Love, uncovered - Anna Lane - E-Book

Love, uncovered E-Book

Anna Lane

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Beschreibung

DEIN NEUER BOSS? ROMANTISCH, HEISS UND TROTZDEM NICHT DER RICHTIGE FÜR DICH ...

Ein PR-Eklat kostet Kim Chiari nicht nur ihren guten Ruf als Grafikdesignerin, sondern auch eine Reihe an Klienten. Als sie in einer Bar den attraktiven und zurückhaltenden Junginvestor Conrad de Wit trifft, kann sie sein unverhofftes Jobangebot daher nicht ablehnen: Weil er aufgrund seines vollen Terminkalenders keine Zeit für Dates hat, soll Kim ihm helfen, die große Liebe zu finden - und ihm bei Test-Verabredungen beibringen, wie man flirtet. Es gibt nur zwei Probleme: Erstens muss die leidenschaftliche Kim mit einer Dating-App konkurrieren, in die Conrad investieren will und die verspricht, für jede Person die passende Seelenverwandtschaft aufzuspüren. Und zweitens muss sie bei den Fake Dates nicht nur über Conrads, sondern auch über ihre eigenen, zunehmend verwirrenden Gefühle den Überblick behalten. Denn obwohl sie so verschieden sind wie Tag und Nacht, knistert es gewaltig zwischen ihnen ...

»Annas Art zu schreiben ist einzigartig, dieses Buch der beste Beweis dafür, wieso ich Romance liebe. Voller Emotionen, Humor und Female Empowerment. Ich hab mein Herz nicht nur in den Seiten, sondern auch vollkommen an Kim und Conrad verloren.« EMILY VON BREATHTAKINGBOOKWORLD

Band 2 der DATING-Reihe von Anna Lane

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 531

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Leser:innenhinweis

Widmung

Playlist

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Epilog

Danke

Die Autorin

Impressum

Anna Lane

Love, uncovered

Roman

Zu diesem Buch

Kim Chiari ist nicht nur herausragend als Grafikdesignerin, sondern auch ziemlich ehrgeizig und lehnt keinen Auftrag ab. Bei einem kurzfristigen Logoentwurf wünscht sie sich jedoch schnell, sie hätte Nein gesagt: Neben einem verpatzten Design muss sie sich bei der Präsentation zudem einem sexistischen Spruch ihres Auftraggebers stellen – genau wie dem folgenden viralen Video, das Kim als unprofessionell darstellt. Ihr guter Ruf ist plötzlich Geschichte, genau wie einige Klienten. Als sie in einer Bar ihre Wunden leckt, lernt sie den Junginvestor Conrad de Wit kennen, der ihr völliges Gegenteil ist: Wo Kim drauflosprescht, wägt Conrad ab, wo sie sarkastisch ist und schnell urteilt, blickt er hinter die Fassade, wo sie ein Date nach dem anderen hat, sucht Conrad nach der großen Liebe. Und er engagiert Kim, diese für ihn zu finden und ihm auf Fake Dates das Flirten beizubringen. Es gibt nur zwei Probleme: Erstens muss Kim mit einer Dating-App konkurrieren, in die Conrad investieren will und die verspricht, für jede Person die passende Seelenverwandtschaft aufzuspüren. Und zweitens muss sie bei ihren Verabredungen nicht nur über Conrads, sondern auch über ihre eigenen, zunehmend verwirrenden Gefühle den Überblick behalten. Denn obwohl sie so verschieden sind wie Tag und Nacht, knistert es gewaltig zwischen ihnen …

Liebe Leser:innen,

dieses Buch enthält Elemente, die triggern können.

Deshalb findet ihr hier einen Contenthinweis.

Wir wünschen uns für euch alle das bestmögliche Leseerlebnis.

Eure Anna und euer LYX-Verlag

Für alle Kims da draußen, die wissen, wie anstrengend es sein kann, mutig zu sein, und für alle PerfektionistInnen, die sich jeden Tag neu daran erinnern müssen, dass sie Pausen verdienen. Dass sie wertvoll sind, auch wenn sie nicht hundert Prozent geben, sich aus Situationen herausnehmen, die nicht guttun, und stattdessen ihrem Herzen folgen.

Playlist

Look What You Made Me Do – Taylor Swift

all the good girls go to hell – Billie Eilish

Mount Everest – Labrinth

Hot N Cold – Katy Perry

Karma – Taylor Swift

Don’t Blame Me – Taylor Swift

Cool Girl – New Beat Fund, THE DRIVER ERA

Teeth – 5 Seconds of Summer

greedy – Tate McRae

When I’m Small – Phantogram

Snap Out Of It – Arctic Monkeys

Ophelia – The Lumineers

Burn – David Kushner

Fresh Out The Slammer – Taylor Swift

Apple – Charli xcx

The Less I Know The Better – Tame Impala

Too Sweet – Hozier

Lost In Yesterday – Tame Impala

Mess Is Mine – Vance Joy

you should see me in a crown – Billie Eilish

Date (Nomen)

Aktivität, die von Menschen gemeinsam unternommen wird, die in einem romantischen Verhältnis zueinander stehen oder sich auf dieser Basis näher kennenlernen möchten.

Auch:

Romantik? Bitte. Dates sind eine Achterbahnfahrt – ohne Anschnallgurt, was man allerdings erst checkt, wenn es in einen Looping namens Devil’s Tornado geht und man sich gerade noch so an den Wagen klammern kann, bevor der freie Fall eintritt. Und ich? Ich verdiene einen Bungee-Jumping-ohne-Seil-Meisterinnen-Award, weil ich nach jeder misslungenen Verabredung wieder auf den Füßen lande. Sicherlich sollte man sich von einem Date keine Für-immer-und-ewig-währende-Seelenverwandtschaft erwarten. Oder?

Oder??

1

Kim

If life gives you lemons, it might also give you hell

»Aber das sieht ja aus wie ein …«, Dr. Thorsten Schneider lockert sich mit hochrotem Gesicht die Krawatte, bevor er mit dem Kinn in Richtung meiner Präsentation deutet, »wie ein … ein Penis!«

»Ein erigiertes Gemächt, ja, ich sehe es auch«, pflichtet Jürgen Weber, meine bisherige Ansprechperson im Unternehmen, dem Marketingleiter des multinationalen E-Bike-Konzerns nuschelnd bei und schiebt ein schleimiges Grinsen hinterher.

Am liebsten hätte ich laut aufgelacht, aber ich bin so übernächtigt, dass mich nur mein eiserner Wille und drei in Windeseile inhalierte Espressi davon abhalten, aus meinen Vintage-Louboutin-High-Heels zu kippen. Mein Logo, ein Schwanz? Hallo? Das ist eine Fahrrad fahrende Person!

Ich kleistere ein professionelles Lächeln auf meine Lippen und beginne, das Design für diese erste Abstimmungsrunde nach dem extrem spärlichen Briefing, das mir Weber hat zukommen lassen, zu dekonstruieren, um diesem Missverständnis vorzubeugen: »Lassen Sie mich gerne erklären, welchen Zugang ich über die letzte Woche hinweg zu diesem Design erschlossen habe.« Dass die gesamte Präsentation inklusive Logo erst heute Morgen um drei Uhr fertig geworden ist, muss ja niemand wissen. Der Auftrag kam vor exakt sieben Tagen in mein Postfach geflattert, weil der eigentlich engagierte Designer ausgefallen ist. Und ich? Habe ihn trotz zweier Deadlines, die auf gestern gefallen sind, angenommen. Obwohl ich wusste, es würde knapp werden – und noch knapper, als einer meiner Kunden eine Last-Minute-Änderung wollte. Dass ich vor ein paar Tagen dann auch noch einen Megastreit mit meinen Eltern hatte, der mich noch immer beschäftigt, war meiner Konzentration nicht gerade zuträglich. Papa hat einen sarkastischen Kommentar zu meinem Job gemacht, ich habe mich gewehrt – zack! Das Telefongespräch war außer Kontrolle, bis ich einfach aufgelegt habe. Wenn ich an seine Abschätzigkeit nur denke, zieht sich mein Magen zusammen. Die Sache ist allerdings: Ich lehne eh nie ab. Nicht nur, weil ich als freiberufliche Grafikdesignerin mit diesen Aufträgen meinen Lebensunterhalt bestreite, sondern auch, weil ich meine Arbeit gerne mache. Selbst, wenn meine Eltern sie weder verstehen noch wertschätzen.

Aber wenn meine Expertise die Kundschaft überzeugt … nun, es gibt wenig, das mein Ego auf diese I-am-the-Queen-of-Photoshop-Art zufriedenstellt. Außerdem würde es sich wie eine Niederlage anfühlen, eine Chance wie diese nicht zu nutzen – das hast du ja von Papa mitgekriegt. »Nach Sichtung Ihrer Marktforschungsergebnisse hat sich für mich gezeigt, dass dieses«, ich drehe mich schwungvoll zu der Wand um, auf die der Beamer die Präsentation wirft, und –

Erstarre.

»Heilige Scheiße«, zische ich und löse damit Gemurmel bei der gesamten Marketingabteilung und noch mehr Räuspern bei den Video-Call-Teilnehmenden aus, darunter sieben junge Praktikanten. Einer davon beginnt zu kichern, ehe ihn ein anderer mit einem Pssst zum Verstummen bringt.

So viel zur Professionalität.

Kalter Schweiß bricht an meinem Haaransatz aus, läuft in qualvoll langsamen Tropfen meinen Rücken hinab bis zum Bund der zur taillierten Blazerjacke passenden Anzughose. Lässt mein liebstes weißes T-Shirt an meiner Haut kleben, während ich auf die Silhouette der Person starre, die rittlings auf einem E-Bike sitzt.

Und die wie ein riesiger Porno-Penis in der Mitte der Powerpoint-Folie thront. Fahrradreifen-Eier inklusive.

Tonnenschwere Blicke hängen auf mir. Ich straffe die Schultern und drehe mich zu meinem Publikum um. Die Welt wackelt, mir wird heiß und dann kalt, aber trotzdem recke ich das Kinn ein Stück weiter nach oben. Groß machen, Haltung bewahren. Zeig ihnen nicht, dass sie dich aus dem Konzept gebracht haben.

Mit einer neu-arrangierten Miene der Gelassenheit, die Harvey Specter aus der weltbesten Serie Suits stolz machen würde, gehe ich meine Optionen durch: weglaufen, mich rechtfertigen, einen Ohnmachtsanfall vortäuschen oder so tun, als wäre nichts. Letzteres scheint mir am einfachsten zu sein. »Das ist eine Person, die auf einem Fahrrad sitzt. Die Marktforschung hat ergeben, dass Ihre«, fange ich noch mal an, dann unterbricht mich Dr. Schneider – schon wieder.

»Lassen Sie uns kurz über Ihre …«, garantiert schießt ihm gleich erneut die Schamesröte in die Wangen, »Arbeit abstimmen.«

Ich schlucke, aber mein Hals ist so trocken wie die Sahara, als ich die Mitarbeitenden beobachte. Hat mir der Schlafmangel so etwas wie temporäre Amnesie beschert?

Denn möglicherweise hatte ich beim Erstellen der Präsentation vergessen, wie ein Penis aussieht, weil mich das letzte Gemächt, mit dem ich zu tun hatte, so wenig beeindruckt hat, dass ich die Ähnlichkeit schlichtweg übersehen habe. Nun, so oder so spricht das wohl nicht für den Mann, an dem es hängt.

Meine Gedanken rasen zu dem hassgetriebenen One-Night-Stand mit Elijah im Frühjahr in Dublin. Cocktail-induziert, befeuert von einem nicht ganz so schrecklichen Gespräch an der Hotelbar, an der ich in Ruhe die Konferenz ausklingen lassen wollte. Sexuell einigermaßen befriedigend. Trotzdem ein Fehler, den ich nicht noch mal begehen werde, der mich aber einen Abend davon abgelenkt hat, dass jedes einzelne Date dieses Jahres im Sand der Gleichgültigkeit versunken ist.

Keine Chance, dass ich erneut in seinem Bett lande, nachdem er mich nach dem Sex als lediglich durchschnittliche Grafikdesignerin betitelt hat. Elijah? Definitiv kein Datingmaterial, noch weniger eine der Rivals-to-Lovers-Romances, die meine beste Freundin Emmy so leidenschaftlich gerne liest.

Ich könnte sicher Stunden über die Umstände dieses Penis-Blackouts sinnieren, das Resultat bleibt das gleiche: Ich hab diese Präsentation verbockt, und darüber können nicht mal mein guter Ruf als Grafikdesignerin und die vielen lobenden Zitate der zufriedenen Kundschaft auf meiner Website hinwegtäuschen.

Genau deshalb muss ich dabei zusehen, wie Schneider sich räuspert und um Handzeichen bittet. Weil: »Vielleicht ist es ja wie bei diesen Rätselbildern, in denen unterschiedliche Formen versteckt sind. Stimmen wir darüber ab, ob Frau Chiaris Logo wie eine Rad fahrende Person aussieht oder wie ein männliches Geschlechtsteil.«

Das Ergebnis ist wie erwartet: siebzehn zu null für den Phallus.

Jetzt bleibt mir nur noch eins: entschuldigen, Verbesserungen anbieten, ein neues Logo erstellen, das sie vom Hocker haut. Vorzugsweise nicht wegen eines Beinahe-Herzinfarkts wie gerade eben.

Kaum klappe ich den Mund auf, um genau das vorzuschlagen, fällt mir Schneider schon wieder ins Wort.

»Danke für Ihre Präsentation. Das wäre dann alles.«

»Ich kann –«

Er ignoriert mich. Blättert durch einen Stoß Unterlagen vor sich, als wäre ich gar nicht mehr im Raum. »Wir haben für dieses Meeting bereits überzogen und müssen nun leider abbrechen. Wie wäre es, wenn wir uns wieder bei Ihnen melden?«

Ärger kitzelt meine Stimmbänder, lässt sie etwas rauer klingen, als ich es gerne hätte. »Ich würde mich gerne erklär–«

»Danke.« Jetzt trifft mich Schneiders kühler Blick – er ist fertig mit mir, das sehe ich ihm an. Ich halte dieser Gewissheit stand, genau wie der Abschätzigkeit hinter der Hornbrille, die er gar nicht mehr zu verbergen sucht.

»Wir melden uns«, sagt er dann mit einer Bestimmtheit, die so gar nicht zu der Scheuheit passt, die wenige Minuten zuvor sein Gesicht bei dem Wort Penis knallrot gefärbt hat. Niemand der anwesenden Mitarbeiter traut sich, auch nur geräuschvoll zu atmen.

Ich straffe die Schultern, dann nicke ich. Aufgeben liegt mir nicht, aber sogar ich weiß, wann ich einen Schlussstrich ziehen muss. Mit einem tiefen Atemzug beuge ich mich zu meiner Tasche nach unten, als ich die gemurmelten Worte höre.

»Wenn sie so einen großen Schwanz designt hat, muss sie wohl gerade einen nötig haben.«

Ich erstarre. Was? Sofort richte ich mich wieder auf, lasse meine Tasche auf den Tisch vor mir fallen. Mein Herz schlägt fest gegen die Rippen. Überrascht. Aufgebracht. Völlig überrumpelt. »Was haben Sie gerade gesagt?«

Schneider wirft Weber, der nach diesem Kommentar den Nerv hat, hämisch zu grinsen, einen Seitenblick zu. »Nichts«, verteidigt sich Weber.

»Nichts?«, echoe ich sein Wort. Ein Zittern überfällt mich.

»Genau. Nichts.«

Rasch befeuchte ich meine Lippen mit der Zunge. Mir ist kotzübel. Hat jemand die Klimaanlage abgedreht? Verdammt heiß hier drin. Die ungläubige Wut in meiner Magengrube erhitzt mich noch mehr. »Ich habe mir diesen sexistischen Kommentar nicht eingebildet«, stelle ich sachlich fest. »Eine Entschuldigung wäre angemessen. So redet man nicht mit Frauen – oder generell Menschen.«

»Sie überreagieren«, sagt nun Schneider, die Brauen zusammenzogen.

Und Weber … Weber grinst. Ein hämisches Lächeln, das seinen rötlichen, langsam ergrauenden Bart auseinanderzieht. Mein Blick zuckt zu den anderen Gesichtern. Lauter Männer. Keiner davon macht einen Mucks. Niemand schreitet ein.

Eine Stille, die sich wie Säure in meine Haut ätzt. Mit einem Mal fühle ich mich verdammt hilflos. Eine Emotion, mit der ich nicht umgehen kann und die mein Körper deshalb in züngelnde Wut übersetzt. »Ich überreagiere, weil ich eine hysterische Frau bin, oder was?«, zische ich, bevor ich mich selbst davon abhalten kann. Mit einer fahrigen Bewegung deute ich zu der Präsentation hinter mir. »Die natürlich einen Riesenschwanz wie den da braucht, was auch sonst?« Jetzt taxiere ich Weber. »Wissen Sie was? Sie können mich mal, Vertragspartner hin oder her.«

»Frau Chiari!«, empört sich Schneider nun. »Achten Sie auf Ihren Tonfall! Am besten, Sie gehen jetzt.«

Ich? Ich soll auf meinen Tonfall achten?

Mein Körper zittert. Kann nicht glauben, dass das gerade passiert. Dass ich diejenige bin, die gemaßregelt wird. »What the fuck«, fluche ich leise und reiße das Ladekabel aus der Steckdose, bevor ich es einpacke. Ein paar fahrige Bewegungen, dann landen auch schon der Laptop und das Notizbuch in meiner Tasche.

Kinn hoch, Kimberly. »Auf Wiedersehen.«

Keine Reaktion. Nicht mal ein Blinzeln.

Erst, als ich mit klackernden Absätzen schon fast an der Tür bin, wird ein entnervtes Seufzen hinter mir laut. »Wir hätten doch einen der anderen Grafiker für das neue Logo und das Design der Corporate Identity engagieren sollen. Oder noch besser eine künstliche Intelligenz, dann sparen wir uns das Dilemma mit der Freelancer-Suche gänzlich. Das war ja wirklich …«, sagt Schneider, doch ich bleibe nicht stehen, um den Rest des Satzes zu hören.

Stattdessen gehe ich mit hocherhobenem Kopf den Korridor entlang. Versuche mein Bestes, das wütende Zittern zu unterdrücken, das mittlerweile meinen gesamten Körper befallen hat. Als ich an der Rezeptionistin vorbei durch den Ausgang gelaufen bin, erlaube ich mir einen tiefen Atemzug, einen kurzen Ausbruch der Gefühle.

»Fuck!«, fluche ich und stapfe auf meinen Audi zu, der ein wenig entfernt steht. Die Maisonne knallt mir auf den Kopf, doch der Wind, der mir den dunklen Bob zerwuschelt, hat sich noch nicht gänzlich dem nahenden Sommer ergeben.

Was für ein beschissener Start in die Woche. Montage sollten einfach gecancelt werden. Aber wer hätte das ahnen können? Männer können so verdammt scheiße sein. Was hätte ich tun sollen, den Kommentar ignorieren?

Tasche auf den Beifahrersitz, Louboutins vor die Rückbank, New-Balance-Sneaker an die Füße, Kim hinters Steuer. »Shit, Shit, Shit!«, zische ich und erwürge das Lenkrad, das für diese Katastrophe rein gar nichts kann. Nachdenken!

Dieser Zwischenfall ist problematisch und der Auftrag weg – auch besser so –, doch die Zusammenarbeit mit der Fotografieschule bringt mir ähnlich viel Honorar, und die habe ich schon so gut wie in der Tasche.

Am liebsten würde ich Emmy sofort anrufen, um ihr davon zu erzählen, aber meine beste Freundin ist mit ihrem Freund Leon in den Urlaub gefahren, ehe sie noch ein paar Tage Workation dranhängen – da soll sie sich erst mal erholen und nicht von mir zugelabert werden. Das mit dem Logo habe ich verbockt, aber der sexistische Kommentar war tausendmal schlimmer. Deshalb sehne ich mich nach ihrem Zuspruch.

Statt ihre Nummer zu wählen, atme ich noch einmal tief durch, schalte das Smartphone in den Flugmodus – ein Luxus, den ich mir viel zu selten gönne, und aktiviere die Techno-Offline-Playlist. Dann starte ich den Wagen. Lenke ihn aus der Parklücke, ohne einen Blick zurückzuwerfen, und mache mich auf den Weg von Augsburg nach München. Verliere mich im Straßenverkehr, bis ich den Ärger in meiner Magengrube halbwegs unter Kontrolle gebracht habe.

Erst beim Aufsperren der Wohnungstür werde ich mir meiner emotionalen Erschöpfung bewusst. Das Adrenalin ist abgeebbt, und zurück bleibt nur Resignation darüber, was Frauen sich gefallen lassen sollen, sowie tonnenschwere Müdigkeit. Ich streife meine Kleidung ab, verdunkle das Schlafzimmer und falle nackt ins Bett, um den Schlaf nachzuholen, den ich letzte Nacht nicht gekriegt habe. Verdammt scheiße gelaufen, denke ich und schließe die Augen. Vergiss diese Arschlöcher. Die verdienen deine Arbeit nicht. Mit diesem Gedanken schlafe ich ein.

Ich bin mir nicht sicher, wie spät es ist, als ich wieder aufwache. Mit nur einem geöffneten Lid schiele ich in Richtung Wecker. Später Nachmittag. Mit einem Gähnen deaktiviere ich den Flugmodus des iPhones.

Dutzende Notifications prasseln wie ein Tsunami auf das Gerät in meiner Hand ein. Das Smartphone hört gar nicht mehr auf zu vibrieren, während sich eine Mitteilung nach der anderen auf den Screen schiebt.

»Was zur …«, murmle ich und setze mich auf, reibe mir die Augen, weil ich wohl nicht richtig sehe.

LinkedIn, Instagram, E-Mail und noch einige weitere Plattformen rangeln um den ersten Platz in der Liste der entgangenen Nachrichten. Ich tippe auf die von LinkedIn – und bin versucht, das iPhone gleich wieder wegzulegen, als ich sehe, von wem sie ist.

»Das kann nicht dein Ernst sein«, murre ich und tippe auf Elijahs Profilbild, das mir samt eines hellblauen Hemds und der üblichen akkuraten Frisur entgegengrinst. Ich schwöre, dass ich die Wolke Aftershave, die er ständig hinter sich herzieht, sogar durch den Screen riechen kann. Seine Nachricht allerdings muss ich zweimal lesen, bevor mir dämmert, was Elijah mit seinen Worten meinen könnte.

»Nein.« Ich schlucke angestrengt. Von dem ausgeruhten Gefühl, das mein Nickerchen in mir ausgelöst hat, ist nichts mehr übrig. »Nein. Nein, nein, nein, nein.« Ein Zittern überfällt mich, ergreift meine Finger, während ich die Notifications durchscrolle. Mein Herz ächzt unter dem donnernden Sprint so kurz nach der Tiefschlafphase, und mir wird zum zweiten Mal heute derart übel, dass ich mich gegen das Kopfende lehnen muss, um tief, tief, tief durchzuatmen. Mit jedem gierigen Luftholen gefriere ich ein Stück mehr von innen heraus, kann gar nichts gegen die Kälte tun, die sich in mir ausbreitet.

Das darf nicht wahr sein. Wie zur Hölle ist das denn passiert? Was … Elijahs Frage echot in meinen Gedanken, als ich das iPhone auf die Bettdecke sinken lasse.

Wie fühlt es sich an, ein viraler Fail zu sein?

Oh, verdammt.

2

Kim

When all is going way, way down

Ich sitze in einer der schicksten neuen Bars Münchens, trage mein liebstes Minikleid und sehe dabei zu, wie die Welt untergeht.

Nicht irgendeine Welt.

Meine Welt.

Die sich in weniger als zwölf Stunden in ein Hölleninferno verwandelt hat, das ich mit gefühlt Hunderten nicht durchgestellten Anrufen bei Schneider und gedrückten Dieses-Video-melden-Buttons bis vor genau sechzig Minuten zu löschen versucht habe. Mein Magen dreht sich um, als ich erneut an die Kommentare unter dem sekundenlangen Clip denke, der Webers Arschloch-Kommentar natürlich nicht zeigt – sondern nur mich, wie ich Sie können mich mal mit dem Penislogo im Hintergrund fauche – garniert mit einer Sequenz, die völlig aus dem Zusammenhang gerissen wurde. Dass mittlerweile ekelhafte Memes existieren und ein weiterer Videozusammenschnitt aufgetaucht ist, bei dem ich das Gleiche sage, diesmal aber Wir melden uns davor gesetzt ist … – als ob ich so was zu einem Kunden sagen würde –, schürt die Wut noch weiter in mir.

Wenn das allein nicht ausreichen würde, sind da auch noch die Hunderten ekelhaften Kommentare, hauptsächlich von Männern, die mich als unprofessionell bezeichnen. Sie sind wie Elijah schadenfroh über das verpatzte Logo – und über meine Antwort, die grundlos und ohne Erklärung dasteht.

So redet die mit ihren Kunden? Hätte da eine bessere Idee, was sie mit diesem Mund anstellen könnte.

Zickige Schlampe, völlig inkompetent.

Wenn die über jede Kundschaft so redet, holla die Waldfee.

Was soll das im Hintergrund sein, ein Schwanz? WTH. Könnte sich ja von meinem inspirieren lassen.

Ich atme tief ein. Versuche das Brennen in meinen Augen zu unterdrücken, genau wie das beschämte, unsichere und dennoch wütende Gefühl in meiner Brust. Im Nachhinein hätte ich mich nicht von der Wut mitreißen lassen sollen – mich auf andere Weise verbal gegen diesen Kommentar auflehnen. Oder? Vielleicht. Nein. Es war richtig, dass ich mich gewehrt habe. Gerade zerdrückt mich die Erinnerung an den Vorfall allerdings, genau wie die geballte Wucht an Kommentaren. Ich schäme mich. Nicht dafür, reagiert zu haben, aber … Das Logo habe ich verbockt. Richtig heftig.

Du wolltest doch nicht mehr daran denken, Kim. Deswegen bist du hier. Um dich abzulenken.

So ist das mit Flächenbränden: Man kann nur hoffen, dass die Flammen nicht alles verschlingen, was einem ans Herz gewachsen ist.

Und abgesehen von meiner Freundin Emmy und ein paar anderen Menschen liebe ich drei Dinge:

Meinen Job als Grafikdesignerin.

Meine Wohnung – und all die schönen Sachen, die sich darin befinden, die ich der Einfachheit halber und weil ich in Wahrheit nie mit drei Dingen auskommen würde, dazuzähle.

Und die Liebe – zumindest den Sex-Anteil davon. Mit dem Rest habe ich leider so viel Glück wie mit einem Lottogewinn: Ich setze immer auf die falschen Zahlen, und am Ende bleiben mir nur die Nullen.

Meine Reputation leidet unter dem geleakten Video. Bei den Anrufen hatte ich nur Schneiders Sekretärin am Telefon, die mir versicherte, es würde bereits nachgeforscht, wie das Video ins Netz gelangt sei. Den anonymen Social-Media-Account, der es verbreitet hat, habe ich gemeldet, aber die Sache ist die: Ist etwas einmal im Netz, hat jede Person die Chance, diesen Inhalt zu vervielfältigen.

Ich bin jetzt Alpha-Male-Influencer-Futter. Ein Meme, aber leider kein lustiges. Zusammengefasst: Negativbeispiel einerhysterischen Frau, wie es ein Typ namens Ben in der Kommentarspalte beschrieben hat. Mein Video ist definitiv in der falschen Ecke des Internets gelandet, die mit keinem Wort hinterfragt, was diese Reaktion ausgelöst haben könnte. Ich seufze innerlich.

Zahlreiche Gäste um mich herum unterhalten sich über die lauschige Musik der verglasten Rooftop-Bar hinweg, sitzen in Gruppen in den Loungestühlen, die die deckenhohen Fenster säumen und in Richtung Nachthimmel hinausblicken. Ich mustere die Barinsel vor mir, die Flaschen, die in das sanfte Licht der raffinierten Deckenbeleuchtung getaucht werden und zum Vergessen einladen.

Drei Männer, die auf der gegenüberliegenden Seite der offenen Bar Platz genommen haben, beobachten mich schon, seit ich La Niche betreten habe. Finance Bros, den Anzügen und dem Gehabe nach zu urteilen, die ich nur zu gern ignoriere.

Das Barpersonal allerdings, das in schwarzen Hemden und Hosen herumwuselt, hat mich noch nicht entdeckt. Ein blonder Typ mit beinahe schulterlangen Haaren und in Flanellhemd stellt gerade eine Kiste mit Flaschen an der Bar ab, streicht sich durch die Surfermähne. Vielleicht habe ich ja bei ihm Glück.

Bitte sieh mich an, ich bin kurz vorm Verdursten, man gebe mir ein Fass Coca Cola – doch er dreht mir den breiten Rücken zu und spricht mit einem Kollegen, während er sich die Arme des grauen, abgetragenen Hemds hochkrempelt.

»Hmpf«, mache ich und atme tief durch.

Es war eine reine Kurzschlussreaktion, auszugehen, um keinen Graben um den Couchtisch im Wohnzimmer zu laufen. Fünfmal habe ich damit begonnen, ein Statement-Video aufzunehmen, habe versucht, mich schriftlich zu rechtfertigen, aber …

All die Reaktionen unter den Videos … Sie schnüren mir die Kehle zu. Noch immer. Normalerweise setze ich mich an neue Aufträge, wenn ich mich von etwas ablenken will, doch die Fotografieschule hat vor kaum vier Stunden eine potenzielle Zusammenarbeit abgesagt – mangelndes Budget, so heißt es plötzlich.

Ich bin kurz davor, die mitgebrachte Lederjacke als Fahne zu schwenken, um die Aufmerksamkeit des Personals auf mich zu ziehen, da löst sich einer der Banker von der gegenüberliegenden Seite der Bar und stellt sich neben mich.

»Kann ich dir einen Drink ausgeben?«, fragt der Mann mit den zurückgestrichenen, hellbraunen Haaren. Eine teure Uhr blitzt dabei an seinem Handgelenk auf. Das selbstsichere Grinsen erinnert mich an Elijah. Urgh.

»Nein, danke«, antworte ich, sehe auf meine schwarz lackierten Fingernägel.

Sein Lächeln wird eine Spur schmaler. »Komm schon. Einen Drink?«

»Nein.«

Jetzt stützt er sich mit einem Ellenbogen vor dem Tresen aus poliertem Marmor ab. »Ich finde, du siehst hübsch aus«, probiert er es nun mit einem Kompliment.

Hübsch? Alter. »Damit sind wir schon zu zweit«, gebe ich zurück und versuche nicht mal, meine Genervtheit zu verbergen.

Er öffnet nochmals den Mund, doch dann bewegt sich etwas vor mir. Gebräunte Finger stellen ein Glas Wasser etwas härter als notwendig vor mir ab. Das Geräusch lässt den Typen neben mir zusammenfahren. Meine Brust kribbelt, und ich sehe von den Fingern auf, die das Glas umschließen.

Direkt in die Augen des blonden Barkeepers. Alles an ihm ist golden – die Haut, die Haare. Nur seine Iriden … Anstatt eines erwartbaren dekadenten Honigtons ist da stählernes Grau, das mit der Wärme seiner Ausstrahlung auf grobe Weise bricht.

»Sie hat gesagt, dass sie keinen Drink möchte«, stellt er mit einer samtigen Stimme fest. Ruhig. So ruhig, dass er beinahe gefährlich klingt, obwohl keine Drohung in seinen Worten liegt.

Eine Kombination, die mir trotz meiner Genervtheit eine Gänsehaut über den Rücken laufen lässt. Oh, hallo, Hottie.

»Wer bist du, etwa der Chef hier? Das ist ein Privatgespräch«, kontert der Finanztyp, klar angepisst von der Unterbrechung.

»Ich bin jemand, der dich rausschmeißen kann, wenn sich andere Gäste unwohl fühlen.« Nun blickt der Mann mit den faszinierenden Augen wieder zu mir. »Ist das der Fall?«

»Ich will in Ruhe gelassen werden, ja«, antworte ich ihm, ohne den Kerl neben mir anzusehen. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie sich dessen Hand zu einer Faust ballt.

Der Barkeeper nickt, als hätte er sich das schon gedacht. »Du hast sie gehört. Also, was soll es sein: der Platz bei deinen Kumpels oder die Tür?«

Ohne ein weiteres Wort verzieht sich der Banker.

»Danke. Das war nett.« Ich atme lange aus und nehme das Glas Wasser, trinke einen Schluck. Schüttle den Kopf und seufze dabei.

Gemeinsam beobachten wir den Gast, bis er bei seinem Platz angekommen ist, wo er sich auf den Hocker fallen lässt und sich abwendet. Dann blickt der Barkeeper zu mir und –

Die selbstbewusste, attraktive Miene schmilzt. Weicht in Sekundenschnelle einem freundlichen Gesichtsausdruck, der allerdings nicht weniger attraktiv ist. Nur anders.

»Hoffentlich war es in Ordnung, dass ich mich eingemischt habe.« So warm sein Tonfall auch ist, irgendetwas liegt in ihm, das ich nicht ganz greifen kann, doch es klingt … schüchtern?

»Ich hätte ihn schon selbst verjagt, aber so war es … effizienter.« Ich verdrehe die Augen. »Wenn mich nicht so vieles heute schon ankotzen würde, wäre die Tatsache, dass noch ein Mann das Wort eines anderen Mannes höher gewichtet als meins, die Zuckerkirsche auf der Schlagsahne.«

»Tut mir leid, das zu hören«, sagt der Kellner, Bartender, was weiß ich. »Also, was möchtest du gerne trinken?« Der Typ beobachtet mich und scheint keinen Stress zu haben. Im Gegensatz zu seinem Kollegen, der hektisch zwei grüne Cocktails in bauchigen Gläsern auf das Tablett einer Kellnerin platziert, ehe er mit chirurgischer Präzision einen Apfel zerstückelt.

»Einen Espresso Martini, bitte.«

»Haben wir nicht.«

Meine Brauen schießen in die Höhe. »Okay, dann einen Gin Tonic.«

Er verzieht das Gesicht. »Muss dich auch hier enttäuschen.Im La Niche läuft alles ein wenig anders.« Er tritt einen Schritt näher an den Tresen heran, stützt sich mit den Händen am Rand ab. Dann: das erste Lächeln.

Es ist ein Sonnenaufgang, der die Nacht auszutricksen weiß. Die Zähne leuchten gegen seine sonnengeküsste Haut, die im wechselhaften Münchner Spätfrühling noch nicht so gebräunt aussehen dürfte. Ungeschliffen. Attraktiv, aber klar nicht auf Äußerlichkeiten fixiert, ansonsten hätte er das Flanellhemd gründlicher gebügelt. Den Naturburschen-Vibe sieht man in München ja nicht allzu oft, trotzdem kommt mir der Mann vor mir vage bekannt vor. Aber woher?

Ungeduldig tippe ich auf dem Tresen herum. »Anders? Sag bloß, ihr verzichtet auf Bezahlung? Bodenlose Drinks oder Espressi? Hätte ich schon Lust drauf.«

Der Kommentar ringt ihm ein leises, raues Lachen ab. Seine Schultern entspannen sich. »Das Stillen des Weltdurstes ist der nächste Meilenstein.«

»Meinen Durst zu stillen wäre schon genug der Philanthropie.«

»Kein Menschenfreund?«, will er wissen und zieht den linken Mundwinkel weiter in die Höhe.

»Heute nicht.«

»Wegen dem Kerl von vorhin?«

Ich schnaube. »Nur ein Sandkorn im Gegensatz zu den heißen Kohlen, über die ich gerade mit meinen High Heels laufe.«

Der Barkeeper mustert mich. Trägt offenbar eine innere Diskussion mit sich aus, ehe er fragt: »Alles … in Ordnung?«

Ich winke ab. »Erzähl mir lieber, wieso ich keinen Espresso Martini kriegen kann.«

Er nickt, ohne darauf einzugehen, dass ich seine Frage ignoriert habe. »Wir fokussieren uns auf Zero-Waste-Drinks. Das heißt, dass es bei La Niche keine statische Cocktailkarte gibt und wir mit saisonalen Zutaten mixen. Dabei wird alles verwendet oder in der Kreislaufwirtschaft, beispielsweise an Landwirte oder Gärtnereien, zur Verwertung weitergegeben. Dieser Prozess wird durch künstliche Intelligenz vereinfacht, um eine optimale Verwendung der Ressourcen zu gewährleisten – diese Location ist das Pilotprojekt«, leiert er wie schon tausendmal erzählt herunter und legt gleichzeitig einen Flyer auf den Tresen. Einen, den ich in meinem Briefkasten gesehen und ignoriert habe. Dann lächelt er mich an. »Wenn du auf den Espresso Martini bestehst, musst du dir eine andere Bar suchen, sorry. Falls du doch gewillt bist, dich überraschen zu lassen, wirst du es nicht bereuen.«

Ich überlege kurz, werfe noch einen Blick in Richtung Tür. Viele Lokale haben heute zu oder zumindest nicht so lange geöffnet. Mein eigentlich angepeiltes Ziel, das Secret Starlight, hat aufgrund neuer Betriebszeiten leider nur mehr Mittwoch bis Sonntag geöffnet.

»Kein Plan, ob ich heute noch mehr Überraschungen ertrage.«

»Harter Tag?«, fragt er sanft, versöhnlich, als würden wir uns schon ewig kennen.

»Katastrophal.«

»Größenordnung Neunzigerjahre Teenie-Romcom oder Super-GAU?«

Das entlockt mir ein bitteres Schnauben. »Eine Kombination aus beidem, würde ich sagen.«

Ein Grinsen breitet sich unter seinem Dreitagebart aus. »Dann lass mich deinen Tag doch besser machen. Vertraust du mir?«

Ich seufze, ergeben. »Nein, aber an diesem Punkt in meinem Leben würde ich auch einen warmen Softdrink ohne Kohlensäure trinken, um wenigstens Abscheu zu fühlen.«

»Abscheu? Du bist hier im La Niche, das kann ich besser.«

»Beweis es.«

»Irgendwelche Allergien, Unverträglichkeiten?«, will er wissen, worauf ich den Kopf schüttle. »Gut, dann gib mir fünf Minuten.« Jetzt funkeln seine Augen. »Der Drink wird dich nicht enttäuschen.«

»Werden wir sehen.« Ich lege neugierig den Kopf schief.

Er begibt sich an die Arbeit, und ich öffne meine Handtasche, schiele auf das stumme Telefon darin, ehe ich den Reißverschluss wieder schließe. Mein Magen revoltiert. Wie viele Notifications wohl erneut aufpoppen werden, sobald ich den Flugmodus deaktiviere?

Ich muss mich dieser Katastrophe stellen, das ist mir und dem flauen Gefühl in der Magengrube klar.

Aber nicht jetzt.

»Hat jemand seinen Laptop vergessen?«, frage ich stattdessen und beäuge das verwaiste Gerät neben mir, das schon dort lag, als ich mich gesetzt habe. Lasse den Blick durch die Bar schweifen. Üblicherweise liebe ich minimalistische Ästhetik, doch heute bringt sie mich nicht zur Ruhe.

»Nope«, antwortet der Barkeeper, ohne sich zu mir umzudrehen. »Ohne Alkohol in Ordnung?«

»Natürlich.«

Er ist ungeübt – hin und wieder zögert er, bevor er eine der Flaschen nimmt und sie gegen das gedimmte Licht der Deckenleuchte hält, um einen besseren Blick auf die Flüssigkeit darin zu erhaschen. Ein paar davon gießt er gemeinsam in einen Mixbecher und schüttelt ihn, während er sich über die Bar hinweg kurz mit einem Kollegen unterhält. Die Bewegung bringt seine Oberarmmuskeln dazu, gegen den Stoff des Hemds zu drücken.

Sein Hemd … Ganz anders als die Standarduniform der anderen Kellnernden. Vor mir nur weichgetragener Flanellstoff, der an den Ellenbogen schon etwas ausgeblichen ist. Wenn er nicht der Chef ist, muss er zumindest jemand sein, für den der Dresscode nicht gilt.

»Spannende Show, Kim?«, fragt er mich, mit dem Rücken zu mir stehend, und leert die Flüssigkeit aus dem Gefäß in das schicke, langstielige Glas. Sein Tonfall ist milde belustigt.

Irritation flammt in meiner Brust auf. »Hast du hellseherische Fähigkeiten? Woher weißt du, dass ich dich beobachte? Und noch wichtiger: Woher kennst du meinen Namen?« Ein ungutes, nervöses Gefühl tänzelt meinen Rücken bis in meinen Nacken hoch.

Jetzt dreht er sich zu mir um, stellt einen vollständig garnierten Drink vor mir ab. Ein fruchtig-frischer Duft, der mich an sonnenwarme Äpfel erinnert, strömt mir in die Nase. Süß, aber auch herb.

»Erstens: Dort hängt ein Spiegel. Deshalb sehe ich, was in meinem Rücken passiert.« Er deutet hinter sich, zu einer Säule zwischen zwei massiven Fenstern, auf der asymmetrische, reflektierende Fliesen angebracht sind. Facepalm hoch zehn. »Zweitens: Natürlich weiß ich, wer du bist, Kimberly Chiari.«

Ich lege den Kopf schief. »Natürlich?« Mein Blick fällt auf den Laptop, dann auf ihn. Oh nein. Er wird doch wohl nicht … Ich reiße die Augen auf, kurz davor, in Panik auszubrechen, da räuspert er sich.

»Ich … sollte mich wohl vorstellen. Mein Name ist Conrad de Wit.«

Er hält mir die Hand hin, und ich schüttle sie, während ich mein Gedächtnis nach diesem Namen durchforste, den ich definitiv schon einmal gehört habe – nur wo, das ist die Frage. Der feste, warme Handschlag ist souverän, selbstbewusst. Charakterzüge, die ich immer sehr schätze.

Conrad de Wit. Der Name kitzelt an meinem Gedächtnis, aber ich kann mich nicht daran erinnern, wer –

Oh.

Oh.

3

Conrad

Every problem has a solution

Kims Augen wissen, wie man Kriege erklärt.

»Du warst auf der Business-Konferenz in Dublin und bist der Investor von La Niche«, stellt sie fest, nun weitaus verhaltener als vorhin. »Und du hast das Video gesehen. Natürlich, wie ganz München. Shit.« Sie strafft die Schultern, macht sich größer, obwohl ihre Präsenz den gesamten Raum einnimmt, seit sie einen Fuß in das Lokal gesetzt hat.

»Ich habe in das Food-Tech-Start-up investiert, das hinter La Niche steckt, ja.« Das ist die abgespeckte Version der eigentlichen Erklärung. Genaugenommen kann ich mich als Business Angel nicht auf eine Stufe mit Banken oder Konzernen stellen, die weit größere Summen zur Verfügung stellen. Als Privatinvestor unterstütze ich junge und innovative Unternehmen nicht nur mit Geld, sondern auch mit Know-how und Ideen, bin Sparringspartner, wenn es an einer objektiven Perspektive fehlt. »Und ich habe das Video gesehen, ja.«

»Und?«, bohrt sie nach, das Grün um ihre Iriden an einen undurchdringlichen Dschungel erinnernd.

»Was und?«, gebe ich zurück.

»Da scheinbar jede verdammte Person eine Meinung dazu hat, die sie entweder in Memes oder ganz entzückenden Kommentaren ausdrückt, wirst du auch eine haben, schätze ich mal. Also raus damit, ich will nämlich den versprochen guten Drink in Ruhe genießen können.«

Ich mustere sie. Wenn der Arsch vorhin sie nicht so belagert hätte, würden wir vermutlich nicht miteinander sprechen. Frauen wie Kim locken üblicherweise nicht gerade meine gesprächige Seite hervor. Aber das hier … das ist okay.

»Ich weiß nicht, wie es zu dem Video gekommen ist. Alles, was ich gesehen habe, ist eine Frau, die sich offensichtlich gegen etwas wehrt«, sage ich.

Kim blinzelt. »Was?«

»Na, deine ganze Körperhaltung war auf Abwehr gepolt. Deine Worte waren zwar scharf, aber definitiv mehr Schild als Waffe.«

Sie starrt mich an. Schluckt. Eine Sekunde lang glänzen ihre Augen, dann sind die Tränen auch schon wieder weg. »Das … hast du gesehen?«

Ich nicke.

»Dann bist du aber der Einzige. Was diese Männer kommentieren …« Sie schüttelt den Kopf, und Mitgefühl brandet in mir auf.

Ein paar der Reaktionen habe ich gelesen. Und verdammt, ich schäme mich dafür, mir mit diesen Arschlöchern ein Geschlecht zu teilen. »Möchtest du darüber reden? Was wirklich passiert ist?«

Sie schluckt angestrengt. Senkt den Blick auf den Drink vor ihr. »Ich weiß nicht.«

»Es ist nur ein Angebot.«

Nach einem weiteren, tiefen Atemzug sagt sie: »Du hast das Logo gesehen, das in dem Video war. Ich habe das Design verbockt, einer der Anwesenden hat einen heftigen, sexistischen Kommentar gemacht, und als ich eine Entschuldigung verlangt habe, hat man mir vorgeworfen, dass ich überreagiere.« Kim verlagert das Gewicht, verschränkt daraufhin die Arme von der Brust. »Da … bin ich explodiert.« Schnauben. »Diesen Teil hast du ja gesehen.«

»Shit, Kim. Das tut mir leid. Es war gut, dass du dich gewehrt hast.«

Ein bitteres Lachen entfährt ihr. »Scheinbar sind du und ich die Einzigen, die das glauben. Im Gegensatz zu den Internet-Trollen, die sich über mich empören, oder den LinkedIn-Bros, die das Ganze als Caption-Futter verwerten, um sich selbst besser darzustellen«, knurrt sie in einem kühlen Tonfall. Nicht unhöflich, aber No-Bullshit.

So direkt redet normalerweise nur meine kleine Schwester Tess mit mir. Selten finden die Start-up-Inhabenden klare Worte, vor allem, wenn es um ein potenzielles Investment von mir geht. Kim läuft nicht auf rohen Eiern, das finde ich gut.

»Das Internet ist ein Ort, der nicht unbedingt das Beste in den Leuten hervorbringt.« Ich verschränke die Arme und lehne mich mit der Hüfte gegen den Tresen. »Alles schon erlebt, aber natürlich nicht in diesem Ausmaß.«

»Ach ja? Bist du nicht der Star der hiesigen Junginvestierendenszene?«

So nennen mich die Wirtschaftsmagazine, weil sie Exemplare verkaufen wollen. Dabei bin ich nur ein Typ, der seine Arbeit gern und gut macht. Ein Satz, der als Headline allerdings nicht sexy genug klingt. »Auch nur ein Job wie jeder andere, mehr nicht.« Schulterzucken. »Ich war neunzehn und das erste Mal Ansprechperson bei einer wichtigen Pressekonferenz der Firma meines Großvaters. Erst danach habe ich gesehen, dass mein Hosenstall die ganze Zeit offenstand. Es wurde über die Marke meiner Unterwäsche sinniert, die auf allen Fotos und Videos gut sichtbar war.«

»Ouch.«

»Verdammt peinlich.« Ich lächle, als ich daran zurückdenke, wie heftig ich mich geschämt habe. Aber auch das ist vorbeigegangen, dank des Zuspruchs meines Großvaters. Schmerz durchzuckt mich wie ein Blitzschlag bei dem Gedanken an ihn, doch ich blende ihn aus.

Jetzt umspielt ein Funken Amüsiertheit Kims Miene, und ich freue mich, dass ich sie ablenken konnte. »War es wenigstens gute Unterwäsche oder ein labbriger Schlüpfer aus weißem Feinripp?«

Ich lache auf, werde von ihrer hochgezogenen Augenbraue aus der Trauer gerissen, die ich schon seit eineinhalb Jahren mit mir herumtrage. »No-Name, glaube ich.«

»Hat die Presse sicherlich in den Wahnsinn getrieben.« Einen Moment lang funkeln ihre Augen belustigt, bevor Kim der Emotion wieder einen Riegel vorschiebt. »Wie hast du dich von diesem Vorfall erholt?«, will sie zögerlich wissen.

»Das Internet wendet sich schnell dem nächsten Shitstorm zu.«

»Ah.« Sie senkt den Blick zum Getränk, rührt mit dem Strohhalm einige Male um. Die Eiswürfel klackern dabei gegen das Glas.

»Keine zufriedenstellende Antwort?«, frage ich.

»Warten liegt mir nicht besonders.« Sie öffnet den Mund, klappt ihn zu.

»Ja?«

»Ach, vergiss es.« Sie schüttelt den Kopf.

»Okay«, sage ich und hebe eine Schulter. »Heute Abend bin ich nur ein Barkeeper. Und kein Investor, der sich vielleicht oder vielleicht auch nicht in deiner Bubble bewegt. Wenn du jemanden zum Zuhören brauchst … Und nur, um das gesagt zu haben: Was immer du mir anvertraust, wird nicht als Caption-Futter verwendet, das schwöre ich.« Ich lege eine Hand auf meine Herzgegend.

Sie seufzt. Ein langer Laut, der nicht zu ihrem steinernen Äußeren passt. »Glaub mir, du kannst mir nicht helfen.«

»Probier’s doch.«

»Investor, Philanthrop, Barkeeper und Lebenscoach? Ein multitalentierter Mann, welch Seltenheit.« Jetzt klingt sie weniger kühl, sondern eher … sarkastisch.

»Üblicherweise stehe ich nicht hinter der Bar. Ich bin nur spontan für einen Kollegen eingesprungen, der zu seiner schwangeren Frau musste.«

Von zahlreichen Gelegenheitsjobs, die ich neben den Jahren in der Firma meines Großvaters gemacht habe, um auch mal was anderes als einen Großkonzern zu sehen, ist wenigstens etwas vom Barbetrieb im All-Inclusive-Resort auf Mallorca hängen geblieben.

Ich sehe wieder zu Kim, löse meine Haltung auf und stütze die Hände stattdessen auf dem Tresen ab. Irgendetwas rührt ihre zerknirschte Miene in mir, und ich warte, bis sie mich anschaut. In ihrem Blick sehe ich all die Dinge, die sie nicht sagt. Vielleicht auch nicht sagen kann, aber um das zu beurteilen, kenne ich sie zu wenig. Doch Kim fasziniert mich. Ihre Gegensätzlichkeit – einnehmend und gleichzeitig zurückhaltend. Hitze und Eis in einer Person, die so ganz anders ist als ich selbst. Sie strahlt eine Leidenschaft aus, eine Intensität, von der ich garantiert etwas lernen könnte. Meine Neugierde hat sie sich schon längst mit ihrem starken Blick erobert.

»Eine Schwäche gegen eine Schwäche?«, biete ich ihr an, bevor ich weiß, was ich überhaupt tue. Ein Trick, den ich von Opa habe. Wenn man nicht mehr allein auf Geschehnisse blickt, die man als schwächend oder anstrengend identifiziert, kommt man häufig drauf, dass alles nicht so schlimm ist, wie es scheint.

Sie überlegt. Lässt den Blick über die anderen Gäste schweifen, das Servicepersonal, bis hin zum Münchner Nachthimmel, der von den vielen Straßenlaternen draußen in einen milchigen Grauton gefärbt wird. Fast erwarte ich, dass sie mich bittet, sie in Ruhe zu lassen. Ein Wort von ihr, und ich würde Small Talk über das Wetter betreiben oder gänzlich die Klappe halten.

»Und du … du würdest mir eine von deinen erzählen?«, fragt sie dann mit zusammengezogenen Brauen, taxiert mich wieder. Fast so, als wäre mein Angebot eine Falle.

»Ich halte meine Versprechen«, sage ich und blicke ihr dabei tief in die Augen.

»Das haben mir schon andere Männer vor dir gesagt«, murmelt sie, mehr für sich selbst als für mich.

»Ich bin nicht andere Männer, Kim. Ich bin ich, und die sind die, aber ich respektiere deine Vorsicht. Es ist nur ein Angebot«, wiederhole ich. »Liegt bei dir, ob du es annehmen oder ausschlagen möchtest.«

Sie holt tief Luft. Räuspert sich. Ihr innerer Kampf ist sichtbar. Der zweite Anlauf glückt. »Ich … habe die Präsentation verbockt, schon bevor alles andere passiert ist.«

»Das ist keine Schwäche, sondern eine Tatsache«, erwidere ich sanft.

Darauf wirft mir Kim einen brennenden Blick zu, der sagt: Nimm, was du kriegst, Mann.

Ich hebe kapitulierend die Hände und lasse sie weitersprechen.

»Ich habe den Auftrag verloren und deswegen noch einen weiteren.« Tiefes Einatmen. »Zusätzlich läuft der Rest meines Lebens so gut wie eine alte Schrottkarre, nachdem ein Elefant darauf herumgetrampelt ist. Damit kann ich scheinbar nicht sonderlich gut umgehen, weil ich es daheim nicht mehr ausgehalten habe und jetzt hier bin. Um nicht … allein mit diesen Gedanken zu sein.«

»Auch das sind keine Schwächen, Kim. Sondern normales, menschliches Verhalten.« Ich lächle sie an, das Gedächtnis voller Erinnerungen an meinen Großvater und seine Lebensweisheiten, mit denen er das Familienunternehmen in der Transportbranche aufgebaut hat. Manchmal tut es noch weh, dass eine Firma aus Japan das Unternehmen kurz nach seinem Tod übernommen hat, auch wenn es sich dabei um einen guten Bekannten meines Großvaters handelt.

»Hey, ich habe mein Bestes gegeben. Nun zu deinen Schwächen.«

»Hmmm.« Ich wische eine unsichtbare Fluse von meinem Ärmel und blicke anschließend direkt in Kims grüne Augen. »Ich bin ein grottenschlechter Koch.«

Sie stöhnt laut auf. »Pfff. Du bist mir ein saftigeres Geständnis schuldig. Wer von uns verbockt das eigene Leben am besten?«

»Mir war nicht klar, dass das hier ein Wettbewerb ist.«

»Sehr vieles im Leben ist ein Wettbewerb. Und ich gedenke, wenigstens diesen zu gewinnen.« Ein süffisantes Lächeln legt sich auf ihre Lippen.

Ich hingegen verziehe meine, während ich überlege. Klar, ich könnte ihr jetzt eine Nichtigkeit auftischen, aber fair ist fair. »Ich bin sauschlecht im Dating.«

Nun mustert sie mich. »Echt? Ich will nicht herablassend klingen oder irgendetwas voraussetzen, aber darauf wäre ich nicht gekommen. Du bist so …«

»Socially awkward?«

»Freundlich.«

Ich hebe eine Schulter. »Weil der Typ, der vorhin versucht hat, dich anzugraben, das Eis gebrochen hat.« Mein Räuspern klingt kratzig. »Wenn ich allerdings einer Frau gegenübersitze und weiß, dass es um Romantik und Flirten gehen soll …« Jetzt zucke ich mit beiden Schultern. Weiche Jan, einem der Kellner aus, weil ich die Ablage mit den Strohhalmen blockiere. Er schnappt sich eine Packung und wuselt dann wieder zur anderen Seite der Bar, an der mittlerweile eine Gruppe junger Frauen Platz genommen hat und sich lachend unterhält.

»Nur wenige Leute würden das offen zugeben«, sagt Kim schließlich. »Ich mag Offenheit.«

»Ich auch.«

»Wie sieht es mit Tinder aus, Bumble, rdently? Wenn du eine Person besser kennenlernen kannst, bevor du ihr gegenübersitzt?«

Ich schüttle den Kopf. »Keine Zeit dafür, und ist auch nicht meins. Außerdem finde ich den Gedanken unangenehm, durch eine Liste an Personen zu swipen, als würde ich eine Speisekarte durchblättern.«

»Same.«

»Keine Zeit?«

»Eher keine Lust auf Gerichte, die mir den Magen verderben. Dabei bin ich im Kennenlernen einsame Spitze. Wären erste Dates eine Olympiadisziplin, würde man die oberste Stufe des Siegerpodests nach mir benennen. Der Rest ist weniger easy.« Sie räuspert sich, und für einen Moment schweift ihr Blick in die Ferne, weit, weit weg von hier, ehe sie mich mit neuer Härte ansieht.

»Echt? Für mich ist der Beginn am schwierigsten.« Wir mustern uns gegenseitig. »Meine Lebensgeschichte wieder und wieder zu erzählen frisst Energie, die ich für meine Arbeit brauche. Ich habe keine Zeit für lauwarme Gespräche, die im Sand verlaufen.«

»Ich hasse lauwarm«, murmelt Kim und trinkt einen Schluck. »Uff, das schmeckt ja großartig! Wie ein Frühsommertag.«

»Freut mich, dass du ihn gut findest«, sage ich und beobachte ihre Miene dabei, wie sie nach einem weiteren Schluck noch verzückter wirkt. Gut, dass sie eine kleine mentale Auszeit von dem Chaos kriegt, das online gerade abgeht. Zwar war ich noch nie in ihrer Situation, aber auch ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn etwas richtig Beschissenes passiert und das eigene Gehirn sich daran festbeißt.

Allmählich wird es auch in der Bar ruhiger – mittlerweile sind einige Gäste gegangen und mit ihnen die Gespräche. Ich mag diese friedliche Atmosphäre. Obwohl das Lokal ziemlich schick eingerichtet ist, fühlt es sich gerade ein wenig so an, als würden wir uns in einem Wohnzimmer befinden.

»Sollte die Investoren-Sache jemals schlecht laufen, solltest du den Rest deines Lebens einfach nur mehr diesen Drink mixen«, sagt Kim schließlich.

»Solide Idee.«

»Glaub mir, davon habe ich reichlich.« Sie stellt das nun halb leere Glas ab und taxiert mich. »Also? Erzähl mir mehr über dein Traum-Dating-Life.«

»Eine stabile Beziehung, das hätte ich gern. Aber ich schaffe es nicht, eine zu finden«, überlege ich laut. »Da, eine zweite Schwäche. Zu deinen Füßen, liebe Kim.«

»Stabil … Was ist mit Feuerwerk?«, fragt sie nach ein paar Momenten.

Ich lege den Kopf schief. Kann nichts dagegen tun, dass Melissas Lachen vor meinem inneren Auge aufblitzt. Schon viel zu lange trage ich dieses Bild mit mir herum, doch es loszulassen schaffe ich nicht. Wir sind Kollegen, Conrad. Nach meinem Ex habe ich mir geschworen, nie wieder mit jemandem etwas anzufangen, der in derselben Firma arbeitet. Ich mag dich. Sehr sogar, du bist ein grandioser Freund.

Es schmerzt noch immer, also schiebe ich den Gedanken an ihre Worte beiseite, ehe diese alte Wunde wieder aufreißt. Die Erinnerung daran, dass dieses Argument für mich nicht nachvollziehbar war – bis die Stille zwischen uns zu groß wurde, die Blicke nicht mehr suchend, sondern ausweichend. Bis nicht mal mehr Kollegialität übrig war. Dass sie wenig später gekündigt hat, kam leider nicht überraschend. »Feuerwerke verglühen relativ schnell, das liegt in ihrer Natur. Was ist unsexy an einer verlässlichen Beziehung?«

Kim zuckt mit den Schultern. »Ich brauche Feuerwerk und Waldbrände und Verlangen und eine Liebe, über die Taylor Swift einen Song featuring Beyoncé schreiben würde. Ich will mit Haut und Haaren. Abenteuer. Alles, außer Langeweile.« Jetzt wird sie rot. Leicht nur, versteckt unter dem Make-up, doch ihre Wangen nehmen einen frischen Rosaton an, der sogar im dumpfen Deckenlicht zu sehen ist.

»Das ist keine Schwäche.«

»Nein, aber eine Tatsache. Eine Schwäche ist spontanes Oversharing gegenüber wildfremden Typen.« Sie schüttelt den Kopf, mehr wegen sich selbst als mir. »Urgh. Was soll’s.«

Ich fange ihren Blick auf. »Ich habe mir nicht nur das Video angesehen, sondern auch deine Arbeit, und die ist großartig, Kim. Selbst wenn in deinem Liebesleben vielleicht gerade kein Feuerwerk abgeht, dann in dem, was du täglich tust.«

Ein bitteres Lachen entfährt ihr. »Dann bist du aber vermutlich einer der wenigen, der einen Blick hinter das missglückte Penis-Logo und meinen scheinbar unprofessionellen Kommentar geworfen hat.« Sie kommt in Fahrt, macht Anführungszeichen in die Luft. »Völlig inkompetent, aber wenigstens fickbar.« Sie schnaubt. »Und was Dating betrifft – ich habe so viel Erfahrung damit, weil ich so viele Erfahrungen gemacht habe. Hätte ich einen der Typen halten können oder er mich, wäre ich nicht so gut darin, erste Dates abzuwickeln.« Sie schüttelt sich, als hätte sie eine saure Zitrone zwischen den Zähnen. »Ich weiß, was ich will, und erkenne relativ schnell, wenn es mit jemandem nicht passt.«

»Was passiert, wenn dich diese Erkenntnis trifft?«

Kim strafft die Schultern. »Dann lasse ich die Person los, weil es zu meinem und deren Besten ist. Knock-out-Kriterien und so.«

»Das klingt … effizient.« Oder instabil? Traurig oder doch nach reinem Selbstschutz? »Du solltest Dating-Kurse anbieten, weißt du das?«, sage ich, um die Stimmung aufzuheitern. »Oder noch besser: Werde meine Dating-Assistentin. Du hast die Erfahrung, die mir fehlt. Lernen könnte ich bestimmt einiges von dir«, scherze ich und halte ein leeres Glas unter den Wasserhahn, doch ich erstarre, ehe ich es zu meinen Lippen heben kann. Mein Nacken kribbelt, direkt unter dem Haaransatz. Der Herzschlag in meiner Brust beschleunigt sich.

Dieses Gefühl …

Der Vorbote einer Lösung.

Eine Dating … Assistentin?

Ich sehe Kim an – richtig an. Ihre Augen lodern, da steckt kein Funken Einsamkeit mehr in ihnen. Diese Entschlossenheit ist etwas, das mir fehlt. Das ich … brauche.

»Haha, ja, genau.« Sie verdreht nun die Augen, völlig unbeeindruckt von meinem Starren. »Ich bin keins deiner Start-ups, die du pushen kannst.«

»Stimmt, du bist etwas viel, viel Besseres: Ein Mensch, der weiß, wie es ist, zu lieben und geliebt zu werden«, sage ich schnell und ohne zu überlegen, stütze mich auf den Ellenbogen auf dem Tresen zwischen uns ab.

Ich sehe kurz zu dem Laptop, der auf mich wartet. Denke an die Anfrage, die ich erhalten habe, ehe ich mich wieder zu Kim wende.

»Meinst du das etwa ernst?« Jetzt mustert sie mich von oben bis unten, ein erstaunter Gesichtsausdruck begleitet diese Worte. »Ich bin Grafikdesignerin«, erinnert sie mich mit zusammengezogenen Brauen. Eine dünne Falte bildet sich über ihrer Nase.

»Und du bist talentiert, effizient, leidenschaftlich und hast die Dating-Erfahrung, die mir fehlt. Plus: Wir sind ungefähr im selben Alter, daher weißt du, wie die Leute in unserer Generation ticken.«

»Ich soll eine Hitch-der-Date-Doktor-Nummer bei dir abziehen?« Kim klingt, als würde sie jeden Moment einen Lachanfall kriegen. Plötzlich sieht sie verdammt müde aus – die Augen klein, die Haltung irgendwie eingesunken. Sie neigt den Kopf auf eine Art, die es unmöglich macht, auch nur eine einzige ihrer Emotionen aus ihrem Gesicht zu lesen. In der Ruhe des Lokals mustern wir einander, Blicke unterlegt von sanfter Indie-Musik.

»Natürlich wäre dieses Arrangement kein Werkvertrag«, versichere ich. »Ich würde dich nach Stunden bezahlen.«

Kim blinzelt, dann bricht sie tatsächlich in schallendes Gelächter aus – und zerstört damit die Ruhe, die über uns liegt.

Ich richte mich auf, verschränke die Arme und warte, bis sie fertig ist.

»Ich wusste ja, dass ihr Investierenden ein eigener Schlag Menschen seid«, sagt sie, nachdem sie sich beruhigt hat. Dann öffnet sie ihre Handtasche und fischt eine winzige Geldbörse heraus. »Danke für das Angebot, aber nein. Mein Leben ist chaotisch genug, das Letzte, was ich brauchen kann, ist ein völlig absurdes Jobangebot.«

»Kim«, fange ich an, aber ihr erneut scharfer Blick bringt mich zum Verstummen.

»Danke für deine Zeit«, sagt sie und legt fünfzehn Euro auf den Tresen, bevor sie in einer fließenden Bewegung vom Hocker gleitet. »Genug?«

»Kommt drauf an, wie viel Trinkgeld du mir geben willst«, erwidere ich in einem ironischen Tonfall und kann nicht anders, als beide Brauen zu heben, während sie noch einen Fünfer auf den Tresen knallt. »Das war ein Scherz.«

»Das«, sie deutet mit dem Kinn auf die Scheine, während sie ihre Lederjacke vom Hocker zieht, »ist nicht mal ein Bruchteil des Stundensatzes einer Therapie. Ich bin also billig davongekommen.« Sie macht einen Schritt, bereit zu gehen.

Diese Bewegung reißt mich aus meiner Starre. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. »Kim.«

Sie bleibt stehen, zieht ihre Jacke an, und während sie den Kragen hochstellt, dreht sie sich zu mir. »Das Jobangebot ist absurd, Conrad«, wiederholt sie. »Mal ehrlich? Vermutlich hättest du um einiges bessere Chancen gehabt, mich ins Bett zu kriegen.« Jetzt mustert sie mich kurz, von oben bis unten. Dann – ein kleines, teuflisch-bitteres Lächeln, das sich auf ihren Lippen ausbreitet. »Definitiv bessere Chancen. Aber der Job? No way.«

Mein Herz setzt vor Überraschung eine Sekunde lang aus. »So bin ich nicht.«

»Du willst eine langfristige Beziehung, ja, das habe ich verstanden«, entgegnet sie nun.

»Außerdem befindest du dich in einer emotional schwierigen Situation, also schon doppelt nicht. Tut mir leid.«

Kim nickt, ein bitterer Zug um ihre Lippen. Ob sie schon jemals eine Abfuhr gekriegt hat?

Bevor sie sich erneut abwenden kann, ziehe ich mein Portemonnaie aus der hinteren Jeanstasche, nehme eine Visitenkarte heraus und halte sie ihr hin. »Falls du es dir anders überlegst.«

Kim akzeptiert sie, widerwillig. »Sollten Stiefel mit Tigermuster diese Saison in Mode kommen, werde ich das vielleicht«, sagt sie und wendet sich ab.

Dann beobachte ich, wie sie mit schwingenden Hüften in Richtung Ausgang geht, und sehe erst weg, als die Karte in ihrer Handtasche verschwindet.

4

Kim

Zehn Jahre zuvor

Der Baum keine fünf Meter vor dem Fenster ist durch den schweren Regenvorhang hindurch fast unsichtbar. Donnergrollen wälzt sich über Passau hinweg, über den mittlerweile menschenleeren Parkplatz. Jeder Blitz erhellt mit einem Zischen den Himmel, aber hier drinnen, im Klassenzimmer, könnte man eine Feder zu Boden fallen hören. Mit den Aufgaben bin ich bereits seit einer Stunde fertig. Der Lehrer, Herr Eckhart, blättert in seiner Zeitung. Die Uhr tickt rückwärts. Ich sterbe vor Langeweile.

»Kimmy? Kimmy!« Ich kehre in die Realität zurück, meine Augen zucken von dem verwaschenen Spiegelbild, das mir die Scheibe zurückwirft, zu dem Pult vor mir. Der Stift fällt mir aus den Fingern. Auf die linierte Doppelseite, die ich aus der Mitte nach Aufbiegen der Klammern herausgelöst habe.

»Was zeichnest du da?«, flüstert Zacharias. Zach. Der coolste Zach. Viel cooler als Zac Efron.

Meine Wangen werden warm. »Nichts Besonderes«, murmle ich und klappe das Heft zu, damit Zach die lahme Karikatur vom Eckhart nicht sieht.

»Hey, was quatscht ihr?«, will Elijah zwei Tische entfernt wissen. Er bemüht sich keine Spur, zu flüstern. Die mühsam angefertigte Gelfrisur, mit der er jeden Morgen im Unterricht auftaucht, ist mittlerweile zerwuschelt. Die Aufgaben haben ihn dazu gebracht, sich die Haare zu raufen, das habe ich vorhin beobachtet.

»Ruhe«, sagt Eckhart, das Gesicht schon seit gut eineinhalb Stunden hinter der SüddeutschenZeitung verborgen. Er dehnt das Wort, als würde er nicht verstehen, dass der Wirtschaftskurs, den wir bei ihm besuchen, nicht unsere volle Aufmerksamkeit bekommt. Tatsächlich tut er das nicht – was sowohl am Lehrer als auch an der Tatsache liegt, dass wir heute nur zu dritt dem Kurs beiwohnen, weil alle anderen Schüler und Schülerinnen krank sind, Eckhart uns aber nicht früher nach Hause gehen lassen wollte. Danke für nichts. Stattdessen hat er uns einige Rechenbeispiele aufgehalst, um sich danach in Ruhe hinter seiner Zeitung verkriechen zu können. Ob auf ihn auch niemand zu Hause wartet?

Das ist eine weitere Gemeinsamkeit, die ich mit Zach und Elijah teile: Eltern, die zu beschäftigt sind, um Zeit mit uns zu verbringen, und die deshalb dankbar für das reichhaltige Schulprogramm sind. Vielleicht sind die von Elijah wie so häufig auf Reisen in den USA, wo seine Mutter herkommt und wo sie öfter Marketing-Workshops für Firmen geben, die nach Deutschland expandieren möchten, während sich Zacharias’ Mama im Krankenhaus den Hintern abrackert, um die Schulgebühren zu bezahlen. Meine Eltern reden sogar beim Abendessen über die Firma.

Zachs braune Augen funkeln, und ich stelle mir vor, dass er genauso lächelt, kurz, bevor er einen küsst. Aber würde er mich überhaupt küssen? Dass mir der Zahnarzt erst letztes Jahr eine Zahnspange verpasst hat, ist ein absoluter Abturner. Bald bin ich die hoffentlich los. Ich schlucke, ein rauer, angestrengter Laut, dann nicke ich und schiebe das Heft zur Seite. Drehe die Zeichnung wortlos zu ihm um. Zacharias’ Augen werden groß, er deutet auf mich. Seine Lippen formen still die Worte: Das hast du gezeichnet?

Nickend sehe ich mir wieder die Kritzelei an. Okay, sie ist doch nicht so schlecht.

Zu meiner Rechten verrenkt sich Elijah den Hals, um einen Blick auf das Papier zu erhaschen. Ich bette den Unterarm so auf den Tisch, dass ich ihm die Sicht versperre. Seitdem er mich beim Schlittschuhlaufen in der Grundschule geschubst hat und ich auf das Eis geknallt bin, während er sich totgelacht hat, mag ich ihn nicht sonderlich – auch wenn ich weiß, dass mich das nachtragend macht. Das Wort Streberin habe ich schon so oft aus seinem Mund gehört, dass ich nicht mal mehr mit der Wimper zucke, wenn er es mir wieder an den Kopf wirft. Zu doof, dass Zacharias und er viel Zeit zusammen verbringen – sie sind seit dem Kindergarten gute Freunde.

»Du bist gut«, flüstert Zacharias. Dann … dann zwinkert er mir zu.

Ich muss alles tun, um mir das Grinsen zu verkneifen. Stattdessen nestle ich an dem Knoten meines Halstuchs herum. Normalerweise sprechen wir nur miteinander, wenn er die Hausaufgaben abschreiben will. Manchmal schenkt er mir dafür ein Snickers.

Eigentlich mag ich die nicht, aber das ist in Ordnung. Die nette Geste zählt.

Eckhart klappt die Zeitung mit einem Seufzen zu und erklärt: »Ich bin kurz im Sekretariat. Beschäftigt euch für die nächsten zehn Minuten selbst.«

Dann klemmt er sich die Zeitung unter den Arm, flucht mit einem genervten Blick hinter dem dünnen Brillengestell dem Wetter entgegen und verlässt das Klassenzimmer.

»Endlich!«, stöhnt Elijah und steht auf, schüttelt seine Beine aus. »Der sabbert sicher wieder über den geilen Körper von Frau Berger. Das kann dauern, bis er zurückkommt.«

Meine Brauen wandern nach oben. Die Schulsekretärin fände es garantiert nicht gut, wie ein fünfzehnjähriger, testosterongesteuerter Jugendlicher über sie spricht. Bevor ich ihm sagen kann, dass er die Klappe halten soll, grinst er mich an. Nein, nicht mich. Zach.

»Sollen wir auf den Flur?«, fragt Elijah, während er schon in Richtung Tür geht.

Zach nickt und erhebt sich ebenfalls. Dann sieht er mich an: »Kimmy?«

»Ich weiß nicht …« Herr Eckhart hat gesagt, wir sollen hierbleiben.

Mein Mitschüler legt den Kopf schief, wodurch eine schwarze Haarsträhne in seine Stirn gleitet. Mein Herz verwandelt sich in einen Schmetterling.

»War doch klar, dass sie nicht –«, stöhnt Elijah, während ich zeitgleich antworte: »Ich komme mit.«

»Cool«, antwortet Zach und grinst mich an, ehe er sich abwendet.

Ich schiele auf meine Schulhefte, doch die beiden warten schon an der Tür auf mich. Den Rucksack sollte ich hierlassen, oder?

»Schneller, Chiari. Wir haben eine Mission«, treibt mich Elijah an.

Keine Ahnung, welche das genau sein soll. Vermutlich ist unser Ziel der Getränkeautomat im oberen Stockwerk, ein Hotspot von Elijahs Clique.

Zach hält mir die Tür auf, und ich folge Elijah nach draußen, gehe an ihm vorbei. Der Gang ist verwaist.

Nach ein paar Schritten erst fällt mir auf, dass die beiden noch immer im Türrahmen stehen und tuscheln. Sie bemerken mich und fahren auseinander, als hätte ich sie bei etwas Verbotenem ertappt.

Das kostet mich nur ein Augenverdrehen. Durch ihre ähnliche Statur und die zufällig beinahe identischen, dunkelblauen Pullover erinnern sie mich an Zwillinge.

»Wohin?«, frage ich, nachdem sie zu mir aufgeschlossen haben.

»Spazieren«, raunt Elijah und sieht Zacharias an, der nickt.

Das trommelnde Geräusch des Regens dringt durch die offenen Klassenzimmertüren auf den Gang und erfüllt das Gebäude. Die Gewitterschwärze draußen taucht die weißen Wände in ein verwaschenes Grau. Wir setzen uns in Bewegung, und Zach geht neben mir her, während Elijah ein wenig voraus ist.

»Keine Ahnung, warum ich erst jetzt mitgekriegt habe, dass du der nächste Andy Warhol bist«, stellt Zach fest.

»Warum nicht Frida Kahlo?«, frage ich.

Er grinst mich von der Seite an. »Auch gut.«

Dann zucke ich mit den Schultern, mustere Elijahs Rücken ein paar Meter vor uns. »Vermutlich, weil wir üblicherweise nicht so viel miteinander reden«, beantworte ich seine Frage von vorhin leise.

»Schade eigentlich.« Zachs Stimme ist rau genug, um mir eine Gänsehaut unter dem türkis-grünen Strickpullover zu bescheren.

»Ja. Schade«, krächze ich über das Wummern meines Herzens hinweg. Gefangen in seinem warmen Blick spüre ich, wie mir die Hitze in die Wangen kriecht. Ich räuspere mich, sehe weg. »Wo ist Elijah?«

Er ist verschwunden. Nicht die schlimmste Entwicklung des Jahrhunderts. Zach zuckt mit den Schultern, und ich scanne den leeren Treppenabsatz zu unserer Rechten, der nach oben führt. Dann spüre ich eine sanfte Berührung am kleinen Finger.

Ich sehe nach unten. Zachs rechte Hand berührt meine linke.

»Ist das in Ordnung?«, fragt er.

Was passiert hier gerade? Ist das der Moment, den ich mir in all den Schulstunden, in denen ich Zachs Hinterkopf angestarrt habe, ausgemalt habe? Wie meine Fingerkuppen an der gebräunten Haut seines Halses entlanggleiten? Wie ich einen winzigen Kuss auf die prominente Kurve seines Kiefers setze?

»Warum?«, hauche ich.

»Warum nicht?«, antwortet Zacharias, und ich will gegen diese vage Aussage protestieren, aber ich werde von nahendem Stöckelschuhklappern unterbrochen.