Kein Durcheinander - der Schuss am Kilimandscharo - Jules Verne - E-Book

Kein Durcheinander - der Schuss am Kilimandscharo E-Book

Jules Verne.

0,0

Beschreibung

Der Leser trifft hier alte Bekannte wieder: Den legendären Kanonenklub von Baltimore, der mit seinem Raketengeschoss zum Mond schon von sich reden machte. Jetzt vermutet man unter dem Eis des Pols riesige Steinkohlevorkommen, und mit Hilfe einer gigantischen Kanone will man eine Verschiebung der Erdachse erreichen, um dann das Eis tauen zu lassen. Wieder einmal ist es I.T. Maston, der die erforderlichen Berechnungen erstellt und seine Freunde dann die Kanone laden und abfeuern sollen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 249

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Jules Verne

Kein Durcheinander

Jules Verne

Kein Durcheinander

Edition Corsar D. u. Th. Ostwald

Braunschweig

In dem Roman werden Ausdrücke verwendet, die heute nicht mehr üblich sind. Sie wurden jedoch beibehalten um den Stil der Zeit zu bewahren.

Texte: © 2025 Copyright by Thomas Ostwald nach der Ausgabe des Hartleben-Verlages 1891 und der von mir betreuten Taschenbuchausgabe im Pawlak-Verlag 1984 durchgesehen und korrigiert

Umschlaggestaltung: © 2025 Copyright by Thomas Ostwald

Edition Corsar

Dagmar u. Thomas Ostwald

Am Uhlenbusch 17

38108 Braunschweig

[email protected]

I.

Worin die »North Polar Practical Association« einen Aufruf an die Alte und die Neue Welt entsendet.

»Sie behaupten also, Herr Maston, dass eine Frau noch niemals imstande gewesen sei, den Fortschritt mathematischer oder experimenteller Wissenschaften zu fördern?«

»Zu meinem größten Bedauern, Mistress Scorbitt, sehe ich mich dazu gezwungen,« antwortete J. T. Maston. »Ich gestehe gerne zu, dass es wohl einmal, speziell in Russland, einige vorzügliche Mathematikerinnen gegeben hat oder auch noch heute geben mag; schon die weibliche Gehirnbildung aber ist Hindernis genug, dass eine Frau jemals ein Archimedes und noch weniger ein Newton werden könnte.«

»O, Herr Maston, erlauben Sie mir dem zu widersprechen im Namen unseres Geschlechtes . . .«

»Eines desto liebenswürdigeren Geschlechtes, Mistress Scorbitt, weil es nicht dazu geschaffen ist, sich transzendentalen Studien hinzugeben!«

»Ihrer Ansicht nach, mein Herr Maston, hätte also kein Weib beim Anblick eines herabfallenden Apfels das allgemeine Gesetz der Schwere entdecken können, wie das dem berühmten englischen Gelehrten zu Ende des 17. Jahrhunderts gelang?«

»Beim Anblick eines fallenden Apfels, verehrte Mistress Scorbitt, hätte eine Frau nur den einen Gedanken gehabt . . . ihn zu essen . . . getreu dem Beispiele unserer Mutter Eva.«

»Gehen Sie! Ich sehe, Sie sprechen uns jede Anlage zu höherer Spekulation ab.«

»Jede Anlage? . . . Nein, Mistress Scorbitt; nichtsdestoweniger muss ich Ihnen bemerken, dass sich, so lange Menschen, also auch Frauen, auf der Erde leben, noch kein weibliches Gehirn gefunden hat, dem man eine Entdeckung gleich denen eines Aristoteles, Euklides, Kepler oder Laplace im Gebiete der Wissenschaften zu verdanken hätte.«

»Ist das ein Beweis, und verpflichtet die Vergangenheit unwiderruflich für die Zukunft?«

»Hm! Was seit mehreren Tausenden von Jahren nicht vorgekommen ist, wird wohl auch später nicht geschehen . . . nein, sicherlich nicht!«

»Nun, ich sehe schon, dass ich für unsere Partei in die Bresche springen muss, Herr Maston, und wir sind auch wirklich gut . . .« - »Nur um gut zu sein!«, unterbrach sie J. T. Maston. Er sagte das mit jener liebenswürdigen Galanterie, über welche nur ein mit Xen vollgepfropfter Gelehrter verfügen kann. Auch Mrs. Evangelina Scorbitt war nahe daran, sich dabei befriedigt zu fühlen.

»Nun, Herr Maston«, fuhr sie fort, »Jedwedem auf dieser Erde ist ja sein Los zugefallen. Bleiben Sie der außerordentliche Rechenmeister wie bisher! Widmen Sie sich mit Leib und Seele den Problemen jener großartigen Werke, der Sie und Ihre Freunde die ganze Existenz zum Opfer bringen! Ich – ich werde die ›gute Frau‹ sein, wie es meine Pflicht ist, indem ich an jenem Werke mit meiner – Geldhilfe teilnehme . . .«

»Und wofür wir Ihnen ewige Dankbarkeit bewahren werden!«, schloss J. T. Maston.

Mrs. Evangelina Scorbitt errötete entzückend, denn sie hegte – wenn nicht für die Gelehrten im Allgemeinen – so doch mindestens für J. T. Maston eine ganz besondere Sympathie. Das Herz des Weibes ist ja ein unerforschlicher Abgrund.

Es war in der Tat ein großartiges Werk, dem die reiche amerikanische Witwe mit ihrer Geldunterstützung beizuspringen entschlossen war.

Dieses Werk und das Ziel, welches seine Urheber zu erreichen strebten, bestand in Folgendem:

Die eigentlich so genannten arktischen Länder umfassen nach Maltebrun, Reclus, Saint-Martin und nach den anderen angesehensten Geographen:

Nord-Devon, d. h. die eisüberpanzerten Inseln des Bassinsmeeres und des Lancastersundes;

Nord-Georgien, bestehend aus dem Bankslande und zahlreichen Inseln, wie Sabine, Byam-Martin, Griffith, Cornwallis und Bathurst;

den Archipel Bassin-Parrys, der verschiedene

Teil

e des den Pol umgebenden Festlandes einschließt, wie Cumberland, Southampton, James-Sommerset, Boothill Felix, Melville und andere fast unbekannte Gebiete.

In diesem Kreise, den der 78. Grad nördlicher Breite begrenzt, betragen die Landmassen vierzehnhunderttausend und die Meeresflächen siebenhunderttausend (englische) Quadratmeilen.

Innerhalb jenes Parallelkreises ist es unerschrockenen Entdeckungsreisenden gelungen, bis zum 84. Breitengrade vorzudringen, wobei sie einzelne, hinter der hohen Kette des Packeises verlorene Küsten aufnahmen und den Caps, Vorgebirgen, Golfen und Buchten dieser ausgedehnten Gebiete, welche man das arktische Hochland nennen könnte, Namen gaben. Jenseits des 84. Breitengrades aber wohnt noch das Geheimnis, das unerfüllbare Desideratum der Kartographen, und bis heute weiß Niemand, ob es Länder oder Meere sind, welche die unüberwindlichen Eismassen des Nordpols auf dem Raume von sechs Breitengraden um diesen verbergen.

Da hatte im Jahre 189. die Regierung der Vereinigten Staaten den sehr unerwarteten Gedanken, die gerichtliche Versteigerung jener noch unentdeckten cirkumpolaren Gebiete in Vorschlag zu bringen – Gebiete, für welche sich eine amerikanische Gesellschaft, die sich in der Aussicht, jene arktische Kappe der Erdkugel zu erwerben, gebildet hatte, um die Zuteilung bewarb.

Seit einigen Jahren hatte zwar die Berliner Konferenz ein Specialgesetz erlassen zum Besten der Großmächte, welche sich unter dem Vorwande der Kolonisation oder der Eröffnung von Handelsverbindungen das Besitztum Anderer anzueignen wünschten; allem Anscheine nach erlitt dieses Gesetz aber unter vorliegenden Verhältnissen – da das Polargebiet ja noch unbewohnt war – keine Anwendung. Obwohl nun, was niemandes Eigentum ist, ebenso aller Welt gehört, so wollte die neue Gesellschaft doch keineswegs etwas »nehmen«, sondern es »erwerben«, um etwaigen späteren Einsprüchen aus dem Wege zu gehen.

In den Vereinigten Staaten kann es kein so kühnes, sogar kaum durchführbares Project geben, das nicht Leute fände, ihm praktische Seiten abzugewinnen und die Geldmittel zu seiner Inangriffnahme aufzubringen. Das hatte sich ja schon verschiedene Jahre früher bewahrheitet, als es der Gun-Club in Baltimore unternahm, ein Geschoß nach dem – Monde zu entsenden, in der Hoffnung, eine direkte Verbindung mit unserem Satelliten zu eröffnen. Oder waren es nicht unternehmungslustige Yankees, welche die ungeheuren, zu diesem interessanten Versuche benötigten Summen lieferten? Und wenn derselbe ausgeführt wurde, verdankte man das nicht zwei Mitgliedern genannten Clubs, welche es wagten, den Gefahren dieses übermenschlichen Unterfangens zu trotzen?

Mag ein Lesseps eines Tages vorschlagen, einen breiten Kanal quer durch Europa und Asien, vom Atlantischen Ocean bis zum Chinesischen Meere auszuheben – mag ein findiger Brunnengräber empfehlen, die Erde zu durchbohren, um bis zu den in Schmelzfluss befindlichen Silicatschichten einzudringen und aus diesen am Herd des Zentralfeuers zu schöpfen – mag ein unternehmender Elektriker die auf der Erdoberfläche verstreuten Stromschlingen einfangen wollen, um sie zur unerschöpflichen Licht- und Wärmequelle umzuformen – mag ein weitsichtiger Ingenieur den Gedanken ausbrüten, den lästigen Überschuss der Sommertemperatur in ungeheuren Sammelgefäßen aufzuspeichern, um diesen im Winter an die von Frost heimgesuchten Gegenden wieder abzugeben – mag ein phantasiereicher Hydrauliker die lebendige Kraft der Gezeiten auszunutzen versuchen, um nach Belieben Wärme oder Arbeit zu erzeugen – ob sich nun anonyme Gesellschaften oder Kommanditgesellschaftenzusammentun, um hundert weitfliegende Pläne dieser Art auszuführen – immer werden es Amerikaner sein, die man unter den Subskribenten obenan findet, und Ströme von Dollars werden sich ebenso in die Gesellschaftskassen ergießen, wie die großen Wasserläufe Nordamerikas sich im Busen der Ozeane verlieren.

Es erscheint demnach sehr natürlich, dass eine hochgradige Erregung entstand, als sich die – mindestens seltsame – Neuigkeit verbreitete, dass die arktischen Länderstrecken unter den Hammer kommen und dem letzten Bieter zugeschlagen werden sollten. In der Aussicht auf diese Erwerbung hatte man eine öffentliche Subskription vermieden, da die nötigenKapitalien schon zur Hand waren. Das wollte man der Zukunft anheimgeben, wenn es sich um die Ausnutzung jener Gebiete handelte, nachdem dieselben in das Eigentum der neuen Erwerber übergegangen waren.

Die arktischen Gebiete »ausnutzen!« Wahrlich, eine solche Idee konnte nur in den Schädeln von Narren keimen!

Und doch bestand dieser Plan in vollem Ernste.

In der Tat wurde ein Schriftstück an die Zeitungen beider Halbkugeln, an die Europas, Afrikas, Ozeaniens, Asiens und selbstverständlich auch Amerikas eingesendet. Sein Inhalt lief darauf hinaus, eine Enquête wegen des pro und contra seitens der Beteiligten zusammenzurufen. Der New-York Herald brachte dasselbe zuerst in seinen Spalten. Die unzähligen Abonnenten Gordon Bennett's konnten in der Nummer vom 7. November folgende Mitteilung lesen – eine Mitteilung, welche sich lauffeuerähnlich in der gesamten gelehrten und industriellen Welt verbreitete, aber freilich sehr verschiedene Beurteilung fand.

Mitteilung an die Bewohner der Erdkugel. Die Umgebungen des Nordpols, gelegen innerhalb des 84. Grades nördlicher Breite sind bisher noch unerforscht aus dem sehr stichhaltigen Grunde, dass sie noch nicht entdeckt wurden.

Die äußersten, von den Forschungsreisenden verschiedener Nationen erreichten Punkte sind nämlich folgende:

82° 45', erreicht von dem Engländer Parry, im Juli 1847, auf dem achtundzwanzigsten (westlichen) Längengrade, nördlich von Spitzbergen.

83° 20' 28", erreicht von Markham gelegentlich der englischen Expedition des Sir John Georges Nares, im Mai 1876, auf dem fünfzigsten (westlichen) Längengrade, im Norden des Grinnel-Landes.

83° 35' n. Br., erreicht von Lockwood und Brainard, von der amerikanischen Expedition unter Lieutenant Greely, im Mai 1882, auf dem zweiundvierzigsten Grade westlicher Länge und nördlich von Nares-Land.

Man kann also das Gebiet, welches vom vierundachtzigsten Breitengrade bis zum Pole, d. h. über einen Raum von sechs Breitengraden hinaufreicht, als eine unter die verschiedenen Staaten der Erdkugel noch unverteilte Ländermasse betrachten, welche deshalb ganz besonders geeignet erscheint, durch öffentliche Versteigerung in Privatbesitz überzugehen.

Nach Rechtsgrundsätzen ist nun nichts bestimmt, herrenlos zu bleiben. Gestützt auf dieses Prinzip, wollen nun auch die Vereinigten Staaten von Amerika dazu verschreiten, diese Gebiete jemandem zuzuteilen.

In Baltimore hat sich deshalb eine Gesellschaft unter der sozialen Firma »North Polar Practical Association« gebildet, welche offiziell den amerikanischen Staatenbund vertritt. Diese Gesellschaft beabsichtigt, obengenannte Gebiete zu erwerben, und zwar auf Grund einer regelrecht erlassenen Akte, welche ihr das unumschränkte Besitzrecht einräumt auf die Festlandmassen, Inseln, Eilande, Felsen, Meere, Seen, Ströme, Flüsse und überhaupt Wasserläufe oder -Ansammlungen jeder Art, aus welchen das arktische unbewegliche Gut heutigen Tages besteht, ob dasselbe nun von ewigem Eise bedeckt oder zur Sommerszeit von letzterem frei ist.

Ganz besonders ist dabei ausgemacht, dass dieses Eigentumsrecht nie hinfällig werden kann, selbst nicht in dem Falle, dass in den geographischen oder den meteorologischen Verhältnissen der Erde Veränderungen – irgendwelcher Art – eintreten sollten.

Durch Kenntnisgabe des Obigen an alle Bewohner der beiden Welten werden die Mächte hiermit gleichzeitig aufgefordert, an der Versteigerung teilzunehmen, welche dem letzten und besten Bieter den Zuschlag bringen wird. Als Zeitpunkt der Versteigerung ist der 3. Dezember laufenden Jahres bestimmt und als Lokal der Saal der »Auktionen« in Baltimore, Maryland, Vereinigte Staaten von Amerika.

Wegen alles Näheren beliebe man sich zu wenden an William S. Forster, provisorischer Agent der »North Polar Practical Association«, 93 High-street, Baltimore.«

Zugegeben, dass diese Bekanntmachung für unsinnig gehalten werden konnte; an Bestimmtheit und Offenheit – das wird Jedermann zugeben – ließ sie nichts zu wünschen übrig. An ernsthafter Bedeutung gewann sie übrigens dadurch, dass die Bundesregierung der Gesellschaft schon die Zuteilung versprochen hatte, für den Fall, dass die Versteigerung sie zur endgültigen Besitzerin machen würde.

Alles in Allem waren die Anschauungen sehr geteilte. Die Einen wollten in der ganzen Geschichte nichts als einen jener gewaltigen amerikanischen »Humbugs« erkennen, der über die Grenzlinien der gewöhnlichen Puffs hinausging. Andere wieder meinten, dass diese Anregung ernsthaft erwogen zu werden verdiene. Die Letzteren versteiften sich besonders darauf, dass die neue Gesellschaft ja keine Ansprüche auf den Geldbeutel der Allgemeinheit erhebe, sondern sich mit ihren eigenen Kapitalien in Besitz der arktischen Gegenden zu setzen strebe. Sie ging also offenbar nicht darauf aus, den dicken Geldsäcken die Dollars, Banknoten, das Gold und das Silber zu entlocken, um damit die eigene Kasse zu mästen; nein, sie beabsichtigte, das unbewegliche arktische Gut mit eigenen Mitteln zu erwerben.

Leuten, welche zu rechnen wissen, schien es freilich, dass genannte Gesellschaft nichts weiter als das Recht des ersten Besitzergreifers geltend zu machen brauche, indem sie sich in dem Gebiete festsetzte, das jetzt erst zum Verkauf gestellt wurde. Hierin lag aber wieder die eigentümliche Schwierigkeit, dass dem Menschen bis heute der Zugang zum Pole selbst versagt schien. Auch wollten die Konzessionäre, wenn die Vereinigten Staaten das betreffende Gebiet erwerben sollten, einen regelrechten Kontrakt haben, damit ihnen später niemand ihr Anrecht streitig machen könnte. Es wäre unrecht gewesen, sie deshalb zu tadeln. Sie gingen mit Klugheit vor, und wenn es sich darum handelt, Verbindlichkeiten in einer Sache wie diese zu übernehmen, kann man sich gar nicht genug durch gesetzliche Maßregeln sicherstellen.

Übrigens enthielt das Dokument eine Klausel, welche zukünftigen Besitzstörungen wehren sollte. Diese Klausel sollte Anlass zueinander sehr widersprechenden Auslegungen geben, denn ihr richtiger Sinn entging auch mehrfach den scharfsinnigsten Geistern. Es war das die letzte; sie stellte fest, dass »das Eigentumsrecht nie hinfällig werden könne, selbst nicht in dem Falle, dass in den geographischen oder meteorologischen Verhältnissen der Erde Veränderungen – irgendwelcher Art – eintreten sollten«.

Was bedeutet dieser Satz? Welchen Eventualitäten sollte er vorbeugen? Wie konnte die Erde jemals einer Veränderung unterliegen, welche die Geographie oder die Meteorologie in Mitleidenschaft zog – vor allem, was die zur Versteigerung gestellten Gebiete betraf?

»Offenbar muss hier etwas darunter stecken!«, meinten die klugen Leute.

Den Auslegungsgelüsten war also ein breiter Raum gegeben, und dieser Umstand reizte ebenso den Scharfsinn der einen wie die Neugier der anderen.

Eine Zeitung, der »Ledger« von Philadelphia, brachte zuerst folgende kurzweilige Notiz:

»Zweifelsohne haben gelehrte Berechnungen den zukünftigen Erwerbern der arktischen Gegenden die Gewissheit gegeben, dass ein Komet mit hartem Kern in der nächsten Zeit mit der Erde, und zwar so zusammenstoßen werde, dass der Stoß die geographischen und meteorologischen Veränderungen herbeiführen muss, mit denen sich die in Rede stehende Klausel schon im Voraus beschäftigt.«

Dieser Satz erscheint etwas lang ausgezogen, wie es ja jeder Satz sein muss, der sich als wissenschaftlich ausgibt, aber er erklärte leider nichts. Übrigens konnten ernsthafte Leute die Wahrscheinlichkeit des Zusammenstoßes mit einem derartigen Kometen nicht wohl zugeben. Jedenfalls war nicht anzunehmen, dass die Konzessionäre sich mit einem so zweifelhaften kosmischen Ereignis beschäftigt hätten.

»Sollte die neue Gesellschaft – sagte das ›Delta‹ von New-Orleans – etwa auf den Gedanken gekommen sein, dass das Fortschreiten der Nachtgleichen jemals Veränderungen bewirken könne, welche der Ausbeutung ihrer Gebiete günstig sein könnten?«

»Und warum nicht – ließ sich der ›Hamburger Korrespondent‹ vernehmen – da diese Bewegung die Achse unseres Sphäroids beeinflusst?«

»Gewiss – erwiderte die ›Revue Scientifique‹ von Paris –. Hat Adhémar in seinem Werke »Die Revolutionen des Meeres« es nicht ausgesprochen, dass das Fortschreiten der Nachtgleichen in Verbindung mit der säkularen Bewegung der Achse der Erdkugel nach langem Zeitraume eine Veränderung der Mitteltemperatur verschiedener Punkte der Erde und ebenso der an beiden Polen angehäuften Eismassen bedingen müsse?«

»Das steht noch nicht fest – erwiderte die ›Edinburgh Revue‹ –, und selbst wenn es der Fall wäre, so bedarf es mindestens einer Zeit von zwölftausend Jahren, bis die Vega in Folge jener Erscheinungen unser Polarstern werden und die Verhältnisse der arktischen Gebiete sich in klimatischer Hinsicht verändern könnten.«

»Sehr schön – meinte dazu das Kopenhagener ›Dagblad‹ – nach zwölftausend Jahren wird es Zeit sein, Geld in die Sache zu stecken. Vor diesem Zeitpunkte aber eine einzige ›Krone‹ daran wagen? Niemals!«

Selbst zugegeben, dass die »Revue Scientifique« mit ihrem Adhémar Recht hatte, war es doch sehr unwahrscheinlich, dass die »North Polar Practical Association« jemals auf diese durch das Fortschreiten der Nachtgleichen bedingten Veränderungen gerechnet hätte. In Wahrheit wusste noch kein Mensch, was diese Klausel des berühmten Schriftstückes eigentlich bedeute, ebenso wenig, auf welche kosmische Umwälzung in der Zukunft dieselbe hinzielte.

Um das zu erfahren, hätte es vielleicht genügt, sich an den Verwaltungsrat der neuen Gesellschaft und vorzüglich an dessen Vorstand zu wenden. Der Vorsitzende war aber unbekannt. Unbekannt ebenso der Schriftführer wie die Mitglieder genannter Gesellschaftsbehörde. Man wusste nicht einmal, wer jenes Dokumentverfasst hatte. Nach der Redaktion des »New-York Herald« war es gebracht worden durch einen gewissen William S. Forster aus Baltimore, einen sehr ehrenwerten Agenten für Stockfische, die er für Rechnung des Hauses Adrinell & Cie. in Neufundland vertrieb – das war offenbar nur ein Strohmann. Ebenso stumm über obige Frage, wie die in seinen Magazinen lagernden Fischleichen, konnten weder die neugierigsten noch die schlauesten Reporter etwas Näheres über die Sache aus ihm herauslocken. Kurz, diese »North Polar Practical Association« war so anonym, dass sich überhaupt kein Name mit ihr in Verbindung bringen ließ. Die Anonymität war hier auf die Spitze getrieben.

Wenn die Schöpfer dieses industriellen Unternehmens aber dabei beharrten, ihre Personen in undurchdringliches Dunkel zu hüllen, so wurden Ziel und Absicht derselben doch durch das zur Kenntnis der Bewohner beider Halbkugeln gebrachte Schriftstück ebenso bestimmt wie klar gekennzeichnet.

Es handelte sich in der Tat um die vollständige Erwerbung desjenigen Teiles vom arktischen Gebiete, der kreisförmig vom vierundachtzigsten Breitengrade umschlossen wurde und dessen Mittelpunkt der Nordpol selbst war.

Ganz unbestreitbar waren unter den neuzeitlichen Entdeckern die, welche sich diesem unzugänglichen Punkte am meisten genähert hatten, nämlich Parry, Marckham, Lockwood und Brainard, noch unterhalb jenes Parallelkreises geblieben. Die übrigen Forscher im nördlichen Eismeere hatten schon in weit niedrigeren Breiten Halt gemacht, z. B. Payer, 1874, auf 82° 15' im Norden von Franz Joseph-Land und Nowaja Semlja; Beout, 1870, auf 72° 47' oberhalb Sibiriens; de Long, gelegentlich der Expedition der »Jeannette«, 1879, auf 78° 45', an der Küste der Inseln, welche seinen Namen tragen. Die Übrigen, welche über Neu-Sibirien und das Cap Bismarck hinauskamen, hatten doch den sechsundsiebzigsten, siebenundsiebzigsten und neunundsiebzigsten Grad nördlicher Breite nicht überschritten. Indem die »North Polar Practical Association« nun einen Streifen von fünfundzwanzig Bogenminuten Breite zwischen dem Punkte – 83° 35' – auf den Lockwood und Brainard den Fuß gesetzt, und dem vierundachtzigsten Breitengrade, wie das Dokument angab, frei liegen ließ, so verletzte sie auf keinen Fall die Rechte früherer Entdecker. Ihr Project umfasste ein ganz jungfräuliches Gebiet, das noch keines Lebenden Fuß betrat.

Der Umfang dieses, vom vierundachtzigsten Breitengrade nach Norden hin eingeschlossenen Teiles der Erde berechnet sich wie folgt:

Vom vierundachtzigsten bis zum neunzigsten Breitengrade sind sechs Grade, welche, zu je sechzig (See-) Meilen, einen Radius von dreihundertsechzig Meilen und einen Durchmesser von siebenhundertzwanzig Meilen haben. Der Umfang des Kreises betragt danach rund zweitausendzweihundertsechzig Meilen und die Oberfläche desselben in runder Zahl vierhundertsiebentausend Quadratmeilen.Da eine Seemeile 1855,1 Meter lang ist, entspricht diese Fläche etwas über 108 Millionen Hektaren, d. h. etwas über 1.9mal so viel wie das Deutsche Reich umfasst.

Das ist etwa der zehnte Teil von ganz Europa – ein ganz erkleckliches Gebiet!

Das Dokument wies auch darauf hin, dass diese Land- und Meeresflächen, welche geographisch noch unerforscht waren, Niemand und infolgedessen der ganzen Welt gehörten. Dass der größte Teil der Mächte keinen Anspruch darauf erheben würde, ließ sich wohl von vornherein annehmen. Dagegen war vorauszusehen, dass wenigstens die nächsten Nachbarstaaten jene Gegenden als die nördliche Fortsetzung ihres Gebietes ansehen und sich folglich ein gewisses Recht auf die betreffenden Teilstrecken zusprechen dürften. Das schien übrigens umso mehr berechtigt, da die in dem gesamten arktischen Gebiete gemachten Entdeckungen vorzugsweise mutigen Landeskindern derselben zu verdanken waren. Die durch die neue Gesellschaft vertretene Bundesregierung forderte sie deshalb direkt auf, ihre Rechte sozusagen einzuschätzen, um dieselben mit den durch die Versteigerung erzielten Summen je nach Verhältnis abzufinden. Auf jeden Fall wurden die geheimen Mitglieder der »North Polar Association« daneben aber nicht müde, zu erklären, dass jene Gebiete noch unverteilt seien und folglich niemand sich der Lizitation und Zuteilung derselben an die späteren Erwerber widersetzen könne.

Die Staaten, deren Ansprüche als Grenznachbarn – wenn auch als indirekte – nicht zu bestreiten schienen, waren der Zahl nach sechs: Amerika, England, Dänemark, Schweden und Norwegen, Holland und Russland. Doch auch andere Staaten konnten wohl noch die Entdeckungen ihrer Seeleute und Reisenden ins Feld führen.

So hätte Frankreich intervenieren können, weil einige seiner Söhne an den zur Erforschung der cirkumpolaren Gebiete entsendeten Expeditionen teilgenommen hatten. Hier wäre zum Beispiel der mutige Bellot zu erwähnen, der 1853 in der Nähe der Insel Beechey seinen Tod fand, und zwar bei der Fahrt des »Phönix«, der zur Aufsuchung John Franklin's ausgesendet war. Auch Dr. Octave Parry ist nicht zu vergessen, der während des Aufenthaltes Greely's am Fort Conger 1884 nahe dem Cap Sabine seinem Eifer zum Opfer fiel. Ebenso ist die Expedition, welche Charles Martins, Marmier, Brauais und deren wackere Begleiter 1838 bis 1839 bis in die Meere von Spitzbergen geführt hatte, wenn man gerecht sein will, auch zu erwähnen. Trotzdem dachte Frankreich nicht daran, sich in dieses mehr industrielle als wissenschaftliche Unternehmen einzumischen und gab seinen Anteil an diesem Polarbesitz, an dem sich die anderen Mächte die Zähne ausbeißen mochten, bedingungslos auf. Vielleicht hatte es damit Recht und tat wohl daran.

Was Deutschland anging, besaß dieses auf der Seite seiner Aktiven schon seit 1671 die Polarfahrt des Hamburgers Friedrich Martens nach Spitzbergen, und 1860 bis 1870 die von Karl Koldewey und Hegemann geführten Expeditionen der »Germania« und der »Hansa«, welche längs der Küste von Grönland bis zum Cap Bismarck vordrangen. Trotz dieser vorausgegangenen glänzenden Entdeckungen glaubte das Deutsche Reich doch nicht, sich durch ein Stück Land am Nordpole vergrößern zu sollen. Dasselbe war der Fall bezüglich Österreich-Ungarns, obgleich dieses eigentlich schon Besitzer des im Norden der sibirischen Küste gelegenen Franz Joseph-Landes war. Italien, welches kein Recht zu einer Intervention hatte, intervenierte nicht – so unglaublich das auch auf den ersten Blick scheinen mag. Nun gab es zwar noch die Samojeden Nordsibiriens, die Eskimos, welche vorzugsweise in den hochnördlichen Gebieten Amerikas hausen, die Eingeborenen von Grönland, Labrador, dem Baffins-Archipel und der zwischen Asien und Amerika sich hinstreckenden Alëuten-Inselgruppe, und endlich noch die Stämme, welche unter dem Sammelnamen der Tschuktschen das früher russische, seit 1867 amerikanisch gewordene Alaska bewohnen. Diesen kleinen Völkerschaften – den eigentlichen Eingeborenen, den unbestreitbaren Autochthonen der nördlichsten Länder – sollte bei dieser Angelegenheit keine Stimme eingeräumt werden. Wie hätten diese armen Teufel ein, wenn auch noch so kleines Gebot bei dem durch die »North Polar Practical Association« angeregten Verkaufe tun können? Und womit hätten die armen Leute wohl bezahlt? Mit Muscheln, mit Walrosszähnen oder mit Tran? – Immerhin hatten sie doch, kraft des Rechtes des ersten Besitzergreifenden, einen gewissen Anspruch auf das Gebiet, welches zur Versteigerung gelangen sollte. Aber Eskimos, Tschuktschen, Samojeden . . . die fragte man einfach gar nicht!

So geht es einmal in der Welt!

II.

Worin die englischen, holländischen, schwedischen, dänischen und russischen Abgesandten sich dem Leser vorstellen

Das Dokument verdiente eine Antwort. Erwarb die neue Gesellschaft jene hochnördlichen Gebiete, so gingen dieselben damit in den endgültigen Besitz Amerikas, oder richtiger, der Vereinigten Staaten über, deren lebenskräftiger Bund sich unaufhörlich zu vergrößern strebt. Bereits seit einer Reihe von Jahren hatte die Abtretung des nordwestlichen Teiles Amerikas von der nördlichen Kordillere bis zur Behringsstraße seitens Russlands jenen ein hübsches Stück der Neuen Welt hinzugefügt. Es war demnach zu vermuten, dass die anderen Mächte diese Annexion der arktischen Gebiete durch die Bundesrepublik nicht eben gerne sehen würden.

Dennoch standen, wie erwähnt, die Staaten Europas und Asiens davon ab, sich an dieser eigentümlichenAuktion zu beteiligen, zumal da die Resultate derselben sehr fraglicher Natur zu werden schienen. Nur diejenigen Mächte, deren obere Grenz- oder Küstenlinie sich – relativ – dem vierundachtzigsten Breitengrade nähert, beschlossen, ihre Rechte durch offizielle Abgesandte vertreten zu lassen. Es wird sich übrigens zeigen, dass diese nur bis zu einem verhältnismäßig geringen Preis mit zu bieten beauftragt waren, denn es handelte sich ja um ein Stück Erde, dessen wirkliche Besitznahme sich vielleicht als unmöglich erwies. Nur das nimmersatte England glaubte seinem Vertreter einen ziemlich bedeutenden Kredit bewilligen zu müssen. Doch beeilen wir uns, es auszusprechen: die Abtretung der cirkumpolaren Gegenden bedrohte in keiner Weise das europäische Gleichgewicht und konnte keine Veranlassung zu internationalen Verwickelungen abgeben. Selbst Fürst Bismarck – der große Kanzler lebte zu jener Zeit noch – runzelte dazu nicht die mächtigen Augenbrauen des deutschen Jupiter.

Es blieben also nur England, Dänemark, Schweden-Norwegen, Holland und Russland übrig, welche ihre Angebote vor dem Auktionskommissar in Baltimore gegenüber dem der Vereinigten Staaten abgeben sollten. Dem Meistbietenden sollte die eisige Calotte des Pols, deren Handelswert mindestens sehr zweifelhaft war, zugeschlagen werden.

Wir verzeichnen hier noch zum Überfluss die persönlichen Gründe, aus denen die fünf europäischen Staaten wünschten, die Versteigerung zu ihren Gunsten ausfallen zu sehen: Schweden-Norwegen, als Eigentümer des Nordcaps, jenseits des siebzigsten Breitengrades, verhehlte nicht, dass es glaube, Anrechte auf die ausgedehnten Gebiete zu besitzen, welche sich bis Spitzbergen und über dieses hinaus bis zum Pole erstrecken. Der Norweger Kheilhau und der berühmte Schwede Nordenskjöld hatten ja unbestreitbar zu den Fortschritten der Geographie jener Gegenden wesentlich beigetragen.

Dänemark seinerseits erklärte, es sei bereits Herr von Island und den Faröern (Inseln) nahe dem Polarkreise; ihm gehörten die im Norden der arktischen Regionen bisher gegründeten Niederlassungen, wie die Insel Diskö in der Davisstraße, die Etablissements von Holsteinborg, Proven, Godhavn, Uppernivik im Baffinsmeere und an der Westküste Grönlands. Dazu war der berühmte Seefahrer Behring von dänischer Abstammung, obwohl er später in russische Dienste trat; und dieser hatte ja vom Jahre 1728 an die Meerenge, der sein Name verblieben ist, überschritten; leider kam er dreizehn Jahre später mit dreißig Köpfen Mannschaft elend am Strande einer Insel um, welche ebenfalls nach ihm benannt wurde. Lange vorher, 1619, hatte schon der Seefahrer Johann Munk die Ostküste Grönlands erforscht und mehrere bisher gänzlich unbekannte Punkte aufgenommen. Dänemark besaß also sehr begründete Rechte, sich jenen Besitz zu erwerben.

Was Holland anging, so hatten seine Seefahrer Barentz und Heemskerk bereits gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts Spitzbergen und Nowaja Semlja besucht. Einer seiner Söhne, Johann Mayen, war es auch gewesen, dessen kühner Nordlandszug seinem Vaterlande den Besitz der jenseits des einundsiebzigsten Breitengrades gelegenen Insel dieses Namens eingetragen hatte. Die Vergangenheit verlieh diesem Staate also auch gewisse Anrechte.

Die Russen betreffend, hatten diese mit Alexis Tschirikof, unter dessen Befehl einst Behring stand; mit Paulutsky, dessen Expedition 1751 bis über die Grenzen des Eismeeres hinauskam; mit dem Kapitän Martin Spanberg und dem Lieutenant Wilhelm Walton, die sich 1739 in jene unbekannten Gebiete hinauswagten – einen beträchtlichen Anteil an den Forschungen genommen, welche über der Asien und Amerika trennenden Meerenge zu verzeichnen sind. Überdem beherrschen sie durch die Lage und Ausdehnung der sibirischen Landmasse, welche sich über einhundertzwanzig Längengrade bis zu den äußersten Grenzen Kamtschatkas ausdehnt – jene ungeheure asiatische Küstenstrecke, an der Samojeden, Jakuten, Tschuktschen und andere ihrer Herrschaft unterworfene Völker wohnen – schon an und für sich die eine Hälfte des Eismeeres. Dazu besitzen sie unter dem fünfundsiebzigsten Breitengrade, kaum neunhundert (See-)Meilen vom Nordpol entfernt, die Inseln und Eilande von Neu-Sibirien, d. h. jenen von Liatkow zu Anfang des 18. Jahrhunderts entdeckten Archipel. Endlich hatte im Jahre 1764, vor den Engländern, den Amerikanern und den Schweden, ihr Seefahrer Tschitschagoff eine nördliche Durchfahrt gesucht, um die Reiselinie zwischen den beiden Kontinenten abzukürzen.

Alles in Allem schien es aber dennoch, dass die Amerikaner am meisten dabei interessiert wären, Eigentümer jenes unzugänglichen Punktes der Erdkugel zu werden. Auch sie hatten öfters versucht, ihn zu erreichen, und zwar gelegentlich der opferfreudigen Versuche Grinnel's, Kane's, Hayes', Greely's, de Long's und anderer kühner Seefahrer, welche das Schicksal des verschollenen John Franklin aufzuklären strebten. Sie auch konnten die geographische Lage ihres Landes ins Treffen führen, da sich dasselbe jenseits des Polarkreises von der Behringsstraße bis zur Hudsonbay ausdehnt. Alle jene Länder, alle jene Inseln, wie Wollaston, Prince Albert, Victoria, König Wilhelm, Melville, Cockburne, Banks, Baffin, ohne die Tausende von Eilanden dieses Archipels zu rechnen, bildeten ja gewissermaßen Verbindungsstücke, welche sich an den vierundachtzigsten Breitengrad anlehnten. Und wenn der Pol sich durch eine fast ununterbrochene Linie von Landmassen einem der großen Festländer des Erdballes anfügt, so ist das gewiss weit mehr bezüglich Amerikas, als bezüglich der Fortsetzungen Europas oder Asiens der Fall. Danach erscheint es ganz natürlich, dass der Vorschlag, denselben zu Gunsten einer amerikanischen Gesellschaft rechtskräftig zu erwerben, von der Bundesregierung ausging, und wenn überhaupt ein Staat die mindest bestreitbaren Ansprüche auf den Besitz des Polargebietes hatte, so waren das sicherlich die Vereinigten Staaten von Amerika.

Immerhin muss anerkannt werden, dass das Vereinigte Königreich, welches Kanada und Englisch-Columbia besaß, dessen zahlreiche Seefahrer sich bei ihren Polarexpeditionen hervorragend ausgezeichnet hatten, ebenfalls sehr triftige Ursache hatte, diesen Teil der Erdkugel seinem ausgedehnten Kolonialbesitz einzufügen. Die Zeitungen des Landes behandelten diesen Gegenstand ebenso ausführlich wie leidenschaftlich.

»Jawohl«, ließ der große englische Geograph Kliptringan seine Stimme in einem Aufsehen erregenden Artikel der »Times« vernehmen, ja wohl, die Schweden, die Dänen, die Holländer, die Russen und die Amerikaner mögen ihre Anrechte ins Treffen führen. England wird aber, ohne sich ins Gesicht zu schlagen, auf der Erwerbung jener Gebiete bestehen müssen. Der nördliche Teil des Neuen Kontinents gehört ihm ja schon. Die Länder und Inseln, welche denselben bilden, sind durch seine Entdecker erworben worden, und zwar seit Willouphi, der 1739 Spitzbergen und Nowaja Semlja besuchte, bis auf Mac Clure, dessen Schiff 1853 die nordwestliche Durchfahrt erzwang.«

»Und dann«, erklärte der »Standart« durch die Feder des Admirals Fize, »waren Frobisher, Davis, Hall, Weymouth, Hudson, Baffin, Cook, Roß, Parry, Berchey, Belcher, Franklin, Mulgrave, Scoresby, Mac Clintock, Kennedy, Nares, Collinson, Archer u. A. m. angelsächsischen Stammes, und welches Land hätte also gerechtere Ansprüche auf jenen Teil der arktischen Gegenden, den diese Seefahrer noch nicht hatten erreichen können?«

»Zugegeben«, erwiderte der »Courrier de San-Jago« (Kalifornien), »doch betrachten wir die Angelegenheit im rechten Lichte, und da es sich zwischen den Vereinigten Staaten und England im Grunde um eine Frage der Eigenliebe handelt, so müssen wir erklären: Wenn der Engländer Markham, Teilnehmer des Zuges des Lieutenants Nares, bis 83° 20' nördlicher Breite vordrang, so haben die Amerikaner Lockwood und Brainard, von der Expedition Greely's, ihn um fünfzehn Bogenminuten überboten, indem sie das Sternenbanner der Union auf 83° 35' entfalteten. Ihnen kommt demnach die Ehre zu, dem Nordpole am allernächsten gewesen zu sein.«

So gestalteten sich in dieser Streitfrage Angriff und Abwehr.

Zählt man die Reihe der Seefahrer und Forschungsreisenden auf, welche sich in die unwirklichen arktischen Regionen wagten, so verdienen auch der Venetianer Cabot – 1498 – und der Portugiese Cortereal – 1500 – genannt zu werden, welche Grönland und Labrador entdeckten. Doch weder Italien noch Portugal war es in den Sinn gekommen, sich an der Versteigerung zu beteiligen, und machten sie sich um den Staat, der den Zuschlag erhalten würde, keinerlei Kopfzerbrechen.

Es ließ sich schon voraussehen, dass der bevorstehende Kampf sehr lebhaft mit Dollar- und Pfund-Sterlings-Salven nur von England und Amerika ausgefochten werden würde.

Auf den von der »North Polar Practical Association« veröffentlichten Vorschlag hin hatten sich die Nachbarstaaten der Polargegenden mittelst eines handelspolitischen und wissenschaftlichen Kongresses miteinander ins Einvernehmen gesetzt und beschlossen, an der Versteigerung, deren Eröffnung in Baltimore für den 3. Dezember bestimmt war, teilzunehmen und ihren betreffenden Abgesandten einen Kredit zu bewilligen, der jedenfalls nicht überschritten werden durfte. Die durch den Verkauf erzielte Summe sollte dann unter den fünf, den Zuschlag nicht erhaltenden Staaten verteilt und von diesen als Ausgleich angenommen werden, auf Grund dessen sie für die Zukunft auf alle Ansprüche verzichteten.