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Per Ballonfahrt will der englische Geograf Dr. Samuel Fergusson 1862 von Sansibar aus das geheimnisvolle Afrika erkunden, die Nilquelle und vieles bis dahin Unbekannte entdecken. Mit seinen Begleitern, dem gegenüber der geplanten Luftreise äußerst pessimistisch eingestellten Jäger Dick Kennedy und dem unbekümmerten Diener Joe, übersteht er dabei viele, mitunter lebensgefährliche Abenteuer und Gefahren.
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Jules Verne
Fünf Wochen im Ballon
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1. Das Ende einer sehr beifällig aufgenommenen Rede – Vorstellung des Dr. Samuel Fergusson – »Excelsior!« – Standbild des Doktors – Ein überzeugter Fatalist – Diner im Traveller's-Club – Zahlreiche Gelegenheitstoaste
Am 14. Januar 1862 hatte sich eine große Anzahl von Zuhörern zur Sitzung der Königlich Geografischen Gesellschaft in London, Waterlooplace 3, eingefunden. Der Präsident Sir Francis M. machte in einer häufig von Beifall unterbrochenen Rede seinen ehrenwerten Kollegen eine wichtige Mitteilung.
Diese seltene Probe seiner Beredsamkeit endigte schließlich mit einigen schnarrenden Phrasen, in welchen der Patriotismus sich in vollen Strömen ergoss:
»England hat sich immer durch die Unerschrockenheit seiner Reisenden auf der Bahn geografischer Entdeckungen an der Spitze der Nationen bewegt; denn, wie man bemerkt, muss von den Nationen immer eine der andern voraus sein. (Zahlreiche Zustimmung.) Der Doktor Samuel Fergusson, eins der glorreichen Kinder dieses Landes, wird seinen Ursprung nicht verleugnen. (Von allen Seiten: Nein! Nein!) Dieser Versuch wird, wenn er glückt, die zerstreuten Kenntnisse der afrikanischen Kartologie vervollständigen und verbinden (Stürmischer Beifall) und, wenn er missglücken sollte (Niemals! niemals!)), so wird man ihn wenigstens als eine der kühnsten Unternehmungen des menschlichen Geistes anstaunen. (Wütendes Trampeln mit den Füßen.)«
»Hurra! Hurra!«, schrie die von diesen zündenden Worten elektrisierte Gesellschaft.
»Ein Hurra dem unerschrockenen Fergusson!«, rief eins der angeregtesten Mitglieder des Auditoriums.
Begeisterte Rufe ließen sich hören. Der Name Fergusson ertönte aus aller Munde, und wir haben allen Grund zu glauben, dass er, indem er durch englische Kehlen ging, ganz außerordentlich gewann.
Der Sitzungssaal wurde davon erschüttert. Sie waren zahlreich versammelt, die gealterten, erschöpften, kühnen Reisenden, sie, die ihr lebhaftes Temperament in allen fünf Weltteilen herumgeführt hatte; alle waren sie mehr oder weniger, physisch oder moralisch, Schiffbrüchen, Feuersbrünsten, den Tomahawks der Indianer, den Keulen der Wilden, dem Marterpfahl und Magen der Polynesier entronnen! aber nichts konnte ihr Herzklopfen während der Rede von Sir M. unterdrücken, und seit Menschengedenken war dies gewiss der höchste oratorische Erfolg in der Königlich Geografischen Gesellschaft zu London.
Aber in England bleibt der Enthusiasmus nicht bei Worten stehen; er schlägt noch rascher Geld, als der Prägstock der »Royal Mint«.
Noch in derselben Sitzung wurde bestimmt, dem Doktor Fergusson eine anerkennende Gratifikation zur weiteren Ermutigung zukommen zu lassen. Dieselbe belief sich gut 2500 Pfund Sterling. Die Größe der Summe stand im richtigen Verhältnis zur Wichtigkeit des Unternehmens.
Eins der Mitglieder der Gesellschaft interpellierte den Präsidenten in Betreff der Frage, ob Doktor Fergusson nicht offiziell vorgestellt werden würde.
»Der Doktor steht der Gesellschaft zur Verfügung,« antwortete Sir Francis M.
»So möge er eintreten!«, rief man. Einen Mann von so außerordentlicher Kühnheit sieht man gern mit eigenen Augen.
»Vielleicht hat dieser unglaubliche Vorschlag«, sagte ein alter, gelähmter Kommodore, »keinen andern Zweck gehabt, als uns zu mystifizieren!«
»Und wenn dieser Doktor Fergusson überhaupt nicht existierte!«, ließ sich eine boshafte Stimme vernehmen.
»So müsste man ihn erfinden,« sagte ein launiges Mitglied der ernsten Gesellschaft.
»Lasst den Doktor Fergusson hereinkommen«, sprach Sir Francis M. einfach, und der Doktor trat inmitten eines Beifallssturmes ein, ohne auch nur die geringste Erregung blicken zu lassen.
Er war ein Mann von etwa vierzig Jahren, von gewöhnlicher Statur und Konstitution. Die erhöhte Färbung seines Gesichtes verriet ein sanguinisches Temperament; er hatte kalte, regelmäßige Züge, und eine starke, einem Schiffsschnabel ähnlich sehende Nase schien ihn zu Entdeckungsreisen prädestiniert zu haben. Seine sanften, mehr intelligenten als kühnen Augen verliehen seiner Physiognomie einen großen Reiz, seine Arme waren von ungewöhnlicher Länge, und an der Art, wie er seine Füße auf den Boden setze, erkannte man den großen Fußreisenden.
Die ganze Erscheinung des Doktors atmete einen ruhigen Ernst, und man dachte nicht daran, dass er das Werkzeug der unschuldigsten Mystifikation sein könnte.
Auch hörten die Hurras und das Beifallklatschen nicht eher auf, als bis Dr. Fergusson mit einer liebenswürdigen Handbewegung Stillschweigen gebot. Er wandte sich nach dem, zu seiner Vorstellung herbeigeschafften Lehnsessel, erhob, hoch aufgerichtet, mit energischem Blick den Zeigefinger seiner rechten Hand gen Himmel, öffnete den Mund, und sprach dies einzige Wort:
»Excelsior!«
Der alte Kommodore, vollständig für diesen sonderbaren Mann eingenommen, verlangte die ungekürzte Aufnahme der Rede Fergussons in die Nachrichten der Königlich Geografischen Gesellschaft zu London.
Wer war denn dieser Doktor? Und welcher Unternehmung wollte er seine Kräfte widmen?
Der Vater des jungen Fergusson, ein wackerer Kapitän der englischen Marine, hatte seinen Sohn vom zartesten Alter an mit den Gefahren und Abenteuern seines Berufes vertraut gemacht.
Das ausgezeichnete Kind, welches Furcht nie gekannt zu haben scheint, verriet frühzeitig einen lebhaften Geist, einen regen Forschungssinn, eine bemerkenswerte Neigung zu wissenschaftlichen Arbeiten, und zeigte außerdem eine wunderbare Geschicklichkeit, sich in schwierigen Fällen aus der Affäre zu ziehen und sich im Leben durchzuschlagen. Es geriet niemals in Verlegenheit, selbst nicht, als es sich zum ersten Mal der Gabel bedienen sollte, wobei Kinder im Allgemeinen so wenig Glück haben.
Bald entzündete sich seine Fantasie an der Lektüre von kühnen Unternehmungen und Erforschungen des Meeres, ja, der Knabe verfolgte mit leidenschaftlichem Interesse die Entdeckungen, welche den ersten Teil des 19. Jahrhunderts auszeichneten. Er träumte von den Erfolgen eines Mungo Park, eines Bruce, Caillié, Levaillant, und, wie ich glaube, auch nicht wenig von den Mühen und Kämpfen Selkirks, des Robinson Crusoe, dessen Ruhm ihm nicht geringer erschien.
Wie viel wohlangewandte Stunden brachte er bei ihm auf seiner Insel Juan Fernandez zu! Oft fanden die Gedanken des verlassenen Matrosen seine Billigung, bisweilen aber unterzog er seine Pläne einer eingehenden Erörterung. Er hätte vieles anders gemacht. Manches vielleicht besser oder mindestens ebenso gut!
Aber niemals hätte er gewiss dieser glückseligen Insel den Rücken gewandt, auf der er glücklich gewesen war, wie ein König ohne Untertanen – niemals, und wenn es sich darum gehandelt hätte, erster Lord der Admiralität zu werden!
Ich überlasse euch zu erwägen, ob diese Neigungen sich in der Zeit seiner abenteuerlichen Jugend entwickelten, während welcher er in allen fünf Weltteilen herumgestoßen wurde; übrigens versäumte es sein Vater als gebildeter Mann nicht, diesem lebhaften Geist durch ernste Studien auf dem Gebiete der Hydrografie, der Physik und Mechanik einen festen Boden zu geben und ihm zugleich eine oberflächliche Kenntnis der Botanik, Medizin und Astronomie beizubringen.
Als der würdige Kapitän starb, hatte Samuel Fergusson, zweiundzwanzig Jahr alt, schon eine Reise um die Welt gemacht; er ließ sich bei dem Bengalischen Ingenieurcorps anwerben und zeichnete sich bei verschiedenen Gelegenheiten aus; aber das Soldatenleben behagte ihm nicht, es lag ihm wenig daran zu befehlen, und er liebte nicht zu gehorchen.
Er nahm seine Entlassung und zog jagend und botanisierend nach dem Norden der indischen Halbinsel. Diese durchstreifte er von Kalkutta bis Surat. Ein einfacher Spaziergang aus Liebhaberei.
Von Surat sehen wir ihn nach Australien wandern und im Jahre 1845 an der Expedition des Kapitän Sturt teilnehmen; dieser hatte den Auftrag, jenes Kaspische Meer zu entdecken, das angeblich im Innern von Neuholland existieren soll.
Samuel Fergusson kehrte 1850 nach England zurück, und mehr als je von dem Dämon der Entdeckungslust besessen, begleitete er bis zum Jahre 1853 den Kapitän Mac Clure auf der Expedition, durch welche die Küste des Kontinents von Amerika von der Behringstraße bis zum Kap Farewell erforscht werden sollte.
Sowohl bei den ärgsten Strapazen als in jedem Klima hielt die Konstitution Fergussons vortrefflich stand, und unter den furchtbarsten Entbehrungen fühlte er sich ganz behaglich. Kurz, man sah in ihm den Typus eines Reisenden, dessen Magen nach Wunsch zusammenschnurrt oder sich ausdehnt, dessen Beine sich nach dem improvisierten Lager verlängern oder kürzer werden, und der zu jeder Tageszeit einschlafen und zu jeder beliebigen Stunde der Nacht erwachen kann.
Können wir uns nach alledem etwa wundern, wenn wir unsern unermüdlichen Reisenden in den Jahren 1855 bis 1857 dabei wiederfinden, das ganze westliche Tibet in Gesellschaft der Gebrüder Schlagintweit zu durchstreifen, um von dieser Reise im höchsten Grade interessante ethnografische Beobachtungen heim zu bringen?
Während dieser verschiedenen Ausflüge war Samuel Fergusson der tätigste und anziehendste Korrespondent des »Daily Telegraph«, dieser Penny-Zeitung, die täglich in einer Höhe von 140000 Exemplaren abgezogen wird und kaum für mehrere Millionen Leser ausreicht.
Auch kannte man unsern Doktor überall, obgleich er Mitglied keines gelehrten Instituts war und weder den Königlich Geografischen Gesellschaften zu London, Paris, Berlin, Wien oder St. Petersburg angehörte noch zu den Mitgliedern des Clubs der Reisenden oder der »Royal Polytechnic Institution« zählte, in welcher sein Freund, der Statistiker Kokburn, den Vorsitz führte.
Dieser Gelehrte gab ihm eines Tages, in der Hoffnung, sich ihm angenehm zu machen, folgende Aufgabe zu lösen: Wenn die Zahl der von dem Doktor auf seinen Reisen um die Welt zurückgelegten Meilen gegeben ist, einen wie viel weiteren Weg hat – in Anbetracht der Verschiedenheit der Radien – sein Kopf gemacht als seine Füße? Und ferner: Wenn die Zahl der von den Füßen und dem Kopf des Doktors gemachten Meilen bekannt ist, sei die Körpergröße desselben bis auf die Linie genau zu berechnen.
Fergusson indessen hielt sich stets von den gelehrten Körperschaften fern, denn er rechnete sich zu den Streitern, die mit Taten, nicht mit Worten kämpfen.
Unser Doktor wandte seine Zeit lieber zu Forschungen und Entdeckungen an, als zu langatmigen Erörterungen.
Man erzählt, dass eines Tages ein Engländer in Genf eintraf, um dort den See zu besichtigen, und sich zu diesem Zweck in eine der alten, omnibusartigen Kutschen setzte, in denen die Plätze für die Passagiere an beiden Seiten angebracht sind.
Nun traf es sich aber unglücklicher Weise, dass der Reisende dem See den Rücken zukehrte, und so kam es, dass er seine Rundreise in aller Gemütsruhe vollendete, ohne auch nur einen Schimmer vom Genfer See erblickt zu haben, denn an die Möglichkeit, sich auch nur ein Mal umzuwenden, hatte er nicht gedacht; trotzdem kehrte er, vom Genfer See entzückt, nach London zurück.
Was nun Doktor Fergusson, anbetraf, so hatte er sich auf seinen Reisen mehr als ein Mal umgewandt, und zwar so gut, dass er viel von der Welt gesehen hatte.
Er folgte hierbei übrigens nur seiner Natur, und wir haben guten Grund anzunehmen, dass er ein wenig Fatalist war. Er huldigte jedoch einem sehr orthodoxen Fatalismus, denn er rechnete auf sich selbst und auf die Vorsehung. Er behauptete, dass er viel mehr in seine Reisen hineingeschleudert würde, als dass sie ihn anzögen, und dass er einer Lokomotive zu vergleichen sei, die sich nicht selbst lenkt, sondern deren Richtung vom Schienenwege bestimmt wird.
»Ich verfolge nicht meinen Weg«, sagte er oft, »mein Weg verfolgt mich.«
Nach alledem wird man sich nicht über die Kaltblütigkeit verwundern, mit welcher Doktor Fergusson die Beifallsrufe der Königlich Geografischen Gesellschaft entgegennahm; er war über dergleichen Erbärmlichkeiten erhaben, da er weder Stolz, noch irgendwelche Eitelkeit besaß, und fand den Vorschlag, welchen er dem Präsidenten Sir Francis M. gemacht hatte, im höchsten Grade einfach. Die ungeheure Wirkung, welche derselbe hervorgebracht hatte, war er nicht einmal gewahr geworden.
Nachdem die Sitzung geschlossen, wurde der Doktor im Triumph zum Traveller's-Club nach Pall Mall geführt, wo ein prächtiges Festmahl in Bereitschaft war. Der Umfang der servierten Schüsseln stand im Verhältnis zur Bedeutung der gefeierten Persönlichkeit, und der Stör, welcher bei diesem glänzenden Diner figurierte, maß nicht drei Zoll weniger an Länge als Samuel Fergusson selbst.
Zahlreiche Toaste wurden mit französischen Weinen auf die großen Reisenden ausgebracht, welche sich auf Afrikas Erde einen berühmten Namen gemacht hatten. Man trank auf ihre Gesundheit oder auf ihr Andenken, und zwar in echt englischer Manier nach alphabetischer Ordnung auf:
Abbadie, Adams, Adamson, Anderson, Arnaud, Baikie, Baldwin, Barth, Batouda, Beke, Beltrame, du Berba, Bimbachi, Bolognesi, Bolwik, Bolzoni, Bonnemain, Brisson, Browne, Bruce, Brun-Rollet, Burchell, Burckhardt, Burton, Caillaud, Caillié, Campbell, Chapman, Clapperton, Clot-Bey, Colomieu, Courval, Cumming, Cuny, Debono, Decken, Denham, Desavanchers, Dicksen, Dickson, Dochard, Duchaillu, Duncan, Durand, Duroulé, Duveyner, Erhardt, d'Escayrac, de Lauture, Ferret, Fresnel, Galinier, Galton, Geoffroy, Golberry, Hahn, Halm, Harnier, Hecquart, Heuglin, Hornemann, Houghton, Imbert, Kaufmann, Knoblecher, Krapf, Kummer, Lafargue, Laing, Lajaille, Lambert, Lamiral, Lamprière, John Lander, Richard Lander, Lefebure, Lejean, Levaillant, Livingstone, Maccarthie, Maggiar, Maizan, Malzac, Moffat, Mollien, Monteiro, Morrisson, Mungo Park, Reimans, Overweg, Panet, Partarrieau, Pascal, Pearse, Peddie, Peney, Petherick, Poncet, Prax, Raffenel, Rath, Rebmann, Richardson, Riley, Ritchie, Rochet d'Héricourt, Nongawi, Roscher, Ruppel, Saugnier, Speke, Steidner, Thibaud, Thompson, Thornton, Tolde, Tousny, Trotter, Tuckey, Tyrwitt, Vaudey, Veyssière, Vincent, Vinco, Vogel, Wahlberg, Warington, Washington, Werne, Wild, und endlich auf den Doktor Fergusson, der die Arbeiten dieser Reisenden durch seinen unglaublichen Versuch mit einander vereinen und die Reihe der Entdeckungen in Afrika vervollständigen sollte.
Am folgenden Tage veröffentlichte der »Daily Telegraph« in seiner Nummer vom 15. Januar einen also lautenden Artikel:
»Das Geheimnis der ungeheuren afrikanischen Einöden wird endlich offenbart werden; ein moderner Ödipus wird uns die Lösung dieses Rätsels bringen, das die Gelehrten von sechs Jahrtausenden nicht zu entziffern vermochten. Ehedem wurde eine Aufsuchung der Nilquellen, fontes Nili quaerere, als ein wahnsinniges Beginnen, ein nicht zu verwirklichendes Hirngespinst betrachtet.
Indem der Doktor Barth die von Denham und Clapperton vorgezeichnete Straße bis Sudan verfolgte, Doktor Livingstone seine unerschrockenen Nachforschungen von dem Kap der guten Hoffnung bis zu dem Flussbecken des Sambesi ununterbrochen betrieb, die Kapitäne Burton und Speke die großen Binnenseen entdeckten, haben sie der modernen Zivilisation drei Bahnen geöffnet; der Durchschnittspunkt, nach dem noch kein Reisender hat gelangen können, ist das eigentliche Herz Afrikas; darauf hin müssen sich nunmehr alle Anstrengungen richten.
Jetzt aber werden die Arbeiten dieser unerschrockenen Pioniere der Wissenschaft durch den kühnen Versuch des Doktor Samuel Fergusson untereinander verknüpft werden.
Dieser verwegene Entdecker, dessen so herrliche Forschungen unsere Leser so oft mit Interesse verfolgt haben, hat sich vorgenommen, über ganz Afrika von Osten bis Westen in einem Ballon hinwegzufahren. Sind wir recht unterrichtet, so würde der Ausgangspunkt dieser wunderbaren Reise die Insel Sansibar an der Ostküste sein. Was ihren beabsichtigten Endpunkt anbetrifft, so ist die Kenntnis desselben allein der Vorsehung vorbehalten.
Der Vorschlag zu dieser wissenschaftlichen Forschungsreise ist gestern offiziell der Königlich Geografischen Gesellschaft gemacht worden, und eine Summe von 2500 Pfund von derselben ausgeworfen, um die Kosten des Unternehmens zu decken.
Wir werden unsere Leser beständig in Kenntnis über den Verlauf dieser staunenswerten Entdeckungsreise halten, von der sich in den Annalen der Geografie kein Präzedenzfall vorfindet.«
Wie man sich denken kann, machte dieser Artikel ein ungeheures Aufsehen; zuerst stieß er auf allgemeinen Unglauben; der Doktor Fergusson galt bei vielen für ein in der Idee existierendes, nur fingiertes Wesen von der Erfindung des Herrn Barnum, der, nachdem er in den Vereinigten Staaten gearbeitet hatte, sich nunmehr anschickte, die britischen Inseln zu »machen«.
Eine scherzhafte Antwort erschien in Genf in der Februar-Nummer der Bulletins de la Société Géographique; dieselbe verspottete in geistreicher Weise die Königlich Geografische Gesellschaft zu London, den Traveller's-Club und den riesigen Stör.
Aber Herr Petermann brachte die Genfer Zeitschrift in seinen zu Gotha veröffentlichten »Mitteilungen« gründlich zum Schweigen, denn er kannte den Doktor Fergusson persönlich und leistete für die Unerschrockenheit seines kühnen Freundes Gewähr.
Bald mussten übrigens alle Zweifel verstummen; die Vorbereitungen zu der Reise gingen in London vor sich; Lyoner Fabriken hatten bedeutende Taftbestellungen für den Bau des Luftschiffes erhalten, und endlich stellte die Regierung von Großbritannien das Transportschiff »The Resolute«, Kapitän Pennet, dem Doktor zur Verfügung.
Alsbald ließen sich von vielen Seiten Äußerungen der Ermutigung vernehmen, und tausend Glückwünsche wurden laut. Die Einzelheiten der projektierten Reise wurden des Langen und Breiten in den »Bulletins de la société géographique« zu Paris besprochen, und ein interessanter Artikel über diesen Gegenstand in den »Nouvelles Annales des voyages, de la géographie, de l'histoire et de l'archéologie de M. V. – A. Malte-Brun« abgedruckt.
Eine äußerst sorgfältige Arbeit des Doktor W. Koner, die in der »Zeitschrift für allgemeine Erdkunde« veröffentlicht wurde, wies siegreich die Möglichkeit der Reise, ihre Aussichten auf Erfolg, die Natur der Hindernisse, und die unermesslichen Vorteile der Beförderungsweise auf dem Luftwege nach; er tadelte nur den Anfangspunkt und gab Massaua, einem kleinen Hafenort Abessiniens, den Vorzug, von welchem aus James Bruce im Jahre 1768 zu der Erforschung der Nilquellen ausgezogen war. Übrigens bewunderte er rückhaltlos den energischen Geist des Doktor Fergusson und das mit dreifachem Erz umschlossene Herz, welches den Plan zu einer solchen Reise entwerfen und sie zur Ausführung bringen konnte.
Die »North American Review« sah nicht ohne Missvergnügen einen solchen Ruhm England vorbehalten, nahm den Vorschlag des Doktors von einer scherzhaften Seite und lud ihn ein, da er dann einmal auf dem Wege sei, gleich weiter bis nach Amerika zu fahren.
Kurz, ohne die Zeitschriften der ganzen Welt aufzählen zu wollen, können wir versichern, dass es vom »Journal des missions évangéliques« bis auf die »Revue Algérienne et coloniale«, von den »Annales de la propagation de la foi« bis auf den »Church missionary intelligencer« keine wissenschaftliche Zeitschrift gab, welche diese Tatsache nicht in allen Variationen berichtet hätte.
Beträchtliche Wetten wurden in London wie in ganz England eingegangen, erstens über die wirkliche oder nur vermutete Existenz des Doktor Fergusson; zweitens über die Reise selbst, die nach der Behauptung der einen nicht angetreten, nach der Meinung der andern unternommen werden würde; drittens über die Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit einer Rückkehr des Doktor Fergusson.
Man trug bedeutendere Summen in das Wettbuch ein, als wenn es sich um ein Epsom-Rennen gehandelt hätte.
So waren die Augen von Gläubigen und Ungläubigen, von Unwissenden und Gelehrten auf den Doktor gerichtet, und er wurde der Löwe des Tages, ohne eine Ahnung davon zu haben, dass er eine Mähne trüge. Er gab bereitwillig Auskunft über die Expedition, denn er war der natürlichste und zugänglichste Mensch von der Welt. Mehr als ein kühner Abenteurer bot sich an, den Ruhm und die Gefahren seines Versuchs zu teilen, aber Fergusson wies alle solche Anerbietungen ab, ohne die Gründe hierzu anzugeben.
Außerdem stellten sich eine Menge Erfinder von allerhand Mechanismen bei ihm ein, um ihr System für die Direktion des Ballons zu empfehlen; er ließ sich jedoch auf nichts ein, und wenn man ihn fragte, ob er selbst in dieser Beziehung etwas entdeckt habe, weigerte er sich hartnäckig, eine bestimmte Erklärung abzugeben, und beschäftigte sich eifriger als je mit den Vorbereitungen zu seiner Reise.
Doktor Fergusson besaß einen Freund. Derselbe war nicht etwa sein zweites Ich, kein alter ego – zwischen zwei vollkommen gleichartigen Wesen hätte wirkliche Freundschaft nicht existieren können –, aber wenn Dick Kennedy und Samuel Fergusson auch verschiedene Eigenschaften und Fähigkeiten, ja sogar ein verschiedenes Temperament besaßen, so waren sie doch ein Herz und eine Seele und wurden dadurch nicht weiter gestört – im Gegenteil.
Besagter Dick Kennedy war ein Schotte im vollen Sinne des Worts; offen, entschlossen und beharrlich. Er wohnte in der kleinen Stadt Leith bei Edinburgh, eine richtige Bannmeile von dem »alten Rauchnest« entfernt. Bisweilen trieb er die Fischerei, aber immer und überall war er dem Jägerhandwerk mit Leib und Seele ergeben; und das war bei einem Kinde Kaledoniens, das gewohnt ist, in den Bergen des Hochlands umherzustreifen, nicht eben zu verwundern. Man rühmte ihn als einen vorzüglichen Schützen mit dem Karabiner und sagte ihm nach, dass er die Kugel beim Schuss auf eine Messerklinge nicht nur durchschnitt, sondern sie auch auf diese Weise in so gleiche Hälften teilte, dass beim Wiegen kein Unterschied zwischen ihnen gefunden werden konnte.
Die Physiognomie Kennedys erinnerte lebhaft an diejenige Halbert Glendinnings, wie sie Walter Scott im »Kloster« gezeichnet hat; seine Größe überstieg sechs englische Fuß; obgleich graziös und behände, war er mit einer herkulischen Körperkraft ausgerüstet; ein wettergebräuntes Antlitz, lebhafte schwarze Augen, eine natürliche, ausgeprägte Kühnheit, kurz eine gewisse Güte und Solidität in der ganzen Person des Schotten nahm von Vornherein zu seinen Gunsten ein.
Die beiden Freunde hatten sich in Indien, als beide bei demselben Regiment dienten, kennen gelernt; während Dick sich auf der Tiger- und Elefantenjagd vergnügte, erbeutete Samuel Pflanzen und Insekten. Dieser wie jener konnte sich in seiner Sphäre eines guten Erfolges rühmen, und dem Doktor fiel gar manche Pflanze in die Hände, deren Wert einem Paar Elfenbeinhauern gleich zu schätzen war.
Die beiden jungen Leute hatten niemals Gelegenheit gehabt, einander das Leben zu retten oder sich sonstige Dienste zu erweisen; daher erhielt sich unter ihnen eine ungetrübte, gleichmäßige Freundschaft. Das Geschick trennte sie zuweilen voneinander, aber immer führte sie ihre Sympathie wieder zusammen.
Seitdem sie nach England zurückgekehrt waren, wurden sie oft durch die Expeditionen des Doktors geschieden; wenn er indessen heimkam, verfehlte er niemals, ungebeten bei seinem Freunde vorzusprechen und ihm einige Wochen zu widmen.
Dick plauderte dann von der Vergangenheit, und Samuel machte Zukunftspläne; der eine sah vorwärts, der andere schaute zurück, und so kam es, dass der Geist des einen die personificirte Aufregung, der des andern die vollkommenste Ruhe war.
Nachdem der Doktor von Tibet zurückgekommen war, sprach er fast zwei Jahre lang nicht von neuen Forschungsreisen, und Dick gab sich der Hoffnung hin, dass sein Reisetrieb und seine Sucht nach Abenteuern nun endlich befriedigt wären. Er war von diesem Gedanken entzückt.
»Wenn man auch noch so gut mit den Menschen umzugehen versteht«, sagte er zu sich, »muss es doch früher oder später ein schlechtes Ende nehmen; man begibt sich nicht ungestraft unter Menschenfresser und wilde Tiere.«
So forderte denn Kennedy seinen Freund auf, ein Ende mit seinen Reisen zu machen, und stellte ihm vor, dass er für die Wissenschaft genug und für die Dankbarkeit der Menschen bereits viel zu viel geleistet habe.
Hierauf erhielt er von dem Doktor keine Antwort; derselbe war in der nächsten Zeit nachdenklich, beschäftigte sich insgeheim mit Berechnungen, verbrachte die Nächte mit minutiösen Arbeiten, über Zahlen brütend; ja, er stellte sogar Experimente mit allerlei sonderbaren Maschinerien an, von denen man nicht wusste, was sie zu bedeuten hatten.
So viel aber war klar ersichtlich: Es gärte ein neuer, großer Gedanke in dem Hirn Samuel Fergussons.
»Worüber mag er so gegrübelt haben?«, fragte sich Kennedy, als sein Freund ihn im Monat Januar verlassen hatte, um nach London zurückzukehren.
Da wurde ihm die Beantwortung dieser Frage eines Morgens aus dem bereits mitgeteilten Artikel des »Daily Telegraph«.
»Barmherziger Himmel!«, rief er aus, »ist der Mensch wahnsinnig geworden! Afrika in einem Ballon durchreisen! Weiter fehlte nichts! Also darüber hat er in diesen beiden Jahren nachgesonnen!«
Denkt euch anstatt aller dieser Ausrufungszeichen kräftige, auf das eigene Hirn geführte Faustschläge, und ihr werdet euch einen ungefähren Begriff von der körperlichen Motion machen können, in welcher unser wackerer Dick seine Erregung austobte.
Als seine alte Vertraute, Frau Elspeth, ihm zu bedenken gab, dass dies alles nur eine Mystifikation sein könne, antwortete er:
»Unsinn! Ich werde doch meinen Mann kennen? Das sieht ihm ähnlich, ganz ähnlich! Durch die Lüfte reisen! Jetzt wird er gar eifersüchtig auf die Vögel! Nein, daraus soll nichts werden, ich werde es zu verhindern wissen! Ja, wenn man ihn gewähren ließe; wer könnte einem dafür gut sagen, dass er sich nicht eines schönen Tages nach dem Monde aufmachte!«
Noch am Abend desselben Tages setzte sich Kennedy voll großer Unruhe und Erbitterung in ein Coupé der Eisenbahn nach der General Railway Station und langte am folgenden Morgen in London an.
Drei Viertelstunden später setzte ihn eine Droschke vor dem kleinen Hause des Doktors, Soho Square, Greek Street ab.
Er schritt über den Vorplatz und kündigte sich durch fünf nachdrückliche Schlage gegen die Tür an, worauf Fergusson öffnete.
»Dick?«, fragte er, ohne irgendwelches Erstaunen zu verraten.
»Dick selber«, erwiderte Kennedy kurz.
»Du hältst dich zur Zeit der Winterjagden in London auf? Was führt dich hierher?«
»Eine grenzenlose Torheit, die ich verhindern will.«
»Eine Torheit?«
»Ist das, was in dieser Zeitung steht, wahr?«, rief jetzt Kennedy, indem er die betreffende Nummer des Daily Telegraph hervorholte und sie seinem Freunde entgegenhielt.
»Ach davon sprichst du! Diese Zeitungen schwatzen doch wirklich alles aus! Aber setze dich doch, lieber Dick.«
»Nein, ich werde mich nicht setzen. Sage mir, ob du wirklich und wahrhaftig die Absicht hast, diese Reise zu unternehmen?«
»Ganz entschieden; meine Vorbereitungen sind schon im Gange, und ich ...«
»Wo hast du deine Vorbereitungen? In tausend Stücke will ich sie zerschlagen! Her damit!« Der würdige Schotte geriet jetzt ernstlich in Zorn.
»Beruhige dich, mein lieber Dick«, versetzte der Doktor; »ich begreife deine Gereiztheit sehr wohl. Du zürnst mir, dass ich dir meine neuen Pläne noch nicht mitgeteilt habe.«
»Das nennt er neue Pläne!«
»Ich bin nämlich sehr beschäftigt gewesen«, fuhr Samuel fort; »es gab in der letzten Zeit viel für mich zu tun. Aber trotzdem wäre ich nicht abgereist, ohne dir zu schreiben ...«
»Ach, was liegt mir daran ...«
»Weil ich die Absicht habe, dich mitzunehmen.«
Der Schotte machte einen Satz, der einem Gemsbock zur Ehre gereicht haben würde.
»Ah so!«, sagte er. »Du gehst also darauf aus, uns beide nach Bedlam zu bringen!«
»Ich habe mit voller Bestimmtheit auf dich gerechnet, lieber Dick, und mit Ausschluss von vielen anderen dich zu meinem Reisegefährten erwählt.«
Kennedy war ganz starr vor Staunen.
»Wenn Du mich zehn Minuten lang angehört hast, wirst du mir dafür dankbar sein«, fuhr der Doktor fort.
»Sprichst du wirklich im Ernst?«
»Vollständig im Ernst.«
»Und wenn ich mich nun weigere, dich zu begleiten?«
»Das wirst du nicht tun.«
»Wenn ich mich nun aber doch weigere?«
»Dann reise ich allein.«
»Setzen wir uns«, sagte der Jäger, »und sprechen wir ohne alle Leidenschaft. Von dem Augenblick an, wo ich weiß, dass du nicht scherzest, ist die Sache wenigstens einer Unterredung wert.«
»Wenn du nichts dagegen hast, können wir dabei frühstücken, lieber Dick.«
Die beiden Freunde setzten sich einander gegenüber an einen kleinen Tisch, auf dem rechts ein stattlicher Berg von Butterbroten und links eine ungeheure Teekanne stand.
»Mein lieber Samuel, dein Plan ist geradezu verrückt; an seine Durchführung ist nicht zu denken, er ist mit einem Wort unmöglich!«
»Das werden wir erst genau wissen, wenn wir den Versuch gemacht haben.«
»Aber eben dieser Versuch soll ja nicht gemacht werden!«
»Und warum nicht, wenn's beliebt?«
»Denke doch an die Gefahren, die Hindernisse aller Art!«
»Hindernisse«, versetzte Fergusson sehr ernst, »sind erfunden, um besiegt zu werden; und was die Gefahren betrifft – wer kann sich schmeicheln, ihnen zu entgehen? Alles im Leben ist Gefahr! Es kann das größte Unglück herbeiführen, wenn man sich an einem Tische niederlässt oder auch nur seinen Hut aufsetzt. Überdies muss man sich sagen, dass alles, was bereits geschehen ist, auch wiederum geschehen wird, dass die Zukunft nur eine etwas entferntere Gegenwart ist.«
»Ich kenne deine Ansichten«, schob Kennedy ein, indem er mit den Achseln zuckte. »Du bist Fatalist!«
»Immer, aber im besten Sinne des Wortes. Beschäftigen wir uns also nicht mit dem, was das Geschick uns möglicher Weise vorbehalten hat, sondern halten wir uns an das gute englische Sprichwort: Wer zum Hängen geboren ist, wird nie den Tod des Ertrinkens sterben.«
Hierauf war nichts zu erwidern, doch hinderte dies Kennedy nicht, eine Menge naheliegender Gründe gegen die beabsichtigte Unternehmung aufzuzählen, deren nähere Erörterung uns hier zu weit führen würde.
»Warum willst du denn aber«, sagte er nach einer Stunde lebhaftester Debatte, »wenn diese Bereisung Afrikas absolut zu deinem Lebensglück gehört, nicht dieselben Bahnen einschlagen, wie andere gewöhnliche Sterbliche vor dir?«
»Warum?«, rief der Doktor, in Eifer geratend. »Weil bis jetzt alle Versuche scheiterten! Weil von Mungo Parks Ermordung am Niger bis zum Verschwinden Vogels in Wadai, von Oudneys und Clappertons Tod in Murmur und Sackatu bis auf den Franzosen Maizan, der in Stücke gehauen wurde, von dem Major Laing, der durch die Hand der Tuaregs sein Ende fand, bis zur Ermordung Roschers aus Hamburg im Anfange des Jahres 1860, zahlreiche Opfer in die afrikanische Märtyrerliste eingetragen worden sind! Weil es ganz unmöglich ist, gegen die Elemente, gegen den Hunger, den Durst, das Fieber, gegen die wilden Tiere und die noch viel wilderen Völkerstämme anzukämpfen! Weil man das, was nicht auf eine Weise zu erreichen ist, auf eine andere Art versuchen muss, und endlich, weil man da, wo nicht gerade durchzukommen ist, nebenher oder darüber hinweggehen muss.«
»Wenn es sich nur darum handelte, darüber hinweg zu gehen!«, äußerte Kennedy. »Aber du willst ja hoch darüber fort fliegen.«
»Nun«, argumentierte der Doktor mit der größten Kaltblütigkeit weiter, »was habe ich denn zu fürchten? Wie du dir wohl denken kannst, habe ich meine Vorsichtsmaßregeln dergestalt getroffen, dass ein Fall meines Ballons nicht besorgt werden darf. Sollte das Luftschiff mich trotz alledem im Stich lassen, so würde ich mich auf der Erde noch immer in gleichen Verhältnissen mit andern Entdeckungsreisenden befinden; aber mein Ballon wird sich bewähren; wir können fest darauf rechnen.«
»Wir dürfen im Gegenteil nicht darauf rechnen.«
»Doch wohl, mein lieber Dick; ich beabsichtige, mich nicht eher von meinem Luftschiff zu trennen, als bis ich auf der Westküste Afrikas angekommen bin. Mit diesem Ballon ist alles möglich; ohne ihn aber fiele ich wieder den Gefahren und natürlichen Hindernissen solcher Expeditionen zum Opfer. Mit ihm gedenke ich ebenso der Hitze, den Strömen und Stürmen, wie dem Samum und dem ungesunden Klima zu trotzen; weder wilde Tiere noch Menschen können mir etwas anhaben. Ist mir zu heiß, so steige ich; wird es zu kalt, so lasse ich mich herab. Über einen Berg fliege ich hinweg, über jeden Abgrund schwebe ich hin; ich schieße über Flüsse und Ströme wie ein Vogel, und entlädt sich ein Gewitter, so erhebe ich mich über dasselbe und beherrsche es von oben herab. Ich komme vorwärts, ohne zu ermüden, und halte an, ohne der Ruhe zu bedürfen! Ich schwebe über den Städten, und fliege mit der Schnelligkeit des Orkans bald hoch oben in den Lüften, bald nur hundert Fuß vom Erdboden entfernt; und unter meinen Augen entrollt sich die Karte von Afrika im großen Atlas der Welt!«
Der wackere Kennedy begann eine gewisse Bewegung und Rührung zu verspüren, und doch schwindelte ihm bei dem vor seinen Augen entrollten Schauspiel. Er betrachtete Samuel mit einem Gemisch von Bewunderung und Sorge; fast fühlte er sich schon schwebend im Weltenraum.
»Nach alledem, mein lieber Samuel«, sagte er endlich, »hast du das Mittel ausfindig gemacht, den Ballon zu lenken?«
»Nein! Das ist eine Unmöglichkeit.«
»Aber dann wirst du reisen –«
»Wohin es der Vorsehung beliebt, aber jedenfalls von Osten nach Westen, denn ich gedenke mich der Passatwinde, die eine durchaus beständige Richtung haben, zu bedienen.«
»O, freilich!«, sagte Kennedy überlegend. »Die Passatwinde ... gewiss ... Man kann im Notfall ... Es wäre immerhin möglich ...«
»Es wäre möglich? Nein, mein wackerer Freund, es ist sogar gewiss. Die englische Regierung hat mir ein Transportschiff zur Verfügung gestellt, und es ist abgemacht, dass zu der voraussichtlichen Zeit meiner Ankunft drei oder vier Schiffe an der Westküste kreuzen sollen. In drei Monaten spätestens werde ich in Sansibar sein, um die Füllung des Ballons zu bewerkstelligen, und von dort aus wollen wir uns in die Lüfte schwingen ...«
»Wir!«, rief Dick.
»Hast du mir noch den leisesten Einwand zu machen, so sprich, Freund Kennedy.«
»Nicht einen Einwand, sondern tausend! Aber sage mir unter anderm: Wenn du das Land zu besichtigen und dich nach Belieben zu erheben oder herabzulassen gedenkst, so kannst du das nicht, ohne von deinem Gas einzubüßen. Schon dieser Umstand hat bis jetzt alle langen Reisen in Luftballons verhindert.«
»Mein lieber Dick, ich will dir nur dies eine Wort sagen: Ich werde auch nicht das kleinste Atom, kein Molekül Gas einbüßen.«
»Und doch willst du nach Belieben steigen und fallen können? Wie willst du das machen?«
»Das ist mein Geheimnis, Freund Dick. Habe nur Vertrauen zu mir, und lass mein Losungswort auch das deinige sein: ›Excelsior‹!«
»Gut, also ›Excelsior‹«, antwortete der Jäger, der kein Wort lateinisch verstand.
Er war fest entschlossen, sich mit allen erdenklichen Mitteln der Abreise des Doktors zu widersetzen; vorläufig aber gab er sich den Anschein, als sei er der Meinung desselben beigetreten. Er begnügte sich damit, den Freund zu beobachten.
Dieser machte sich jetzt daran, die Zurüstungen für seine Reise zu beaufsichtigen.
Die Luftlinie, welcher der Doktor Fergusson zu folgen gedachte, war nicht aufs Geratewohl gewählt worden. In Bezug auf den Anfangspunkt seiner Reise hatte er tiefgehende Studien gemacht und nach reiflicher Überlegung beschlossen, von der Insel Sansibar aufzusteigen.
Dieselbe liegt an der Ostküste von Afrika, unter dem 6.° südlicher Breite, das heißt gegen 430 geografische Meilen südlich vom Äquator. Von hier aus war soeben die letzte Expedition aufgebrochen, welche über die großen Seen zur Entdeckung der Nilquellen abgesandt war.
Es dürfte jedoch an der Zeit sein, hier die Forschungsreisen, welche Doktor Fergusson miteinander zu verknüpfen gedachte, näher zu beleuchten. Die beiden hauptsächlichsten derselben waren die des Doktor Barth im Jahre 1849 und ferner diejenige der Lieutenants Burton und Speke im Jahre 1858.
Doktor Barth, aus Hamburg gebürtig, erhielt für seinen Landsmann Overweg und sich die Erlaubnis, die Expedition des Engländers Richardson begleiten zu dürfen, der mit einer Sendung nach dem Sudan betraut war. Dieses ausgedehnte Land liegt zwischen dem 15. und 10.° nördlicher Breite, das heißt wenn man dorthin gelangen will, muss man über fünfzehnhundert Meilen weit in das Innere Afrikas dringen.
Bis zu jener Zeit kannte man diese Länderstrecke nur durch die Reisen Denhams, Clappertons und Oudneys in den Jahren 1822 bis 1824. Richardson, Barth und Overweg gelangen in ihrem Eifer, die Nachforschungen weiter auszudehnen, nach Tunis und Tripoli, wie auch ihre Vorgänger, und schlagen sich bis Mursuk, der Hauptstadt von Fessan, durch.
Dann verlassen sie die senkrechte Linie und biegen unter der Führung der Tuaregs westlich, in der Richtung nach Ghat ein, nicht ohne mannigfache Schwierigkeiten zu überwinden. Ihre Karawane kommt, nachdem sie vielfache Plünderungen, verschiedene Angriffe von bewaffneter Hand und tausenderlei andere Belästigungen erlitten hat, im Oktober bei der großen Oase von Asben an. Doktor Barth trennt sich hier von seinen Gefährten, um einen Abstecher nach der Stadt Agades zu machen, und schließt sich dann der Expedition, die am 12. Dezember weiter marschiert, von Neuem an. In der Provinz von Damerghu trennen sich die drei Reisenden, und Barth schlägt die Straße nach Kano ein, wo er nach langem geduldigem Ausharren und bedeutenden Geldopfern endlich anlangt.
Trotzdem er an einem heftigen Fieber leidet, verlässt er am 7. März in Begleitung eines einzigen Bedienten die Stadt. Der Hauptzweck seiner Reise ist, den Tschad-See zu rekognoszieren, von dem er bis jetzt noch dreihundert und fünfzig Meilen entfernt ist. Er schreitet also östlich vor und erreicht den eigentlichen Kern des großen Reiches von Zentral-Afrika, die Stadt Suricolo in Bornu. Hier erfährt er die Nachricht von dem Tode Richardsons, der den Strapazen und Entbehrungen erlegen ist. Barth setzt seine Reise fort, und kommt nach drei Wochen, am 14. April, also ein Jahr und vierzehn Tage nach seiner Abreise von Tripoli, in der Stadt Ngornu an.
Am 29. März 1851 finden wir ihn mit Overweg wieder auf der Reise, um dem Königreich Adamaua im Süden des Sees einen Besuch abzustatten; er gelangt bis zur Stadt Nola, etwas unter dem 9. Grad nördlicher Breite: die äußerste Grenze im Süden, die von diesem kühnen Reisenden erreicht worden ist.
Im Monat August kehrt er nach Kuka zurück, durchreist sodann Mandara, Barghimi, Kanem und erreicht als äußerste Grenze gegen Osten die Stadt Masena, unter 17° 20' westlicher Länge gelegen.
Nach dem Tode Overwegs, seines letzten Begleiters, schlägt er sich am 25. November 1852 nach Westen, besucht Sokoto, überschreitet den Niger und kommt endlich in Timbuktu an, wo er in der schlechtesten Behandlung und in großem Elend acht lange Monate, unter den Quälereien des Scheiks, schmachten muss.
Aber die Anwesenheit eines Christen in der Stadt wird nicht länger geduldet; die Fullannes drohen mit einer Belagerung. Der Doktor verlässt also Timbuktu am 17. März 1854, flüchtet an die Grenze, wo er dreiunddreißig Tage in der vollständigsten Hilflosigkeit zu verweilen gezwungen ist, kehrt im November nach Kano zurück und begibt sich wieder nach Kuka, von wo er nach einer viermonatlichen Rast die Straße Denhams weiter verfolgt.
Gegen Ende August 1855 sieht er Tripoli wieder und erscheint, der einzige von der Expedition Übriggebliebene, am sechsten September in London.
Dies war die kühne Reise Barths, in Bezug auf welche Doktor Fergusson sich sorgfältigst notierte, dass er über den 4.° nördl. Breite und den 17.° westlicher Länge nicht hinausgekommen sei.
Vergegenwärtigen wir uns nunmehr, was die Lieutenants Burton und Speke in Ostafrika ausrichteten.
Die verschiedenen Expeditionen, welche am Nil aufwärts gegangen waren, hatten niemals vermocht, bis an die geheimnisvollen Quellen des Flusses zu gelangen. Nach dem Bericht des deutschen Arztes Ferdinand Werne machte die im Jahre 1840 unter den Auspicien Mehemet-Alis unternommene Expedition in Gondokoro zwischen dem 4. und 5.° nördlichen Parallelkreise Halt.
Im Jahre 1855 brach Brun-Rollet, aus Savoyen gebürtig (zum Konsul von Sardinien im östlichen Sudan ernannt, um Bauden, der dort seinen Tod gefunden hatte, zu ersetzen), von Khartum auf, gelangte mit Gummi und Elfenbein handelnd, nach Belenia bis über den 4. Grad hinaus, und kehrte krank von da nach Khartum zurück, wo er im Jahre 1857 starb.
Weder Dr. Peney, Chef des Medizinal-Wesens in Ägypten, welcher auf einem kleinen Dampfboot einen Grad unterhalb Gondokoro erreichte und nach seiner Rückkehr vor Erschöpfung in Khartum starb – noch der Venetianer Miani, der, um die unterhalb Gondokoro gelegenen Katarakten biegend, den zweiten Parallelkreis erreichte – noch auch der Malteser Kaufmann Andrea Debono, welcher seine Exkursion an dem Nil noch weiter fortsetzte, konnten über diese bisher unüberschrittene Grenze hinauskommen.
Im Jahre 1859 begab sich Herr Guillaume Lejean im Auftrage der französischen Regierung über das Rote Meer nach Khartum und schiffte sich mit einundzwanzig Mann Schiffsvolk und zwanzig Soldaten auf dem Nil ein; aber er konnte nicht über Gondokoro hinauskommen und hatte die größten Gefahren inmitten der aufrührerischen Negerhorden zu bestehen. Die von Herrn d'Escayrac von Lauture geleitete Expedition suchte gleichfalls vergeblich, an die berüchtigten Quellen zu gelangen.
Aber vor diesem verhängnisvollen Ziel machten die Reisenden noch immer Halt; die Abgesandten Neros hatten vor Zeiten den 9. Breitegrad erreicht; man kam also in achtzehn Jahrhunderten nur um 5 oder 7 Grade, das heißt um dreihundert bis dreihundertundsechzig geografische Meilen weiter.
Mehrere Reisende versuchten, zu den Nilquellen zu gelangen, indem sie von einem Punkte auf der Ostküste Afrikas ihre Reise antraten.
In den Jahren 1768 bis 1772 reiste der Schotte Bruc von Massaua, dem Hafen Abessiniens, ab, durchzog Tigre, besuchte die Ruinen von Arum, glaubte irrtümlich die Nilquellen gefunden zu haben, und brachte kein nennenswertes Ergebnis von seiner Reise mit.
Im Jahre 1844 gründete der Doktor Krapf, Missionär der anglikanischen Kirche, eine Niederlassung zu Mombas auf der Küste von Sansibar und entdeckte, in Gesellschaft des Geistlichen Rebmann, dreihundert Meilen weit von der Küste zwei Berge, den Kilimandscharo und den Kenia, welche die Herren von Heuglin und Thornton kürzlich teilweise erstiegen haben.
Im Jahre 1845 stieg der Franzose Maizan in Bagamoyo, Sansibar gegenüber, ans Land und gelangte nach Deje-la-Mhora, wo ein Häuptling ihn unter den grausamsten Martern hinrichten ließ.
Im Monat August des Jahres 1859 erreichte der jugendliche Reisende Roscher aus Hamburg, der sich mit einer Karawane arabischer Kaufleute auf den Weg gemacht hatte, den Nyassa-See, wo er im Schlaf ermordet wurde.
Endlich wurden im Jahre 1857 die Lieutenants Burton und Speke, beide Offiziere im bengalischen Heere, von der Geografischen Gesellschaft zu London ausgesandt, um die großen Binnenseen zu erforschen; am 17. Juni verließen sie Sansibar und drangen geraden Wegs nach Westen vor.
Nach viermonatlichen, unerhörten Leiden langten sie, ihres Gepäcks beraubt, ohne ihre Träger, die der Wutz der Eingebornen zum Opfer gefallen waren, in Kaseh, dem Zentralvereinigungspunkt der Kaufleute und Karawanen an, sie waren mitten im Mondlande und sammelten wertvolle Belehrungen über die Sitten und Gebräuche, die Regierung, die Religion und die Fauna und Flora des dortigen Gebiets; dann steuerten sie auf den ersten der großen Binnenseen, den Tanganjika zu, der zwischen dem 3. und 8.° südlicher Breite gelegen ist; sie langten daselbst am 14. Februar 1858 an und besuchten die verschiedenen, meist kannibalischen Völkerschaften, die seine Ufer bewohnten.
Am 26. Mai traten sie den Rückweg an, und zogen am 20. Juni wieder in Kaseh ein. Dort musste der vor Erschöpfung erkrankte Burton mehrere Monate liegen bleiben; unterdessen machte Speke einen Abstecher von über dreihundert Meilen gegen Norden nach dem Ukerewe-See, den er am 3. August bemerkte; es war ihm jedoch nur möglich, den Anfang desselben unter 2° 31' Breite zu besichtigen.
Am 25. August war er nach Kaseh zurückgekehrt und schlug in Gemeinschaft mit Burton wieder den Weg nach Sansibar ein, wo sie im März des folgenden Jahres wieder eintrafen. Die beiden kühnen Reisenden kehrten nun nach England zurück, und die Geographische Gesellschaft zu London erkannte ihnen den Jahrespreis zu.
Doktor Fergusson merkte sorgfältig an, dass sie weder den 2. Grad südlicher Breite, noch den 29. Grad östlicher Länge überschritten hatten.
Es kam also darauf an, die Entdeckungsreisen Burtons und Spekes mit denen des Doktor Barth zu vereinigen, und dazu war es notwendig, eine Länderstrecke von über zwölf Graden zu überschreiten.
Doktor Fergusson betrieb die Vorbereitungen zur Abreise äußerst rührig und leitete selbst, gewissen Angaben gemäß, über die er das absoluteste Schweigen beobachtete, den Bau seines Luftschiffes. Er hatte sich schon seit geraumer Zeit mit dem Studium der arabischen Sprache und verschiedener Mundarten der Mandingos beschäftigt und machte, in Folge seiner vortrefflichen Anlagen zu einem Polyglotten, reißende Fortschritte.
Inzwischen verließ ihn sein Freund, der Jäger, nicht; er blieb ihm so ängstlich zur Seite, als fürchte er, dass der Doktor sich einmal, ohne vorher etwas davon zu sagen, in die Lüfte schwingen könne. Er hielt ihm, um ihn von seinem gefährlichen Vorhaben abzubringen, die überzeugendsten Reden, aber sie überzeugten Samuel Fergusson nicht; er erging sich in den gefühlvollsten, inständigsten, flehentlichsten Bitten, aber den Doktor vermochten sie nicht zu rühren. Dick merkte, wie ihm sein Freund förmlich zwischen den Fingern durchschlüpfte.
Der arme Schotte war wirklich zu beklagen; er konnte nicht mehr ohne düstere Schreckensregungen zum azurblauen Himmelsgewölbe aufschauen; er hatte im Schlaf das Gefühl eines schwindelerregenden Wiegens und Schaukelns, und jede Nacht kam es ihm vor, als stürze er jäh von unermesslichen Höhen herab.
Wir müssen noch hinzufügen, dass er unter diesen schrecklichen Anfällen von Beklemmungen und Albdrücken ein oder zwei Mal aus dem Bette fiel, worauf es dann andern Morgens seine erste Sorge war, Fergusson eine starke Quetschung zu zeigen, die er sich am Kopfe dabei zugezogen hatte.
»Und doch«, fügte er hinzu, »bedenke – nur drei Fuß hoch, und schon eine solche Beule! Nun bitte ich dich zu erwägen –!«
Diese schwermutsvolle Andeutung machte auf unsern Doktor indessen keinen Eindruck. »Wir werden nicht fallen«, erwiderte er kurz.
»Es wäre aber doch möglich ...«
»Ich sage dir, wir werden nicht fallen!«
Auf eine so entschiedene Meinungsäußerung blieb dann Kennedy nichts übrig, als zu verstummen.
Was den guten Dick besonders beunruhigte und reizte, war der Umstand, dass Fergusson seit einiger Zeit einen unerträglichen Missbrauch mit der ersten Person Pluralis der Pronomina trieb:
»Wir werden an dem und dem bereit sein ... Wir werden dann und dann abreisen ... Wir werden da und da vorgehen ...«, hieß es bei jeder Gelegenheit.
Und ebenso machte er es mit dem Possessiv-Pronomen in der Einzahl wie in der Mehrzahl:
›Unser‹ Ballon ... ›unser‹ Schiff ... ›unsere‹ Entdeckungsreise ... ›unsere‹ Vorbereitungen ... ›unsere‹ Entdeckungen ... ›unsere‹ Steigungen – und dem armen Schotten schauderte dabei die Haut, obgleich er fest entschlossen war, nicht zu reisen.
Aber er mochte seinem Freunde auch nicht zu sehr widersprechen, und wir wollen sogar gestehen, dass er sich ganz in der Stille aus Edinburgh zur Reise geeignete Kleider hatte nachschicken lassen.
Eines Tages, als er sich herbeigelassen hatte, zuzugestehen, dass bei einem unverschämten Glück die Chancen für ein Gelingen des Unternehmens etwa wie eins zu tausend ständen, tat er so, als füge er sich den Wünschen des Doktors; begann aber, um die Reise weiter in die Ferne zu rücken, eine lange Reihe der mannigfachsten Ausflüchte.
Er verbreitete sich darüber, ob die Expedition wirklich nützlich und zeitgemäß, ob diese Entdeckung der Nilquellen in der Tat notwendig sei? – Ob man sich würde sagen können, dass man für das Glück der Menschheit gearbeitet habe? – Und ob die Völkerstämme Afrikas sich, wenn sie der Zivilisation zugänglich gemacht wären, dadurch glücklicher fühlen würden ...?
Ob man übrigens darüber ganz sicher sei, dass die Zivilisation nicht vielmehr dort, als in Europa angetroffen werde? ... Vielleicht ja. – Und ob man nicht noch mit der Expedition warten wolle ...? Man würde einst gewiss auf mehr praktische und weniger lebensgefährliche Weise Afrika durchreisen ... Wer weiß, ob das nicht schon in einem Monat, in einem halben Jahr der Fall sein könne; vor Ablauf eines Jahres würde ohne allen Zweifel irgendein Entdeckungsreisender dahin kommen ...
Diese Andeutungen brachten eine Wirkung hervor, die durchaus nicht beabsichtigt war; der Doktor geriet vor Ungeduld außer sich.
»Möchtest du unglücklicher Dick, du falscher Freund denn wirklich, dass solcher Ruhm einem andern zu Gute käme? Soll ich meine ganze Vergangenheit Lügen strafen, vor Hemmnissen, die keine wirklichen Hindernisse sind, zurückbeben, mit feigem Zögern vergelten, was die englische Regierung und die Königlich Geografische Gesellschaft zu London für mich getan haben?«
»Aber ...«, begann von Neuem Kennedy; er schien eine ganz besondere Vorliebe für diese Konjunktion zu haben.
»Aber«, fuhr der Doktor fort, »weißt du denn nicht, dass meine Reise mit den gegenwärtig in der Ausführung begriffenen Unternehmungen in Konkurrenz treten soll? Dass schon wieder neue Entdecker sich rüsten, um nach Zentral-Afrika zu gehen?«
»Aber ...«
»Höre mich genau an, Dick, und wirf einen Blick auf diese Karte.«