-Loki-Serie! Ausgerechnet ihre Herkunft, die ihr bislang immer im Weg stand, wird für die junge Cara zum Ticket in ein besseres Leben: Der charmante Wissenschaftler und Firmenmogul Adam Bosch sucht Menschen aus prekären Verhältnissen, denn er hat einen Weg gefunden, in parallele Welten zu reisen – doch dieser Weg steht nur denen offen, die in der Parallelwelt bereits tot sind. Als Weltenspringerin soll Cara möglichst viele Informationen für Adam sammeln. Bei einem ihrer Sprünge begegnet sie jedoch einer Version von Adam, die als despotischer Herrscher die ganze Welt unterdrückt. Kann Cara Adam und dem, was er angeblich für die Erde 0 plant, wirklich trauen? Die amerikanische Autorin Micaiah Johnson legt mit »Erde 0« einen Science-Fiction-Roman vor, der nicht nur mit detailliert und glaubwürdig ausgearbeiteten Parallelwelten, vielfältigen Charakteren und einer rasanten Story besticht, sondern fast nebenbei auch hoch aktuelle Themen wie Diversity, Armut und gesellschaftliche Ausgrenzung behandelt.
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Seitenzahl: 569
Veröffentlichungsjahr: 2021
Micaiah Johnson
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Simon Weinert
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Stell dir vor, du kannst in andere Welten reisen – aber nur wenn du dort bereits tot bist …
Ausgerechnet ihre Herkunft, die ihr bislang immer im Weg stand, wird für die junge Cara zum Ticket in ein besseres Leben: Der charmante Wissenschaftler und Firmenmogul Adam Bosch sucht Menschen aus armen Verhältnissen, denn er hat einen Weg gefunden, in parallele Welten zu reisen – doch dieser Weg steht nur denen offen, die in der Alternativwelt bereits tot sind. Als Weltenspringerin soll Cara möglichst viele Informationen für Adam sammeln. Bei einem ihrer Sprünge macht Cara jedoch eine Entdeckung, die alles infrage stellt, was sie bislang über Erde 0 zu wissen glaubte. Kann sie Adam und seinen Plänen wirklich trauen?
»›Erde 0‹ lässt uns dankbar zurück, in dieser Welt zu existieren, einer Welt, in der Autorinnen solche Bücher schreiben.« The New York Times
Widmung
Teil eins
Kapitel eins
Kapitel zwei
Kapitel drei
Kapitel vier
Teil zwei
Kapitel fünf
Kapitel sechs
Kapitel sieben
Kapitel acht
Kapitel neun
Kapitel zehn
Teil drei
Kapitel elf
Kapitel zwölf
Kapitel dreizehn
Kapitel vierzehn
Kapitel fünfzehn
Kapitel sechzehn
Teil vier
Kapitel siebzehn
Kapitel achtzehn
Kapitel neunzehn
Kapitel zwanzig
Kapitel einundzwanzig
Dank
Das Zitat von Brian Greene stammt aus: Greene, Brian: The Hidden Reality. New York: Vintage, 2011. Die Übersetzung orientiert sich an der deutschen Fassung: Greene, Brian: Die verborgene Wirklichkeit. München: Siedler Verlag, 2012.
Das Zitat von Michio Kaku stammt aus einem Gespräch mit Michio Kaku auf »The Future of Humanity @ Talks at Google (Transcript)«. Die deutsche Übersetzung wurde von Simon Weinert vorgenommen. Das Gespräch ist abrufbar auf https://singjupost.com.
Das Zitat von Ocean Vuong stammt aus: Vuong, Ocean: Night Sky with Exit Wounds. Port Townsend, WA: Copper Canyon Press, 2016. Die deutsche Übersetzung wurde von Simon Weinert vorgenommen.
Das Zitat von Danez Smith stammt aus: Smith, Danez: Don‘t Call Us Dead. Poems Minneapolis: GRAY WOLF PR, 2017. Die deutsche Übersetzung wurde von Simon Weinert vorgenommen.
Für Großmutter Baum
Ich liebe dich. Du hast mich geschaffen. Bitte lies dieses Buch nicht.
Für Dich
Du wirst immer bei mir sein, wenn auch nicht auf die Weise,
die wir uns erhofft haben.
Wo ich herkomme, gibt es zu viel Sonne, ich musste
etwas davon hergeben. Und deshalb habe ich dich hergegeben.
Irgendwo in den weit entfernten Regionen eines unendlichen Kosmos dürfte es eine Galaxie geben, die genau wie die Milchstraße aussieht, mit einem Sonnensystem, das große Ähnlichkeit mit unserem hat, mit einem Planeten, der ein Doppelgänger der Erde ist, mit einem Haus, das von jenem, in dem Sie wohnen, nicht zu unterscheiden ist; in diesem Haus wohnt jemand, der genauso aussieht wie Sie, der gerade jetzt dieses Buch liest und sich vorstellt, wie Sie in einer weit entfernten Galaxie gerade jetzt zum Ende dieses Satzes gelangen. Und es gibt auch nicht nur eine solche Kopie. In einem unendlichen Universum sind es unendlich viele. In manchen davon liest Ihr Doppelgänger jetzt genau wie Sie diesen Satz. In anderen ist er Ihnen ein wenig voraus, oder er will eine Kleinigkeit essen und hat das Buch beiseitegelegt.
In wieder anderen ist er, nun ja, ein eher unsympathischer Zeitgenosse, und man würde ihm nicht in einer dunklen Gasse begegnen wollen.
Aus: Brian Greene – Die verborgene Wirklichkeit
Als die Existenz des Multiversums bestätigt wurde, nahmen es sowohl die spirituellen als auch die wissenschaftlichen Gruppierungen als Beweis ihrer Legitimierung.
Die Wissenschaftler sagten: Schaut, wir haben euch doch gesagt, dass es Paralleluniversen gibt.
Und die Spirituellen sagten: Wir wussten schon immer, dass es mehr als ein Leben gibt.
Selbst wertlose Dinge können wertvoll werden, wenn sie selten sind. Das ist die Lehre, die sich aus meinem Leben ziehen lässt.
Ich stehe am Fuß eines Berges und betrachte eine Landschaft, die ich nie hätte zu Gesicht bekommen sollen. Auf dieser Welt – Erde Nummer 197 – bin ich im Alter von drei Monaten gestorben. In meiner Akte wird schlicht eine Atemwegserkrankung als Todesursache angegeben, doch die Adresse auf dem Totenschein gehört zu derselben Einzimmerbude, in der ich den Großteil meines Lebens verbracht habe, deshalb kann ich mir das Wellblechdach, den Betonboden und die Matratze, die meine Mutter und ich uns auf so vielen Welten teilten, nur allzu gut vor meinem inneren Auge vorstellen. Ich weiß, dass ich warm gestorben bin, im Schlaf, während ich den ehrlichen Staub auf der Haut meiner Mutter einatmete.
»Cara, antworte. Cara?«
Dell ruft schon die ganze Zeit, aber noch klingt sie nur genervt, und ich werde erst antworten, wenn sie sich Sorgen macht. Nicht weil ich gerne schwierig bin – obwohl das auch der Fall ist –, sondern weil ihre Sorge, eine Mission könnte fehlschlagen, genauso klingt wie die Sorge um mich.
Hinter mir werden Daten von einem festen Port auf einen mobilen geladen. Sobald der Download abgeschlossen ist, nehme ich das Mobilgerät wieder mit zu Erde 0, unserer ursprünglichen Erde, derjenigen, die andere für die wirkliche Erde halten. Die von mir gesammelten Daten sind unterteilt in helle Informationen – Bevölkerung, Temperaturschwankungen, allgemeine Nachrichten – und dunkle Informationen – was wirkt sich auf ihre Aktien aus, das sich auch auf unsere auswirken könnte? Wenn es sich um eine zukünftige Welt handelt, beinhalten sie manchmal auch eine komplette Auflistung dazu, wo welche Aktien an einem bestimmten Tag abschließen. Die Existenz der dunklen Informationen ist streng geheim, auch wenn mir nicht klar ist, weshalb das irgendjemanden kümmern sollte. Insidergeschäfte klingen noch nicht einmal nach Verbrechen – zumindest nicht nach echten Verbrechen, jene mit Blut.
»Cara …«
Immer noch bloß genervt. Ich schaue, wie weit der Download vorangeschritten ist. Sechzig Prozent.
»Cara, du musst mir antworten.«
Aha.
»Ich bin hier.«
Kurz ist es still, während sie wieder auf Gleichgültigkeit umschaltet, aber ich habe die Panik herausgehört. Eine Sekunde lang war sie besorgt.
»Du musst mich nicht immer warten lassen.«
»Und du musst mich nicht immer zwei Meilen entfernt von meinem Download-Port absetzen, aber wir sind wohl beide ein bisschen kleinlich, was, Dell?«
Aus einer Entfernung von hundertsechsundneunzig Welten kann ich ein Lächeln heraushören, das keines ist. Seit ich diesen Job vor sechs Jahren begonnen habe, habe ich mich vor dem körperlichen Training immer gedrückt. So engstirnig, wie sie ist, sollte man meinen, sie hätte mich längst verpfiffen. Doch stattdessen reagiert sie darauf, indem sie mich immer möglichst lange Strecken laufen lässt.
»Du wirst hier gebraucht. Auf deinem Tisch liegt eine Akte.«
»Ich habe meine Züge für diese Woche schon erledigt.«
»Kein Zug. Eine neue Akte.«
»Aber …«
Ich lege mir die Hand auf die Brust und rechne damit, das Fehlen eines Stück Fleisches zu spüren, wie eine herausgerissene Grassode.
Ich will ihr gerne sagen, dass das nicht sein kann. Ich will ihr sagen, dass ich das bemerkt hätte. Doch stattdessen sage ich ihr, dass ich noch eine Stunde brauchen werde, und beende die Verbindung.
Wenn ich eine neue Welt zugeteilt bekommen habe, bedeutet das, dass mein dortiges Ich diese Erde nicht länger nutzt. Ich bin also wieder einmal gestorben, irgendwo anders, ohne etwas zu spüren.
Ich weiß nicht genau, wie lange ich so sitze und auf einen Horizont starre, der der meine ist, aber auch wieder nicht. Mit einem Klingeln meldet der Port, dass der Download abgeschlossen ist. Ich könnte von hier aus traversen, denn hier sieht mich niemand, aber ich schinde ein wenig Zeit, indem ich den Ort etwas auskundschafte, den das Schicksal mir vorenthalten wollte.
Ein weiteres meiner Ichs ist nicht mehr. Als ich mit dem Abstieg beginne, bin ich ein bisschen wertvoller als zu dem Zeitpunkt, als ich den Berg erklommen habe.
Als ich noch klein war und das Multiversum nur eine Theorie, war ich wertlos. Ein Mädchen mit brauner Haut, die Tochter einer Abhängigen, in einem jener Viertel außerhalb der Mauern von Wiley City, aus denen die Leute nicht mehr herauskamen oder in die sie erst gar nicht hineingingen. Doch dann hat Adam Bosch, der neue Einstein und Gründer des Instituts, das mich bezahlt, die Möglichkeit entdeckt, in andere Universen zu blicken. Natürlich konnten wir es nicht dabei belassen, wir mussten sie betreten. Wir mussten anfassen, schmecken und mitnehmen.
Aber die Welt sagte Nein.
Die Ersten, die in andere Welten entsandt wurden, kamen bereits tot zurück oder als zuckende, sterbende Wracks mit mehr gebrochenen Knochen als gesunden. Wenn jemand die neue Welt lebend erreichte, dann erlag er dort seinen Verletzungen, und sein Leichnam wurde zurückgeholt.
Es brauchte die Leichen einer Menge kluger Leute, bis man feststellte, dass man von Welten abgewiesen wird, in denen man selbst noch am Leben ist. Dann nämlich stellt man eine Anomalie dar, die das Universum nicht zulässt, und es schickt einen wieder zurück – wenn es sein muss, in zwei Hälften. Doch Boschs Apparat konnte nur mit Welten interagieren, die unserer sehr ähnlich waren, und die meisten Wissenschaftlerinnen – mit ihrer sicheren, behüteten Jugend und der hohen Lebenserwartung – hatten in den anderen Welten lebende Doppelgängerinnen. In Wiley City, der Stadt, in der Adam Boschs Firma sitzt, gab es keine Kindersterblichkeit mehr, und die meisten Virenkrankheiten waren zu Tode geimpft worden.
Sie brauchten Leute aus der Gosse. Leute aus der Schwarzen Bevölkerung, arme Leute mit brauner Haut. Leute, die aus irgendwelchen Gründen auf der »falschen« Seite der Mauer gelandet waren, auch wenn sie diejenigen waren, die die Mauer gebaut hatten. Leute, die zum Arbeiten gekommen oder hierhergeflohen waren. Oder die schon hier gewesen waren, als die erste Neoliberale das Land begutachtet und beschlossen hatte, hier ein Paradies zu errichten. Leute, die dies bereits für das Paradies hielten. Sie brauchten Leute wie mich. Sie brauchten mich.
Auf dreihundertzweiundsiebzig der dreihundertachtzig Welten, mit denen wir interagieren können, bin ich tot. Nein, inzwischen sogar auf dreihundertdreiundsiebzig. Ich bin keine Wissenschaftlerin. Ich bin ein Niemand, aber sie brauchen mich halt. Auf dem Papier nennen uns die hohen Tiere »Traverser«. Mithilfe von Ports, die die vorangegangene Traversergeneration installiert hat, downloaden wir die Daten der Region und bringen sie zurück, damit die schlauen Köpfe sie auswerten können. Wir sind nicht besser als Tauben, und deshalb nennen sie uns auch so – wenn auch nicht auf dem Papier.
Irgendwann wird das Eldridge-Institut einen Weg finden, Daten auch aus der Ferne von anderen Welten herunterzuladen, und dann bin ich wieder wertlos.
Zurück auf Erde 0, gehe ich zu meinem Schreibtisch, gleich nachdem ich mir Büroklamotten angezogen habe. Inmitten der Ansammlung von Schreibtischen, von denen mehr als zwei Drittel im Moment unbesetzt sind, ragt Dell hoch auf, ihr Gesicht angespannt, weil sie auf die einzige Person warten muss, die es wagt, schwierig zu sein.
»In diesen Niederungen, Dell? Ich dachte, du kriegst Ausschlag, wenn du weiter runter als bis zum sechzigsten Stock gehst.«
Sie lächelt, nicht so als würde sie meine Bemerkung witzig finden, sondern mehr als wolle sie zeigen, dass sie es kann.
»Ich werd’s überleben.«
O ja, sicher. Überleben ist genau Dells Problem, hier auf Erde 0. In dieser Welt wollte sie eine Traverserin sein. Sie war auch genau die Richtige dafür, denn als Pilotin der Air Force hatte sie die Augen bereits aufs All gerichtet, bevor sich die Möglichkeit des Besuchs anderer Welten auftat. Aber Dell stammt aus gutem Hause, einer Familie, die seit mehreren Generationen reich ist. In manchen Welten sind ihre Eltern nie aus Japan ausgewandert. In manchen arbeitet sie in der Privatwirtschaft und nicht in diesem staatlichen Forschungshybrid. Aber sie hat in mehr als achtundneunzig Prozent aller Welten überlebt, und in den meisten davon geht es ihr prächtig. Ich habe drei Dutzend Dells kennengelernt, und bis auf eine trugen sie alle Kleider, die teurer waren als meine.
Als ich meine Jacke ausziehe, zucken wir beide zusammen. Meine Arme sind mit lang gezogenen Blutergüssen übersät, und das sind nur diejenigen, die zu sehen sind.
»So schlimm sollte es nicht sein«, sagt sie, während ihre Blicke über die Quadranten meines Körpers gleiten, als wäre sie heftig am Rechnen.
»Das ist nur, weil ich Doppelschichten geschoben habe.«
»Ich habe dir davon abgeraten.«
»Ich brauche das lange Wochenende.«
Wir hatten dieses Gespräch diese Woche schon fünfmal, und jedes Mal endet es an dieser Stelle: wenn ihre Sorge um mich nicht mehr gegen die Anstrengung ankommt, die eine Diskussion mit mir bedeutet. Sie nickt, betrachtet meinen Arm aber lange genug, dass ich es spüre. Erst als sie meinen Blick bemerkt, schaut sie weg.
Schon früh haben mir die Profis in den oberen Stockwerken, Wissenschaftler wie Bosch und Watcherinnen wie Dell, erklärt, dass die Blutergüsse vom Widerstand eines Objekts stammten, das in eine andere Welt gezwungen wird, wie wenn man gleichpolige Magnete mit Gewalt aneinanderdrückt. Andere Traverserinnen – und die sind alle sehr abergläubisch – haben mir gesagt, dass dieser Druck einen Namen habe, nämlich »Nyame«. Der Preis für die Reise sei Nyames Kuss.
Dell berührt die durchsichtige Scheibe, die sie mir geschickt haben. Sie sieht aus wie ein Blatt aus Plastik, aber wenn sie einmal aktiviert ist, weiß ich alles Grundlegende über die Welt, die mir zugeteilt wurde. Gleich am Anfang war mir aufgefallen, dass die Leute in der Stadt so sehr auf Plastik standen, wie in meinem Kaff zu Hause alle auf Metall abfuhren. Hier ist alles Plastik. Und zwar dasselbe Plastik. Wenn ein Plastikteil kaputtgeht, werfen sie es in einen Müllschlucker und machen daraus ein anderes Plastikteil oder dasselbe Plastikteil, nur eben wieder funktionstüchtig. Sie haben so viel Plastik, wie der Rest der Welt Wasser hat. Es gibt zu keinem Zeitpunkt mehr oder weniger davon, in dem Kreislauf befindet sich immer genau dieselbe Menge Plastik.
»Weißt du, welche deine neue Welt ist?«, fragt sie.
»Du hast es mir noch nicht gesagt.«
»Errätst du es?«
Ich sollte Nein sagen, denn ich hasse es, wenn sie diese Spielchen mit mir treibt, doch stattdessen antworte ich, denn ich will sie beeindrucken.
»175«, sage ich. »Wenn ich schon raten muss.«
Ich merke, dass ich recht habe, denn sie sieht mich anders an. Als fände sie mich interessant. Als wäre ich ein Insekt.
»Reines Glück.« Sie schiebt mir die Scheibe zu.
»Eher nicht. Es gibt ja nur acht Möglichkeiten.«
Ich setze mich und ziehe den Speicher heraus, der die Erträge meines letzten Auftrags enthält. Sobald ich ihn einstecke, laden sich die dunklen Informationen bei irgendwelchen Unbekannten hoch und werden gelöscht. Die hellen Informationen schicke ich den Analystinnen, die sie interpretieren und für die Wissenschaft aufbereiten.
Eldridge glaubt, wir Traverser wüssten nicht Bescheid über das erste der beiden Infopakete. Wie die Weltraumforschungsorganisationen der Vergangenheit ist Eldridge im Grunde eine unabhängige Firma, auch wenn sie massiv durch die Regierung von Wiley City finanziert wird. Außerhalb der Stadtgrenzen, in dem menschenleeren Wüstenstreifen zwischen hier und Ashtown, steht eine Industrieluke, durch die Ressourcen aus anderen Welten hierhergelangen; und die Steuerzahler, Regierungsbeamtinnen und Arbeitnehmer von Eldridge sollen glauben, dass die Firma damit ihren ganzen Gewinn erwirtschaftet – also das, was nicht durch Forschungsfördermittel in die Kassen kommt. Klar, Rohstoffe aus anderen Welten herbeizuschaffen, damit wir unsere eigenen schonen können, ist schon einiges wert. Aber damit wird man nicht zum zehntreichsten Mann der Stadt. Denn genau das ist unser Chef und Firmengründer.
Weil keine Traverserin je zu den Gesetzeshütern gegangen ist oder unangenehme Fragen gestellt hat, glauben sie, sie hätten die Arbeitskräfte der unteren Ränge mit dieser Scharade reingelegt. Tatsächlich ist es uns einfach nur egal. Arbeit ist Arbeit, und sich gegenseitig auszumanövrieren, um mit dem Kauf und Verkauf von unsichtbaren Dingen Kohle zu machen, klingt nach einem Problem reicher Leute.
Ich blicke zu Dell auf, die immer noch neben mir steht. Sie gehört zu den reichen Leuten, aber sie ist so reich, dass sie immer reich sein wird. Ihre Familie hat über Dekaden so viel angehäuft, dass sie auch nach zwei Generationen voller hirnrissiger Entscheidungen kaum bankrott gewirtschaftet wäre. Von der Sorte gibt es viele in der Stadt. Keine Neureichen wie Adam Bosch, sondern ganze Familien, deren Reichtum auf so viele Mitglieder verteilt ist, dass es nicht auffällt.
»Noch etwas?«, frage ich.
»Saeed ist weg«, sagt sie.
»Star? Sie haben sie gefeuert?« Als sie nickt, frage ich: »Hat sie Scheiße gebaut?«
Ich hoffe es. Starla Saeed gehört zu den letzten Traverserinnen, die schon da waren, als ich angefangen habe. Sie wurde während eines Konflikts geboren, den man zwar Bürgerkrieg nannte, bei dem es sich im Grunde aber nur um ein systematisches Massaker eines Herrschers an seinem Volk handelte. Mit zwölf begab sie sich auf eine Seereise, auf der mehr Leute ertrunken sind, als am Ziel ankamen. Sie kann in über zweihundert Welten reisen.
Wenn sie Scheiße gebaut hat, dann wird sie schlicht gefeuert, und es geht mich nur deshalb etwas an, weil wir denselben Job machen und uns eine Zeit lang nähergestanden haben. Wenn sie aber einem Personalabbau zum Opfer gefallen ist, dann ist sie ein Grubenwarnvogel.
»175 war die letzte Welt, zu der nur sie Zugang hatte. Als dein Tod auf dieser Welt bekannt wurde … Weshalb sollen sie Lohn und Arbeitgeberleistungen für zwei zahlen, wenn sie die Welt nun auf deine Liste setzen können?«
Was sie nicht sagt, aber sehr wohl denkt: Weshalb sollte man einer einfachen Botin überhaupt einen anständigen Lohn zahlen?
»Vor nächster Woche kommt 175 nicht auf deinen Schichtplan, aber es würde nicht schaden, wenn du dich übers lange Wochenende schon mal damit vertraut machen könntest. Und pass wegen der Blutergüsse auf. Die müssen vor deiner nächsten Exkursion unbedingt abklingen.«
Und wieder kann ich ihre Angst um die Erhaltung meiner Arbeitskraft interpretieren, wie ich will, und ich entscheide mich dafür, Zuneigung darin zu sehen. Die Art, mit der sie meine Arme und meine Brust mustert, lässt es mir kalt den Rücken hinunterlaufen, und für eine Sekunde frage ich mich, ob ich es mir nur einbilde. Doch als sie meine Reaktion sieht, weicht sie zurück und stößt beinahe mit Jean zusammen.
»Ms Ikari«, sagt er förmlich, denn so mag sie es.
»Mr Sanogo«, sagt sie ebenso förmlich, denn das mag er gar nicht.
Den berühmten Jean Sanogo kennt man aus den Zeitungen nur als Jean oder Papa Jean.
»Wie geht es unserer besten Mitarbeiterin heute?«, fragt er.
»Sie ist ein Dickkopf. Sie hat mehr Blutergüsse als sonst, sag du ihr, dass sie aufpassen muss.« Dell wirft einen finsteren Blick über die Schulter. »Auf dich hört sie vielleicht.«
»Ich kann dir versichern, dass meine Worte genauso wenig fruchten«, sagt er, und Dell geht.
Ich habe das Datenpaket unter meinem Benutzernamen hochgeladen, logge mich aus und logge mich mit zusätzlichen Berechtigungen wieder ein. Den geklauten Zugang benutze ich, um eine Kopie der hellen Informationen an meine Manschette zu schicken und sie später in Ruhe durchlesen zu können.
Jean zieht sich den Stuhl eines abwesenden Traversers heran.
»Dell wirkt angespannt. Du darfst sie nicht so reizen, wenn du auf Exkursion bist.«
»Aber wie soll sie denn sonst merken, dass ich sie mag?«
»Du flirtest schon seit fünf Jahren mir ihr. Sie weiß es.« Er beugt sich vor, stellt eine dampfende Tasse ab und rückt die Brille zurecht, um meine Fortschrittsanzeige zu betrachten. »Werde ich etwa Zeuge von Firmendiebstahl unter meinem Namen? Mein Herz blutet.«
»Komm schon, alter Mann. Es ist ja wohl kein Diebstahl, wenn ich es nur durchlese. Wenn man etwas nimmt, was trotzdem noch da ist, klaut man es ja nicht.«
»Du wirst feststellen, dass ein Großteil unseres Rechtssystems dir da widersprechen würde.«
Ich winke ab. Rechtssystem ist ein Wiley-City-Wort par excellence, und zwischen mir und Jean hat das nichts verloren.
Er weiß, was ich tue. Es war nicht nur seine Idee, sondern ich nutze auch seine Zugangsdaten, um mir die Daten selbst zu übermitteln. Er glaubt, dass ich für die Firma aus anderen Gründen als nur wegen meiner Sterblichkeitsrate von Wert sein könnte, wenn ich mir die Zahlen anschaue und nach Mustern suche, so wie es die Analysten machen. Er glaubt, dass ich mehr als eine Traverserin sein könnte, dass ich so sein könnte wie er. Wenn ich die leeren Tische um mich herum betrachte, möchte ich nur zu gerne glauben, dass er recht hat.
Jean gehörte zur ersten Gruppe überlebender Traverser. Seine Teenagerzeit hat er in einem Grenzkrieg in der Elfenbeinküste bei einer Rebellenarmee zugebracht. Als Traverser konnte er mehr als zweihundertfünfzig Welten besuchen. Früher wanderte er mit uns auf anderen Welten, aber heute sitzt er in einem Zimmer und macht Politik rund ums Weltenwandern. Wenn er an die Öffentlichkeit tritt, wird meistens der berühmte Satz zitiert, den er sagte, als er zum ersten Mal den Fuß auf eine neue Welt setzte: Nun habe ich zwei Welten gesehen und den Raum dazwischen. Wir sind ein Wunder. Man schüttelt ihm die Hand, fotografiert ihn, aber er versichert mir ständig, dass er auch einmal wertlos war.
Jean war es, der mir von Nyame erzählt hat, so wie er es jedem neuen Traverser erzählt. Wo er herkommt, ist Nyame der Name einer Göttin, die im Dunkeln kauert und die Welten in ihrer Hand hält. Jean behauptet, dass er ihre Führung gespürt hat, als er das erste Mal zu einer anderen Welt gereist ist. Ich hatte noch nie viel Verständnis für Religion, aber ich respektiere ihn zu sehr, um ihm in dieser Sache zu widersprechen.
»Das ist 197, oder?«, fragt er und nickt in Richtung der Informationen, die ich eben beschafft habe. »Der Himmel, wegen dem die Leute aus der Wissenschaft so viel Geschrei gemacht haben.«
»Die nennt man Astronomen, Jean. Und ja, die hatten es ziemlich eilig damit. Sie wollten Bilder von einem Asteroiden, der hier noch zu weit entfernt ist, und sie wollten nicht noch eine Woche darauf warten.« Ich versuche, mit dem Arm zu kreisen, und zucke zusammen, weil es wehtut.
»Die haben Premium gezahlt, weil sie vorzeitig ein paar Bilder wollten?« Jean schnalzt geringschätzig mit der Zunge. »Zu viel Geld und zu wenig Sinn im Leben.«
Jeans Abneigung gegen die Astronomie ist ein Berufsrisiko und beruht auf Gegenseitigkeit. Diejenigen, die ausschließlich im Bereich der Weltraumforschung arbeiten, sind nicht besonders begeistert von Reisen zwischen den Universen, einem neuen Grenzland, das ihnen plötzlich einen fetten Batzen ihrer Zuschüsse wegschnappt. Im Gegenzug betrachten die Leute bei Eldridge die Weltraumforschung, wie ein junger Löwe einen älteren, kränklichen Löwen betrachtet – nicht direkt gewaltbereit, aber doch sehr zappelig angesichts der Aussicht, dass der Alte bald das Zeitliche segnen könnte.
Jean schiebt die Tasse, die ich ignoriert habe, ein Stück in meine Richtung. Seufzend trinke ich einen Schluck und kann das Gesöff kaum bei mir behalten.
»Ich habe echt auf Kaffee gehofft«, sage ich und zwinge mich, die trübe Mixtur aus Vitamin D, Zink und viel zu vielen schlecht aufgelösten Nährstoffen hinunterzuwürgen.
»Du brauchst keinen Kaffee«, sagt er mit einem Akzent, den ich mit meinem eingeschränkten Weltwissen anfangs für französisch hielt. »Diesmal hat Nyame dir einen heftigen Kuss verpasst.«
»Mit Zähnen.«
»Das sehe ich. Dell hat dich zur Beobachtung eingetragen.«
Natürlich. »Ich habe die Züge doch nur so dicht hintereinandergelegt, damit ich ein paar Tage freibekomme. Das habe ich ihr auch gesagt.«
»Urlaub? Ich hätte gedacht, dass es für dich reizvoller wäre, mal an einem Ort zu bleiben.«
»Kein Urlaub. Es … es ist eine Familienangelegenheit.«
Als ich Familie erwähne, lächelt er, woran man erkennt, welche Erfahrungen er gemacht hat. In den Welten, in denen er überlebt hat – in denen er kein Kindersoldat war und auch nicht starb, weil er als blinder Passagier nach Europa gelangen wollte –, tat er das nur wegen der Kraft seines Vaters und dem Mut seiner Mutter. Nach allem, was ich herausgefunden habe, starb er in den anderen Welten stets trotz aller Bemühungen seiner Eltern.
Die meisten meiner Tode lassen sich ziemlich direkt auf meine Mutter zurückführen.
»Genieße deine freie Zeit. Lerne nicht zu viel.«
»Ich versuch’s.«
Aber nicht zu sehr.
Seit er zum ersten Mal die Möglichkeit einer Beförderung zur Analystin erwähnt hat, bleibe ich immer zu lange auf, um Weltstatistiken und die Firmenleitfäden zu pauken. Meine Mutter hat immer gesagt, ich wäre bereits als Streberin auf die Welt gekommen, was der Wahrheit entspricht. Sie hat auch gesagt, dass mich das umbringen würde, was nicht geschehen ist. Noch nicht. Nicht hier.
Bevor ich nach Hause gehe, schaue ich noch bei Starla Saeed vorbei. Ich bin fast zu spät, denn als ich an ihrer Wohnung ankomme, begegne ich einem Haufen Uniformierter, die Kisten mit ihren Habseligkeiten hinaustragen.
Sie steht im Hof, flankiert von Leuten der Einwanderungsbehörde. Ihre Augen sind glasig, aber klar. Vielleicht hat sie geweint, aber jetzt nicht mehr. Sie wirkt stark, trotzig, hat den Kopf erhoben, gerade so, als hätte sie nicht alles verloren. Ich hoffe, dass ich auch einmal so aussehe, wenn sie mich holen.
»Star …«
Als sie sich zu mir umdreht, sieht sie mich weder überrascht noch sonderlich erfreut an, doch dann fällt ihr Blick auf den Korb mit Äpfeln in meiner Hand, und sie schmunzelt.
»Wir kommen nicht alle aus Ashtown, Caramenta«, sagt sie. »Manche von uns haben in ihren Heimatländern Obstbäume.«
Ich senke den Blick. Die meisten Traverserinnen stammen aus Lagern in der Nähe der abgeriegelten Städte, und ich bin einfach davon ausgegangen, dass die anderen Käffer genauso sind wie mein Ödland. Starla kommt aus der Nähe von Ira City im Nahen Osten, einer der größten und ältesten ummauerten Städte an einem Punkt zwischen den ehemaligen Staaten Irak und Iran. Vielleicht quellen die Siedlungen außerhalb von Ira über vor lauter Obst und Weißbrot und den ganzen anderen Dingen, die es in Ashtown nicht gibt.
Ein Mann läuft zu schnell mit seinem Karton, und man hört Gläser klirren. Sie schaut ihn an, als würde er ihr Baby am Fuß durch die Gegend schleifen. Sie wirkt, als wolle sie gleich losbrüllen – im Büro ist sie wegen ihres Jähzorns berüchtigt –, aber ihr Blick huscht zu einer der Polizistinnen, und sie schluckt es hinunter. Sie schäumt, aber sie kann nichts tun.
»Ich habe halt gedacht, das wäre etwas für dich. Ist ja ein langer Flug.« Ich halte ihr den Korb hin. »Du kannst mich trotzdem hassen, auch wenn du sie nimmst.«
Wieder lächelt sie, mit breitem Mund. »So werde ich’s machen.«
Schließlich greift sie nach dem Korb, aber mehr aus Mitleid, als weil sie das Obst mag.
»Ich werde dich vermissen«, sage ich.
»Dann halte nach mir Ausschau«, sagt sie. »Ich fehle nur auf ein paar hundert Welten, und das ist jetzt eine weitere davon. Ich empfehle dir mein Ich von Erde 83. Das ist mein Lieblings-Ich.«
Eine Frau in einem Overall erklärt den Beamten, dass alles ausgeräumt sei, worauf sie Star wegschieben. Über die Schulter schaut sie zu mir zurück.
»Vergeude deine Zeit nicht mit Schuldgefühlen«, sagt sie. »Du wirst schnell genug drankommen.«
Nur über meine Leiche … Aber das braucht sie nicht zu hören. Und am allerwenigsten braucht sie Zeuginnen. Denn bei der beschämenden Abführung eine Zeugin zu haben macht es nur noch schlimmer, selbst wenn es eine Freundin ist. Deshalb nicke ich ihr zum Abschied nur zu und wende mich ab.
Es gibt unendlich viele Welten. Welten um Welten bis ins Absurde, was heißt, dass es wahrscheinlich Welten gibt, in denen ich eine Pflanze bin oder ein Delfin oder in denen ich nie einen Atemzug getan habe. Aber diese Welten können wir nicht sehen. Die Maschine von Eldridge kann nur Frequenzen lesen und imitieren, die unseren ähnlich sind, und jedes Atom des Planeten trägt zu der Symphonie bei. Man sagt, dass Dinge wie Mineralien und Öl leichter transportiert werden können, wohingegen Menschen in der Zielwelt nicht existieren dürfen – denn deren Struktur ist so sehr von der der Welt eigenen Frequenz beeinflusst, dass kein Doppelgänger möglich ist. Bevor wir 382 verloren haben, erkannten wir die Vorzeichen von Krieg. Ich bin mir nicht sicher, wie viele Atombomben es braucht, um den Gesang einer Welt so sehr zu ändern, dass wir ihn nicht mehr hören, aber wir haben 382 innerhalb einer Stunde verloren. Ein Ruck, und das Signal wurde schwächer. Ein zweiter Ruck und dann nichts mehr.
Es sollte uns mehr Angst machen, als es tut, aber das war ohnehin schon fremdes Territorium. Deshalb hatte die Welt auch die höchste Nummer. Jede Zahl bezeichnet ein Maß der Abweichung, eine leichte Veränderung gegenüber unserer eigenen Frequenz. Die Erden 1 bis 10 sind uns so nah, dass es sich kaum lohnt, sie zu besuchen. Wenn ich von dort Infos ziehe, was nicht öfter als zweimal im Jahr geschieht, dann nur um zu überprüfen, ob die Daten immer noch exakt mit unseren übereinstimmen. Drei der Welten, in denen ich noch lebe, gehören zu den ersten zehn.
Es verschafft mir eine gewisse Genugtuung, an Orte zu reisen, an denen ich tot bin, und dort Dinge zu berühren, die ich eigentlich nie hätte zu Gesicht bekommen sollen. In meiner Wohnung bewahre ich in versiegelten Beuteln eine Sammlung von Objekten aus allen Welten auf, in denen ich war. Katalogisiert habe ich sie nicht, aber ich kann jedes Objekt auf der Stelle zuordnen: Erde von der Stelle, an der in einer Welt die Hütte meiner Kindheit gestanden hätte, wenn die Slums sich dort so weit ausgedehnt hätten; glatte Steine aus einem Fluss, der in meiner Welt seit Jahrhunderten ausgetrocknet ist; ein Jadeohrring von einem Mädchen aus einer anderen Welt. Sie wollte, dass ich mich an sie erinnere, aber da sie nicht wusste, woher ich komme, durfte ich sie nur eine Nacht lang lieben. Es sind Hunderte, und wenn ich von Erde 175 zurückkehre, wird es ein Objekt mehr sein.
Die Welten, die in unserer Reichweite liegen, sind unserer im Hinblick auf Atmosphäre, Flora und Fauna sehr ähnlich, weshalb die meisten Viren dort bereits existieren. Für alle Fälle versiegele ich meine Andenken in Beuteln, die man bei Eldridge zum Sammeln von Proben nutzte, bevor dort niemand mehr Biologe spielen wollte und die Firma sich lieber auf Bergbau und Datenerhebung konzentrierte.
Ich starre meine Kleider an und rätsle, welche ich mitnehmen soll. Es ist nicht leicht, jemanden in Ashtown zu besuchen, wenn man in Wiley lebt. Nicht viele Leute verkehren zwischen den beiden Orten. Sicher, Leute aus Wiley gehen aus touristischen Gründen nach Ashtown, und manchmal bekommen junge Leute aus Ashtown Stipendien an einer Schule in Wiley, aber niemand versucht, zu beiden Orten zu gehören. Wiley City ist wie die Sonne, und Ashtown ist ein schwarzes Loch, und es ist fast unmöglich, dazwischenzustehen, ohne auseinandergerissen zu werden. Während meiner Zeit in der Stadt habe ich Klamotten angehäuft, in denen ich aussehe, als hätte ich mich noch nie in Ashtown aufgehalten. Wäre ich schlauer gewesen, hätte ich einen Satz Ashtown-Kleider für diese Besuche behalten, anstatt aufzufallen wie ein Spiegel in der Wüste. Aber im Grunde meines Herzens möchte ich auffallen. Ich möchte nicht so aussehen, als würde ich dorthin gehören, denn eines Tages möchte ich so tun, als hätte ich es nie getan.
Ich fummle gerade an einer Bluse herum, die ich nicht mitnehmen kann – schwarze Kunstseide, nichts, was ein einstiges frommes Ruralitenmädchen tragen würde –, als meine Schwester anruft.
Statt mit einem Gruß meldet sie sich mit einem wütenden Grunzen.
»Laufen die Vorbereitungen so gut, was?«, sage ich und lasse mich aufs Bett plumpsen. Esther ist noch Teenagerin, aber sie kommt mir älter vor, weil sie so viel Verantwortung geerbt hat.
»Ist schon gut«, sagt sie etwas geziert und gepresst. Ruralitinnen dürfen nicht wütend sein, zumindest nicht auf andere Leute, denn das würde gegen ihr Gebot des unendlichen Mitgefühls und Verständnisses verstoßen.
»Ist Michael immer noch zu nichts zu gebrauchen?«
Niemand stellt Esthers Glauben und ihr Temperament so sehr auf die Probe wie ihr Zwillingsbruder.
»Cara, du weißt, dass vor Gott alle Menschen Wert und Nutzen haben. Michael wäre für die Weihe eine wertvolle Hilfe … wenn er zu irgendeiner Vorbereitung erschienen wäre.«
Ah, da ist sie, Esthers Wut – und auch wenn sie es noch so sehr zu verschleiern versucht, das Gift ist doch tödlich.
»Und jetzt hat auch noch Vetter Joriah angekündigt, vielleicht vorbeizuschauen, und …«
Ich wälze mich vom Bett herunter. »Joriah?«
»Ja, du erinnerst dich doch. Groß, rothaarig? Er ist eine Weile zu uns rausgezogen, als wir noch klein waren, aber dann ist er als Missionar in die Wüste gegangen.«
Natürlich erinnere ich mich nicht. Wie auch?
»Jetzt hockt er in irgendeinem kleinen Ort auf der anderen Seite des toten Lands, aber Dad meint, er würde die Pilgerreise auf sich nehmen.«
Sie redet weiter, aber ich höre ihr nicht zu. Ich greife unters Bett und zerre meine Kiste mit Tagebüchern hervor. Esther sagte, als wir noch klein waren, deshalb suche ich ein Tagebuch aus der Zeit heraus, als Esthers Vater und meine Mutter schon verheiratet waren. Caramenta, 13 Jahre alt, steht auf dem Umschlag. Dann müsste Esther fünf gewesen sein.
»Hey, ich muss jetzt los, aber wir sehen uns ja bald.«
Mit einem Tastendruck auf meiner Manschette beende ich die Verbindung zu Esther und blättere dann das Tagebuch durch. Schließlich finde ich einen Eintrag, in dem Joriahs Einzug erwähnt wird. Ich blättere weiter, bis er wieder auszieht, und lese alles, was über ihn drinsteht. Anscheinend war er sehr witzig. Körperhygiene war allerdings nicht seine Stärke. In späteren Tagebüchern entdecke ich weitere Erwähnungen, aber dann ist es an der Zeit, aufzubrechen. Meine Mutter schreit mich zwar nicht an, wenn ich zu spät komme – wie sie es früher getan hat –, aber sie hüllt sich in dieses traurige Schweigen einer Märtyrerin, das ich nicht ausstehen kann. Ich räume die Tagebücher weg. In ihnen heißt Joriah immer nur »Jori«. Ich flüstere beide Varianten, damit es später nicht so klingt, als spräche ich die Namen zum ersten Mal aus.
Ich habe viele Dinge aus meiner Vergangenheit entsorgt, aber die Tagebücher behalte ich. Ich lese sie wie die Daten einer anderen Welt, studiere die Menschen, die mich lieben. Heute schreibe ich kein Tagebuch mehr. In meinem derzeitigen Notizbuch führe ich nur Listen. Damit habe ich angefangen, um mich im Eldridge-Code zu üben. Deshalb weiß ich nicht recht, ob das zählt. In der Schachtel unter meinem Bett befinden sich Tagebücher für jedes Jahr, für manche Jahre sind es sogar zwei. Das jetzige Buch habe ich nun schon seit sechs Jahren, und es ist immer noch nicht voll. Vielleicht weil es inzwischen nur noch wenige Dinge gibt, deren ich mir sicher bin.
Seit sechs Jahren wohne ich in Wiley City. In weiteren vier Jahren werde ich eingebürgert. Jetzt bin ich nirgends. Ich wohne in Wiley, bin vor dem Gesetz aber noch aus Ashtown, und beide können mich nicht so richtig für sich beanspruchen. Ein Zwischenstadium, nichts anderes als die von Sternen gesäumte Dunkelheit, durch die ich zwischen den Welten reise. Die Dunkelheit ist es wert, denn ich weiß, was mich auf der anderen Seite erwartet.
Gründe, warum ich gestorben bin:
Der Kaiser des Ödlands wollte an meiner Mutter ein Exempel statuieren und hat bei mir angefangen.
Einer der Liebhaber meiner Mutter wollte vertuschen, was er mir angetan hat.
Ich kam als Drogenabhängige zur Welt, und meine Lunge hat sich nicht entwickelt.
Ich kam als Drogenabhängige zur Welt, und mein Gehirn hat sich nicht entwickelt.
Ich wurde allein gelassen, und ein Fremder kam vorbei.
Die Runner jagten jemanden aus der Nachbarschaft, und ich war im Weg.
Die Runner jagten meine Mutter, und ich war im Weg.
Die Runner jagten den Liebhaber meiner Mutter, und ich war im Weg.
Die Runner jagten niemanden, suchten nur Terror und Chaos und fanden mich.
Manchmal wurde ich einfach in der Hütte vergessen, in die mich meine Mutter brachte, wenn sie arbeiten oder sich Meth einwerfen ging, und während sie high war und die Sonne knallte, schlief ich ein – allein, hungrig und für immer.
Gründe, warum ich überlebt habe:
Keine Ahnung, aber es gibt acht.
Seit einer Stunde fahre ich durch die Wüste, als der Truck hinter mir zu dicht auffährt. Ich bin darauf vorbereitet, angehalten zu werden, aber insgeheim überrascht es mich doch. Von der Grenzpolizei angehalten zu werden, ist etwas für Auswärtige, und der Mann, der mit einem Silbergrinsen an meine Wagentür schlurft, ist der Beweis dafür, dass ich es zu etwas gebracht habe. Seine Zähne sagen mir, dass er ein Leutnant von Nik Nik ist. Wäre eine gute Partie für mich gewesen, als ich noch hier war. Wie alle Runner riecht er nach Schmutz und Sonne. Bis zum Kinn hinauf ist er mit Tätowierungen übersät, doch da enden die Tattoos abrupt. Diese Zurschaustellung von Eitelkeit wundert mich. Heutzutage achte ich eher auf Klamotten, Frisuren und teure Handgelenk-Manschetten, aber dieser viel zu hübsche Runner erinnert mich daran, dass ich als junges Ding nichts lieber getan hätte, als Silberzähne zu lecken.
»Herrliches Wetter für einen Tagesausflug«, sagt er, als herrschten nicht dieselben vierzig Grad mit Option auf heißen Wind, die wir hier draußen immer haben.
»Kein Tagesausflug.«
Ich weiß nicht, wann sich meine Haltung verändert hat, wann meine Stimme tiefer geworden ist, aber als ich ihm direkt ins Gesicht schaue, möchte ich, dass er mich als Einheimische erkennt – und fast genauso sehr möchte ich es nicht. Ich wünschte, ich würde ihn kennen, wüsste den Namen, mit dem seine Mutter ihn gerufen hat, um ihm den ins Gesicht zu schleudern. Nik Niks Runnerinnen heißen alle Mister irgendwas – Mister Bones, Mister Shine –, aber ich wette, er ist ein Angelo.
»Für Schaulustige aus Wiles beträgt die Maut dreihundert.«
»Du meinst zweihundertfünfzig.«
»Harte Zeiten.«
»Ich war erst kürzlich hier.«
»Dreihundert.«
Ich greife in mein Handschuhfach und hole das Geld heraus, genau wie beim letzten Mal, aber ich werde auch künftig mein Glück probieren und feilschen, bis es mal klappt.
Er nimmt die Kohle mit einer leichten, edelmännischen Verneigung. »Viel Spaß in Big Ash.«
Als er weggeht, räuspere ich mich.
»Meine Quittung.«
»Mr Cheeks«, sagt er. »Sag dem Nächsten, dass du schon bezahlt hast.«
Meine Mutter wohnt in einem Bauernhaus in den Bauernhöfen, in denen es nie echte Bauern gegeben hat. Es handelt sich um einen Teil von Ashtown, der sich für eine Unterabteilung hält, obwohl das Einzige, was ihn von den aufeinandergestapelten Betoncontainern der restlichen Stadt trennt, ein Holzzaun ist – und eine Absprache zwischen den Leuten auf beiden Seiten des Zauns. Bei den Leuten von den Bauernhöfen dreht sich alles um Wohltätigkeit, Frömmigkeit und Religion. Bei den Leuten aus der Innenstadt von Ashtown dreht sich alles um alles andere.
Hier draußen gibt es nicht viele Autos – selbst die Runner lassen ihre Wagen meistens auf der anderen Seite des Zauns – und manchmal, wenn ich hierherfahre, laufen Kinder, so lange sie durchhalten, neben mir her und strecken die Hände aus, um den Lack zu berühren. Heute jedoch nicht. Heute sind sie alle drinnen, haben sich in ihre Hütten zurückgezogen und sprechen Dankgebete in Vorbereitung auf die Weihe.
Das Haus meiner Mutter befindet sich tief im Inneren der Siedlung, wo der weißgraue Sand am Stadtrand eine natürliche Sonnenbräune annimmt. Für das Fest ist die Fassade getüncht worden, der Gipsabdruck der Maria ist sauber gewischt. Es ist die Mutter-Jesu-Maria, nicht die Prostituierte, die ihm die Füße wäscht – welch verpasste Gelegenheit, bedenkt man die Lebensgeschichte meiner Mutter. Maria neigt den Kopf zu einem Flöte spielenden Krishna, dessen gütiges Lächeln so leer ist wie das Lächeln aller Ruraliten, wenn sie es mit Fremden zu tun haben. Und mit mir. Mein Stiefvater predigt meistens mehr aus dem Islam als aus dem Hinduismus, aber für den gibt es keine Statue.
Meine Mutter lässt mich herein, ihr Mund bildet eine schmale Linie, so gerade und ungebogen wie ihre Prinzipien. Ihr schwarzes Haar, Haar des Typs 4c – ich weiß, dass es zweimal so voluminös ist wie meines –, hat sie hinten zu einem straffen Dutt gebunden, sodass es ganz glatt aussieht. Ihr gemustertes Kleid ist sauber, aber schon ganz dünn vom vielen Waschen. Da es nicht geflickt ist, muss es eines ihrer besten Kleider sein. Ich könnte ihr Kleider kaufen. Ich könnte dafür sorgen, dass sie den Hochglanz-Lifestyle bekommt, den sie von ihren Typen immer verlangt hat, bevor sie diesem Prediger aus dem Staub hinterhergelaufen ist. Doch heutzutage will sie nichts mehr von mir annehmen, noch nicht einmal eine Umarmung.
Sie hat den Blick gesenkt. Sie hat ihn immer gesenkt. Diese Frau, die keinen Rock trägt, der nicht übers Knie geht, und keinen Lippenstift, der etwas kräftiger ist, schweigt fast immer. Früher ist meine Mutter aufgefallen, ihre Haare waren ihren Launen gemäß gestylt und gefärbt, und sie wusste, wie sie Männer anzuschauen hatte, um zu bekommen, was sie wollte.
»Du bist früh«, sagt sie. »Das ist schön.«
»Ich muss heute nicht arbeiten«, sage ich, aber sie dreht sich bereits um, um mich hineinzuführen.
Ich habe sie schon in hundert Varianten gesehen – mit rasiertem Kopf, mit Haaren bis auf den Rücken, mit Piercings über den Augenbrauen, auf einem Auge blind, pockennarbig und ohne Zähne und selbst als gut erhaltene Chefin des Hauses, die so viel verlangen konnte wie die Jüngeren, weil sie keine Drogen nahm und auf sich aufpasste –, aber diese Version hier behagt mir am wenigsten. Sie verbringt ihre Zeit damit, in der Innenstadt Broschüren zu verteilen, stellt die Arbeitenden im Haus an den Pranger, die sich um mich gekümmert haben, wenn sie es mal wieder nicht schaffte, die mir so oft das Leben gerettet haben, dass es diese Version von mir bis ins Erwachsenenalter geschafft hat.
Die Wände im Haus sind mit Heiligenbildern bedeckt. Als wir arm waren, war meine Mutter wenigstens einfallsreich gewesen und hat den Beton mit derselben Farbe bemalt, mit der sie ihre Haare gefärbt hat. Jetzt sind ihre Wände gerastert, und Familienbilder – die altmodischen Hologramme, die im Alter anfangen zu flackern – wechseln sich mit religiösen Symbolen ab. Die interessanteren Sachen an der Wand – getrocknete Tierknochen und Gemälde von Wesen, die Schädel statt Gesichtern haben – stammen aus Esthers Glaubensschatz. Mein Stiefvater liebt Bibel und Koran, aber meine Schwester hält fast so viele Predigten wie er, und sie bevorzugt weniger gebräuchliche Religionen, darunter welche, für die es gar keine zentrale Schrift gibt.
»Joriah kann doch nicht kommen«, sagt meine Mutter, und ich atme die Befürchtungen aus, die ich insgeheim gehegt habe. Dann muss ich nicht den ganzen Tag so tun, als ob. Zumindest nicht mehr als sonst.
Sie wendet sich von mir ab. »Wir haben Besuch«, sagt sie.
Sie sagt nicht: Caramenta. Sie schämt sich, dass sie ihrer Tochter einen Slum-Namen gegeben hat. Mein Stiefvater heißt Daniel. Seine Kinder Esther und Michael. Meine Mutter kam als Mellorie zur Welt. Aber die Sexarbeiterinnen in Ash führen immer ein X in ihrem Namen, deshalb hieß sie schon vor meiner Geburt Lorix. Hier und jetzt heißt sie schlicht Mel.
Mein Stiefvater kommt herein und lächelt breit und aufrichtig. Er ist blond wie seine Tochter. Das ist wie ein Aushängeschild. Echte Wileyaner haben weißes Haar und so blasse Haut, dass sie schon ins Bläuliche geht. Daniels Haar erinnert die Gemeinde daran, dass sein Urgroßvater aus freien Stücken aus der Stadt hierhergekommen ist, nicht als Geflüchteter oder Einwanderer, sondern als Missionar.
Er umarmt mich forsch und zögert anders als meine Mutter nicht, mir in die Augen zu blicken. »Du konntest es einrichten. Was hältst du von der Krawatte? Etwas stillos?«
Normalerweise trägt er eine Tunika wie alle Männer auf den Bauernhöfen, aber heute kommen Auswärtige, und da möchte er sich wie sie kleiden. Seine Krawatte ist voller grinsender Fische, die in unterschiedliche Richtungen schwimmen.
»Willst du heilig und nahbar rüberkommen oder vollkommen geschmacklos?«
Er tut so, als würde er darüber nachdenken. »Beides?«
»Dann ist sie perfekt.«
»Dachte ich mir«, sagt er und deutet mit einem Nicken über die Schulter. »Die Zwillinge sind im Hinterhof.«
Draußen erkenne ich Esther und Michael. Sie führen ein Gespräch, wie es bestimmt nur Zwillinge führen können. Esther schaut ihn flehentlich an, Michael macht eine fest entschlossene Miene. Sie scheinen sich ohne Worte zu verstehen. Mit seinen schwarzen Haaren wäre Michael in der Familie der Außenseiter, wenn Mom und ich nicht aufgetaucht wären. Michael ist nett zu mir, aber nicht so, als wären wir Familie, nicht so, als würde er mir irgendwann einen Spitznamen geben oder mich mitten in der Nacht anrufen. Die Zwillinge erinnern sich nicht an ihre Mutter, eine Frau, deren Gesicht und Vergangenheit viel besser zu ihnen passte, als meine Mutter es je tun wird. Aber ich habe mich über sie erkundigt. In den Welten, in denen ihre Mutter überlebt hat, hat meine die Innenstadt nie verlassen und Dan nie getroffen.
Sie setzen ihre Unterhaltung fort, und der Wind trägt Esthers erhobene Stimme ans Fenster. Ich wende mich ab und versuche mich daran zu erinnern, wann mir das letzte Mal eine Sache so wichtig gewesen ist, dass ich deswegen geschrien habe.
In meinem alten Zimmer, das jetzt Esthers Arbeitszimmer ist, ziehe ich mich um. Als sie hereinkommt, hole ich einen Behälter aus meiner Tasche und werfe ihn Esther zu. Sie fängt ihn lächelnd auf und fährt mit dem Daumen über den silbernen Deckel der Gesichtscreme.
»Du solltest meine Eitelkeit nicht fördern. Das ist meine schlechteste Eigenschaft«, sagt sie und setzt sich auf die Pritsche, auf der ich heute Nacht schlafen werde.
»Dass du Eitelkeit für deine schlechteste Eigenschaft hältst, ist ein Zeichen für Eitelkeit.«
Ich ziehe eine Strumpfhose an – eine dicke, schwarze Strumpfhose, die in der Wüste schrecklich zu tragen ist –, und Esthers Blick ist auf meine Beine fixiert. Von meiner letzten Reise ziehen sich die Blutergüsse – einzelne Streifen auf beiden Seiten meines Rumpfs und meiner Glieder – bis zu meinen Schenkeln und sogar bis zu den Waden hinunter. Das allein wäre noch kein Grund, mich in Strumpfhosen zu zwängen, aber die Garagentattoos auf der Unterseite meiner Schenkel, jeweils ein riesiges Auge, sind ebenfalls sichtbar.
Meine Mutter darf die Tattoos niemals zu Gesicht bekommen. Nach und nach habe ich Geld zusammengespart und sie entfernen lassen, aber ich habe bei denen angefangen, die man direkt sehen konnte, habe die an den Armen, der Brust, dem Hals und hinter den Ohren wegmachen lassen. Als Nächstes kommen die größten dran: sechs Buchstaben, die sich von einem Schulterblatt zum anderen über meinen Rücken ziehen und den Namen von jemandem ergeben.
»Mom glaubt immer noch, dass du dir keine Tattoos hast machen lassen, bevor du Ashtown verlassen hast«, sagt sie.
Ich konzentriere mich darauf, nicht zu stocken, und frage beiläufig: »Wie kam das Thema denn auf?«
»Michael will einen metallüberzogenen Zahn. Sie hat dich als gutes Beispiel angeführt, denn du bist weltlich und hast deinen Körper auch nicht verändert.«
»Er will einen Runnerzahn?«
»Schlimmer«, sagt sie. »Er will Onyx, wie Nik Nik.«
»Nein.« Ich suche ihren Blick, damit sie sieht, dass ich es ernst meine. »Das darfst du nicht zulassen. Wenn die Runner ihn mit dem Kaiserzahn sehen, dann reißen sie ihm den aus. Das ist eine Beleidigung. Wenn er unbedingt einen braucht, soll er Silber nehmen. Silber ist ungefährlich.«
Sie schaut mich mit großen Augen an. Auf dieselbe Weise, wie sie mich mit zwölf Jahren angeschaut hat. Wahrscheinlich fragt sie sich, woher ein Ruralitenmädchen so viel über die Runnerinnen der Innenstadt weiß.
»Habt ihr euch deshalb gestritten?«
Sie hält einen Moment inne, versucht zu entscheiden, ob sie mir den Themenwechsel durchgehen lässt. Dann antwortet sie: »Wir haben nicht gestritten, wir haben diskutiert. Und nein. Es ging um etwas anderes.«
Meine Schwester erzählt mir alles, deshalb bedeutet ihr Zögern, dass Michael ein Geheimnis hat.
»Schon bevor ich von zu Hause weg bin, konnte ich ihr Dinge ganz gut verheimlichen«, sage ich und setze mich neben sie. »Deshalb weiß Mom nichts davon.«
»Und mir. Ich habe sie auch erst gesehen, als du wieder zurückgekommen bist.«
»Du warst zwölf. Damals hätte ich dir eine Augenklappe verheimlichen können.«
Wir reden eine Weile, doch vor allem höre ich ihr zu. Schließlich sieht sie zum Fenster hinaus und steht auf. Auch ich erhebe mich, aber ich muss nirgends hin. Deshalb trennen wir uns. Die Sonne geht unter, Esther muss zum Beten. Heute lautet das Thema Dankbarkeit, eine Dankeslitanei von einem Mädchen, das an einem Ort mit nichts aufgewachsen ist. Sie wird sich für die Festlichkeiten heute Abend eine Schürze umbinden, etwas, was ihre Leute schon immer getragen haben, wenn sie es mit Nichtreligiösen zu tun haben, ein Zeichen ihrer Hilfsbereitschaft. Und ich werde mein Kleid tragen, ein Zeichen, dass ich nicht zur Kirche gehöre und nur eine ungläubige Stifterin bin.
Aber sie nimmt die Gesichtscreme mit, ebenso wie den Lippenbalsam und die Mundspülung, die ich ihr mitbringe. Sie benutzt meine geschenkten Kosmetika, die ihr Aussehen verändern, und das macht beinahe den Umstand wett, dass sie zu schön ist, um jemals wie ich auszusehen. Wenn ich sie anschaue, fern der Sonnenflecken ihrer Mitmenschen, mit dem stets gutmütigen Lächeln, aus dem weiße Zähne blitzen, dann denke ich: Da, das bin ich. Denn eine Schwester ist ein Teil von dir, ein Teil, den du endlich lieben kannst, weil er jemand anders gehört.
Schuhe. Ich habe billige Schuhe vergessen. Ich habe das einzige Paar geschnappt, das zu einem Kleid passt, schwarz mit dem unverwechselbaren goldenen Strich an der Ferse, der die Marke anzeigt, ohne sie hinauszuschreien. Dell hat sie mir geschenkt, weil sie wusste, dass ich mich bei den Firmenfesten mit meinen eigenen Schuhen blamieren würde. Aber das spielt keine Rolle. Hier draußen könnte ich mit dem Paar Schuhe einen Monat lang eine Familie ernähren. Als ich in die neue Kirche schreite, klackern sie laut und stechen aus den Geräuschen der anderen Sohlen heraus, die zu abgelaufen sind, um solchen Lärm zu machen. Für mich ist das peinlicher als für die anderen, aber letztlich ist es für alle peinlich. Ich mache es wett, indem ich zu viel lächle, denn meine gewohnte Distanziertheit würde mir nun als Dünkel ausgelegt werden.
Bei der Einweihungszeremonie halten die älteren Gemeindemitglieder Reden und sagen, wie viel dieses neue Gebäude für die Gemeinde bedeutet. Ich kaufe es ihnen ab. In meinem Tagebuch befindet sich ein Bild von der alten Kirche. Allenfalls eine bessere Scheune. Dieses neue Gebäude hat richtige Wände, die nicht nur das Sonnenlicht abhalten, sondern tatsächlich auch die Hitze. Besonders stolz ist mein Stiefvater auf die angebauten Räume, von denen jeder so groß ist, dass eine vierköpfige Familie darin schlafen kann. Die meisten Leute im ländlichen Ödland meiden richtige Häuser, aber an den hellen Tagen, wenn die Sonne zu nah ist und die Atmosphäre zu dünn, brauchen selbst diejenigen, die an das raue Leben gewöhnt sind, mehr als nur Lehm über ihren Köpfen.
Dankbarkeit ist das Thema des Abends, deshalb danken alle, die heute eine Rede halten, Gott. Aber auch Überleben ist das Thema des Abends, und deshalb achten sie darauf, Nik Nik fast ebenso zu danken. Ich weiß nicht, ob sie dem Kaiser für eine Spende danken oder für das Privileg, dass ihr Gebäude nicht von seinen Leuten niedergebrannt wird, aber sie sind nicht wirklich dankbar. Sie haben nur Angst davor, was passieren könnte, wenn sie nicht dankbar genug erscheinen.
Nik Nik sitzt hinter mir. Bei ihren Gottesdiensten halten die Ruralitinnen in der letzten Reihe immer einen Platz für ihn frei, auch wenn er selten teilnimmt. Ebenso halten sie auch einen Platz für das Oberhaupt des Hauses frei, obwohl Exlee mit Religion nichts am Hut hat. Heute Abend aber sind sie beide da – Exlee, weil es gute Werbung ist, wenn sier hier erscheint und aussieht wie das einzig Sanfte in der Wüste, Nik Nik, weil er die Leute, die sich vor Gott beugen, daran erinnern möchte, dass sie sich zuallererst vor ihm zu beugen haben. Ich starre Exlee an, dier heute in Leder und schwarzen Glitter gekleidet ist. Und ich sehne mich nach den Tagen zurück, als sier noch meinen Namen kannte.
Nach den Reden bedient meine Mutter hinter dem Tresen, während der Rest der Familie die Leute im neuen Kirchengebäude herumführt. Ich gehe zu meiner Mutter, die mir ein Glas Limonade reicht, als wäre ich eine Stifterin wie jede andere. Es ist ihr eigenes Rezept – mit ein wenig Honig und dem Duft von Lavendel, ohne nach Lavendel zu schmecken. Sie darf nicht angeben, aber als ich ihr sage, dass es das Beste ist, was sie jemals gemacht hat, korrigiert sie mich nicht.
»Musstet ihr alle einladen?«, frage ich.
Sie bringt es fertig, wütend zu sein, ohne ihren gutmütigen Gesichtsausdruck zu verlieren. Beides spiegelt sich in ihrem Blick. »Er hat gespendet. Jeder, der spendet, darf kommen.«
Sie muss respektvoll sein, denn wenn man Nik Nik keinen Respekt erweist, dann erteilt er einem womöglich eine Lektion. Diese Lektion kann in Form einer vierfachen Stromrechnung daherkommen oder darin bestehen, dass dir eine grinsende Runnerin das Haus abfackelt .
Ich habe ihm nie geschmeichelt. Aber ich hatte auch nie Angst vor dem Tod, was mir wahrscheinlich auf mehr als einer Erde zum Verhängnis geworden ist.
»Ich weiß nicht, warum du ihn so sehr verachtest«, sagt sie. »Schließlich ist er nie mit uns aneinandergeraten.«
Ich mache den Mund auf, um ihr zu sagen, wie sehr sie sich täuscht, aber sie spricht weiter und hält mich so davon ab, einen Fehler zu begehen.
»Wir haben die Innenstadt verlassen, bevor er die Nachfolge seines Vaters angetreten hat.«
Wenn ich meine Mutter davon erzählen höre, wie wir die Innenstadt von Ash verlassen haben, fällt mir wieder ein, wo und wer ich bin und welche Mutter sie ist. Sie hat keine Ahnung, wie viele Versionen von ihr wegen Nik Nik und seines noch viel schlimmeren Vaters zugrunde gegangen sind … aber man sollte meinen, dass sie es sich denken könnte.
»Du hast recht. Ich bin dem Kaiser nie begegnet. Er gefällt mir nur einfach nicht.«
Sie versteift sich und klopft mit der Kelle gegen die Limonadenschüssel.
Das Klappern klingt zu laut, und alle werden plötzlich still. Und das bedeutet, dass er hier ist. Als ich mich umdrehe, sehe ich Nik Nik in all seiner Pracht: zwei Braids gleich über dem linken Ohr, denn er ist in der Geschlechterfolge der Dritte, der Ash beherrscht. Die restlichen Haare hängen herab, damit man gleich erkennt, dass er nicht in der Wüste oder mit Maschinen oder überhaupt arbeitet. Und in seinem Mund sind alle vier Schneidezähne mit synthetischem Onyx überzogen, sodass sie glänzen wie schwarze Diamanten, und, ja, die Gerüchte stimmen, sie sind auch so geschliffen.
Und es existiert eine Welt, in der ein unbesonneneres und ehrlicheres Ich das Limonadenglas zerschlägt und ihm mit der Scherbe die Kehle aufschlitzt, in der ich meine Hände in sein noch warmes Blut tauche und damit die ganze Schande, die ich mit mir herumtrage, abwasche. Aber diese Welt und dieses Ich sind so anders, dass ich zweifle, dass Eldridge je in der Lage sein wird, sie zu erreichen. Ich bin nicht mehr unbesonnen, und ich war noch nie ehrlich.
Ich stelle das Glas auf den Tresen meiner Mutter und gehe hinaus, um Esther zu suchen. Nik Niks Stimme habe ich seit sechs Jahren nicht mehr gehört, und von mir aus kann es so bleiben.
Zum Abschluss des Abends versammeln sich alle draußen. Daniel und Esther haben bereits das Wort an die Gemeinde gerichtet, und jetzt ist es Michael, der ganz alleine aus der Menge heraustritt. Er sagt nichts. Er kniet nieder, prüft immer wieder den Wind, bis wir in seinen Händen schließlich einen schwachen Funken sehen. Als er zurückkommt, explodiert der Himmel über uns. Michael ist der Sohn eines Ruralitenführers, aber er predigt nicht. Er betet mit Feuer.
Die Religiösen sind die Einzigen, die heutzutage noch Schießpulver verwenden. Waffen, mit denen man aus der Entfernung töten kann, wurden nach den Bürgerkriegen bei Nik seniors Machtergreifung verbannt, das war lange vor meiner Geburt. Das Feuerwerk erscheint mir wie ein Wunder, denn es ist lauter und heller als alles, was Wiley City mir jemals bieten kann.
In der Menschenmenge bewegen sich Münder. Die Ruraliten glauben, dies sei der Zeitpunkt für Beichten. Wenn das Feuer Gottes Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt und sterbliche Ohren im Knallen der Feuerwerkskörper taub sind. Ich warte, bis die nächste goldene Kugel heult und knallt, und dann gestehe ich meine Wahrheit.
»Ich bin nicht Caramenta«, sage ich. »Caramenta ist tot.«
Caramenta starb vor sechs Jahren auf Erde 22, auf meinem eigentlichen Heimatplaneten.
Geboren wurde ich als Caralee, aber seit meinem siebzehnten Geburtstag hieß ich Caralexx, denn zu diesem Zeitpunkt hatte ich es satt, in einer Welt, die immer die von Nik Nik sein würde, um Abfälle zu kämpfen. Als sein Vater starb und Nik an die Macht kam, setzte ich ein X ans Ende meines Namens und wurde sein Lieblingsmädchen. Aber seine Eifersucht war so groß, wie sein Grinsen breit war. Ich erfuhr schon bald, dass er sich nicht von meiner Mutter unterschied, wenn es darum ging, mich für Dinge zu bestrafen, die ich nie getan hatte. Meine richtige Mutter, nicht der verwelkte Seidenfetzen einer Frau auf Erde 0, der zu Esther, Michael und Daniel gehört, aber nie meine Mutter sein wird.
Am Rande des Ödlands, wo es wegen des nur fast ausgetrockneten Flusses noch immer ein wenig feucht war, verbrachte Nik die Nacht damit, so zu tun, als wolle er mich ersäufen. Er drückte meinen Kopf in den Schlamm und zog mich wieder heraus, bevor meine Lungen anfingen zu stechen.
Dann sagte ich: Warum hörst du auf?
Und er sagte: Ich übe nur.
Dann ging er und ließ mich am Leben, so wie immer, denn es gefiel ihm, wenn ich erschöpft und voller Blasen zu ihm zurückschlich. Es gefiel ihm, mich wieder aufzupäppeln, als hätte mir jemand anders die Verletzungen beigebracht.
Wieder einmal war ich im Ödland, an einer Stelle, wo sich auf Erde 0 die Bauernhöfe befanden, das Gesicht mit Schlamm überzogen, der hart geworden war wie Lehm in der Sonne. Und ich wünschte mich an einen anderen Ort. Da habe ich die Leiche entdeckt.
Im Weiß ihrer Augen leuchteten rote Sterne. Ihr linker Arm war einmal nach außen gebogen und dann wieder nach innen wie bei einer zerbrochenen Puppe, ihre Schultern ragten vor, aber ihr Rücken war nach hinten durchgebogen. Ich hatte viel durchgemacht in all den Jahren, aber ich habe nie jemanden erlebt, der es fertiggebracht hätte, jemandem so etwas anzutun. Im Boden fanden sich Spuren. Mit ihrem gesunden Arm hatte sie sich ein Stück vorwärtsgerobbt, aber welche Kraft sie auch immer angetrieben hatte, sie war erloschen, und ein Blutstrom ergoss sich aus ihrem Mund in den Sand.
Ich kauerte mich neben sie, obwohl ich hätte wegrennen sollen. Vielleicht wollte ich einsacken, was es zu holen gab. Vielleicht wollte ich auch sehen, was ein solcher Tod auf dem Gesicht eines Menschen hinterließ.
Da sprang es mir ins Auge. Der Teil des Gesichts, der noch zu erkennen war, gehörte zu mir. Das war meine Leiche, eine sauberere, nicht tätowierte Version meiner selbst. Ich starrte auf ihr Gesicht, auf mein Gesicht und dachte, es handle sich um einen Scherz.
Dann hörte ich die Stimme, leise, aber nicht weit entfernt. Sie sagte meinen Namen.
Ich nahm den Transmitter und stöpselte ihn mir ins ungepiercte Ohr.
»…menta? Caramenta? Bist du da?«
Die Stimme klang nicht gerade herzlich, aber die Sorge darin war aufrichtig und freundlich. Das hatte ich davor noch nie gehört und werde nie genug davon bekommen können.
»Ja … Ich bin hier«, sagte ich.
Ich streifte mir die Manschette der Frau über, und sie aktivierte sich, erkannte sie in mir. Das Bild von Caramentas digitaler ID ähnelte mir noch mehr als ihre Leiche. Sie hatte eine Adresse in Wiley City. Ich hatte schon immer in Wiley City wohnen wollen.
Caramenta, Caramenta, Caramenta, wiederholte ich, um es mir einzuprägen.
»Gut. Ich dachte schon, wir hätten dich an deinem ersten Tag im Einsatz verloren.«
»Nein. Ich bin nur … verwirrt.«
Ein genervtes Seufzen, gefolgt von: »Ich bringe dich zurück. Du bist noch nicht bereit. Ich gehe den Ablauf der Rückholung noch einmal mit dir durch. Aber nur dieses eine Mal. Und wenn du zurück bist, tust du künftig gefälligst nicht mehr nur so, als würdest du die Handbücher lesen.«
Vielleicht hätte es mir nicht so leichtfallen sollen, meiner eigenen Leiche die Kleider auszuziehen und ein paar meiner Sachen zurückzulassen, um sie als mich auszugeben, aber alles ist möglich, wenn man davon überzeugt ist, dass es sein muss. Ich bereue es nicht, und ich habe mich nie dafür geschämt.
Nachdem ich ihre Kleider angezogen hatte, holte Dell mich zurück, und ich wurde in einer funkelnagelneuen Welt wiedergeboren. Das war vor sechs Jahren. Seit sechs Jahren habe ich meinen echten Namen nicht mehr gehört, und an manchen Tagen kann ich mich nicht einmal mehr an ihn erinnern.