Leben - Ralf Glahel - E-Book

Leben E-Book

Ralf Glahel

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Beschreibung

Im Mittelpunkt dieser Erzählung steht die junge Informatik Doktorandin Aurinia. Durch den Verlust ihrer Eltern gleitet sie in eine schwere Depression die schlussendlich in einem Selbstmordversuch endet. Eine ihr bis dato unbekannte junge Frau rettet sie, führt sie zurück ins Leben und erteilt ihr die Aufgabe Kontakt zu einem jungen Künstler namens Benedikt herzustellen und sein Vertrauen zu gewinnen. Aus dem anfänglichen Auftrag entwickeln sich sehr zum Missfallen ihrer Retterin beiderseitige Gefühle. Getrieben von Liebe, Neugier aber auch Angst, versucht Aurinia die Hintergründe ihrer Mission und vor allem hinsichtlich ihrer stets perfekt informierten Auftraggeberin herauszufinden. Je näher sie der Lösung kommt, desto mehr manifestiert sich die Gewissheit, dass nichts ist wie es scheint, Benedikt die Ursache all ihrer Probleme ist und ihr Leben von Beginn an einzig darauf ausgerichtet war dieses zu lösen. Die Lösung jedoch missfällt ihr ganz und gar.

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Seitenzahl: 160

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Ralf Glahel

Leben

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Inhalt

Anfang

Chancenlos

Status

Vorbereitungen

Erfüllt

Der Anruf

Schach

Alptraum

Das Frühstück

Schizophren

Intermezzo

Wiedersehen

Kuss

Ziehung

Verspätet

Ein perfekter Abend

Der Beweis

Kontrolle

Self fullfilling prohecy

Gedanken

Offenbarung

Wahrnehmung

Verletzt

Verschlafen

Freunde

Virtual Reality

Liebe

Impact

Stille

Therapie

Reinigend

Mord

Arbeit

Bestimmung

Freundin

Hannah

Schmerz

Zeitpunkt

Überraschung

Entwicklung

Geniales Leben

Das Geschenk

Vorbereitungen

Ethik

Realität

Falsche Seite

Urlaubsvorbereitungen

Asimov´sches Gesetz

Finale

Abflug

Blut

Leer

Matt

Impressum neobooks

Inhalt

Leben

von

ralf glahel

Impressum

Texte: © 2020 Copyright by Ralf GlahelUmschlag: © 2020 Copyright by Ralf Glahel

Anfang

Eine Nachricht, besser, die Telefonnummer einer hübschen Frau zugesteckt zu bekommen ist wahrlich eine Besonderheit. Umso mehr freut sich Benedikt ob dieses unerwarteten Ereignisses. Es geschah völlig unvermittelt.

Er sitzt wie so oft gedankenverloren im Resselpark, lässt die Füße in dem künstlich angelegten Teich baumeln und studiert die Karlskirche. Derart in Gedanken versunken hat er weder seine attraktive Sitznachbarin registriert noch weiß er, wie lange sie schon neben ihm sitzt. Als er kurz den Blick von der barocken Fassade ablässt, fesselt ihn schon dieses bezaubernde Lächeln. Völlig ungeniert und ungefragt blättert sie in seinen Skizzen.

„Du bist talentiert“, sagte sie plötzlich. Benedikt weiß nichts zu erwidern. „Malst du nur Fassaden oder auch Menschen?“. Noch immer kann er keinen klaren Gedanken fassen, geschweige denn einen formulieren. „Du malst offensichtlich besser als du kommunizierst. Gefällt mir. Es wird ohnehin viel zu viel geredet. Leider kann ich deine Antwort nicht abwarten, aber sowie du eine hast, kannst du mich ja gerne anrufen“, sagt sie, drückt ihm einen Zettel mit einer Nummer darauf in die Hand und verlässt ihn in Richtung U-Bahn Abgang.

Seine Neugierde ist definitiv geweckt – ist es wirklich ihre Nummer? Oder erlaubten sich seine Freunde gerade einen Scherz? Benedikt blickt sich um. Weit und breit scheint niemand zu sein, der ihn beobachtet, von seinen Freunden definitiv keine Spur.

Hätte Benedikt geahnt, welch unheilvolle Ereigniskette er mit diesem einen Anruf auslöst … aber wahrscheinlich hätte er trotzdem angerufen.

„Ja?“.

„Hallo, spreche ich mit der jungen Dame die gerade neben mir gesessen hat?“

„Du klingst lustig – aber ja, ich bin die junge Dame. Und?“

„Was und?“

„Die Antwort auf meine Frage – wie lautet sie?“

Benedikt ist überfordert. „Ja, nein, im Grunde kann ich natürlich schon“.

„Ich sehe, du bist Anfänger. Süß. Ruf mich wieder an, wenn du dich an zwei, drei Aktmodellen probiert hast, ja“, sprach sie und legte auf.

Chancenlos

Aurinia ist zufrieden mit sich, aber was noch viel wichtiger ist, sie würde zufrieden mit ihr sein. Besser hätte der Erstkontakt gar nicht ablaufen können. Jetzt kann sie sich endlich wieder Ihren Aufgaben widmen.

Status

Erzähl, wie wars?

Simpel – einfach simpel!

Jungs brauchen nur ein hübsches Gegenüber vor sich zu haben und schon sind sie einem verfallen. Eigentlich musste ich gar nichts machen. Habe seine Skizzen durchgeblättert und schon hatte ich ihn für mich gewonnen. Woher wusstest du eigentlich, dass er dort sein wird?

Wie du bereits festgestellt hast – Jungs agieren nicht sonderlich unvorhersehbar.

Und – was wird nun passieren? Was willst du von ihm?

Geduld, alles zu seiner Zeit.

Vorbereitungen

Benedikts Gedanken drehen sich im Kreis. Eigentlich nicht im Kreis, sie drehen sich ausschließlich um dieses Mädchen. Würde er an Liebe auf den ersten Blick glauben, dann war es wohl genau das. Einen solchen Gedanken will er aber erst gar nicht zulassen. Sehr wohl aber möchte er sie wiedersehen. Sie war … ungewöhnlich. Ungewöhnlich beschreibt sie tatsächlich gut.

Seit Stunden durchforstet er nun schon das Internet nach Akt-Modellen. Nicht das er nicht fündig geworden wäre, das Gegenteil ist vielmehr der Fall. Diese Fülle an Angeboten überfordert ihn (wie auch deren teils übertriebenen Preisvorstellungen).

Erfüllt

Seit exakt zwei Monaten trägt er dieses Stück Papier nun mit sich herum. Gefühlt hat er es fast ebenso lange angestarrt. Aber heute ist es soweit, heute wird er sie wieder sprechen und dann hoffentlich auch wiedersehen.

Die letzten Wochen waren … ungewöhnlich. Wie lieb ihm dieser Ausdruck mittlerweile geworden ist. Er hat sich mit unzähligen potentiellen Aktmodellen getroffen und sein Puls hat neue Höhen durchlebt. Nein, nicht unbedingt wegen der teils sehr attraktiven nackten Mädchen, sondern weil er es sich zur Angewohnheit machte, sich vorab mit ihnen zu unterhalten. Zumeist in einem kleinen Café … und Café floss reichlich. Mit der Zeit wusste er nicht mehr, ob ihn der Gedanke an die Ungewöhnliche (so nannte er sie seit geraumer Zeit) oder doch eher das Koffein wach hielt. Es war spannend all diese jungen Frauen zu treffen, sich mit ihnen zu unterhalten, ihre Geschichte zu hören (jene die dies zumindest zuließen), ihre Beweggründe zu erfahren und wäre hier nicht seine unbändige Lust nach der Einen gewesen, so hätte aus so manchem Café auch ein wenig mehr werden können.

So aber hat er sich am Ende rein auf seine Aufgabe konzentriert und hält nun die Skizzen und Mühen seiner Arbeit in Händen. Und sein Mobiltelefon.

Bewusst hat er ihre Nummer seit dem letzten Mal nicht nochmals gewählt. Was hätte er ihr auch sagen sollen? Hallo! Nein ich habe die Aufgabe noch nicht erfüllt. Weshalb ich dich anrufe? Nun, ich wollte dich hören … nein, nein, nein. So wollte er sich nicht präsentieren. Aber war das was er getan hat nun so viel besser? Sie gibt ihm eine Aufgabe und er verwendet mehrere Monate seiner Lebenszeit dafür diese umzusetzen. Wofür, bzw. für wen? Er weiß nichts über sie. Unzählige Male ist er noch im Resselpark gesessen, hat die Fußgänger akribisch mit seinen Blicken verfolgt, in der Hoffnung sie „zufällig“ mal wieder zu sehen. Seinen Freunden, denen sein eigenwilliges Verhalten auch nicht ganz entgangen war, konnte er zumindest eine Geschichte auftischen, dass es sich um ein Studienprojekt handle und er den Platz ganz einfach in sich aufnehmen muss. Wie dem auch sei. Nun ist es vollbracht.

Der Anruf

„Hallo“

„Hallo, hier ist Benedikt“

[Stille]

„bist du noch drann?“

„ja“

„und“

„was und?“

„wie wärs mit „Hallo Benedikt, schön von dir zu hören, wie geht’s ….““

„Also gut, hallo Benedikt, schön von dir zu hören, wie geht’s? Und ganz nebenbei, wer bist du und warum rufst du mich an? Und woher hast du überhaupt diese Nummer?“

„das letzte Mal warst du süßer; wie kann jemand so aggressiv sein?“

„kaum vorstellbar, dass es ein erstes Mal schon gab, oder? Ich bin mir ziemlich sicher, niemals etwas mit einem Benedikt angefangen zu haben“

„Wahnsinn bist du schräg. Schön langsam ärgere ich mich, dass ich wegen dir diesen irren Aufwand betrieben habe.“

„tja, du scheinst nicht der hellste Stern am Firmament zu sein. Aber sag, warum rufst du wirklich an – ich vermute, dass du nicht unbedingt auf Strenge stehst. … oder etwa doch? Falls ja, dann verrechne ich dir selbstverständlich diesen Call! Sagen wir EUR 500,-, einverstanden?“ [ein leises kichern ist zu hören]

„Ich sollte dich nicht die „Ungewöhnliche“ sondern viel mehr die „Unmögliche“ nennen“

„du nennst mich „die Ungewöhnliche“? Das finde ich nett, … hmm, eigentlich sogar toll, das gefällt mir. Also lieber Benedikt, lass uns neu starten – was ist dein Begehr?“ [nun ist ein deutliches kichern zu vernehmen]

„du meintest ich solle mich bei dir melden, wenn ich mich an ein paar Aktmodellen abgearbeitet habe“

[Hahahaha – jetzt kichert sie nicht mehr nur, sondern lacht aus vollem Herzen]

„Hahaha, du bist unglaublich. Das ist der mit Abstand beste Anmach-Spruch ever. Hahaha, sorry, einen Moment, ich bin sofort wieder dran“. [Im Hintergrund hört Benedikt lautes, herzhaftes Lachen]. „so, sorry, es ging einfach nicht anders. Also nur um es kurz zusammen zu fassen. Ich habe dir gesagt du sollst ein paar Aktmodelle ficken und danach dich bei mir melden (hahahahaha, ich packs nicht). Sorry, daran kann ich mich aber beim besten Willen nicht erinnern und so betrunken war ich in letzter Zeit nicht, dass ich mich daran nicht erinnern könnte.“

„Du hast ein sehr einfaches Gemüt, nicht?“

„Das mag sein, aber ich bin nicht ganz so einfach zu haben“ [das Gespräch wird durch mehrere weitere Lachanfälle unterbrochen und Benedikt ist mittlerweile etwas genervt]

„Weißt du was, vergiss es einfach, ok? Sorry dass ich dich gestört habe. Wünsche dir noch ein schönes, langes Leben, bye!“

Benedikt legt auf. Er wartete nicht einmal mehr eine weitere Antwort von ihr ab. Irgendwie ist das Gespräch nicht so verlaufen, wie er sich das erhofft hatte. Was ging schief? Wie konnte das nur so aus dem Ruder laufen?

Noch während er deprimiert sein Handy anstarrt, beginnt es auch schon zu läuten. Ein kurzer Blick genügt und er sieht, dass sie es ist.

„Ja?“

„Hallo, ich wieder. Die Verbindung dürfte unterbrochen worden sein [weiteres kichern ist zu vernehmen]. Weißt du, du bist gut. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einen mir Unbekannten zurückgerufen habe, aber du hast mich zum Lachen gebracht … und das sollte belohnt werden. Also schmoll nicht und sag, warum du mich wirklich angerufen hast.“

„Wir haben uns vor geraumer Zeit beim Resselpark vor der Karlskirche getroffen und dir haben meine Zeichnungen gefallen. Und – bitte nicht wieder lachen – du meintest, ich sollte nicht nur Fassaden abmalen, sondern auch Frauen und das habe ich gemacht, weshalb ich mich nun wieder bei dir melde“.

„Ach du bist der süße Maler. Warum sagst du das nicht gleich? Aber wir haben ja eh letztens schon festgestellt, dass Kommunikation nicht dein Hauptfach ist. Im Grunde genommen nicht einmal dein Wahlfach.“

„du beleidigst mich schon wieder …“

„sei nicht bös. Du kannst nicht nach Ewigkeiten bei jemanden den du 2 Minuten gesprochen hast anrufen und erwarten, dass diejenige sich an deine Stimme erinnert und sofort weiß, wer du bist. Hättest du in deinem ersten Satz erwähnt wer du bist und warum du anrufst, dann hätte ich, wie auch gerade eben, mich an dich erinnern können. Also, wann wollen wir uns treffen. Bin schon auf deine Skizzen und Zeichnungen gespannt.“

„Du willst mich treffen?“

„Das war doch der Grund deines Anrufs? Oder wolltest du mir nur die Info geben, dass du nicht mehr nur Objekte abmalen kannst?“

„Nein, ich will mich natürlich schon mit dir treffen“.

„Siehst du, dann sag schon, wann ginge es, oder warte. Machen wirs anders. Kommenden Samstag Vormittag habe ich nichts vor – hast du Lust ein Frühstück mit mir einzunehmen?“

„Ja, [Benedikt beginnt zu stottern], ja gern“

„Super! Wohin soll ich kommen?“

„Bitte?“

„Na wo wohnst du? Wohin soll ich kommen?“

„Du willst bei mir frühstücken?“

„Na klar. Schließlich will ich mir ein Gesamtbild von dir machen – und dazu gehört auch dein zu Hause. Von mir aus können wir uns natürlich auch in deinem Atelier treffen – wäre auch ok!“

„In welcher Welt lebst du?“

„Jetzt sag schon, wohin soll ich kommen“

Völlig überrumpelt nennt Benedikt ihr schlussendlich seine Adresse. Gegen 08:00 Uhr will sie bei ihm sein – natürlich auf Ihren Vorschlag hin, er selbst hätte nie zu einer solch unmenschlichen Zeit eingeladen.

Sie ist tatsächlich ungewöhnlich – einfach unglaublich ungewöhnlich. Und Samstags wird sie bei ihm sein. Lächelnd vergräbt er sich in seiner Couch.

Schach

Das Timing war ungewöhnlich präzise. Gerade heute taucht Aurinias Freundin seit langem wieder auf. Eigentlich das erste Mal seit ihrem letzten Gespräch mit Benedikt.

Du warst offensichtlich doch erfolgreich – gratuliere.

Danke! Aber was meinst du?

Tu nicht so als ob du das nicht wüsstest.

Die Frage ist woher du das weißt. Ich habe mit niemanden darüber gesprochen. Hörst du mich etwa ab? Hast du hier bei mir Wanzen versteckt?

Macht sich hier etwa eine Paranoia breit?

Du bist mir zu gut informiert. Seit Monaten hast du nichts von dir hören lassen und heute, ganz zufällig meldest du dich wieder.

Du hast recht – ich weiß, dass sich Benedikt bei dir gemeldet hat und auch, dass ihr euch kommenden Samstag trefft. Ich will dir nur gratulieren, das ist alles.

Du machst mir ein klein wenig Angst.

Die musst du nicht haben Liebes.

Du bist überrascht, dass er sich bei mir gemeldet hat?

Ehrlich gesagt nein. Ich war eher überrascht, wie lange er sich Zeit gelassen hat.

Das lag wohl an der Aufgabe die ich ihm stellte (bei diesem Satz lächelte sie).

Weißt du übrigens, dass er mich „die Ungewöhnliche“ nennt?

Tut er das?

Ja! (nun strahlt sie gerade zu)

Du darfst gerne mit ihm flirten, auch ihn verführen. Aber in deinem eigenen Interesse, verliebe dich bitte nicht in ihn.

Verlieben? Wie kommst du denn darauf?

Ich kenne diesen Gesichtsausdruck nur allzu gut.

Wie willst du ihn kennen? Du kennst mich nicht. Ich kenne dich ja noch nicht einmal.

Glaube mir, ich kenne dich. Und ich weiß auch, dass du mich gerade eben verwünscht. Aber eines darfst du mir noch glauben, es gibt definitiv niemanden, dem du wichtiger bist als mir.

Ich glaube es ist Zeit, dass wir unsere Beziehung zueinander klären, oder?

Womöglich, ja. Aber weil ich auch diesen Gesichtsausdruck interpretieren kann, nein, meine Gefühle dir gegenüber sind in keinster Weise körperlicher Natur.

Hast du noch irgendwelche Instruktionen für mich?

Nein! Genieße das Frühstück mit Benedikt und mach worauf immer du Lust hast. Nur eines solltest du wirklich nicht, dich in ihn verlieben.

Weil du ihn liebst?

Bei allen Gefühlen die man für jemanden empfinden kann, ist es dieses definitiv nicht.

Was willst du dann von ihm? Warum bist du so unglaublich versessen auf ihn und was habe ich damit zu tun?

Das wirst du zu gegebener Zeit erfahren.

Ich hasse es, wenn du so mit mir redest. Niemand redet so mit mir. Ich bin keine Schachfigur die man nach belieben hin und her schiebt.

Alptraum

Es ist dunkel. Aurinia blickt sich verwirrt um. Ihr Puls rast. Wo ist sie, und wo ist sie so plötzlich abgeblieben? Wieso ist es dunkel und weshalb liegt sie im Bett? Hat sie alles nur geträumt? Oder hat man sie betäubt? Hat sie sie betäubt?

Völlig aufgewühlt setzte sie sich auf und befiehlt Alexa das Licht auf 35% zu dimmen. Ihr Herz rast selbst jetzt nach mehreren Minuten noch immer wie wild. Sie hasst es die Kontrolle zu verlieren und hierbei hatte sie diese definitiv nicht inne. Oder bildet sie sich alles nur ein, und spielt ihr ihre Phantasie einen unglaublichen Streich.

Ok!

Denk nach. Denk einfach nach.

Welche Optionen gibt es?

Immer wenn sie nervös ist, spricht sie zu sich selbst. Das beruhigt sie und zugleich kann sie auf diese Art und Weise ihre Gedanken ordnen.

du hast einfach nur geträumt, oder

man hat dich betäubt, ins Bett gelegt und einfach schlafen lassen

Option a. ist die objektiv naheliegendste Variante. Du liegst im Bett, es ist dunkel und hattest einfach einen Alptraum. Versuch dich zu erinnern. Wie bist du ins Bett gekommen? Was hast du gestern alles gemacht?Nach und nach setzt sie einen Puzzlestein nach dem anderen zu einem Gesamtbild zusammen und je länger sie darüber nachdenkt, desto logischer ist es, dass ihr Ihre Phantasie tatsächlich einen Streich gespielt hat.

Ja, sie hat gestern Abend sich die Zähne geputzt, sie hatte sogar noch Zahnseide benutzt (das erste Mal seit längerem). Eine Nachschau in ihrem Mülleimer im Badezimmer bestätigt es. Und ja, sie hat sich selbst ins Bett gelegt. Ihr Mobiltelefon liegt nur wenige Zentimeter von ihrem Kopf entfernt und wie sie das Display entsperrt, sieht sie, dass noch ihre letzte Playlist von Ennio Morricone offen ist (bei „Spiel mir das Lied vom Tod“ ist sie stehengeblieben). Sie schläft gerne mit Musik ein. Es ist 02:30 Uhr. Was für ein beschissener Traum.

Das Frühstück

Die letzten Tage waren für Benedikt unglaublich herausfordernd – überhaupt kann er sich nicht erinnern, wann er zuletzt derart hart gearbeitet hat. Zwei Tage lang hat er versucht (das Erste Mal überhaupt) die Küche, das Badezimmer und das Wohnzimmer sauber zu bekommen. Seine Mitbewohner Sebastian und Hannah amüsiert das ungemein. Hannah kann es überhaupt nicht nachvollziehen, weshalb man einen derartigen Aufwand betreibt, nur weil jemand zum Frühstück kommt und Sebastian goutierte es, hat ihm aber selbstverständlich nicht geholfen (weil umgekehrt normalerweise er es stets ist, der „sauber“ macht und hierbei jegliche Hilfsbereitschaft vermissen darf). Während er mit dem Resultat von Wohnzimmer und Küche recht zufrieden ist, bleibt das Badezimmer eine kleine und sein Zimmer eine große Katastrophe. Freitag Abend kapituliert er schließlich und begnügte sich damit, dass ohnehin nur Wohnzimmer und Küche relevant seien und die anderen Räume will er ihr einfach vorenthalten.

Beinahe ebenso viel Zeit wie für die Reinigung investierte er um seine Mitbewohner zum fernbleiben zu bewegen. Sebastian ließ sich nach unzähligen Versprechungen schließlich breit schlagen und fuhr zu seinen Eltern nach Hause und bei Hannah muss er sich mit der Hoffnung begnügen, dass die frühe Uhrzeit ein Zusammentreffen der beiden schier unmöglich machen wird.

Seit 06:00 Uhr morgens ist er nun auf den Beinen. Zuerst hat er nochmals einen kurzen Feinschliff in der Küche vorgenommen, ist dann noch schnell zum Bäcker für frische Semmel und hat sich kurz vor 08:00 Uhr zum ersten Mal völlig erschöpft hingesetzt. Nie wieder wird er einem Treffen in der Wohnung zustimmen, das schwor er sich.

Exakt um 08:00 Uhr läutet es.

Eine derartige Pünktlichkeit ist ihm fremd. All seine Freunde kommen stets um mindestens 1 bis 2 Stunden verspätet (wenn sie denn überhaupt kommen), bleiben dann aber auch schon mal ein paar Tage länger. Aber bei ihr war er sich beinahe sicher, dass sie pünktlich sein würde – alles andere hätte irgendwie nicht zu ihr gepasst. Schließlich ist sie ja auch „die Ungewöhnliche“ ;-).

Hallo Benedikt! Wie geht es dir – und ach ja, danke nochmals für die Einladung! :-)

Hallo! Naja, eigentlich hast du dich ja selbst eingeladen, oder?

Hmm, ja stimmt. Aber sieh, wenn wir zusammenarbeiten wollen, dann ist es doch wichtig, dass ich weiß wie du tickst, wie du arbeitest und ja, auch wie du lebst. Sei also wieder so süß wie letztens und nicht so pingelig. Das passt gar nicht zu dir! (dabei setzt sie gekonnt ihr verschmitztetes Lächeln auf und jeglicher Unmut hinsichtlich der enormen Anstrengungen der vergangenen Tage ist bei Benedikt verflogen).

Anfangs will sie noch Ihre Schuhe ausziehen, beim Anblick des Vorraums beschließt sie jedoch diese lieber anzulassen.

Du wohnst alleine hier?

Alleine?

Benedikt musste schmunzeln.

Nein, ich habe zwei Mitbewohner. Alleine würde ich mir die Wohnung niemals leisten können.

Freue mich schon sie kennen zu lernen.

Da muss ich dich leider enttäuschen. Sebastian besucht dieses Wochenende seine Eltern und Hannah steht grundsätzlich nicht vor 14:00 Uhr auf.

Aha!

Was soll das jetzt wieder bedeuten?

Was meinst du?

Dieses Aha! Es hatte einen eigenartigen Unterton inne.

Nun ja, du hast mir soeben zu verstehen gegeben, bis wann ich spätestens verschwinden soll.

Na hör mal, du meintest du kommst zum Frühstück.

Tue ich doch auch, oder? Aber ich habe noch nicht vorab beschlossen wie kurz oder lange dieses heute dauern soll. Du jedoch schon! Das ist nicht sehr höflich, oder?

Benedikt schüttelt nur den Kopf.

Komm bitte weiter. Ich würde vorschlagen wir setzen uns in die Küche. Da ist es gemütlicher als hier im Gang.

Setz dich doch bitte?

Gerne – wohin?

Auf den Sessel?

Leicht verzweifelt blickt Aurinia den Stuhl an.

Sorry, hast du eventuell ein Handtuch? Und fügt noch schnell hinzu: „ein sauberes vielleicht?“.