Küstenzorn - Angelika Svensson - E-Book
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Küstenzorn E-Book

Angelika Svensson

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Beschreibung

Der fünfte Fall für Kommissarin Lisa Sanders und Staatsanwalt Thomas von Fehrbach, das Dream-Team aus Kiel Für die Leserinnen von Eva Almstädt oder Eva Ehley Torben Fenske ist tot, und niemand trauert um ihn – kein Wunder, der Mann, dessen Leiche in einer verfallenen Kate am Großen Plöner See gefunden wurde, war immer wieder wegen Stalking angeklagt worden, ohne dass man ihm etwas hätte nachweisen können. Bei einem Gespräch mit dem »Weißen Ring« erfährt Kommissarin Lisa Sanders, dass die Zahl von Fenskes Opfern sogar größer ist als gedacht: Einige haben aus Angst vor Rache nie Anzeige erstattet. Verdächtige gibt es also mehr als genug. Doch je mehr Lisa von den Frauen über Fenske und seine Taten erfährt, desto schwerer fällt es ihr, private Gefühle und berufliche Pflicht zu trennen. Und bald steht ihre eigene Karriere auf dem Spiel... Ein Kriminalroman mit regionalem Flair und der fünfte Band in der Serie um die Kieler Kommissarin Lisa Sanders. Die Ostsee-Krimis von Angelika Svensson mit Kommissarin Lisa Sanders sind in folgender Reihenfolge erschienen: Band 1 - Kiellinie Band 2 - Kielgang Band 3 - Wassersarg Band 4 - Küstentod Band 5 - Küstenzorn Band 6 - Küstenrache

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Seitenzahl: 438

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Angelika Svensson

Küstenzorn

Ein Fall für Kommissarin SandersKriminalroman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Der fünfte Fall für Kommissarin Lisa Sanders und Staatsanwalt Thomas von Fehrbach, das Dream-Team aus Kiel

 

Torben Fenske ist tot, und niemand trauert um ihn – kein Wunder, der Mann, dessen Leiche in einem Kieler Abbruchhaus gefunden wurde, war immer wieder wegen Stalking angeklagt worden, ohne dass man ihm etwas hätte nachweisen können.

Bei einem Gespräch mit dem »Weißen Ring« erfährt Kommissarin Lisa Sanders, dass die Zahl von Fenskes Opfern sogar größer ist als gedacht: Einige haben aus Angst vor Rache nie Anzeige erstattet. Verdächtige gibt es also mehr als genug. Doch je mehr Lisa von den Frauen über Fenske und seine Taten erfährt, desto schwerer fällt es ihr, private Gefühle und berufliche Pflicht zu trennen. Und bald steht ihre eigene Karriere auf dem Spiel…

Inhaltsübersicht

Freitag, 29. November

Freitag, 20. Dezember

Samstag, 21. Dezember

Sonntag, 22. Dezember

Montag, 23. Dezember

Dienstag, 24. Dezember

Mittwoch, 25. Dezember

Donnerstag, 26. Dezember

Freitag, 27. Dezember

Samstag, 28. Dezember

Danksagung

Freitag, 29. November

Nach reiflicher Überlegung hatte sich Katharina Schofeld dazu entschlossen, ihren kleinen Buchladen am Markt in Heiligenhafen zum Jahresbeginn erst ab elf Uhr zu öffnen. Zumindest für die erste Zeit des neuen Jahres. Sie war zwar auf jeden Cent angewiesen, den das kleine Geschäft abwarf, aber ihre familiäre Situation ließ zurzeit einfach keine andere Möglichkeit zu.

Eine spätere Öffnung des Geschäfts würde Katharina die Gelegenheit geben, sich intensiver um ihren Vater zu kümmern. Konrad Schofeld lebte seit dem Tod von Katharinas Mutter vor sechs Jahren allein in dem großen Haus am Ortsrand von Heiligenhafen und war vor einem Jahr an Demenz erkrankt. In den vergangenen Monaten hatte sich sein Zustand verschlechtert, woraufhin Katharina vor einigen Wochen beschlossen hatte, fürs Erste zu ihm zu ziehen. Aber auch ihre Anwesenheit hatte nicht verhindern können, dass ihr Vater in den letzten vier Wochen zweimal ausgebüxt war. Stets in der Nacht, wenn sie bereits im Bett gelegen hatte. Das erste Mal hatte sie im Halbschlaf das Geräusch der ins Schloss fallenden Haustür vernommen und es gerade noch geschafft, Konrad von dem Betreten der Hauptverkehrsstraße abzuhalten, die hinter dem Nachbarhaus verlief. Als Folge dieser nächtlichen Aktion hatte sie an Eingangs- und Terrassentür Sicherheitsketten anbringen lassen, in der Hoffnung, dass Konrad diese in verwirrtem Zustand nicht aufbekam. Allerdings hatte sie an einem Abend in der vergangenen Woche vergessen, die Kette an der Terrassentür einzuhaken, woraufhin ihr Vater prompt zu einem weiteren nächtlichen Ausflug aufgebrochen war. Dieses Mal hatte Katharina tief und fest geschlafen und Konrads Abwesenheit erst am nächsten Morgen bemerkt. Nachdem ihre panische Suche in der näheren Umgebung erfolglos geblieben war, hatte sie die Polizei alarmiert. Diese hatte ihr Konrad, der auf dem Friedhof am Grab seiner Frau aufgefunden worden war, zwar wohlbehalten zurückgebracht, aber seit diesem Vorfall fand Katharina nur schwer in den Schlaf und schreckte zwischendurch immer wieder hoch aus Angst, dass es Konrad doch gelang, die Sicherheitsketten aufzubekommen, und er womöglich zu weiteren nächtlichen Exkursionen aufbrechen würde. Sie konnte ihn ja schließlich nicht am Bett festbinden, und seine Zimmertür abschließen ging auch nicht, falls er nachts einmal zur Toilette musste oder Hunger bekam und sich etwas aus der Küche holen wollte.

Wenigstens tagsüber musste sie sich nicht allzu sehr beunruhigen, denn da war für Konrad gesorgt, woran der Pflegedienst, der dreimal am Tag für maximal eine halbe Stunde kam, allerdings den geringsten Anteil hatte. Zum Glück gab es Amelie, eine verwitwete Nachbarin und langjährige Freundin ihrer Eltern, die schon immer im Haus ein und aus gegangen war und jetzt mehrere Male am Tag vorbeikam, um nach Konrad zu sehen. Wenn Katharina keine Zeit gehabt hatte, etwas vorzukochen, brachte Amelie Essen mit oder animierte Konrad, mit ihr zusammen zu kochen. Sie sprang auch dann ein, wenn Katharina am Abend einmal etwas vorhatte, was allerdings nicht häufig der Fall war. Sie hatte zeit ihres Lebens nur wenige Freunde gehabt, und im Moment war es ihr einfach wichtig, so viel Zeit wie möglich mit ihrem Vater zu verbringen. Im vergangenen Jahr war er achtzig geworden, wer konnte sagen, wie lange sie ihn noch bei sich haben würde. Der Gedanke daran schmerzte sie, denn wenn Konrad nicht mehr war, hatte sie keine Familie mehr.

Im Augenblick war eine Verkürzung der Öffnungszeiten natürlich noch nicht möglich. Die Weihnachtszeit hatte begonnen, und häufig erschienen die ersten Kunden schon kurz nach Öffnung des Geschäfts um neun Uhr, um nicht nur nach Büchern Ausschau zu halten, sondern sich auch in dem angegliederten kleinen Café bei handgefertigten Leckereien aus einer kleinen Schokoladenmanufaktur und einem Kaffee oder Tee auf einen Plausch mit der Inhaberin niederzulassen. In solchen Momenten war Katharina froh, dass sie das Geschäft ihrer Eltern nach der Übernahme im vergangenen Jahr über den reinen Verkauf von Büchern hinaus erweitert hatte und ihren Kunden zusätzlich zu dem Lesecafé auch noch eine Reihe von Accessoires anbieten konnte, die für sie unweigerlich zu einer gemütlichen Lesestunde dazugehörten. Flauschige Plaids, um sich bei der Lektüre gemütlich darin einzumummeln, Lampen für das richtige Licht oder eine Anzahl unterschiedlichster Lesekissen, die vor unbequemen Positionen und Nackenschmerzen bewahrten.

Katharina liebte es, sich mit schönen Dingen zu umgeben, und konnte endlose Stunden mit dem Aufstöbern geschmackvoller Accessoires verbringen, die sie mit viel Liebe in ihrem Laden arrangierte. Zu ihrer eigenen Erbauung und der ihrer Kunden, die ihr immer wieder versicherten, dass Buch und Mee(h)r ein Schmuckstück geworden sei und wie gerne sie bei ihr einkaufen würden. Ein Geschenk in Zeiten des Internets.

»Ich hab Angst, dass ich Papa doch irgendwann in ein Heim geben muss«, sagte Katharina deprimiert, nachdem sie ihre Freundin Uta begrüßt und auf dem Beifahrersitz von deren Ford Mondeo Platz genommen hatte. Uta hatte angeboten, sie in die Werkstatt zu fahren, wo Katharina ihren Wagen abholen wollte, der nach einer zweitägigen Reparatur endlich fertig geworden war. »Er ist so verwirrt in den letzten Tagen, dass ich ihn schon gar nicht mehr allein lassen mag.«

»Aber ich denke, dass eure Nachbarin häufiger nach ihm schaut.«

»Ja, aber sie kann nicht ständig bei ihm sein. Und wenn er so tüdelig ist wie in den letzten Tagen, braucht er eine Rundumbetreuung.«

»Deshalb wolltest du doch den Laden später öffnen, damit du tagsüber auch noch einen Teil übernehmen kannst.«

»Ja, das will ich auch immer noch. Aber ich frage mich manchmal, ob diese zwei zusätzlichen Stunden nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein sind.«

»Ich würde das erst mal ausprobieren, Kathi. Mach dich nicht jetzt schon verrückt.« Uta startete den Motor und lenkte den Wagen auf die K42, an der auf halber Höhe zwischen Großenbrode und Heiligenhafen das Haus von Konrad Schofeld in einer kleinen Wohnsiedlung lag. »Und wenn du feststellst, dass die Zeit nicht ausreicht und das alles zu viel für dich wird, überlegst du noch mal neu. Vielleicht bringt es was, eine ausländische Pflegekraft einzustellen. Da hört man doch viel Gutes.«

»Ich weiß nicht«, sagte Katharina nachdenklich. »Papa hat Angst vor fremden Menschen, wenn er in seinen verwirrten Zustand gerät. Das wäre für ihn ein zusätzlicher Stressfaktor.«

»Es wird aber auch Zeit, dass du mal wieder an dich denkst, denn du bist doch schon lange nur noch ein Nervenbündel. Erst die Sache mit diesem verdammten Fenske und jetzt auch noch die Sorge um deinen Vater … Wann hast du das letzte Mal eine Nacht durchgeschlafen, ohne ständig hochzuschrecken?«

Katharina seufzte. Das kam wirklich nur noch selten vor.

»Siehst du!«, sagte Uta, als hätte sie die unausgesprochene Antwort vernommen.

»Ich hatte gehofft, dass ich bei Papa ein bisschen zur Ruhe komme und diese ständige Angst verschwindet, wenn ich weiß, dass jemand in meiner Nähe ist.«

»Aber dein Vater kann dir nicht helfen, wenn Fenske irgendwann vor der Tür stehen sollte.«

»Dann glaubst du also nicht, dass er sich an das Kontaktverbot halten wird?«

»Ach, Süße, ich weiß es nicht. Ich würde so gerne Ja sagen, allein schon, um dich zu beruhigen, aber du hast mir doch erzählt, wozu dieser Mann fähig ist.«

Katharina schluckte bei dem Gedanken, wie schön es seinerzeit begonnen hatte und in welchem Albtraum sie schließlich gelandet war.

»Kannst du bitte noch kurz beim Laden vorbeifahren«, bat sie Uta. »Ich will ein Schild an die Tür hängen, dass ich etwas später komme. Das hab ich gestern Abend total vergessen.«

»Kein Problem.«

»Danke.« Katharina bedachte Uta mit einem Lächeln. Sie war so dankbar für ihre Freundschaft, die zwar erst seit einem knappen Jahr bestand, sich aber so anfühlte, als würden Uta und sie sich bereits seit Ewigkeiten kennen. Uta wusste, warum Katharina Eutin verlassen hatte, kannte deren nie versiegende Angst, dass Fenske irgendwann in Heiligenhafen auftauchen würde. Uta hatte ihr stets Mut gemacht und versprochen, dass sie gemeinsam gegen ihn vorgehen würden, sollte er dieses tatsächlich wagen.

»Wann kommt denn eigentlich dieser Reporter, der den Artikel über den NABU schreiben will?«, fragte Uta.

»Am 16. Dezember.«

Katharina hatte schon immer ein großes Interesse für den Naturschutz gehabt und engagierte sich seit ihrem Umzug nach Heiligenhafen in der NABU-Station auf dem Graswarder. Für Mitte des Monats hatte sich nun ein Redakteur des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags angekündigt, der einen Artikel über die Station schreiben wollte.

»Es wäre ja eigentlich Sache eures Chefs gewesen, diesem Typen ein Interview zu geben. Mir gefällt der Gedanke überhaupt nicht, dass jetzt etwas über dich in der Zeitung steht, womöglich noch mit Foto. Das bringt Fenske unter Umständen doch wieder auf den Plan«, meinte Uta und blickte sie kurz von der Seite an.

Katharina wiegelte ab. »Der Artikel soll nur im Regionalteil erscheinen.« Insgeheim hegte sie ähnliche Befürchtungen wie ihre Freundin, denn wer konnte sagen, wo Fenske sich gerade herumtrieb und ob er die Zeitung womöglich in die Hände bekam. Andererseits wusste er, dass ihr Vater in Heiligenhafen lebte, und dürfte deshalb sowieso davon ausgehen, dass sie hierher geflüchtet war. »Es gab leider keine andere Möglichkeit. Heiko ist in Urlaub, und die Sache konnte nicht verschoben werden.«

Uta schnalzte missbilligend, erwiderte aber nichts, sondern bog in Richtung Markt ein, wo sie Augenblicke später vor dem Buchladen hielt.

Die Lage des Ladens ist einfach ideal, dachte Katharina wieder einmal, als sie die Tür aufschloss. Gelegen inmitten des Altstadtbereichs, der noch weitestgehend in seiner ursprünglichen Form erhalten geblieben war, einen besseren Standort konnte es gar nicht geben. Den 1992 neu gestalteten Marktplatz mit dem heimeligen Kopfsteinpflaster umstanden ansehnliche Bürgerhäuser, die Neubauten reihten sich fast ausnahmslos harmonisch ein. Das prächtige Rathaus, das 1882 im repräsentativen Gründerstil erbaut worden war, stellte mit seiner roten Fassade eine Touristenattraktion dar und war ein beliebtes Fotomotiv. Besonders zu dieser Jahreszeit, wenn die Weihnachtsbeleuchtung mit der Illumination der vor dem Rathaus platzierten mächtigen Tanne um die Wette funkelte.

Katharina hängte das Schild ins Fenster, danach brachte Uta sie in die Werkstatt. Die beiden Freundinnen verabschiedeten sich herzlich, dann holte Katharina ihren Wagen und machte sich auf den Weg in die Theodor-Storm-Straße, an deren Ende das Mehrfamilienhaus stand, in dem sie eine Zweizimmerwohnung gemietet hatte. Durchlüften und Blumen gießen, zweimal in der Woche kam sie vorbei. Sie fühlte sich mittlerweile sehr wohl in der kleinen und gepflegten Anlage, was auch mit der netten Nachbarschaft zusammenhing, in der man sich untereinander half und auf den anderen achtete. Ein ungewöhnlicher Zustand in einer Zeit, in der normalerweise Kälte und Gleichgültigkeit unter vielen Menschen vorherrschte.

Die Wohnungstür war intakt, wie Katharina nach einer aufmerksamen Musterung feststellte. Nach den Erlebnissen mit Fenske war sie zum Kontrollfreak geworden, und alle Bemühungen, ihre Ängste endlich in den Griff zu bekommen, waren bisher gescheitert. Sie steckte den Schlüssel in die Außenrosette des Panzerriegels, zwei Umdrehungen nach links, alles okay. Danach war das Türschloss dran, ebenfalls zwei Umdrehungen nach links, auch hier alles so, wie es sein sollte. Mit einem Aufatmen trat Katharina in den Flur und nahm sofort den Geruch wahr, der in der Wohnung hing. Herb, mit einer leichten Note von Bergamotte. Ein Kribbeln erfasste ihren Körper, ihr Pulsschlag setzte für einen Moment aus.

Nein, das konnte nicht sein …

Sie ließ die Wohnungstür offen stehen und ging zögernd weiter. Ihr Herz pumpte in unregelmäßigen Stößen, während sie einen schnellen Blick in die Küche und das Wohnzimmer warf und sich dann der angelehnten Schlafzimmertür näherte. Hier war der Geruch stärker. Ihr Schritt verharrte, sie musste sich zwingen, weiterzugehen und die Tür zu öffnen.

»Nein!«

Sie klammerte sich an die Tür, als ein heftiger Schwindel sie erfasste. Fassungslos starrte sie auf das zerwühlte Bett, auf ihre auf dem Boden verteilten Kleidungsstücke, die zerschnittene Unterwäsche, die geradezu kunstvoll an den Wandbildern drapiert war. Ihr Magen stülpte sich um, der Geruch des nur allzu bekannten Aftershaves war hier so stark, als wäre eine ganze Flasche über dem Bett ausgeleert worden. Der Brechreiz nahm überhand, sie rannte ins Bad und erbrach sich in die Toilettenschüssel.

Als sie sich wieder aufrichtete, kam es ihr so vor, als wären Stunden vergangen. Sie knipste das Licht über dem Spiegel an und starrte in ein kreideweißes und verschwitztes Gesicht. Dann entdeckte sie die leere Rasierwasserflasche auf der Ablage neben ihrem Deo.

Fenske hatte sie also ausfindig gemacht. Ein Teil von ihr hatte immer damit gerechnet, während ein anderer gehofft und gebetet hatte, dass es nicht dazu käme. Und falls doch, dass er es nicht wagen würde, die einstweilige Anordnung, die gegen ihn ausgesprochen worden war, zu ignorieren.

Ein bitteres Lachen kam über ihre Lippen. Mein Gott, ihre Naivität war wirklich nicht mehr zu überbieten. Sie wusste doch, zu welchen Dingen Fenske fähig war und dass er glaubte, über dem Gesetz zu stehen. Warum sollte er sich da um irgendeine Anordnung scheren?

Wie war er in die Wohnung gekommen? Katharina überprüfte die Balkontür im Wohnzimmer und nahm sich dann sämtliche Fenster vor. Nirgendwo fand sie einen Hinweis auf ein gewaltsames Eindringen. Was auch nicht ganz einfach gewesen wäre, hatte sie ihre Wohnung doch, so gut es ging, gesichert. Abschließbare Fenstergriffe, eine Extrasicherung an der Balkontür, Sicherheitsschloss und Panzerriegel an der Haustür. Einen Schlüssel für den Notfall hatte sie Uta und einer Nachbarin gegeben, der sie vertraute. Und Clarissa würde niemals jemanden ohne Absprache mit ihr in die Wohnung lassen.

Oder etwa doch?

Katharina eilte die Treppen in den ersten Stock hinunter und klingelte an einer Tür, hinter der lautes Kindergebrüll zu vernehmen war. Clarissas Mann hatte sich vor Kurzem von ihr getrennt, jetzt saß die junge Frau allein mit ihren beiden kleinen Kindern da. Nach einem Augenblick wurde die Tür geöffnet.

»Ah, Katharina.« Clarissa Ahlers hatte ihren Jüngsten, den sechsmonatigen Finn, auf dem Arm, im Hintergrund war das wütende Kreischen des dreijährigen Moritz zu vernehmen.

»Hallo, Clarissa.« Katharina realisierte das abgespannte Gesicht ihrer Nachbarin und die dunklen Ringe unter deren Augen. Sie hatte in der vergangenen Woche das letzte Mal mit ihr gesprochen, nur kurz, denn Finn hatte eine dicke Erkältung gehabt, und wenn sie ihn jetzt so ansah, war er noch immer nicht über den Berg. Müde hing er im Arm seiner Mutter, seine Augen glänzten fiebrig. »Sag mal, hast du jemanden in meine Wohnung gelassen?«

Clarissa Ahlers wich ihrem Blick aus.

»Clarissa?«

»Ja … gestern. Aber nur ganz kurz.«

Das durfte doch nicht wahr sein! »Wer war das?«

»Ein Heizungsmonteur. Er musste etwas überprüfen, bei mir war er auch.«

»Was musste er überprüfen?«

»Keine Ahnung, ich hab das nicht verstanden.«

»Bist du dabei gewesen, als er in meiner Wohnung war?«

Clarissa hob hilflos die Schultern. »Nein … es ging Finn nicht gut, er hat immerzu geweint, und ich wollte ihn nicht allein lassen. Der Mann sagte, es gehe schnell, und das stimmte auch. Er war höchstens zwanzig Minuten bei dir.« Clarissa sah Katharina besorgt an. »Ist in der Wohnung etwas nicht in Ordnung?« Sie strich fahrig über ihr Gesicht. »Ich wäre ja normalerweise mit raufgegangen, aber die beiden Jungs und … Ach Katharina, mir wächst das im Moment alles über den Kopf.«

»Wie sah der Mann aus?«

Clarissa hob die Schultern. »Er war ziemlich groß. Schlank, grüne Augen, kurze blonde Haare und …« Sie runzelte die Stirn.

»Was?«

»Ich glaube, er hatte eine Narbe. Hier.« Clarissa fuhr mit der Hand über ihre rechte Augenbraue.

Die Narbe habe er bei einem Skiunfall davongetragen, hatte er ihr damals erzählt …

Katharina zwang sich zur Ruhe. Sie hatte Clarissa nicht offenbart, dass ihr Umzug nach Heiligenhafen mit ihrem Ex-Liebhaber und dessen fortwährendem Stalking nach der Trennung zu tun gehabt hatte. Dass die Trennung aufgrund seiner Gewalttätigkeit erfolgt war und jetzt die Möglichkeit bestand, dass er sie auch hier, an ihrem neuen Wohnort, ausfindig machen würde. Nun bereute sie ihre Zurückhaltung, denn hätte Clarissa es gewusst, wäre sie mit Sicherheit nicht so leichtfertig gewesen, einen ihr unbekannten Mann in Katharinas Wohnung zu lassen. Andererseits fiel es Katharina schwer, ihre Nachbarin jetzt mit Vorwürfen zu überziehen. Zwei Kleinkinder, von denen sich eines in der Trotzphase befand und das andere krank war, und dann auch noch der Mann über alle Berge, kein Wunder, dass Clarissa im Moment andere Dinge im Kopf hatte, als über einen Heizungsmonteur und dessen vielleicht böse Absichten nachzudenken. Also versicherte sie ihr, dass alles okay sei. Bevor Clarissa nachhaken konnte, verabschiedete sie sich und lief wieder nach oben. Für einen Moment stand sie unentschlossen im Flur, dann holte sie ihr Smartphone aus der Tasche, rief das Internet auf und suchte die Nummer des nächstgelegenen Schlüsseldienstes heraus. Besser auf Nummer sicher gehen, denn sie traute es Fenske zu, einen Nachschlüssel erstellt zu haben. Man versprach, am Nachmittag einen Mitarbeiter vorbeizuschicken, der ein neues Schloss einsetzen würde.

Nachdem sie diesen Punkt geklärt hatte, ging Katharina wieder ins Schlafzimmer, wo sie die auf dem Boden verstreuten Kleidungsstücke zusammenklaubte und in die Wäschebox steckte. Sie öffnete das Schlafzimmerfenster, zog die Bettwäsche ab und stopfte sie in die Waschmaschine. Die zerschnittene Unterwäsche landete im Müll. Während all dieser Tätigkeiten verbot sie sich jeden Gedanken daran, dass Fenske erneut in ihre Privatsphäre eingedrungen war. Sie schaltete auf Autopilot, bis Bettwäsche und Bettdecke gewaschen und aufgehängt waren, sie die stinkende Matratze in den Keller geschleppt und die Müllabfuhr angerufen hatte, die eine Abholung noch vor Weihnachten versprach. Erst als alles erledigt war, ließ sie wieder Emotionen zu. Aber es kamen nicht die erwarteten Tränen, nein, ein geradezu unbändiges Gefühl der Wut stieg in ihr auf, das ihren Körper wie eine Woge überrollte.

Jetzt war Schluss! Endgültig! Sie würde keine Sekunde länger in der Opferrolle verharren, sie würde zurückschlagen! Es war an der Zeit, dass endlich jemand Fenske seine Grenzen aufzeigte!

 

 

 

In einem anderen Leben hatte Simon Engler die Weihnachtszeit geliebt. Bereits Ende November hatten er und Petra mit dem Dekorieren von Haus und Garten begonnen, damit pünktlich zum ersten Advent alles in vollster Pracht erstrahlte. Lichterketten hatten die zahlreichen Sträucher des Anwesens geschmückt, im Vorgarten des Am Redderkrug gelegenen Hauses etwas außerhalb von Eutin war der beleuchtete weiße Schlitten mit den Rentieren installiert worden.

Nach Petras Tod hatte sich alles geändert. Vor fünf Jahren hatte dieses elende Schwein sie ihm genommen und war noch immer nicht zur Rechenschaft gezogen worden.

Bei der Erinnerung an Petra fiel Engler ein, dass er seinen wöchentlichen Anruf tätigen musste. Er wählte die bekannte Nummer im LKA und wartete, bis sich die Teilnehmerin am anderen Ende der Leitung meldete.

»Guten Tag, Frau Berner. Hier spricht Simon Engler. Ich wollte mich erkundigen, ob es Neuigkeiten im Mordfall Petra Haffner gibt.«

Der Ton der Angesprochenen variierte. An manchen Tagen gab sie sich nicht die geringste Mühe, ihren Unmut über seine Anrufe zu unterdrücken, an anderen seufzte sie nur und begann dann mit ihm wie mit einem unmündigen Kind zu sprechen. Heute hatte sie offensichtlich wieder Letzteres vor. »Herr Engler, ich habe Sie doch nun schon des Öfteren gebeten, nicht ständig hier anzurufen. Wenn es Neuigkeiten gibt, wird man Sie informieren, das wissen Sie doch.«

»Ich möchte mit Herrn Kunert sprechen!«

»Herr Kunert ist nicht im Büro, und selbst wenn, würde er Ihnen auch keine andere Auskunft geben können.«

»Dann frage ich mich, was diese neue Cold Case Unit eigentlich tut. Ich dachte bisher, dass sie ins Leben gerufen wurde, um Altfälle aufzuklären. Nämlich die Fälle, in denen die Mordkommissionen unseres Landes versagt haben.« Die vertraute Wut stieg in ihm auf und schwoll an, bis er sich nicht mehr beherrschen konnte und losbrüllte. »Meine Frau wurde vor fünf Jahren von Torben Fenske ermordet, und der Mann läuft immer noch frei herum.«

»Herr Engler, es tut mir leid, aber ich muss Sie darauf hinweisen, dass Ihre Darstellung nicht den Tatsachen entspricht. Es spricht zwar einiges dafür, dass Frau Haffner nicht mehr am Leben ist, aber vergessen Sie bitte nicht, dass ihre Leiche bisher noch nicht gefunden wurde.«

»Weil die Polizei unfähig ist! Ich habe den damaligen Ermittlern unzählige Hinweise für Fenskes Schuld geliefert, von denen kein einziger ernst genommen wurde. Deshalb habe ich jetzt alle Hoffnung auf die Cold Case Unit gesetzt. Und was erlebe ich? Dass in dieser ach so tollen neuen Organisation offensichtlich auch niemand ein Interesse daran hat, den Mord an meiner Frau aufzuklären.« Er schnappte nach Luft und wollte fortfahren, als er ein Rauschen in der Leitung vernahm. »Das gibt’s doch nicht! Die Schlampe hat aufgelegt!« Engler wählte die Nummer ein weiteres Mal und bekam jetzt eine automatische Ansage zu hören, dass das Büro im Moment nicht besetzt sei. »Das ist doch …!« Er war so wütend, dass er mehrere Male kräftig mit dem rechten Fuß aufstampfte, bis ihm ein heftiger Schmerz in die Lendengegend fuhr und er zum Sofa humpelte. Mit einem Stöhnen ließ er sich niederfallen und vergrub den Kopf in den Händen.

Die Wut verrauchte so schnell, wie sie gekommen war, zurück blieb nackte Verzweiflung. Das konnten sie doch nicht machen! Sie mussten ihn doch anhören! Er war so gefangen in dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit, dass er das Klingeln an der Haustür zunächst überhörte. Als es endlich zu ihm durchdrang, erhob er sich ächzend und hinkte zur Tür.

»Sag mal, wo bleibst du denn? Wir waren um zehn verabredet!«

Konsterniert starrte Engler seinen unerwarteten Besucher an, bis es ihm wieder einfiel. Mist, sie hatten sich im Restaurant treffen wollen. »O Mann, tut mir leid.«

Mick Grothe folgte ihm ins Wohnzimmer und nahm auf dem Sofa Platz.

»Ich hab’s vergessen, Mick. Ehrlich.« Engler registrierte einen besorgten Ausdruck in Micks Gesicht, der ihn aus einem unerfindlichen Grund wütend machte. »Was?«, fuhr er ihn an, viel heftiger als beabsichtigt. »Ich kann doch auch mal was vergessen.«

»Du vergisst ziemlich viel in letzter Zeit«, sagte Mick, und die Anklage in seinen Worten gefiel Engler nicht.

»Ja, und? Schließlich hab ich noch ein bisschen mehr im Kopf als das Restaurant!«

»Das Wellington war mal so ziemlich das Wichtigste in deinem Leben.«

»Ja, damals, vor …«

»Vor der Sache mit Petra, ich weiß.«

Engler wich Micks eindringlichem Blick aus.

»Du musst endlich akzeptieren, dass sie nicht wiederkommen wird, Simon. Petra hat dich verlassen, weil sie nicht mehr mit dir leben wollte. Das weißt du ganz genau, denn schließlich hat sie es dir gesagt. Hör also endlich auf, dir einzureden, dass sie zu dir zurückkehren wollte und es nur deshalb nicht dazu gekommen ist, weil sie umgebracht wurde.«

»Aber das ist die Wahrheit! Petra wurde umgebracht, sonst wäre sie längst wieder bei mir. Und ich weiß, dass Torben Fenske ihr Mörder ist!«

»Simon, bitte«, sagte Mick, und sein genervter Ton brachte Engler ebenso auf die Palme wie der von der blöden Tussi vorhin am Telefon.

»Was? Erklärst du mich jetzt auch für verrückt, wie es die Polizei tut? Als ich vorhin im LKA angerufen habe und wissen wollte, ob es etwas Neues gibt, hat die Sekretärin von diesem Obermufti einfach den Hörer aufgelegt.«

»Ich dachte, du hättest mit diesen Anrufen aufgehört«, sagte Mick leise.

»Wieso sollte ich das tun? Es ist mein Recht, zu wissen, was da vor sich geht!«

»Sie geben dir Bescheid, wenn sie etwas Neues in Erfahrung bringen, das weißt du doch!«

»Ach, die … die sind doch alle unfähig.«

»Aber du bist der Einzige, der den Durchblick hat, oder was?« Mick war ebenfalls laut geworden. »Lass die Polizei ihre Arbeit machen, dafür sind sie ausgebildet. Du hast keine Ahnung von diesem Job und glaubst alles besser zu wissen. Ich kann verstehen, wenn diese Frau das Telefonat beendet hat. So fanatisch, wie du dich verhältst, ist das ja wirklich kein Wunder.«

»Ach, du hältst mich für fanatisch?«

»Ja, tut mir leid, Simon, aber anders kann ich das nicht mehr bezeichnen. Es ist jetzt fünf Jahre her, dass Petra verschwunden ist, und du rennst der Polizei noch immer die Bude ein, weil du zu wissen glaubst, dass sie umgebracht wurde und wer ihr Mörder ist. Das ist doch nicht normal. Vielleicht hat sie sich einfach nur irgendwohin abgesetzt, weil sie endlich ihre Ruhe vor euch haben wollte. Wenn Fenske Petra wirklich umgebracht hätte, dann hätte die Polizei ihn auch überführt. Glaubst du denn, dass bei denen nur Idioten arbeiten?«

»Muss ja wohl so sein, sonst hätten sie Fenske doch längst dingfest gemacht. Allein aufgrund der ganzen Beweise, die ich ihnen geliefert habe.«

»Du hast ihnen Vermutungen geliefert, Simon. Zusammengebastelte Schlussfolgerungen, die zum Teil jeder Logik entbehrten. Ich hab immer den Eindruck gehabt, dass du wolltest, dass Fenske der Täter ist. Weil du es einfach nicht verwinden konntest, dass Petra dich seinetwegen verlassen hat.«

In Englers Körper breitete sich Eiseskälte aus. Er presste den Kiefer so hart zusammen, dass es schmerzte. Er stand auf und wandte sich zur Wohnzimmertür. »Ich denke, es ist besser, wenn du jetzt gehst.«

»Simon, wir müssen doch offen darüber reden können. Ich bin nicht nur dein Partner, sondern auch dein Freund. Ich will dir doch nur helfen.«

Engler machte eine auffordernde Handbewegung. »Geh!« Er hörte, wie sich Mick hinter ihm erhob, und blickte zur Seite, als dieser neben ihm stehen blieb.

»Wir müssen endlich darüber reden, wie es mit dem Restaurant weitergehen soll. Wenn du auch künftig so desinteressiert an allem bist, werde ich dich auszahlen und mir einen anderen Partner suchen. Wenn dich unser Lebenstraum nicht mehr interessiert, bitte, deine Sache. Aber meinen wirst du mir nicht weiter kaputt machen!« Mick ging schnellen Schrittes zur Haustür und schlug sie mit einem lauten Knall hinter sich zu.

 

Ja, es stimmte, das Wellington war einmal sein Lebenstraum gewesen. Mick und er hatten sich während des Studiums kennengelernt, nach dessen Beendigung als Steuerexperten in derselben Kanzlei gearbeitet und mit Mitte dreißig festgestellt, dass sie sich etwas anderes vom Leben erhofften, als betuchten Kunden dabei behilflich zu sein, ihr Geld ins Ausland zu verschieben. Sie hatten weg aus Hamburg gewollt, um irgendwo in Schleswig-Holstein ihren Traum von einem gemeinsamen Restaurant zu verwirklichen. Beide waren sie schon immer begeisterte Köche gewesen, und Simon war darüber hinaus noch ein Zahlengenie. Die Mischung war also perfekt. Nach langer Suche war ihre Wahl auf ein Restaurant am Markt in Eutin gefallen, das schon seit Längerem leer stand. Der Umzug in die kleine Kreisstadt in Ostholstein war in doppelter Hinsicht ein Glücksfall gewesen, denn sie waren damit nicht nur ihrem Traum ein großes Stück nähergerückt, sondern hatten auch noch die Ostsee in greifbarer Nähe, wo sie in jeder freien Minute ihren beiden großen Hobbys, dem Segeln und Surfen, nachgehen konnten. Außerdem liefen sie zu dem Zeitpunkt gerade als Singles herum, sodass niemand Einfluss auf ihre Entscheidung nehmen konnte.

Das Wellington hatte eingeschlagen wie eine Bombe und war schon nach kurzer Zeit weit über die Grenzen Eutins hinaus bekannt geworden. Sie hatten sich auf eine abwechslungsreiche und regional geprägte Küche spezialisiert, die bei ihren Besuchern großen Anklang fand.

Engler ging ins Wohnzimmer zurück und trat an das bodentiefe Fenster, vor dem sich das Panorama des Großen Eutiner Sees erstreckte, über dem heute ein bleierner Himmel hing. Er hatte das luxuriöse Haus mit dem über fünftausend Quadratmeter großen Grundstück vor acht Jahren gekauft, ein Jahr, nachdem er mit Petra zusammengekommen war und über eine gemeinsame Zukunft nachzudenken begann.

Drei Jahre später hatte sie mit gepackten Koffern vor ihm gestanden. »Ich verlasse dich«, hatte sie gesagt. »Ich habe einen Mann kennengelernt, der meinen Freiraum akzeptiert und mir nicht die Luft zum Atmen nimmt.« Dann war sie gegangen.

 

 

 

Wenn die Dunkelheit anbrach, kehrte die Angst zurück. Jedes Geräusch ließ sie zusammenschrecken, das Knacken des hölzernen Dielenfußbodens, das vertraute Scheppern der Katzenklappe, wenn Moritz zu seinen Ausflügen aufbrach oder von ihnen heimkehrte, ja, selbst das Anspringen des Kühlschranks brachte ihr Herz augenblicklich zum Rasen.

Früher hatte Anne die dunkle Jahreszeit geliebt. Es kamen zwar nur wenige Gäste in ihr kleines Hotel in Malente, das sich in einer prächtigen Villa aus dem 19. Jahrhundert befand und in idyllischer Lage am Kellersee lag, aber dafür hatte sie jetzt Zeit, sich intensiv um die Neugestaltung der zwölf Zimmer und der Gasträume zu kümmern. Was sie stets um diese Zeit tat. Und selbst wenn es nichts instand zu setzen gab, entdeckte die Innenarchitektin in ihr immer neue Gestaltungsmöglichkeiten. Hier ein paar farbenfrohe Kissen, die einem Sofa neues Leben verliehen, dort eine schöne Lampe, die ein Zimmer in wärmeres Licht tauchte, Kerzenleuchter vor den Fenstern, die Ideen gingen ihr niemals aus.

Harald hatte ihr Faible für diese Dinge nie geteilt, dazu war er ein viel zu großer Rationalist. Der Herr Doktor, Internist mit eigener Praxis, nüchtern bis auf die Knochen. Auch bei Veränderungen in ihrem Haus hatte sie nahezu jedes Mal feststellen müssen, dass er sie überhaupt nicht wahrnahm. Sie liebte ihren Mann natürlich trotzdem, hatte sich aber mit den Jahren gewünscht, damals nicht im Überschwang der ersten Verliebtheit geheiratet zu haben. Mit vierundzwanzig Jahren, nicht wenige hatten sie für verrückt erklärt. Wir hätten uns erst besser kennenlernen sollen, hatte sie später so manches Mal gedacht. Unsere Sehnsüchte, unsere Ängste, unsere Erwartungen an das Leben. Das Unterschiedliche in unseren Charakteren, das unsere Beziehung in vieler Hinsicht bereichert, häufig aber auch wie eine Mauer zwischen uns steht.

Dass sie etwas vermisste, hatte sie erst begriffen, als Torben Fenske in ihr Leben getreten war. Es war an einem Mittwoch gewesen, sie erinnerte sich auch heute noch ganz genau. Ihr Computer hatte von einer Sekunde auf die andere den Geist aufgegeben. Zu dem falschesten Zeitpunkt überhaupt. Eine Stunde vor dem Super-GAU war eine Vielzahl von Anfragen für die kommenden Wochen hereingekommen, die es alle schnellstmöglich zu beantworten galt. Als Anne feststellen musste, dass nichts mehr ging, war fast ihr Herz stehen geblieben. Das Hotel war ihr Lebenstraum, aber die Auslastung ließ zu wünschen übrig, obwohl sie seit der Eröffnung vor vier Jahren nichts unversucht ließ, das Haus bekannt zu machen. Harald würde ihr mit dem Computer nicht helfen können, da er zu der seltenen Spezies Mann gehörte, für die Rechner und alles, was damit zusammenhing, ein ewiges Mysterium bleiben würde. Also hatte sie das Branchenbuch durchforstet, in der Hoffnung, dort irgendeinen Computerfachmann zu finden, zu dem sie ihren Rechner bringen könnte oder der zu ihr nach Hause kommen würde. So war sie auf Torben Fenske gestoßen, der ihren Computer wieder zum Laufen, ihre Welt auf den Kopf gestellt und schließlich zum Einstürzen gebracht hatte.

Es klingelte an der Tür. Anne zuckte zusammen. Nach der Trennung von Harald war sie in dem Haus wohnen geblieben, das in der Nähe des Hotels lag. Ihr Mann hatte sich eine Wohnung in Malente genommen. Am Anfang war sie überglücklich gewesen, das Haus für Torben und sich zu haben, aber nach ihrem Bruch und allem, was danach gefolgt war, fürchtete sie das Alleinsein in den großen Räumen und stand Todesängste aus, wenn sie etwas aus dem Keller oder vom Boden holen musste. Zum Glück besaß das Haus eine Reihe von Einbruchssicherungen in Form von Außenjalousien sowie Tür- und Fenstersicherungen, die bereits Haralds Eltern hatten anbringen lassen. Trotzdem machte Anne jedes Mal nach ihrer Rückkehr einen Kontrollgang durch sämtliche Räume im Erdgeschoss und im ersten Stock, selbst wenn sie nur eine Stunde fort gewesen war. Die Kellertür und die Luke zum Boden waren stets verschlossen. Ihr war bewusst, dass ihre Ängste mittlerweile bedenkliche Züge angenommen hatten und sie die Hilfe eines Psychologen benötigt hätte, aber sie schreckte noch immer davor zurück, einem fremden Menschen das anzuvertrauen, was sie durchgemacht hatte. Ihre Dummheit und ihre grenzenlose Naivität zu offenbaren.

Es klingelte ein weiteres Mal, dann folgte ein energisches Klopfen, und eine aufgebrachte Männerstimme erklang. »Anne, ich komme jetzt rein. Ich weiß doch, dass du da bist, schließlich steht dein Wagen vor der Tür.«

Harald! Unendliche Erleichterung durchflutete ihren Körper, aber bevor sie die Tür öffnen konnte, hatte er es bereits getan. Als sie ihren Mann vor sich stehen sah, wäre sie ihm am liebsten um den Hals gefallen. Sein abweisender Gesichtsausdruck hielt sie auf Distanz.

»Was soll der Unsinn? Warum machst du nicht auf?«

»Ich …« Sie verstummte und wollte ihm den Mantel abnehmen, aber er trat zur Seite und hängte das Kleidungsstück an der Garderobe auf. Schneeflocken hingen daran, genauso wie in seinen Haaren, die er kurz ausschüttelte. »Es schneit«, sagte sie und fühlte sich so hilflos wie schon lange nicht mehr. Sie hätte ihn so gern in den Arm genommen, ihm gestanden, wie sehr sie ihn vermisste und hoffte, dass er ihr verzeihen und zurückkommen würde.

»Ja, es schneit. Wenn du hier nicht ständig hinter verbarrikadierten Fenstern sitzen würdest, hättest du das mitbekommen.«

Tränen stiegen in ihre Augen. Schon lange fühlte sie sich wie rohes Fleisch. Kein Mann mehr an ihrer Seite, der sie auffangen konnte, wenn das Leben ihr zusetzte. Und das tat es oft in letzter Zeit. Es war so ungerecht. »Ich fühle mich sicherer so«, sagte sie leise.

Harald sah sie mit unbewegter Miene an. »Ich muss etwas mit dir besprechen.«

Anne wies in Richtung Wohnzimmer. »Möchtest du etwas trinken? Ich kann dir auch was zum Abendbrot machen, das geht ganz schnell.«

»Nein, danke«, sagte er abweisend und ging ihr voraus. »Ich habe bereits gegessen.«

Sie setzten sich, und Harald rückte sofort mit dem Grund seines Kommens heraus. »Ich habe die Scheidung eingereicht.«

Anne stockte der Atem. Sie waren jetzt seit zweieinhalb Jahren getrennt, und die Tatsache, dass Harald bisher noch nie von Scheidung gesprochen hatte, hatte sie hoffen lassen, dass die Zeit für sie arbeiten würde. Nach den Geschehnissen mit Fenske war ihr bewusst geworden, dass sie ihren Mann immer noch liebte und zu ihm zurückwollte. Aber sie hatte nie gewagt, es auszusprechen.

»Was guckst du so entsetzt?«, fuhr Harald sie an, als sie nicht antwortete. »Hattest du etwa erwartet, dass es immer so weitergehen würde? Dann bist du ja noch naiver, als ich bisher gedacht habe.«

»Ich … ich …« Wenn sie es jetzt nicht aussprach, war ihre letzte Chance vertan. »Ich hatte gehofft, dass wir wieder zusammenfinden.« Sie beugte sich im Sessel nach vorn, hätte ihn so gerne berührt. »Es tut mir so leid, Harald. Ich wollte dir niemals wehtun, ich liebe dich doch.«

»Du liebst mich?« Er sah sie an, als würde er an ihrem Verstand zweifeln. »Du hast dich diesem Fenske an den Hals geworfen, hast gesagt, dass du bei ihm endlich sexuelle Erfüllung gefunden hättest und nur er dich verstehen könne. Du hast gesagt, dass unsere Ehe ein Fehler gewesen sei. Hast du auch nur einmal darüber nachgedacht, wie ich mich bei diesen Worten gefühlt habe? Wie verzweifelt und verletzt ich war. Und jetzt sagst du, dass du mir niemals wehtun wolltest? Das ist ja wohl ein schlechter Witz!«

»Harald … bitte … hör auf.«

»Nein, das werde ich nicht. Das hörst du dir jetzt an. Als Fenske gewalttätig wurde, war ich wieder gut genug. Da bist du zu mir zurückgekrochen, weil du Angst vor ihm hattest.«

»Und du hast mich rausgeschmissen!«

»Wieso hätte ich dich wieder aufnehmen sollen? Du wolltest diesen Mann und hattest mich und unser bisheriges Leben ausradiert.«

»Ich war in einer Ausnahmesituation, kannst du das denn nicht verstehen? Diese ständige Angst vor Torben, und dann auch noch die drohende Insolvenz. Du weißt doch, wie sehr ich das Hotel liebe, und außerdem habe ich mein ganzes Erbe reingesteckt.«

»Du musst endlich einsehen, dass du dich übernommen hast«, sagte er ungerührt. »Du hattest gedacht, dass du ein Hotel führen könntest, obwohl du bis dahin nur am Empfang dieses scheußlichen Kastens in Timmendorf gestanden hast. Dir fehlten doch sämtliche Voraussetzungen für einen solchen Job, und ich glaube nicht, dass du sie dir mittlerweile angeeignet hast.«

In dieser Direktheit hatte er es ihr noch nie gesagt.

»Und nach deiner Kündigung wolltest du es natürlich allen zeigen«, fuhr ihr Mann unbeirrt fort.

»Die Kündigung erfolgte aufgrund von Personaleinsparungen, nicht, weil es etwas an meiner Arbeit auszusetzen gab!«

»Das weiß ich. Aber für dich war es eine Demütigung. Und als dein eigenes Hotel dann auch nicht lief, hast du dich wieder auf dem absteigenden Ast gefühlt. In einer solchen Situation braucht eine Frau wie du natürlich Bestätigung. Weil du zwar nach außen hin immer groß auftrittst, in Wirklichkeit aber ein jämmerlich kleines Ego hast.«

Sie durfte seine Worte nicht an sich heranlassen, sonst würde sie auf der Stelle losbrüllen. Noch nie war er ihr mit einer derartigen Verachtung begegnet.

»Ich habe das alles so satt!«, sagte er, und der genervte Ton in seiner Stimme brachte sie zur Weißglut. »Diese ewige Jammerei und ständige Schuldverlagerung auf andere.«

»Ja«, schrie sie auf, denn jetzt war es auch schon egal, »genau das ist es, was mich in Torbens Arme getrieben hat. Diese Gleichgültigkeit, die du mir gegenüber in den letzten Jahren an den Tag gelegt hast. Du warst immer der wichtigere Teil in unserer Beziehung. Der Herr Doktor, der Menschenleben rettet, mein Gott, was ist das im Vergleich zu einer kleinen Hotelbesitzerin. Du hast mich nie ernst genommen, ich stand immer an zweiter Stelle. Weißt du eigentlich, wie unzulänglich ich mich dir gegenüber häufig gefühlt habe?« Hör auf, mahnte eine Stimme in ihrem Inneren. Das, was du hier gerade machst, ist die sicherste Methode, Harald endgültig aus deinem Leben zu vertreiben.

Aber es war bereits zu spät. Ihr Mann hatte sich erhoben und maß sie mit einem mitleidigen Blick. »Dann kannst du doch froh sein, wenn wir diese Farce endgültig beenden.« Er ging hinaus auf den Flur. Anne wäre ihm am liebsten hinterhergelaufen, aber ein Rest von Stolz hielt sie davon ab. Nein, sie würde nicht darum betteln, dass er bei ihr blieb. »Mein Anwalt wird sich mit dir in Verbindung setzen«, hörte sie Haralds Stimme, dann kam er noch einmal ins Wohnzimmer zurück, bereits im Mantel. »Du solltest übrigens schon mal Ausschau nach einer Wohnung halten.«

Nein, bitte nicht auch das noch.

»Die Tatsache scheint dich zu überraschen«, sagte Harald mit einem höhnischen Unterton. »Mein Gott, was bist du dumm. Hast du wirklich geglaubt, dass ich dich weiter hier wohnen lasse? Dieses Haus ist mein Elternhaus, du hast keinerlei Anspruch darauf.« Er zog die ledernen Handschuhe an. »Ich gebe dir bis zum ersten März Zeit, dann bist du hier raus!«

»Aber wie soll ich denn so schnell eine Wohnung finden?«, stammelte Anne.

»Dein Problem. In diesem Haus will ich dich jedenfalls nicht mehr sehen! Ich habe nämlich die Absicht, hier mit meiner neuen Frau einzuziehen.«

3 Wochen später

Freitag, 20. Dezember

Er schlief immer noch unruhig, wachte häufig auf und fand dann lange nicht in den Schlaf zurück. Lisa setzte ihre Hoffnung auf die Zeit und darauf, dass es Fehrbach mit ihrer Hilfe gelingen würde, den Mordanschlag von Jegor Stepanow zu überwinden. Dabei war auch sie noch lange nicht darüber hinweg.

Sie tippte auf den metallenen Fuß ihrer Nachttischlampe und beließ das Licht auf der untersten Stufe, damit Fehrbach nicht wach wurde. Der Wecker zeigte sechs Uhr, ihr innerer Zeitmesser hatte also wie immer funktioniert und auch diesmal das Stellen der Weckfunktion überflüssig gemacht. Lautlos schlüpfte sie aus dem Bett und zog die Gardinen einen Spaltbreit auf. Der Gehweg vor dem Haus schimmerte nass im Licht der Laternen, die Bäume auf der gegenüberliegenden Straßenseite peitschten im Wind. Das Sturmtief, das abwechselnd Regen- und Hagelschauer brachte, hielt sich bereits seit Tagen, und laut der Wettervorhersage würde es auch in diesem Jahr wieder nichts mit einer weißen Weihnacht werden. Schade, sie wäre so gerne an einem der Feiertage mit Fehrbach an die Ostsee gefahren, um einen langen Spaziergang an einem verschneiten Strand zu machen.

Auf Zehenspitzen tappte Lisa ins Bad, duschte erst heiß, dann kalt und erledigte ihre Morgentoilette. Sie kehrte ins Schlafzimmer zurück, schlüpfte in frische Kleidung und kniete sich dann neben dem Bett nieder. Ihre Augen glitten über Fehrbachs Gesicht, dessen Züge nur im Schlaf entspannt waren. Im wachen Zustand lag eine ständige Anspannung darin, die auch damit zusammenhing, dass er stets versuchte, sich vor ihr zusammenzureißen und sie nicht mit seinen Ängsten zu behelligen.

Es war alles noch so verdammt nah. Die Schrecksekunden in ihrem Büro, als ihr jäh bewusst geworden war, warum der Blick des Wachmanns in Fehrbachs Wohnanlage eine solche Beklemmung in ihr ausgelöst hatte. Sie kannte den Mann, von einer Sekunde auf die andere war es ihr wieder eingefallen. Ein länger zurückliegendes Delikt, er war wegen Totschlags angeklagt gewesen, den man ihm allerdings nicht hatte nachweisen können. Damals hatte er halblange braune Haare getragen und war insgesamt eine ungepflegte Erscheinung gewesen. Jetzt war er plötzlich erblondet und steckte in einer Uniform, der Unterschied hätte nicht größer sein können. Nach dieser Erkenntnis war Lisas Unruhe gewachsen, bis sie es schließlich nicht mehr ausgehalten und Bergmann gebeten hatte, mit ihr zu Fehrbachs Wohnung zu fahren, weil sie das Gefühl habe, dass dort irgendetwas faul sei. Bergmann hatte sie nicht mit Fragen behelligt, und auf dem Weg hatte sie ihm dann den Grund für ihren Besuch bei Fehrbach gestanden. Gestehen müssen, auch wenn sie vorgehabt hatte, die Beziehung mit Fehrbach erst einmal für sich zu behalten.

Ein Schaudern durchlief sie, wenn sie daran zurückdachte, was für ein Anblick sich Bergmann und ihr beim Betreten von Fehrbachs Wohnung geboten hatte. Fehrbach auf dem Boden, ein Mann über ihm, ein anderer am Fenster. Beide hatten fast zeitgleich ihre Waffen gezogen, aber Bergmann und sie waren schneller gewesen, da sie bereits mit entsicherten Pistolen die Wohnung betreten hatten. Der Mann am Fenster war von Bergmann durch einen Bauchschuss niedergestreckt worden, und nachdem sie später festgestellt hatten, um wen es sich handelte, und Lisa ihrem Kollegen die Vorgeschichte erzählte, hatte dieser mit grimmigem Gesichtsausdruck gemeint: »Ich hätte ihn erschießen sollen.« Lisa hatte den Wachmann mit einem Schulterdurchschuss außer Gefecht gesetzt. Er und Stepanow hatten das Krankenhaus mittlerweile verlassen und warteten in der JVA auf ihren Prozess.

Fehrbach hatte eine schwere Kehlkopfquetschung erlitten. »Wenn Sie später gekommen wären, hätte er den Anschlag nicht überlebt«, hatte der Arzt auf der Intensivstation zu ihr gesagt. Die nachfolgenden Schmerzen und Schluckbeschwerden waren mittlerweile überwunden, die psychischen Folgen würden länger andauern. Trotzdem hatte Fehrbach genau wie sie mittlerweile wieder den Dienst aufgenommen.

Die Sorge um ihn hatte Lisas eigene Nöte in den Hintergrund treten lassen. Auch sie war erst vor Kurzem Opfer eines Anschlags geworden, aber die Hintergründe dieser beiden Taten hätten unterschiedlicher nicht sein können. Ihre Schussverletzung war gut verheilt, und die Rückkehr in den Job hatte sie kaum erwarten können. Arbeit war immer noch die beste Medizin, da tickte sie genauso wie Fehrbach.

Ein warmes Gefühl durchströmte sie. Sie beugte sich vor und strich leicht über seine Wange. »Aufwachen, du Murmeltier.« Seine Lider begannen zu flattern, und als er Sekunden später die Augen öffnete, lag ein Anflug von Panik darin. Der sich erst wieder verflüchtigte, nachdem er sie wahrgenommen hatte.

»Guten Morgen«, flüsterte er und streckte die Hand nach ihr aus. Lisa schmiegte sich für einen Moment in seine Umarmung, dann machte sie sich energisch frei.

»Ich muss mich beeilen. Um halb acht steht eine Besprechung an.« Sie eilte in die Küche, setzte Kaffee und Teewasser auf und bereitete das Frühstück zu. Während sie vor sich hin werkelte, hörte sie die Badezimmertür klappen und wenige Augenblicke später das Geräusch der Dusche. Als Fehrbach schließlich die Küche betrat, war der Kaffee durchgelaufen, und Lisa führte sich gerade ihre erste Tasse Tee zu Gemüte.

Fehrbach schenkte sich eine Tasse Kaffee ein und nahm am Küchentisch Platz. Er trug Anzug und Krawatte, und Lisa erinnerte sich, dass er etwas von einem Gerichtstermin um zehn Uhr erzählt hatte. Sie setzte sich ihm gegenüber und griff nach dem Schwarzbrot, das sie am Vorabend noch kurz vor Toresschluss in ihrer Lieblingsbäckerei erstanden hatte. »Möchtest du auch?«

Fehrbach nickte. »Ja, danke.«

Lisa schnitt eine dicke Scheibe ab und sah ihn dann fragend an. »Was möchtest du drauf haben?«

»Egal, irgendwas.«

Sie legte das Brot beiseite und musterte ihn mit einem strafenden Gesichtsausdruck. »So geht das nicht, Thomas! Das sagst du jeden Morgen. Es muss doch irgendwas geben, worauf du Hunger hast.«

Fehrbach schenkte sich Kaffee nach, schwarz wie immer. Er trank die Tasse fast auf einen Zug leer, dann ließ er seinen Blick über den Frühstückstisch schweifen, den sie wie jeden Morgen liebevoll hergerichtet hatte. Käse, Wurstwaren, Marmelade, zwei hart gekochte Eier und einige Scheiben Räucherlachs, die Lisa ebenfalls am Vorabend eingekauft hatte. Sie hatten sich darauf verständigt, die Einkäufe im Wechsel zu erledigen, aber in den letzten Tagen war Fehrbach erst so spät aus dem Büro gekommen, dass ihm keine Zeit dafür geblieben war. Im K1 hingegen war es zurzeit erstaunlich ruhig, sodass Lisa diese Arbeit übernommen hatte.

»Lachs«, sagte Fehrbach schließlich, aber es klang nicht überzeugt, sondern eher so, als hätte er es ihr zuliebe gesagt. Dabei wusste Lisa mittlerweile, dass er ebenso wie sie süchtig nach Lachs in allen Variationen war. Wenn ihm also nicht einmal mehr der schmeckte, war dies ein Alarmzustand.

»Denk doch bitte noch mal über ein Gespräch mit einem Psychologen nach«, sagte sie vorsichtig, während sie damit begann, die Brotscheibe mit Butter zu bestreichen.

»Nein!«

In gewisser Weise konnte Lisa seine Ablehnung nachvollziehen, da sie bis vor einigen Monaten ebenfalls der Meinung gewesen war, dass es nichts gäbe, was sie nicht auch mit sich selber ausmachen konnte. Aber mittlerweile hatte sie begriffen, dass die Bitte um Unterstützung eines Fachmanns nicht von Schwäche, sondern von Stärke zeugte. Doch an diesem Punkt war Fehrbach noch nicht angelangt. Sie beschloss, in ihrem Bemühen nicht nachzulassen und zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal darauf zurückzukommen. Jetzt belegte sie die Brotscheibe erst einmal mit zwei Scheiben Lachs und schob Fehrbach den Teller hinüber. »Guten Appetit! Und wehe, es bleibt ein Krümel übrig!«

 

 

 

Am Vortag war der erste Schnee gefallen und hatte bei den Bewohnern der Holsteinischen Schweiz die Hoffnung geweckt, dass es in diesem Jahr endlich wieder weiße Weihnachten geben würde. Aber bereits gegen Abend war der Schneefall in Regen übergegangen, der in der Nacht noch zugenommen hatte. Jetzt, am Morgen, gegen halb neun, war die Welt in ein trostloses Grau gehüllt, das sämtliche Farben verschluckt hatte, wie Friedrich Glaser nach einem kurzen Blick aus dem Küchenfenster feststellen musste. Der Regen prasselte gleichförmig aus einem bleiernen Himmel, im Vorgarten und auf dem Weg zur Straße standen die Pfützen.

»Schietwetter«, schimpfte Glaser und setzte sich an den von seiner Frau bereits gedeckten Frühstückstisch.

»Das kannste laut sagen. Und im Wetterbericht hieß es gerade, dass es über Weihnachten so bleiben wird.« Elsa reichte ihm den Brotkorb, in dem mehrere Scheiben ihres selbst gebackenen Nussbrotes lagen, für das Glaser selbst seine – Gott hab sie selig – Großmutter verkauft hätte. »Willst du heute wirklich in den Wald? Also bei dem Wetter würd ich mir das ja überlegen.«

Glaser nahm gleich zwei Scheiben Brot heraus, bestrich sie dick mit gesalzener Butter und pappte sie dann zusammen. Mehr brauchte es nicht zum Glücklichsein. »Ich muss gucken, was mit dem Hochsitz ist«, sagte er und kaute voller Wohlbehagen. »Wenn der wirklich so auf halb acht steht, wie Heinrich vorgestern am Telefon gesagt hat, muss was passieren. Sonst kracht mir das Ding womöglich noch zusammen.«

Ein Nachbar hatte Glaser darüber informiert, dass der Hochsitz, der sich auf einer kleinen Waldlichtung am Großen Plöner See befand, bei dem Sturm in der vorigen Woche so richtig einen mitbekommen habe. Der Sitz erinnere ihn an den Schiefen Turm von Pisa, hatte der Nachbar gemeint und hinzufügt, dass Glaser sich das Teil mal besser ganz schnell ansehen solle, bevor es in sich zusammenbreche. Glaser war zwar kein Jäger, aber in der kleinen Wohnsiedlung so eine Art Mann für alle Fälle, der sich nach seiner Pensionierung vor drei Jahren kümmerte, wenn man Dinge an ihn herantrug. Allerdings hatte ihn eine starke Erkältung daran gehindert, dem Hinweis seines Nachbarn sofort nachzukommen.

»Warte doch bis nach Weihnachten damit«, meinte Elsa und schraubte die Aprikosenmarmelade auf. »Du hökerst schließlich immer noch mit deiner Erkältung rum. Und wenn du bei diesem Wetter jetzt da draußen rumpusselst, kriegst du womöglich noch einen Rückfall.«

»Nee, lass mal«, winkte Glaser ab und schob das letzte Stück seines Doppeldeckers in den Mund. »Ich fühl mich von Tag zu Tag besser.«

Was nicht so ganz stimmte, aber der Gedanke an den Hochsitz ließ ihm nun mal keine Ruhe, da war er preußisch durch und durch. Alles musste ordnungsgemäß erledigt sein, erst dann konnte er sich dem Müßiggang hingeben. Was allerdings nicht wirklich sein Ding war, irgendeine Beschäftigung brauchte er immer.

Nach dem letzten Schluck Kaffee ging Glaser in den Flur und zog Gummistiefel und Regenjacke an. »Bin spätestens zum Mittagessen wieder da.« Vor dem Haus stülpte er die Kapuze über den Kopf und starrte grimmig in den Himmel. »Schiet Klimawechsel. Früher hat’s im Winter geschneit, und im Sommer schien die Sonne. Und jetzt ist nur noch Murkskram angesagt.«

Er brummelte weiter vor sich hin, bis er die Straße erreichte, kurz innehielt und sich dann entschloss, den kürzeren Weg durch den Wald zu nehmen, der an das Grundstück grenzte. Eine Entscheidung, die er allerdings schon bald zu bereuen begann, da der unebene Sandweg fast ausnahmslos aus tiefen Pfützen bestand, die sein Vorankommen mehr als einmal behinderten. An den Wegrändern war der Farn zu einer braunen Masse zusammengeschrumpelt, auch keine gute Ausweichmöglichkeit, weil man bei jedem Schritt Gefahr lief, auszurutschen. Glaser blieb stehen und schaute zurück. Sollte er umdrehen und doch an der Straße entlanggehen, um dann den Landwirtschaftsweg zu nehmen, der an einem großen Feld vorbeiführte? Nee, sagte er sich, jetzt bist du schon so weit gekommen, also beiß gefälligst die Zähne zusammen. Jammern gilt nicht, und trotz der widrigen Umstände kommst du hier schneller voran. Also setzte er seinen Weg fort und fluchte in schöner Regelmäßigkeit über die zunehmend dreckiger werdenden Gummistiefel und die Nässe, die seine Kleidung mittlerweile trotz der Regenjacke durchzog. Als nach einiger Zeit rechter Hand die verfallene Kate in sein Blickfeld kam, überfiel ihn das altbekannte Frösteln.

Die Kate stand dort, seit er denken konnte. Bereits als Kind hatte er sich bei ihrem Anblick gegruselt, und gleichzeitig hatte sie eine magische Anziehungskraft auf ihn ausgeübt. Damals hatte ein Einsiedler darin gehaust, den Glaser und seine beiden Brüder für ihr Leben gerne erschreckten. Wahrlich keine Heldentat, wie er sich als Erwachsener irgendwann beschämt eingestanden hatte. Mittlerweile lebte dort niemand mehr, und die Natur hatte die Vorherrschaft übernommen. Das Dach war eingestürzt, und ein Baum wuchs daraus hervor, dessen Krone in einer absurden Neigung dem Himmel entgegenstrebte. Die steinernen Wände waren größtenteils zusammengebrochen, die Eingangstür hing in den Angeln, die Fensterscheiben waren blind oder zertrümmert. Ein fast undurchdringliches Brombeergestrüpp umwucherte die Kate, und als ein plötzlicher Windstoß die Tür bewegte und ein Geräusch erklang, das sich fast wie das Ächzen eines Menschen anhörte, fuhr Glaser erschrocken zusammen.

Geh weiter, sagte er sich, aber eine unwiderstehliche Kraft zog ihn in Richtung der Tür. Der lehmige Boden quietschte unter seinen Sohlen, ringsum verstreut lagen die aus der Hauswand gebrochenen Steine, von einer glitschigen Moosschicht überzogen. Die Ranken der Brombeeren zerkratzten seine Hände, als er sich einen Weg zur Tür bahnte. Dumpfer Modergeruch hing in der Luft, in den sich noch etwas anderes mischte. Glasers Herz schlug unregelmäßig, das Atmen fiel ihm auf einmal schwer. Trotzdem streckte er die Hand nach der Tür aus und zog sie langsam auf. Wieder erklang dieses ächzende Geräusch, und seine Nackenhaare richteten sich auf. Er trat einen Schritt näher und warf einen vorsichtigen Blick ins Innere der Kate. Seine Augen brauchten einen Moment, um sich an die diffusen Lichtverhältnisse zu gewöhnen und die im Inneren befindlichen Gegenstände unterscheiden zu können.

Ein Holztisch, verwittert, den drei Beine in einer Schräglage hielten. Ein umgefallener Plastikstuhl auf dem gemauerten Boden. Ein zerschlissener Sessel, der Stoffbezug aufgerissen und vor Dreck starrend, das Blümchenmuster kaum noch erkennbar. Ein Bett in der Ecke, Metallstäbe an Kopf- und Fußende.

Was zum Teufel war das da auf dem Bett?

Glaser blinzelte. Eine Decke, wie es schien, zusammengeknüllt, eine merkwürdig bizarre Form. Zögernd ging er weiter und verharrte für einen Augenblick neben dem knorrigen Stamm des Baumes. Der Geruch, der sich bereits beim Betreten der Kate auf seine Schleimhäute gelegt hatte, war hier fast unerträglich.

Nein, das war keine Decke …

Glaser trat näher und begann zu würgen …