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Wenn Höhenflüge tödlich enden - Liv Lammers ermittelt in ihrem neunten Fall in einer besonders abgründigen Serie vermeintlicher Unfälle auf Sylt
Lange hat sich Hochzeitsplanerin Jaline Amundsen auf ihren Tandemsprung über Sylt gefreut. Doch der Fallschirm öffnet sich nicht. Die abenteuerlustige junge Frau stirbt durch den Aufprall, ihr Begleiter überlebt schwer verletzt. Da sich die Hinweise auf Fremdverschulden schnell verdichten, nehmen Kommissarin Liv Lammers und ihre Kollegen von der Mordkommission Flensburg die Ermittlungen auf. Noch während die Kommissare ersten Spuren nachgehen, kommt es zu weiteren gefährlichen Unfällen auf der Insel, teilweise mit tödlichem Ausgang. Lange scheint es zwischen den Fällen keinen Zusammenhang zu geben. Dann aber fällt Liv etwas auf ...
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Seitenzahl: 425
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Über das Buch
Über die Autorin
Weitere Titel
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Anmerkung und Dank
Über das Buch
Lange hat sich Hochzeitsplanerin Jaline Amundsen auf ihren Tandemsprung über Sylt gefreut. Doch der Fallschirm öffnet sich nicht. Die abenteuerlustige junge Frau stirbt durch den Aufprall, ihr Begleiter überlebt schwer verletzt. Da sich die Hinweise auf Fremdverschulden schnell verdichten, nehmen Kommissarin Liv Lammers und ihre Kollegen von der Mordkommission Flensburg die Ermittlungen auf. Noch während die Kommissare ersten Spuren nachgehen, kommt es zu weiteren gefährlichen Unfällen auf der Insel, teilweise mit tödlichem Ausgang. Lange scheint es zwischen den Fällen keinen Zusammenhang zu geben. Dann aber fällt Liv etwas auf …
Über die Autorin
Sabine Weiß, Jahrgang 1968, arbeitete nach ihrem Germanistik- und Geschichtsstudium als Journalistin. Seit 2007 veröffentlicht sie erfolgreich Historische Romane, seit 2016 zusätzlich Krimis um Kommissarin Liv Lammers und ihr Team. Mit deren Fall DÜSTERES WATT gelang ihr 2022 der lang verdiente Sprung auf die Bestsellerliste. Wenn Sabine Weiß nicht auf Recherchereise für ihre Bücher ist, lebt sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn bei Hamburg.
Weitere Titel der Autorin:
Aus der Reihe um Liv Lammers
Schwarze Brandung
Brennende Gischt
Finsteres Kliff
Blutige Düne
Tödliche See
Düsteres Watt
Zornige Flut
Gefährlicher Sog
Historische Romane
Hansetochter
Das Geheimnis von Stralsund
Die Feinde der Hansetochter
Die Tochter des Fechtmeisters
Die Arznei der Könige
Die Perlenfischerin
Der Chirurg und die Spielfrau
Krone der Welt
Gold und Ehre
Blüte der Zeit
Die Leuchttürme der Stevensons
SABINEWEISS
HÖLLISCHEKÜSTE
Sylt-Krimi
Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Originalausgabe
Copyright © 2025 by
Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln, Deutschland
Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an [email protected]
Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und
Data-Mining bleiben vorbehalten.
Lektorat: Dr. Stefanie Heinen
Covergestaltung: Manuela Städele-Monverde
Covermotiv: © Elena Schweitzer/ Trevillion Images; © geogif/shutterstock
Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN978-3-7517-6148-2
Sie finden uns im Internet unter luebbe.de
Bitte beachten Sie auch: lesejury.de
Westerland, Donnerstag, 25. Juli, 14.20 Uhr
Lachen kribbelte in ihrem Bauch. Sie lagen auf der Wiese und ruderten zwischen Gänseblümchen, Löwenzahn und versprengtem Dünengras mit Armen und Beinen. In den Gesichtern der anderen erkannte sie Anspannung, aber auch Angst. Jaline lächelte einer älteren Frau auf der gegenüberliegenden Seite des Kreises zu, deren verkrampfte Züge sich durch ihre Aufmunterung ein wenig aufhellten.
»… direkt nach dem Absprung den Kopf weiter im Nacken halten und die Hände am Gurtzeug. Immer schön im Hohlkreuz bleiben, die Hüfte vorschieben. Die Beine winkelt ihr nach hinten an, am besten so, dass ihr mit den Füßen den Po eures Tandemmasters berührt.«
Nervöses Lachen in der Runde. Nur Steffen strahlte vor Freude. Die Falten im sonnengebräunten Gesicht des Tandemmasters verrieten eine Lebenslust, die Jaline unwiderstehlich fand. Der Gedanke daran, im Gurtzeug an ihn gebunden und ihm in viertausend Metern Höhe in gewisser Weise ausgeliefert zu sein, erregte sie unvermittelt heftig.
Eine Bewegung zog ihren Blick auf sich. Zwischen den anderen Fallschirmspringern, Begleitern und Schaulustigen stand Maximilian. Affig in seiner weichgezeichneten Kleidung, ein Albtraum in Pastell. Er funkelte sie an, schüttelte missbilligend den Kopf, und sofort fühlte Jaline sich ertappt. Stechender war nur der Blick von Steffens Ehefrau. Jaline verzog verärgert das Gesicht. Als ob der unschöne Streit mit ihrer Schwester eben nicht gereicht hätte! War Celina wirklich wutentbrannt davongerast? Oder hielt sie sich zwischen den anderen Zuschauern versteckt und würde sie nach der Landung in die Arme schließen?
Mit großer Geste kramte Maximilian das Handy aus der Tasche seines Jacketts. Es war unheimlich zu sehen, wie er ihre Gedanken und Gefühle zu lesen schien. Seine Eifersucht nervte sie. Dabei hatte sie von Anfang an mit offenen Karten gespielt. Sie hatte keinen Bock auf eine feste Beziehung, so etwas war ihr viel zu anstrengend und zu zeitraubend. Doch zunächst war alles gut gewesen: Sie hatten die Finger nicht voneinander lassen können, hatten jede freie Minute miteinander verbracht. Irgendwann aber hatte er angefangen, Ansprüche zu stellen, Fragen zu stellen, ihr nachzuforschen. Wenn sie sich nicht so verhielt, wie er es wollte, konnte er richtiggehend einschüchternd werden. Wie sie sich in ihm getäuscht hatte!
Jaline unterdrückte ein Seufzen. Es wurde Zeit, dass sie ihn loswurde. In den letzten Wochen hatte sie Maximilian bereits deutlich zu verstehen gegeben, dass sie sich trennen wollte. Aber er fand immer wieder einen anderen Vorwand, diese Entscheidung hinauszuzögern. Und dann war da noch das, was sie von einer Freundin erfahren hatte. Sie hatte es nicht glauben können, bis sie Beweise gesehen hatte. Jaline schauderte. Sie würde Schluss machen, so schnell wie möglich. Überhaupt würde sie einiges ändern, so schwer es ihr auch fiel und so viel Stress sie dadurch auch bekommen würde.
Maximilians Blick zielte auf das Handydisplay, vorwurfsvoll. Wie er schon dastand zwischen den sportlichen, legeren Typen, in seinem teuren babyblauen Jackett und den handgenähten beigen Schuhen! Und das bei diesen Temperaturen! Dabei hatten sie es ja noch gut: Während ganz Deutschland unter einer Hitzewelle ächzte, wehte auf Sylt bei siebenundzwanzig Grad ein angenehmes Lüftchen. Auf Sylt wurde es nie zu heiß. Perfektes Wetter für ihre Vorhaben.
Maximilian hob das Smartphone ans Ohr, verschwand stirnrunzelnd zwischen Wohnwagen und Hütten. Was für ein Wichtigtuer! Als wäre er ein Big Player auf dem Börsenparkett. Dabei war er ein einfacher Konditor, auch wenn er sich Patissier und Chocolatier nannte. Wobei sie zugeben musste, dass seine Hochzeitstorten die besten waren. Jaline schüttelte ihren Ärger ab und wandte sich wieder Steffen und den anderen Fallschirmneulingen zu. Sie konnte es kaum erwarten, endlich mit dem Flugzeug in den Sylter Himmel aufzusteigen und sich in die Tiefe zu stürzen.
Die Vorfreude auf den Kick ließ Adrenalin durch ihre Adern schießen. Es musste ein Traum sein, zwischen Himmelsgewölbe, Dünen, Strand und Meer zu schweben. Warum war sie eigentlich noch nie Fallschirm gesprungen? Sie wusste von ihren Kunden, dass dieses Erlebnis auch ein beliebtes Hochzeitsgeschenk war. Zum wichtigsten Tag im Leben ein unvergessliches Erlebnis – perfekt.
»Wir sind jetzt im Freifall …«, forderte Steffen ihre Aufmerksamkeit ein. »Dieser wird ungefähr fünfundvierzig bis sechzig Sekunden dauern. Ihr behaltet die Körperspannung bei. Beine angewinkelt lassen und Hände im Gurtzeug. Erst wenn der Tandemmaster euch auf die Schultern klopft, dürft ihr langsam die Hände lösen und die Arme ausbreiten. Und dann nur noch genießen …«
Ihre Blicke trafen sich, und Jaline wusste, dass sie auch anderweitig bei ihm würde landen können. Ob seine Frau zu einem ähnlichen Schluss gekommen war? Diese hatte soeben auf der Hacke kehrtgemacht und marschierte nun mit wutverzerrtem Gesicht davon.
***
Maximilian beendete das Telefonat und schob sich zwischen den Schaulustigen hindurch. Es waren erstaunlich viele ältere, biedere Urlauber darunter, die mit ihren Klappstühlen und Kühltaschen verwachsen zu sein schienen. Daunenwesten über Poloshirts, weiße Schatten von Sunblockern auf der Nase. Ein harter Kontrast zu den verwegen wirkenden Fallschirmspringern, die für den Wettbewerb im Formationsspringen angereist waren, der nach den Tandemsprüngen beginnen sollte. Junge Männer, aufgedreht, mit ihrem Equipment angebend. Berufsjugendliche, deren dunkler Teint und langes Haar erahnen ließen, dass ihnen Arbeit fremd war. Daneben wirkten die aufgeregten Tandemspringer, als hätten die meisten ihren Wagemut längst als Leichtsinn entlarvt. Gespannt schauten sie ihren sogenannten Tandemmaster an: ein Kerl wie ein Schrank, testosteronstrotzend. Unfassbar, dass Jaline auf einen wie ihn hereinfiel! Nicht auszuhalten, wie sie ihn anhimmelte! Er würde ihr nachher klarmachen müssen, dass sie sich als Frau an seiner Seite nicht mit derartigen Proleten abgeben durfte.
Maximilian warf einen erbosten Blick in ihre Richtung. Vor mehr als einer Stunde waren sie hier angekommen, und Jaline hatte nichts Besseres zu tun gehabt, als ihn stehen zu lassen wie einen Deppen. Seitdem war er auf dem Sprungplatz herumgestromert und hatte sie beobachtet.
Er strich an flatternden Fahnen und Hängematten vorbei, an einem schwelenden Grill und einer Schubkarre, in der Softdrinkdosen zwischen Eiswürfeln schwitzten. Peinlicher Unterschichtschic, der unter dem Schlagwort »Vanlife« massentauglich gemacht wurde.
Ein Obstteller auf einem improvisierten Campingtisch schien nach ihm zu rufen. Die Birnen sahen herrlich aus. Kurz vergewisserte Maximilian sich, dass er unbeobachtet war, dann schnappte er sich eine. Hitze stieg ihm in die Wangen. Schnell weiter! Hoffentlich hatte niemand ihn gesehen. Das wäre ja was, wenn er als inselbekannter Patissier des Mundraubs bezichtigt würde!
Auf dem Flugfeld rollte die Turboprop an, mit der Jaline und die anderen Lebensmüden gleich abheben würden. Das einmotorige kleine Flugzeug war bunt bemalt, albern, wie Maximilian fand. Er entfernte sich noch ein Stück, holte sein Klappmesser aus der Tasche und schälte die Birne sorgfältig; die Schalen warf er ins sonnengedörrte Gras. Die Frucht war saftig, und doch blieb sie ihm vor Ärger über Jaline im Hals stecken.
Laute Stimmen drangen aus dem ausrangierten, mit schrillen Graffiti besprühten Transportcontainer, aus dem vorhin das Material geholt worden war. Gleich darauf schoss ein schlaksiger Mann in einem blau-schwarzen Overall heraus, ihm folgte ein zweiter, muskulös, in affigen Thermoleggings und hautengem Shirt. »Wenn das rauskommt, bist nicht nur du geliefert!«, rief er dem Schlaks hinterher, schloss den Container zu und wandte sich ab. Der andere würdigte ihn jedoch keines Blickes.
Maximilian überlegte gerade, worüber die beiden wohl gestritten hatten, als die Containertür mit einem leisen Quietschen einen Spaltbreit aufsprang. Abwägend sah er sie an. Jaline suchte den Kick? Er würde ihr zeigen, was kickte!
***
Der Schub presste sie aneinander, als die Cessna Caravan dröhnend in den Himmel aufstieg. Jaline saß mit den anderen Fallschirm- und Tandemspringern in einer Reihe, jeder zwischen den Beinen des Vormanns. Ihr Puls klopfte wie wild, sie glühte innerlich und fühlte sich, als müsste die Energie wie Scheinwerferlicht aus ihren Augen strahlen. Für diese Momente lebte sie!
»Aufgeregt?«
Seine tiefe Stimme war im anschwellenden Orchester von Flugzeug und Luftwiderstand kaum hörbar. Steffens Atem kitzelte ihren Hals. Sie neigte den Kopf ein wenig, sah sein Lächeln unter Sprungbrille und Helm. »Ein bisschen. Deinetwegen«, sagte sie, spitzte lächelnd die Lippen und ließ sich an ihn sinken, wogegen er nichts zu haben schien.
Die Pilotin gab das Zeichen, dass die Flughöhe erreicht war. Viertausend Meter lagen jetzt zwischen ihnen und dem Erdboden – was für ein Wahnsinn! Die Aufregung um Jaline herum war beinahe mit den Händen zu greifen. Ein Helfer öffnete die Luke, und einer nach dem anderen rutschte auf dem Hosenboden an die Kante. Jaline nahm kaum wahr, wie brutal der Wind an ihr riss, so gebannt war sie von dem Anblick, der sich ihr bot: Unter ihnen lag Sylt, ein schmaler Streifen Land in der unendlich scheinenden Weite der Nordsee. Funkelnd brandeten die Wellen gegen den weiß schimmernden Strand. Winzig die Badegäste, die Wellenreiter und Surfer. Abstufungen von Blau, auf denen Sonnenstrahlen spielten, markierten die Meerestiefen. Die Dünen bildeten sanfte Wellen in unzähligen Beige- und Grüntönen. Wie eine vernarbte Dinosaurierhaut erschienen dagegen die Hügel und Täler der Wanderdünen in Listland.
Im nächsten Moment stieß Steffen sich ab, und gemeinsam stürzten sie der Erde entgegen. Euphorisch lachte und brüllte Jaline gleichzeitig ihre Begeisterung ins Azur. Adrenalin peitschte durch ihren Körper. Sie hatte sich schon immer für Extremsportarten begeistert, doch noch nie hatte sie sich so lebendig gefühlt. Brutaler Fallwind riss an ihrer Haut, an Haaren und Kleidung. Noch immer schrie und juchzte, lachte und weinte sie gleichzeitig. Nein, sie würde nicht mehr warten. Sie würde Maximilian abschießen, unbequeme Entscheidungen treffen, Celina die Wahrheit sagen, gleich nachdem sie gelandet waren.
Steffen bewegte sich sicher und drehte sie in der Luft. Jaline konnte sich gar nicht sattsehen an diesem Sylt, wie sie es noch nie erblickt hatte. Wie schmal die Insel war, wie kostbar und zerbrechlich! Was für eine Zauberwelt! Kein Wunder, dass ihre Kunden verrückt nach diesem Fleckchen Erde waren und bereitwillig jeden Preis für die Erfüllung ihrer Träume zahlten.
Jetzt tauchten auch die anderen Fallschirmspringer vor den vereinzelten Wolkenkissen auf. Kopfüber stürzten sie sich hinunter, wie Geschosse rasten sie der Erde entgegen. Dann näherten die Springer sich einander mit geschickten Bewegungen, und auch Steffen steuerte sanft in ihre Richtung. Das Blut rauschte in Jalines Ohren, und kurz fürchtete sie, dass sie bei dieser rasenden Geschwindigkeit kollidieren könnten. Was wäre, wenn sie gegen einen der anderen Fallschirmspringer stießen und Steffen das Bewusstsein verlöre? Ihr allein würde die Landung nie und nimmer gelingen. Sie wären so gut wie tot.
Eilig schob sie die Befürchtung beiseite, wie sie es schon beim Bungeespringen, Motorradfahren und Tiefseetauchen getan hatte. Das Leben war zu kurz, um Angst zu haben. Sie war nie so feige wie ihre Schwester gewesen, die jedem Konflikt aus dem Weg ging. Schwebend kamen sie mit den anderen Fallschirmspringern zusammen, streckten die Arme aus und legten sie aneinander, bildeten einen Kreis glücklich strahlender Menschen. Auch die ältere Frau, der sie vorhin Mut gemacht hatte, schien ihre Angst überwunden zu haben und das Schweben zu genießen. Ein Moment für die Ewigkeit.
Nach und nach lösten sie sich voneinander. Beinahe erschreckt bemerkte Jaline, wie nah sie dem Erdboden gekommen waren. Schon öffneten sich die ersten Fallschirme, bunte Blumen im knallblauen Himmel, die die Flieger wieder ein Stück in die Höhe rissen. Auch Steffen hantierte am Gurt. Gleich würden auch sie durch den Schirm aufgefangen werden und elegant in die Tiefe gleiten. Doch nichts geschah, der Fallschirm öffnete sich nicht. Stattdessen schossen sie weiter auf die Erde zu.
Sie neigte den Kopf. Es musste der Fallwind sein, der Steffens Züge verzerrte. Seine Bewegungen wurden hektischer. »Los jetzt! Der … Schirm!«, brüllte Jaline gegen das Tosen an. Panik regte sich in ihr. Keiner der anderen Fallschirmspringer war mehr zu sehen. Dafür stürmten ihnen die Bäume und Häuser von Sylts Inselinnerem entgegen. Atme! Hab Vertrauen! Jaline versuchte, sich zu beruhigen. Steffen war bei den Fallschirmjägern der Bundeswehr gewesen, hatte tausendfünfhunderteinundvierzig Fallschirmsprünge auf dem Buckel und sich schon als Basejumper von Hochhäusern in Asien und Wasserfällen in Südamerika gestürzt. Er wusste, was er tat.
So nah waren sie dem Boden schon, dass Jaline die Werbetafeln am Straßenrand lesen konnte, ebenso die Protestplakate vor dem Abbruchhaus. Sie erkannte die wehenden Haare und die flatternden Halstücher der Cabriofahrer.
Es wird gut gehen! Steffen weiß, was er tut! Trotz ihres verzweifelten Versuchs der Selbsthypnose rang sie nach Luft, hyperventilierte beinahe.
Steffen zerrte heftig an dem Fallschirm, der sich dennoch einfach nicht öffnen wollte. Gab es nicht so was wie einen Notfallschirm? Das hatte sie doch gerade noch gelernt! Tandemsprünge sind sicher, Unfälle die absolute Ausnahme. So gut wie unmöglich, geradezu. Und dennoch … Sie musste sich beherrschen, um ihre Todesangst nicht herauszubrüllen. Es würde gut gehen. Alles andere war undenkbar.
»Es tut … mir leid!« Seine Stimme schrillte in ihrem Ohr, kehlig und beinahe animalisch, und in diesem Moment wusste sie, dass sie sterben würden, hier und jetzt. Niemand würde es verhindern, niemand sie retten können. Dabei hatten sie das Equipment doch gecheckt. Oder hatte jemand …?
Jaline strampelte, als könnte sie so die Luft emporrennen. Ihr Hals schnürte sich zu, sie bekam keine Luft mehr. Schwärze trübte ihren Blick, dazwischen flackerten Bilder auf ihrer Netzhaut, gestochen scharf. Der Tower des Flughafens. Pferde auf einer Koppel. Ein Kind, auf einem Koffer vor der Abflughalle sitzend. Und natürlich die Wiese, die unaufhaltsam auf sie zuschoss.
Drei, zwei …
»… eins!«
Lachend stürzten sich Liv und Sanna aufeinander und versuchten, an das blaue Band zu kommen, das jede von ihnen im rückwärtigen Saum ihres Badeanzugs beziehungsweise Bikinis stecken hatte. Wasser spritzte auf, als unter ihnen Chiara und Sebastian sich mühten, auf dem unebenen Meeresboden das Gleichgewicht zu halten. Beide standen bis zur Brust im Wasser und trugen sie auf den Schultern. Liv drehte den Arm und befreite sich so aus dem Griff ihrer Tochter. Sie reckte sich. Mit ihren siebzehn Jahren war Sanna beinahe genauso groß wie sie und durch Handballspielen, Kiten und Longboardfahren robust. Da war das Band! Nur noch ein kleines Stückchen! Unter ihr taumelte ihr Freund.
»Ruhig … gleich … hab ich …«, beschwor Liv ihn.
Ein Platschen neben ihnen, jemand war abgetaucht. Ein tätowierter Rücken. Was führte Manne im Schilde?
Sanna machte sich nun ihrerseits von Livs Griff los. »Gib auf, du hast keine Chance!«, rief sie.
»Das hättest du wohl gern!« Liv streckte die Finger aus, berührte das Band. In diesem Augenblick wankte Sebastian heftig unter ihr.
»Was zur …« Ein Ruck. Den Rest seiner Frage verschluckten die über ihnen zusammenschlagenden Wellen. Offenbar hatte ihr Bandkollege Sebastian die Füße weggezogen.
Als Liv und Sebastian prustend und sich das Meerwasser aus den Haaren schleudernd endlich wieder an die Oberfläche schossen, reckte Sanna Livs Band in die Höhe. »Gewonnen!« Triumphierend klatschte sie mit ihrer Freundin ab.
Die beiden Jugendlichen mochten noch so erwachsen tun, in bestimmten Situationen übernahm auch bei ihnen das innere Kind. Der Gedanke machte Liv seltsam glücklich. Überhaupt war sie froh, dass die Geschehnisse des Frühjahrs sie nur noch enger aneinandergeschweißt hatten. Selbst das dunkle Geheimnis, das endlich enthüllt worden war, hatte ihre kleine Familie nicht auseinandergerissen, sondern letztlich nur noch mehr verbunden. Ihnen war klar geworden, wie gut sie es hatten in ihrem Drei-Frauen-Haushalt. Sanna war reifer geworden, hatte gelernt, was sie sich zumuten konnte und wofür sie möglicherweise noch zu jung war. Eine Erkenntnis, die ihr helfen würde, wenn sie in Japan auf sich gestellt war. Ihre Tochter, allein auf der anderen Seite der Welt …
Liv rang die Sorge nieder. »Gut gekämpft!«, lobte sie stattdessen Sebastian und umarmte und küsste ihn so überschwänglich, dass es sie wieder unter Wasser riss. Anschließend wollte sie sich gerade auf ihre Tochter stürzen, um ihr das Band wieder abzujagen, als ein Ruf vom Ufer sie unterbrach. Ihre Großmutter Elise stand in Tunika und Strohhut vor ihrem Strandkorb und schwenkte Livs Handy. Um sie sprang aufgeregt wedelnd und japsend ihr Hund Zorro.
Liv runzelte die Stirn. Das war doch nicht etwa schon wieder … Ausgerechnet jetzt, wo sie ein gemeinsames Wochenende mit Freunden verbrachten, um Sannas bevorstehenden Aufbruch ins Auslandsjahr in Japan zu feiern! Ein kurzer Blick zu Sebastian und ihrer Tochter, dann pflügte sich Liv durch die Nordseebrandung dem Strand entgegen. Eine Möwe, die auf den Wellen geschaukelt hatte, stob schimpfend auf. Wellenreiter paddelten ihr entgegen. Kinder in UV-Schutz-Kleidung warfen sich einen nassen Ball zu, der einen Regenbogen aus Meerwassertropfen in den Himmel malte, und am Ufersaum saßen Genießer lang ausgestreckt und ließen sich von der Brandung ein Sand- und Meersalzpeeling verpassen.
Liv sprang über einen schmalen Priel, den ein paar Kleinkinder gerade verbreiterten. Dass das Meer ihren Bau regelmäßig wieder zusammensacken ließ, machte ihnen nichts aus, im Gegenteil, sie hüpften kichernd davon, wenn eine heftige Welle auch an ihnen hochleckte.
Vor dem Strandkorb standen schief ihre Picknickkörbe, daneben lagen auf Handtüchern chillend und Musik hörend Sannas und Livs Freundinnen und Freunde, weitere spielten Beachvolleyball. Dass sie sich allesamt so gut verstanden, lag auch daran, dass der Altersunterschied zwischen ihnen nicht so riesig war; einer der wenigen Vorteile einer Teenagerschwangerschaft, wie Liv sie erlebt hatte. Jetzt, mit knapp dreiunddreißig, war sie noch nah an der Lebenswirklichkeit von Sanna und ihrer Clique. Zorro begrüßte sie freudig und sprang, die Pfoten kratzig und sandig, an Liv hoch. Sie lachte und strubbelte ihn.
Mit ernstem Gesichtsausdruck reichte Elise Liv erst ein Handtuch, dann das Telefon. Noch immer tropfte Wasser aus Livs Haaren, netzte salzig ihre Lippen. »Moin, Liv hier«, meldete sie sich.
Eine halbe Stunde später fuhren Liv und Sebastian am Parkplatz des Flughafens und an dessen Hauptgebäude vorbei. Über den Asphaltflächen flirrte die Luft. Der Inselflugplatz drängte sich in die weitläufige Mitte Sylts. In seinem Umfeld lagen Pferdekoppeln, Kleingärten und Industriegebiete, aber auch Golfplätze, Wohnhäuser und die wilde Brache um die alte Kieskuhle. Schon einmal hatte ein Fall sie in die Nähe des Inselflughafens gebracht, daher wanderte Livs Blick unwillkürlich zur schräg gegenüberliegenden Seite, wo sich die Mörderkuhle befand. Wie viel war seit diesem alten Fall geschehen!
Sie passierten die Hangars und den ansässigen Sprungplatz und erreichten schließlich die von Fähnchen eingefasste Fläche, an deren Rand sich die Menschen drängten. Blaulicht mischte sich in die weichen Sonnenstrahlen des Nachmittags. Es war ein Licht, das alles wunderschön wirken ließ, nicht nur die Hütten und Wohnwagen, sondern sogar den Rettungswagen. Liv hoffte wider alle Vernunft, dass die Lebensretter nicht zu spät gekommen waren. Sie schauderte bei dem Gedanken an das, was sie während des kurzen Telefonats erfahren hatte. Wie hatte so etwas geschehen können? Was hatte diesen einmaligen Moment, der für die Fotoalben bestimmt war, zu etwas Endgültigem gemacht?
Sie ging noch einmal durch, was ihr Kollege Hennes ihr berichtet hatte: Ein aufgeregter Anrufer hatte der Mordkommission Flensburg den tödlichen Absturz zweier Fallschirmspringer gemeldet, Fremdverschulden nicht auszuschließen. Da es dauern würde, bis die Kollegen vom Festland hier eintreffen würden, und die Kripo Sylt durch Urlaube und ein hohes Fallaufkommen eingeschränkt war, hatte Liv sich bereit erklärt, für den Ersten Angriff einzuspringen. Sebastian hatte Liv sofort angesehen, dass etwas nicht stimmte, und hatte sich ihr, ohne zu zögern, angeschlossen. Für einen Rechtsmediziner war es immer von Vorteil, einen Toten so früh wie möglich untersuchen zu können. Und natürlich wollte er auch ihr zur Seite stehen. Seit sie zusammen waren, teilten sie alles, und bald würden sie noch mehr teilen. Sein Heiratsantrag hatte sie überrumpelt, aber da sie ihn liebte, sprach nichts dagegen, auch diesen Schritt zu gehen. Nichts – außer ihren eigenen Macken bei allem, was Vertrauen und Zuversicht in Liebesdingen anging. Bei ihren Eltern hatte Liv erlebt, wie schrecklich eine Ehe scheitern konnte. Sie selbst war von ihrer ersten Liebe zerschmettert und zugleich beschenkt worden, ein Widerspruch, der ihr lange zu schaffen gemacht hatte. Anderes Thema! Liv schob den Gedanken an die Hochzeit weg, er machte sie seit Wochen ebenso glücklich, wie er sie überforderte.
»Das Gefährlichste an einem Tandemsprung ist eigentlich die Anfahrt mit dem Auto. Es ist wahrscheinlicher, von einem Blitz getroffen zu werden, als bei einem Tandemsprung zu verunglücken«, sagte Sebastian, während er am Rande des Hangars parkte. Seine Locken waren ausgebleicht, seine Sommersprossen hatten sich vervielfacht, und er roch noch immer nach Meer, sodass es Liv schwerfiel, sich aufs Berufliche zu konzentrieren.
»Was dafür spricht, dass irgendjemand den Fallschirm manipuliert hat«, sagte sie zerstreut. Sie hatte während der Fahrt bereits eine erste Schnellrecherche angestellt. Es hatte tatsächlich vereinzelt Mordfälle unter Fallschirmspringern gegeben, die jedoch in der Presse und in True-Crime-Formaten so ausgewalzt worden waren, dass das Phänomen einem verbreiteter vorkam. Allerdings hatte sich auch das eine oder andere mutmaßliche Tötungsdelikt als Selbstmord entpuppt.
Sebastian holte bereits seinen Tatortkoffer aus dem Fond seines Autos. »So oder so sollten wir nachher zum Strand zurückkehren. Schließlich ist es Sannas Abschiedswochenende. Morgen kommt der Rest der Festgesellschaft dazu, und …«
»… wir müssen die Party am Samstag vorbereiten.« Liv seufzte. Sie hatte ein wenig den Überblick verloren. Fast schien es ihr, als hätten sie inzwischen den halben Campingplatz für sich gebucht. Sannas Clique würde genauso mitfeiern wie Livs Freundeskreis, den Sanna von klein auf kannte. Auch Sebastians Ex-Frau Larissa und der gemeinsame Sohn Noah würden das Wochenende auf Sylt verbringen. »Hennes hatte seine Sachen glücklicherweise schon halbwegs gepackt. Er bleibt dann gleich hier«, berichtete sie von den Plänen ihres Kollegen und Freundes.
Obgleich es Nachmittag war, brannte die Sonne noch stark auf sie herab. Liv trug erneut Sonnencreme auf Gesicht und Nacken auf und setzte einen Bucket Hat auf, einen rundkrempigen Fischerhut, der ihren Kopf und ihre empfindliche Haut schützen sollte. Anschließend wandte sie sich dem Absprungplatz zu: Hütten und Container, Wohnwagen, Zelte und Wohnmobile, bestimmt dreißig, vierzig Menschen. Zwei Schutzpolizisten versuchten, die Betroffenen und Schaulustigen vom Unglücksplatz fernzuhalten. Menschen standen beisammen, umklammerten einander, weinten. Den Absturz mit anzusehen, musste sie zutiefst traumatisiert haben. Das Kriseninterventionsteam würde viel zu tun haben.
Liv ließ den Blick weiterschweifen. Vielfarbige Fallschirme lagen auf dem Gras, schlaff wie abgelegte Häute, Regenbögen, zerschellt in der Realität. Ein Privatjet beschleunigte auf der Startbahn. Der Geruch nach Kerosin mischte sich in den Duft von Meer und Heideblüten.
Einer der Schutzpolizisten kam ihnen entgegen und wollte sie aufhalten. Kein Wunder, in Baumwollhosen und weiten Shirts sahen sie eindeutig eher wie Urlauber als wie Kriminalbeamte aus. Der Polizist war jung und sehr blass, wirkte unerfahren und überfordert. Er musste vom Bäderdienst sein, in dem Polizisten während der Saison die Stammbesatzung an der Küste unterstützten. Viele von ihnen hatten gerade ihre Ausbildung beendet und sammelten als bürgernahe Ansprechpartner für Einheimische und Touristen erste Berufserfahrung.
Liv zeigte ihm ihren Dienstausweis. »KK Lammers, K1, Mordkommission Flensburg. Ich war gerade privat auf der Insel; deshalb konnte ich so schnell herkommen. Weitere Kollegen vom K1 und K6, der Spurensicherung, sind auf dem Weg. Und dies hier ist …«
Sebastian hielt dem Polizisten die Hand hin. »Dr. Sebastian Gerlich, Institut für Rechtsmedizin, Kiel.«
»Das ist ja ein glücklicher Zufall!« Die Erleichterung des jungen Mannes war nicht zu überhören.
Liv kommentierte die Bemerkung nicht, sondern fragte nach seinem Namen. »Gibt es schon einen Spurenpfad zur Absturzstelle, Marco?«, wollte sie wissen, nachdem er ihn ihr verraten hatte.
»Noch nicht. Das haben wir noch nicht geschafft.«
»Dann ist es vielleicht besser, wenn ich warte. Den Tod haben die Rettungssanitäter ja offensichtlich bereits festgestellt. Und der Todeszeitpunkt steht ja auch außer Frage«, sagte Sebastian.
»Berichte mir doch erst einmal, was du schon weißt«, bat Liv den Polizisten.
»Der Tandemsprung war für fünfzehn Uhr geplant, verzögerte sich aber etwas. Der Start verlief normal, die Absprunghöhe wurde erreicht. Einer der Fallschirme öffnete sich allerdings …« Marco stockte. Sein Blick flackerte an ihr vorbei. »Halt! Sie dürfen dort nicht langgehen!«
Liv wandte sich um. Das Paar, das mit seinem Hund direkt auf die Absturzstelle zusteuerte, marschierte hingegen unbeirrt weiter. Ein anderer Polizist musste ihnen hinterherlaufen, um sie aufzuhalten.
»Hoffentlich kommt die Verstärkung bald. Die vielen Zeugen und Schaulustigen sind kaum in den Griff zu bekommen«, sagte Marco.
»Zumindest die Sylter Kollegen dürften gleich eintreffen«, versuchte Liv, ihn zu beruhigen. Im selben Augenblick sah sie in einiger Entfernung ihren Schulfreund und Kollegen Momke Nebber und den Sylter Schutzpolizisten Urs Florin aus einem Pkw steigen. Das Pink seines Polohemds, das mit Momkes strohblonden Haaren kontrastierte, war unübersehbar. »Da sind die Ersten auch schon. Erzähl weiter.«
»Die Tandemspringer stürzten ungebremst zu Boden. Die Frau ist Mat… tot.« Marcos Stimme brach, er räusperte sich. »Sieht aus, als wären alle Knochen gebrochen. Um ihn, den Tandemmaster oder wie das heißt, kümmern sich die Sanitäter. Unklar, ob er es schafft. Also, ob er überlebt. Ich hoffe, der Rettungshubschrauber trifft bald ein.«
»Es gibt Anzeichen dafür, dass die Ausrüstung manipuliert wurde?«
»Die Ehefrau des Tandemmasters und Herr Döpke, der Besitzer dieses Fallschirmstützpunkts, sind sofort zur Absturzstelle gekommen. Er hat einen abgerissenen weißen Fallschirm gefunden und anscheinend entdeckt, dass mit dem anderen Fallschirm etwas nicht stimmt, aber … irgendwelche Verbindungsseile wurden durchgeschnitten … oder … Ich weiß es nicht mehr genau …« Der junge Polizist schwitzte heftig.
»Schon gut. Du hast alles richtig gemacht.« Liv berührte seinen Arm.
Dankbar suchte er ihren Blick. Er musste ein wenig zu ihr aufsehen, denn sie war groß und schlank.
»Wir werden ohnehin mit Herrn Döpke und der Ehefrau sprechen.« Ihr Blick wanderte erneut über das Gelände. Es gab zwei offizielle, mit Schildern versehene Hütten: eine größere, in der man sich anscheinend anmelden und bis zum Sprung warten oder sich danach erfrischen konnte, und eine kleinere, an der ein Absperrband flatterte. Weiteres Absperrband wand sich um den bunt besprühten Container. Um die Hütten herum gruppierten sich einige Wohnmobile und Wohnwagen, zum Teil mit Sonnensegeln ausgestattet, umgeben von Klappstühlen und Picknickdecken; dahinter wölbten sich auch noch einige Zelte – ein richtiges Sommercamp. »Ist das Equipmentlager bereits abgesperrt? Und gibt es auch eine Hütte, in der die Springer sich umziehen und ihre Sachen lagern können?«
»Haben wir ebenfalls gesperrt.«
»Habseligkeiten der Opfer?«
»Sind sichergestellt. Soweit vorhanden.«
Nickend begrüßte sie die beiden Neuankömmlinge. Dann wandte sie sich an Urs und Marco. »Gut. Wir werden mit allen Springern und Zuschauern sprechen. Haltet nach Messern, Scheren und sonstigen Schneidewerkzeugen Ausschau. Jeder Fund wird genau dokumentiert und asserviert. Auch müssen wir uns die Fotos und Handyaufnahmen aller Anwesenden ansehen und sichern. Passt auf, dass niemand das Gelände verlässt. Aber zuerst brauchen wir einen Spurenpfad. Danke.«
Sobald die beiden losgezogen waren, drehte sie sich zu Momke um, der knallrot vor Sonne und Eile war. »Moin, Momke!«
»Du bist vor mir an einem Tatort auf Sylt – das wird aber jetzt nicht zur Gewohnheit, oder?« Momke umarmte sie knapp und klopfte ihr auf die Schulter.
»Ich hoffe, nicht. Aber bei euch hat es ja wohl etwas gedauert …«
»Ich war mit Ioanna und der Kleinen vor Munkmarsch segeln. Meine Kollegen hängen gerade in Wenningstedt fest. Da sind wohl in einem Delikatessengeschäft Glasscherben in einer Mehltüte gefunden worden. Unklar, ob es sich um einen Produktionsfehler oder um einen bösen Scherz handelt.«
»Böser Scherz? Wohl eher ein Anschlag.«
»Das kann ich mir kaum vorstellen. Wie auch immer: Die Kollegen können dort jedenfalls nicht von jetzt auf gleich weg.«
»Verständlich.« Liv rieb sich nachdenklich die Nase, auf der sich ihre Haut pellte. Glassplitter in Lebensmitteln konnten tödlich sein oder schwere Verletzungen verursachen. Der Sprungbetrieb hier war eingestellt und eine Gefahr damit vorerst abgewendet.
Sie zogen ihre Schutzausrüstung an und gingen zur Absturzstelle. Während sie sorgfältig den Weg nach Spuren absuchten, gab Liv den bisherigen Sachstand an Momke weiter. Tiefes Wubbern ließ sie aufsehen. Von Osten her näherte sich der rot-weiße Rettungshubschrauber Christoph Europa 5, der auch für Rettungseinsätze auf Sylt zuständig war.
»Ich kümmere mich besser darum, dass bei dem Tandemmaster die Kleidung und die Spuren gesichert werden, ehe sie ihn ins Krankenhaus aufs Festland bringen«, sagte Momke und eilte auf dem Spurenpfad zurück. Platt gedrückte Gräser zeigten an, dass hier bereits viele Menschen herumgelaufen waren.
Liv sammelte ein Stück Nylon in eine Asservatentüte, dessen Enden zerfetzt wirkten. Dann hatte sie die Tote erreicht. Sie hockte sich in einiger Entfernung neben sie und betrachtete sie schweigend. Die Tote lag auf dem Rücken. Eine junge, hübsche Frau, das war trotz der gravierenden Verletzungen zu erkennen. Jetzt aber war der Schädel deformiert und Blut aus Nasenlöchern und Ohren geströmt. Arme und Beine waren unnatürlich angewinkelt. Trotz ihrer Erfahrung spürte Liv ein flaues Gefühl im Magen, als sie sah, dass einer der Schienbeinknochen gesplittert und durch die Thermoleggings gestoßen war. Was für enorme Kräfte hatten auf diesen Körper gewirkt! Wie viel Schmerzen hatte Jaline Amundsen in den letzten Augenblicken ihres Lebens erleiden müssen? Ganz zu schweigen von der Todesangst, die ihr möglicherweise die Sinne geraubt hatte, was eine Gnade gewesen sein dürfte. Die Gurte des Fallschirms waren aufgeschnitten; vermutlich, um den Tandemmaster bergen zu können.
Der Anblick der Toten bedrückte Liv und machte sie zugleich wütend. Hatte wirklich jemand absichtlich den Tod dieser jungen Frau herbeigeführt und ein weiteres Leben riskiert? Oder handelte es sich um einen tragischen Unfall, der lediglich wie ein Mord aussah? Liv untersuchte, was von der Ausrüstung noch vorhanden war, und wollte sich gerade daranmachen, weitere Spuren zu sichern, als jemand zu ihr trat. Sie sah auf und erkannte ihre Kollegin Rabia. Diese trug Schutzkleidung, ihre dunklen Augen blitzten.
»Wir übernehmen hier. Du willst sicher mit den Verantwortlichen sprechen und die Familie der Toten benachrichtigen«, sagte die Sylter Kommissarin.
Von wollen kann keine Rede sein. Liv erhob sich. »Moin, Rabia. Wissen wir schon, um wen es sich handelt?« Sie schätzte ihre Kollegin, wenn zwischen ihnen auch manchmal atmosphärische Störungen herrschten.
»Jaline Amundsen. Ist mit ihrer Schwester Wedding-Plannerin auf der Insel. Haben ihr Büro in Wenningstedt.«
»Ein für Sylt nicht ungewöhnlicher Beruf, nehme ich an«, murmelte Liv.
»So sieht’s aus.« Rabia zog die Mundwinkel zu einem verbindlichen Lächeln, das Liv aufgesetzt vorkam. »Viele wollen auf ihrer Lieblingsinsel den Bund der Ehe schließen, weil sie hier schöne Zeiten erlebt haben. Dazu kommt die Werbung durch die Klatschpresse.«
Liv nickte. Obwohl sie höchstens im Wartezimmer in Illustrierten blätterte, wusste sie, dass viele Prominente auf der Insel geheiratet hatten und Sylt damit zu einer noch beliebteren Hochzeitslocation gemacht hatten. Diese Events zu planen, könnte also ein lukratives Geschäft sein.
»Die Ermittlungen sind für dich vielleicht auch in anderer Hinsicht interessant. Du willst doch bestimmt auch hier heiraten. Oder habt ihr alles schon fix?«, fragte Rabia auffällig beiläufig.
Liv wunderte es nicht, dass ihre Hochzeitspläne sich herumgesprochen hatten. Vermutlich hatte Momke geplaudert. Andererseits war es ja kein Geheimnis.
»Wir sind noch nicht so weit«, wich sie aus. Sebastian und sie spielten tatsächlich mit dem Gedanken, auf Sylt zu heiraten, schließlich war Liv hier geboren und hatte bis zu ihrem fünfzehnten Lebensjahr auf der Insel gelebt. Nach ihrem Wegzug hatte sie Sylt jahrelang gemieden, doch seit ihr Vater gestorben war, verheilten die Wunden ihrer Kindheit und Jugend langsam. Dennoch war es eines dieser Gespräche gewesen, in denen sie sich bemühen musste, begeistert und konstruktiv zu klingen, obgleich die Vorstellung sie nicht nur überforderte, sondern tief in ihrem Inneren heftiger in Angst und Schrecken versetzte, als mancher Fall es könnte.
Gedankenverloren sah sie auf die Asservatentüte in ihrer Hand. Sie liebte Sebastian, sehr sogar. Er hatte in ihrem Herzen einen Platz erobert, von dem sie nicht gedacht hatte, dass ein Mann ihn je einnehmen könnte. Aber ihre Freiheit aufgeben? Sich so fest binden? Ging das nicht viel zu schnell? Seine Scheidung war doch gerade erst durch. Und dann war da noch sein siebenjähriger Sohn Noah, der zwar nicht mehr so arg mit Liv fremdelte, aber auf eine Stiefmutter gut verzichten konnte. Waren da Konflikte nicht absehbar? Sie hatten ja bislang noch nicht einmal entschieden, wo sie leben würden, wenn sie zusammenzögen. Liv wohnte nach wie vor im Kapitänsviertel in Flensburg, konnte mit dem Fahrrad zur Polizeidirektion radeln, und auch Elise und Sanna, mit denen sie zusammenlebte, waren in der Fördestadt verwurzelt. Sebastian hingegen wohnte im etwa achtzig Kilometer entfernten Kiel, wo sein Arbeitgeber, das Institut für Rechtsmedizin, angesiedelt war, sein Sohn Noah die Grundschule besuchte und seine Ex-Frau Larissa zuhause war. Zuletzt hatte Sebastian vorgeschlagen, dass sie beide ihre Wohnungen aufgeben und sich in der Mitte treffen sollten, irgendwo in Schleswig-Holstein, wo sie einen etwa gleich weiten Weg zur Arbeit hatten und alle neu anfangen mussten.
Liv seufzte. Sie wollte Elise und Sanna eigentlich nicht aus ihrem Umfeld reißen. Allerdings hatte ihre Großmutter schon angedeutet, dass sie in ein betreutes Wohnen ziehen könnte, und Sanna wäre ohnehin erst mal in Japan. Es wäre ihr zuzumuten, die letzten Jahre mit dem Bus zur Schule zu fahren. Einen Umzug zu überhasten, kam Liv trotzdem falsch vor. Sie liebte ihren Familienhaushalt. Und an einer Hochzeit hing ja auch noch eine Unzahl weiterer Entscheidungen: von der Frage, in welchem Rahmen man heiraten wollte – Kirche oder Standesamt, große Feier oder kleiner Kreis –, bis zur Auswahl des Brautkleids.
Als sich ein weiterer Kollege von der Kripo Sylt näherte, konzentrierte sie sich wieder auf den Fall. Auch Sebastian, der bisher hatte warten müssen, machte sich an die Arbeit.
Liv gab Jaline Amundsens Namen in die Suchmaschine ihres Smartphones ein. Der erste Treffer war eine elegant gestaltete Webpräsenz, samt Foto einer strahlenden Jaline neben ihrer Schwester und ebenso strahlenden Hochzeitspaaren, dazu jede Menge Bewertungen zufriedener Kunden:
»Die Nummer eins für glanzvolle Hochzeiten auf Sylt!«
»Jaline und Celina sind die Besten. Ihr könnt zwar das Wetter nicht bezwingen, aber trotz Sturms für einen unvergesslichen Auftakt unseres gemeinsamen Glücks sorgen!«
»Ihr habt den wichtigsten Tag unseres Lebens noch perfekter gemacht!«
Wie hoch die Erwartungen an eine Hochzeit waren, verblüffte Liv immer wieder. Wie viel Druck viele zu spüren schienen, dass an diesem Tag nichts schiefgehen durfte. Für wen nahmen die Paare diesen Aufwand auf sich? Um ihrem Partner zu beweisen, wie sehr sie ihn liebten? Für das Erinnerungsalbum? Um bei anderen Eindruck zu schinden? Für sich selbst? Und wieder landete sie bei der Frage, was sie selbst eigentlich wollte. Insgeheim ärgerte sie sich über sich selbst: Derart herumzueiern, passte nicht zu ihr. Sie traf Entscheidungen, und dann stand sie dazu. In dieser Situation allerdings … Sie fokussierte sich. Klar war, dass Jaline Amundsen und ihre Schwester vielen Menschen bei ihrer Hochzeit Druck, Last und schwierige Entscheidungen abgenommen hatten. Sie waren hochprofessionell und hatten bereits vielen Menschen Freude bereitet, indem sie dafür gesorgt hatten, dass sie eine perfekte Zeit auf Sylt erlebten.
Noch ein Blick auf die Tote. Wie alt mochte Jaline Amundsen sein? Mitte, Ende zwanzig? Auf jeden Fall sehr jung. Ihr ganzes Leben hätte sie noch vor sich gehabt. Wenn ihr Tod ein Unfall war, gab es dafür keinen Schuldigen. Gegen das Schicksal konnte man schlecht ankämpfen. Aber wenn es einen Schuldigen gab, dann war diese Tat eine Ungerechtigkeit, die nicht zu ertragen war.
Entschlossenheit erfüllte Liv. In Augenblicken wie diesen wusste sie, warum sie ihren Beruf trotz aller Grausamkeiten, Überstunden, Strapazen und Gefahren so sehr liebte. Gleichzeitig spürte sie Groll in sich aufsteigen, denn nicht nur ihr letzter großer Fall hatte bewiesen, dass ein Täter trotz intensivster Recherchen nicht unbedingt zur Rechenschaft gezogen werden konnte. »Im Zweifel für den Angeklagten« wog schwerer als jeder begründete Verdacht. Es blieb immer ein Restrisiko, dass Verbrechen nicht gesühnt wurden, das hatte Liv bei allem Idealismus erkennen müssen.
Der Rettungshubschrauber kämmte bei seinem Abflug das ausgedörrte Gras auf die sandige Erde. Liv wandte sich ab. Ihr Blick fiel auf die Menschen vor den Hütten. Einige weinten, Typen in Springkleidung standen diskutierend beieinander, ein ungewöhnlich eleganter, in ein hellblaues Jackett und polierte Lederschuhe gekleideter Mann hatte offenbar einen Schock erlitten und musste von Sanitätern behandelt werden. Eine Frau mit Pfeffer-und-Salz-farbenem Haar in engem Overall saß auf einer umgedrehten Flaschenkiste, die Hände vors Gesicht gelegt. Am Rand stand ein Polizeitransporter, davor Momke und Rabia.
»… habe ich bereits veranlasst«, sagte Rabia gerade.
Momke wirkte wenig begeistert. »Das ist völlig verfrüht. Das hättest du mit mir absprechen müssen.«
»Ich glaube kaum, dass du in dieser Hinsicht mehr zu sagen hast als ich«, blaffte Rabia.
Momkes Gesicht versteinerte. Als er Liv entdeckte, kam er mit einigen Asservatentütchen in der Hand auf sie zu. Unter seinen roten Wangen war er bleich geworden, wie geschminkt sah er aus.
»Worum ging’s?«, wollte Liv wissen.
»Nicht so wichtig. Kripo-Sylt-Interna.«
Liv beschloss, nicht nachzuhaken. Wie sie Momke kannte, würde er es ihr früher oder später erzählen. Nervös zupfte er am Verschluss einer Tüte. »Ich kenne die Tote und ihre Schwester. Ioanna und ich haben uns damals von den beiden ein Angebot für unsere Hochzeit machen lassen – war nicht ganz unsere Preisklasse. Was meinst du: Ich informiere die Schwester, und du konzentrierst dich auf die Befragungen hier?«
So schwer es auch war, Todesnachrichten zu überbringen, so wichtig waren diese Gespräche oft auch. Durch die unmittelbare Reaktion seiner Angehörigen erfuhr man viel über einen Toten. Sollte sie Momke nicht doch lieber begleiten? Aber nein, wenn es einen Schuldigen gab, dann war dieser am ehesten hier zu finden. Hier war der Platz, wo sie in diesem Moment am nützlichsten war. Außerdem konnte sie sich auf Momke verlassen.
Liv nickte als Zeichen, dass sie mit Momkes Vorschlag einverstanden war. »Was für einen Eindruck hattest du damals von Jaline Amundsen?«, fragte sie.
»Um ehrlich zu sein, hatte ich mehr mit ihrer Schwester zu tun, was ein wenig schade war. Jaline war quirlig, immer auf dem Sprung, dabei von einer ansteckenden Fröhlichkeit. Die hat nur gestrahlt, man hatte gar keine Wahl – man musste mitlächeln. Es ist ein Jammer, dass es immer wieder solche Menschen erwischt – und nicht die Fieslinge oder Knarrköppe.«
Livs Blick wanderte zu dem Grüppchen, aus dem immer lautere, erregtere Stimmen aufbrandeten. »Ich würde als Erstes mit dem Besitzer des Fallschirmplatzes sprechen. Hatte Frau Amundsen eine Begleitung dabei? Und wie ist es mit diesem Tandemmaster? Wo ist dessen Ehefrau?«
»Edith Stromsz ist auf dem Weg aufs Festland, um ihrem Mann beizustehen. Ich habe kurz mit ihr sprechen können. Sie springt zwar nicht selbst, kennt sich aber mit der Ausrüstung aus. Sie hat nach dem Absturz sofort gesehen, dass diese manipuliert war.«
»Warum ist das denn vorher niemandem aufgefallen? Wir müssen unbedingt noch einmal ausführlicher mit ihr reden, sobald sie –«
Ein Mann mit kurz rasierten grauen Haaren, Cargohose und engem Feinrippunterhemd trat zu ihnen. »Kann’s endlich losgehen? Kann ich meine Aussage machen?«
»Sie sind?«
Der Mann schob den Unterkiefer vor, beinahe glaubte Liv, die Zähne knirschen zu hören. »Wilko Döpke. Mir gehört hier alles. Noch. Nach diesem Vorfall werde ich wohl dichtmachen müssen. Es sei denn, wir können schnell bekannt geben, dass es ein Materialfehler oder menschliches Versagen war – irgendwas, was nichts mit meinem Sprungplatz zu tun hat. Lassen Sie uns loslegen, umso schneller kann der Sprungbetrieb wieder losgehen. Wir haben hier schließlich am Wochenende einen Wettbewerb. Heute Nachmittag sollte der Formationswettkampf starten. Also …«
Liv war versucht, hierzu etwas zu sagen, hielt sich aber zurück. Dafür war auch im Gespräch noch Zeit.
Momke und sie tauschten Blicke. Er machte eine wortlose Geste, und sie nickte – höchste Zeit, dass die Familie der Toten informiert wurde.
Bei dem Büro handelte es sich um eine Art Almhütte aus dem Baumarkt, die bunt bemalt und wild dekoriert worden war. Viele der Einrichtungsgegenstände schienen aus Flugzeugen zu stammen, so stand der Computer auf einer voluminösen Bordbox, in der früher vermutlich Mahlzeiten für die Fluggäste warm gehalten worden waren. In Regalen lag Equipment zum Verkauf: Fallschirme, Thermowäsche, Sprungbrillen, dazu T-Shirts mit Aufdrucken wie I survived my first Skydive; Letzteres erschien Liv angesichts der Umstände mehr als geschmacklos. Eine große Karte von Sylt, eine Wetterstation, Aktenordner, ein Minikühlschrank und eine Kaffeemaschine komplettierten die Ausstattung.
Wilko Döpke schob ihr einen Rollhocker hinüber und fläzte sich selbst breitbeinig auf einen Schreibtischstuhl. »Kommen wir zur Sache. Wann werden Sie mit der Untersuchung fertig sein? Wir haben, wie gesagt, für dieses Wochenende einen Sprungwettbewerb geplant. Sie haben ja gesehen, dass die ersten Teilnehmer schon eingetroffen sind. Die kann ich nicht alle wieder nach Hause schicken.«
»Das werden Sie vermutlich müssen. Solange die Untersuchung hier nicht abgeschlossen ist und wir die Sicherheit des Flugbetriebs nicht gewährleisten können, werden auch keine Starts oder Sprünge stattfinden«, sagte Liv kühl. Sie holte ihr Handy hervor. »Darf ich das Gespräch aufzeichnen?«
»Ist das eine Vernehmung? Bin ich verdächtig?«
»Sagen Sie es mir: Sind Sie verdächtig?«
»Natürlich nicht! Warum sollte ich mir meinen Traum ruinieren wollen? Nein, nein.«
»Es handelt sich um eine einfache Befragung. Da wir diese normalerweise zu zweit durchführen, würde ich das Gespräch gern aufzeichnen.«
Ein gnädiges Nicken. Liv drückte den Aufnahmeknopf.
Döpke beugte sich vor, die Ellbogen auf die Knie gestützt, die Hände, die schwielig und nach harter Arbeit aussahen, ineinandergelegt. »Dann möchte ich als Allererstes sagen, dass hier nach höchsten technischen Standards und Sicherheitsanforderungen gearbeitet wird. Das Equipment ist einwandfrei, die Mitarbeiter sind geschult und hochprofessionell. Alles tippitoppi. Deshalb habe ich auch keine Erklärung dafür, wie dieser tragische Unfall passieren konnte.«
»Meinem Kollegen gegenüber sagten Sie, nachdem Sie am Absturzort waren, dass es sich um Fremdverschulden gehandelt habe.«
Er rieb die Hände, was ein leises Reibeisengeräusch erzeugte. »Richtig. Das ist richtig. Aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass irgendjemand hier … Ich meine, ich kenne fast alle, die heute auf dem Platz waren, mit Namen. Und wenn jemand tatsächlich den Fallschirm manipuliert hat, dann würde das ja bedeuten …« Es schien, als wagte er nicht, es auszusprechen.
»… dass dieser Jemand auch weitere Fallschirme manipulieren und für tödliche Abstürze sorgen könnte«, vervollständigte Liv den Satz. Ein widerwilliges Nicken. »Was also haben Sie gesehen?«
»Die Verbindungsbänder sahen aus wie durchgeschnitten. Auch der Notfallschirm war aus der Halterung geschnitten worden, sodass dieser den Absturz nicht verhindern konnte«, gab er stockend zu. »Dabei hatten wir das komplette Equipment vorher überprüft. Der AAD hat einwandfrei funktioniert.«
»Was ist ein AAD?«
»Automatic Activation Device. Der Öffnungsautomat. Er hätte den Absturz verhindern müssen.«
Liv wollte zunächst die grundsätzlichen Fragen abhaken. »Wer ist ›wir‹?«, fragte sie deshalb.
»Ich, Marvin und einige der anderen Jungs, die regelmäßig hier springen.«
Livs Stift flog über das Papier, als sie sich die Namen aufschrieb. »Wann war das?«
»Heute Morgen. Steffen hat sein Equipment selbst überprüft.« Wilko Döpke wischte seine Handflächen am Unterhemd ab.
»Wo wurde es anschließend gelagert?«
»Im Container nebenan, wie immer.« Döpke klang, als wollte er sich verteidigen.
»Wer hatte noch Zugang dazu?«
Wilko Döpke wippte auf seinem Stuhl vor und zurück. »Niemand außer denen, die hier arbeiten. Der Container ist mit einem Schloss gesichert und videoüberwacht. Zu Beginn des Kurses haben wir das Equipment aus der Hütte geholt.«
»Zeigen Sie mir die Aufnahmen der letzten Stunden«, forderte Liv.
»Mit Vergnügen. Sie werden sehen, dass hier alles in bester Ordnung ist.« Erstaunlich behände sprang Döpke auf und trat an den Computer. Er rief ein Programm auf, klickte dann zusehends hektisch. »Was in drei Teufels Namen …?«
Schon stand Liv neben ihm. »Was ist?«
»Die Aufnahmen … Sie sind … Die Kamera … Sie scheint nicht mehr zu funktionieren.« Döpke wollte hinausstürzen.
Liv hielt ihn auf. »Meine Kollegen werden sich darum kümmern.« Sie rief eine Schutzpolizistin herbei und bat sie, die Überwachungskameras am Equipmentcontainer zu überprüfen, wenn das nicht bereits geschehen war. Einige Minuten später stand die Polizistin wieder vor ihr. Was sie berichtete, war nach Döpkes Entdeckung keine Überraschung: Jemand hatte das Kabel der Videokamera durchtrennt.
»Es muss kurz vor dem Absturz zerstört worden sein, sonst wäre es aufgefallen«, sagte Wilko Döpke fassungslos.
Liv wandte sich an die Schutzpolizistin. »Botersen-Evers von der Kriminaltechnik oder einer seiner Mitarbeiter soll sich das gleich als Erstes anschauen, wenn sie hier eingetroffen sind«, entschied Liv.
Wilko Döpke wirkte verunsichert. »Ich begreife nicht, wer das getan haben könnte. Das würde ja bedeuten …«, begann er, als sie wieder allein waren.
»Es würde bedeuten, dass der Täter nicht spontan gehandelt, sondern seine Tat geplant hat«, hielt Liv fest.
»Ich begreife nicht, warum es mir nicht früher aufgefallen ist«, wiederholte er.
Liv überlegte. Sie würden ohnehin später noch einmal eingehender mit Döpke sprechen müssen. »Ich brauche von Ihnen eine komplette Namensliste derjenigen, die Zugang zum Equipment hatten, außerdem eine Liste der Personen, die heute auf dem Gelände waren. Sie sagten ja, dass Sie hier alle kennen.«
»Fast alle«, schränkte Döpke ein. »Der Sprungbetrieb zieht viele Schaulustige an, gerade rund um Wochenenden, an denen Wettbewerbe stattfinden. Viele träumen davon, einmal mit dem Fallschirm abzuspringen, haben aber Angst. Die schleichen Wochen, Monate oder gar Jahre immer wieder um diese Gelegenheit herum und beobachten erst einmal. Für Unschlüssige ist ein Vorfall wie dieser eine Katastrophe. Nein: Für den ganzen Sport ist ein Vorfall wie dieser eine Katastrophe. Ich hoffe, die Presse bekommt davon keinen Wind.«
Die ersten Pressevertreter dürften bereits auf dem Flugfeld stehen. »Also steht der Zugang zum Gelände allen offen?«
Döpkes Gesicht verschloss sich. »Nein, natürlich nicht. Sie müssen doch selbst Tor und Zäune passiert haben.«
»Wie häufig kommt es beim Tandemspringen zu derartigen Vorfällen?«, fragte Liv weiter, ohne auf seine Antwort einzugehen.
»So gut wie nie, ehrlich. Fallschirmspringen ist verhältnismäßig sicher, auch wenn es für manche nicht so aussieht.« Er überlegte. »Ich habe noch nie erlebt, dass jemand bei einem Tandem- oder Fallschirmsprung stirbt. Und ich bin nun wirklich schon lange dabei.«
Liv rieb sich über den feuchten Haaransatz. In der Hütte staute sich die Hitze. »Wie lange betreiben Sie diesen Sprungplatz schon?«
»Seit zwei Jahren. Ich springe aber schon seit meinem achtzehnten Geburtstag. Habe immer von einem eigenen Sprungplatz geträumt und dachte, dass diese Insel zwei davon verträgt.«
»Was können Sie mir über das Tandemteam sagen? Wie lange arbeitet Steffen …«, Liv sah auf ihr Notizen, »… Steffen Stromsz schon für Sie?«
Döpke pulte an einem Stück Nagelhaut. »Von Anfang an. Wir haben uns beim Skydiven in Asien kennengelernt. Steffen ist ein guter und sicherer Springer. Nie wäre ihm ein derartiger Fehler unterlaufen, nie.«
»Nun schließen Sie menschliches Versagen also doch aus?«, konstatierte Liv. Wilko Döpke lehnte sich zurück und hob unschlüssig die Schultern. »Und Jaline Amundsen? Kannten Sie sie vorher?«
»Hat schon öfter Kunden zu uns geschickt und wollte nun selbst herausfinden, was am Fallschirmspringen so toll ist.« Er erbleichte, sprang auf, lief zur offen stehenden Tür, sah hinaus. »Jalines Schwester, Celina – wo ist sie …?«
Liv merkte auf. »Celina Amundsen ist hier?«
Ratlos rieb er sich über das Gesicht. »Zumindest war sie hier. Aber jetzt … Ich habe sie gar nicht mehr gesehen. Celina muss doch erfahren, dass …«
»Einer meiner Kollegen ist zu ihr unterwegs.« Liv machte sich eine weitere Notiz. Hatte Celina Amundsen den Absturz gesehen? Wann hatte sie den Flugplatz verlassen – und warum? Von draußen drangen laute Stimmen zu ihnen, und Liv trat ebenfalls zur Tür. Die wartenden Springer und Zuschauer hatten sich zusammengerottet und stritten offenbar. Warum ging keiner ihrer Kollegen dazwischen und trennte sie?
Sie sah Döpke an. »Es war also Jaline Amundsens erster Sprung?«
»Ihr erster und ihr letzter.« Wilko Döpke wollte sich gerade wieder setzen, doch sein Blick fiel auf das Verkaufsregal. Er stürzte zur Wand, zerrte das inzwischen geschmacklos wirkende T-Shirt vom Bügel und schleuderte es zu Boden. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. »Das ist wirklich eine Katastrophe! Ich bin geliefert!«
Jeder denkt an sich zuerst, schoss es Liv durch den Kopf. »Haben Sie hier Messer, Scheren oder sonstige Schneidewerkzeuge?«, fragte sie. »Darf ich mich umsehen?« Sie holte die Nitril-Schutzhandschuhe aus der Hosentasche.
Döpke starrte sie finster an, riss dann aber die Schubladen auf und knallte zwei Scheren auf den Tisch. Liv fotografierte diese und verstaute sie dann in Asservatentütchen. »Wie ist es mit Ihren Hosentaschen? Irgendwelche Taschenmesser?«
Knurrend drehte er die Taschen nach außen. Nichts. »Glauben Sie ernsthaft, dass ich selbst so einen Absturz verursache und mir damit die Existenzgrundlage zerstöre?!«, polterte er.
Das weiß man nie so genau. »Fällt Ihnen jemand ein, der Sie oder diesen Sport schädigen können wollte und dem solch eine Tat zuzutrauen wäre?«
Wilko Döpke überlegte lange, dabei verfinsterte sich sein Gesicht noch mehr. »Höchstens dieser Querkopf gegenüber. Herbert Oltmann oder so. Hockt da in seiner Bude und schreibt Protestplakate. Ein Sympathisant dieser Klimakleber.« Ein verächtliches Schnauben. »Verteilt regelmäßig Flugblätter, wenn wir Events haben. Geschäftsschädigend ist das.«
Liv ließ sich Namen und Anschrift geben. »Wir werden ihn überprüfen«, versprach sie.
Sie wollte sich ebenfalls gerade wieder setzen, um das Gespräch fortzuführen, als Gebrüll in die Bürohütte drang. Sofort war sie wieder an der Tür. Der elegante Mann und ein großer, dünner Typ in Cargoshorts und engem T-Shirt waren aufeinander losgegangen. Sie schrien sich an, rangen miteinander, versuchten sogar, sich gegenseitig zu schlagen.
Liv stürzte aus der Hütte. »Halt, stopp! Auseinander!«, rief sie laut. Gleichzeitig versuchte sie, die Lage einzuschätzen. Beide kämpften eher unbeholfen, von purem Testosteron getrieben. Mit einem Satz war sie zwischen ihnen, schob die Männer auseinander. Das kostete einige Kraft, denn die beiden hatten sich ineinander verkeilt. Die Lippe des Dünneren war bereits aufgeplatzt. Als Liv sie endlich auf Abstand hatte, packte sie in einer geschmeidigen Bewegung den Arm des Eleganten. Den würde sie sich zuerst vornehmen. Er aber schnaubte und hob voller Zorn die andere Faust gegen sie.
»Stopp! Polizei! Wollen Sie im Gefängnis landen?« Livs Herz pumpte wild.
Der Elegante schien zu gefrieren. Seine Wut bröckelte, mischte sich mit Verzweiflung. »Er hat … Dieser Mistkerl hat …«