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Berliner auf ihren Events der Beliebigkeit wissen alles, feiern sich selbst, schauen auf sich und immer weg. Da passiert es: Eine Mutter aus Potsdam begeht mit ihrem Sportflugzeug am Flugplatz Ruppiner Land Selbstmord. Mit drei zunächst nichtsahnenden jungen Frauen stürzt sie geplant ab. Unter den ersten Zeugen sind die Erinnyen, die das Mutterrecht vertreten. Für sie ist dies der Fluch, der sie nach ihrem alten Gesetz zwingt, die Mutter zu rächen. Sohn Frowin erzählt von dem Auf und Ab seiner Mutter, die als gebildetes Anhängsel ihres Ehemanns unter der Leere sozialer Kontakte, dem Selbstgefallen, dem Folgenlosen und dem Chic des Weinerlichen im Mantel der Charakterlosigkeit leidet. Sie sucht und verliert sich. Frowin lebt und arbeitet in dieser Liga der Teilnahmslosen. Sarkasmus und Eigenbrötelei charakterisieren seine Selbstbehauptung. Während Frowin noch im Nebel der Selbstgefälligkeit steckt, erkennt der Leser: Die Katastrophe ist Teil der heutigen Beliebigkeiten und des Folgenlosen.
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Seitenzahl: 248
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Berliner auf ihren Events der Beliebigkeit wissen alles, feiern sich selbst, schauen auf sich und immer weg. Da passiert es: Eine Mutter aus Potsdam begeht mit ihrem Sportflugzeug am Flugplatz Ruppiner Land Selbstmord. Mit drei nichts ahnenden jungen Frauen stürzt sie geplant ab.
Unter den ersten Zeugen sind die Erinnyen, die das Mutterrecht vertreten. Für sie ist dies der Fluch, der sie auffordert, die Mutter zu rächen. „Der Selbstmord kann dem Geschädigten als Instrument der Rache dienen und damit die Macht des allfälligen Fluches noch verstärken.“
Sohn Frowin erzählt von dem Auf und Ab seiner Mutter, die als gebildetes Anhängsel ihres Ehemanns unter der Leere sozialer Kontakte, dem Selbstgefallen, dem Folgenlosen und dem Chic des Weinerlichen im Mantel der Charakterlosigkeit leidet. Sie sucht und verliert sich.
Frowin lebt und arbeitet in dieser Liga der Teilnahmslosen. Sarkasmus und Eigenbrötelei charakterisieren seine Selbstbehauptung. Während Frowin noch im Nebel der Selbstgefälligkeit steckt, erkennt der Leser: Die Katastrophe ist Teil der heutigen Beliebigkeiten und des Folgenlosen.
Udo Stähler, Potsdam, lebte und arbeitete in deutschen Metropolen von Berlin und Hamburg bis Stuttgart. Er ist Theater- und Büchernarr. Über 30 Jahre hat er in leitenden Positionen erfahren, welche Mühsal die Selbstdarstellung und -behauptung bei Aktivisten und Zaungästen auf ihren Events bedeutet. Udo Stähler ist verheiratet und wird ab 2018 als Privatier überwiegend schriftstellerisch arbeiten.
Frowin
Anpassen, ohne sich anzupassen. Betrachtet mit Sarkasmus seine Umwelt. Eigenbrötler. Mitarbeiter im Backoffice einer Werbeagentur.
Mutter
Fügt sich als Frau eines Unternehmers. Lebt zwischen dieser Fassade und dem Lebenstraum als Kunstfliegerin. Alte Werte und Literatur sind die Pfeiler ihrer Trutzburg.
Nik
Alerter sympathischer Snob. Mit sich zufrieden. Herausgeber des CATILINA, einem Magazin gegen die Engstirnigkeit.
Galatea
Erfolgreiche Kommunikations-Beraterin.
Luisa
Frowins jüngere Schwester. Deutlich geschmeidiger im Umgang mit der Welt der Beliebigkeit.
Erinnyen, Eumeniden
Alekto, Alissa
Megaira, Magya
Tisiphone, Tia-Sophie
Die Erinnyen sind die Rachegöttinnen in der noch matriarchalischen griechischen Mythologie. Sie vertreten auch in ihrer heutigen Erscheinung diese alten Gesetze und Werte. Die Eumeniden sind ihre gezähmten Nachfolgerinnen im Patriarchat.
Die Tat
Die Rache
Als die Nase des Sportflugzeuges sich letztmals neigt, war das Abenteuer zu Ende. Die untergehende Sonne, die am Berliner Horizont letzte Blutorangen auf den Dachrissen sterben lässt, spiegelt sich nicht mehr auf den Gläsern der Designerbrillen. Die schärfer werdenden Schatten kontrastieren die bleichen Gesichter hinter den dunklen Gläsern der drei Grazien. Flatternde Mäulchen werden Schraubstöcke für Lippen in rouge feu, schwarz- und karminrot. Selbst die Pilotin erstarrt im prämortalen Stuka-Jaulen.
iiiiiiiIIIIIII|||||||hhhhhhhaaaaaaa
„Ist der Fluch schon ausgesprochen, wenn sie weiß, dass sie es tut?“
„Die Freude der Entschlossenheit auf ihrem Antlitz, Megaira, ist Entsetzen gewichen. Haben Zweifel ihre Entscheidung entkräftet?“ Alekto, ihre Schwester, erwartet keine Antwort, denn nicht Interpretationen bestimmen das Handeln der Erinnyen, sondern das alte Gesetz. Das Gesetz, das die Rachegöttinnen verpflichtet.
Eigentlich möchten Megaira und Alekto nur sie selbst sein. Und das seit über 2651 Jahren. Wer will das nicht? Megaira beobachtet mit Widerwillen und feuchten Lefzen das Ende des Abenteuers der drei Grazien und ihrer Pilotin; Alekto möchte nichts weiter als sich ihrem Schicksal beugen, das die Pilotin der drei, die auf den Passagiersitzen einnässen, in der Hand hat; genau genommen in der Hand, die den Steuerknüppel entschieden nach vorne drückt. Tisiphone, die dritte im Bunde, knufft die Beiden zurecht: „Die Ermordeten strafen die Mörder. Daher weht der Wind. Nicht die Vorfreude am Blut der Opfer oder am erwarteten Schicksal Unbeteiligter nährt unseren Auftrag. Besinnt euch und handelt dann. Zuvor schafft Klarheit; wer gibt den Anlass für die Verfluchung? Geht diese direkt aus dem Selbstmord der Pilotin hervor oder müssen wir möglicherweise die Interessen lebender Personen vertreten?“
Während Tisiphone zu ihren Gefährtinnen so sprach, wird der Fluch ausgesprochen.
Wir plaudern auf dem Flugplatz Ruppiner Land über die Dampfplauderer im und vor dem Hangar, die heute kein Event in Berlin oder Potsdam beehren, sondern sich als Tandem-Springer Abenteuerlust vormachen wollen. Die Katastrophe, die sich in der Luft anbahnt, ist noch nicht auf dem Schirm der Lotsen des Belanglosen. Noch beherrscht der Austausch von Beliebigkeiten die Stimmung, bald wird er in die Bewältigung des Entsetzlichen gestürzt. Um sodann wieder in seinem gewohnten Format das Geschehene zu beurteilen, Opfer und Täter zu identifizieren, zu klassifizieren und küss die Hand. Noch ahnt keiner von uns, was passieren wird und erst recht nicht, dass ausgerechnet die Erinnyen und ich, ihr noch nichts ahnender irdischer Helfer, dem Eventmanagement einen Strich durch die Rechnung machen werden.
„Hej Fabian, kannst Du mal für einen Augenblick Deine Bemühungen unterbrechen, meine Schwester mit Deiner Unwiderstehlichkeit zu blenden!“ Ich hatte drei Gläser prickelnden Chardonnay geholt und halte Luisa und Fabian zwei hin. Luisa strahlt erleichtert; die willkommene Unterbrechung von Fabians Muskelshirt-Small-Talk mit einem guten Winzersekt kam unmittelbar, bevor sie entweder auf Porsche-Beifahrerin oder auf populistische Pressesprecherin umgeschaltet hätte, um Fabian auf ihre Art zu zeigen, dass das so mit ihr nur geht, solange sie selbst Spaß daran hat.
Es ist diese geschickte Wandlung der eigenen Verhaltensmuster, die meine Schwester Luisa zur erfrischenden Außenseiterin macht im Club der Großmeister und natürlich Großmeisterinnen des folgenlosen Dampfplauderns, die sich zur Selbstdarstellung meist nur auf ein bestimmtes Verhaltensmuster aus dem Regal der charakterlosen Knalltüten, natürlich mit individuellem Einstecktuch, beschränken.
Das Handwerk des Entblödens mit wehender Toga, garniert mit anglophilen und, je nach Einstecktuch, altgriechischen Tupfern, hat geschlechterspezifisch weiterhin unterschiedliche Werkzeuge. Die Annäherungen, nicht immer sind es emanzipatorische Errungenschaften, sind größer geworden, doch geschlechtsspezifische Arenen wie Zickenkrieg oder Wer-hat-den-Längsten haben ihre hegemoniale Position im dʒɛndɐ-, englisch gender-life, schlicht im Wandel der Kultur der Geschlechter erhalten. Wenn wir Jungs uns dort crossfunktional zu bewähren versuchen, ist es noch peinlicher, wenn ihr nicht schwul seid. Umgekehrt genauso, wenn ihr nicht der Mann seid.
Zurück zu Luisa und ihrer Charakterstärke, die sie von den Großmeisterinnen des Beliebigen sofort unterscheidet. Luisa hört zu. Sie hat auch Fabian zugehört. Sie mag Fabian. Ob sie weiß, dass ich weiß, warum, weiß ich nicht. Ich mag Fabian auch. Aber nicht aus den Gründen, die für Luisa den Ausschlag geben, glaub ich. In einem Satz: es tut mir gut, wenn jemand ein Bier mit Boulette, aber mit Senf, und keinen Negroamaro, aber -falls der nicht da ist, was ja ma -ähemm- passieren kann, na ja- keinen Primitivo und nicht aus 2015, dazu ein Stück Parmigiano Reggiano, 36 Monate, nicht älter, nicht schneiden, brechen! und dazu viiieel wildem Spargel bestellt. Damit ich nicht falsch verstanden werde: ich trinke gerne Wein, im Winter mehr roten und im Sommer mehr weißen. Es geht auch nicht um, ob Bier oder Wein, sondern um den dramaturgischen Auftritt beim Bestell- und Verzehrvorgang. Da ich die alles beherrschende Beliebigkeit des zu dem Thema des Abends gewordenen Small-Talks nur mit edlem Rebensaft ertrage, ist für mich der Respekt vor liebevoll vergorenen Trauben gelegentlich Anlass, dem Auftritt innerlich fern, um dem Wein verbunden zu bleiben.
Will sagen: Und darum mag ich Fabian.
Wieso wollte dann Luisa auf Porsche-Beifahrerin oder populistische Pressesprecherin umschalten? Ganz einfach. Ihr ahnt’s schon. Fabian ist heterosexuell ohne wehende Toga. Ich weiß bis heute nicht, woran das nun wieder liegt, nicht seine Heterosexualität, sondern ganz allgemein die Konsequenzen daraus für das soziale Interagieren mit den Genderinnen. Wir sind doch eigentlich ganz intelligente Kerlchen und selbst, wenn nicht sehr, dann doch nicht so wenig, wie es den Anschein hat, wenn wir baggern. Herrschaftszeiten. Insofern habe ich auch Fabian geholfen mit den Gläsern Chardonnay. Das wäre eben nicht in die Hose gegangen und dann wieder doch.
Denn wenn Luisa, meine Schwester, gleiche Sozialisation, gleiche Bildung und so, dem Fabian schon die populistische Pressesprecherin -dass mit der Porsche-Beifahrerin ist ein zum Missverständnis neigendes Beispiel, denn weder Porsche-Fahrerin noch Porsche selbst löst bei mir despektierliche Assoziationen aus; denke da eher an Zielstrebigkeit auf schönen Beinen- gemacht hätte, wäre das mit dem Chardonnay-Sekt zu spät gewesen.
Dem Fabian, ob mit Bier und Boulette oder Chardonnay-Sekt und Avocado-Chili meinetwegen, wäre das Selbstgefallen beim Schwadronieren der populistischen Pressesprecherin Luisa als Tsunami des Weinerlichen dermaßen was von übergeschwappt… Und mich hätte er entnervt gefragt: „Gibt’s hier auch Bier?“
„Brüderchen, aufwachen, die Show hat begonnen!“ Luisa und Fabian, beide mit dem Große-Geschwister-passen-auf-KleinFrowin-auf-Blick, beugen sich mir in die Sonne.
– stutz – schüttel –
„Bin ich froh, dass Du kein Bier hast, Fabian.“ Großer-Bruder-Blick aus. Fabian verdutzt. „Frowin, manchmal, um nicht zu sagen, oft, sind mir Deine Statements zu abgehoben. Aber es freut mich, wenn ich Dir durch kleine Verzichte eine große Freude mache.“
„Das geschwollene Gerede passt nicht zu Dir.“
„Also nochmal: Du bringst mir ein Glas Sekt, sinnierst still vor Dich hin, wer weiß, wo Du mit Deinen Gedanken warst, und freust Dich, dass ich kein Bier hab. Wo haben wir Dich da rausgeholt?“
Augenreib. „Gerade habe ich darüber nachgedacht, dass wir, dass Du und Luisa und ich in diesem Haufen von Desinteressierten doch Außenseiter sind, obwohl wir selbst in dieser Brühe mitschwimmen.“
„Kannst Du das mal in meinen Worten sagen?“
„Also Du und Luisa, ihr habt Euch unterhalten. Ich hab‘ davon nichts mitgekriegt. Aber ich weiß, ihr hört Euch zu und gebt etwas preis. Da geht was ab. Das ist etwas Anderes als das ritualisierte Nichts-sagen, an dem auch wir irgendwie teilnehmen.“
„Und deshalb freust Du Dich, dass ich kein Bier trinke?“
iiiiiiiIIIIIIIhhhhhhhaaaooommmmmmm
„Die werden abkotzen“. Helge ist begeistert. Ich dreh‘ mich zu dem Flugzeug, das am Himmel eine Show macht, die den besten ILA-Kunstflügen das Wasser reichen kann. „Das ist Leben, Freunde. Fällt da die Kiste wie vom Himmel!! Alle Urerfahrungen menschlicher Verletzbarkeit drücken dir im wahrsten Sinne des Wortes gegen den Schädel. Und dann der Turn-Around. Ob Börsenmakler das ebenso spüren, wenn sie im Handelsraum Pirouetten drehen? Ob sie im Job auch manchmal kotzen müssen? Was ist dagegen Tandem-Springen?“ Die Gruppe von Zuschauern hatte sich bereits vergrößert. Sie müssen aus dem Bistro gekommen sein oder aus dem Hangar, in dem die Tandem-Springer auf einen Flug warten; immer mehr Schaulustige kommen. Mich haben Mutters Flüge -der Flieger am Himmel, der zumindest Helge fasziniert, wird von meiner Mutter geflogenimmer beeindruckt und zugleich ein wenig erschreckt. Dieser Nahtod-Turn-Around-Schmarren von Helge, dem Vielflieger mit Senator-Card, Partner meines Chefs, wird heute Abend sicher noch mal zu hören sein.
Selbst habe ich nur wenige Flüge mit Mutter gemacht. Meist in ihrer Dullach Sunwheel, einer kleinen Einladung zum Waghalsigen. Sie war es auch, die mich zum Fliegen gebracht hat. Meine Mutter ist begeisterte Fliegerin. Ihr zuliebe habe ich den Pilotenschein gemacht. Auch die Piper, deren Luftsprünge Helge noch entzücken, werde ich irgendwann ‘mal erben. Au fein, Frowin Piper&Dullach Ltd. Sonst nichts. Denn mehr gibt es nicht mehr. Nach dem Tod meines Vaters, der einen Werkzeug- und Maschinenbetrieb in Babelsberg hatte, war der Firmen-Verkauf Mutters höchste Aktivität nach Jahren des einfach da Seins, diese Verkaufsanstrengung wurde nur unterbrochen von der Beerdigung. Das war vor einem Jahr. Beides, Firmen- und Gattenbeerdigung, waren gleich wichtig für meine Mutter. Das Haus in Griebnitzsee hat sie inzwischen auch verkauft, sonst hätte sie es vermutlich ausräuchern wollen. Oh weia, was muss ich da nicht alles nicht mitgekriegt haben, was da abging oder auch nicht abging in dieser Ehe. Na und jetzt die Mutter mit der Piper und seit dem Hausverkauf mit neuem Lebensgefährten in Babelsberg. Da gibt es einen Zusammenhang, nicht der Makler, der Schreinermeister; der das meiste renoviert hat. Und ich eine Eigentumswohnung in der Brandenburger Vorstadt. Alles suppi.
Eh ihr euch jetzt fragt: ich hatte keine schlechte Kindheit. Frowin der Ältere. Ist nicht unbedingt optimal, wenn die Jüngere mehr draufhat, als ihr selbst; und euch altersmäßig sowieso immer dicht auf den Fersen ist. Dazu kommt noch, dass Mädchen schneller in der Entwicklung sein sollen. Die Gespräche im Familienkreis hatten ihren thematischen Schwerpunkt bei logistischen Fragestellungen. Wer ist wann wo und warum nicht. Letzteres besetzte Mutter. Das mit den gesellschaftlichen Verpflichtungen war nicht so ihr Ding. Obwohl: Sie hat sich immer gefreut, wenn sie alles vorbereiten und planen konnte. Und bei Einladungen hat sie sich um die Kinder gekümmert. Luisa war der gute Vollzeit-Hausgeist, bis sie in Hamburg zu studieren begann, dort auch wohnte und nun in Berlin arbeitet; sie wohnt am Zionskirchplatz. Ich war in Griebnitzsee anfangs zu den Essenzeiten und nachts, dann nur noch nachts, seit ich Wohnungseigentümer bin, manchmal, manchmal öfter zum Mittagessen bei Mutter.
iiiiiiiIIIIIIIhhhhhhhaaaooommmmmmm
Diesmal schwieg sogar Helge. Sein Entzücken bleibt in seinem offenen Mund stecken. Luisa nimmt meinen Arm. Fabian geht zu der Gruppe potenzieller Tandem-Springer, die plötzlich alle ihren Gurt nachzogen.
„Das ist die Vorübung. Wer die überlebt, darf Tandemspringen.“ Betretene Begeisterung. Selbst die Heldinnen und Helden -hier verdienen beide eine eigene Ansprache- unter den Tandem-Springern -jetzt bloß nicht wieder mit Genderschnack ablenkenmüssen einen Moment ihre Nerven massieren, bevor der Unternehmensberater, und es ist ein Unternehmensberater, denn wer trägt schon sein iPear im Gore-Tex-Brustbeutel und parkt seinen Porsche Cabrio im 20°-Winkel mit eingeschlagenen 265ern auf dem Trennstreifen, reflyted: „Willst Du mal mein Selfie vom Bungee Jumping am Alexanderplatz sehen?“ Respekt, angefressen noch relaxed reagieren, ich sag doch: Unternehmensberater. Das machen die bei ihren Kunden auch so. Training ist Training.
Unser Unternehmensberater plantschte zu sehr im Bad seines Refly’s, um wirklich zu verstehen, dass Fabian diese Steilvorlage nicht ungenutzt lassen wird. „Sorry, aber da habe ich jetzt eine Verständnisfrage, weil ich kein Vielflieger bin. Gibt es für die Helden des Fliegens noch etwas nach Bungee-Jumping?“
Weiter braucht Fabian gar nicht zu reden, denn alle Augen und Ohren kleben an der Piper PA28, die schon wieder unter den Wolken die Tandem-Eignung der drei Grazien, ihrer Passagiere, testet. „Ich glaub’s nicht. Also ich glaub’s nicht. Die dreht keine Pirouetten, die dreht durch. Frowin, mach doch was!“ Helges stecken gebliebenes Entzücken kam als Entsetzen wieder aus seinem Mund. Ich sehe fassungslos, wie Mutter ihre Passagiere offensichtlich überfordert. Nebenbei: Euphemistische Vernebelung ist eine meiner Stärken.
„Mutter beherrscht die Maschine.“
Ja. Sie beherrscht sie. Auf dem Flugplatz Ruppiner Land wird niemand verletzt.
Wir sehen aus dem Dunkel, was aus dem Hellen kommt. Die Piper PA28 wird von der Pilotin professionell mit 80° auf der Landebahn aufgesetzt, rund 1300 Meter vom Hangar entfernt. Nah bei unseren Löchern.
Wir müssten also nicht weit gehen. Sie sind zu uns gekommen. Sogar ein Stück in die Erde. Die Hitze, das Feuer, nimmt keiner mehr Leben. Wir wollen die Flugplatz-Feuerwehr nicht irritieren und verharren also in der Erde. Selbst uns würde ein Anblick nicht weiterhelfen. Die Freude der Entschlossenheit im Antlitz der Pilotin ist verschmolzen mit dem Metallgerüst der Piper PA28. Megaira, die Blutrünstige, denkt an Terminator 3. Und tatsächlich, wir werden die Pilotin mit kaltem Blick ihren Mördern oder Mörderinnen gegenüberstellen. Wir haben den Fluch, wir sind die Erinnyen der Selbstmörderin. Für alles andere mögen andere zuständig sein.
Es ist wieder Tisiphone, die Planerin, die systematische, kühle unter uns Wüterinnen, die mahnt, nicht zu handeln, eh nicht entschieden ist, welche Auftraggeberin oder welchen Auftraggeber wir haben. „Der Selbstmord kann dem Geschädigten als Instrument der Rache dienen und damit die Macht des allfälligen Fluches noch verstärken.“ So verkündet Tisiphone die Leitung unseres Vorhabens: sie wird die Anführerin sein. Für uns heißt das: wie gehabt. Megairas Blutdurst war noch nie ein wichtiges Werkzeug ihrer Rachepläne und für Alektos Raserei verbliebe, was Megaira und Tisiphones Flüche nicht erreichen. Die Gestalt des Fluches birgt den Keim des Zwistes bei uns Rächerinnen. Erkundung ist vonnöten. Sind die Karten schon verteilt? Wen verflucht die Pilotin? Ihren Sohn oder die drei Grazien? Dass sie verflucht, hat unser Gesetz bestimmt, denn der Selbstmord ist der Fluch. Und der Racheselbstmord macht Tisiphone zur Herrin des Geschehens, so verlangt es unser Gesetz. Und es war ein Racheselbstmord.
„Mutter?“ Ich sah sie schon länger kommen, erkannte sie. Ihr Gang. Diese unverkennbar verunsicherte Zielstrebigkeit. Darum rufe ich auch so fragend. Sie kommt und kommt doch nicht. Als ob sie es selbst nicht glauben kann, dass sie vorankommt. Und ich glaube es irgendwie auch nicht. Obwohl ich es sehe. Und nun steht sie am Gartentor.
„Frowin.“ „Ja, und?“ „Schön, dass Du da bist.“ Mutter hat nie viel geredet. Mehr geschaut und gemimt. Und gewartet, bis ich draufkomme. Und wenn ich dann das falsche tippte, folgte ein langgezogenes „Ja, jaa.“
Vater war einfach da. Kaum zu glauben, aber er hat noch weniger geredet als Mutter; jedenfalls mit mir, jedenfalls Zuhause. Wobei ich glaube, mit mir hat Mutter sich öfter unterhalten wollen, der Zurückhaltende war da eher ich, mit ihrem Mann redete sie nur als Terminkalender, wozu auch Veranstaltungen wie ein gemeinsames Essen zählten. Das Frühstück war gesetzt. Frühstücksroutine bei Krachs mal mit Ei, mal mit Joghurt. Luisa und Mutter, da muss mehr gewesen sein. Wusste ich schon von Luisa und nach Vaters Tod auch von Mutter; Mutter war vor der Beerdigung und auf dem Weg zur Piper deutlich mitteilsamer geworden, nicht unterhaltend, aber teilhabend, fast neige ich dazu, mehr eingreifend zu sagen.
Ansonsten hat sich wenig verändert: Vater war gestorben und hatte außer der Firma nur sein Schweigen zurückgelassen. Und dieses Schweigen kann Mutter nicht ausräuchern und allein auch als Erbteil nicht ausschlagen. Dann hätte sie das Unternehmen mit dem Vermögen im Werkzeug-und Maschinenbau nicht und es nicht verkaufen können. Jetzt steht sie da ohne den Werkzeug- und Maschinenbau mit der Piper in Aussicht und dem Schweigen am Gartentor.
„Erzähl mir von Deinem Job, Frowin.“ Mutter wirkt freudlos und niedergeschlagen; die Beerdigung hat sie möglicherweise doch stärker belastet, als sie zeigen und ich annehmen wollte. Ich hatte erwartet, als der Verkauf der Fabrik sie so stark antrieb und ihr Kraft gab, dass eine andere Mutter, der Teil meiner Mutter, die mich in den Arm nahm, wenn es ihr gut ging, wieder häufiger bei mir ist. Der Verkauf des Maschinen- und Werkzeugbetriebes meines Vaters war das erste, woran sie dachte, als immer klarer wurde, dass er es nicht mehr lange macht. Erwartet und befürchtet hatte ich zuerst Nervosität, wie ich sie von ihr kannte, wenn sie vor bisher Unbekanntem stand. Auch innere Unruhe kannte ich von ihr, wenn sie Entscheidungen auf sich zukommen vermutete. Doch zielstrebig und rastlos drängte sie zum Verkauf. Das alles ist erst, oder doch schon, sechs Monate her.
Ihre Frage nach meinem Job. Das ist meine Mutter. Wenn sie niedergeschlagen war, wie jetzt, steckt hinter der Frage die Suche nach weiterem Unglück, wenn sie gut drauf war, war es die Frage der fürsorglichen Mutter. Ich weiche aus. „Wie wär’s denn, wenn Du bei einem unserer nächsten Events mal vorbeischaust? Dort triffst Du auch Luisa und Fabian. Es ist eine größere Feier. Einer unserer Kunden eröffnet eine neue Filiale. Viele werden eingeladen.“
Der Gedanke, bei einem gesellschaftlichen Ereignis im Mittelpunkt zu stehen, war Mutter nie geheuer. Vielleicht kommt sie mit; doch nur Luisa, die allein mit ihrem unglaublichen Lächeln Mutters Verzagtheit und Scheu aufhellt, kann sie in unsere Welt bitten, in der Geplänkel, Geraunze und Gleichgültigkeit Mutter das Teilnehmen schwermachen.
Ich lege noch einen drauf: „Und Eckard kannst Du auch gleich mitbringen“. Nicht ohne Pikanterie das Ganze jetzt. Eckard ist der Schreiner, der in unserem Haus die gesamte Terrasse und sämtliche Balkone neu gemacht hat. Mutter wurde auffallend gesprächiger, seit Eckard mit den Terrassen angefangen hat, das Haus zu revitalisieren. Nicht, dass sie von Eckard erzählt, aber sie berichtete freudig von den Verschönerungen, die unter ihrem Einfluss voranschritten. In dieser Zeit war mir, als ob Mutter mit Eckards Hilfe sich das Haus erst angeeignet hat. Jahrelang wohnte sie bei Vater. Eine Haushälterin mit Familienanschluss. Eine Vorzeigedame auf gesellschaftlichen Veranstaltungen, die nicht nur über Goethe, Proust, Faulkner und und und reden konnte, sondern sie gelesen hatte. Dennoch waren diese gesellschaftlichen Ereignisse im Unternehmer- oder Yachtclub, auf Kundenveranstaltungen, bei Verbänden oder am Rande von Messen Mutter nicht geheuer. Wieder einer meiner Euphemismen. Sie hat sich davor gegraut.
Gern dabei war ich im Yachtclub, der eigentlich schon in Berlin liegt. Vater war schwer stolz, dass 1891 in Potsdam mehrere Potsdamer Honoratioren oder waren es Berliner -diesbezüglicher Historikerstreit noch auf der Ebene der Proseminare-, nach dem dritten guten Glas Roten waren es dann Potsdamer in dritter Generation, die die Gründung beschlossen und ein paar Meter hinter Potsdam in Berlin an der natürlich schönsten Stelle des Wannsees alles aufbauten und diese Tradition bis heute pflegen. Dass das alles mit eigener Hände Arbeit geschah, quasi vom Steg mit Floss zur Anlegestelle mit Gorch Fock, sei die Potsdamer Geschichte, die in den Staaten vom Tellerwäscher zum Millionär heiße.
Wenn die Bouletten alle waren, so scherzte der Wirt des Bistros, seien wohl schon viele Potsdamer dagewesen, weil diese im Yachtclub keine Bouletten haben wollten. Als ich den Witz später verstand, fand ich ihn nicht witzig und wurde wegen dieser meiner Humorlosigkeit von einer Zehlendorfer Schönheit „vom Set“, die damit vermutlich ihr gesamtes geschichtsbelastetes Lokalkolorit zur Bewunderung freigegeben hatte, von weiteren Belustigungen ausgeschlossen.
Im Yachtclub erlebte ich auch eine der wenigen nennenswerten pädagogischen Ansprachen meines Vaters. Ob er sich freute, dass Frowin auf einem Opti die Weltmeere erkunden wollte, weiß ich nicht, aber hier habe ich den längsten mir gegönnten Satz seines Vaterdaseins wahrnehmen dürfen: „Es gibt keinen günstigen Wind für den, der nicht weiß, in welche Richtung er segeln will.“ Von Mutter habe ich dann später erfahren, dass sie nicht wisse, ob dieser Satz von Michel de Montaigne oder einem niederländischen Staatsmann stamme, jedenfalls nicht von meinem Vater, der nehme, was er brauche. Mutter, vielleicht die einsamste Belesene der Welt, zugleich durch ihre Literatur angespornt, aber auch in sich geworfen, nutzte ihr philosophisches und literarisches Wissen nicht als Werkzeug. Sie mehrte den Reichtum des von ihr Bewunderten, welches sie nur beschämt preisgab, da sie dessen Geringschätzung ebenso fürchtete wie seine Verschmutzung.
Natürlich kannte sie Montaigne, seine Philosophie des Skeptizismus. Sie kannte ihn nicht nur, Montaignes war ihr Wegbegleiter. Er wachte über ihren Schrein der Innerlichkeit. All dies erfuhr ich erstmals im Yachtclub auf einer Diner-Party, verstanden habe ich es erst nach ihrem Selbstmord.
Vater hatte Segelfreunde und Kunden aus Berlin, Brandenburg und Potsdam eingeladen und Mutter dazu gebeten. Ich stand im schicken Seglerdress an Mutters Rockzipfel und wurde vom Glanz des Geschehens beeindruckt.
„Kommen Sie zu uns. Die Frau vom Gastgeber gibt uns die Ehre.“ Von Bornheit, der Sohn des gleichnamigen Vorsitzenden der Zehlendorfer Gebirgsjäger, frisch geschmissen und verheilt, öffnet den Kreis der von seinem selbstgefälligen Schwadronieren Festgehaltenen. „Wie anders als durch Sie, gnädige Frau, könnte ich Referenzen erhalten für die Antworten, die ich Frau von Strommel, küss die Hand, Verehrteste, soeben hinsichtlich ihrer Frage nach den Höhepunkten der deutschen Literatur vor Goethe gab.“ Kein Fragezeichen.
„Nicht doch, Herr von Bornheit.“ Zu spät, dem Sog war Mutter nicht gewachsen. Bornheit hat nicht gewartet, bis ihr verlegenes Schweigen die disziplinierte Runde hätte irritieren können.
„Ich sagte, wenn ich kurz wiederholen darf, dass die deutsche Literatur des 16. Jahrhunderts einherging mit den im Dreißigjährigen Krieg…“
„Ja, aber der Dreißigjährige Krieg…“
Von Bornheit hat zu Hindernissen seines Redeflusses ein ähnliches Verhältnis, wie sein Triumph-Roadster in flotter Fahrt zu den Insekten auf der Frontscheibe. Aber die Geehelichte vom Gastgeber, das ist eine echte Sichtbehinderung.
„Ja doch, ja doch, Gnädigste, ich betrachte die geistigen Strömungen, die das Denken in den Säkula prägen. Weniger interessieren mich die chronologischen Abläufe.“
Schweigen. Alle haben gemerkt, da war jetzt aber von Einer was von an gepiekt. Mutters Blick sagte alles: Flucht! Nicht ohne von Bornheit. Er flüchtete mit, nahm Mutter zur Seite, als sie schon fast an der Tür war, setzte sein charmantestes Blecken auf, damit das Bellen der Revanche! besser beleuchtet wurde. Da naht, das Rauschen der Seide ihrer Cotehardie erschütterte das Gespenstige, seine Gattin, die sich natürlich Adelheit nannte, immer à la minute, Chapeau! und Femme fatale. Im flotten Zwirn hakt sie quelle surprise meine Mutter, die, gewandet als Oberstudienrätin auf Klassenkonferenz, mit erhobenen Augenbrauen von Bornheit erschreckt taxiert, unter. „Erklärt Ihnen mein Göttergatte, unser Universalgelehrter, gerade die Welt?“
Das Anliegen des Universalgelehrten war jedoch gerade nicht, die Welt zu erklären, sondern die blöde Kuh von der Frontscheibe zu kriegen. Analog der Wirkung des ternären Gemischs bei seinem Triumph wird er Frau vom Gastgeber erst einseifen, dann ins Loch werfen und alsdann wegspülen. „Mittelalter, Sturm und Drang, Aufklärung und mittendrin der Dreißigjährige Krieg. Ich treffe eine, die auch Bescheid weiß.“ „Formidable“, Adelheit kann’s kaum glauben.
Der Sichtbehinderung ein Bein stellen vor Zeugen? Ran, Bornheit. „Frau Adelheit von Bornheit, Herr von Bornheit. Sie müssen mich entschuldigen. Manchmal bin ich selbst überrascht von meinem plötzlichen Unwohlsein.“
„Ich bringe Ihnen ein Glas Wasser, Sie haben mich so auf die Folter gespannt.“ „Und ich hole ihnen einen Stuhl.“ Ausgehakt. Stuhl untergeschoben. Adelheits Tackerhände auf Mutters Schultern. Mutter festgenagelt. Trinkt.
„Sie, Herr von Bornheit, wurden nach dem Leben und dem Tod gefragt. Goethe. Der Dreißigjährige Krieg. Und dann haben Sie mich gefragt. Wonach haben Sie mich gefragt? Sie müssen entschuldigen.“
Bornheit durfte also die Kugel noch einmal zurechtlegen, bevor er die blöde Kuh mit seinem Queue, peng, versenken würde.
„Was können Sie mir empfehlen, gnädige Frau, wenn ich mehr wissen will über das Vanitas-Motiv, dem -nach meinem bescheidenen Wissen- entscheidenden Zugang zum Verständnis der Nachahmung antiker Vorbilder und der Lebensbejahung dieser Zeit. Und da wären wir wieder vor dem Dreißigjährigen Krieg.“
„Herr von Bornheit, ich bedaure, dass ich, dass der Dreißigjährige Krieg Sie irritiert hat. Das wollte ich nicht. Nein, ich denke nicht in den Größen, die Sie kennen. Und Vanitas, ja, zu dem, was Sie dazu schon wissen, kann ich Ihnen wahrscheinlich wieder nichts sagen. Ich lese gerne, fällt mir dazu ein, besonders gebannt bin ich, wenn es um die Vergänglichkeit alles Irdischen geht. Soviel zu Vanitas. Da stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.“
Mutter stand wieder? Von Born- und d’Adelheit, auch Klein-Frowin, waren gefesselt von der unerwarteten Verwandlung einer wankenden Sichtbehinderung in einen standfesten Weitblick. Nichts zog Mutter mehr zur Tür. Der gescheuchte Blick wurde dem Maskenbildner zurückgegeben. Da war wo ein Tor zu ihrer Welt, durch das sie gerade entschwunden sein muss. Mutter stand wieder, doch sie war nicht mehr bei uns. Festhalten konnte sie sich an ihrer Welt.
„Nichts für ungut, GnäFrau.“ Nachsetzen, Bornheit, nachtreten. Doch zu spät. Mutter war verwandelt. Bornheit trat ins Leere. Sie hat ihn aus ihrem Sein genommen; in ihrer Welt ist kein Platz für Bornheit. Was nicht da ist, kann dir nichts tun. Ist wie mit dem Vorhang, hinter dem wir als Kinder die Bedrohung ausschließen konnten. Als Kinder. Mutter hat sich diese Gabe erhalten. Die Angst, der Vorhang könnte sich mit der Bedrohung verbünden, damokleste nur. Bornheits Vanitas, die neu zurechtgelegte Kugel, hat Mutter in ihre Welt geschoben. Da war sie unter sich.
Sie wird reden? Sich nun an die Welt um Bornheit wenden? Nun, sie ist jetzt in ihrer Welt. Dort will sie unter sich sein. Hinein lässt sie niemanden, selbst Luisa muss an der Pforte, am Tor von Mutters Welt stehenbleiben. Nicht nur Abgrenzung jedoch ist dieses Tor, Bornheit bleibt draußen, das Ding ist gelaufen. Der Übergang von einer Welt zur anderen ist zugleich die Chance, eingelassen zu werden in ein anderes Leben, in das ihr nur Eintritt erlangt, wenn Mutter das Tor öffnet. Doch behutsam. Unversehens ist es dann wieder die Abwehr befürchteter Eindringlinge, die Mutters Handeln bestimmt. Wenn sie fürchtet, dass ihr ihre Welt verschmutzt, bleibt das Tor verschlossen. Aber nun? Ruft sie heraus? Und von Bornheit wird vom Täter zum Lehrling gebeten. Quasi Börni. Von Börni.
Die Stimme hinter dem Vorhang.
„Die Literatur des 16. Jahrhunderts, Herr von Bornheit“, Adelheit, die Un-Angesprochene war ja soo am Ohr der Untergehakten, „hat, noch im Jubel der Lebensbejahung, die Todesangst des Dreißigjährigen Krieges vorgedacht. Ein gewisser Montaigne wird ihnen vielleicht nichts sagen. Mir bedeutet er sehr viel. Sein Verhältnis zum Sterben wurde geprägt…“
„Que philosopher c’est apprendre à mourir“, d‘Adelheits Entzücken war den Ausdrucksmöglichkeiten der deutschen Sprache entrückt; was normalerweise nur im Kreise gutgekleideter von und zu Seeleute passiert.
„…wurde geprägt vom Sterben. Ach pardon Adelheit. Jetzt habe ich einfach da weitergemacht, wo Sie aufgehört haben.“
„Ach, Sie sprechen französisch?“
„Nein, in dieser schönen Sprache kenne ich nur dieses Wort. Es hat auf Französisch etwas Melancholisches. Auf Deutsch ist es die leblose Beschreibung eines Vorgangs.“
„Bitte, lassen sie uns hören, was Montän uns zu sagen hat.“
„Montaigne hat mir den Blick geöffnet zu eben dem von Ihnen, Adelheit, erwähnten Mourir.“ Frowin fröstelte, dass hinter der Logistikexpertin seiner Familie etwas Großes stehen musste, das in den ihr Leben prägenden wechselnden Lichtverhältnissen zu bewegen ihr nicht gelingen wollte.
„Alle Philosophen sollten so nahe wie möglich am Gestorben sein leben. Das ist natürlich nicht von mir. Ich habe es mir aber behalten.“
„…ehem.“ Von Bornheit ist doch noch nicht zurück vom Dreißigjährigen Krieg.
„Die Philosophie ist die Vorbereitung auf den Tod.“
„Wie ich eben gesagt habe.“ Adelheit schaute begeistert auf den neben ihr stehenden von Parkuhr. Mutter gab Einblick in ihre Welt.
„Ja, philosophieren heißt nichts anderes als sterben lernen.“ „Aber das ist doch eigentlich ganz schrecklich“. Der Anblick ihrer Götteruhr hat Adelheit alle Freude am Sterben der Philosophen genommen.
„Nun Adelheit, Montaigne kann uns Hilfen geben, wie wir ein Leben und einen Tod in Würde vollziehen können.“
Eine leichte Erschütterung. Vielleicht 4 auf der nach oben offenen Richterskala. Das Geschirr rappelt. Die Gäste des Yachtclubs schauen sich an und um. Das Klingeln der Gläser verklingt. Alissa ward geschickt, die Vorgeschichte des Racheselbstmordes zu recherchieren. Alissa steigt die Treppen vom Untergeschoss herauf, alle Blicke richten sich auf sie. Alissa entdeckt Frowin und seine Mutter. „Freue mich, sie heute schon mal zu sehen.“ Die Verunsicherung der Diner-Gäste ob ihres unerwarteten Auftretens weicht der Verunsicherung ob der Bekanntschaft mit Frau vom Gastgeber. Verstohlene Blicken auf Alissa und Mutter, denn bei ihr hätten sie keine mondäne, elegante und streng dreinblickende Fitnesstrainerin erwartet. Mutter konnte nicht mehr sprechen, wir kennen diese Blicke, wenn Sprachlosigkeit Schutz wird.
„Hier war vom Sterben die Rede.“ Bornheit ist es, den Alissa sich vorknöpfen soll. Und nebenbei, Klein-Frowin kann lernen, das die Ouvertüre von Beethovens fünfter nicht allein Aufmerksamkeit erregt.
„Wer hat Sie gerufen und wie kommen Sie hier herein? Kennt Sie jemand?“ Von Bornheit sieht seine Felle zurückschwimmen. Ein Saaldiener holt die Parkuhr und von Lanze nimmt Grundstellung ein.
„Bist du von der Polizei?“
„Das kann alles noch passieren, Frau...?“