Kinder- und Hausmärchen. Band 2: Märchen Nr. 87–200, Anhang Nr. 1–28, Herkunftsnachweise, Nachwort - Brüder Grimm - E-Book

Kinder- und Hausmärchen. Band 2: Märchen Nr. 87–200, Anhang Nr. 1–28, Herkunftsnachweise, Nachwort E-Book

Brüder Grimm

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Beschreibung

 Die weitverbreitetste Geschichtensammlung in deutscher Sprache Die berühmten Märchen der Brüder Grimm – in Originalfassung. Eine wissenschaftlich fundierte Ausgabe für Studierende, allgemein Interessierte sowie Tätige in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Band 2 enthält die Märchen Nr. 87–200, die Märchen aus früheren Auflagen, in einem Anhang die exakten Herkunftsnachweise zu jedem Märchen, außerdem ein Verzeichnis aller Beiträger und Vermittler. Das Nachwort des Grimm-Experten und Märchenforschers Heinz Rölleke informiert über die Brüder Grimm und ihre Zeit, den romantischen Zeitgeist, die Entstehung und Hintergründe der Märchen sowie deren Rezeption. E-Book mit Seitenzählung der gedruckten Ausgabe: Buch und E-Book können parallel benutzt werden. 

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Seitenzahl: 1028

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Brüder Grimm

Kinder- und Hausmärchen

Band 2

Herausgegeben von Heinz Rölleke

Reclam

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist ausgeschlossen.

 

RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK Nr. 962396

2025 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Covergestaltung: Cornelia Feyll, Friedrich Forssman

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2025

RECLAM, UNIVERSAL-BIBLIOTHEK und RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK sind eingetragene Marken der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN978-3-15-962396-2

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-014674-3

reclam.de | [email protected]

Inhalt

Märchenfrau

Kapitel

87. Der Arme und der Reiche.

88. Das singende springende Löweneckerchen.

89. Die Gänsemagd.

90. Der junge Riese.

91. Dat Erdmänneken.

92. Der König vom goldenen Berg[e].

93. Die Rabe.

94. Die kluge Bauerntochter.

95. Der alte Hildebrand.

96. De drei Vügelkens.

97. Das Wasser des Lebens.

98. Doktor Allwissend.

99. Der Geist im Glas.

100. Des Teufels rußiger Bruder.

101. Der Bärenhäuter.

102. Der Zaunkönig und der Bär.

103. Der süße Brei.

104. Die klugen Leute.

105. Märchen von der Unke.

106. Der arme Müllerbursch und das Kätzchen.

107. Die beiden Wanderer.

108. Hans mein Igel.

109. Das Totenhemdchen.

110. Der Jude im Dorn.

111. Der gelernte Jäger.

112. Der Dreschflegel vom Himmel.

113. De beiden Künigeskinner.

114. Vom klugen Schneiderlein.

115. Die klare Sonne bringt’s an den Tag.

116. Das blaue Licht.

117. Das eigensinnige Kind.

118. Die drei Feldscherer.

119. Die sieben Schwaben.

120. Die drei Handwerksburschen.

121. Der Königssohn der sich vor nichts fürchtet.

122. Der Krautesel.

123. Die Alte im Wald.

124. Die drei Brüder.

125. Der Teufel und seine Großmutter.

126. Ferenand getrü un Ferenand ungetrü.

127. Der Eisenofen.

128. Die faule Spinnerin.

129. Die vier kunstreichen Brüder.

130. Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein.

131. Die schöne Katrinelje und Pif Paf Poltrie.

132. Der Fuchs und das Pferd.

133. Die zertanzten Schuhe.

134. Die sechs Diener.

135. Die weiße und die schwarze Braut.

136. Der Eisenhans.

137. De drei schwatten Prinzessinnen.

138. Knoist un sine dre Sühne.

139. Dat Mäken von Brakel.

140. Das Hausgesinde.

141. Das Lämmchen und Fischchen.

142. Simeliberg.

143. Up Reisen gohn.

144. Das Eselein.

145. Der undankbare Sohn.

146. Die Rübe.

147. Das junggeglühte Männlein.

148. Des Herrn und des Teufels Getier.

149. Der Hahnenbalken.

150. Die alte Bettelfrau.

151. Die drei Faulen.

151.* Die zwölf faulen Knechte.

152. Das Hirtenbüblein.

153. Die Sterntaler.

154. Der gestohlene Heller.

155. Die Brautschau.

156. Die Schlickerlinge.

157. Der Sperling und seine vier Kinder.

158. Das Märchen vom Schlauraffenland.

159. Das Diethmarsische Lügenmärchen.

160. Rätselmärchen.

161. Schneeweißchen und Rosenrot.

162. Der kluge Knecht.

163. Der gläserne Sarg.

164. Der faule Heinz.

165. Der Vogel Greif.

166. Der starke Hans.

167. Das Bürle im Himmel.

168. Die hagere Liese.

169. Das Waldhaus.

170. Lieb und Leid teilen.

171. Der Zaunkönig.

172. Die Scholle.

173. Rohrdommel und Wiedehopf.

174. Die Eule.

175. Der Mond.

176. Die Lebenszeit.

177. Die Boten des Todes.

178. Meister Pfriem.

179. Die Gänsehirtin am Brunnen.

180. Die ungleichen Kinder Evas.

181. Die Nixe im Teich.

182. Die Geschenke des kleinen Volkes.

183. Der Riese und der Schneider.

184. Der Nagel.

185. Der arme Junge im Grab.

186. Die wahre Braut.

187. Der Hase und der Igel.

188. Spindel, Weberschiffchen und Nadel.

189. Der Bauer und der Teufel.

190. Die Brosamen auf dem Tisch.

191. Das Meerhäschen.

192. Der Meisterdieb.

193. Der Trommler.

194. Die Kornähre.

195. Der Grabhügel.

196. Oll Rinkrank.

197. Die Kristallkugel.

198. Jungfrau Maleen.

199. Der Stiefel von Büffelleder.

200. Der goldene Schlüssel.

Anhang

Anhang Nr. 1 Von der Nachtigall und der Blindschleiche.

Anhang Nr. 2 Die Hand mit dem Messer.

Anhang Nr. 3 Wie Kinder Schlachtens miteinander gespielt haben.

Anhang Nr. 4 Der Tod und der Gänshirt.

Anhang Nr. 5 Der gestiefelte Kater.

Anhang Nr. 6 Von der Serviette, dem Tornister, dem Kanonenhütlein und dem Horn.

Anhang Nr. 7 Die wunderliche Gasterei.

Anhang Nr. 8 Hans Dumm.

Anhang Nr. 9 Blaubart.

Anhang Nr. 10 Hurleburlebutz.

Anhang Nr. 11 Der Okerlo.

Anhang Nr. 12 Prinzessin Mäusehaut.

Anhang Nr. 13 Das Birnli will nit fallen.

Anhang Nr. 14 Das Mordschloss.

Anhang Nr. 15 Vom Schreiner und Drechsler.

Anhang Nr. 16 Die drei Schwestern.

Anhang Nr. 17 Fragmente.

a) Schneeblume.

b) Vom Prinz Johannes.

c) Der gute Lappen.

Anhang Nr. 18 Die treuen Tiere.

Anhang Nr. 19 Die Krähen.

Anhang Nr. 20 Der Faule und der Fleißige.

Anhang Nr. 21 Der Löwe und der Frosch.

Anhang Nr. 22 Der Soldat und der Schreiner.

Anhang Nr. 23 De wilde Mann.

Anhang Nr. 24 Die Kinder in Hungersnot.

Anhang Nr. 25 Die heilige Frau Kummernis.

Anhang Nr. 26 Das Unglück.

Anhang Nr. 27 Die Erbsenprobe.

Anhang Nr. 28 Der Räuber und seine Söhne.

Zu dieser Ausgabe

Liste der Druckfehlerverbesserungen

Verzeichnis der Abkürzungen

Nachweise

Erscheinungsjahre der ersten, veränderten und letztgültigen Fassung der Märchen in tabellarischer Übersicht

Beiträger und Vermittler der Märchen in alphabetischer Reihenfolge

Literaturhinweise

Nachschlagwerke, Bibliographien, Forschungsberichte

Allgemeines zur Märchenforschung

Zu den Märchen der Brüder Grimm

Nachwort

Nachbemerkung zur 5. Auflage (2001)

Nachbemerkung zur 6. Auflage (2006)

Nachbemerkung zur 7. Auflage (2008)

Nachbemerkung zur 8. Auflage (2010)

Nachbemerkung zur 9. Auflage (2013)

Nachbemerkung des Verlags zur Neuausgabe (2025)

Verzeichnis der Märchentitel

Märchenfrau

87.[13]Der Arme und der Reiche.

Vor alten Zeiten, als der liebe Gott noch selber auf Erden unter den Menschen wandelte, trug es sich zu, dass er eines Abends müde war und ihn die Nacht überfiel, bevor er zu einer Herberge kommen konnte. Nun standen auf dem Weg vor ihm zwei Häuser einander gegenüber, das eine groß und schön, das andere klein und ärmlich anzusehen, und gehörte das große einem Reichen, das kleine einem armen Manne. Da dachte unser Herr Gott »dem Reichen werde ich nicht beschwerlich fallen: bei ihm will ich übernachten.« Der Reiche, als er an seine Türe klopfen hörte, machte das Fenster auf und fragte den Fremdling was er suche? Der Herr antwortete »ich bitte um ein Nachtlager.« Der Reiche guckte den Wandersmann von Haupt bis zu den Füßen an, und weil der liebe Gott schlichte Kleider trug und nicht aussah wie einer, der viel Geld in der Tasche hat, schüttelte er mit dem Kopf und sprach »ich kann euch nicht aufnehmen, meine Kammern liegen voll Kräuter und Samen, und sollte ich einen jeden beherbergen, der an meine Türe klopft, so könnte ich selber den Bettelstab in die Hand nehmen. Sucht euch anderswo ein Auskommen.« Schlug damit sein Fenster zu und ließ den lieben Gott stehen. Also kehrte ihm der liebe Gott den Rücken und gieng hinüber zu dem kleinen Haus. Kaum hatte er angeklopft, so klinkte der Arme schon sein Türchen auf und bat den Wandersmann einzutreten. »Bleibt die Nacht über bei mir«, sagte er »es ist schon finster, und heute könnt ihr doch nicht weiter kommen.« Das gefiel dem lieben Gott und er trat zu ihm ein. Die Frau des Armen reichte ihm die Hand, hieß ihn willkommen und sagte er möchte sich’s bequem machen und vorlieb nehmen, sie [14]hätten nicht viel, aber was es wäre, gäben sie von Herzen gerne. Dann setzte sie Kartoffeln ans Feuer, und derweil sie kochten, melkte sie ihre Ziege, damit sie ein wenig Milch dazu hätten. Und als der Tisch gedeckt war, setzte sich der liebe Gott nieder und aß mit ihnen, und schmeckte ihm die schlechte Kost gut, denn es waren vergnügte Gesichter dabei. Nachdem sie gegessen hatten, und Schlafenszeit war, rief die Frau heimlich ihren Mann und sprach »hör, lieber Mann, wir wollen uns heute Nacht eine Streu machen, damit der arme Wanderer sich in unser Bett legen und ausruhen kann: er ist den ganzen Tag über gegangen, da wird einer müde.« »Von Herzen gern«, antwortete er, »ich will’s ihm anbieten«, gieng zu dem lieben Gott und bat ihn, wenn’s ihm recht wäre, möcht er sich in ihr Bett legen und seine Glieder ordentlich ausruhen. Der liebe Gott wollte den beiden Alten ihr Lager nicht nehmen, aber sie ließen nicht ab, bis er es endlich tat und sich in ihr Bett legte: sich selbst aber machten sie eine Streu auf die Erde. Am andern Morgen standen sie vor Tag schon auf und kochten dem Gast ein Frühstück, so gut sie es hatten. Als nun die Sonne durchs Fensterlein schien und der liebe Gott aufgestanden war, aß er wieder mit ihnen und wollte dann seines Weges ziehen. Als er in der Türe stand, kehrte er sich um und sprach »weil ihr so mitleidig und fromm seid, so wünscht euch dreierlei, das will ich euch erfüllen.« Da sagte der Arme »was soll ich mir sonst wünschen als die ewige Seligkeit, und dass wir zwei, so lang wir leben, gesund dabei bleiben und unser notdürftiges tägliches Brot haben; fürs dritte weiß ich mir nichts zu wünschen.« Der liebe Gott sprach »willst du dir nicht ein neues Haus für das alte wünschen?« »O ja«, sagte der Mann, »wenn ich das auch noch erhalten kann, so wär [15]mir’s wohl lieb.« Da erfüllte der Herr ihre Wünsche, verwandelte ihr altes Haus in ein neues, gab ihnen nochmals seinen Segen und zog weiter.

Es war schon voller Tag, als der Reiche aufstand. Er legte sich ins Fenster und sah gegenüber ein neues reinliches Haus mit roten Ziegeln, wo sonst eine alte Hütte gestanden hatte. Da machte er große Augen, rief seine Frau herbei und sprach »sag mir, was ist geschehen? Gestern Abend stand noch die alte elende Hütte, und heute steht da ein schönes neues Haus. Lauf hinüber und höre wie das gekommen ist.« Die Frau gieng und fragte den Armen aus: er erzählte ihr »gestern Abend kam ein Wanderer, der suchte Nachtherberge, und heute Morgen beim Abschied hat er uns drei Wünsche gewährt, die ewige Seligkeit, Gesundheit in diesem Leben und das notdürftige tägliche Brot dazu und zuletzt noch statt unserer alten Hütte ein schönes neues Haus.« Die Frau des Reichen lief eilig zurück und erzählte ihrem Manne wie alles gekommen war. Der Mann sprach »ich möchte mich zerreißen und zerschlagen: hätt ich das nur gewusst! der Fremde ist zuvor hier gewesen und hat bei uns übernachten wollen, ich habe ihn aber abgewiesen.« »Eil dich«, sprach die Frau, »und setze dich auf dein Pferd, so kannst du den Mann noch einholen, und dann musst du dir auch drei Wünsche gewähren lassen.«

Der Reiche befolgte den guten Rat, jagte mit seinem Pferd davon und holte den lieben Gott noch ein. Er redete fein und lieblich und bat er möcht’s nicht übel nehmen, dass er nicht gleich wäre eingelassen worden, er hätte den Schlüssel zur Haustüre gesucht, derweil wäre er weggegangen: wenn er des Weges zurück käme, müsste er bei ihm einkehren. »Ja«, sprach der liebe Gott, »wenn ich einmal [16]zurückkomme, will ich es tun.« Da fragte der Reiche ob er nicht auch drei Wünsche tun dürfte, wie sein Nachbar? Ja, sagte der liebe Gott, das dürfte er wohl, es wäre aber nicht gut für ihn, und er sollte sich lieber nichts wünschen. Der Reiche meinte er wollte sich schon etwas aussuchen, das zu seinem Glück gereiche, wenn er nur wüsste, dass es erfüllt würde. Sprach der liebe Gott »reit heim, und drei Wünsche, die du tust, die sollen in Erfüllung gehen.«

Nun hatte der Reiche was er verlangte, ritt heimwärts und fieng an nachzusinnen was er sich wünschen sollte. Wie er sich so bedachte und die Zügel fallen ließ, fieng das Pferd an zu springen, so dass er immerfort in seinen Gedanken gestört wurde und sie gar nicht zusammen bringen konnte. Er klopfte ihm an den Hals und sagte »sei ruhig, Liese«, aber das Pferd machte aufs neue Männerchen. Da ward er zuletzt ärgerlich und rief ganz ungeduldig »so wollt ich, dass du den Hals zerbrächst!« Wie er das Wort ausgesprochen hatte, plump, fiel er auf die Erde, und lag das Pferd tot und regte sich nicht mehr; damit war der erste Wunsch erfüllt. Weil er aber von Natur geizig war, wollte er das Sattelzeug nicht im Stich lassen, schnitt’s ab, hieng’s auf seinen Rücken, und musste nun zu Fuß gehen. »Du hast noch zwei Wünsche übrig« dachte er und tröstete sich damit. Wie er nun langsam durch den Sand dahin gieng, und zu Mittag die Sonne heiß brannte, ward’s ihm so warm und verdrießlich zu Mut: der Sattel drückte ihn auf den Rücken, auch war ihm noch immer nicht eingefallen, was er sich wünschen sollte. »Wenn ich mir auch alle Reiche und Schätze der Welt wünsche«, sprach er zu sich selbst, »so fällt mir hernach noch allerlei ein, dieses und jenes, das weiß ich im voraus: ich will’s aber so einrichten, dass mir gar nichts mehr übrig [17]zu wünschen bleibt.« Dann seufzte er und sprach »ja, wenn ich der bayrische Bauer wäre, der auch drei Wünsche frei hatte, der wusste sich zu helfen, der wünschte sich zuerst recht viel Bier, und zweitens so viel Bier als er trinken könnte, und drittens noch ein Fass Bier dazu.« Manchmal meinte er jetzt hätte er es gefunden, aber hernach schien’s ihm doch zu wenig. Da kam ihm so in die Gedanken was es seine Frau jetzt gut hätte, die säße daheim in einer kühlen Stube und ließe sich’s wohl schmecken. Das ärgerte ihn ordentlich, und ohne dass er’s wusste, sprach er so hin »ich wollte die säße daheim auf dem Sattel, und könnte nicht herunter, statt dass ich ihn da auf meinem Rücken schleppe.« Und wie das letzte Wort aus seinem Munde kam, so war der Sattel von seinem Rücken verschwunden, und er merkte dass sein zweiter Wunsch auch in Erfüllung gegangen war. Da ward ihm erst recht heiß, er fieng an zu laufen und wollte sich daheim ganz einsam in seine Kammer hinsetzen und auf etwas Großes für den letzten Wunsch sinnen. Wie er aber ankommt und die Stubentür aufmacht, sitzt da seine Frau mittendrin auf dem Sattel und kann nicht herunter, jammert und schreit. Da sprach er »gib dich zufrieden, ich will dir alle Reichtümer der Welt herbei wünschen, nur bleib da sitzen.« Sie schalt ihn aber einen Schafskopf und sprach »was helfen mir alle Reichtümer der Welt, wenn ich auf dem Sattel sitze; du hast mich darauf gewünscht, du musst mir auch wieder herunter helfen.« Er mochte wollen oder nicht, er musste den dritten Wunsch tun, dass sie vom Sattel ledig wäre und herunter steigen könnte; und der Wunsch ward alsbald erfüllt. Also hatte er nichts davon als Ärger, Mühe, Scheltworte und ein verlorenes Pferd: die Armen aber lebten vergnügt still und fromm bis an ihr seliges Ende.

88.[18]Das singende springende Löweneckerchen.

Es war einmal ein Mann, der hatte eine große Reise vor, und beim Abschied fragte er seine drei Töchter was er ihnen mitbringen sollte. Da wollte die älteste Perlen, die zweite wollte Diamanten, die dritte aber sprach »lieber Vater, ich wünsche mir ein singendes springendes Löweneckerchen (Lerche).« Der Vater sagte »ja, wenn ich es kriegen kann, sollst du es haben«, küsste alle drei und zog fort. Als nun die Zeit kam, dass er wieder auf dem Heimweg war, so hatte er Perlen und Diamanten für die zwei ältesten gekauft, aber das singende springende Löweneckerchen für die jüngste hatte er umsonst aller Orten gesucht, und das tat ihm leid, denn sie war sein liebstes Kind. Da führte ihn der Weg durch einen Wald, und mitten darin war ein prächtiges Schloss, und nah am Schloss stand ein Baum, ganz oben auf der Spitze des Baums aber sah er ein Löweneckerchen singen und springen. »Ei, du kommst mir gerade recht« sagte er ganz vergnügt und rief seinem Diener, er sollte hinauf steigen und das Tierchen fangen. Wie er aber zu dem Baum trat, sprang ein Löwe darunter auf, schüttelte sich und brüllte, dass das Laub an den Bäumen zitterte. »Wer mir mein singendes springendes Löweneckerchen stehlen will«, rief er, »den fresse ich auf.« Da sagte der Mann »ich habe nicht gewusst, dass der Vogel dir gehört: ich will mein Unrecht wieder gut machen, und mich mit schwerem Golde loskaufen, lass mir nur das Leben.« Der Löwe sprach »dich kann nichts retten, als wenn du mir zu eigen versprichst, was dir daheim zuerst begegnet; willst du das aber tun, so schenke ich dir das Leben und den Vogel für deine Tochter obendrein.« Der Mann aber weigerte sich und sprach [19]»das könnte meine jüngste Tochter sein, die hat mich am liebsten und läuft mir immer entgegen, wenn ich nach Haus komme.« Dem Diener aber war angst und er sagte »muss euch denn gerade eure Tochter begegnen, es könnte ja auch eine Katze oder ein Hund sein.« Da ließ sich der Mann überreden, nahm das singende springende Löweneckerchen und versprach dem Löwen zu eigen was ihm daheim zuerst begegnen würde.

Wie er daheim anlangte und in sein Haus eintrat, war das erste, was ihm begegnete, niemand anders als seine jüngste liebste Tochter: die kam gelaufen, küsste und herzte ihn, und als sie sah, dass er ein singendes springendes Löweneckerchen mitgebracht hatte, war sie außer sich vor Freude. Der Vater aber konnte sich nicht freuen, sondern fieng an zu weinen und sagte »mein liebstes Kind, den kleinen Vogel habe ich teuer gekauft, ich habe dich dafür einem wilden Löwen versprechen müssen, und wenn er dich hat, wird er dich zerreißen und fressen«, und erzählte ihr da alles, wie es zugegangen war, und bat sie nicht hin zu gehen, es möchte auch kommen was da wollte. Sie tröstete ihn aber und sprach »liebster Vater, was ihr versprochen habt muss auch gehalten werden: ich will hingehen und will den Löwen schon besänftigen, dass ich wieder gesund zu euch komme.« Am andern Morgen ließ sie sich den Weg zeigen, nahm Abschied und gieng getrost in den Wald hinein. Der Löwe aber war ein verzauberter Königssohn, und war bei Tag ein Löwe, und mit ihm wurden alle seine Leute Löwen, in der Nacht aber hatten sie ihre natürliche menschliche Gestalt. Bei ihrer Ankunft ward sie freundlich empfangen und in das Schloss geführt. Als die Nacht kam, war er ein schöner Mann und die Hochzeit ward mit Pracht gefeiert. [20]Sie lebten vergnügt mit einander, wachten in der Nacht und schliefen am Tag. Zu einer Zeit kam er und sagte »morgen ist ein Fest in deines Vaters Haus, weil deine älteste Schwester sich verheiratet, und wenn du Lust hast hinzugehen, so sollen dich meine Löwen hinführen.« Da sagte sie ja, sie möchte gern ihren Vater wiedersehen, fuhr hin und ward von den Löwen begleitet. Da war große Freude, als sie ankam, denn sie hatten alle geglaubt sie wäre von dem Löwen zerrissen worden und schon lange nicht mehr am Leben. Sie erzählte aber was sie für einen schönen Mann hätte und wie gut es ihr gienge, und blieb bei ihnen so lang die Hochzeit dauerte, dann fuhr sie wieder zurück in den Wald. Wie die zweite Tochter heiratete und sie wieder zur Hochzeit eingeladen war, sprach sie zum Löwen »diesmal will ich nicht allein sein, du musst mitgehen.« Der Löwe aber sagte das wäre zu gefährlich für ihn, denn wenn dort der Strahl eines brennenden Lichts ihn berührte, so würde er in eine Taube verwandelt, und müsste sieben Jahre lang mit den Tauben fliegen. »Ach«, sagte sie, »geh nur mit mir: ich will dich schon hüten und vor allem Licht bewahren.« Also zogen sie zusammen und nahmen auch ihr kleines Kind mit. Sie ließ dort einen Saal mauern, so stark und dick, dass kein Strahl durchdringen konnte, darin sollt er sitzen, wann die Hochzeitslichter angesteckt würden. Die Tür aber war von frischem Holz gemacht, das sprang und bekam einen kleinen Ritz, den kein Mensch bemerkte. Nun ward die Hochzeit mit Pracht gefeiert, wie aber der Zug aus der Kirche zurückkam mit den vielen Fackeln und Lichtern an dem Saal vorbei, da fiel ein haarbreiter Strahl auf den Königssohn, und wie dieser Strahl ihn berührt hatte, in dem Augenblick war er auch verwandelt, und als sie hineinkam und ihn [21]suchte, sah sie ihn nicht, aber es saß da eine weiße Taube. Die Taube sprach zu ihr »sieben Jahr muss ich in die Welt fortfliegen: alle sieben Schritte aber will ich einen roten Blutstropfen und eine weiße Feder fallen lassen, die sollen dir den Weg zeigen, und wenn du der Spur folgst, kannst du mich erlösen.«

Da flog die Taube zur Tür hinaus, und sie folgte ihr nach, und alle sieben Schritte fiel ein rotes Blutströpfchen und ein weißes Federchen herab und zeigte ihr den Weg. So gieng sie immer zu in die weite Welt hinein, und schaute nicht um sich und ruhte sich nicht, und waren fast die sieben Jahre herum: da freute sie sich und meinte sie wären bald erlöst, und war noch so weit davon. Einmal, als sie so fortgieng, fiel kein Federchen mehr und auch kein rotes Blutströpfchen, und als sie die Augen aufschlug, so war die Taube verschwunden. Und weil sie dachte »Menschen können dir da nicht helfen«, so stieg sie zur Sonne hinauf und sagte zu ihr »du scheinst in alle Ritzen und über alle Spitzen, hast du keine weiße Taube fliegen sehen?« »Nein«, sagte die Sonne, »ich habe keine gesehen, aber da schenk ich dir ein Kästchen, das mach auf, wenn du in großer Not bist.« Da dankte sie der Sonne und gieng weiter bis es Abend war, und der Mond schien, da fragte sie ihn »du scheinst ja die ganze Nacht und durch alle Felder und Wälder, hast du keine weiße Taube fliegen sehen?« »Nein«, sagte der Mond, »ich habe keine gesehen, aber da schenk ich dir ein Ei, das zerbrich wenn du in großer Not bist.« Da dankte sie dem Mond, und gieng weiter, bis der Nachtwind heran kam und sie anblies: da sprach sie zu ihm »du wehst ja über alle Bäume und unter allen Blättern weg, hast du keine weiße Taube fliegen sehen?« »Nein«, sagte der Nachtwind, »ich habe keine [22]gesehen, aber ich will die drei andern Winde fragen, die haben sie vielleicht gesehen.« Der Ostwind und der Westwind kamen und hatten nichts gesehen, der Südwind aber sprach »die weiße Taube habe ich gesehen, sie ist zum roten Meer geflogen, da ist sie wieder ein Löwe geworden, denn die sieben Jahre sind herum, und der Löwe steht dort im Kampf mit einem Lindwurm, der Lindwurm ist aber eine verzauberte Königstochter.« Da sagte der Nachtwind zu ihr »ich will dir Rat geben, geh zum roten Meer, am rechten Ufer da stehen große Ruten, die zähle, und die eilfte schneid dir ab, und schlag den Lindwurm damit, dann kann ihn der Löwe bezwingen, und beide bekommen auch ihren menschlichen Leib wieder. Hernach schau dich um, und du wirst den Vogel Greif sehen, der am roten Meer sitzt, schwing dich mit deinem Liebsten auf seinen Rücken: der Vogel wird euch übers Meer nach Haus tragen. Da hast du auch eine Nuss, wenn du mitten über dem Meere bist, lass sie herab fallen, alsbald wird sie aufgehen, und ein großer Nussbaum wird aus dem Wasser hervor wachsen, auf dem sich der Greif ausruht: und könnte er nicht ruhen, so wäre er nicht stark genug euch hinüber zu tragen: und wenn du vergisst die Nuss herab zu werfen, so lässt er euch ins Meer fallen.«

Da gieng sie hin und fand alles wie der Nachtwind gesagt hatte. Sie zählte die Ruten am Meer und schnitt die eilfte ab, damit schlug sie den Lindwurm, und der Löwe bezwang ihn: alsbald hatten beide ihren menschlichen Leib wieder. Aber wie die Königstochter, die vorher ein Lindwurm gewesen war, vom Zauber frei war, nahm sie den Jüngling in den Arm, setzte sich auf den Vogel Greif, und führte ihn mit sich fort. Da stand die arme weitgewanderte, und war [23]wieder verlassen, und setzte sich nieder und weinte. Endlich aber ermutigte sie sich und sprach »ich will noch so weit gehen als der Wind weht und so lange als der Hahn kräht, bis ich ihn finde.« Und gieng fort, lange lange Wege, bis sie endlich zu dem Schloss kam, wo beide zusammen lebten: da hörte sie dass bald ein Fest wäre, wo sie Hochzeit mit einander machen wollten. Sie sprach aber »Gott hilft mir noch«, und öffnete das Kästchen, das ihr die Sonne gegeben hatte, da lag ein Kleid darin, so glänzend wie die Sonne selber. Da nahm sie es heraus und zog es an und gieng hinauf in das Schloss, und alle Leute, und die Braut selber, sahen sie mit Verwunderung an; und das Kleid gefiel der Braut so gut, dass sie dachte es könnte ihr Hochzeitskleid geben, und fragte ob es nicht feil wäre? »Nicht für Geld und Gut«, antwortete sie, »aber für Fleisch und Blut.« Die Braut fragte was sie damit meinte. Da sagte sie »lasst mich eine Nacht in der Kammer schlafen, wo der Bräutigam schläft.« Die Braut wollte nicht, und wollte doch gerne das Kleid haben, endlich willigte sie ein, aber der Kammerdiener musste dem Königssohn einen Schlaftrunk geben. Als es nun Nacht war und der Jüngling schon schlief, ward sie in die Kammer geführt. Da setzte sie sich ans Bett und sagte »ich bin dir nachgefolgt sieben Jahre, bin bei Sonne und Mond und bei den vier Winden gewesen, und habe nach dir gefragt, und habe dir geholfen gegen den Lindwurm, willst du mich denn ganz vergessen?« Der Königssohn aber schlief so hart, dass es ihm nur vorkam als rauschte der Wind draußen in den Tannenbäumen. Wie nun der Morgen anbrach, da ward sie wieder hinausgeführt und musste das goldene Kleid hingeben. Und als auch das nichts geholfen hatte, ward sie traurig, gieng hinaus auf eine Wiese, setzte sich da hin und [24]weinte. Und wie sie so saß, da fiel ihr das Ei noch ein, das ihr der Mond gegeben hatte: sie schlug es auf, da kam eine Glucke heraus mit zwölf Küchlein ganz von Gold, die liefen herum und piepten und krochen der Alten wieder unter die Flügel, so dass nichts schöneres auf der Welt zu sehen war. Da stand sie auf, trieb sie auf der Wiese vor sich her, so lange bis die Braut aus dem Fenster sah, und da gefielen ihr die kleinen Küchlein so gut, dass sie gleich herab kam und fragte ob sie nicht feil wären? »Nicht für Geld und Gut, aber für Fleisch und Blut; lasst mich noch eine Nacht in der Kammer schlafen, wo der Bräutigam schläft.« Die Braut sagte »ja«, und wollte sie betrügen wie am vorigen Abend. Als aber der Königssohn zu Bett gieng, fragte er seinen Kammerdiener was das Murmeln und Rauschen in der Nacht gewesen sei. Da erzählte der Kammerdiener alles, dass er ihm einen Schlaftrunk hätte geben müssen, weil ein armes Mädchen heimlich in der Kammer geschlafen hätte, und heute Nacht sollte er ihm wieder einen geben. Sagte der Königssohn »gieß den Trank neben das Bett aus.« Zur Nacht wurde sie wieder hereingeführt, und als sie anfieng zu erzählen wie es ihr traurig ergangen wäre, da erkannte er gleich an der Stimme seine liebe Gemahlin, sprang auf und rief »jetzt bin ich erst recht erlöst, mir ist gewesen wie in einem Traum, denn die fremde Königstochter hatte mich bezaubert, dass ich dich vergessen musste, aber Gott hat noch zu rechter Stunde die Betörung von mir genommen.« Da giengen sie beide in der Nacht heimlich aus dem Schloss, denn sie fürchteten sich vor dem Vater der Königstochter, der ein Zauberer war, und setzten sich auf den Vogel Greif, der trug sie über das rote Meer, und als sie in der Mitte waren, ließ sie die Nuss fallen. Alsbald wuchs ein großer [25]Nussbaum, darauf ruhte sich der Vogel, und dann führte er sie nach Haus, wo sie ihr Kind fanden, das war groß und schön geworden, und sie lebten von nun an vergnügt bis an ihr Ende.

89.Die Gänsemagd.

Es lebte einmal eine alte Königin, der war ihr Gemahl schon lange Jahre gestorben, und sie hatte eine schöne Tochter. Wie die erwuchs, wurde sie weit über Feld an einen Königssohn versprochen. Als nun die Zeit kam, wo sie vermählt werden sollten und das Kind in das fremde Reich abreisen musste, packte ihr die Alte gar viel köstliches Gerät und Geschmeide ein, Gold und Silber, Becher und Kleinode, kurz alles, was nur zu einem königlichen Brautschatz gehörte, denn sie hatte ihr Kind von Herzen lieb. Auch gab sie ihr eine Kammerjungfer bei, welche mitreiten und die Braut in die Hände des Bräutigams überliefern sollte, und jede bekam ein Pferd zur Reise, aber das Pferd der Königstochter hieß Falada und konnte sprechen. Wie nun die Abschiedsstunde da war, begab sich die alte Mutter in ihre Schlafkammer, nahm ein Messerlein und schnitt damit in ihre Finger, dass sie bluteten: darauf hielt sie ein weißes Läppchen unter und ließ drei Tropfen Blut hineinfallen, gab sie der Tochter und sprach »liebes Kind, verwahre sie wohl, sie werden dir unterweges Not tun.«

Also nahmen beide von einander betrübten Abschied: das Läppchen steckte die Königstochter in ihren Busen vor sich, setzte sich aufs Pferd und zog nun fort zu ihrem [26]Bräutigam. Da sie eine Stunde geritten waren, empfand sie heißen Durst und sprach zu ihrer Kammerjungfer »steig ab, und schöpfe mir mit meinem Becher, den du für mich mitgenommen hast, Wasser aus dem Bache, ich möchte gern einmal trinken.« »Wenn ihr Durst habt«, sprach die Kammerjungfer, »so steigt selber ab, legt euch ans Wasser und trinkt, ich mag eure Magd nicht sein.« Da stieg die Königstochter vor großem Durst herunter, neigte sich über das Wasser im Bach und trank, und durfte nicht aus dem goldenen Becher trinken. Da sprach sie »ach Gott!« da antworteten die drei Blutstropfen »wenn das deine Mutter wüsste, das Herz im Leibe tät ihr zerspringen.« Aber die Königsbraut war demütig, sagte nichts und stieg wieder zu Pferd. So ritten sie etliche Meilen weiter fort, aber der Tag war warm, die Sonne stach, und sie durstete bald von neuem. Da sie nun an einen Wasserfluss kamen, rief sie noch einmal ihrer Kammerjungfer »steig ab und gib mir aus meinem Goldbecher zu trinken«, denn sie hatte aller bösen Worte längst vergessen. Die Kammerjungfer sprach aber noch hochmütiger, »wollt ihr trinken, so trinkt allein, ich mag nicht eure Magd sein.« Da stieg die Königstochter hernieder vor großem Durst, legte sich über das fließende Wasser, weinte und sprach »ach Gott!« und die Blutstropfen antworteten wiederum »wenn das deine Mutter wüsste, das Herz im Leibe tät ihr zerspringen.« Und wie sie so trank und sich recht überlehnte, fiel ihr das Läppchen, worin die drei Tropfen waren, aus dem Busen und floss mit dem Wasser fort ohne dass sie es in ihrer großen Angst merkte. Die Kammerjungfer hatte aber zugesehen und freute sich dass sie Gewalt über die Braut bekäme: denn damit, dass diese die Blutstropfen verloren hatte, war sie schwach und machtlos geworden. Als sie [27]nun wieder auf ihr Pferd steigen wollte, das da hieß Falada, sagte die Kammerfrau »auf Falada gehör ich, und auf meinen Gaul gehörst du«; und das musste sie sich gefallen lassen. Dann befahl ihr die Kammerfrau mit harten Worten die königlichen Kleider auszuziehen und ihre schlechten anzulegen, und endlich musste sie sich unter freiem Himmel verschwören dass sie am königlichen Hof keinem Menschen etwas davon sprechen wollte; und wenn sie diesen Eid nicht abgelegt hätte, wäre sie auf der Stelle umgebracht worden. Aber Falada sah das alles an und nahm’s wohl in Acht.

Die Kammerfrau stieg nun auf Falada und die wahre Braut auf das schlechte Ross, und so zogen sie weiter, bis sie endlich in dem königlichen Schloss eintrafen. Da war große Freude über ihre Ankunft, und der Königssohn sprang ihnen entgegen, hob die Kammerfrau vom Pferde und meinte sie wäre seine Gemahlin: sie ward die Treppe hinaufgeführt, die wahre Königstochter aber musste unten stehen bleiben. Da schaute der alte König am Fenster, und sah sie im Hof halten und sah wie sie fein war, zart und gar schön: gieng alsbald hin ins königliche Gemach und fragte die Braut nach der, die sie bei sich hätte und da unten im Hofe stände, und wer sie wäre? »Die hab ich mir unterwegs mitgenommen zur Gesellschaft; gebt der Magd was zu arbeiten, dass sie nicht müßig steht.« Aber der alte König hatte keine Arbeit für sie und wusste nichts, als dass er sagte »da hab ich so einen kleinen Jungen, der hütet die Gänse, dem mag sie helfen.« Der Junge hieß Kürdchen (Conrädchen), dem musste die wahre Braut helfen Gänse hüten.

Bald aber sprach die falsche Braut zu dem jungen König »liebster Gemahl, ich bitte euch tut mir einen Gefallen.« Er antwortete »das will ich gerne tun.« »Nun so lasst den [28]Schinder rufen und da dem Pferde, worauf ich hergeritten bin, den Hals abhauen weil es mich unterweges geärgert hat.« Eigentlich aber fürchtete sie dass das Pferd sprechen möchte wie sie mit der Königstochter umgegangen war. Nun war das so weit geraten, dass es geschehen und der treue Falada sterben sollte, da kam es auch der rechten Königstochter zu Ohr, und sie versprach dem Schinder heimlich ein Stück Geld, das sie ihm bezahlen wollte, wenn er ihr einen kleinen Dienst erwiese. In der Stadt war ein großes finsteres Tor, wo sie Abends und Morgens mit den Gänsen durch musste, unter das finstere Tor möchte er dem Falada seinen Kopf hinnageln, dass sie ihn doch noch mehr als einmal sehen könnte. Also versprach das der Schindersknecht zu tun, hieb den Kopf ab und nagelte ihn unter das finstere Tor fest.

Des Morgens früh, da sie und Kürdchen unterm Tor hinaus trieben, sprach sie im Vorbeigehen

»o du Falada, da du hangest,«

da antwortete der Kopf

»o du Jungfer Königin, da du gangest,

wenn das deine Mutter wüsste,

ihr Herz tät ihr zerspringen.«

Da zog sie still weiter zur Stadt hinaus, und sie trieben die Gänse aufs Feld. Und wenn sie auf der Wiese angekommen war, saß sie nieder und machte ihre Haare auf, die waren eitel Gold, und Kürdchen sah sie und freute sich wie sie glänzten, und wollte ihr ein paar ausraufen. Da sprach sie

[29]»weh, weh, Windchen,

nimm Kürdchen sein Hütchen,

und lass ’n sich mit jagen,

bis ich mich geflochten und geschnatzt,

und wieder aufgesatzt.«

Und da kam ein so starker Wind, dass er dem Kürdchen sein Hütchen weg wehte über alle Land, und es musste ihm nachlaufen. Bis es wieder kam war sie mit dem Kämmen und Aufsetzen fertig, und er konnte keine Haare kriegen. Da war Kürdchen bös und sprach nicht mit ihr; und so hüteten sie die Gänse bis dass es Abend ward, dann giengen sie nach Haus.

Den andern Morgen, wie sie unter dem finstern Tor hinaus trieben, sprach die Jungfrau

»o du Falada, da du hangest,«

Falada antwortete

»o du Jungfer Königin, da du gangest,

wenn das deine Mutter wüsste,

das Herz tät ihr zerspringen.«

Und in dem Feld setzte sie sich wieder auf die Wiese und fieng an ihr Haar auszukämmen, und Kürdchen lief und wollte danach greifen, da sprach sie schnell

»weh, weh, Windchen,

nimm Kürdchen sein Hütchen,

und lass ’n sich mit jagen,

[30]bis ich mich geflochten und geschnatzt,

und wieder aufgesatzt.«

Da wehte der Wind und wehte ihm das Hütchen vom Kopf weit weg, dass Kürdchen nachlaufen musste; und als es wieder kam, hatte sie längst ihr Haar zurecht, und es konnte keins davon erwischen; und so hüteten sie die Gänse bis es Abend ward.

Abends aber, nachdem sie heim gekommen waren, gieng Kürdchen vor den alten König und sagte »mit dem Mädchen will ich nicht länger Gänse hüten.« »Warum denn?« fragte der alte König. »Ei, das ärgert mich den ganzen Tag.« Da befahl ihm der alte König zu erzählen wie’s ihm denn mit ihr gienge. Da sagte Kürdchen »Morgens, wenn wir unter dem finstern Tor mit der Herde durchkommen, so ist da ein Gaulskopf an der Wand, zu dem redet sie

»Falada, da du hangest,«

da antwortet der Kopf

»o du Königsjungfer, da du gangest,

wenn das deine Mutter wüsste,

das Herz tät ihr zerspringen.«

Und so erzählte Kürdchen weiter was auf der Gänsewiese geschähe, und wie es da dem Hut im Winde nachlaufen müsste.

Der alte König befahl ihm den nächsten Tag wieder hinaus zu treiben, und er selbst, wie es Morgen war, setzte sich hinter das finstere Tor und hörte da wie sie mit dem Haupt [31]des Falada sprach: und dann gieng er ihr auch nach in das Feld und barg sich in einem Busch auf der Wiese. Da sah er nun bald mit seinen eigenen Augen wie die Gänsemagd und der Gänsejunge die Herde getrieben brachte, und wie nach einer Weile sie sich setzte und ihre Haare losflocht, die strahlten von Glanz. Gleich sprach sie wieder

»weh, weh, Windchen,

fass Kürdchen sein Hütchen,

und lass ’n sich mit jagen,

bis dass ich mich geflochten und geschnatzt,

und wieder aufgesatzt.«

Da kam ein Windstoß und fuhr mit Kürdchens Hut weg, dass es weit zu laufen hatte, und die Magd kämmte und flocht ihre Locken still fort, welches der alte König alles beobachtete. Darauf gieng er unbemerkt zurück, und als Abends die Gänsemagd heim kam, rief er sie bei Seite, und fragte warum sie dem allem so täte? »Das darf ich euch nicht sagen, und darf auch keinem Menschen mein Leid klagen, denn so hab ich mich unter freiem Himmel verschworen, weil ich sonst um mein Leben gekommen wäre.« Er drang in sie und ließ ihr keinen Frieden, aber er konnte nichts aus ihr herausbringen. Da sprach er »wenn du mir nichts sagen willst, so klag dem Eisenofen da dein Leid«, und gieng fort. Da kroch sie in den Eisenofen, fieng an zu jammern und zu weinen, schüttete ihr Herz aus und sprach »da sitze ich nun von aller Welt verlassen, und bin doch eine Königstochter, und eine falsche Kammerjungfer hat mich mit Gewalt dahin gebracht dass ich meine königlichen Kleider habe ablegen müssen, und hat meinen Platz bei [32]meinem Bräutigam eingenommen, und ich muss als Gänsemagd gemeine Dienste tun. Wenn das meine Mutter wüsste, das Herz im Leib tät ihr zerspringen.« Der alte König stand aber außen an der Ofenröhre, lauerte ihr zu und hörte was sie sprach. Da kam er wieder herein und hieß sie aus dem Ofen gehen. Da wurden ihr königliche Kleider angetan, und es schien ein Wunder wie sie so schön war. Der alte König rief seinen Sohn und offenbarte ihm dass er die falsche Braut hätte: die wäre bloß ein Kammermädchen, die wahre aber stände hier, als die gewesene Gänsemagd. Der junge König war herzensfroh, als er ihre Schönheit und Tugend erblickte, und ein großes Mahl wurde angestellt, zu dem alle Leute und guten Freunde gebeten wurden. Obenan saß der Bräutigam, die Königstochter zur einen Seite und die Kammerjungfer zur andern, aber die Kammerjungfer war verblendet und erkannte jene nicht mehr in dem glänzenden Schmuck. Als sie nun gegessen und getrunken hatten, und gutes Muts waren, gab der alte König der Kammerfrau ein Rätsel auf, was eine solche wert wäre, die den Herrn so und so betrogen hätte, erzählte damit den ganzen Verlauf und fragte »welches Urteils ist diese würdig?« Da sprach die falsche Braut »die ist nichts besseres wert, als dass sie splitternackt ausgezogen und in ein Fass gesteckt wird, das inwendig mit spitzen Nägeln beschlagen ist: und zwei weiße Pferde müssen vorgespannt werden, die sie Gasse auf Gasse ab zu Tode schleifen.« »Das bist du«, sprach der alte König, »und hast dein eigen Urteil gefunden, und danach soll dir widerfahren.« Und als das Urteil vollzogen war, vermählte sich der junge König mit seiner rechten Gemahlin, und beide beherrschten ihr Reich in Frieden und Seligkeit.

90.[33]Der junge Riese.

Ein Bauersmann hatte einen Sohn, der war so groß wie ein Daumen und ward gar nicht größer und wuchs in etlichen Jahren nicht ein Haarbreit. Einmal wollte der Bauer ins Feld gehen und pflügen, da sagte der Kleine »Vater, ich will mit hinaus.« »Du willst mit hinaus?« sprach der Vater, »bleib du hier, dort bist du zu nichts nutz: du könntest mir auch verloren gehen.« Da fieng der Däumling an zu weinen, und um Ruhe zu haben, steckte ihn der Vater in die Tasche und nahm ihn mit. Draußen auf dem Felde holte er ihn wieder heraus und setzte ihn in eine frische Furche. Wie er da so saß, kam über den Berg ein großer Riese daher. »Siehst du dort den großen Butzemann?« sagte der Vater, und wollte den Kleinen schrecken, damit er artig wäre, »der kommt und holt dich.« Der Riese aber hatte mit seinen langen Beinen kaum ein paar Schritte getan, so war er bei der Furche. Er hob den kleinen Däumling mit zwei Fingern behutsam in die Höhe, betrachtete ihn und gieng ohne ein Wort zu sprechen, mit ihm fort. Der Vater stand dabei, konnte vor Schrecken keinen Laut hervor bringen und dachte nicht anders als sein Kind für verloren, also dass er’s sein Lebtag nicht wieder mit Augen sehen würde.

Der Riese aber trug es heim und ließ es an seiner Brust saugen, und der Däumling wuchs und ward groß und stark nach Art der Riesen. Nach Verlauf von zwei Jahren gieng der Alte mit ihm in den Wald, wollte ihn versuchen und sprach »zieh dir eine Gerte heraus.« Da war der Knabe schon so stark, dass er einen jungen Baum mit den Wurzeln aus der Erde riss. Der Riese aber meinte »das muss besser kommen«, nahm ihn wieder mit, und säugte ihn noch zwei [34]Jahre. Als er ihn versuchte, hatte seine Kraft schon so zugenommen, dass er einen alten Baum aus der Erde brechen konnte. Das war dem Riesen noch immer nicht genug, er säugte ihn abermals zwei Jahre, und als er dann mit ihm in den Wald gieng, und sprach »nun reiß einmal eine ordentliche Gerte aus«, so riss der Junge den dicksten Eichenbaum aus der Erde, dass er krachte, und war ihm nur ein Spaß. »Nun ist’s genug«, sprach der Riese, »du hast ausgelernt«, und führte ihn zurück auf den Acker, wo er ihn geholt hatte. Sein Vater stand da hinter dem Pflug, der junge Riese gieng auf ihn zu und sprach »sieht er wohl, Vater, was sein Sohn für ein Mann geworden ist.« Der Bauer erschrak, und sagte »nein, du bist mein Sohn nicht, ich will dich nicht, geh weg von mir.« »Freilich bin ich sein Sohn, lass er mich an die Arbeit, ich kann pflügen so gut als er und noch besser.« »Nein, nein, du bist mein Sohn nicht, du kannst auch nicht pflügen, geh weg von mir.« Weil er sich aber vor dem großen Mann fürchtete, ließ er den Pflug los, trat zurück und setzte sich zur Seite ans Land. Da nahm der Junge das Geschirr und drückte bloß mit einer Hand darauf, aber der Druck war so gewaltig, dass der Pflug tief in die Erde gieng. Der Bauer konnte das nicht mit ansehen und rief ihm zu »wenn du pflügen willst, musst du nicht so gewaltig drücken, das gibt schlechte Arbeit.« Der Junge aber spannte die Pferde aus, zog selber den Pflug und sagte »geh er nur nach Haus, Vater, und lass er die Mutter eine große Schüssel voll Essen kochen; ich will derweil den Acker schon umreißen.« Da gieng der Bauer heim und bestellte das Essen bei seiner Frau: der Junge aber pflügte das Feld, zwei Morgen groß, ganz allein, und dann spannte er sich auch selber vor die Egge und eggte alles mit zwei Eggen zugleich. Wie er fertig [35]war, gieng er in den Wald und riss zwei Eichenbäume aus, legte sie auf die Schultern, und hinten und vorn eine Egge darauf, und hinten und vorn auch ein Pferd, und trug das alles, als wär es ein Bund Stroh, nach seiner Eltern Haus. Wie er in den Hof kam, erkannte ihn seine Mutter nicht und fragte »wer ist der entsetzliche, große Mann?« Der Bauer sagte »das ist unser Sohn.« Sie sprach »nein, unser Sohn ist das nimmermehr, so groß haben wir keinen gehabt, unser war ein kleines Ding.« Sie rief ihm zu »geh fort, wir wollen dich nicht.« Der Junge schwieg still, zog seine Pferde in den Stall, gab ihnen Hafer und Heu, alles wie sich’s gehörte. Als er fertig war, gieng er in die Stube, setzte sich auf die Bank und sagte »Mutter, nun hätte ich Lust zu essen, ist’s bald fertig?« Da sagte sie »ja« und brachte zwei große große Schüsseln voll herein, daran hätten sie und ihr Mann acht Tage lang satt gehabt. Der Junge aber aß sie allein auf und fragte ob sie nicht mehr vorsetzen könnte? »Nein«, sagte sie, »das ist alles, was wir haben.« »Das war ja nur zum Schmecken, ich muss mehr haben.« Sie getraute nicht ihm zu widerstehen, gieng hin und setzte einen großen Schweinekessel voll übers Feuer, und wie es gar war, trug sie es herein. »Endlich kommen noch ein paar Brocken« sagte er und aß alles hinein; es war aber doch nicht genug seinen Hunger zu stillen. Da sprach er »Vater, ich sehe wohl, bei ihm werd ich nicht satt, will er mir einen Stab von Eisen verschaffen, der stark ist, und den ich vor meinen Knien nicht zerbrechen kann, so will ich fort in die Welt gehen.« Der Bauer war froh, spannte seine zwei Pferde vor den Wagen und holte bei dem Schmied einen Stab so groß und dick, als ihn die zwei Pferde nur fort schaffen konnten. Der Junge nahm ihn vor die Knie und ratsch! brach er ihn wie eine Bohnenstange in [36]der Mitte entzwei und warf ihn weg. Der Vater spannte vier Pferde vor und holte einen Stab so groß und dick, als ihn die vier Pferde fort schaffen konnten. Der Sohn knickte auch diesen vor dem Knie entzwei, warf ihn hin und sprach »Vater, der kann mir nicht helfen, er muss besser vorspannen und einen stärkern Stab holen.« Da spannte der Vater acht Pferde vor und holte einen so groß und dick, als ihn die acht Pferde herbei fahren konnten. Wie der Sohn den in die Hand nahm, brach er gleich oben ein Stück davon ab und sagte »Vater, ich sehe er kann mir keinen Stab anschaffen wie ich ihn brauche, ich will nicht länger bei ihm bleiben.«

Da gieng er fort und gab sich für einen Schmiedegesellen aus. Er kam in ein Dorf, darin wohnte ein Schmied, der war ein Geizmann, gönnte keinem Menschen etwas und wollte alles allein haben; zu dem trat er in die Schmiede und fragte ob er keinen Gesellen brauchte. »Ja« sagte der Schmied, sah ihn an und dachte »das ist ein tüchtiger Kerl, der wird gut vorschlagen und sein Brot verdienen.« Er fragte »wie viel willst du Lohn haben?« »Gar keinen will ich haben«, antwortete er, »nur alle vierzehn Tage, wenn die andern Gesellen ihren Lohn bezahlt kriegen, will ich dir zwei Streiche geben, die musst du aushalten.« Das war der Geizmann von Herzen zufrieden und dachte damit viel Geld zu sparen. Am andern Morgen sollte der fremde Geselle zuerst vorschlagen, wie aber der Meister den glühenden Stab brachte und jener den ersten Schlag tat, so flog das Eisen von einander und der Amboss sank in die Erde, so tief, dass sie ihn gar nicht wieder heraus bringen konnten. Da ward der Geizmann bös und sagte »ei was, dich kann ich nicht brauchen, du schlägst gar zu grob, was willst du für den einen Zuschlag haben?« Da sprach er »ich will dir nur einen ganz [37]kleinen Streich geben, weiter nichts.« Und hob seinen Fuß auf und gab ihm einen Tritt, dass er über vier Fuder Heu hinausflog. Darauf suchte er sich den dicksten Eisenstab aus, der in der Schmiede war, nahm ihn als einen Stock in die Hand und gieng weiter.

Als er eine Weile gezogen war, kam er zu einem Vorwerk und fragte den Amtmann ob er keinen Großknecht nötig hätte. »Ja«, sagte der Amtmann, »ich kann einen brauchen: du siehst aus wie ein tüchtiger Kerl, der schon was vermag, wie viel willst du Jahrslohn haben?« Er antwortete wiederum er verlangte gar keinen Lohn, aber alle Jahre wollte er ihm drei Streiche geben, die müsste er aushalten. Das war der Amtmann zufrieden, denn er war auch ein Geizhals. Am andern Morgen, da sollten die Knechte ins Holz fahren, und die andern Knechte waren schon auf, er aber lag noch im Bett. Da rief ihn einer an »steh auf, es ist Zeit, wir wollen ins Holz, und du musst mit.« »Ach«, sagte er ganz grob und trotzig, »geht ihr nur hin, ich komme doch eher wieder als ihr alle mit einander.« Da giengen die andern zum Amtmann und erzählten ihm der Großknecht läge noch im Bett und wollte nicht mit ins Holz fahren. Der Amtmann sagte sie sollten ihn noch einmal wecken und ihn heißen die Pferde vorspannen. Der Großknecht sprach aber wie vorher »geht ihr nur hin, ich komme doch eher wieder als ihr alle mit einander.« Darauf blieb er noch zwei Stunden liegen, da stieg er endlich aus den Federn, holte sich aber erst zwei Scheffel voll Erbsen vom Boden, kochte sich einen Brei und aß den mit guter Ruhe, und wie das alles geschehen war, gieng er hin, spannte die Pferde vor und fuhr ins Holz. Nicht weit vor dem Holz war ein Hohlweg, wo er durch musste, da fuhr er den Wagen erst vorwärts, dann mussten [38]die Pferde stille halten, und er gieng hinter den Wagen, nahm Bäume und Reisig und machte da eine große Hucke (Verhack), so dass kein Pferd durchkommen konnte. Wie er nun vors Holz kam, fuhren die andern eben mit ihren beladenen Wagen heraus und wollten heim, da sprach er zu ihnen »fahrt nur hin, ich komme doch eher als ihr nach Haus.« Er fuhr gar nicht weit ins Holz, riss gleich zwei der allergrößten Bäume aus der Erde, warf sie auf den Wagen und drehte um. Als er vor der Hucke anlangte, standen die andern noch da und konnten nicht durch. »Seht ihr wohl«, sprach er, »wärt ihr bei mir geblieben, so wärt ihr eben so schnell nach Haus gekommen und hättet noch eine Stunde schlafen können.« Er wollte nun zufahren, aber seine Pferde konnten sich nicht durcharbeiten, da spannte er sie aus, legte sie oben auf den Wagen, nahm selber die Deichsel in die Hand, und hüf! zog er alles durch, und das gieng so leicht als hätt er Federn geladen. Wie er drüben war, sprach er zu den andern »seht ihr wohl, ich bin schneller hindurch als ihr«, fuhr weiter, und die andern mussten stehen bleiben. In dem Hof aber nahm er einen Baum in die Hand, zeigte ihn dem Amtmann und sagte »ist das nicht ein schönes Klafterstück?« Da sprach der Amtmann zu seiner Frau »der Knecht ist gut; wenn er auch lang schläft, er ist doch eher wieder da als die andern.«

Nun diente er dem Amtmann ein Jahr: wie das herum war, und die andern Knechte ihren Lohn kriegten, sprach er es wäre Zeit, er wollte sich auch seinen Lohn nehmen. Dem Amtmann ward aber angst vor den Streichen, die er kriegen sollte, und bat ihn inständig er möchte sie ihm schenken, lieber wollte er selbst Großknecht werden, und er sollte Amtmann sein. »Nein«, sprach er, »ich will kein Amtmann [39]werden, ich bin Großknecht und will’s bleiben, ich will aber austeilen was bedungen ist.« Der Amtmann wollte ihm geben, was er nur verlangte, aber es half nichts, der Großknecht sprach zu allem »nein«. Da wusste sich der Amtmann nicht zu helfen und bat ihn um vierzehn Tage Frist, er wollte sich auf etwas besinnen. Der Großknecht sprach die Frist sollte er haben. Der Amtmann berief alle seine Schreiber zusammen, sie sollten sich bedenken und ihm einen Rat geben. Die Schreiber besannen sich lange, endlich sagten sie vor dem Großknecht wäre niemand seines Lebens sicher, der schlüge einen Menschen wie eine Mücke tot. Er sollte ihn heißen in den Brunnen steigen und ihn reinigen, wenn er unten wäre, wollten sie einen von den Mühlensteinen, die da lägen, herbei rollen und ihm auf den Kopf werfen, dann würde er nicht wieder an des Tages Licht kommen. Der Rat gefiel dem Amtmann, und der Großknecht war bereit in den Brunnen hinab zu steigen. Als er unten auf dem Grund stand, rollten sie den größten Mühlstein hinab, und meinten der Kopf wäre ihm eingeschlagen, aber er rief »jagt die Hühner vom Brunnen weg, die kratzen da oben im Sand und werfen mir die Körner in die Augen, dass ich nicht sehen kann.« Da rief der Amtmann »husch! husch!« und tat als scheuchte er die Hühner weg. Als der Großknecht mit seiner Arbeit fertig war, stieg er herauf und sagte »seht einmal, ich habe doch ein schönes Halsband um«, da war es der Mühlenstein, den er um den Hals trug. Der Großknecht wollte jetzt seinen Lohn nehmen, aber der Amtmann bat wieder um vierzehn Tage Bedenkzeit. Die Schreiber kamen zusammen und gaben den Rat er sollte den Großknecht in die verwünschte Mühle schicken um dort in der Nacht Korn zu mahlen: von da wäre noch kein Mensch Morgens [40]lebendig herausgekommen. Der Anschlag gefiel dem Amtmann, er rief den Großknecht noch denselben Abend und hieß ihn acht Malter Korn in die Mühle fahren und in der Nacht noch mahlen; sie hätten’s nötig. Da gieng der Großknecht auf den Boden und tat zwei Malter in seine rechte Tasche, zwei in die linke, vier nahm er in einem Quersack halb auf den Rücken, halb auf die Brust, und gieng also beladen nach der verwünschten Mühle. Der Müller sagte ihm bei Tag könnte er recht gut da mahlen, aber nicht in der Nacht, da wäre die Mühle verwünscht, und wer da noch hinein gegangen wäre, den hätte man am Morgen tot darin gefunden. Er sprach »ich will schon durchkommen, macht euch nur fort und legt euch aufs Ohr.« Darauf gieng er in die Mühle und schüttete das Korn auf. Gegen elf Uhr gieng er in die Müllerstube und setzte sich auf die Bank. Als er ein Weilchen da gesessen hatte, tat sich auf einmal die Tür auf und kam eine große große Tafel herein, und auf die Tafel stellte sich Wein und Braten, und viel gutes Essen, alles von selber, denn es war niemand da, der’s auftrug. Und danach rückten sich die Stühle herbei, aber es kamen keine Leute, bis auf einmal sah er Finger, die hantierten mit den Messern und Gabeln und legten Speisen auf die Teller, aber sonst konnte er nichts sehen. Da er hungrig war und die Speisen sah, so setzte er sich auch an die Tafel, aß mit und ließ sich’s gut schmecken. Als er satt war und die andern ihre Schüsseln auch ganz leer gemacht hatten, da wurden die Lichter auf einmal alle ausgeputzt, das hörte er deutlich, und wie’s nun stockfinster war, so kriegte er so etwas wie eine Ohrfeige ins Gesicht. Da sprach er »wenn noch einmal so etwas kommt, so teil ich auch wieder aus.« Und wie er zum zweiten Mal eine Ohrfeige kriegte, da schlug er gleichfalls mit [41]hinein. Und so gieng das fort die ganze Nacht, er nahm nichts umsonst, sondern gab reichlich zurück und schlug nicht faul um sich herum: bei Tagesanbruch aber hörte alles auf. Wie der Müller aufgestanden war, wollt er nach ihm sehen und verwunderte sich, dass er noch lebte. Da sprach er »ich habe mich satt gegessen, habe Ohrfeigen gekriegt, aber ich habe auch Ohrfeigen ausgeteilt.« Der Müller freute sich und sagte nun wäre die Mühle erlöst, und wollte ihm gern zur Belohnung viel Geld geben. Er sprach aber »Geld will ich nicht, ich habe doch genug.« Dann nahm er sein Mehl auf den Rücken, gieng nach Haus und sagte dem Amtmann er hätte die Sache ausgerichtet und wollte nun seinen bedungenen Lohn haben. Wie der Amtmann das hörte, da ward ihm erst recht angst: er wusste sich nicht zu lassen, gieng in der Stube auf und ab, und die Schweißtropfen liefen ihm von der Stirne herunter. Da machte er das Fenster auf nach frischer Luft, eh er sich’s aber versah, hatte ihm der Großknecht einen Tritt gegeben, dass er durchs Fenster in die Luft hinein flog, immer fort, bis ihn niemand mehr sehen konnte. Da sprach der Großknecht zur Frau des Amtmanns »kommt er nicht wieder, so müsst ihr den anderen Streich hinnehmen.« Sie rief »nein, nein, ich kann’s nicht aushalten«, und machte das andere Fenster auf, weil ihr die Schweißtropfen die Stirne herunter liefen. Da gab er ihr einen Tritt, dass sie gleichfalls hinaus flog und da sie leichter war, noch viel höher als ihr Mann. Der Mann rief »komm doch zu mir«, sie aber rief »komm du zu mir, ich kann nicht zu dir.« Und sie schwebten da in der Luft, und konnte keins zum andern kommen, und ob sie da noch schweben, das weiß ich nicht; der junge Riese aber nahm seine Eisenstange und gieng weiter.

91.[42]Dat Erdmänneken.

Et was mal en rik Künig west, de hadde drei Döchter had, de wören alle Dage in den Schlottgoren spazeren gaen, un de Künig, dat was so en Leivhawer von allerhand wackeren Bömen west: un einen, den hadde he so leiv had, dat he denjenigen, de ümme en Appel dervon plückede, hunnerd Klafter unner de Eere verwünschede. Als et nu Hervest was, da worden de Appel an den einen Baume so raut ase Blaud. De drei Döchter gungen alle Dage unner den Baum un seihen to ov nig de Wind ’n Appel herunner schlagen hädde, awerst se fannen ir Levedage kienen, un de Baum de satt so vull, dat he breken wull, un de Telgen (Zweige) hungen bis up de Eere. Da gelustede den jungesten Künigskinne gewaldig un et segde to sinen Süstern »use Teite (Vater), de hett us viel to leiv, ase dat he us verwünschen deihe: ik glöve dat he dat nur wegen de frümden Lude dahen hat.« Un indes plücked dat Kind en gans dicken Appel af un sprunk fur sinen Süstern un segde »a, nu schmecket mal, mine lewen Süsterkes, nu hew ik doch min Levedage so wat schones no nig schmecket.« Da beeten de beiden annern Künigsdöchter auch mal in den Appel, un da versünken se alle drei deip unner de Eere, dat kien Haan mer danach krähete.

As et da Middag is, da wull se de Künig do Diske roopen, do sind se nirgends to finnen: he söket se so viel im Schlott un in Goren, awerst he kun se nig finnen. Da werd he so bedröwet un let dat ganse Land upbeien (aufbieten), un wer ünne sine Döchter wier brechte, de sull ene davon tor Fruen hewen. Da gahet so viele junge Lude uwer Feld un söket, dat is gans ut der Wiese (über alle Maßen), denn jeder hadde de drei Kinner geren had, wiil se wören gegen [43]