Historische Romane von Henryk Sienkiewicz - Henryk Sienkiewicz - E-Book

Historische Romane von Henryk Sienkiewicz E-Book

Henryk Sienkiewicz

0,0

Beschreibung

Henryk Sienkiewicz, ein renommierter polnischer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, präsentiert in seinen historischen Romanen eine faszinierende Mischung aus Abenteuer, Romantik und historischen Ereignissen. Seine detailreiche Beschreibung der Vergangenheit und sein mitreißender Erzählstil lassen die Leser tief in die Welt des historischen Polens eintauchen. Sienkiewiczs Werke zeichnen sich durch ihre epische Breite und Tiefe aus, wobei er historische Fakten mit fiktiven Charakteren und Handlungssträngen geschickt verwebt. Seine Werke sind Meisterwerke der historischen Literatur und bieten einen einzigartigen Einblick in die polnische Geschichte des 19. Jahrhunderts. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 5123

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Henryk Sienkiewicz

Historische Romane von Henryk Sienkiewicz

Einführung, Studien und Kommentare von Sara Sauer
Bereicherte Ausgabe. Mittelalter-Romane + Rittergeschichten + Historische Romane aus der Römerzeit
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Historische Romane von Henryk Sienkiewicz
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Werksammlung Historische Romane von Henryk Sienkiewicz vereint fünf der prägenden historischen Romane eines Autors von weltweiter Bekanntheit. Aufgenommen sind Die Kreuzritter, Mit Feuer und Schwert, Sintflut, Pan Wolodyowski, der kleine Ritter sowie Quo Vadis?. Zusammen eröffnen sie ein Panorama, das von der spätmittelalterlichen Welt Mitteleuropas bis in das kaiserzeitliche Rom reicht. Die Auswahl führt in zentrale Epochen, die Sienkiewicz mit erzählerischer Kraft und historischer Anschauung gestaltet. Ziel dieser Zusammenstellung ist es, die Spannweite, Kohärenz und künstlerische Eigenart seines historischen Schaffens in einem Band erfahrbar zu machen und unterschiedliche Zugänge zur Lektüre zu eröffnen.

Die vorliegenden Texte sind Romane und bilden eine kuratierte Auswahl aus Sienkiewicz’ historischen Hauptwerken. Sie vereinen Einzelroman und Zyklus: Die sogenannte Trilogie Mit Feuer und Schwert, Sintflut und Pan Wolodyowski, der kleine Ritter entfaltet ein weit gespanntes Epochenbild, während Die Kreuzritter und Quo Vadis? jeweils eigenständige historische Welten erschließen. In ihrer Gesamtheit zeigen die Werke, wie der Autor Geschichte als Erzählsubstanz nutzt: nicht als bloße Kulisse, sondern als dynamischen Raum für Handlung, Charakterbildung und gesellschaftliche Konflikte. Der Band dient so als konzentrierte Einführung in Sienkiewicz’ episches Erzählen.

Diese Sammlung umfasst ausschließlich Romane, und doch entfalten sich innerhalb des Romangenres verschiedene Tonlagen und narrative Formen. Abenteuer- und Kriegsroman, Sittenbild, Liebesgeschichte und religiös-philosophische Erzählung sind ineinander verschränkt, ohne den Rahmen des historischen Romans zu verlassen. Sienkiewicz verbindet Recherche und Imagination, dramatische Zuspitzung und alltagsnahe Details, wodurch die Texte gleichermaßen unterhaltend und gedanklich anregend wirken. Andere Textsorten des Autors – etwa Erzählungen oder journalistische Arbeiten – stehen hier nicht im Fokus; der Band konzentriert sich bewusst auf das epische Feld, in dem sein Rang besonders sichtbar wird.

Verbindende Themen dieser Romane sind Freiheit, Loyalität und die Bewährung des Einzelnen im Strom der Geschichte. Sienkiewicz stellt Fragen nach persönlicher Verantwortung und gemeinschaftlicher Bindung, nach Glauben, Ehre und politischer Ordnung. Private Leidenschaften geraten in Spannung zu der Pflicht gegenüber Familie, Gemeinschaft oder Staat. In den historischen Kulissen werden grundlegende menschliche Erfahrungen sichtbar: Mut und Angst, Treue und Verrat, Hoffnung und Verzweiflung. Aus solchen Konstellationen erwächst eine ethische Dimension, die den Werken über ihren situativen Kontext hinaus Geltung verleiht und ihre anhaltende Relevanz für unterschiedliche Leserschaften begründet.

Stilistisch zeichnet sich Sienkiewicz durch epische Weite, klare Erzählführung und bildkräftige Sprache aus. Seine Szenen sind lebendig gebaut, häufig mit prägnanten Details, die Milieus und Orte anschaulich machen. Handlung und Reflexion halten sich die Waage; humorvolle Zwischentöne und psychologische Beobachtung durchbrechen pathetische Momente. Charaktere werden in markanten Konturen angelegt und gewinnen Profil in Konflikten, die sowohl historisch bestimmt als auch zeitlos lesbar sind. Das historische Kolorit entsteht aus sorgfältiger Gestaltung von Sitten, Rängen und Ritualen, ohne den Fluss der Erzählung zu hemmen. So entsteht ein erzählerischer Realismus, der zugleich verdichtet und farbig wirkt.

Die drei Romane Mit Feuer und Schwert, Sintflut und Pan Wolodyowski, der kleine Ritter bilden einen zusammenhängenden Zyklus, der die polnisch-litauische Adelsgesellschaft des 17. Jahrhunderts in Krisen- und Bewährungszeiten zeigt. Im Vordergrund stehen Grenzerfahrungen von Krieg, Bündnis und Loyalität, verknüpft mit Lebenswelten zwischen Stadt, Land und Steppe. Sienkiewicz entwirft ein Panorama, in dem politische Umbrüche und persönliche Geschichten unauflöslich miteinander verbunden sind. Die Folge der Romane erschließt unterschiedliche Facetten derselben Epoche und macht sichtbar, wie historische Prozesse Menschen prägen, herausfordern und zu Entscheidungen drängen, die ihr Schicksal bestimmen.

Die Kreuzritter führt in die spätmittelalterliche Welt, in der das Königreich Polen und der Deutsche Orden in Konkurrenz und Konflikt geraten. Der Roman entfaltet das Spannungsfeld zwischen ritterlichem Ethos, dynastischer Politik und alltäglichen Lebensbedingungen. Sienkiewicz zeigt den Wandel gesellschaftlicher Maßstäbe, die Reibung zwischen religiösem Ideal und machtpolitischem Kalkül sowie die Bedeutung von Ritualen und Rechtsvorstellungen. Die Darstellung vereint höfische Elemente, Volksnähe und kriegerische Realität zu einem vielschichtigen Bild, das jenseits von Schlachtbeschreibungen die sozialen Texturen einer Epoche sichtbar macht und historische Erfahrung auf menschliche Maßstäbe zurückführt.

Quo Vadis? versetzt die Lesenden in das Rom der Kaiserzeit unter Nero, in dem die Begegnung zwischen der römischen Welt und den frühen christlichen Gemeinden dramatische Konturen annimmt. Der Roman zeigt Hof, Stadt und Volk in ihren Wechselwirkungen, beleuchtet Spektakel und Kulturpraxis ebenso wie Verfolgung und Gewissensfragen. Auf dieser Bühne entwickelt Sienkiewicz eine Erzählung über inneren Wandel, moralische Orientierung und die Suche nach Sinn in einer glanzvollen, zugleich brüchigen Ordnung. Die antike Welt erscheint dabei als Spiegel, in dem grundlegende Fragen menschlicher Existenz scharf hervortreten.

Die anhaltende Bedeutung dieser Romane gründet in ihrer Fähigkeit, historische Distanz mit existenzieller Nähe zu verbinden. Sie haben Sienkiewicz internationales Ansehen eingetragen und zu seinem Status als Klassiker beigetragen. Sein Werk wurde früh weit über den polnischen Sprachraum hinaus rezipiert und in viele Sprachen übertragen. Dass diese Romane Leserinnen und Leser unterschiedlicher Generationen erreichen, liegt an ihrer dichten Verknüpfung von erzählerischer Spannung und ethischer Reflexion, an der Fülle von Charakteren und der präzisen Rahmung historischer Situationen, die zum Nachdenken über Macht, Verantwortung und Gemeinschaft anregt.

Zugleich sind die Texte ein Schlüssel zur historischen Imagination: Sie machen vergangene Ordnungen erfahrbar, ohne Gegenwartsperspektiven aufzudrängen. Indem Sienkiewicz individuelle Schicksale mit kollektiven Erfahrungen verschaltet, entsteht eine Erzählform, die Identität und Gedächtnis verhandelt. Diese Qualität erklärt den starken Nachhall seiner Romane im kulturellen Gedächtnis. Sie bieten keinen Ersatz für Geschichtsschreibung, aber sie eröffnen Zugänge, Empathie und Vorstellungskraft zu schärfen. Dadurch tragen sie dazu bei, Vergangenheit nicht als bloßes Archiv, sondern als lebendige Quelle von Einsicht und Orientierung zu begreifen.

Die Zusammenstellung lädt dazu ein, die Werke in unterschiedlicher Reihenfolge zu lesen: als historisch geordneten Bogen von Mittelalter bis Antike oder als Annäherung an Sienkiewicz’ Entwicklung im Serien- und Einzelroman. Wer die Trilogie in Folge liest, nimmt die Steigerungen der epischen Anlage besonders wahr; wer einzelne Romane separat betrachtet, entdeckt jeweils eigene Schwerpunkte von Milieu, Idee und Ton. In beiden Fällen entsteht ein facettenreiches Bild einer Poetik, die Spannungsreichtum mit gedanklicher Konsequenz verbindet und das Vergangene in die Gegenwart der Lektüre holt.

Mit Historische Romane von Henryk Sienkiewicz liegt ein Band vor, der die großen Themen des Autors bündelt: die Suche nach Sinn im Wandel der Zeiten, die Verlässlichkeit von Bindungen, die Kraft des Glaubens und die Bewährung in Gefahr. Er bietet einen Zugang zu Erzählkunst, die das Vergangene mit erzählerischer Energie und moralischer Ernsthaftigkeit sichtbar macht. Wer diese Seiten aufschlägt, betritt geschichtliche Räume, die von starken Figuren, konfliktgeladenen Situationen und präziser Gestaltung getragen sind. So entsteht ein Leseerlebnis, das ebenso fesselt wie es zum Nachdenken anregt und lange nachhallt.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Henryk Sienkiewicz (1846–1916) war ein polnischer Schriftsteller der Spätpositivismus- und Neoromantik-Epoche, dessen historische Romane nachhaltige Wirkung auf Literatur und nationales Bewusstsein entfalteten. Geboren im von Teilungsmächten beherrschten Kongresspolen und gestorben im Schweizer Exil, verband er erzählerische Dynamik mit Geschichtsbildern, die Leser weit über Polen hinaus faszinierten. Sein Werk umfasst die weithin bekannten Romane Mit Feuer und Schwert, Sintflut, Pan Wolodyowski, der kleine Ritter, Die Kreuzritter sowie Quo Vadis?. 1905 erhielt er den Nobelpreis für Literatur, was seine internationale Bedeutung bestätigte. Sienkiewicz’ Prosa vereint Pathos, Humor und plastische Szenen, die kollektive Erinnerungen und moralische Fragen lebendig werden lassen.

Sienkiewicz erhielt seine Hochschulbildung in Warschau, wo er sich der Philologie und Geschichte widmete und früh journalistisch arbeitete. Die intellektuelle Atmosphäre des polnischen Positivismus prägte sein Denken: gesellschaftlicher Fortschritt durch Bildung, Arbeit und nüchterne Analyse. Zugleich wirkten Traditionen der Romantik nach, etwa das Interesse an nationaler Vergangenheit und heroischen Gestalten. Historische Quellenstudien, breite Lektüre europäischer Klassiker und Theaterbesuche schärften sein Gespür für dramatische Szenenführung. Ohne sich dogmatisch zu binden, nutzte er stilistische Mittel beider Strömungen. Diese Mischung aus dokumentarischer Aufmerksamkeit und epischer Erzählfreude wurde zum Markenzeichen seiner späteren Romane und trägt die Grundlage für Mit Feuer und Schwert sowie seine weiteren historischen Werke.

Seine berufliche Laufbahn begann Sienkiewicz als Reporter und Feuilletonist in Warschau. Bald erwarb er sich Ruf für pointierte Beobachtungen, präzise Sprache und lebendige Milieuschilderung. In den späten 1870er Jahren reiste er als Korrespondent in die Vereinigten Staaten. Dort sammelte er Erfahrungen mit Grenzräumen, Migration und sozialer Vielfalt, die seine Erzähltechnik erweiterten: schnelles Tempo, auffällige Details, zugespitzte Dialoge. Nach seiner Rückkehr nach Europa setzte er die journalistische Arbeit fort und wandte sich zunehmend umfangreicheren Prosaprojekten zu. Die Fähigkeit, Alltagsrealien mit dramatischer Struktur zu verbinden, bereitete den Boden für seine großen historischen Romane, die bald in Fortsetzungen ein breites Publikum erreichten.

Mit Feuer und Schwert, Sintflut und Pan Wolodyowski, der kleine Ritter bilden die Trilogie über die Wirren des 17. Jahrhunderts in der Adelsrepublik. Sienkiewicz gestaltet Kriegs- und Grenzerfahrungen, Loyalitäten und Verrat, religiöse und kulturelle Konflikte in rasch geschnittenen Szenen. Seine Helden sind weniger makellose Idealtypen als Träger kollektiver Hoffnungen, deren Mut, Humor und Widersprüche zugleich das Ethos der Zeit spiegeln. Die Trilogie gewann breite Leserschaft, weil sie patriotische Empfindungen mit unterhaltsamer Handlung verband und historische Ereignisse anschaulich machte, ohne zur Chronik zu werden. Zugleich entwirft sie ein Panorama, das persönliche Schicksale mit politischen Verwerfungen verknüpft.

Quo Vadis? verlegte Sienkiewicz ins antike Rom unter Nero und verband Liebesgeschichte, religiöses Ringen und Machtpolitik zu einem breit angelegten Zeitbild. Der Roman zielt weniger auf antiquarische Detailfülle als auf moralische und psychologische Wirkung: Verführung durch Gewalt, Standhaftigkeit des Glaubens, die Suche nach Sinn. Seine klare Dramaturgie und einprägsame Szenen steigerten die weltweite Resonanz; Übersetzungen erschlossen neue Leserkreise. Quo Vadis? trug entscheidend zu Sienkiewicz’ internationalem Ruhm bei und festigte seinen Rang als Erzähler großer Stoffe. Die Wirkung reichte in Debatten über Ethik, Geschichte und kulturelle Identität hinein, ohne die erzählerische Spannung zu mindern.

Die Kreuzritter kehrt in das späte Mittelalter zurück und entfaltet den Konflikt zwischen dem Deutschen Orden und seinen Nachbarn als vielschichtiges Epos. Sienkiewicz nutzt Schlachtfelder, Diplomatie und Alltagsleben, um Machtinteressen, Rechtfertigungsnarrative und den Preis von Eroberung sichtbar zu machen. Der Roman verbindet sorgfältige Recherche mit erzählerischer Verdichtung; er zeigt, wie politische Ambitionen in persönliche Schicksale eingreifen. Zeitgenössische Leser fanden darin Bestätigung historischer Erfahrungen und ein starkes Bild kultureller Selbstbehauptung. Zugleich erlaubt Die Kreuzritter eine Reflexion über Gewalt, Recht und Erinnerungskultur, die über nationale Konstellationen hinausweist und zur kritischen Lektüre historischer Mythen anregt.

Im späteren Leben reiste Sienkiewicz viel durch Europa, hielt Vorträge, engagierte sich publizistisch und förderte kulturelle Initiativen. Der Erfolg von Quo Vadis? und Die Kreuzritter sicherte ihm eine breite Leserschaft; 1905 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Während des Ersten Weltkriegs lebte er in der Schweiz, unterstützte Hilfsaktionen für Kriegsopfer und blieb publizistisch präsent. Sienkiewicz starb 1916 in Vevey. Sein Vermächtnis wirkt in Schulen, Übersetzungen und literaturwissenschaftlicher Debatte fort: Er steht für erzählerisch packende, historisch gestützte Romane, die Fragen von Identität, Verantwortung und Erinnerung verhandeln und Leserinnen und Leser bis heute erreichen.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Henryk Sienkiewicz (1846–1916) schrieb seine historischen Romane in einer Zeit, in der die polnischen Teilungsgebiete von Russland, Preußen und Österreich beherrscht wurden. Die in der Sammlung vertretenen Epochen spannen einen weiten Bogen: von der römischen Kaiserzeit in Quo Vadis? über das Spätmittelalter in Die Kreuzritter bis zu den Kriegen des 17. Jahrhunderts in Mit Feuer und Schwert, Sintflut und Pan Wolodyowski, der kleine Ritter. Damit verknüpft Sienkiewicz die Antike, mittelalterliche Ordensherrschaft und die Krisen des polnisch-litauischen Commonwealth, um Fragen von Staatlichkeit, Glauben und gesellschaftlicher Ordnung literarisch zu verhandeln.

Die polnische Öffentlichkeit des 19. Jahrhunderts war geprägt vom Nachklang gescheiterter Aufstände (vor allem 1830/31 und 1863/64) und von strikter Zensur. Nach 1863 intensivierten sich Russifizierung und Germanisierung; zugleich entwickelte sich in Galizien unter österreichischer Oberhoheit ein relativer Kulturfreiraum. Sienkiewicz schrieb in diesem Spannungsfeld, in dem historische Stoffe als indirekte politische Rede galten. Seine Romane konnten nationale Erfahrung evozieren, ohne aktuelle Repressionen offen zu benennen, und knüpften damit an romantische Traditionen ebenso an wie an den positivistischen Glauben an soziales Handeln und Bildung.

Politisch reagierten die Werke auf die Frage, wie eine zersplitterte Nation sich Erinnerung und Normen bewahrt. Die polnische Adelskultur mit ihren republikanischen Elementen, die Mehrsprachigkeit des Commonwealth und die konfessionelle Vielfalt lieferten ein Reservoir an Konflikten und Loyalitäten. In der Leserschaft verbanden sich nationale Selbstvergewisserung, religiöse Bindung und soziale Mobilitätswünsche. Historische Romane wurden so zu einer Schule politischer Gefühle, in der Souveränität, Recht, Wehrhaftigkeit und Gemeinsinn in exemplarischen Vergangenheiten verhandelt wurden.

Die polnisch-litauische Adelsrepublik (Rzeczpospolita) des 16.–18. Jahrhunderts war ein adeliger Mischstaat mit Wahlmonarchie, starkem Parlamentarismus der Szlachta und umfangreichen Freiheitsrechten für den Adel. Zugleich entstand durch die Liberum-veto-Praxis und regionale Machtblöcke eine strukturelle Lähmung. Diese Ambivalenz – stolze Freiheitstraditionen bei gleichzeitig begrenzter staatlicher Handlungsfähigkeit – bildet den Hintergrund, vor dem die Romane Konflikte, Bündnisse und Krisen im 17. Jahrhundert thematisieren, ohne als bloße Staatschronik zu fungieren.

Mit Feuer und Schwert greift die krisenhafte Lage des Commonwealth im Osten auf, deren Kulisse der Aufstand der Kosaken unter Bohdan Chmelnyzkyj (ab 1648) bildet. Der Konflikt speiste sich aus sozialen Gegensätzen, religiösen Spannungen zwischen Orthodoxie und Katholizismus/Uniatentum sowie den Interessen polnischer Magnaten. Für die polnische Leseröffentlichkeit des 19. Jahrhunderts bot diese Vergangenheit Anlass, über Minderheitenpolitik, Grenzräume und Loyalitäten nachzudenken – Themen, die in einer multiethnischen Gesellschaft unter Besatzung besondere Brisanz besaßen.

Sintflut knüpft an die schockartige Erfahrung des Schwedeneinfalls 1655–1660 an, der in der polnischen Erinnerung als „Potop“ eine Chiffre für Verwüstung, politisches Zerwürfnis und äußeren Druck wurde. Der Krieg verband sich mit interventionistischer Politik benachbarter Mächte und zeigte die Fragilität des Commonwealth. In der späten Teilungszeit, als Sienkiewicz schrieb, bot diese Episode ein historisches Labor, in dem Fragen nach Widerstandsfähigkeit, Führung und gesellschaftlicher Solidarität literarisch durchgespielt wurden, ohne zeitgenössische Besatzungsmächte direkt zu benennen.

Pan Wolodyowski, der kleine Ritter, verlagert den Blick auf die südöstlichen Grenzräume und die Konflikte mit dem Osmanischen Reich sowie den Krimtataren in den späten 1660er und 1670er Jahren. Diese Peripherie galt als militärischer Vorposten und als Kontaktzone unterschiedlicher Kulturen. Der Stoff erlaubte Reflexion über Grenzschutz, Bündnispolitik, Kriegstechniken und die moralische Ökonomie einer Gesellschaft im dauerhaften Alarmzustand. Im 19. Jahrhundert las man darin Fragen nach Verantwortung regionaler Eliten und nach der Balance zwischen lokaler Selbstbehauptung und gesamtstaatlichem Interesse.

Die Kreuzritter führt in das frühe 15. Jahrhundert und die Auseinandersetzungen mit dem Deutschen Orden, deren Kulminationspunkt im Jahr 1410 lag. Die Spannung zwischen einer als „kreuzzüglich“ inszenierten Ordensherrschaft und den politischen Realitäten des Ostseeraums – mit dem Aufstieg städtischer Wirtschaft und der Hanse – bildet den historischen Rahmen. Für nationale Bewegungen des 19. Jahrhunderts war die mittelalterliche Symbolik attraktiv: Sie verband kollektive Erinnerung mit der Frage, wie Rechtstitel, Glauben und Gewalt legitimiert werden.

Quo Vadis? verlegt den Blick in die Regierungszeit Neros, geprägt von Hofpolitik, dem Brand Roms 64 n. Chr. und der Frühzeit des Christentums. Die Konfrontation von imperialer Macht und religiöser Gemeinschaft bot eine überzeitliche Matrix, um über Moral, Verfolgung und Standhaftigkeit zu reflektieren. Im Europa des späten 19. Jahrhunderts, in dem Antikebegeisterung, Bibelphilologie und Debatten über Säkularisierung zusammentrafen, traf der Stoff einen Nerv und gewann internationale Leserschaften weit über polnische Kontexte hinaus.

Sienkiewicz veröffentlichte die Trilogie in den 1880er Jahren zunächst in Zeitungen und Zeitschriften; Quo Vadis? erschien 1895/96 im Feuilleton und anschließend in Buchform; Die Kreuzritter folgte gegen Ende der 1890er Jahre. Die Serialisierung erschloss breitere Publika, förderte Diskussionen in Salons, Lesegesellschaften und Vereinen und erlaubte dem Autor, Zensurgrenzen zu umschiffen. Periodische Veröffentlichung strukturierte Spannung und Figurenaufbau und machte historische Erzählungen zu Gemeinschaftserlebnissen, die sich über die Teilungsgrenzen hinweg verbreiteten.

Die Romane traten in ein System staatlicher Eingriffe, das Schulwesen, Presse und Vereine regulierte. Unter russischer Herrschaft wurden polnische Sprache und Geschichte im Unterricht beschnitten; im preußischen Bereich zielte der Kulturkampf auf kirchliche Einflüsse. Historische Literatur gewann damit eine Ersatzfunktion, in der Kenntnisse, Ethik und Identität vermittelt wurden. Gleichzeitig entstanden in Galizien Universitäten und kulturelle Institutionen, die Publikations- und Diskussionsräume boten und die Rezeption der Werke auch wissenschaftlich flankierten.

Kulturell wirkten romantische Traditionen – Messianismus, Freiheitskult, Mythos der Opfergemeinschaft – nach, doch Sienkiewicz integrierte auch realistische Elemente und militärhistorische Detailfreude. Diese Mischung beruhte auf einer europäischen Mode des Historismus, der Archive, Sammlungen und Denkmäler aufwertete. In Polen verband sich der Trend mit der Suche nach einer „nutzbaren Vergangenheit“. Topografische Genauigkeit, Kostüm- und Waffenbeschreibungen sowie die Rekonstruktion von Ritualen sollten Glaubwürdigkeit stiften und den didaktischen Anspruch der Erzählungen erhöhen.

Technologische Veränderungen erleichterten Verbreitung und Wirkung. Dampfpresse, verbesserte Papierproduktion, Eisenbahn und Telegraph beschleunigten Vertrieb, Übersetzung und Kommunikation über Rezensionen. Wachsende Alphabetisierung, städtische Lesekulturen und Leihbibliotheken formten ein Massenpublikum für Historienromane. Diese Infrastruktur trug dazu bei, dass Quo Vadis? binnen weniger Jahre europaweit rezipiert wurde und die Trilogie in den polnischen Teilungsgebieten zu gemeinsamen Referenzpunkten des historischen Wissens avancierte.

Die zentrale programmatische Formel, die Sienkiewicz zugeschrieben wird – „ku pokrzepieniu serc“, zur Stärkung der Herzen – spiegelt die gesellschaftliche Funktion seiner Werke. Sie propagierten Tugenden wie Loyalität, Mut, Selbstdisziplin und Gemeinsinn und plädierten für die Verknüpfung persönlicher Ehre mit öffentlicher Verantwortung. Gerade in den Kriegsschilderungen des 17. Jahrhunderts werden militärische Bewährung und zivilgesellschaftliche Solidarität als korrespondierende Werte präsentiert, ohne die politischen Kontroversen der Gegenwart direkt zu adressieren.

International fielen die Romane auf fruchtbaren Boden, weil sie sowohl nationale als auch universelle Themen verbanden. Sienkiewicz erhielt 1905 den Nobelpreis für Literatur, was die Aufmerksamkeit auf die historische Epik lenkte und Übersetzungen stimulierte. Quo Vadis? wurde früh in zahlreiche Sprachen übertragen und später oft verfilmt und dramatisiert. Diese Rezeption machte polnische Geschichte und kulturpolitische Debatten in einem Europa sichtbar, das sich gleichzeitig mit Kolonialismus, Nationalstaatsbildung und der Rolle von Religion in der Moderne auseinandersetzte.

Kritik und spätere Forschung richteten den Blick auf die Idealisierung der Adelskultur, auf Geschlechterrollen und auf die Darstellung von Minderheiten – insbesondere von Ukrainern, Litauern und Juden – im Rahmen der frühneuzeitlichen Konflikte. Historikerinnen und Historiker betonten die sozialen Ursachen der Aufstände, wirtschaftliche Strukturen der Grenzregionen und die Vielschichtigkeit religiöser Zugehörigkeiten. Damit wurden die Romane zu Gesprächspartnern, an denen sich nationale Narrative, regionale Erinnerungen und transnationale Perspektiven produktiv reiben konnten.

Im 20. Jahrhundert dienten die Stoffe in Polen der schulischen Bildung, der populären Geschichtsvermittlung und der kulturellen Selbstvergewisserung – unter sehr verschiedenen politischen Regimen. In der Zwischenkriegszeit wurden sie in die nationale Ikonographie integriert; im Zweiten Weltkrieg blieben sie in illegalen Lesezirkeln präsent. In der Volksrepublik Polen standen sie im Spannungsfeld zwischen kanonischer Anerkennung und ideologischer Umdeutung, während Bühnen- und Filmadaptionen die Reichweite weiter vergrößerten und neue Generationen prägten, ohne die historischen Kerne zu tilgen oder zu simplifizieren.|n|nHeute werden die Romane zunehmend interdisziplinär gelesen: als Beiträge zur Erinnerungskultur Ostmitteleuropas, als Reflexionen über Grenzräume und als Fallstudien zu Imperien und Vielvölkerstaaten. Post-1989-Debatten betonten die multiperspektivische Auslegung der Commonwealth-Geschichte und suchten Dialoge mit ukrainischen, litauischen und belarussischen Historiographien. In einer europäischen Öffentlichkeit, die Geschichte als gemeinsamen Verhandlungsraum begreift, erscheint die Sammlung als Kommentar zu Loyalität, Gewaltmonopol und kultureller Resilienz – und als Anstoß, Vergangenheit nicht als Mythos, sondern als komplexes Erbe zu betrachten.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Die Kreuzritter

Ein breit angelegter Ritterroman über den Konflikt zwischen dem Königreich Polen und dem Deutschen Orden im Spätmittelalter. Verfolgt werden die Wege junger Adliger, deren persönliche Rivalitäten und Liebesgeschichten sich mit der Zuspitzung des Krieges verweben. Der Ton verbindet Abenteuer und nationales Pathos mit einem kritischen Blick auf religiösen Eifer und Machtpolitik.

Die Trylogie (Mit Feuer und Schwert; Sintflut; Pan Wolodyjowski, der kleine Ritter)

Die drei Romane führen durch die Erschütterungen des 17. Jahrhunderts der Adelsrepublik: vom Kosakenaufstand über die schwedische Invasion bis zu Grenzkriegen gegen Tataren und das Osmanische Reich. Im Zentrum stehen Offiziere und Adlige sowie ihre Gefährtinnen, deren Loyalitäten, Liebesbindungen und Gewissensentscheidungen unter Belagerungen, Intrigen und wechselnden Bündnissen erprobt werden. Der Ton verbindet Abenteuerlust, volkstümlichen Witz und große Schlachtszenen mit einer steten Frage nach Ehre, Glaube und Gemeinwohl.

Quo Vadis?

Ein epischer Roman aus dem Rom Neros, in dem die Begegnung zwischen einem römischen Aristokraten und einer jungen Christin persönliche Leidenschaft mit der Auseinandersetzung zweier Weltbilder verschränkt. Vor dem Hintergrund kaiserlicher Willkür und öffentlicher Spektakel geraten Höflinge, Philosophen und Gläubige in Konflikte um Macht, Gewissen und Zugehörigkeit. Der Ton ist feierlich-dramatisch und richtet den Blick auf Moral, Martyrium und die Anziehungskraft einer neuen Glaubensgemeinschaft.

Übergreifende Themen und Stil

Über die einzelnen Stoffe hinweg kehren Motive von Tapferkeit, Opferbereitschaft, Loyalität und religiöser Identität wieder. Sienkiewicz verbindet lebhafte Dialoge, markante Figuren und plastische Schlacht- sowie Massenszenen mit melodramatischen Liebesfäden und humoristischen Entlastungen. Gemeinsam ist den Romanen ein Spannungsbogen, der persönliche Bewährung und nationale oder geistige Selbstbehauptung miteinander verschränkt.

Historische Romane von Henryk Sienkiewicz

Hauptinhaltsverzeichnis
Die Kreuzritter
Mit Feuer und Schwert
Sintflut
Pan Wolodyowski, der kleine Ritter
Quo Vadis?

Die Kreuzritter

Inhaltsverzeichnis
Inhalt
Die Kreuzritter. Erstes Buch
Erster Teil.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Zweiter Teil.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.
Elftes Kapitel.
Dritter Teil.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Die Kreuzritter. Zweites Buch
Vierter Teil.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Fünfter Teil.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Sechster Teil.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Siebenter Teil.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Neuntes Kapitel.
Achter Teil.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Neunter Teil.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.
Elftes Kapitel.
Zwölftes Kapitel.
Zehnter Teil.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Elfter Teil.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.

Die Kreuzritter. Erstes Buch

Historischer Roman aus dem XV. Jahrhundert

Inhaltsverzeichnis

Erster Teil.

Erstes Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

In Tyniec, in dem zur Abtei gehörenden Wirtshause »Zum wilden Auerochsen« saßen einige Leute und lauschten der Erzählung eines erfahrenen Kriegers, der, aus fernen Landen angelangt, von seinen Abenteuern im Krieg und auf der Reise berichtete.

Es war ein bärtiger Mann, in den besten Jahren, breitschultrig und von riesenhaftem Wuchse, seine Haare waren durch eine netzförmige, mit Glasperlen benähte Haube zusammengehalten, er trug ein Lederkoller, auf dem der Panzer ganze Streifen zurückgelassen hatte, darüber einen Gürtel aus Kupferringen, worin ein Messer in einer Hornscheide steckte, und ein kurzes Schwert an der Seite.

Dicht bei ihm am Tisch saß ein Jüngling mit langen Haaren, der froh in die Welt hinaus schaute, offenbar sein Gefährte, vielleicht auch sein Knappe, denn er war ebenfalls für die Reise angethan und auf seinem Lederkoller zeigten sich ähnliche Spuren von der Rüstung. Die übrige Gesellschaft bestand aus zwei Landleuten aus der Umgegend von Krakau und drei Städtern in roten, gefältelten Mützen, deren dünne Enden an der Seite bis zu den Ellbogen herabhingen.

Der Wirt, ein Deutscher, welcher den Kragen seiner fahlgelben Kapuze bis über das Kinn heraufgezogen hatte, goß ihnen aus einer Kanne nahrhaftes Bier in die Thonkrüge und lauschte aufmerksam den Berichten der Krieger.

Noch aufmerksamer aber lauschten die Städter. Die Feindschaft, welche seit der Zeit der Lokietek’s zwischen den Städtern und den Landedelleuten geherrscht hatte, war beinahe erloschen, und die Bürgerschaft trug ihr Haupt weit höher als dies in späterer Zeit der Fall war. Damals wurde sie noch »des allerdurchlauchtigsten Kuniges und Herren« genannt, ihre Bereitwilligkeit » ad concessionem pecuniarum« wurde auch besonders geschätzt, und daher kam es zuweilen vor, daß in den Wirtshäusern die Edelleute mit den Kaufleuten tranken. Diese wurden sogar gern gesehen. Hatten sie doch stets bares Geld in Händen und zahlten sie doch häufig für die Träger der Wappenschilder.

So saßen sie auch jetzt plaudernd beisammen, indem sie von Zeit zu Zeit dem Wirte winkten, auf daß er ihnen die leeren Becher fülle.

»Ihr habt wohl schon ein großes Stück von der Welt bereist, edler Ritter,« sagte einer der Kaufleute.

»Ja, nur wenige von denen, welche jetzt von allen Seiten in Krakau zusammenströmen, haben schon soviel gesehen,« antwortete der vor kurzem angelangte Ritter.

»Und gar viele strömen dort zusammen,« fügte der Bürger hinzu. »Große Festlichkeiten giebt’s ja, und große Glückseligkeit herrscht im Königreiche. Man sagt, und ich glaube es auch, daß der König befahl, der Königin Prunkbett mit perlenbesetztem Brokat auszupolstern und den gleichen Baldachin darüber anzubringen. Und allerlei Spiele und Turniere werden veranstaltet, wie sie die Welt bisher noch nie gesehen hat.«

»Gevatter Gamroth, unterbrecht den Ritter nicht,« bemerkte der zweite Kaufmann.

»Ich unterbreche ihn nicht, Gevatter Eiertreter, ich denke mir nur, er wird auch gern wissen, was man sagt, weil er gewiß selbst nach Krakau reist. Und ich kehre heute nicht mehr in die Stadt zurück, weil die Thore so früh geschlossen werden, und bei Nacht lassen mich die Amphibien, welche in den Hobelspänen entstehen, doch nicht schlafen, also haben wir Zeit für alles.«

»Und auf ein Wort gebt Ihr zwanzig zurück, Ihr werdet alt, Gevatter Gamroth.«

»Und doch bin ich noch im stande, ein Stück feuchten Tuches unter einem Arm zu tragen.«

»Ach was! Vielleicht eines, das so dünn wie ein Sieb ist!«

Ein weiterer Streit wurde durch den fremden Kriegsmann unterbrochen, welcher sagte: »Ich werde sicher in Krakau bleiben, weil ich von den Wettkämpfen gehört habe und froh bin, wenn ich meine Kraft innerhalb der Schranken erproben kann – und meinem Bruderssohn hier geht es ebenso, denn obgleich er noch jung und ein rechter Milchbart ist, hat er schon manchen Panzer auf der Welt zu Gesicht bekommen.«

Die Gäste schauten den Jüngling an, der fröhlich lächelte und, nachdem er seine langen Haare hinter die Ohren gestrichen hatte, den Bierkrug an die Lippen setzte.

Der alte Ritter aber fügte hinzu: »Uebrigens, wenn wir umkehren wollten, wüßten wir gar nicht, wohin wir uns wenden sollten.«

»Ei,« fragte einer der Edelleute, »woher seid Ihr denn und wie nennt Ihr Euch?«

»Macko aus Bogdaniec nenne ich mich, und dieser junge Mann, der Sohn meines leiblichen Bruders, nennt sich Zbyszko. ›Tepa Podkowa‹ ist unser Wappenschild, und unser Schlachtruf: ›Hagel‹!«

»Wo liegt denn Euer Bogdaniec?«

»Traun! Fragt lieber, wo es lag, Herr Bruder, denn es ist schon vom Erdboden verschwunden. Noch zur Zeit des Krieges der Grzymalitezyc mit den Naleczy wurde Bogdaniec zu Asche niedergebrannt, und was übrig geblieben war, wurde uns weggenommen; die Knechte aber flohen alle. So blieb nur der leere Grund und Boden, denn auch die Bauern der Nachbarschaft wanderten fort in die Steppe. Mit meinem Bruder, dem Vater dieses Jünglings, habe ich das Haus wieder aufgebaut, aber im folgenden Jahre hat uns das Wasser alles weggerissen. Dann starb mein Bruder, und ich blieb allein mit der Waise. Da sagte ich mir: Hier kann ich es nicht aushalten! Und zu jener Zeit sprach man viel vom Krieg und auch davon, daß Jasko aus Olesnica, den der König Wladislaw zu dem Mikolaj aus Moskorzow nach Wilna sandte, eifrig in Polen Ritter suche. Da ich nun den würdigen Abt Janek aus Tulcza kenne, verpfändete ich ihm meinen Grund und Boden, und für das Geld kaufte ich mir eine Rüstung, ein Pferd, kurz, ich versah mich, wie es üblich ist für den Kriegsdienst, den Knaben, der erst zwölf Jahre alt war, setzte ich auf einen Klepper, und fort ging’s zu Jasko von Olesnica!«

»Mit dem Jüngling?«

»Damals war er noch kein Jüngling, aber stramm ist er schon als Knabe gewesen. In seinem zwölften Jahre legte er zuweilen die Armbrust auf den Boden, stemmte sich mit dem Bauche dagegen und drückte den Schneller derart, daß selbst keiner von den Engländern, die wir bei Wilna gesehen haben, sich hätte rühmen können, er verstehe den Bogen besser zu spannen.«

»So stark ist er gewesen?«

»Meinen Helm trug er hinter mir her, und als er dreizehn Jahre alt wurde, trug er auch meinen langen Schild.«

»Und an Kriegszügen hat es wahrlich nicht gefehlt.«

»Witolds wegen. Der Fürst befand sich bei den Kreuzrittern und jedes Jahr unternahm er Kriegsfahrten gegen Litauen und wendete sich nach Wilna. Mit ihm zog allerlei Volk. Deutsche, Franzosen, Engländer, die am besten den Bogen zu spannen verstanden, Böhmen, Schweizer und Burgunder. Sie haben die Wälder durchstreift, Schlösser erbaut, und zuletzt haben sie Litauen mit Feuer und Schwert schrecklich verwüstet, so daß das ganze Volk, welches dies Land bewohnt, es schon verlassen und ein anderes suchen wollte, ja gerne bis ans Ende der Welt oder sogar zu den Kindern des Belial gewandert wäre, nur um fern von den Deutschen zu sein.«

»Daß alle Litauer mit Weibern und Kindern fortziehen wollten, hörten wir wohl, doch glaubten wir es nicht.«

»Aber ich habe gar viel miterlebt. Ha! wäre nicht Mikolaj aus Moskorzow, nicht Jasko aus Olesnica, und wären wir nicht gewesen – das sage ich, ohne mich zu rühmen – so stünde auch Wilna nicht mehr.«

»O, das wissen wir. Ihr habt die Burg ja nicht übergeben.«

»Nein, wir haben sie nicht übergeben. Und nun merket wohl auf das, was ich Euch sage, denn ich bin ein erfahrener, des Krieges kundiger Mann. Die Alten sprachen immer von dem bissigen Litauer, und sie sprachen wahr. Sie schlagen sich gut, die Litauer, aber mit den Rittern können sie sich im offenen Felde nicht messen. Ganz anders ist’s im dichten Wald – oder auch dann, wenn die Pferde der Deutschen im Morast versinken.«

»Die Deutschen sind die besten Krieger!« riefen die Städter.

»Und wie eine Mauer stehen sie Mann bei Mann, durch ihre eisernen Rüstungen derart geschützt, daß kaum die Augen durch das Visir zu sehen sind. Dicht aneinander gedrängt, schreiten sie auch vorwärts. Gewöhnlich sind’s die Litauer, die losschlagen. Aber dann werden sie wie Sand zerstreut, oder sie müssen als Brücke dienen und werden zertreten. Doch nicht nur Deutsche sind unter den Kreuzrittern zu finden, denn jedes Volk, das es auf der Welt giebt, dient bei ihnen. Und tapfer sind sie! Zuweilen beugt sich ein Ritter herab, streckt die Lanze aus und stößt allein, noch vor der Schlacht, in einen ganzen Kriegshaufen, wie sich ein Habicht auf eine Herde stürzt.«

»Christus!« rief Gamroth aus, »welche sind denn die tüchtigsten unter ihnen?«

»Es kommt auf die Waffe an. Die Armbrust weiß der Engländer am besten zu handhaben, denn er kann einen Panzer mit dem Pfeile durchbohren und eine Taube auf hundert Schritte weit treffen. Die Böhmen hingegen hauen mit dem Beile furchtbar drein, und den zweischneidigen Hirschfänger weiß niemand besser zu führen als der Deutsche. Der Schweizer zerschlägt gerne den Helm mit der eisernen Keule, aber die besten Krieger sind die, welche aus des Franzmannes Landen kommen. Sie kämpfen zu Pferd und zu Fuß und rufen Dir herausfordernde Worte zu, aber verstehen kannst Du sie nicht, denn ihre Sprache klingt, wie wenn eine zinnerne Schüssel geschüttelt wird, und doch sind sie ein gottesfürchtiges Volk. Sie haben uns durch die Deutschen vorgeworfen, daß wir mit den Heiden und Sarazenen gegen das Kreuz kämpfen, und haben sich verpflichtet, die Wahrheit dieser Behauptung durch einen ritterlichen Zweikampf zu beweisen. Auch ein Gottesgericht soll abgehalten werden zwischen vier von ihren und vier von unsern Rittern, und der zur Zusammenkunft bestimmte Ort ist der Hof Wenzels, des römischen und böhmischen Königs.«

Noch größere Neugierde erfaßte nun die Landleute und die Kaufleute, sie streckten ihre Köpfe über die Krüge zu Macko hinüber und fragten: »Wer von unsern Rittern ist denn dabei? Sprecht schnell!«

Doch Macko führte zuerst den Krug an die Lippen und trank, dann erwiderte er: »Ei, fürchtet nur nichts für sie. Es ist Jan aus Wloszczow, der Kastellan von Dobrzin, es ist Mikolaj aus Waszmuntow, es ist Jasko aus Zdakow und Sarosz aus Czeckow, lauter hochgepriesene Ritter und tapfere Jungen. Ob nun mit der Lanze, dem Schwert oder der Streitaxt gekämpft wird – das alles ist nichts Neues für sie. Da werden die Leute etwas zu sehen und etwas zu hören bekommen – denn wie ich schon erwähnt habe, dem Franzmann kannst Du die Gurgel zudrücken, und er sagt Dir noch heldenmäßige Worte. So wahr mir Gott helfe und das heilige Kreuz, jene werden unaufhörlich schwatzen, die Unsrigen aber sie besiegen.«

»Das wird uns zu großem Ruhme gereichen, wofern nur Gott seinen Segen dazu giebt,« sagte einer der Edelleute.

»Und der heilige Stanislaw!« fügte ein zweiter hinzu.

Und zu Macko gewandt, bemerkte er in eifrigem Tone: »Nur weiter! Sprecht! Ihr rühmt die Tapferkeit der deutschen und andern Ritter, Ihr sagt, sie könnten die Litauer leicht beugen. Aber Euch zu beugen wäre ihnen sicherlich schwerer geworden! Haben sie nicht eben so gerne auf Euch losgeschlagen? Und was ist mit Gottes Willen dann geschehen? Lobt und preist doch die Unsrigen!«

Doch Macko aus Bogdaniec war offenbar kein Prahler, denn er entgegnete bescheiden: »Die welche aus fernen Landen einwandern, nehmen gerne den Kampf mit uns auf, aber wenn sie es einmal gethan haben, schwindet ihr Mut schon einigermaßen, denn wir sind ein zähes Volk, und diese Zähigkeit wird uns häufig vorgeworfen. ›Ihr verachtet den Tod, – sagen unsere Feinde – aber die Sarazenen unterstützt Ihr, und dafür werdet Ihr verdammt sein!‹ Durch diese Lügen ist unser Ingrimm noch gewachsen; der König und die Königin ließen die Litauer taufen, und jeder ist ein Bekenner Christi, wenn schon nicht jeder ihn versteht. Als der Teufel in der Kathedrale in Plock auf die Erde geworfen wurde, befahl sogar unser gnädigster Herr, ein Endchen Licht zu dessen Ehren aufzustellen, und die Priester mußten ihm erst sagen, daß es sich nicht gehöre – das ist ja eine bekannte Geschichte. Was darf man also von einem gewöhnlichen Menschen verlangen? Mancher sagt sich selbst: Befiehlt der Knäs, daß ich mich taufe, so taufe ich mich; befiehlt Christus, daß ich mich an die Stirne schlage, so schlage ich mich an die Stirne; aber weshalb sollte ich den alten heidnischen Teufeln das bißchen Quark nicht gönnen, ihnen die gebratenen Rüben nicht vorwerfen, oder den Schaum vom Biere nicht für sie abgießen? Thue ich es nicht, so können mir die Pferde krepieren, die Kühe räudig werden, ihre Milch kann blutig kommen oder die Ernte kann schlecht ausfallen. Gar viele handeln so, wodurch sie schweren Verdacht auf sich laden. Und doch thun sie es nur aus Unwissenheit und aus Furcht vor den Teufeln. Ehemals war es jenen Teufeln wohl. Sie hatten ihren Forst und große Hütten, auch Pferde zum Reiten, und den Zehnten nahmen sie sich. Doch jetzt ist der Forst ausgehauen, zu essen ist nichts da – die Glocken in den Städten schlagen an, also muß sich der Unflat in den dichtesten Wald verkriechen und dort heult er vor Angst. Kommt nun ein Litauer in das Gehölz, so geschieht es häufig, daß ihn ein Teufel am Schafpelz zerrt und sagt: Gib her! Manche wagen nicht, sich zu widersetzen, wieder andere wollen den Teufeln nichts freiwillig überlassen und suchen sie zu fangen. Einer dieser wackeren Jungen schüttete gedörrte Erbsen in eine Ochsenblase, und sogleich fuhren dreizehn Teufel hinein. Da zog er die Blase zu, befestigte ein Holzpflöckchen daran und brachte sie zum Verkauf nach Wilna zu den Franziskanern, welche ihm gerne zwanzig Skotus dafür gaben, um die Feinde des Namens Christi aus dem Weg zu räumen. Ich selbst habe die Blase gesehen, aus der sich ein furchtbarer Gestank weithin verbreitet hat, denn auf diese Weise zeigen die bösen Geister ihre Furcht vor dem Weihwasser.«

»Und wer hat berechnet, daß es ihrer dreizehn gewesen sind?« fragte der bedächtige Kaufmann Gamroth.

»Das hat ein Litauer berechnet, welcher es mit ansah, wie sie in die Blase hineinkrochen. Daß sie sich darin befanden, darüber herrscht kein Zweifel, denn dies war an dem Gestank zu erkennen, und deshalb wollte niemand das Holzpflöckchen entfernen.«

»Wie wunderlich ist dies, wie gar wunderlich!« rief einer der Edelleute.

»Ich habe schon die größten Wunder gesehen, allein davon kann man nicht reden. Gute Leute sind die Litauer, aber auch recht sonderbare. Sie haben zottige Haare, und kaum die Fürsten kämmen sich, von gebratenen Rüben leben sie und ziehen diese allen andern Speisen vor, weil sie meinen, es mache kräftig und mutig. Bei ihnen in ihren Hütten sind auch Haustiere und Schlangen zu sehen, und im Essen und Trinken kennen diese Menschen kein Maß, die verehelichten Weiber werden mißachtet von ihnen, aber die Jungfrauen verehren sie und gestehen ihnen große Rechte zu.«

»Ich kann es bestätigen,« fügte Zbyszko hier ein. »Und die meisten Mädchen sind schön. Oder,« fragte er, zu seinem Onkel gewendet, »ist Nyngalla vielleicht nicht schön?«

»Wer ist denn diese Nyngalla?« erkundigte sich einer der Städter.

»Wie? Habt Ihr noch nichts von Nyngalla gehört?« fragte Macko.

»Noch kein Wort hörten wir von ihr!«

»Wir sprechen ja von der Schwester des Fürsten Witold, der Gattin Henryks, des masovischen Fürsten.«

»Welchen Fürsten Henryk meint Ihr? Es gab einen masovischen Fürsten dieses Namens, der Elektor von Plock war, aber er ist gestorben.«

»Das ist eben derselbe. Er wurde durch den Tod abgerufen, weil sein Leben offenbar Gott nicht wohlgefällig war. Denn obwohl er die geistliche Würde bekleidete, schloß er doch eine unrechtmäßige Ehe mit Nyngalla. ›Ich gebe mir selbst den Dispens; der Papst, wenn nicht der von Rom, so doch der von Avignon, wird ihn sicherlich bestätigen,‹ soll er gesagt haben. Der Zorn Gottes war groß, aber Witold konnte sich nicht widersetzen – und die Vermählung ward gefeiert, zum großen Kummer meines Zbyszko hier, welcher selbst, nach deutscher Sitte, die Fürstin Ryngalla zur Herrin seines Herzens erwählt und ihr ewige Treue gelobt hatte …«

»Fürwahr,« warf Zbyszko plötzlich ein, »das ist richtig! Und später hörten wir von den Leuten, daß die Fürstin Ryngalla, nachdem sie eingesehen hatte, daß es sich nicht für sie gezieme, mit dem Elektor zu leben, weil er trotz seiner Vermählung doch nicht auf seine Würde verzichten wollte, und daß über solcher Ehe der göttliche Segen nicht walten könne, ihren Gatten vergiftet habe. Auf diese Kunde hin bat ich einen heiligen Einsiedler in der Nähe Lublins, mein Gelübde zu lösen.«

»Ein Einsiedler war es wohl«, bemerkte Macko lachend, »doch ob es ein heiliger gewesen ist, weiß ich nicht, denn wir überraschten ihn an einem Freitag im Walde, als er die Knochen eines Bären mit dem Beile spaltete und das Mark aussaugte, bis es ihm in der Kehle stecken blieb.«

»Aber er sagte, Mark sei kein Fleisch, und außerdem habe er sich die Erlaubnis erbeten, Mark zu genießen, weil er dann des Nachts immer wunderbare Traumgesichte habe und vom folgenden Morgen an bis zum Mittag prophezeien könne.«

»Na! Na!« versetzte Macko. »Und die schöne Ryngalla ist Witwe und braucht Dich vielleicht in ihrem Dienst.«

»Umsonst würde sie ausschicken, denn ich wähle mir selbst eine andere Herrin, der ich bis zum Tode dienen werde, und später werde ich mir auch eine Gattin gewinnen.«

»Den Rittergürtel wirst Du Dir zuerst gewinnen.«

»Nun ja! Nach der Entbindung der Königin werden doch gewiß Turniere stattfinden? Und da wird der König manchen zum Ritter schlagen. Ich stelle mich jedem. Der Fürst würde mich nimmer aus dem Sattel gehoben haben, wenn mein Pferd sich nicht auf die Hinterbeine gesetzt hätte.«

»Es werden aber bessere dort sein als Du.«

Hier riefen die Landleute aus der Gegend von Krakau: »Bei Gott! Vor der Königin werden sich solche wie Du nicht herauswagen können, wohl aber Ritter, die in der ganzen Welt berühmt sind. Wie kannst Du Dich mit Leuten messen, mit denen sich weder hier, noch am böhmischen noch am ungarischen Hofe jemand messen kann? Was ist das für ein Gerede? Bist Du denn besser als sie? Und wie alt bist Du denn?«

»Achtzehn Jahre!« antwortete Zbyszko.

»Dann kann Dich ja jeder zwischen den Fingern zermalmen.«

»Wir werden sehen!«

Doch Macko warf hier ein: »Ich habe gehört, daß der König die Ritter reichlich belohne, welche aus dem litauischen Kriege zurückkehren. Sagt an, die Ihr von Krakau kommt, ist dies wahr?«

»Bei Gott, es ist wahr!« entgegnete einer der Edelleute. »Auch ist die Freigebigkeit des Königs in der ganzen Welt bekannt. Aber in seine Nähe zu gelangen, ist nicht leicht, da es in der Stadt von Gästen wimmeln wird, welche wegen der Entbindung der Königin und der Taufe kommen, um dadurch unsern Herrn zu ehren oder ihm Huldigung darzubringen. Der ungarische König wird dort sein, auch der römische Cäsar, wie man sagt, und verschiedene Fürsten, Wojwoden und Ritter werden erscheinen, weil jeder denkt, daß er nicht mit leeren Händen weggehen wird. Man spricht sogar davon, daß selbst der Papst Bonifazius komme, da er der Gunst und Hilfe unseres Herrn gegen seinen Feind in Avignon bedürfe. Bei dem Andrange wird man nicht leicht Zutritt zum König bekommen, aber wem es dennoch gelingt, Zutritt zu erlangen und wer einen Kniefall vor dem Herrn macht, der wird seiner Verdienste wegen reichlich belohnt werden.«

»Dann will ich den Kniefall thun, denn auch ich habe mir schon Verdienste erworben, und wenn der Krieg ausbricht, ziehe ich mit. Kriegsbeute ist mir wohl zu teil geworden, und vom Fürsten Witold erhielt ich Vergütung, Not leide ich also nicht, aber der Abend meines Lebens naht schon heran, und im Alter, wenn die Knochen mürbe werden, hat der Mensch doch gerne einen friedlichen Winkel.«

»Gerne sah der König stets die, welche unter Jasko aus Olesnica von Litauen zurückgekehrt sind – und sie alle bekommen satt zu essen.«

»Da seht Ihr’s! Ich bin aber jetzt erst aus dem Krieg zurückgekehrt. Ihr müßt nämlich wissen, daß die Deutschen den Frieden zwischen dem König und dem Fürsten Witold büßen mußten. Der schlaue Fürst sicherte sich seine Geiseln, und dann ging es los auf die Kreuzritter! Schlösser wurden zerstört, verbrannt, die Ritter aufs Haupt geschlagen und ein großer Teil des Volkes ausgerottet. Mit Swidrygiello zugleich, der zu ihnen geflohen war, wollten sich nun die Deutschen rächen. So kam es wieder zu einem großen Kriegszug. Selbst der Meister Kondrad eilte mit zahlreichem Volk herbei. Wilna ward belagert, von ungeheuren Türmen aus versuchte man, die Burg zu zerstören, durch Verrat versuchte man, hineinzugelangen, aber nichts ward damit erreicht. Und bei dem Rückzuge wurden so viele Krieger hingestreckt, daß kaum die Hälfte zurückkam. Auch gegen Ulryk von Jungingen, des Großmeisters Bruder, der Vogt von Samland ist, zogen wir ins Feld. Aber in Schrecken versetzt durch den Fürsten, floh der Vogt unter lauten Klagen, und durch diese Flucht ward der Frieden wieder hergestellt, die Stadt neu erbaut. Und ein heiliger Ordensbruder, der barfuß auf glühendem Eisen zu gehen vermag, hat prophezeit, daß von nun an, so lange die Welt steht, sich unter Wilnas Mauern keine bewaffneten Deutschen mehr zeigen werden. Aber wessen Hände haben mitgeholfen, daß es so kommen kann und sie sich nicht mehr zeigen werden?«

Bei diesen Worten streckte Macko aus Bogdaniec seine großen, ungewöhnlich starken Hände aus, während die andern beistimmend nickten und riefen: »Ja! Ja! In dem, was Ihr sagt, ist ein Fünkchen Wahrheit enthalten.«

Das Gespräch wurde durch heftigen Lärm unterbrochen. Er drang zu den Fenstern herein, deren Scheiben man entfernt hatte, denn die Nacht war warm und schön. In der Ferne vernahm man Stimmen, Gesang und das Schnauben von Pferden. Die Anwesenden staunten darüber, weil die Stunde schon vorgerückt war und der Mond hoch am Himmel stand. Der deutsche Wirt lief hinaus in den Hof, aber bevor noch seine Gäste im stande gewesen, die Krüge bis zur Neige zu leeren, kehrte er eilig zurück und rief: »Irgend eine Hofgesellschaft naht heran!«

Gleich darauf zeigte sich an der Thüre ein junger Bursche in blauem Oberrock, die gefältelte rote Mütze auf dem Haupte. Er blieb stehen, betrachtete die Anwesenden, und als er den Wirt erblickte, sagte er: »Wischt die Tische dort ab und bringt Lichter herbei. Die Fürstin Anna Danuta wird hier Rast machen.«

So sprach er und entfernte sich dann wieder. In der Schenke machte sich eine Bewegung kund, der Wirt rief nach dem Gesinde, und die Gäste schauten voll Verwunderung einander an.

»Die Fürstin Anna Danuta,« begann einer der Bürger. »Das ist Kiejstuts Tochter, die Gattin Janusz’ von Masovien. Sie hielt sich vierzehn Tage in Krakau auf und fuhr dann nach Zator zum Fürsten Wenzel zu Besuch. Wahrscheinlich befindet sie sich nun wieder auf der Rückreise nach Krakau.«

»Gevatter Gamroth,« sagte der zweite Bürger, »laß uns lieber in die Scheune gehen und unser Heulager aufsuchen, allzu hohe Gesellschaft ist das für uns.«

»Daß sie bei Nacht fahren, dies wundert mich nicht,« ließ sich Macko vernehmen, »denn bei Tage brennt die Sonne allzu sehr, aber weshalb kommen sie in dies Wirtshaus, da sie doch das Kloster vor Augen haben?«

Hier wendete er sich zu Zbyszko mit den Worten: »Sie ist eine leibliche Schwester der schönen Ryngalla!«

Und Zbyszko rief: »Juhei! Sicherlich befinden sich viele masovische Jungfrauen bei ihr.«

Zweites Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

An der Thüre erschien jetzt die Fürstin, eine Frau in mittleren Jahren, in einem roten Mantel und einem enganliegenden grauen Gewande mit goldenem Gürtel, der vorn durch einen großen Ring am Kleide festgehalten war. Hinter der freundlich lächelnden Herrin zeigten sich einige Hoffräulein, ältere und auch halbwüchsige. Kränze aus Lilien und Rosen schmückten ihre Stirnen, und viele hatten Lauten in den Händen. Wieder andere trugen frische Blumensträuße, die sie wohl unterwegs gepflückt hatten. Bald war die ganze Stube voll, denn nach den Mädchen kamen mehrere Höflinge und Pagen. Heiter und guter Dinge traten alle ein, mit strahlenden Gesichtern, laut sprechend und singend, wie trunken von der schönen Nacht und dem hellen Mondschein. Unter den Höflingen befanden sich auch zwei fahrende Schüler, der eine mit einer Laute, der andere mit der Zither am Gürtel. Eines der Mägdlein, das noch ganz jung, vielleicht zwölf Jahre alt war, trug eine kleine, mit Kupfernägeln beschlagene Laute hinter der Fürstin her.

»Gelobt sei Jesus Christus!« sagte die Fürstin, in der Mitte des Gastzimmers stehen bleibend.

»Von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen!« antworteten die Anwesenden, sich tief verneigend.

»Wo ist der Wirt?«

Als dieser der Fürstin Worte vernahm, drängte er sich vor und ließ sich nach deutscher Sitte auf die Knie nieder.

»Wir wollen hier rasten und uns stärken,« sagte die Herrin. »Tummelt Euch also, denn wir sind hungrig.«

Die Bürger hatten sich bereits entfernt. Zwei Edelleute vom Orte, sowie Macko aus Bogdaniec und der junge Zbyszko verbeugten sich jetzt abermals und wollten die Gaststube verlassen, um die Gesellschaft nicht zu stören, aber die Fürstin hielt sie zurück.

»Ihr seid Edelleute, Ihr stört uns nicht. Macht Euch mit unseren Hofherren bekannt. Woher hat Euch Gott geführt?«

Nun gaben sie ihre Namen, ihr Geschlecht, ihre Beinamen und die Dörfer an, von denen sie die Namen trugen.

Als dann die Fürstin von Macko gehört hatte, woher er kam, klatschte sie in die Hände und rief: »Das trifft sich gut! Erzählt uns von Wilna, von meinem Bruder und meiner Schwester. Kommt Fürst Witold zur Entbindung der Königin und zur Taufe hierher?«

»Er wollte kommen, weiß aber nicht, ob es ihm möglich sein wird. Deshalb sandte er durch die Fürsten und Bojaren der Königin vorerst eine silberne Wiege als Geschenk. Mit dieser Wiege sind auch wir, mein Neffe und ich, gekommen und unterwegs haben wir sie bewacht.«

»Befindet sich diese Wiege hier? Ich möchte sie sehen. Ganz aus Silber ist sie?«

»Ja, ganz aus Silber. Aber sie befindet sich nicht hier. Sie ist schon nach Krakau gebracht worden.«

»Und was thut Ihr hier in Tyniec?«

»Wir kehrten hierher zurück, zu dem Prokurator des Klosters, unserm Blutsverwandten, um der Obhut des ehrwürdigen Ordens zu übergeben, was wir im Krieg gewannen und was der Fürst uns als Schenkung überließ.«

»Möge Gottes Segen darüber walten! Ist es ansehnliche Beute? Doch sagt, warum es noch ungewiß ist, ob mein Bruder kommt?«

»Für den Feldzug zu den Tataren rüstet er sich.«

»Ich sage Euch, mich quält nur das eine: die Königin hat diesem Feldzuge kein glückliches Ende prophezeit, und was sie prophezeit, trifft immer ein.«

Macko lachte. »Ei, unserer gottesfürchtigen Herrin will ich nicht widersprechen, aber mit dem Fürsten Witold zieht unsere ganze ritterliche Streitmacht aus, und es sind tüchtige Burschen, gegen die niemand aufkommt.«

»Zieht Ihr nicht mit?«

»Ich bin ja nebst den andern mit der Wiege abgesandt worden und habe zudem fünf Jahre lang den Harnisch nicht abgelegt,« entgegnete Macko, auf die vom Panzer im Lederkoller zurückgelassenen Spuren deutend. »Doch, sobald ich genügend der Ruhe gepflegt habe, gehe ich mit, und wenn ich auch selbst nicht mitgehe, so bringe ich doch meinen Bruderssohn Zbyszko dem Herrn Ipytko aus Mielsztyn, denn unter diesem Heerführer ziehen all’ unsre Ritter aus.«

Die Fürstin Danuta blickte auf die schöne Gestalt Zbyszkos, aber das Gespräch ward durch den Eintritt eines Mönches unterbrochen, der nach der Begrüßung der Fürstin ihr demütig vorhielt, daß sie ihre Ankunft nicht durch einen Boten kund gethan habe, und daß sie sich nicht im Kloster, sondern in diesem gewöhnlichen Wirtshause aufhalte, das ihrer hohen Würde unwert sei. Im Kloster sei doch kein Mangel an Gemächern und Wohnungen, worin jedermann Unterkunft finde, und nun erst die hohe Frau, die Gattin des Fürsten, von dessen Vorfahren und Blutsverwandten die Abtei so viele Wohlthaten erhalten habe.

Aber die Fürstin antwortete in heiterem Tone: »Wir sind nur hier eingekehrt, um unsere Glieder wieder einigermaßen zu strecken, und in der Frühe müssen wir uns nach Krakau aufmachen. Bisher schliefen wir bei Tag und fuhren bei Nacht, der Kühle wegen, und obwohl hier bei unserer Ankunft die Hähne schon krähten, wollte ich die gottesfürchtigen Mönche nicht wecken, vornehmlich nicht mit solcher Gesellschaft, welche mehr an Gesang und Tanz als an Ruhe denkt.«

Da jedoch der Mönch noch weiter in sie drang, fügte sie hinzu: »Ich bleibe hier. Wir haben jetzt die beste Zeit, einige weltliche Gesänge anzuhören, aber zum Frühgottesdienst gehen wir in die Kirche, um den Tag mit Gott zu beginnen.«

»Man wird eine Messe lesen für das Wohlergehen des gnädigen Fürsten und der gnädigen Fürstin,« sagte der Mönch.

»Der Fürst, mein Gatte, wird erst nach vier oder fünf Tagen ankommen.«

»Unser Herrgott kann auch aus der Ferne seinen Segen verleihen, und mittlerweile möge es uns armen Klosterbrüdern vergönnt sein, Wein hierher zu bringen.«

»Wir werden uns dankbar dafür erweisen,« erwiderte die Fürstin.

Kaum hatte der Mönch sich entfernt, so rief sie: »Schnell, Danusia, steige auf die Bank und erfreue unser Herz mit dem nämlichen Liede, das Du in Zator gesungen hast.«

Als sie dies hörten, trugen zwei Hofherren eine Bank herein. Die fahrenden Schüler setzten sich an die beiden Enden, und das junge Mädchen, welches der Fürstin die mit Kupfernägeln beschlagene Laute nachgetragen hatte, stellte sich hinauf. Ihr Haupt war mit einem Blumenkranze geziert, die Haare hingen aufgelöst über ihre Schultern herab, sie hatte ein himmelblaues Gewand an und rote Schühchen mit langen Spitzen. Wie sie so dastand, sah sie aus wie ein wunderbar schönes Kind auf einem Heiligenbild oder in einem Kripplein in der Kirche. Offenbar war es aber nicht das erste Mal, daß sie so dastand, um der Fürstin vorzusingen, denn nicht die geringste Verwirrung zeigte sich auf ihrem Gesichte.

»Singe, Danusia, singe!« riefen die Hofdamen.

Nun nahm sie die Laute zur Hand, hob den Kopf in die Höhe wie ein Vogel, der zu singen anfängt, und die Aeuglein zudrückend, begann sie mit ihrem Silberstimmchen:

»Wie wär’ ich gerne Ein Gänslein klein, Ich flög’ in die Ferne Zu Jasio mein!«

Die fahrenden Schüler begleiteten sie, der eine auf der Zither, der andere auf seiner großen Laute, die Fürstin, welche weltliche Gesänge über alles liebte, neigte das Haupt bald auf die eine, bald auf die andere Seite, und das Mädchen sang weiter, mit einer zarten, frischen, kindlichen Stimme, die klang wie Vogelgezwitscher im frühlingsgrünen Walde

»In Schlesien flög’ ich nieder Auf grünem Rain, Die Waise sieh wieder, Jasiulek mein!«

Und wieder begleiteten die fahrenden Schüler. Der junge Zbyszko aus Bogdaniec aber, der, von Kindheit an nur an den Krieg und dessen fürchterliche Erscheinungen gewöhnt, in seinem ganzen Leben noch nichts Aehnliches erschaut hatte, berührte den Arm eines neben ihm stehenden Masuren und fragte: »Wer ist das?«

»Ein Mägdlein vom Hofe der Fürstin. An fahrenden Sängern, welche den Hof ergötzen, fehlt es nicht, aber sie ist die beliebteste Sängerin, und die Fürstin hört keine andern Gesänge so gerne wie die ihrigen.«

»Mich wundert dies nicht. Sie ist ja ein wahrer Engel, und ich kann den Blick nicht von ihr abwenden. Wie wird sie genannt?«

»Und das wißt Ihr nicht? Danusia! Jurand aus Spychow, ein mächtiger und tapferer ›Comes‹, welcher zu den Landsassen gehört, ist ihr Vater.«

»Ach! Solch ein Wesen haben noch keine menschlichen Augen gesehen.«

»Sie wird auch von allen geliebt, sowohl ihres Gesanges als ihrer Schönheit wegen.«

»Und wer ist ihr Ritter?«

»Sie ist ja noch ein Kind.«

Durch den Gesang Danusias ward das Gespräch unterbrochen. Zbyszko blickte sie von der Seite an. Während er ihre hellen Haare, ihr erhobenes Köpfchen, ihre zugedrückten Augen und ihre ganze Gestalt betrachtete, die zugleich von dem Scheine der Wachslichter und von den durch die offenen Fenster fallenden Mondstrahlen beleuchtet wurde, staunte er immer mehr. Ihn dünkte, er habe dies schöne Bild schon einmal gesehen, ob im Traume oder zu Krakau auf einem Kirchenfenster, wußte er jedoch nicht zu sagen.

Und abermals den Arm des Hofherrn berührend, fragte er leise: »An Euerm Hofe ist sie?«

»Ihre Mutter kam aus Litauen mit der Fürstin Anna Danuta, und diese verheiratete sie an den Grafen Jurand von Spychow. Sie stammte aus einem mächtigen Geschlechte, war anmutig und mild, auch ward sie mehr als alle andern Mädchen von der Fürstin geschätzt. Sie selbst liebte die Fürstin innig, deshalb gab sie ihrer Tochter den gleichen Namen – Anna Danuta. Vor fünf Jahren nun, als bei Zlotorja die Deutschen unsern Hof überfielen, starb sie vor Schrecken. Damals nahm die Fürstin das Kind zu sich, und seit jener Zeit leitet sie dessen Erziehung. Der Vater kommt häufig an den Hof und sieht es mit Vergnügen, daß es seiner Tochter gut geht und daß sie unter dem Schutze der Fürstin steht. Allein so oft er Danusia anschaut, so oft vergießt er Thränen um die verstorbene Gattin, und dann sinnt er nur darauf, Rache an den Deutschen zu nehmen, für das, was sie ihm angethan. In ganz Masovien liebte niemand seine Ehefrau so innig, wie er die seine geliebt hatte – und ihretwegen hat er schon gar viele Deutsche ums Leben gebracht.«

Zbyszkos Augen blitzten und die Adern auf seiner Stirne schwollen an. »So ward also ihre Mutter von den Deutschen getötet?« fragte er.

»Ja und nein! Sie starb durch den Schrecken. Vor fünf Jahren war ja Frieden im Lande, niemand dachte an Krieg, und jeder konnte ungefährdet seines Weges ziehen. Der Fürst befand sich auf der Reise nach Zlotorja, wo er einen Turm bauen lassen wollte, er fuhr allein mit seinem Hofstaate, ohne Krieger, wie gewöhnlich zur Zeit des Friedens. Da überfielen ihn die Deutschen ohne Kriegserklärung, ohne jede Veranlassung. Aller Gottesfurcht Hohn sprechend, auch nicht bedenkend, daß seine Vorfahren ihnen viele Wohlthaten erwiesen hatten, banden ihn auf ein Pferd und führten ihn mit sich fort. Seine Leute aber wurden vollständig aufs Haupt geschlagen. Lange befand sich der Fürst in Gefangenschaft, und erst als König Wladislaw ihnen mit Krieg drohte, gaben sie Jurand aus Angst frei. Aber bei jenem Ueberfall starb Danusias Mutter, denn ihr Herz zog sich krampfhaft zusammen und stand dann plötzlich still.«

»Und Ihr, Herr, seid Ihr dabei gewesen? Wie nennt Ihr Euch? Ich vergaß es.«

»Mikolaj aus Dlugolas heiße ich, und Obuch werde ich genannt. Bei dem Ueberfall bin ich zugegen gewesen. Ich habe es mit angesehen, wie ein Deutscher, der Pfauenfedern als Helmzier trug, die Mutter Danusias an dem Sattel festbinden wollte, und wie sie vor seinen Augen starb. Auf mich haben sie mit der Hellebarde geschlagen, ich trage noch ein Merkmal davon.«

Bei diesen Worten zeigte er auf eine tiefe, sich unter den Haaren bis zu den Augenbrauen hinziehende Narbe in der Hirnschale.

Ein kurzes Schweigen folgte. Zbyszko blickte wieder auf Danusia, dann fragte er: »Und Ihr sagt, Herr, sie habe noch keinen Ritter?«

Doch wartete er die Antwort nicht ab, da in diesem Augenblick der Gesang verstummte. Einer der fahrenden Schüler, ein feister, starker Mensch, hatte sich plötzlich erhoben, wodurch sich die Bank auf eine Seite neigte. Danusia schwankte und streckte die Händchen aus, aber ehe sie noch fallen oder herabhüpfen konnte, sprang Zbyszko vor wie eine Wildkatze und fing sie in seinen Armen auf.

Die Fürstin, welche zuerst vor Schrecken laut geschrien hatte, lachte sogleich wieder und rief: »Das ist Dein Ritter, Danusia! Sei uns gegrüßt, o Ritter, und gieb uns die liebliche Sängerin zurück.«

»Allzu keck war die Art, wie er sie auffing!« ließen sich nun die Stimmen einiger Hofleute vernehmen.

Danusia immer noch in seinen Armen haltend, ging Zbyszko indessen auf die Fürstin zu. Das junge Mädchen hatte die eine Hand um seinen Hals geschlungen, während sie mit der andern die Laute emporhob, aus Furcht, das Instrument zu zerbrechen. Obwohl sie etwas erschreckt aussah, spielte dennoch ein Lächeln um ihre Lippen.

Als der Jüngling die Fürstin erreicht hatte, stellte er Danusia vor sich hin, er selbst aber kniete nieder, richtete stolz das Haupt auf und sagte mit einer für sein Alter erstaunlichen Kühnheit:

»Euern Worten gemäß soll es sein, edle Herrin! Es ist an der Zeit für dieses liebliche Jungfräulein, ihren Ritter zu wählen, an der Zeit auch für mich, eine Herrin zu wählen, deren Schönheit und Tugend ich verehren kann. Mit Eurer Erlaubnis werde ich das Gelöbnis ablegen, ihr unter allen Wechselfällen des Lebens Treue zu bewahren bis zum Tode.«

Auf dem Gesichte der Fürstin malte sich eine gewisse Verwunderung, aber weniger über Zbyszkos Worte, als darüber, daß alles so plötzlich kam. Es war zwar keine polnische Sitte, sich dem Dienste einer Herrin zu weihen, aber an der deutschen Grenze, in Masovien, wo häufig Ritter aus fernen Ländern zusammenströmten, kannte man sie besser als in andern Gegenden und ahmte sie sogar häufig nach. Die Fürstin hatte schon früher am Hofe ihres großen Vaters davon gehört, wo alle Sitten des Westens als Gesetz und nachahmungswürdiges Beispiel betrachtet wurden, deshalb erschien ihr das Vorhaben Zbyszkos nicht derart, daß sie oder Danusia dadurch hätte verletzt werden können. Im Gegenteil, sie freute sich, daß Herz und Augen eines Ritters sich dem lieblichen Hoffräulein zuwendeten. Daher sagte sie in heiterem Tone zu dem jungen Mädchen: »Danuska! Danuska! Willst Du ihn zu Deinem Ritter haben?«

Und die Kleine mit den herabwallenden Haaren hüpfte in ihren roten Schühchen zuerst dreimal in die Höhe, schlang dann den Arm um den Hals der Fürstin und rief mit dem Entzücken eines Kindes, dem man ein Spielzeug versprochen hat, woran sich sonst nur ältere Leute ergötzen dürfen: »Ja, ja, ich will ihn zum Ritter haben.«

Die Fürstin lachte, bis ihr die Thränen in die Augen traten, und mit ihr lachte der ganze Hof. Sich Danusias Armen entwindend sagte sie schließlich zu Zbyszko: »Nun gelobe Dich Deiner Herrin an. Was aber wirst Du ihr geloben?«

Und trotz des Gelächters unerschütterlichen Ernst bewahrend, erklärte Zbyszko, ohne sich von den Knien zu erheben: »Ich gelobe ihr, daß ich, in Krakau angelangt, meinen Schild in der Herberge aufhängen und ein Blatt daran befestigen werde, worauf von der Hand eines schriftkundigen Klerikers geschrieben steht, daß Jungfrau Danuta, Jurands Tochter, die schönste und tugendhafteste aller Frauen ist. Und wer dem widerstreitet, mit dem werde ich so lange streiten, bis eines von uns zu Grunde geht – es sei denn, daß ich noch zuvor in Gefangenschaft gerate.«

»Gut! Man sieht, Du kennst die ritterlichen Sitten. Und was soll weiter geschehen?«

»Da Herr Mikolaj aus Dlugolas zugestanden hat, daß die Mutter dieses Jungfräuleins durch Schuld eines Deutschen mit einem Pfauenbusch auf dem Helme, den letzten Seufzer aushauchte, gelobe ich hiermit, mich auf bloßem Leibe mit einem Hanfstricke zu gürten und ihn, wenn er mich auch tief in die Knochen schneidet, so lange zu tragen, bis ich drei solcher Pfauenbüsche von deutschen Rittern erbeutet und zu den Füßen meiner Herrin niedergelegt habe.«

Nun nahm die Fürstin einen feierlichen Ton an und fragte:

»Gelobst Du dies zum Scherze?«

»Nein, so mir Gott helfe und das heilige Kreuz! Und meine Gelübde will ich in der Kirche vor den Priestern wiederholen.«

»Rühmlich ist es, mit den grausamen Feinden unseres Stammes zu kämpfen, doch beklage ich Dich, weil Du so jung bist und gar leicht zu Grunde gehen kannst.«

In diesem Augenblick trat Macko aus Bogdaniec, welcher bisher wie ein Mensch, der einer vergangenen Zeit angehört, nur stillschweigend die Achseln gezuckt hatte, näher heran, denn er fühlte sich nun gedrungen, seine Ansicht auszusprechen.