Lieber Böser Weihnachtsmann - L.C. Frey - E-Book

Lieber Böser Weihnachtsmann E-Book

L.C. Frey

0,0
3,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

An einem verschneiten Weihnachtsabend plant ein Junge eine grausame Rache und verwandelt das Fest der Liebe in einen Albtraum. Eine junge, ehrgeizige Psychopathin sieht in ihrem Chef nur ein weiteres Hindernis auf ihrem Weg nach oben – bis sie ihre mörderischen Pläne umsetzt. In einer dystopischen Zukunft steht die Menschheit am Abgrund, während das Ende der Welt unaufhaltsam näher rückt. In den einsamen Wäldern Skandinaviens begegnet eine junge Frau sich selbst und muss sich der Frage stellen: Wer bin ich wirklich? Schließlich wird ein kriminelles Pärchen selbst zur Zielscheibe eines tödlichen Betrugs und lernt auf die harte Tour, dass man nicht jedem trauen kann. Fünf knackige Stories versprechen nervenaufreibende Spannung und schaurige Unterhaltung – perfekt für all jene, die das Besondere im Dunkeln suchen. Lassen Sie sich von diesen Geschichten in eine Welt voller Schrecken und Faszination entführen, wo Weihnachten alles andere als besinnlich ist.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



LIEBER BÖSER WEIHNACHTSMANN

Bitterböse Stories

L.C. FREY

IMPRESSUM

Copyright © 2024 by L.C. Frey. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck – auch auszugsweise – nur mit schriftlicher Genehmigung von L.C. Frey. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unerlaubte Nutzung. Die Entfernung der Sicherungsmaßnahmen ist ebenso wie die unbefugte Nutzung, Verarbeitung, Vervielfältigung und Verbreitung untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen.

Der Autor behält sich die Verwertung des urheberrechtlich geschützten Inhalts des Werkes für Zwecke des Text- und Data-Mining nach §44b UrhG ausdrücklich vor.

Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausdrücklich untersagt.

Lektorat & Korrektorat: Jens Röder, Hamburg. Layout und Satz: Ideekarree Leipzig. Umschlaggestaltung: Ideekarree Leipzig

2411261.006

Impressum:

Ideekarree Autorenservice

c/o Alexander Pohl

Mothesstraße 1

04129 Leipzig

E-Mail: [email protected]

www.LCFrey.de

Die in diesem Buch beschriebenen Personen und Geschehnisse sind fiktiv.

Lass uns in Kontakt bleiben!

Auf meiner WebsiteLCFrey.dekannst du dich unter

/NEWSLETTER für meinen Newsletter anmelden. Wenn eine Neuveröffentlichung von mir ansteht, sende ich dir eine kurze Mail.

Gelegentlich verschenke oder verlose ich kleine „Dankeschöns“ (E-Books, signierte Bücher, T-Shirts u.ä.) unter den Abonnenten meines Newsletters.

Das war’s. Kein Spam, kein unnützes Zeug. Versprochen!

Oder benutze einfach diesen QR-Code:

LIEBER BÖSER WEIHNACHTSMANN

KAPITEL1

Sheriff Daniels lehnte sich seufzend in seinem Bürostuhl zurück. Das altgediente Möbel unter ihm stieß gleichfalls ein vernehmliches Ächzen aus, während der Polizeichef von Vanity Falls seinen Kaffeebecher zum Mund führte und einen kräftigen Schluck daraus nahm.

Das Zeug schmeckte beschissen, aber es war wenigstens heiß. Außerdem hatte er es mit einem kräftigen Schluck Bourbon versetzt, immerhin war Weihnachten, und er tat hier Dienst im Revier, als einziger.

Was ihn nicht störte, kein bisschen. Sollten die anderen daheim feiern, während er dafür sorgte, dass sie das in Frieden tun konnten. Er hatte nichts gegen das Konzept der Ehe, oder Kinder, oder gar Weihnachten als solches, doch in seinem fortgeschrittenen Alter – obgleich das Kinderzeugen vielleicht zumindest theoretisch noch möglich war – hatte er das mit der Frau fürs Leben wohl irgendwie verpasst, und seine Eltern waren nun auch schon fast zehn Jahre tot.

Was nützte einem Weihnachten, wenn man es nicht mit der Familie verbrachte?

Da saß er doch lieber in seinem quietschenden Bürosessel auf dem Revier, schaute dem Schneetreiben draußen vor dem Fenster zu und genoss den Bourbon in seinem Kaffee. Man soll für die kleinen Freuden dankbar sein, das hatte sein Daddy immer gesagt, als der noch gelebt hatte.

Ein ruhiges und bescheidenes Leben führen.

Ein weiser Mann, sein Dad.

Bloß sollte es mit der Ruhe an diesem ersten Weihnachtsfeiertag genau in diesem Augenblick vorbei sein. Die Tür wurde aufgezogen und ein Fremder betrat die kleine Polizeistation.

KAPITEL2

Er trug einen schwarzen Mantel, vermutlich aus Schurwolle. Jedenfalls ein teures Stück, das sah man gleich. Dazu passend einen Anzug, ebenfalls schwarz. Keinen Hut, und das bei dem Wetter, also war er wohl mit dem Auto hier.

Trotz des kurzen Weges von seinem Wagen bis zur Tür der Polizeistation war sein Haar von Schneeflocken bestäubt, als leide er unter einem besonders garstigen Fall von Schuppen.

Der Mann drückte die Tür ins Schloss, was ihm aufgrund des Schneesturms draußen einige Mühe bereitete, und klopfte sich dann den Schnee von der Kleidung. Die Flocken auf seinem Haar schmolzen zusehends.

Daniels blieb, wo er war, die Füße auf dem Tisch und die Kaffeetasse in der Hand und musterte den Neuankömmling.

»Special Agent Harold Park, Federal Bureau of Investigation«, stellte der andere sich vor, holte einen Ausweis aus der Innentasche seines Schurwollemantels und trat auf Daniels zu, um ihm das Ding unter die Nase zu halten.

Seine Schuhe hinterließen feuchte Flecken auf dem Parkettboden des Reviers. Im Bereich der Tür hatte sich vom hereingewehten Schnee eine kleine Pfütze gebildet.

»Oliver Daniels«, sagte Daniels, nachdem er einen Blick auf den Ausweis des Feds geworfen hatte. »Sheriff dieses hübschen kleinen Fleckchens Erde, und momentan der gesamte Polizeiapparat von Vanity Falls in Personalunion. Was kann ich für Sie tun, Agent Park?«

»Sie sind ... allein hier?«, fragte der Fed.

»Sieht so aus, oder? Mein Deputy ist in theoretischer Bereitschaft, aber wollen wir mal hoffen, dass wir ihn heute Abend nicht brauchen werden. Würde mich wundern, wer er um diese Uhrzeit tatsächlich noch vollkommen nüchtern wäre.«

»Theoretische Bereitschaft?«, fragte der Fed.

»Herrgott, es ist Weihnachten, oder nicht? Aber worum gehts denn überhaupt? Und kommen Sie doch erst mal richtig an, meine Güte. Kann ich Ihnen was schwarzes Starkes anbieten? Schmeckt zwar nicht, hält aber wach. Mich zumindest.«

»Gern«, sagte der Fed, zog den Mantel aus und sah sich etwas unsicher nach einem Kleiderständer um.

Daniels schwang die Beine vom Tisch und stand auf. Deutete auf den Mantel. »Werfen Sie ihn einfach da über den Tresen.« Dann ging er zur Kaffeemaschine und füllte einen zweiten Becher mit Kaffee.

Diesmal ließ er den Bourbon weg.

Der Fed nahm ihn dankend an, und Daniels klappte den Verschlag des Tresens hoch, damit der Mann auf seine Seite des Raumes kommen konnte, dann deutete er auf einen anderen Bürostuhl-Veteranen, der seinem Schreibtisch gegenüber stand.

Die beiden Männer setzten sich.

Special Agent Park nahm einen Schluck vom Kaffee, verzog das Gesicht – schon wahr, das Zeug pur zu trinken war eine echte Mutprobe – und sagte dann: »Timothy Klein. Little Timmy. Deshalb bin ich hier.«

»Scheiße«, ächzte Daniels.

Park nickte. »Dann waren Sie damals dabei?«

»Da können Sie Gift drauf nehmen. Scheiße, das war das Übelste, das ich je gesehen hab in meiner Zeit als Bulle. Hier oder sonst wo.«

»Verstehe. Dann wissen Sie sicher auch, wer damals die Ermittlungen geleitet hat?«

»Machen Sie Witze? Was glauben Sie denn, wer die Ermittlungen geleitet hat? Hier sah es vor fünf Jahren auch nicht anders aus als heute. Ich und Deputy Brannagh waren die einzigen örtlichen Polizeikräfte. Ach ja, und der alte Charly, aber der stand damals schon kurz vor der Pensionierung. Ich glaube, der hat das Revier in seinen letzten zwei Jahren überhaupt nicht mehr verlassen. Glaube auch nicht, dass er böse war, dass er das verpasst hat. Meine Fresse, was da auf der Farm der Kleins passiert ist. Das Übelste, das ich je erlebt hab, wie gesagt.«

»Hm«, machte Park. Sonderlich beeindruckt schien er nicht zu sein. »Dann können Sie sich also noch gut daran erinnern, was damals geschehen ist?«

»Werd es nicht vergessen, solange ich lebe.«

»Hm. Würden Sie es mir dann vielleicht einmal erzählen, in allen Einzelheiten, an die Sie sich noch erinnern?«

»Sie hätten doch auch einfach die Akte anfordern können«, sagte Daniels, dann zuckte er die Achseln. »’Ne komische Art habt ihr Feds, die Feiertage verbringt, ich muss schon sagen.«

»Ich werde mir die Akte später noch ansehen, Sheriff, aber zunächst würde mich Ihre Perspektive auf das, was auf der Farm der Kleins geschah, interessieren.« Park quälte sich ein halbherziges Lächeln raus. »Informationen aus erster Hand und das alles, Sie verstehen.«

Daniels zuckte mit den Schultern. »Okay«, sagte er. »Ist Ihre Beerdigung.«

Und dann begann er zu erzählen.

KAPITEL3

»Was soll das sein, du Hosenscheißer?«

Timmys Dad hielt den Wunschzettel in der Hand und starrte mit gefurchten Brauen darauf. Er war ein großer Mann mit großen Händen und einem meistens roten Gesicht. In seinen Pranken sah der Zettel ganz klein aus. Dabei hatte sich Timmy richtig Mühe gegeben damit. Hatte seine besten Wachsmalstifte benutzt und die Buchstaben ganz langsam und sauber gezeichnet, mit schön geschwungenen Bögen.

Timmy war vierzehn, und die Leute sagten, er sei ein bisschen langsam. Sein Vater sagte, er sei ein Hosenscheißer. Manchmal nannte er ihn auch einen verdammten Spasti. Meistens dann, wenn er besonders schlecht gelaunt war, oder besonders betrunken.

»Iss’n Wunschzettel«, erklärte Timmy. »Für’n Weihnachtsmann.«

»Gibt kein’ Weihnachtsmann, weißt du doch. Das Leben ist hart, Junge, und beschissen, und wenn’de einmal tot bist, kommste nich’ zurück. Das sind die Fakten. Und spiel mir jetzt bloß nich’ wieder den Spasti vor, ich weiß, dass du’s weißt, so wahr ich hier sitze. Meine Güte, womit hab ich nur so einen Schwachkopf als Sohn verdient?«

Mit diesen Worten zerknüllte er den Wunschzettel, an dem Timmy drei volle Tage gearbeitet hatte, und warf das Ding quer durch die Küche in Richtung Abfalleimer. Der kleine Papierball landete einen guten halben Meter daneben auf den Küchenfliesen.

Aber Timmy glaubte trotzdem an den Weihnachtsmann. Weil er ihn nämlich gesehen hatte. Und wenn es den Weihnachtsmann gab, dann war es auch nicht dumm, an ihn zu glauben und ihm einen Wunschzettel zu schreiben. Der Weihnachtsmann erfuhr alles, davon war er überzeugt.

»Darf ich rausgehen, Dad?«, fragte er, und gab sich große Mühe, dabei nicht wie ein »Spasti« zu klingen. Sein Vater stieß ein unverständliches Brummen aus, das vermutlich heißen sollte: »Mir doch egal, mach was du willst.«

Also ging Timmy in den Flur, zog sich ganz allein die Jacke und seine gefütterten Winterstiefel an – die Stiefel mochte er, weil sie keine Schuhbänder zum Schnüren hatten, denn die brachte Timmy manchmal durcheinander –, setzte sich die große Wollmütze auf den Kopf und ging nach draußen.

Es war der Nachmittag des vierundzwanzigsten Dezembers.

Er betrat eine Landschaft, die nur aus Weiß zu bestehen schien. Dazwischen ein paar Flecken, meist in dunklen Schattierungen von Braun: Das Haus, der Schuppen und die kurze Einfahrt, die sein Dad freigeräumt hatte, mit eine Schippe. Das hatte spaßig ausgesehen, aber er hatte Timmy nicht mitmachen lassen.

»Dann schipp ich morgen früh noch, so wie du dich anstellst!«, hatte er gesagt und Timmy hatte zurück ins Haus gehen müssen.

Jetzt stapfte Timmy durch den Schnee hinüber zum Schuppen. Dort drin bewahrte sein Vater die Werkzeuge »für draußen« auf, auch wenn er die nur selten benutzte. Ein Besen mit verbogenen Borsten, eine rostige Schaufel und ein Ding so ähnlich wie die Schaufel, aber eckiger. Drei ineinander gestapelte Plastikeimer. Andere Dinge, deren Namen oder Funktion Timmy nicht kannte. Und im Moment auch den Schneeschieber, den er nicht hatte benutzen dürfen.

Der Schuppen war dunkelbraun angestrichen, genau wie das Haus, und genau wie beim Haus blätterte die Farbe bereits von seinen undichten Holzwänden. Die Tür zum Schuppen war nie verschlossen.

Timmy war gern dort drin, aber er achtete darauf, dass sein Vater das nicht mitbekam. Was nicht schwer war, da der sich ohnehin nur äußerst selten für den Verbleib seines Sohnes interessierte.

In dem Schuppen gab es jede Menge interessanter Stellen – alte, verlassene Spinnennetze mit den leeren, vertrockneten Hüllen von Spinnen und Insekten darin, ein altes Hornissennest, das aussah wie ein großer, löchriger Ball aus Papier und im Sommer seltsame kleine Tiere mit vielen Beinchen, die weghuschten, wenn man sie zu fangen versuchte.

Und es gab das Versteck.

KAPITEL4

In dem Versteck hinter der großen, umgedrehten Schubkarre befand sich Timmys kleine Sammlung von »Freunden« – kleine, plüschige Tiere, die er im Laufe der letzten paar Jahre gesammelt hatte. Er hätte sie gern mit ins Haus genommen, in sein Zimmer, um dort mit ihnen spielen zu können, doch ein Instinkt warnte ihn davor, dass der Vater das nicht mögen würden.

Überhaupt kein bisschen.

Und das wiederum hieß, es würde eine Lektion mit dem Gürtel setzen, und – schlimmer – der Vater würde dafür sorgen, dass er seine Freunde nie wiedersah, und das wollte Timmy keinesfalls riskieren.

Also, seine Freunde. Da waren Mister und Misses Maus, die am Anfang niedliche, schwarze Knopfäuglein gehabt hatten. Jetzt waren die leider fort, aber er spielte mit den beiden trotzdem noch gern »Ehepaar«.

Dann gab es noch Miss Birdy mit dem samtweichen Gefieder und dem kleinen Köpfchen, das lustig wackelte, wenn man Miss Birdy schüttelte. Man konnte sogar den Schnabel aufmachen und Dinge reinstecken, und spielen, dass Miss Birdy diese Dinge aß, während sie zum Tee bei Mister und Misses Maus eingeladen war.

Miss Birdy hatte nur noch ein Bein.

Und da war Timmys ganzer Stolz: Grandpa Maus – eigentlich ein Maulwurf, aber das wusste Timmy nicht. Grandpa Maus war ganz groß und schwarz und sein Fell war sogar noch weicher als das der anderen Tiere. Außerdem hatte er riesige Schaufelhände, an der Innenseite rosafarben und ganz knitterig (wie es sich für einen richtigen Grandpa gehörte). Er hatte ihn erst seit einer Woche, aber er war das beste Spieltier, das er je besessen hatte, fand Timmy.

Also kroch er unter den Griffen der Schubkarre durch – vorsichtig, um keinen der leeren Farbeimer umzustoßen, die sich dort stapelten – und zog dann die alte Zigarrenkiste unter dem Bretterverschlag hervor, wo er sie versteckt hatte.

Als er sie öffnete, stahl sich ein versonnenes Lächeln auf sein Gesicht, wie immer, wenn er seine prächtige Sammlung betrachtete. Schließlich hatte er sie selbst zusammengetragen, und sein Dad wusste überhaupt gar nichts davon.

Sie war Timmys Geheimnis.

Er holte die Tiere heraus, drehte die Zigarrenkiste um und erklärte sie zum Tisch. Dann versammelte er das Ehepaar Maus und Miss Birdy darum. Sie würden Tee trinken, und Grandpa Maus würde zu einem überraschenden Besuch vorbeikommen.

Was würden sie sich da freuen!

Doch als er nach dem Maulwurf griff – ganz vorsichtig, um das seidenweiche, schwarze Fell nicht kaputtzumachen, da spürte er, dass der kleine Körper in seiner Hand sich bewegte. Verdutzt hielt er den Atem an, konzentrierte sich ganz auf das kleine Ding, das auf seinem flachen Handteller lag.

Ja, Grandpa Maus bewegte sich tatsächlich!

Er lebte!

Ungläubig führte Timmy seine Hand näher an seine Augen, um in dem Schummerlicht des Schuppens besser erkennen zu können, was da vor sich ging.

Das kleine Ding in seiner Hand pulsierte vor Leben.

»Bist du wach, Grandpa?«, flüsterte Timmy, und wie, um ihm zu antworten, öffnete sich jetzt das Maul des kleinen Tieres.

Dann noch ein Stück, und dann ...

Eine fette, weiße Made kroch aus dem Maul des Maulwurfs, während Timmy mit entsetzt aufgerissenen Augen darauf starrte, unfähig, sich zu bewegen.

Dann plumpste die weiße, blinde, fette Made auf seinen Handteller. Timmy stieß ein kleines Quieken aus und schleuderte den Maulwurf – samt Madenfüllung – in eine dunkle Ecke des Schuppens.

Plötzlich hatte er keine Lust mehr darauf, Teegesellschaft zu spielen.

Wenig später taumelte Timmy – er war ein großer und kräftiger Junge, überdurchschnittlich groß und kräftig für seine vierzehn Lebensjahre, als habe die Natur versucht, ihm in dieser Hinsicht einen Ersatz für das zu geben, was sie seinem Oberstübchen verwehrt hatte – aus dem Schuppen ins Freie.

Auf seine kleine Tierfamilie war ihm alle Lust vergangen, aber der Schnee und die frische Luft halfen, ihn davon abzuhalten, sich erbrechen zu müssen. Kotze auf seinen Stiefeln hätte sein Dad vermutlich ebenfalls nicht besonders lustig gefunden.

»Bin in Ordnung«, murmelte Timmy immer wieder, während er sich mit einer Hand an der Wand des Schuppens abstützte. »Ich bin in Ordnung.«

»Hallo, Timmy.«

Eine sanfte Stimme drang wie von ferne an sein Ohr. Dann war sie näher heran, und dann sah er sie und lächelte. Seine Mutter war hier. Sie kam jetzt auf den Schuppen zugelaufen. Aus Richtung des Brunnens, wie meist, wenn sie kam. Doch dorthin, zum Brunnen, durfte Timmy nicht gehen.

Der Brunnen war tabu, und das bedeutete, man durfte sich unter keinen Umständen auch nur in seiner Nähe aufhalten.

»Fällst mir sonst noch da rein, du großer, dummer Spasti«, hatte sein Vater ihm erklärt.

Doch nun war seine Mum hier, und alles andere war vergessen. Dads schlechte Laune an diesem Weihnachtstag, und die Made, die aus Grandpa Maus’ Mund gekrochen war. Timmy hatte nur noch Augen für die Gestalt im weißen Kleid, die jetzt vor ihm stand und ihn anlächelte. Mit dem wärmsten Lächeln, das man sich überhaupt vorstellen kann.

»Du solltest nicht mehr im Schuppen spielen, mein lieber Junge«, sagte die Mutter mit sanfter Stimme. Aber sie schimpfte ihn nicht aus, wie Dad es getan hätte, sie lächelte ihn an. »Ist nicht gut, mit den Tieren da drin zu spielen. Nimm lieber die in deinem Zimmer, mein lieber Junge.«

»Aber die haben so ein schönes, weiches Fell«, erklärte Timmy. »Und sie sitzen ganz artig da und trinken Tee.«

»Aber manchmal kommt was aus ihnen raus«, erinnerte ihn die Mutter.

Was allerdings stimmte, und das war gar nicht niedlich gewesen. Trotz des weichen Fells.

»Spiel nicht mehr damit, in Ordnung?«, fragte die Mutter sanft. »Versprich es mir, mein lieber Junge.«

Timmy versprach es, und die Mutter nickte und lächelte und lobte ihn und sagte, was er doch schon für ein lieber großer Junge sei.

»Mum«, fragte Timmy. »Gibt es den Weihnachtsmann?«

Die Mutter strahlte ihn an und ließ ein glockenhelles, leises Lachen hören.

»Aber natürlich, mein Junge. Es gibt ihn und er kommt, um den artigen Kindern Geschenke zu bringen.

---ENDE DER LESEPROBE---