Kindheit als Privileg - Katharina Kucher - E-Book

Kindheit als Privileg E-Book

Katharina Kucher

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Beschreibung

Kindheit war in Europa seit dem 18. Jahrhundert eine Lebensphase, die gesellschaftliche Akteure zunehmend mittels Erziehung gestalteten und als Projektionsfläche für ihre Vorstellungen nutzten. Katharina Kucher bietet in dieser Studie erstmals einen umfassenden Überblick über die Geschichte der Kindheit in Russland von der Mitte des 18. bis ins 20. Jahrhundert. Gestützt auf einen reichen Quellenbestand, der von Gemälden und Fotografien bis hin zu neu ausgewerteten, einzigartigen Archivdokumenten reicht, leistet sie einen innovativen Beitrag zur Kultur- und Gesellschaftsgeschichte, insbesondere des Adels im Zarenreich.

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Katharina Kucher

Kindheit als Privileg

Bildungsideale und Erziehungspraktiken in Russland (1750–1920)

Campus Verlag

Frankfurt/New York

Über das Buch

Kindheit war in Europa seit dem 18. Jahrhundert eine Lebensphase, die gesellschaftliche Akteure zunehmend mittels Erziehung gestalteten und als Projektionsfläche für ihre Vorstellungen nutzten. Katharina Kucher bietet in dieser Studie erstmals einen umfassenden Überblick über die Geschichte der Kindheit in Russland von der Mitte des 18. bis ins 20. Jahrhundert. Gestützt auf einen reichen Quellenbestand, der von Gemälden und Fotografien bis hin zu neu ausgewerteten, einzigartigen Archivdokumenten reicht, leistet sie einen innovativen Beitrag zur Kultur- und Gesellschaftsgeschichte, insbesondere des Adels im Zarenreich.

Vita

Katharina Kucher, PD Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg und verantwortliche Redakteurin der »Jahrbücher für Geschichte Osteuropas«.

Übersicht

Cover

Titel

Über das Buch

Vita

Inhalt

Impressum

Inhalt

1.

Einleitung

Kinder – Kindheit – Kindheitsgeschichte

Gegenstand und Fragestellung des vorliegenden Buches

Forschungsstand zur Kindheit im vorrevolutionären Russland

Aufbau des vorliegenden Buches

Quellen

2.

Kindheit im Zeitalter der Aufklärung in Russland

2.1

Kindheit, Erziehung, Schulbildung und pädagogische Vorstellungen bis zur Regierungszeit Katharinas II.

Utilitarismus unter Peter I.

Staatliches Engagement im Bildungswesen nach 1725

2.2

»… daß die Quelle alles Guten und Bösen die Erziehung sei«: Katharina II. und die Formierung idealer Untertanen

Staatlich verordnete Erziehung

Das Smol’nyj-Institut

Katharinas Erziehungsinstruktion

Eltern in der Pflicht: Ekaterina Daškova und Nikolaj Novikov

2.3

Kinder werden sichtbar(er): Kinderporträts, Lektüre und materielle Kultur

Kinderporträts

Kleidung

»Kinderlektüre für Herz und Verstand«

Kinderbücher

3.

Kindheit im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts: Erziehung als Dienst am Vaterland

3.1

Inszenierung und Idealisierung: Kindheit, Kanonen und Birken

Kindheit und nationales Bewusstsein

Adlige und bäuerliche Lebenswelten

Kindheit und Familie

Kindliches Wesen, Status und Vorstellungen im Wandel

3.2

»Vieles, wenn nicht alles verdanke ich meiner Erziehung«: Jurij Samarins Kindheit in drei Spalten (1824–1831)

Dokumentation einer standesgemäßen Erziehung

Physis

Verhalten und Strafen

Lernen

Verflochtene Welten

3.3

Das Interesse an Kindheit wächst: Erziehung und Kindheit in der Publikationslandschaft des frühen 19. Jahrhunderts

Adlige Öffentlichkeit und Erziehung

Erste Fachzeitschriften: »Patriot« und »Freund der Jugend«

Kinderliteratur

Ausdifferenzierung und Transnationalität von Kindheit

4.

In der Ära der Reformen: Kindheit zwischen Tradition und Ausdifferenzierung während der 1860er bis 1890er Jahre

4.1

Neue Themen und fortbestehende Werte: Kindheitsbilder ab den 1850er Jahren

Kindheit und Sozialkritik in den Gemälden der Peredvižniki

Bildungsmöglichkeiten

Kindheit und Familie

4.2

»Die Erziehung meines Sohnes, des Grafen Sergej Dmitrievič, erfolgt unter meiner persönlichen Aufsicht«: Adlige Erziehungsprinzipien im Zeitalter der Großen Reformen.

Anleitungen zur Erziehung des Grafen Sergej Dmitrievič Šeremetev

Inhaltliche Aspekte der Instruktion

Adlige Erziehung: Kontinuität oder Wandel?

»Glückliche Zeit der Kindheit« vs. »Seelenlose Kasernenatmosphäre«

4.3

Kindheit und gesellschaftlicher Wandel: Pädagogik und Lektüreempfehlungen

Pädagogische Zeitschriften und ihre Schwerpunkte

Erziehung und Lektüre

Kindheit zwischen Reform und Gegenreform

5.

»Moderne Zeiten«: Kindheit im ausgehenden Zarenreich

5.1

Childhood matters

Kinderwelt(en)

5.2

Ende der Privilegien? Werte und Wandel adliger Kindheiten in der Spätphase des Zarenreichs und nach der Oktoberrevolution

Bedeutungsverschiebungen

Fotografie als Indikator

5.3

Kindheit als Objekt der Professionalisierung: Pädagogik und Gesetzgebung

Kinder im Fokus des Rechts

Erziehen und Strafen

Jugendstrafrecht und Kindheit

6.

Schluss: Kindheit als historische Kategorie

Danksagung

Quellen und Literatur

Archive

Verwendete Abkürzungen bei den Archivangaben:

Periodika

Publizierte Quellen

Darstellungen

Abbildungen

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Personen- und Sachregister

1.Einleitung

In unseren Medien hat das Thema Kinder Konjunktur. Es vergeht kein Tag, an dem nicht über die Situation von Kindern berichtet wird. Journalisten thematisieren Kinderarmut, Kindesmissbrauch, Bildungsdefizite, die Bedrohung von Kindern durch Krieg und Terrorismus und jüngst die verheerenden Auswirkungen der Corona-Krise auf die Lebenssituation von Kindern. Ebenso sind Kinder visuell omnipräsent – sowohl in positiven als auch negativen Zusammenhängen. Insbesondere Krisensituationen erfahren durch die Abbildung von Kindern eine verstärkte emotionale Aufladung. Man denke in diesem Zusammenhang an das Foto des nackten Mädchens, das während des Vietnamkriegs aus einer Napalm-Wolke flieht.1 Ebenso erschütternd ist das Bild des ertrunkenen Alan Kurdi. Es zeigt den zweijährigen syrischen Jungen tot an einem türkischen Strand liegend. Das Bild wurde zum Symbol für das Flüchtlingsdrama im Sommer 2015.2

Gerne verwenden Politikerinnen und Politiker den Satz »Kinder sind unsere Zukunft«, wenn sie auf die Bedeutung der von ihnen vertretenen Inhalte verweisen möchten.3 Kinder gelten als die Stützen oder sogar die Erbauer einer zukünftigen Gesellschaft. Auch die heute 19-jährige Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg, die Millionen von Jugendlichen für die Klimastreikbewegung mobilisierte, appellierte immer wieder: »Wir bitten euch Erwachsene, gebt uns eine Zukunft!«4

Das 1946 gegründete Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF publizierte 2019 anlässlich des dreißigjährigen Jubiläums der Konvention über die Rechte des Kindes eine Broschüre mit dem Titel »Jedes Kind hat das Recht auf eine Kindheit«.5 Darin wird zwar darauf verwiesen, dass sich die Überlebens- und Entwicklungschancen von Kindern in vielen Ländern und Gesellschaftsbereichen verbessert haben. Dennoch gilt bis heute die Situation vieler Kinder als katastrophal. Sie haben ungleiche Startbedingungen, die in vielen Ländern durch soziale und politische Umbrüche und vor allem durch Kriege verschärft werden.6

Kinder machten und machen weltweit einen substanziellen Teil der Bevölkerung aus, der sich jeweils in Abhängigkeit von ökonomischen, medizinischen und gesellschaftlichen Faktoren verändert. In Deutschland waren beispielsweise im Jahr 1895 etwa 36,54 Prozent der Gesamtbevölkerung zwischen 0 und 14 Jahre alt; 2010 machte diese Altersgruppe etwa 15,65 Prozent aus.7

Der Kindheit kommt neben der existenziellen Bedeutung für jeden Einzelnen auch eine übergeordnete, eine gesellschaftliche Funktion zu. Kindheit ist immer eingebettet in den jeweiligen sozialen und politischen Kontext, in »gesellschaftliche Auf- und Umbrüche«.8 Kindheit ist kein statisches Gebilde, sondern ein sich in Abhängigkeit vom jeweiligen familiären und sozioökonomischen Hintergrund »wandelndes Ideensystem«.9 Jürgen Osterhammel bezeichnete Kindheit als Indikator des moralischen Zustandes eines Gemeinwesens. Seiner Meinung nach offenbart weniges »den Charakter einer bestimmten Gesellschaft besser als die Art und Weise, wie sie mit Schwachen umgeht: mit Kindern, Alten, Behinderten, chronisch Kranken«.10

Kindheit ist sowohl für die Gegenwart als auch die Vergangenheit eine aufschlussreiche soziale Kategorie. Kindheit trägt nicht nur dazu bei, eine bestimmte Lebensphase näher zu definieren, sondern ermöglicht es auch – vergleichbar mit den Gender Studies –, wesentliche Entwicklungen einer Epoche aus einer spezifischen Perspektive zu betrachten. Die Kindheitsforschung, im Sinne der interdisziplinären Childhood Studies, erweitert unser Wissen über Kinder und leistet einen Beitrag zur »allgemeinen Geschichte«. Sie fragt nach dem Verhältnis von Kindern zu Erwachsenen und befasst sich mit Entwicklungen, die gesamtgesellschaftliche Bedeutung haben. Dazu zählen die Bildungspolitik, Kriege, ökonomische Umbrüche wie die Industrialisierung, sozialer Wandel, Migration, Menschenrechte, medizinischer Fortschritt ebenso wie die Herausbildung einer Unterhaltungs- und Konsumkultur.11

Das 19. Jahrhundert war die Epoche eines politischen und sozioökonomischen Wandels, der in alle Bereiche von Staat und Gesellschaft hineinreichte und den Weg für die moderne Welt bereitete. Auch das Russische Kaiserreich durchlief im 19. Jahrhundert diesen Wandel, der sich dort sogar noch dramatischer ausnahm. Russland war von einem autokratischen Herrschaftssystem geprägt, das bis 1861 auf dem überkommenen System der Leibeigenschaft beruhte. Die strukturelle Rückständigkeit des Landes schlug sich in allen gesellschaftlichen Bereichen nieder. Die in adligen Kreisen geführten Diskussionen um Russlands Zukunft brachten zwar die nationale Identitätssuche zum Ausdruck, änderten aber an der Realität vorerst wenig. Erst Alexander II. reformierte ab den 1860er Jahren nach der Niederlage im Krimkrieg zentrale Bereiche des russischen Staates und ebnete damit sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen den Weg. Die bestehende soziale und kulturelle Spaltung der russischen Gesellschaft löste sich damit jedoch kaum auf. Bis ins letzte Drittel des 19. Jahrhunderts standen bäuerliche und städtische Unterschichten, die sich mit der einsetzenden Industrialisierung entwickelten, einer europäisierten und privilegierten Oberschicht gegenüber.

Diese Entwicklungen betrafen immer auch die Kindheit.12 Sie war in Russland wie in anderen westeuropäischen Staaten vom ausgehenden 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert tiefgreifenden Veränderungen unterworfen. Am Beginn der Entwicklung stand die Etablierung des modernen Konzepts der Kindheit im Sinne Jean-Jacques Rousseaus. Er hatte in seinem Roman »Emile oder über die Erziehung« (1762) die Kindheit als eigene Lebensphase thematisiert und für das Aufwachsen der Kinder »gemäß der Natur« plädiert.13 Daran anschließend verklärte die Romantik mit der Wende zum 19. Jahrhundert Kinder zu höheren Wesen: Kindheit wurde zum Sinnbild und Ort für Moral und Tugend.

Die einsetzende Industrialisierung und die mit ihr einhergehenden sozialen Veränderungen betrafen Kinder in erheblichem Umfang, führten zu Kritik an deren miserablen Lebensbedingungen und einer wachsenden Empathie gegenüber armen Kindern. Charles Dickens‹ Roman »Oliver Twist«, der 1838 als Buch in England erschien und 1841 ins Russische übersetzt wurde, verankerte das Bild des mitleiderregenden Kindes im öffentlichen Bewusstsein.14 Mit diesen Entwicklungen nahm das wissenschaftliche Interesse an der Kindheit zu. Seinen Ausdruck fand das in der Etablierung neuer Forschungsfelder wie Pädagogik, Pädiatrie oder Kinderpsychologie. In diesem Kontext etablierte sich die staatliche und private Kinderfürsorge; die Schulpflicht wurde ebenso diskutiert wie die Reglementierung industrieller Kinderarbeit. Am Ende des 19. Jahrhunderts besserte sich die Situation vieler Kinder der mittleren und unteren Schichten. Kindheit galt als schützenswerte Lebensphase.15 Damit einhergehend entwickelte sich eine spezielle Konsumkultur für Kinder. Kindheit hatte sich gewandelt: das »ökonomisch wertlose, aber emotional unbezahlbare Kind« betrat die Bühne.16

Kinder – Kindheit – Kindheitsgeschichte

Studien zu Kindheit beginnen häufig mit der Frage »Was ist ein Kind?«.17 Die langen Ausführungen, die darauf üblicherweise folgen, belegen, dass die Beantwortung kompliziert ist. Zunächst lassen sich menschliche Wesen in einer bestimmten Lebensphase ab der Geburt als Kinder bezeichnen.18 Doch wo liegen deren Altersgrenzen? Eine einheitliche juristische Definition gibt es nicht: In Deutschland zählt heute vor dem Gesetz als Kind, wer das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet hat. Die bereits angesprochene UNO-Kinderrechtskonvention definiert Kinder als Menschen, die unter 18 Jahre alt sind.19 Der Stellenwert von Kindern und die Sicht auf das Kindsein sind in verschiedenen Gesellschaften und Kulturkreisen von diversen Faktoren abhängig und deshalb unterschiedlich und im ständigen Wandel begriffen. Für die eine Gesellschaft ist es bis heute selbstverständlich, dass Kinder arbeiten, andere wiederum haben moralische Vorbehalte und Verbote gesetzlich fixiert.20 Mancherorts markiert die Geschlechtsreife das Ende der Kindheit. Als biologische Zäsur ist sie allerdings nur bedingt hilfreich, weil der Zeitpunkt der Geschlechtsreife individuell variiert und sich im Laufe der Zeit veränderte – in westlichen Staaten tritt die Geschlechtsreife heutzutage im Durchschnitt mindestens vier Jahre früher ein als vor 200 Jahren.21 Demzufolge verlaufen die körperliche Entwicklung und der geistige Reifeprozess von Heranwachsenden nicht zwingend synchron.22 Zudem lässt sich weder in der gegenwartsbezogenen Kindheitsforschung noch in historischer Perspektive das Kindesalter klar abgrenzen von dem sich anschließenden Jugendalter, der »Zwischenphase« zwischen Kindheit und Erwachsensein. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert gilt dieses nicht mehr nur als »biologisches Durchgangsstadium zwischen Kindheit und Erwachsenensein«, sondern als »Etappe«, in der sich junge Menschen in ihrer Umgebung orientieren.23 Dennoch blieb in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beispielsweise in Russlands Jugendstrafrecht die Grenze zwischen Kindes- und Jugendalter fließend.

Für Historikerinnen und Historiker ist die gesellschaftlich und kulturell definierte Vorstellung von Kindheit in einer bestimmten Epoche verlässlicher zu fassen als die Kinder selbst.24 Das liegt nicht nur in der schwierigen Definition dessen, was ein Kind ist, begründet, sondern auch darin, dass Kinder selten Zeugnisse hinterlassen. Der Nestor der Kindheitsgeschichte, Philippe Ariès, sprach in diesem Zusammenhang von einer »stummen Geschichte«.25 Wir verfügen aber über einen umfangreichen Quellenkorpus, der die zeitgenössischen Vorstellungen Erwachsener über die Kindheit vermittelt. Für das 19. Jahrhundert können wir auf pädagogische Abhandlungen, Ratgeberliteratur, Belletristik und Kinderliteratur, Kinderzeitschriften, Tagebücher von Eltern und Lehrern, staatliche Gesetze und Satzungen sowie Gemälde und Fotografien zurückgreifen. Diese Quellen sind so vielseitig wie die damit verknüpften Vorstellungen von Kindheit. Eine strikte Trennung von Kind und Kindheit ist aber weder möglich noch sinnvoll. Vielversprechend hingegen sind die Beschreibung und Analyse der Beziehung zwischen »den Ideen über Kindheit und den konkreten Kindheitserfahrungen«, die allerdings meist auf Erinnerungen oder Beobachtungen Erwachsener beruhen.26

Lange Zeit wurde die Kindheit lediglich als »natürliches« Übergangsstadium verstanden: Kinder galten als »unfertige Erwachsene«, die zu sozialisieren waren.27 Dieses Paradigma hielt sich in vielen Disziplinen hartnäckig.28 Eine zentrale Rolle für ein neues Verständnis von Kindheit und für die modernen Childhood Studies spielte ab den 1980er Jahren insbesondere die Soziologie.29 Dabei reichten die für Historikerinnen und Historiker durchaus fruchtbaren Ansätze von einer Auffassung des Kindes »als soziale Konstruktion« bis zu ethnologisch geprägten Herangehensweisen. Kindheit als »soziale Konstruktion« steht für die gesellschaftliche und kulturelle Bedingtheit des Verständnisses von Kindheit.30 Ebenso gibt es Konzepte, die Kinder aus der Perspektive einer »Minderheit« analysieren.31 Ein weiterer Ansatz, der auf den norwegischen Soziologen Jens Qvortrup zurückgeht, versteht Kindheit als feste Größe der Sozialstruktur. Danach handelt es sich bei der Kindheit zwar um eine individuelle Lebensphase, bezogen auf die Gesellschaft aber um ein strukturelles Merkmal, das auch in Phasen ihres Wandels erhalten bleibt.32 Kindern wird zudem in der modernen sozialwissenschaftlichen Forschung eine agency zugeschrieben. Dieser Zugang verändert nicht nur die Konzeption von Kindheit, sondern trägt dazu bei, Kinder als »aktive Partizipanten einer Gesellschaft« wahrzunehmen.33

In der Geschichtswissenschaft erfolgte die »Entdeckung der Kindheit« 1960 mit der Veröffentlichung von Philippe Ariès‹ Monografie »L’enfant et la vie familiale sous l’ancien régime«.34 Ariès‹ Ausgangspunkt war die Kritik am modernen Familienleben. Um die dahingehende Entwicklung zu verstehen, richtete er seinen Blick auf die sich wandelnde Idee von Kindheit. Er vertrat die These, dass es das, was wir Kindheit nennen, nicht immer gegeben habe und das Mittelalter eine Abgrenzung zwischen Kindern und Erwachsenen nicht kannte. Bei aller folgenden Kritik an Ariès‹ Monografie, insbesondere an seiner Quellenbasis und -interpretation, wurde anerkannt, dass sich die Konzeptionen von Kindheit in der historischen Entwicklung verändern.35 Deshalb galt Ariès‹ Buch seit Beginn der 1970er Jahre, mit der Durchsetzung der Sozialgeschichte, als Standardwerk. Seitdem erschien eine Vielzahl von Studien, in denen sich verschiedene Tendenzen ausmachen lassen. Ein Teil der Forscher rückte die Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern in das Zentrum ihrer Untersuchungen: Lloyd de Mause vertrat in seinem 1970 erschienenen Sammelband die Meinung: »Die Geschichte der Kindheit ist ein Albtraum, aus dem wir erst gerade erwachen.«36 Er entwickelte die These, dass die sich verändernden Eltern-Kind-Beziehungen der entscheidende Faktor für die historische Entwicklung seien, und etablierte den bis heute umstrittenen »psychohistorischen« Ansatz.37 Mit Edward Shorters und Lawrence Stones Monografien folgten sozialhistorische Arbeiten, die ebenfalls die sich verändernde Haltung gegenüber Kindern im familiären Kontext ins Visier nahmen.38 Michael Anderson forderte in seiner Studie eine stärkere Kontextualisierung von emotionalen und ökonomisch-demografischen Aspekten, die seit den 1960er Jahren ebenfalls intensiv erforscht wurden.39 Seit den 1980er Jahren wandte sich die historische Forschung zunehmend den konkreten Lebenssituationen von Kindern zu und nahm sie auch als Akteure in den Fokus.40 Die Debatten um die Historiografie der Kindheit halten an. Dies zeigte zuletzt 2020 die Diskussion, die in der »American Historical Review« unter dem Titel »Rethinking the History of Childhood« geführt wurde. Dabei setzten sich fünf Historikerinnen und Historiker aus unterschiedlichen geografischen und theoretischen Perspektiven mit Sarah Mazas Aufsatz »The Kids Aren’t All Right: Historians and the Problem of Childhood« auseinander.41 Maza hatte in ihrem Beitrag dafür plädiert, keine »history of children«, sondern eine »history through children« zu schreiben.42 Dies ermögliche es ihrer Meinung nach Historikerinnen und Historikern, »große Fragen durch kleine Leute zu verfolgen«, weil Kinder oftmals als »Bausteine« für gesellschaftliche und politische Vorhaben und Ziele genutzt wurden.43

Zahlreiche Forschungen widmen sich der »materiellen Kultur« von Kindheit. Untersucht werden in diesem Zusammenhang Spielzeuge, Möbel, Kleidung oder »Landschaften«, die das Leben der Kinder »modellieren« und somit Aussagen über Kinder und Kindheitsvorstellungen zulassen.44

Eine wichtige Ergänzung für die Kindheitsgeschichte ist die Visual History, deren Bedeutung seit dem Iconic Turn stetig zunimmt.45 Bilder, Gemälde und Fotografien können die Kindheitsforschung konstruktiv ergänzen, weshalb sie seit Jahrzehnten für die Kindheitsforschung genutzt werden.46 Vergleichbar mit Texten spiegeln sie eine zeitgenössische Interpretation von Kindheit wider und dienen damit als Projektionsfläche für die Visionen von Erwachsenen.47

Gegenstand und Fragestellung des vorliegenden Buches

Die vorliegende Studie nimmt die bislang kaum systematisch erforschte Kindheit im Russland des 19. Jahrhunderts in den Blick. Dabei beschränkt sie sich nicht auf eine gesellschaftliche Gruppe und wenige Aspekte, sondern versucht dem Phänomen Kindheit in angemessener Breite gerecht zu werden. Für das ausgehende 18. Jahrhundert bis Mitte des 19. Jahrhunderts liegt der Schwerpunkt der Untersuchung auf den Kindheitsvorstellungen des Adels, weil diese richtungsweisend waren und gut dokumentiert sind. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rücken auch andere sozialen Schichten in den Fokus. Die damit verbundenen Kindheitsvorstellungen lassen sich über die pädagogische Fachliteratur und im Umgang staatlicher Akteure und Institutionen mit Kindern erschließen.

Die Studie folgt neueren Zugängen der Childhood Studies, ohne sich auf einen Ansatz zu beschränken, und bezieht auch Aspekte der Visual History ein. Sie betrachtet Kindheit sowohl als soziale Konstruktion als auch als »eine permanente strukturelle Form, innerhalb derer alle Kinder ihre persönliche Kindheitsphase verbringen«.48 Untersucht wird die Kindheit als Lebensphase, die gesellschaftliche Akteure in ihrem jeweiligen Kontext mittels Erziehung gestalteten und als Projektionsfläche für ihre Vorstellungen nutzten. Damit zusammenhängend thematisiert die Arbeit auch die sich ergebenden sozialen Praktiken und deren Aushandlung zwischen Kindern und Erwachsenen.

Diese Herangehensweise vermittelt zweifellos mehr Kenntnisse über die Kindheitsvorstellungen von Erwachsenen als über die Lebens- und Ideenwelt der Kinder selbst. Allerdings eröffnet dieser Zugang, im Sinne Mazas »through children«, die Möglichkeit, nicht nur etwas über Kinder und ihre Kindheit zu erfahren, sondern Kindheit auch als Kategorie zu nutzen, um einen Beitrag zur Kultur- und Gesellschaftsgeschichte Russlands im 19. Jahrhundert zu leisten.49 Dabei soll der Blick insbesondere auf die Verflechtungen mit westeuropäischen Entwicklungen gerichtet werden. Ebenso steht der gesellschaftliche Wandel im Fokus, der sich bedingt durch die staatlichen Modernisierungsbestrebungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollzog. Die Arbeit fragt danach, wie sich in dieser Zeit die Vorstellungen und Praktiken von Kindheit im Russischen Kaiserreich entwickelten und in welcher Form dieser Prozess mit den politischen und sozioökonomischen Entwicklungen korrespondierte.

Im Zusammenhang mit diesem zunächst weitgefächerten Zugang und Anspruch ist vorab zu bemerken, dass es nicht möglich ist, von der Kindheit im 19. Jahrhundert zu sprechen, da die Welt des russischen Adels zwar mit der anderer Schichten, wie etwa der bäuerlichen, verknüpft war, aber doch weit von ihr entfernt lag. In den adligen Familien folgte die Gestaltung der Kindheit einem Muster, das zwar über feste Bestandteile verfügte, aber gleichzeitig in seinen Inhalten einem stetigen Wandel unterworfen war. Es gilt, diesen Wandel, der sich während des 19. Jahrhunderts vollzog, sicht- und erklärbar zu machen. Damit leistet das vorliegende Buch einen Beitrag zur Sozial- und Kulturgeschichte des Adels im Russischen Kaiserreich.

Vor dem Hintergrund, dass spätestens seit der Regierungszeit Peters I. westeuropäische Einflüsse im Russischen Kaiserreich eine essenzielle Rolle spielten, soll ebenfalls untersucht werden, in welchem Maß sie die zeitgenössischen russischen Erziehungsvorstellungen prägten. Gerade wohlhabende adlige Familien orientierten sich bei der Erziehung an der westeuropäischen Kultur. Zu klären ist, ob sie – wie häufig diskutiert – ihre Kinder tatsächlich zu »Fremden im eigenen Land« erzogen oder Kindheiten schufen, die von Verflechtung und Transnationalität geprägt waren.50 Mit der damit einhergehenden Frage nach der Verortung Russlands im europäischen Kontext greift die Arbeit eines der zentralen Themen der Russland-Historiografie auf. Dabei geht es um die ab den 1830er Jahren zwischen »Westlern« und »Slawophilen« vehement geführten Diskussionen, ob sich Russland in seiner Entwicklung an Westeuropa orientieren oder sein Vorbild im alten, orthodoxen Russland suchen sollte.51 In modifizierter Form existiert diese Debatte bis heute.

Während der Reformzeit ab den 1860er Jahren wuchs das öffentliche und professionelle Interesse an der Kindheit anderer sozialer Schichten. Davon zeugen die dynamische Entwicklung der Pädagogik und die vielseitigen Aktivitäten von deren Fachvertretern. Auch das soziale Bewusstsein gegenüber armen Kindern und ihren miserablen Lebensbedingungen nahm zu. Kindheit hörte auf, ein Privileg der Bessergestellten zu sein. Vor diesem Hintergrund sollen sowohl die aufkommenden Kindheitsvorstellungen analysiert als auch hinterfragt werden, wie der Umgang mit Kindern und Kindheit sowie die Modernisierung des russischen Staates zusammenhingen. Zudem gilt es zu klären, über welche Gestaltungsmacht der Staat verfügte, ob die Debatten um Kindheit und Erziehung politisch motiviert waren, in welchem Maß diese Entwicklung auch die adlige Kindheit ergriff und damit unter Umständen einen Beitrag zum Niedergang dieses Stands leistete.

Am Ende werden die verschiedenen Untersuchungsebenen zusammengeführt. Dabei wird nicht nur gezeigt, wie sich Kindheit im Russland des 19. Jahrhunderts entwickelte, sondern auch wie Kindheit unser Wissen über die Verflechtung westeuropäischer und russischer Kultur sowie über die Folgen der staatlichen Modernisierung erweitern kann. Einschränkend sei an dieser Stelle angemerkt, dass sich die vorliegende Arbeit auf das europäische Russland konzentriert und nicht-russische Ethnien insbesondere Polens, Mittelasiens und des Kaukasus nicht berücksichtigt werden konnten.

Forschungsstand zur Kindheit im vorrevolutionären Russland

Das östliche Europa und Russland beziehungsweise die Sowjetunion spielten und spielen in allgemeinen Überblicksdarstellungen zur Geschichte der Kindheit oder einschlägigen Nachschlagewerken kaum eine Rolle.52 Steven Grant sprach 2009 in Hinblick auf Paula Fass‹ »Encyclopedia of Children and Childhood« sogar von einer »Russia gap«.53 Auch Sarah Maze erwähnt in ihrem umfassenden Aufsatz »The Kids Aren’t All Right« keine einzige Studie zur Kindheitsgeschichte in Russland.54 Für diese faktische Nicht-Einbeziehung gibt es mehrere Gründe. Neben der Sprachbarriere wäre an dieser Stelle die offensichtliche Schwierigkeit zu nennen, die russischen Kindheit zwischen westlicher und nicht-westlicher Welt verorten. Zudem galt das Feld der Kindheitsforschung in Russland und für Russland lange als vernachlässigt.55

Eine Beschäftigung mit kulturhistorischen Themen wie der Kindheit in Russland setzte erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ein.56 Inzwischen ist das Thema sowohl im Ausland als auch in Russland in der Forschungslandschaft fest verankert.57 Das Interesse an diesem Thema manifestiert sich beispielsweise in dem seit 2007 an der Russländischen Geisteswissenschaftlichen Universität (RGGU) existierenden Seminar Die Kultur der Kindheit. Normen, Werte und Praktiken sowie der seit 2011 existierenden Working Group Childhood in Eastern Europe, Eurasia and Russia (ChEEER, vormals Working Group on Russian Children’s Literature and Culture, WGRCLC).58

Allerdings gibt es nach wie vor viele Forschungslücken. Bislang ist es insbesondere die sowjetische Kindheit, der russische wie ausländische Forscherinnen und Forscher ihre Aufmerksamkeit schenken. Dies liegt vermutlich sowohl in den leichter zugänglichen Quellen als auch in den Bestrebungen zur Aufarbeitung der eigenen, jüngeren Vergangenheit begründet.59 Forschungen zu Kindheit und angrenzenden Themen liegen bislang für das vorrevolutionäre Russland nur zu Einzelaspekten vor. Catriona Kellys 2007 erschienene Monografie »Die Welt der Kinder«, die den Zeitraum zwischen 1890 und 1991 abdeckt, hatte demzufolge Pioniercharakter. Sie gab einen ersten Überblick über die Geschichte der Kindheit im ausgehenden Zarenreich und belegte ein in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts deutlich anwachsendes Interesse an Kindern sowie eine zunehmende Ausdifferenzierung der Vorstellungen von Kindheit innerhalb der russischen Gesellschaft.60 Elisabeth White publizierte 2020 im Rahmen der Bloomsbury-Reihe »History of Modern Russia« eine »Modern History of Russian Childhood«.61 Dieses Buch belegt die Relevanz der Kindheit für die russische Geschichte. Allerdings legt auch diese aus Sekundärliteratur geschöpfte Überblicksdarstellung ihren Schwerpunkt auf die Zeitspanne vom ausgehenden Zarenreich bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Gut bearbeitet für das vorrevolutionäre Russland sind mittlerweile Themen, die Kindheit im Zusammenhang mit institutioneller Bildung, Kindheitswissenschaften, Pädagogik oder staatlicher Fürsorge beleuchten. Sie fragen nach der Adaption und Diffusion westlichen Einflusses und thematisieren die Bildungsferne der russischen (bäuerlichen) Bevölkerung.62 Zuletzt veröffentlichte Wayne Dowler in besagter Reihe des Bloomsbury-Verlags eine Geschichte der Bildung im modernen Russland, in der er eine Zusammenschau über deren »Ziele, Wege und Ergebnisse« von Peter I. bis Putin gibt.63

Auch zentrale und klassische sozialgeschichtliche Aspekte der Kindheitsgeschichte rückten in den letzten Jahren in den Fokus der Wissenschaftler. Boris Gorshkov untersuchte unlängst in einer schmalen Überblicksdarstellung die industrielle Kinderarbeit im Zarenreich und verwies darauf, dass in Russland zwar die Industrialisierung verspätet eingesetzt hatte, die Gesetzgebung zum Schutz der Kinder aber weitgehend mit der europäischen Entwicklung Schritt hielt.64 Tatjana Mill legte 2010 eine rechtshistorische Studie zur »Entwicklung des Jugendstrafrechts im zaristischen Russland« vor. Auf der Basis publizierter Quellen zeigte sie akribisch, in welcher Form und mit welcher Dynamik nach den Großen Reformen in Fachkreisen die Jugendkriminalität diskutiert wurde.65 In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts befanden sich unterprivilegierte Kinder in russischen Städten häufig in Verhältnissen, die von Ausbeutung, Kriminalität, Prostitution oder Alkoholmissbrauch geprägt waren. Diese Entwicklungen sowie die Versuche von Staat und Gesellschaft, dem entgegenzuwirken, beschrieben Joan Neuberger, Irina Sinova und jüngst Pavel Ščerbinin am Beispiel Tambovs.66

Psychohistorische Ansätze fragten immer wieder nach dem Zusammenhang zwischen der Tradition des Wickelns der Säuglinge und dem russischen Nationalcharakter und wiesen den Eltern-Kind-Beziehungen eine zentrale Rolle zu.67 Dabei gingen Wissenschaftler zunächst von einem sehr negativ geprägten Verhältnis aus. Kinder galten im Extremfall sogar als »Feinde« und litten besonders in der bäuerlichen Welt unter mangelnder Fürsorge.68 Anna Kuxhausens 2013 publizierte Monografie behandelt die Vorstellungen von Kindheit und Erziehung im Russland des 18. Jahrhunderts.69 Anhand von Themen wie Schwangerschaft und Geburtshilfe bis hin zu physischer Entwicklung und moralischer Instruktion unterstreicht die Autorin den Zusammenhang zwischen Erziehung und nationaler Identität. Dabei stützt sie sich vor allem auf die zahlreich erschienene Ratgeberliteratur und knüpft mit diesem Ansatz an Catriona Kellys Werk »Refining Russia« an.70

Die adligen Familien des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts galten als patriarchalisch und autoritär strukturiert. Die Erziehung der Knaben war auf den Staatsdienst, die der Mädchen auf ihre späteren Rollen als Ehefrau und Mutter ausgerichtet. Man ging davon aus, dass Kinder häufig in physischer und emotionaler Distanz zu ihren Eltern aufwuchsen und familiäre Nähe bei ihren Ammen oder Kinderfrauen suchten und fanden.71 Diese lange vorherrschende Meinung wurde in den letzten Jahren hinterfragt. Von Seiten der Literaturwissenschaft verwies Andrew Wachtel auf die Ausbildung des »Mythos der russischen Kindheit« seit der Veröffentlichung der »Pseudoautobiografien« Lev Tolstojs (1852) und Sergej Aksakovs (1858).72 Historikerinnen und Historiker begannen mittels kultur- und alltagsgeschichtlicher Ansätze die häusliche Sphäre des russischen Adels sowie die emotionalen Beziehungsgeflechte innerhalb der Familien neu zu vermessen.73 Sie zeigten, dass Eltern sich um ihre Kinder bemühten, verwiesen auf enge Eltern-Kind-Beziehungen und lieferten damit einen wichtigen Beitrag für eine Ausdifferenzierung des Konzeptes der adligen Kindheit. Besonders zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang die Arbeit John Randolphs. Randolph verfasste die Geschichte der Familie Bakunin auf breiter Quellenbasis und eröffnete durch das Prisma der Familiengeschichte einen neuen Blick auf die russische Geistesgeschichte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Für die vorliegende Studie gab Randolphs Buch einen wichtigen Impuls, da er die Bedeutung des Familienlebens hervorhob und überzeugend zeigte, wie eng die vermeintlich private Sphäre der Familie mit öffentlichen Interessen verbunden war.74

In den vergangenen Jahren rückten gleichfalls die häusliche Erziehung sowie deren wesentliche Akteure in den Vordergrund. Steven Grant beleuchtete erstmals ausführlich die Njanja, die in der russischen Gesellschaft und Kultur so wichtige und omnipräsente Figur der Kinderfrau.75 Sie stellte in vielen Fällen eine wichtige emotionale Bezugsperson für die Kinder dar und wurde gleichzeitig wegen ihrer bäuerlichen Herkunft »ein potentes Symbol der Tugenden des russischen Lebens« und somit ein wichtiges Bindeglied zwischen dem Adel und den Bauern.76 Ein weiterer unabdingbarer Bestandteil adliger Erziehung waren die im Haushalt lebenden ausländischen Gouvernanten und Hauslehrer, die über einen Zeitraum von mehreren Jahren erheblichen Einfluss auf die Kinder haben konnten. Die Forschungen zu diesen beiden Personengruppen spiegeln sowohl familiäre Abläufe, Vorstellungen und Organisation von Erziehung als auch immer die Auseinandersetzung mit der fremden und der eigenen Kultur wider.77 Erziehung und Bildung der Kinder waren eines der zentralen Anliegen innerhalb der Familien und folgten meist festen Mustern.78 Genderorientierte Studien belegen, dass sich auch die Väter aktiv in die Bildung und Erziehung ihrer Kinder einbrachten. Besonders eindrücklich zeigte dies Katherine Pickering-Antonova in ihrer auf Ego-Dokumenten beruhenden Studie der Familie Čichačev.79

Gegenstände neuerer und quellennaher Forschungen sind ferner die rechtliche Stellung von Kindern sowie die besitzrechtlichen Beziehungen innerhalb der adligen Familie.80 Über die Darlegung der gesetzlichen Grundlagen hinaus nutzten Historikerinnen auch für Fragen zur Sorgerechtsproblematik oder zum Status unehelicher adliger Kinder gewinnbringend kulturhistorische Ansätze.81 Anhand zahlreicher Beispiele und unterschiedlicher Quellen arbeiteten sie auf Eltern projizierte Moralvorstellungen sowie individuelle Praktiken im Umgang mit illegitimen Kindern heraus.

Mehrere materialgesättigte Monografien erschienen in den letzten Jahren zu klassischen Gegenständen der materiellen Kultur der Kindheit.82 Dabei beziehen sich die häufig deskriptiven Analysen von Kleidung, Brettspielen und illustrierten Kinderbüchern im Wesentlichen auf die privilegierte adlige Kindheit, weil anderen Gesellschaftsschichten der Besitz und Gebrauch solcher Gegenstände bis zu ihrer Massenproduktion im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts weitgehend verwehrt blieb.83 1830 erschienen erstmals mehr Kinderbücher russischer Autoren als Übersetzungen; eine eigene russische Kinderliteratur begann sich zu entwickeln.84 Ben Hellman verfasste 2013 die letzte Überblicksdarstellung zur Kinderliteratur in Russland und der Sowjetunion.85 Verschiedene Ausstellungen, aufwendig gestaltete Bücher und Bildbände wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Provenienz zeugen ferner von einem regelrechten Boom der visuellen Kultur der russischen Kindheit.86 Allerdings wurden Gemälde und Fotografien bislang kaum systematisch als Quellen herangezogen.87

Die Erforschung der Geschichte der Kindheit im Russischen Kaiserreich nimmt also an Fahrt auf, und die bearbeiteten Themen sind so vielfältig wie das 19. Jahrhundert selbst. Vor diesem Hintergrund erscheint es an der Zeit, den Versuch zu unternehmen, die bestehende Forschungslücke zwischen Kuxhausens und Kellys Studien mit einer Überblicksdarstellung zur Geschichte der Kindheit im Russland des 19. Jahrhunderts zu schließen.

Aufbau des vorliegenden Buches

Für einen möglichst umfassenden Zugang zur Kindheit wird eine größere Zeitspanne im Leben der Kinder, von der Geburt bis circa 12–14 Jahren, betrachtet. Dies bietet den Vorteil, Übergänge, Brüche und Kontinuitäten in verschiedenen Phasen der Kindheit zu erkennen. Diese umfassen: das Säuglingsalter (bis ca. 2 Jahre), die Kindheit (bis ca. 7 Jahre) sowie die Übergangsphase zwischen Kindheit und Jugend sowie die Knaben- beziehungsweise Mädchenjahre (bis ca. 12–15 Jahre).88 In ihrem Schwerpunkt befasst sich die Arbeit mit der Kindheit in der Phase nach dem Säuglingsalter, das heißt ab dem Zeitpunkt, zu dem sich Eltern, familiäre Bezugspersonen oder entsprechendes Personal bemühten, die Kinder gezielt zu erziehen. Dabei werden auch geschlechtsspezifische Charakteristika und Zuschreibungen berücksichtigt.

Um das »lange« 19. Jahrhundert, dessen Ende mit dem Jahr 1914 festgesetzt wird, zu bewältigen, wird das Thema sowohl entlang zeitlicher als auch inhaltlicher Interpretationslinien bearbeitet. Diese erstrecken sich über vier Kapitel, die jeweils in drei Unterkapitel unterteilt sind. Die Arbeit setzt hinführend mit dem 18. Jahrhundert ein (Kapitel 2), betrachtet dann das erste Drittel des 19. Jahrhunderts (Kapitel 3), gefolgt von der Reformära (Kapitel 4), um mit dem ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert (Kapitel 5) ihren Abschluss zu finden. Einschränkend sei angefügt, dass dieses Buch keine erschöpfende Darstellung der Kindheit in Russland bieten kann, weil fast jeder Aspekt des Phänomens Kindheit genug Stoff für eine eigene Studie wäre. Um die Bearbeitung sinnvoll zu gestalten, werden deshalb inhaltliche Schwerpunkte gesetzt. Dies bedeutet keinesfalls, dass die Themen, die weniger intensiv beachtet werden, von nachgeordneter Bedeutung sind. Beispielsweise finden Fragen zu religiöser Erziehung oder zur rechtlichen Stellung von Kindern punktuell durchaus Berücksichtigung, werden aber nicht durchgängig vertieft. Um die fortschreitende Veränderung des Phänomens Kindheit zu fassen, wird oftmals von »Ausdifferenzierung« gesprochen. Angemerkt sei an dieser Stelle, dass dieser Begriff weniger konzeptionell, sondern vielmehr zur Bezeichnung der anhaltenden Auffächerung und Pluralisierung von Feldern, Institutionen und Vorstellungen eingesetzt wird.

Mit Ausnahme des Kapitels über das 18. Jahrhundert sind alle drei folgenden Kapitel nach einem identischen Schema angelegt. Der Einstieg erfolgt immer über visuelle Quellen, weil sowohl Gemälde als auch – für das ausgehende 19. Jahrhundert – Fotografien Ausdruck zeitgenössischer Vorstellungen von Kindheit sind. Anhand der unterschiedlichen Bildzeugnisse werden für den jeweiligen Zeitabschnitt wichtige, die Kindheit betreffende Themen und Darstellungskonventionen herausgearbeitet und im historischen Kontext verortet. Einige der Themen werden im weiteren Verlauf wieder aufgegriffen, um sie im Detail zu untersuchen. Das zweite Unterkapitel rekonstruiert anhand ausgewählter Beispiele adlige Kindheiten und deren Ausprägungen im Detail, um Aussagen zu Werten und deren Wandel treffen zu können. Im dritten Teil der Kapitel richtet sich der Blick auf die vorherrschenden Erziehungskonzepte und die wachsende Professionalisierung der Pädagogik. Zudem werden Publikationen für Kinder untersucht sowie private und staatliche Maßnahmen zur Verbesserung der Situation von Kindern beleuchtet.

Ihren Ausgangspunkt nimmt die Untersuchung im 18. Jahrhundert, weil Kindheit für das 19. Jahrhundert ohne das Wissen um die Entwicklungen im Zeitalter der Aufklärung nicht einzuordnen ist. Dabei geht es zunächst um Vorstellungen von Kindheit bis zur Regierungszeit Katharinas II. (1762–1796). Familiäre Rahmenbedingungen und Erziehungsprinzipien werden ebenso wie Bildungsbestrebungen und neu geschaffene Lehrinstitutionen insbesondere seit der Regierungszeit Peters I. (1682–1725) betrachtet. Unter Katharina II. spielten staatsdienliche Erziehungsansätze eine zentrale Rolle. Dies schlug sich sowohl in Publikationen als auch der Gründung verschiedener Institutionen nieder, zu denen Waisenhäuser und Lehranstalten zählten, darunter das berühmte Smol’nyj-Institut. Neben diesen Einrichtungen wird der zeitgenössische Diskurs zu Fragen von Kindheit, Erziehung und (Aus-)Bildung exemplarisch analysiert. Im letzten Teil des Kapitels geht es darum, in welcher Form Kinder im ausgehenden 18. Jahrhundert sichtbar wurden. Dafür werden Porträts von Kindern und die erste in Russland erschienene Kinderzeitschrift herangezogen und betrachtet, wie sich die Produktion spezieller Kinderbücher im Zarenreich entwickelte.

Für die Kinderporträts des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts werden die Interpretationskategorien »nationales Bewusstsein«, »adlige und bäuerliche Lebenswelten« sowie »Kindheit und Familie« genutzt, um zu verfolgen, wie zentrale zeitgenössische Themen Eingang in die Darstellung von Kindheit fanden. Daran anschließend wendet sich das dritte Kapitel der Kindheit des Slawophilen Jurij Samarin (1819–1876) zu. Das Unterkapitel fragt nach Vorstellungen und Praktiken adliger Erziehung gleichermaßen wie nach der Verortung dieser exemplarischen Kindheit zwischen Russland und Westeuropa. Abschließend richtet sich der Blick sowohl auf die Diskussion von Erziehungskonzepten in verschiedenen, neugegründeten Zeitschriften als auch auf die Anfänge von Kinderliteratur und deren Rezeption im Russischen Kaiserreich.

Das vierte Kapitel behandelt die Ära der Reformen und erfasst eingangs auf ausgewählten Gemälden eine Vielzahl von Kindheitsmotiven. Dabei sind Sozialkritik und gesellschaftlicher Wandel die dominierenden Themen. Das zweite Unterkapitel betrachtet abermals den Adel und untersucht am Beispiel Sergej Šeremetevs (1844–1918), wie adlige Kindheit Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt war und inwieweit gesellschaftliche und politische Veränderungen die damit verbundenen Erziehungsprinzipien erschütterten. Weiter wird der Mythos der russischen adligen Kindheit hinterfragt, dem Lev Tolstoj mit seinem 1852 erschienenen Erstlingswerk »Kindheit« Vorschub leistete. Abschließend thematisiert das Kapitel die sich rapide entwickelnde pädagogische Publikationslandschaft, beschreibt Formen der Lektüreempfehlungen für Kinder und fragt danach, inwieweit die Auseinandersetzung mit Pädagogik und Kindheit politisch motiviert war.

Das ausgehende 19. Jahrhundert und frühe 20. Jahrhundert geben den Zeitrahmen des letzten Kapitels vor, das im Vergleich zu den vorangehenden episodischer angelegt ist. Dies ist sowohl der Quellenlage als auch den dynamischen sozialen, kulturellen und politischen Entwicklungen dieser Phase geschuldet. Mit der Durchsetzung der Fotografie wurden Kinder verstärkt mit der Kamera porträtiert, weshalb im ersten Teilkapitel ausgewählte Fotografien im Hinblick auf die Vorstellungen von Kindheit interpretiert werden. Daran anschließend richtet sich der Blick abermals auf die adlige Kindheit, um zu sehen, wie sehr das gesellschaftspolitische Klima und die ökonomische Situation Einfluss auf Praktiken und Werte der Familien hatten. Dabei überschreitet dieses Unterkapitel die Schwelle von 1917, weil die Entwicklung und der Stellenwert der adligen Kindheit ohne die Einbeziehung des »Russlands jenseits der Grenzen«, der Emigration, nicht darzustellen und einzuordnen sind. Abschließend werden die vielschichtigen Aspekte des gesellschaftlichen und politischen Wandels in ihren Auswirkungen auf die Kindheit im ausgehenden Zarenreich exemplarisch am Beispiel der Entwicklung des Jugendstrafrechts behandelt.

Quellen

Kinder hinterließen selbst nur wenige Textzeugnisse. Überliefert sind zwar von ihnen gefertigte Bilder, Schulmaterialen wie Aufsätze sowie Tagebücher und Briefe. Diese Quellen sind wichtig, aber mit Einschränkungen zu nutzen. Die Aussagekraft der Bilder ist begrenzt; unterrichtsbezogene Materialien wie Aufsätze behandeln häufig Themen, die wenig Aussagen über Kinder und deren Erlebnis- und Vorstellungswelten zulassen. Ausnahmen bilden Aufsätze, die die eigenen Erfahrungen der Kinder in bestimmten Kontexten thematisieren.89 Ego-Dokumente wie Tagebücher und Briefe müssen grundsätzlich im Hinblick auf ihre Entstehung gelesen werden. Im Fall von Kindern gilt dies verstärkt, da insbesondere jüngere Kinder nur bedingt über das schrieben, was sie bewegte. Sie versuchten meist, den Erwartungen Erwachsener gerecht zu werden, und erhielten Vorgaben zur Abfassung der jeweiligen Texte.90

Vor diesem Hintergrund greift das vorliegende Buch hauptsächlich auf Quellen zurück, die von Erwachsenen verfasst wurden. Dabei stellt sich die Frage, wie die Quellen sinnvoll auszuwählen sind, um einen Zugang zur »Kindheit« zu finden. Nachdem »Erziehung« für die Ausgestaltung von Kindheit elementar war und ist, nutzt die Studie in erheblichem Umfang den Zugang über diese Kategorie. Dabei spielen im Russischen – ähnlich wie im Deutschen – drei Begriffe eine wichtige Rolle: Vospitanie bezeichnet Erziehung im moralischen Sinn, obrazovanie steht für akademische beziehungsweise schulische Bildung und obučenie für Unterricht und Ausbildung. Dies gilt grundsätzlich für die Untersuchung der adligen Kindheit wie für andere soziale Schichten. Allerdings sind die adlige Erziehung und die damit verknüpften Vorstellungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zugänglicher als die von nichtadligen Kindern, weil deren Familien ihre Vorstellungen von Kindheit kaum verschriftlichten. Die Aristokratie legte großen Wert auf die standesgemäße Erziehung und Ausbildung ihrer Kinder. Deshalb finden sich in den zahlreichen, bislang aber nur punktuell bearbeiteten Familienarchiven häufig Dokumente, die dies belegen. Dabei variieren die Materialien. Sie reichen von der Korrespondenz der Eltern mit Hauslehrern und Gouvernanten, Unterrichts- und Stundenplänen, Aufsätzen der Kinder, Schreibübungen und Zeugnissen bis hin zu Erziehungsinstruktionen und Erziehungstagebüchern. Formale Lehr- und Unterrichtsmaterialien und Zeugnisse sagen zwar etwas über den bewältigten Stoff und die erbrachten Leistungen der Kinder aus, vermitteln aber wenig Kenntnisse über die Bedeutung, die den Inhalten zugemessen wurde, und die Absichten, die hinter den Erziehungsanstrengungen steckten. In dieser Hinsicht sind Erziehungsinstruktionen, die Korrespondenz zwischen Eltern und Lehrpersonal sowie Erziehungstagebücher deutlich aufschlussreicher.

Als besonders ergiebig für die vorliegende Studie erwiesen sich für die Phasen bis Mitte des 19. Jahrhunderts zwei Dokumente, die nach heutigem Kenntnisstand außergewöhnlich sind. Zum einen handelt es sich um das fast 600-seitige Erziehungstagebuch, das der französische Erzieher und Hauslehrer Jurij Samarins, Adolphe Pascault, zwischen 1824 und 1831 führte.91 Im Vergleich zu anderen vorliegenden Erziehungstagebüchern, die knapp und schematisch gehalten sind, legte der französische Hauslehrer seine Lehr- und Erziehungsziele ausführlich dar, berichtete minutiös über die Entwicklung und das Verhalten seines Zöglings, beschrieb die innerfamiliäre Kommunikation und reflektierte regelmäßig sein Tun.92 Damit liegt eine einzigartige, akribische Beschreibung einer adligen Kindheit vor. Ergänzt wird diese durch das Tagebuch des zeitweise parallel agierenden russischen Hauslehrers. Ebenso liefert die Korrespondenz zwischen den Eltern und Pascault weitere Hinweise.

Zum anderen zeigt die fast vierzigseitige Erziehungsinstruktion, die Dmitrij Šeremetev 1853 für seinen Sohn Sergej formulierte und über die Jahre anpasste, die Vorstellungen von adliger Kindheit Mitte des 19. Jahrhunderts. In diesem Dokument sind sowohl Lehrinhalte, moralische Prinzipien, Maßnahmen zur Ausprägung der politischen Gesinnung sowie Ernährungspläne als auch Vorschriften zur Freizeitgestaltung und Regeln des sozialen Umgangs festgehalten.93 Ergänzend dazu konnten weitere Erziehungsinstruktionen der Familie und die Memoiren, die Sergej Šeremetev über seine Kindheit und Jugend verfasste, herangezogen werden. Zwar haben sowohl Samarins Erziehungstagebuch als auch Sergej Šeremetevs Erziehungsinstruktion in verschiedenen Publikationen knappe Erwähnung gefunden, eine gründliche Analyse liegt bislang jedoch nicht vor.

Neben diesen beiden besonderen Quellenbeständen beruht die vorliegende Untersuchung auf publizierten Textquellen, die sich über unterschiedliche Gattungen verteilen.94 Zu nennen sind staatliche Reglements und Erziehungspläne, die insbesondere im 18. Jahrhundert während der Regierungszeit Katharinas II. im Rahmen der verstärkten Institutionalisierung staatsbürgerlicher Erziehung eine wichtige Rolle spielten. Exemplarisch sei hier auf Ivan Beckojs »Allgemeinen Erziehungsplan« von 1764 oder das Gründungsstatut des Smol’nyj-Instituts verwiesen. Katharina formulierte zudem für ihre Enkel Aleksandr und Konstantin eine ausführliche Erziehungsanweisung, die keinesfalls als privates Dokument zu verstehen ist. Weiter spielen Erziehungsratgeber und Traktate zu Themen der Erziehung wie die von Ekaterina Daškova und Nikolaj Novikov eine wichtige Rolle für das zeitgenössische Verständnis von Kindheit.

Große Bedeutung für die Erschließung der Kindheit im ausgehenden 18. und 19. Jahrhundert kommt Zeitschriften zu.95 Die vorliegende Studie nutzt ein breites Spektrum dieses Quellentyps. Dabei handelt es sich sowohl um Organe, die speziell für Kinder herausgegeben wurden, als auch um Publikationen, die sich mit Fragen der Erziehung auseinandersetzten. Einschränkend sei angemerkt, dass lediglich die Journale hier aufgeführt werden, die für die vorliegende Arbeit einer ausführlichen Analyse unterzogen wurden. Zahlreiche andere werden kursorisch behandelt. An erster Stelle ist die von Novikov initiierte »Kinderlektüre für Herz und Verstand« (»Detskoe čtenie dlja serdca i razuma«) zu nennen. Sie erschien zwischen 1785 und 1789 und war die erste russischsprachige Zeitschrift, die sich explizit an Kinder als Leserinnen und Leser wandte. Für den Beginn des 19. Jahrhunderts wurden mehrere Zeitschriften genutzt: zunächst Nikolaj Karamzins »Bote Europas« (»Vestnik Evropy«), der zwar keine spezifische fachliche Ausrichtung hatte, aber regelmäßig zu Fragen der Erziehung Artikel publizierte. Des Weiteren sind die Journale »Der Patriot« (»Patriot«) und der »Freund der Jugend« (»Drug junošestva«) zu nennen, die sowohl Lektüre für Kinder als auch Abhandlungen über Erziehung enthielten. Einhergehend mit der Herausbildung eines professionellen Interesses an Themen der Erziehung und Kindheit ab Mitte des 19. Jahrhunderts stieg die Zahl der pädagogischen Zeitschriften sprunghaft an, die unterschiedliche Ziele verfolgten und alle gesellschaftlichen Schichten in den Blick nahmen. Das vorliegende Buch stützt sich insbesondere auf folgende Journale: »Zeitschrift für Erziehung« (»Žurnal dlja vospitanija«), »Der Lehrer« (»Učitel‹«), »Die Gouvernante« (»Guvernantka«), Lev Tolstojs »Jasnaja Poljana«, das »Pädagogische Blatt der St. Petersburger Frauengymnasien« (»Pedagogičeskij listok Sankt Peterburgskich ženskich gimnazii«), »Der Kindergarten« (»Detskij sad«) und »Der Bote der Erziehung« (»Vestnik Vospitanija«).

Ergänzend erwies sich die zeitgenössische Auseinandersetzung mit Werken der Kinderliteratur als überaus aufschlussreich. Exemplarisch sei auf die zahlreichen Rezensionen des Literaturkritikers Visarion Belinskij (1811–1848) verwiesen, auf die 1862 erschienene Sammelbesprechung von Feliks Toll‹ und die umfangreiche Bibliografie von Kristina Alčevskaja von 1888. Ihr mehrbändiges Werk zeichnete sich dadurch aus, dass sie auch die Reaktionen von Schülerinnen und Schülern auf das Gelesene einbezog.

Literarische Werke finden in der vorliegenden Arbeit ebenfalls Beachtung. Der Mythos der russischen adligen Kindheit, der sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts entfaltete, ist ohne Lev Tolstojs Trilogie »Kindheit«, »Knabenjahre«, »Jugend« (»Detstvo«, »Otročestvo«, »Junost‹«) und Sergej Aksakovs »Familienchronik« (»Semejnaja Chronika«) und »Die Kinderjahre Bagrovs des Enkels« (»Detskie gody Bagrova-vnuka«) nicht zu verstehen und zu erklären.

Die vorliegende Studie nutzt die im Laufe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts abgefassten Memoiren, die sich immer auch, wenngleich in unterschiedlichem Umfang, der Kindheit widmeten. Für die Spätphase des 19. Jahrhunderts sind sie für die adlige Kindheit besonders bedeutsam, weil für diese Zeit nach heutigem Kenntnisstand weder private Erziehungsinstruktionen noch -tagebücher verfügbar sind. Unter Beachtung der gebotenen Quellenkritik liefern sie wertvolle Binnenansichten. Die Spanne der für das 19. Jahrhundert einbezogenen Autorinnen und Autoren (in Auswahl) reicht von Alexander Herzen, Jurij Samarin, Fedor Buslaev, Boris Čičerin, Nikolaj Vrangel‹ über Vera Figner, Elizaveta Vodovozova bis zu Vladimir Nabokov, Nina Berberova und Sergej Trubeckoj. Für die soziale Situation von Kindern im ausgehenden 19. Jahrhundert boten die Publikationen engagierter Juristen wie Dmitrij Dril‹ und Michail Gernet wertvolle Einblicke. Abschließend sei auf die visuellen Quellen verwiesen, die für die vorliegend Arbeit eine wichtige Rolle spielen. Sie geben der Kindheit im Kontext von historischen Entwicklungen und damit einhergehenden Darstellungskonventionen ein Gesicht. Im Unterschied zu vielen Studien werden Gemälde und Fotografien von Kindern nicht zur Illustration herangezogen, sondern als Quellen systematisch interpretiert. Dabei greift die Arbeit auf bekannte und weniger bekannte Gemälde des ausgehenden 18. bis Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Für die Fotografien werden exemplarisch ein Bildband von 1913, »Die Welt der Kinder« (»Mir Detej«), dessen Auswahl auf einem Wettbewerb basierte, eine sechsbändige Zusammenstellung von Fotografien emigrierter Adelsfamilien (»La Noblesse Russe«) sowie die Kollektion von Fotografien, die über das Internetportal »Die Geschichte Russlands in Fotografien« (»Istorija Rossii v fotografijach«) abrufbar sind, genutzt.

Die Schreibweise der Namen erfolgt nach der deutschen wissenschaftlichen Transliteration. Sehr gebräuchliche Eigennamen – wie beispielsweise die der Zaren – und manche geografische Namen werden in deutscher Schreibung wiedergegeben. Es heißt demzufolge nicht Aleksandr I., sondern Alexander I., nicht Kiev, sondern Kiew.

Die Arbeit greift auf eine Vielzahl publizierter Quellen zurück. Lagen diese in deutscher Übersetzung vor (wie beispielsweise im Fall einiger Memoiren oder Beckojs Erziehungsplan), wurde daraus zitiert und nicht aus dem russischen Original übersetzt.

Alle Übersetzungen im vorliegenden Text wurden, sofern nicht anders angemerkt, von der Verfasserin angefertigt.

2.Kindheit im Zeitalter der Aufklärung in Russland

Um eine Geschichte der Kindheit im Russland des 19. Jahrhunderts zu erzählen, muss der Blick zunächst auf das 18. Jahrhundert gerichtet werden. Dieses gilt auch in Russland als der Zeitraum, in dem im Kontext der Aufklärung die »Entdeckung der Kindheit« erfolgte. Ein wesentlicher Indikator dafür ist das gesellschaftliche und staatliche Interesse an Erziehung und Bildung, an der Formierung »neuer Menschen« vom Kindesalter an. Die Neuerungen des 18. Jahrhunderts treten vor dem Hintergrund der vorpetrinischen, religiös geprägten Vorstellungen von Kindheit deutlich zu Tage, verstehen doch die verfügbaren Quellen aus der Zeit vor 1700 die Kindheit in erster Linie als eine Phase, in der die Voraussetzungen geschaffen werden sollten für eine religiös gefestigte Persönlichkeit als Bestandteil einer patriarchal geordneten und fest in der Gesellschaft verankerten Familie.

Wichtige Quellen, um den Komplex, der die Ausprägung von Kindheit im 18. Jahrhundert maßgeblich konstituiert, zu fassen, sind die staatliche Bildungspolitik und pädagogische Schriften. Wichtige Anhaltspunkte bieten weiter die Malerei und die Entwicklung einer materiellen und intellektuellen Kultur für Kinder in Form von Kleidung, Spielen und Literatur. Für alle diese Bereiche lassen sich seit Peter I. und insbesondere mit der Regierungszeit Katharinas II. entscheidende Dynamiken feststellen und Veränderungen belegen, die weit in das 19. Jahrhundert hineinreichten. Wesentliches Kennzeichen aller angesprochenen Bereiche war der vielfältige Einfluss der europäischen Aufklärung, die im Rahmen eines intensiven Wissens- und Kulturtransfers in Russland Einzug hielt und die Rezeption und Konzeption von Kindheit mitprägte.

Dieses Kapitel stellt nach einer knappen Rückschau auf die Entwicklungen vor 1700 pädagogische Leitdiskurse des 18. Jahrhunderts in Form von Erziehungsplänen, Kinder-Lektüren und staatlichen Maßnahmen wie die Gründung des Smol’nyj-Instituts bei gleichzeitiger »Sichtbarwerdung« von Kindern im Rahmen einer sich ausbildenden materiellen Kultur vor und fragt nach Ansprüchen und Spezifika von Erziehungsvorstellungen und -praktiken. Angesichts des intensiven Transfers westeuropäischen Gedankenguts in fast allen die Kindheit betreffenden Bereichen stellt sich weiter die Frage nach der Existenz einer nationalen, einer russischen Kindheit. Eine Herangehensweise, die die bekannte Dichotomie russisch vs. ausländisch ausspielt, erscheint wenig fruchtbar. Die Ausführungen gehen deshalb von der Annahme aus, dass sich im Russland des 18. Jahrhundert ein bestimmter Typ von Kindheit herausbildete, dessen Spezifik die Transnationalität war – konstituiert durch ausländische Einflüsse einerseits und russische Kultur und Umgebung andererseits.

2.1Kindheit, Erziehung, Schulbildung und pädagogische Vorstellungen bis zur Regierungszeit Katharinas II.

Das Verhältnis von Eltern und Kindern im alten Russland schien von klaren Vorstellungen geprägt gewesen zu sein.96 So zeugen die Kapitel 15–18 des Domostroj, des altrussischen Hausbuches aus dem 16. Jahrhundert, von den auf die Familien projizierten pädagogischen Vorstellungen.97 Dabei hatten Eltern die Pflicht, ihre Kinder »in guter Zucht (und Ordnung) zu erziehen«, sie »Gottesfurcht und Sittsamkeit und jeglichen Anstand zu lehren«.98 Befanden sich die Kinder beiden Geschlechts bis zu ihrem siebten Lebensjahr hauptsächlich unter Aufsicht der Mütter, übernahmen die Väter in Ermangelung eines »formalen Schulsystems« fortan die Ausbildung der Söhne; die berufliche Qualifikation konnte auch außerhalb der Familie erlangt werden.99 Mütter vermittelten ihren Töchtern die Fertigkeiten, die diese für ihr künftiges Dasein als Ehefrau und Mutter benötigten. Generell galten Schläge, nicht anders als im Westeuropa der damaligen Zeit, als probates Erziehungsmittel: »Bei der Unterweisung und Belehrung und (wenn man ihnen) Ratschläge gibt, soll man sie körperlich züchtigen: Züchtige die Kinder in der Jugend, dann verschaffst du dir Ruhe in deinem Alter«, heißt es in Kapitel 15.100 In Kapitel 17 wird nochmals bekräftigt:

»Züchtige deinen Sohn von seiner Jugend an […]. Und werde nicht müde, den Knaben zu schlagen […]. Erziehe ein Kind unter Drohungen, und du findest Frieden und Segen an ihm. […] und laß ihm in der Jugend keine Eigenmächtigkeiten durchgehen, sondern brich ihm die Rippen, solange er heranwächst. Wenn er aber (einmal) verstockt ist, gehorcht er dir nicht (mehr), und er wird dir zum Verdruß und Seelenschmerz; und dein Haus wird abkommen, Hab und Gut verfallen und von den Nachbarn (wirst du) Tadel und Hohn von den Feinden (ernten); von der Obrigkeit (wirst du) Geldbußen und bösen Ärger (erfahren).«101

Im Falle der Töchter ging es hauptsächlich darum, deren Jungfräulichkeit zu bewahren, rechtzeitig die Bereitstellung einer Mitgift zu sichern und den Mädchen Gottesfurcht und Handfertigkeit zu vermitteln.

In dem Essay »Dva vospitanija« (»Zwei Erziehungen« bzw. »Two Childhoods«) hat Vasilij Ključevskij 1893 Vorstellungen von Kindheit im alten Russland und im katharinäischen Zeitalter anhand des Domostroj und Ivan Beckojs Statuten »Über das Aufziehen beider Geschlechter« aus dem Jahr 1764 verglichen.102 Bezüglich des Domostroj unterstrich Ključevskij die Bedeutung der Familie im Sinne einer erweiterten Sippe, als Schule, in der die Väter als Lehrer fungierten. Er hob hervor, dass das altrussische Hausbuch, dessen Anweisung bezüglich der Kindererziehung für einen modernen Menschen mitunter grausam anmutet, Plan und nicht unbedingt Praxis häuslicher Erziehung war und die erwähnten körperlichen Strafen differenziert als Ausdruck pädagogischer Anteilnahme zu betrachten seien: »Es war bekannt, dass eine liebende Hand nicht schlägt, um Schmerz zu verursachen, verletzt dies doch auf jeden Fall denjenigen, der schlägt, mehr als den Geschlagenen.«103 Er unterstrich die Relevanz der anderen im alten Russland gebräuchlichen Erziehungspraxis des »visuellen Modells«, des »gelebten Beispiels«, für das die »moralische Atmosphäre« eine »kontinuierliche Vertiefung« darstellte »bei der das Kind Informationen, Ansichten, Gefühle und Gewohnheiten« aufnehmen konnte.104

Schulen, die öffentlich zugänglich waren, existierten bis zu den 1680er Jahren kaum. In erster Linie war es deshalb Aufgabe der Eltern, ihren Kindern eine elementare Bildung (Lesen, Schreiben, religiöse Unterweisung) zu vermitteln. Vereinzelte Versuche, Kinder zu unterrichten, insbesondere seitens der Kirche, hatte man sich als private Zirkel vorzustellen, »die sich um einige gelehrte Mönche scharten«.105 Dabei kamen die wichtigsten Bildungsimpulse aus der Ukraine. Mit dem Friedensschluss von Andrusovo 1667 wurde die Südwestexpansion des Zarenreiches auf Kosten Polen-Litauens vertraglich besiegelt. Dies führte dazu, dass Russland nun über Bildungseinrichtungen eines Teils der Ukraine verfügte.106 Eine zentrale Institution stellten die von Petr Mohyla nach »west- und mitteleuropäischen, insbesondere an jesuitischen Kollegien« orientierte Akademie in Kiew dar sowie die zum Schutz der Orthodoxie errichteten Bruderschaftsschulen.107 Dabei waren die bis Mitte des 17. Jahrhunderts existierenden Bildungsbemühungen und die Pädagogik im Wesentlichen auf die »Verteidigung des religiösen Glaubens« ausgerichtet.108

In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts begann sich dies mit dem wachsenden Einfluss der Aufklärung zu verändern. In dem pädagogischen Traktat »Graždanstvo obyčaev detskich« (»Die Anerkennung kindlicher Gewohnheiten«) ist zwar als Ziel »die Erziehung im christlichen Geist« neben dem »Studium der freien Wissenschaften« und der »Aneignung prächtiger Gewohnheiten« genannt; das Kapitel zur christlichen Erziehung steht aber erst an dritter Stelle und fällt vergleichsweise knapp aus.109 Alltagspraktische Ratschläge zu Kleidung, Haushalt, Spiel und Konversationspraktiken, die durchaus Parallelen zum Domostroj aufweisen, verleihen dem Text einen weltlichen Charakter. Besonders bedeutsam ist die Schrift, weil sie sich unmittelbar an Kinder wendet und spielerisch-beispielhaft Verhaltensregeln vermittelt. Über die Provenienz des Textes gibt es unterschiedliche Meinungen: Den einen gilt der Text als eine zu Beginn der 1670er Jahre angefertigte Übersetzung von Erasmus von Rotterdams »De civilitate morum puerilium« (1530) durch den in Kiew ausgebildeten Mönch Epifanij Slavineckij. Andere wiederum argumentieren, dass es keine Übersetzung, sondern ein von Epifanij selbst verfasster Text sei. Für den vorliegenden Zusammenhang ist diese Frage zweitrangig.110 Hervorzuheben ist, dass im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts ein russischsprachiger Ratgebertext publiziert wurde, der sich unmittelbar an Kinder richtete, wenngleich auch nicht an alle, sondern, wie der Literaturwissenschaftler und Ethnograf Vladimir Buš 1918 feststellte, insbesondere an den adligen Nachwuchs.111

Im Zuge der skizzierten Entwicklungen kam es zur Formierung eines »säkularen Interesses« am Unterricht und dessen genereller Nützlichkeit.112 Dynamik erfuhr der »Schulgründungsprozess« unter Fedor, dem Sohn Aleksej Michailovičs. Simeon Polockij, Schüler der Kiewer Mohyla-Akademie, Hofpoet und Lehrer des Carevič, setzte sich für die Gründung einer slawisch-lateinischen Akademie in Moskau ein, die allerdings erst nach seinem Tod unter Leitung der Brüder Lichudy ihren Betrieb aufnahm.113 Simeon Polockij war aber nicht nur ein Verfechter der Aufklärung und Initiator einer Lehranstalt; er verfasste auch pädagogische Schriften, in denen er die zentrale, prägende Rolle der Eltern hervorhob: »Gutes wie Böses für die Kinder kommt von den Eltern, nicht von der Natur, durch Lehre, durch das Vorbild der Eltern.«114

Des Weiteren spielten Kinder als Erben in der vorpetrinischen Zeit eine wichtige Rolle. Zwar waren Status und Geschlecht bezüglich des Erbes von Bedeutung, aber auf der Basis von Brauch und Recht wurde immer angestrebt, alle (legitimen) Kinder gleichwertig mit einem Erbteil zu versorgen. Eine Enterbung der Kinder war rechtlich fast unmöglich.115 Das Erben war aus diesem Grund eine der »wichtigen Dominanten in der Geschichte der russischen Kindheit«.116

Kinder waren aber nicht nur aus materieller und statusbezogener Sicht von Bedeutung. Auch im »emotionalen Raum« Familie hatten Kinder offensichtlich schon vor dem 18. Jahrhundert ihren festen Platz, wenngleich die Quellenbasis nur punktuelle Aussagen zulässt.117 Wegen der hohen Kindersterblichkeit beispielsweise waren sogenannte Heiler, Hexen und Zauberer auf die »Behandlung von Säuglingen und Kleinkindern« spezialisiert. Dies bezeugt das Engagement der Familien für die fragile Gesundheit ihrer Nachkommen.118 Briefwechsel aus dem 17. Jahrhundert belegen zudem, dass Interesse, »liebevolle Zuwendung« und fürsorgliche Anteilnahme gegenüber Kindern und deren Wohlbefinden regelmäßig bekundet wurden.119

Kindheit spielte demzufolge schon lange vor dem 18. Jahrhundert eine Rolle in der russischen Kultur und Gesellschaft. Allerdings war die Kindheit über weite Strecken ein Durchgangsstadium, in dem die Voraussetzungen für das Erwachsenenleben im Kontext der herrschenden Wertvorstellungen geschaffen werden sollten. Veränderungen deuteten sich Ende des 17. Jahrhunderts verstärkt an. Deshalb ist Max Okenfuss zu dem Schluss gekommen, dass »die Kindheit […] in Russland in den 1690er Jahren entdeckt [wurde]«.120 Er stellte dies im Zusammenhang mit Karion Istomins Fibel fest, die im Jahr 1696 erschien. Okenfuss begründete seine Feststellung mit dem bis dato nicht üblichen »lebhaften Gebrauch von Grafiken« und Illustrationen, um Kindern Grammatik und Religion nahezubringen. Okenfuss sieht diese Entwicklung in Zusammenhang mit John Lockes Plädoyer für eine radikale Wort-Objekt-Methode, die es Kindern erleichterte, das Lesen zu lernen.121 Diese pädagogische Neuerung spricht für eine Berücksichtigung der kindlichen Lernfähigkeit und somit für eine sich verändernde Wahrnehmung von Kindern.

Utilitarismus unter Peter I.

Unter Peter I. wuchs aus ganz pragmatischen Gründen die Aufmerksamkeit gegenüber Erziehung und Bildung.122 Insbesondere unter dem Eindruck des langwierigen Nordischen Kriegs (1700–1721) sowie angesichts der anhaltenden Schwierigkeiten bei der Reform des russischen Staats wurde deutlich, dass gut ausgebildete Untertanen sowohl für militärische Erfolge als auch für einen politisch funktionierenden und wirtschaftlich mächtigen Staat unabdingbar waren. Neben der Entsendung von Untertanen zu Ausbildungszwecken ins Ausland wurden Schulen geschaffen – häufig mit ausländischen Lehrkräften – mit dem Ziel, dem großen und unmittelbaren Bedarf an technischem Personal gerecht zu werden. Insgesamt war diesen Vorhaben wenig Erfolg beschieden. Einzelne Institutionen wie die 1701 gegründete Moskauer Mathematik- und Navigationsschule bestanden längere Zeit und entwickelten Modellcharakter.123 1714 verfügte Peter per Ukas die Einrichtung mathematischer Elementarschulen, der sogenannten Ziffernschulen. Um das Bildungsniveau künftiger Staatsbediensteter zu heben, ordnete der Zar an, dass für alle Söhne des Adels und des Beamtenstandes der Besuch dieser neugegründeten Schulen verpflichtend sei. Dem folgte die Strafandrohung für die Missachtung des Gesetzes im gleichen Ukas: wer kein Abschlusszeugnis vorweisen konnte, durfte nicht heiraten.124 Der Aufbau der Schulen zog sich allerdings hin, weil die notwendigen Mittel für Ausstattung und Personal fehlten.125 Sie konnten nur mit Unterstützung der Kirche funktionieren und waren wechselnden Reglements bezüglich der Zielgruppe unterworfen. Zudem kamen sie den Bedürfnissen der Bevölkerung wenig entgegen, weshalb ihnen keine dauerhafte Existenz beschieden war.126 Im Hinblick auf die elementare Bildung war das kirchliche Schulwesen erfolgreicher, drang es doch auch an die Peripherie Russlands vor.127 Neben dem Aus- und Umbau von Lehranstalten sprechen bebilderte Publikationen, Fibeln, die nach dem Vorbild Johann Amos Comenius‹ »Orbis pictus« gestaltet waren, für eine wachsende Aufmerksamkeit gegenüber Kindern. Dabei standen die staatlichen, auf die Zukunft ausgerichteten Interessen im Vordergrund: Kindheit wurde als eine effizient zu gestaltende Übergangsperiode und Voraussetzung für ein nützliches Erwachsenenleben angesehen.128 Einhergehend mit den Bildungs- und Modernisierungsbestrebungen entwickelte sich auch der pädagogisch-philosophische Diskurs weiter. Er betonte die Wahrnehmung von Kindheit als prägende Lebensphase, die darauf abzielte, einen »neuen Typ von russischem Bürger« zu schaffen.129 Zum Ausdruck kam dies in dem 1717 von Peter angeregten und in sieben Auflagen erschienenen Ratgeber »Junosti čestnoe zercalo ili pokazanie k žitejskomu ochoždeniju« (»Der ehrenhafte Spiegel der Jugend oder Angaben zum alltäglichen Leben«), der neben Bibelauszügen und Heiligenlegenden auch von westlichen Quellen entlehnte weltliche Benimmregeln für junge Adlige enthielt. Unter anderem wurde empfohlen, bei Tisch »nicht wie ein Schwein zu fressen«, »sich nicht die Finger abzulecken« und »um seinen Teller keinen Zaun aus Knochen, Rinden oder Brot zu errichten«.130 Weiter sollten im Hinblick auf eine Karriere am Hof Fremdsprachen und Tänze erlernt werden.131 Die »Kombination von Lehrbuch, Katechismus und säkular geprägten Handlungsanweisungen sowie der Adressatenkreis«, der Adel, machten den Ratgeber zu etwas »qualitativ Neuem« im Kontext der Erziehungsschriften des Zarenreiches.132 Ebenfalls große Verbreitung fand das Unterweisungsbuch »Pervoe učenie otrokom« (»Die erste Lehre des Knaben«) des Theologen und Kirchenpolitikers Feofan Prokopovič.133 Zwischen 1720 und 1724 erschien es in insgesamt 14 Auflagen. Es richtete sich an ein breiteres Publikum und propagierte eine hierarchische Erziehung zum Wohle von Familie und Staat.134 Erziehung und Bildung wurde ebenfalls im »Geistlichen Reglement« von 1721 thematisiert, dessen Autor zu weiten Teilen ebenfalls Prokopovič war. Neben Lehrplänen fanden sich Anweisungen für die geistlichen Seminare, bestimmt für Schüler zwischen 10 und 15 Jahren. Die Schüler sollten die Schulen drei Jahre lang besuchen, um »die offensichtlichen Vorteile einer solchen Erziehung« schätzen zu lernen.135 Die petrinische Zeit brachte bei allen unternommenen Anstrengungen und zunehmendem Interesse an Kindern keine allgemein gültige neue Konzeption von Kindheit hervor. Allerdings deutet sich in der pragmatischen Ausrichtung von Erziehung und Bildung auf die künftige Tätigkeit der Kinder an, dass zumindest für Teile der Bevölkerung –hauptsächlich für den Nachwuchs von Adligen, Geistlichen und Beamten – die Schulen zu einem Mittel der Erziehung wurden. Kinder erhielten nicht länger nur durch das Beisammensein mit Erwachsenen eine Ausbildung und Erziehung.136

Staatliches Engagement im Bildungswesen nach 1725

Für die Jahre zwischen Peters Tod und der Regierungszeit Katharinas II. kann man nur bedingt von einer Weiterentwicklung des Bildungswesens sprechen.137 Die geistlichen Schulen erfuhren relativ kontinuierliche Aufmerksamkeit durch die Kaiserinnen Anna und Elisabeth; Gymnasien wurden mit durchwachsenem Erfolg eröffnet, einige der von Peter gegründeten Fachschulen wurden aufgelöst, andere, wie die Ziffernschulen, gingen in neuen Schultypen auf, in diesem Fall in den Garnisonsschulen für die Kinder von Soldaten.138 Adelskorps wurden gegründet, ebenfalls auf der Basis von bestehenden Fachschulen. Sie trugen bei allen Problemen und Mängeln zur Europäisierung des Adels bei. Das Lehrprogramm für die 13- bis 18-jährigen Zöglinge war den Bildungsplänen westeuropäischer militärischer Lehranstalten, insbesondere Frankreichs, Dänemarks und Preußen entlehnt. Die russischen Kadettenanstalten verfolgten einen breiten Bildungsanspruch, um ihre Absolventen nicht nur auf eine militärische Karriere, sondern auch auf eine Tätigkeit in der Zivilverwaltung vorzubereiten. Neben militärischen Fachkenntnissen vermittelten die Korps die wesentlichen Komponenten adliger Erziehung: Jurisprudenz, Fremdsprachen, Geschichte, Tanzen, Reiten und Fechten.139 Dem Landkadettenkorps kam mit seiner umfangreichen Bibliothek und seinen Theateraufführungen große Bedeutung im kulturellen Leben Petersburgs zu.140

Vereinzelt kamen auch Leibeigene in den Genuss von Bildung.141 Einige gutsbesitzende Adlige, wie die Kurakins, unterhielten ihre eigenen Schulen. Hier wurden ihre Leibeigenen zum Zwecke der Unterhaltung zu Musikern und Künstlern ausgebildet oder ihnen wurden Kenntnisse des Lesens und Schreibens vermittelt, um sie zur Unterstützung bei der Verwaltung der Güter heranziehen zu können.142 In ihrem Ukas zur Gründung der Moskauer Universität und der beiden zugehörigen Gymnasien 1755 unterstrich Kaiserin Elisabeth die Verbindung von Moral und Erziehung, von Patriotismus, staatlichem Wohlergehen und Bildung. Sie vertrat die Ansicht, dass häusliche Erziehung ungeeignet war, künftige Staatsbedienstete adäquat auszubilden. Diese sei sogar eine »Zeitverschwendung«, da die »jungen Jahre« für den Unterricht am geeignetsten seien und deshalb der Besuch entsprechender Lehranstalten ermöglicht werden sollte.143 Pädagogisches Gedankengut entwickelte sich auch nach Peters Tod. Vasilij Tatiščev, der als erster Historiker Russlands gilt, nutzte 1733 die zur damaligen Zeit weitverbreitete Form des Dialogs, um in dem »Gespräch zweier Freunde über den Nutzen von Wissenschaft und Schulen« seine Ansichten zu formulieren.144 Die Fragen und Antworten verwiesen auf die Notwendigkeit von Bildung – insbesondere für den Adel – zum Nutzen des Staates. Zudem umriss Tatiščev seine Vorstellungen von Lehranstalten.145 In den moralischen Instruktionen (»Duchovnaja moemu synu«), ein »fingiertes Testament« für seinen Sohn Efgav, ebenfalls ein übliches literarisches Genre der Zeit, betonte er 1734 neben der Notwendigkeit, moralische und religiöse Werte zu achten, den Wert von Kenntnissen der Geschichte und Geografie Russlands und gab Anweisungen für ein gutes Familienleben.146

Eine Intensivierung der Fragen von Bildung und Erziehung setzte Mitte des Jahrhunderts ein.147 Michail Lomonosov, Universalgelehrter, Reformer der russischen Sprache und neben Ivan Šuvalov Mitinitiator der 1755 gegründeten Moskauer Universität, engagierte sich für ein »Russland-orientiertes Lernprogramm« und publizierte in den zwischen 1755 und 1764 erschienenen »Monatlichen Abhandlungen« (»Ežemesjačnye sočinenija«) zu Fragen von Bildung und Erziehung.148 In der Zeitschrift wurden sowohl russische Originalbeiträge als auch Übersetzungen und Rezensionen westeuropäischer pädagogischer Literatur unterschiedlicher und mitunter streitbarer Richtungen publiziert. Damit wurden zeitgenössische Fragen auch einer der Fremdsprachen nicht mächtigen interessierten Leserschaft zugänglich gemacht.149 Antike Autoren (Aristoteles, Platon, Sokrates) mit ihrer »Vermittlung von Werten und moralischer Lebensführung bei gleichzeitiger Betonung der Pflichten des Bürgers gegenüber dem Staatswesen« fanden ebenfalls im Repertoire der Zeitschrift große Beachtung.150