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Im Ruhrgebiet pulsiert das Leben – und hinter jeder Ecke lauert das Verbrechen. "MORDsJAHRE" versammelt spannende Kurzkrimis, die den rauen Charme und die urbane Atmosphäre dieser einzigartigen Region einfangen. Ob in den Straßen von Dortmund, den Waldgebieten im Essener Süden oder im Casino Duisburg, zwischen Mülldeponie, Flughafen, Aldi-Parkplatz und Villengegend: Jede Geschichte bringt neue Tatorte, Figuren und fesselnde Fälle. Als Impuls für ihre Krimis haben die Autor*innen jeweils eine Zeitungs-Schlagzeile über ein Verbrechen im Ruhrgebiet aus den letzten 20 Jahren ausgewählt – passend zum 20-jährigen Jubiläum der Veranstaltungsreihe "Krimi-Couch". Auf diese Weise ist ein spannendes kriminalistisches Porträt der Region entstanden.
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Seitenzahl: 362
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Steffen Hunder (Hg.)
Kurzkrimis aus dem Ruhrgebiet
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Impressum
1. Auflage März 2025
Lektorat: Sibylle Brakelmann
Satz und Gestaltung: Joachim Bartels
Umschlaggestaltung: Guido Klütsch, Köln
Druck und Bindung: Drukkerij Wilco B.V., Vanadiumweg 9,
NL–3812 PX Amersfoort
© Klartext Verlag, Essen 2025
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-8375-2677-6
ISBN ePUB 978-3-8375-2726-1
Jakob Funke Medien Beteiligungs GmbH & Co. KG
Jakob-Funke-Platz 1, 45127 Essen
www.klartext-verlag.de
Vorwort
Norbert HorstWillis letzte Reise
Christiane DieckerhoffDumm gelaufen – ein Drama in drei Akten
Thomas SalzmannBruchlandung
Klaus HeimannÖkobilanz
Anke VölkelLeben in der Hölle
Christiane BogenstahlSchraube locker
Herbert KnorrDie Autobumser von Gelsenkirchen-Buer-Beckhausen
Petra TreiberFriedhofsbräune
Jutta BüsscherJagdfieber
Mischa BachZweite Chance
Arnd FederspielEiskalt serviert
Peter MärkertDer mit dem Feuer spielt
Wolfgang J. GerlachAlles hat ein Ende, nur ...
Andreas EdelhoffFamiliensache
Ursula SternbergStickum
Gesine SchulzCruel Summer @@@crop poza@@@
Anja PuhaneSollbruchstelle
B. E. FischerPerfektes Verbrechen
Manu WirtzHast du Haschisch in den Taschen …
Steffen HunderZerreißprobe
Die Autor*innen
Quellen
„Witzig–Spritzig–Benefizig! Krimis für die Kreuzeskirche!“ Mit diesem Motto haben Lars Schafft und ich im Juni 2005 die „Krimi-Couch“ ins Leben gerufen, um die Erhaltung der sanierungsbedürftigen Kreuzeskirche zu unterstützen. Viele Jahre übernahmen Jazz-Professorin Dr. Ilse Storb und Jürgen Koch die musikalische Gestaltung; das Catering-Team Cornelia Bachmann und Ulrike Hock sorgte für das leibliche Wohl. Für dieses großartige Engagement danke ich beiden Teams sehr herzlich.
In den letzten zwei Jahrzehnten stellten mehr als sechzig Autorinnen und Autoren in diesem Rahmen ihre aktuellen Krimis vor. Von 2005 bis Anfang 2021 stand die Krimi-Couch in der Essener Altstadt-Gemeinde, seit September 2021 hat die Veranstaltung im Alten Bahnhof in Kettwig eine neue Heimat und erfreut sich dort großer Beliebtheit.
2025 feiern wir das 20-jährige Jubiläum der „Krimi-Couch“ mit der Anthologie „MORDsJAHRE“. Dafür haben Autorinnen und Autoren Kurzkrimis geschrieben. Als Impuls für ihre Krimis haben die Schreibenden jeweils eine Zeitungsschlagzeile über ein Verbrechen im Ruhrgebiet aus den letzten 20 Jahren ausgewählt. Da die Kurzkrimis im Ruhrgebiet spielen, ist auf diese Weise ein spannendes kriminalistisches Porträt der Region entstanden.
Allen Autorinnen und Autoren danke ich für ihre Bereitschaft, auf ihr Honorar zu verzichten, damit ein Benefiz-Anteil des Verkaufspreises dem „WEISSEN RING e. V.“ zugutekommt.
Den „Mörderischen Schwestern“ Jutta Büsscher, Anja Puhane, Petra Treiber, Anke Völkel und Manuela Wirtz danke ich für ihre großartige Unterstützung bei der Entwicklung dieser Jubiläumsanthologie. Manuela Wirtz danke ich ganz besonders dafür, dass sie in bewährter Manier die Steuerung und Koordinierung unseres Jubiläumsprojektes übernommen hat. Zu guter Letzt danke ich Achim Nöllenheidt, dem Leiter des Klartext Verlags, für die offenen und konstruktiven Gespräche bei der Planung und Realisierung dieser Jubiläums-Krimianthologie sowie Sibylle Brakelmann für ihr umsichtiges Lektorat. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern viel Vergnügen bei der Lektüre unserer MORDsJAHRE.
Steffen Hunder
„Verdammt, was machen wir denn jetzt?“
Der Mann war vom Stuhl geglitten, aber das war schon eine Weile her. Er lag vor dem kleinen Tisch in der Küche auf dem Rücken und nichts an ihm bewegte sich mehr.
Beide hatten wiederholt ihr Ohr auf seine Brust gedrückt, zuletzt ein Streichholz vor Mund und Nase gehalten, aber das Wärme und Licht spendende Flämmchen war so ruhig geblieben wie eine LED-Kerzenimitation aus Plastik zu Weihnachten.
Grunwald zog den linken Arm am Stoff des Ärmels noch einmal nach oben und ließ los. Mit einem hellen kleinen Geräusch landete die Hand auf den Fliesen und blieb regungslos.
„Der lebt nicht mehr. Ich hab dir gleich gesagt, sei vorsichtiger mit dem Zeug.“
Bolte nahm das Glas, in dem ein Rest Bier schwamm, und roch noch einmal daran, als ob er auf diese Weise eine Bestätigung seiner Einschätzung finden könnte.
„Zehn Tabletten sind zu viel.“
Der Mann in der Horizontalen war ihr Vermieter Wilhelm Härtel, bei dem sie mit mehreren Monatsmieten in der Kreide standen. Schon von der Grundstimmung her kein Menschenfreund hatte er zuletzt immer giftiger damit gedroht, sie rauszuschmeißen. Der Plan war, ihn mit Schlaftabletten halbwegs zu betäuben, mit einer Prostituierten verfängliche Fotos zu produzieren und ihn mit der Drohung, das gehe viral, zu beruhigen, wie Grunwald das nannte.
Es klingelte. Die Dame für die Fotos war pünktlich, bestand aber auf dem abgemachten Preis, auch wenn sie keine Gegenleistung erbringen musste. Ihre Zeit sei knapp, Verdienstausfall, andere Kunden warteten etc.
„Und was machen wir jetzt?“, fragte Bolte, als sie gegangen war. „Der Typ muss weg hier. Übermorgen kommt meine Mutter.“
Grunwald steckte die Hände in die Hosentaschen und ging schweigend ans Fenster, das nach vorn raus ging. Auf der Bohnekampstraße, die im nieseligen Novemberregen lag, war kein Verkehr mehr, nur ein Hundemensch führte einen Terrier an der Leine. Dann fiel sein Blick auf die eingezäunte Ruine der Schlägel-und-Eisen-Siedlung auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
„Wir bringen ihn rüber.“
„Wie rüber?“ Bolte kniete immer noch neben der Leiche und sah auf.
„In die Siedlung. Da finden sie ihn erst mal nicht. Und wer weiß, wann da wieder was passiert. Bis dahin besteht der nur noch aus Knochen.“
Bolte stellte sich neben ihn und blickte ebenfalls auf die eingezäunten und zum Teil schon verfallenen Gebäude auf der anderen Straßenseite. „Im großen Koffer zum Auto, der kleine Mirz passt da rein. Dann fahren wir in die Schlägelstraße, da ist tote Hose, und gehen von hinten ran. Da sieht uns kein Schwein.“
Grunwald sah ihn an und wiegte den Kopf. Bolte wusste, dass das Zustimmung bedeutete.
Exxxplorer15 schwang sich über den metallenen Baustellenzaun, der das Gelände abgrenzen sollte, was für einen erfahrenen und vor allem fitten Urbexer kein Problem war. Er blickte auf die Uhr, 02:42 Uhr, eine gute Zeit.
Durch das feuchte Unkraut ging er an der Fassade entlang und fand ein Fenster, in dessen Verbarrikadierung sich ein paar Bretter gelöst hatten. Mit etwas Mühe stieg er durch den Spalt und erst jetzt schaltete er seine Stirnlampe ein. Der Lichtkreis tastete den Raum ab und beleuchtete die übliche Szene aus Verfallenem und Müll.
Die Siedlung hatte den Ruf, dass es hier spuken würde, weshalb sie als Lost Place fast verbrannt war, weil einfach zu viele Menschen hier auftauchten. Manchmal sogar Familien am Sonntagnachmittag. Aber es ging dennoch eine Faszination von den Gebäuden aus und er wollte selbst die Stimmung erkunden nach all den Jahren, die er an solchen Orten unterwegs war.
Einige der Möbel waren noch vorhanden, und weil viele der Fenster und das Dach noch weitgehend intakt waren, hatte die Feuchtigkeit bisher noch keine so große Chance gehabt, zumindest nicht in diesem Teil des Gebäudekomplexes. Er ging durch die Räume, die offensichtlich Wohnungen gewesen waren, inspizierte ein paar Schränke, aber es war nichts mit privaten Daten zu finden, was immer das Highlight in der Szene war. Briefe an Oma, Notizbücher, Krankenakten, solche Dinge. Hier gab es nur ein paar alte Töpfe, Teller und Haushaltsmüll.
Er stieg die Kellertreppe nach unten und in dem Moment, als er dachte, dass er an anderen Orten häufiger einen größeren Kick erlebt hatte, erschienen ein paar Schuhsohlen im Schein der Lampe, die nur deshalb senkrecht blieben, weil in den Schuhen noch Füße steckten, die zu einem Mann gehörten, der auf dem Rücken lag.
Kleine Wärmeexplosionen überall auf der Haut ließen ihn schaudern. Der Kick war nicht von schlechten Eltern, dachte Exxxplorer15, trat näher heran und sah auf den ersten Blick, dass der Mensch tot war. Zur Sicherheit stieß er ihn mit den Füßen an und spürte, dass die Leichenstarre schon ausgeprägt war.
Was war jetzt zu tun? Eine Leiche hatte er tatsächlich noch nie gefunden. Sein Haftbefehl wegen permanenten Schwarzfahrens existierte noch, das wusste er, darum musste er anonym bleiben, aber weil sein Handy auf eine Fake-Person registriert war, wählte er die 110 und gab der Polizei den genauen Fundort einer Leiche durch. Seinen Namen nannte er nicht.
Dann verschwand er, so schnell es ging.
„Anonyme Hinweise sollten wir gar nicht mehr annehmen, schon gar nicht bei so einem Scheißwetter“, sagte Kriminaloberkommissar Mattiza von der Kriminalwache Recklinghausen, als er mit seinem Kollegen Manke vor der Schlägel-und-Eisen-Siedlung anhielt.
„Und hier kommt man doch nirgendwo rein, alles abgesperrt.“ Langsam ließ er den Wagen am Zaun entlangrollen.
„Fahr mal in die Schlägelstraße, vielleicht haben wir hinten mehr Glück.“
Kurze Zeit später standen sie im Inneren der Umzäunung. Da nirgendwo ein Durchlass erkennbar gewesen war, hatte Mattiza mit dem Seitenschneider aus seinem Einsatzrucksack ein paar Kabelbinder, die die Zaunelemente verbanden, durchgeknipst.
Sie versuchten, den spärlichen Hinweisen, die die Leitstelle dem Anrufer aus der Nase gezogen hatte, nachzugehen, und standen nach zehn Minuten tatsächlich vor einer Leiche.
„So eine Scheiße, immer zum Feierabend. Dabei habe ich am späten Vormittag schon einen Termin“, sagte Manke.
„Pass auf“, sagte Mattiza, nachdem sie eine Weile stumm vor dem Toten gestanden hatten, „ich habe auch keinen Bock auf Überstunden, denn bis der Bestatter kommt und wir den Bericht geschrieben haben, ist es bald Mittag. Wir halten gegenüber der Leitstelle erst mal die Füße still, schauen uns den Burschen an, und wenn der kein Messer im Rücken hat, machen wir die Leichensache morgen Nacht. Wir haben doch noch einen Nachtdienst. Sollte der Anrufer sich noch mal melden, sagen wir einfach, wir hätten in diesem Riesending nichts gefunden. Und ob er hier einen Tag länger liegt oder in China platzt das textile Behältnis mit den körnigen Grundnahrungsmitteln ...“
Manke fand die Idee hervorragend. Nach zwanzig Minuten hatten sie den Mann aus- und wieder angezogen, hatten ihn professionell begutachtet, aber keinerlei Hinweise dafür gefunden, dass er gewaltsam in die ewigen Jagdgründe geritten war.
Anschließend deponierten sie die Leiche so, wie sie sie vorgefunden hatten, und ließen sie am Platz liegen, weil der ihnen im Keller ziemlich günstig erschien. Danach verschloss Mattiza den Zaun wieder mit einem Kabelbinder, der eigentlich als Handfessel vorgesehen war, und beide fuhren dem wohlverdienten Feierabend, der ein Morgen war, entgegen.
In ihrer Angst, dass sie doch entdeckt werden könnten, hatten Grunwald und Bolte hinter der Gardine ihres Fensters die An- und Abfahrt der beiden Polizisten beobachtet.
„Das sind Bullen gewesen, ich erkenne den Wagen auf zehn Kilometer, auch wenn er zivil ist. Außerdem: Zwei Kerle nachts in so einer Karre, wer soll das sonst sein?“
„Und was sollen die da gemacht haben? Meinst du, die waren wegen Härtel da?“
„Warum sonst? Was macht man mitten in der Nacht in der Schlägelstraße, wo der Hund verfroren ist?“
„Aber woher sollen die das wissen?“
„Da laufen doch tagsüber häufiger Leute rum, seit das mit dem Spuken in der Zeitung gestanden hat. Vielleicht hat einer angerufen.“
„Aber warum fahren die Bullen dann wieder weg? Ohne was gemacht zu haben?“
„Ich habe keinen Schimmer. Vielleicht kommen die ja wieder.“
„Meinst du, die holen jetzt Verstärkung?“
„Kann sein. Ich fände es jedenfalls besser, wenn wir ihn wieder zurückholen. Vielleicht haben sie ihn ja noch nicht gefunden, sonst wäre hier mehr los.“
„Oder sie haben einfach einen anderen Einsatz bekommen und kommen gleich wieder.“
„Auch möglich, auf jeden Fall ist es besser, wenn er erst mal wieder da weg ist.“ Grunwald sah auf seine Uhr. „Aber wir müssen uns beeilen, bevor gleich alle wach sind.“
Keine dreißig Minuten später lag Wilhelm Härtel wieder an seinem alten Platz in der Küche und die beiden Mietgläubiger wechselten sich die nächsten Stunden beim Beobachtungsposten am Wohnzimmerfenster ab.
Aber nichts tat sich. Gegen Mittag fuhr einmal ein Streifenwagen die Bohnekampstraße entlang, allerdings ziemlich zügig. Ansonsten lag die verfallene und abgesperrte Siedlung in trüber Herbststimmung so friedlich und ruhig da wie ihr Vermieter auf den Küchenfliesen.
„Die haben ihn nicht gefunden“, sagte Mattiza, als es schon zu dämmern begann. „Weiß der Teufel, was die gestern Nacht in der Schlägelstraße gemacht haben. Jedenfalls haben die nicht nach der Leiche gesehen. Wir sind schon ganz gaga, was wir uns alles ausmalen.“
„Ja, könnte sein.“
„Dann lass ihn uns wieder rüberbringen, sobald es geht. Denn hier kann er auch nicht bleiben, du weißt, meine Mutter kommt morgen früh.“
Die Uhr im Fahrzeug zeigte 02:12, als Grunwald den Wagen am Ende der Schlägelstraße parkte. Es regnete immer noch, was ihnen entgegenkam, denn es waren kaum Menschen unterwegs.
Sie hoben Härtel ein zweites Mal aus dem Koffer, wuchteten die schmale Gestalt über den Zaun und trugen ihn jetzt zu einem anderen Fenster als in der Nacht zuvor. Als sie den Toten durchreichen wollten, entglitt Bolte der Körper und die Leiche schlug mit dem Hals auf den Rest einer Scheibe im Fensterrahmen. Dabei durchtrennte das Glas den Großteil des Halses, sodass der Kopf nur noch von einem dünnen seitlichen Muskel gehalten wurde.
„Verdammt, pass doch auf.“
„Ist doch eh egal. War schon tot.“
Sie schleiften den Körper weiter an seinen alten Platz, drapierten alles, so gut es ging, und verschwanden.
Georg Jastrzembowski hatte das alles beobachtet, und weil er sich an diesem Ort einen Schlafplatz in einer dunklen Nische gesucht hatte, konnte er im nicht unbeträchtlichen Licht, dass durch die Scheiben fiel, die groteske Szene beobachten, ohne selbst gesehen zu werden.
Als die beiden Gestalten gegangen waren, wartete er noch eine ganze Weile, aber das Motorengeräusch, das er gehört hatte, schien zum Auto der beiden zu gehören und war verebbt. Irgendwas hatten sie abgelegt.
Vorsichtig verließ er sein Versteck und erschrak, als er sah, dass dieses Etwas ein Toter war. Denn dass der Mann nicht mehr lebte, daran bestand bei der Verletzung am Hals kein Zweifel.
Er war tot, übel verletzt, aber nicht schlecht gekleidet. Zwar hatte die Lederjacke am Revers einige Blutspuren, aber das ließ sich beseitigen. Auch die Hose und die Schuhe waren mehr als brauchbar. Zudem schien der Mann in etwa seine Größe zu haben, ein Glücksfall.
Nach einer Anprobe bestätigte sich diese Annahme und wie nach einer Shoppingtour verließ Jastrzembowski den Ort mit zwei weiteren gefüllten Plastiktüten, die er in einem der Räume gefunden hatte. An Schlaf war in der Nähe eines Toten nicht mehr zu denken, also machte er sich durch den Regen auf die Suche nach einem neuen Platz.
„Hannibal! Komm zurück!“
Gregor Puksic hatte wegen des Wetters bei der letzten Gassirunde des Tages den Aufenthalt im Freien so kurz wie möglich halten wollen, aber jetzt war der Terrier durch den Bauzaun auf das Gelände der Siedlung gelaufen. Das Tier war leidlich erzogen und hörte in der Regel auf die Befehle von Herrchen, jetzt schien ihn jedoch etwas so sehr zu interessieren, dass alles Rufen vergebens war.
Schon vor längerer Zeit hatte Puksic auf einem der täglichen Gänge eine Stelle entdeckt, an der man sich ohne große Mühe an einem verbogenen Element des Zaunes vorbeizwängen konnte. Genau das tat er, womit aber wenig gewonnen war, denn bei der Ruine handelte es sich um eine Siedlung mit mehreren Gebäudekomplexen. Er schaltete seine Taschenlampe ein und betrat eines der Häuser, die alle auf verschiedene Weise miteinander verbunden waren. Dabei rief er beharrlich nach dem Hund.
Nach etwa zehn Minuten, als er fast schon aufgeben wollte, nahm er Geräusche wahr, die er kannte. Er folgte ihnen eine Kellertreppe hinab und die Freude, im Schein der Lampe seinen geliebten Terrier zu sehen, wurde abrupt abgelöst von einem Schock, als er sah, woran sich das Tier mit Hingabe gütlich tat. Dort lag eine halbnackte Leiche, deren Kopf in grotesker Weise abgeknickt lag, was mit einer üblen Halsverletzung zu tun hatte. Außerdem fehlten ein Ohr, Teile der Nase und der Oberlippe und Puksic befürchtete, dass dafür der Hund verantwortlich war. Genug Zeit war vergangen, seit er ihn aus dem Blick verloren hatte.
„Hannibal, bist du denn verrückt geworden?“
Er klickte den Verschluss der Leine am Halsband ein und zog das Tier Richtung Treppe, was nur mit Mühe gelang. Als sie es fast schon wieder bis ins Freie geschafft hatten, blieb Puksic stehen und überlegte. Wenn das da unten so sehr den Geschmack des Hundes traf, konnte man das vielleicht nutzen. Seine Rente war keineswegs üppig und Hundefutter wurde immer teurer. Der Tote war nicht groß, aber gute sechzig Kilo brachte er schon noch auf die Waage. Das würde ein paar Monate reichen. Außerdem schien er noch einigermaßen frisch zu sein.
Er band das Tier an einen aus der Wand ragenden Haken, ging zurück und versuchte, den Mann die Treppe hochzuhieven. Erst dort fiel ihm auf, dass er den Toten keinesfalls über die Straße tragen konnte, auch wenn es sehr spät und das Wetter schlecht war. Leider hatte er weder ein Messer dabei noch irgendetwas, womit er die besten Brocken hätte transportieren können.
Er band Hannibal los und ging nach Hause, um noch in der Nacht mit dem Wagen zurückzukommen. Vielleicht sollte er noch zwei, drei Stunden warten.
Grunwald und Bolte hatten von ihrem Beobachtungsposten aus die Suchaktion nach dem Hund so weit mitbekommen, dass ihnen das Ganze verdächtig vorkam.
„Was hat der so lange in der Schlägelstraße gemacht? Sonst ist der immer ruckzuck fertig.“
„Vor allem bei dem Sauwetter. Da stimmt was nicht.“
„Du meinst, er hat Härtel gefunden. Hast du nicht auch einen Lichtschein gesehen?“
„Ja, ganz kurz. Aber ich kann mich natürlich auch täuschen.“
Bolte sah auf die Uhr. „Schon verdammt spät. Komm, wir sehen mal nach.“
Wenig später betraten sie das Gelände zum dritten Mal an ihrer üblichen Stelle und gingen zielstrebig zu Härtels Ablageort.
„Meine Güte, hat der sich verändert“, sagte Grundwald, als er den Körper auf der Treppe vorfand.
„Ein Tier kann das nicht gewesen sein. Irgendwer hat den hierher geschleppt.“
„Und jemand hat seine Klamotten geklaut.“
„Das heißt, noch irgendwer weiß ganz sicher, dass hier einer liegt. Lass uns besser wieder abhauen.“
Bolte nickte. „Aber so können wir ihn nicht liegen lassen. Auch wenn er ein Arsch war. Sieht ja furchtbar aus.“
Sie schleppten ihn zurück an seinen alten Platz, ordneten Kopf und Glieder, so gut es ging, und waren gerade wieder rechtzeitig an ihrem Fenster, um mitzubekommen, wie ein Zivilwagen der Polizei in die Schlägelstraße einbog.
Weil die beiden Beamten den genauen Ort der Leiche kannten, durchtrennte Kriminaloberkommissar Mattiza an einer günstigeren Stelle als in der Nacht zuvor einen Kabelbinder und schob das Zaunelement zur Seite. Im Schein ihrer dienstlich gelieferten Taschenlampen fanden die beiden rasch den Weg, verlangsamten aber schon auf der Treppe ihre Schritte, als der Tote immer mehr in ihr Blickfeld rückte.
„Was ist denn mit dem passiert?“
Sie traten näher heran.
„Das im Gesicht und am Kopf ist Tierfraß, eindeutig, wahrscheinlich gibt es hier reichlich Ratten. Aber das am Hals ist was anderes.“
„Außerdem hat er sich ausgezogen.“
„Das sieht nicht gut aus.“
Manke zog sich Latexhandschuhe an und bewegte den Kopf ein wenig, um die Wunde zu inspizieren. „Glatter Schnitt.“
„Aber warum versucht einer, ’nen Toten zu enthaupten?“
„Keine Ahnung, vielleicht ein Trophäenjäger. Verrückte gibt es genug. Aber das heißt, außer dem Anrufer weiß mindestens noch einer von der Leiche.“
Mattiza nickte. „Das riecht nach Ärger.“
„Und nach Überstunden.“
„Was sollen wir machen?“
Eine Weile schwiegen beide.
„Was hältst du davon, wenn wir uns der Sache völlig entledigen? Wir bringen ihn über die Behördengrenze zu den Essenern. Sollen die sich damit rumärgern.“
Nach einer Weile nickte Manke zustimmend. „Aber wie kriegen wir ihn dahin?“
„Wir setzen ihn hinten rein. Als Festgenommenen. Und ich kenne da eine günstige Stelle in einem Wäldchen.“
Nach wenigen Minuten hatten sie den Wagen durch das aufgeklappte Zaunelement etwas näher an die Häuser gefahren und setzten den Toten auf den Rücksitz, wo er angeschnallt sogar in der Senkrechten blieb. Lediglich der Kopf machte Probleme, weil er ständig zur Seite kippte.
„Ich habe ’ne Idee.“
Manke verschwand wieder in einem der Häuser und kam nach kurzer Zeit mit einem alten Kochlöffel zurück. „Müsste klappen.“ Er führte den schlanken Stiel in eine der Öffnungen des Halses, bis nur noch die Laffe herausragte und steckte den Kopf darauf.
„Topp“, sagte Mattiza mit Anerkennung. „Gibt doch einen veritablen Betrunkenen ab.“
„Sieht nur etwas angefressen aus. Aber das sind wir ja alle mal.“
Sie verschlossen den Zaun wieder und machten sich auf den Weg in den Zuständigkeitsbereich der Polizei in Essen.
Als Grunwald drei Tage später am Frühstückstisch die Zeitung aufschlug, hatte er ihre Beobachtung aus der Nacht fast schon vergessen. Letztendlich glaubten er und Bolte, sich getäuscht zu haben, dass der Zivilwagen mit einer Person auf dem Rücksitz die Schlägelstraße verlassen hatte. Sie waren darüber hinaus nach reiflicher Überlegung zu dem Schluss gekommen, nichts mehr in der Sache zu unternehmen und die Dinge auf sich zukommen zu lassen. Und es war auch alles ruhig geblieben.
Die Überschrift stach ihm sofort ins Auge.
Unbekannter Toter identifiziert
Der gestern von einem Pilzsammler in einem kleinen Waldstück im Essener Norden gefundene Tote ist identiflziert. Bei dem Mann handelt es sich um den 61-jährigen Gladbecker Wilhelm H.
Wegen des Zustandes der Leiche war anfangs ein Verbrechen nicht ausgeschlossen worden. Die Obduktion ergab jedoch, dass die zum Teil grausamen Verletzungen sämtlich postmortal entstanden sind und der Mann eindeutig an einem Herzinfarkt gestorben ist.
Allerdings ergeben sich aus dem Zustand des Leichnams verschiedene Fragen, so die Staatsanwaltschaft, die weiterhin Gegenstand von Ermittlungen sind. Zeugen, die zu der Person oder ihrem Verschwinden Hinweise geben können, wenden sich bitte an die Polizei in Essen.
Erster Akt: Der Plan
„Es ist nicht so, als hätte ich Fehler in der Planung gemacht, das kann ich auf jeden Fall ausschließen. Der Plan war gut. Mehr als gut. War ja schließlich nicht mein erster Überfall. Ich weiß, wie man solche Dinge plant. Und ich bin auch kein Laie, der sich aus der Fassung bringen lässt. Eigentlich. Es war alles perfekt, der Chef hätte nur mitspielen müssen. Ich wusste alles: wann er zurückkommt, wann seine Alte schlafen geht, wo der Safe ist. Ich kannte sogar die Marke.“
–
„Woher ich das wusste? Ich hab ja für den Chef gearbeitet. Also, zuerst hab ich bei ihm gekellnert, aber dann wurde ich so etwas wie sein Laufbursche. Mario, mach dies. Mario, besorg das. Manchmal hab ich ihn auch gefahren, wenn er abends seine Runde gemacht hat, aber eher selten. Der Chef ist schon gerne selbst gefahren. Es war also alles ausbaldowert. Wir mussten uns einfach nur die Sturmmasken aufsetzen und im Gebüsch auf den Alten warten. Der würde uns dann aufschließen, wir würden ins Haus spazieren, so leise, dass nicht einmal die Frau des Alten das mitkriegen konnte. Und wenn doch, würden wir halt zwei Leute fesseln. Wir hatten auf jeden Fall genügend Kabelbinder dabei. Knebel brauchten wir nicht. Das Haus liegt so einsam, die beiden hätten brüllen können wie ein brunftiger Stier. Okay, der Vergleich ist jetzt vielleicht nicht so doll. Tut mir leid. Können Sie das streichen? Ich meine, aus dem Protokoll?“
–
„Nicht? Na, auch egal. Auf jeden Fall wussten wir, dass die beiden dort sitzen würden, bis die Haushälterin kommt. Aber dann wären wir schon längst wieder in unsere Leben abgetaucht. Das Dümmste, was man nämlich machen kann, ist zu verschwinden. Die beste Deckung ist: einfach weitermachen, als hätte man keine Kohle. Also, zumindest so lange, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Die Polizei hätte uns nichts gekonnt, dachten wir. Aber Sie waren echt pfiffig, das muss ich Ihnen lassen. Auf jeden Fall pfiffiger als der Ortsbulle. Ich hab mir noch ausgemalt, wie der dem Alten eine Standpauke hält. So nach dem Motto: Ich hab dir ja gesagt, lauf nicht ständig mit diesem Bündel Hunderter in der Brusttasche herum. Ich war selbst einmal dabei, wie der Bulle versucht hat, den Alten davon zu überzeugen, dass sein Geld im Tresor besser aufgehoben wäre. Der hatte ja keine Ahnung, wie viel Kohle da drin war. Der kannte nur das Geldbündel. Aber das war schon beachtlich, da wäre selbst eine 12-Millimeter-Kugel nicht durchgekommen.
Wie dem auch sei, allein konnte man die Sache nicht durchziehen, also hab ich meinen alten Kumpel Volker angesprochen. Der wollte erst nicht. Der Chef hat wohl mal eine Geldstrafe für ihn bezahlt, damit er nicht in den Bau geht. Er hat gesagt, das geht ihm gegen die Ehre, seinen Wohltäter zu berauben. Was Quatsch war, denn der Chef wollte einfach nur nicht, dass der Volker wegen so einer Geldstrafe in der Schlachterei ausfällt. Das wäre ihn teurer gekommen. Man findet nicht so leicht jemanden, der fachgerecht die gerupften Hühner köpft und ihnen die Füße abschneidet. Das kann eben nicht jeder. Wie immer, wenn so etwas anstand, hat der Ortsbulle den Chef angerufen und ihm gesagt: ‚Der Volker muss in den Bau, der hat seine Tagessätze nicht bezahlt‘, und der Chef hat einfach nur gefragt: ‚Wie viel?‘ War das eigentlich rechtens?“
–
„Okay, verstehe. Ist jetzt wohl nicht so das Thema. Bleibt die Frage trotzdem im Protokoll?“
–
„Wie dem auch sei. Wenn so etwas war, ist der Chef direkt zum Polizeirevier nach Datteln gefahren und hat die Scheine auf den Tresen geblättert, hat die Quittung eingesteckt und fertig war die Chose für den Volker, oder für wen auch immer er die Geldstrafen bezahlt hat. Also, für mich nie. Ich hab solche Sachen nicht gemacht. Meine Devise war immer: Bleib unter dem Radar. Hat ja auch geklappt, wenn Sie nicht diese verfluchten …“
–
„Okay, ich verstehe. Ist jetzt auch nicht so das Thema. Können Sie gerne streichen. Also, zurück zum Chef. Klar hat er sich das Geld von den Leuten zurückgeholt, aber so, dass man damit leben konnte. Also, in kleinen Raten vom Lohn und so.
Also, ich hab den Chef ja mal gefragt, warum er das macht. Wir waren unterwegs nach Holland. Da hatte er ja auch einen Mastbetrieb und so weite Strecken ist er dann doch nicht mehr so gerne gefahren, war ja schon ziemlich alt. Ende siebzig muss er da gewesen sein, also, das war so ein oder zwei Jahre vor dem Überfall. Deshalb hätte ich ja nie gedacht, dass er so abgehen würde. Ich meine, der Mann war richtig alt. Aber egal. Der Chef war halt so der Typ, mit dem man reden konnte. Da können Sie jeden fragen. Der ist nämlich auch nicht mit ’nem silbernen Löffel im Mund auf die Welt gekommen. Ganz einfache Leute waren das. Hat er oft von erzählt. Seine Vorfahren kamen wohl aus Russland, aber lange vor dem Krieg. Der war schon ein richtiger Deutscher. Was immer das auch heißt …“
–
„Entschuldigung, aber irgendwie tut es gut zu reden. Ich meine, ich hab den Chef echt gemocht. Der war schon richtig. Leben und leben lassen war seine Devise, aber dabei hat er sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Trotzdem hat es eine ganze Weile gedauert, bis er sich seinen Spitznamen verdient hat. Heute hieße er wohl Chicken-Kalle – würde ihm gefallen. Der hat sich echt von ganz unten hochgearbeitet: hat für die Molkereigenossenschaft die Milchkannen bei den Bauern eingesammelt, sich dann von dem Lohn die ersten Hühner angeschafft, irgendwann dann den Großhandel und schließlich den Seehof. Der war echt sein Ding. Manche Leute behaupten ja, da sei auch nicht alles astrein gewesen, aber man hat ihm nie etwas anhängen können. Da waren wir uns ähnlich.“
–
„Okay, zurück zum Thema. Als ich also dem Volker alles erklärt hatte, war er nicht mehr so etepetete. Außerdem hat ihn das Geld gereizt, der hatte eine Freundin, die gerne schick ausging. Und schließlich hatte ja auch keiner einen Schaden. Der Chef würde die Nacht überstehen und die Versicherung würde sowieso zahlen. Und wie gesagt: Mein Plan war perfekt.
Volker hat dann noch den Michael ins Spiel gebracht. Das war mir eigentlich nicht so recht. Aber man sollte bei so einer großen Sache nie an der falschen Stelle sparen. Außerdem waren da die Goldbarren. Kein Scheiß! Auch wenn der Chef Hunderter liebte, war er alt genug, um zu wissen, dass Geld ganz schnell seinen Wert verlieren kann. Hat er miterlebt, damals nach dem Krieg. Vierzig Mark auf die Hand und alles, was einer gespart hat, war so gut wie weg. Aber Land und Gold, das bleibt, hat er immer gesagt. Und der Michael kannte wohl jemanden, der jemanden kannte … Wie das halt so läuft.“
–
„Die Tatwaffe? Also, die hat der Volker besorgt, die Munition auch. Woher er die hatte, weiß ich nicht. Das müssen Sie ihn schon selbst fragen. Er war erst skeptisch, weil eine Waffe nicht zu meinem ursprünglichen Plan gehörte. Zumindest hat er das gedacht. Nur: Es ist immer gut, seine Pappenheimer zu kennen, wie man so schön sagt. Wenn ich Volker sofort mit einer Waffe gekommen wäre, hätte er abgewunken. Aber wie gesagt: Der Chef gehörte nicht zu den Typen, die sich die Butter vom Brot nehmen lassen. Da hilft so eine Smith & Wesson. Wir konnten ja nicht ahnen, was dann passierte.“
Zweiter Akt: Die Tat
„Zuerst lief alles gut. Selbst das Wetter hat mitgespielt. Die ganze Woche vorher hatte es geschifft, aber die Nacht war perfekt: trocken und trotzdem genug Wolken, um immer mal wieder den Halbmond zu verbergen. Wir sind also gut aufs Gelände draufgekommen. Den Fluchtwagen hatten wir nicht weit vom Tor geparkt. Der Plan war, dass Volker erst dazukommen würde, wenn es ums Einpacken ging, und so lange beim Wagen blieb. Er hatte Schiss, dass der Chef ihn erkennen könnte.“
–
„Ob ich Schiss hatte, dass der Alte mich erkennt? – Nein. Ich kann mich gut verstellen. Außerdem bin ich so ein Allerweltstyp. Nicht dick, nicht dünn. Nicht groß, nicht klein. Und das Gesicht war ja hinter der Sturmmaske versteckt. Und meine Stimme hab ich verstellt. Da war ich schon immer gut drin. Wenn ich will, hab ich so eine richtig fiese Jesse-James-Stimme. Ich klinge dann sogar wie ein Ami. Also, wie gesagt, ich hab mir keine Sorgen gemacht, dass der Alte mich erkennt. – Moment mal: Wollen Sie mir etwa anhängen, dass ich ihn absichtlich …?“
–
„Nein? Dann ist ja gut. Also, wie gesagt, ich bin mit dem Michael über die Mauer, der hatte damit echt Probleme, der ist ja so ein kleiner Stämmiger. Aber er hat es geschafft. Ehrlich gesagt hab ich mir um den mehr ’nen Kopp gemacht als um den Chef. Weil ich den Michael ja nicht kannte und ich arbeite nicht gerne mit Leuten zusammen, die ich nicht einschätzen kann. Lieber hätte ich den Volker dabeigehabt, aber der wollte ja nicht.“
–
„Ob der Bewegungsmelder angesprungen ist? Natürlich nicht, ich wusste schon, wie man dem ausweicht. Wie gesagt, zuerst lief ja auch alles nach Plan. Aber selbst wenn er angesprungen wäre, kein Thema. Vor dem Haus vom Chef haben sich ja Fuchs und Hase gute Nacht gesagt und natürlich sämtliche Katzen der umliegenden Bauernhöfe. Der Bewegungsmelder ist also ständig angesprungen, da hat niemand mehr drauf geachtet. Außerdem wusste ich, dass die Frau vom Chef immer früh schlafen geht, und die Schlafzimmer liegen auf der Rückseite des Hauses.
Wir also in die Büsche und ich den Michael noch einmal eingestielt: ihm gesagt, er soll einfach nur ein breites Kreuz machen, dem Chef vielleicht eine langen, wenn er nicht spurt, das hätte ich echt nicht gekonnt. Wie gesagt: Ich mochte den Alten. Ansonsten sollte er mir das Reden überlassen. Also, der Michael, nicht der Chef.“
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„Klar hatte ich die Waffe. Dem Michael hätte ich die nie gegeben. Ich wusste ja nicht, wie der reagiert. Ich weiß ja auch nicht, wie es dann passiert ist. Auf jeden Fall stimmte mein Zeitplan. Der Chef rollt also mit seinem Mercedes-Coupé in den Hof, parkt ihn vor dem Haus, alles wie erwartet, dann steht er vor der Haustür und kramt nach dem Schlüssel. Er hat ihn eigentlich immer in der Hosentasche gehabt, trotzdem hat er immer zuerst die Jackentaschen abgesucht. Keine Ahnung, warum der das gemacht hat. War wohl so ein Tick von ihm. Wir also raus aus dem Busch, der Michael hat sich vor dem Chef aufgebaut, ich stand hinter ihm – also, nicht hinter dem Michael, sondern hinter dem Chef – und hab mit meiner besten Jesse-James-Stimme irgendwas von Überfall gesagt und ihm auch gleich sicherheitshalber den Pistolenlauf in den Rücken gedrückt. Ich meine, damit er Bescheid wusste. Aber meinen Sie, das hat den interessiert? Dreht der sich doch zu mir um und versucht, mir die Maske vom Gesicht zu reißen. ‚Ich mach dich fertig‘, hat der geschrien. Das müssen Sie sich mal vorstellen, der Mann war achtzig, aber flink wie nur was. Vor Schreck bin ich zurückgestolpert, Michael hat mich dann gerettet und den Chef festgehalten. Aber der hat sich gewehrt wie nur was und sich aus der Umklammerung gewunden. Ich bin dann hin, um Michael zu helfen: also, mehr gestolpert als gelaufen. An die Smith & Wesson hab ich schon gar nicht mehr gedacht. Das war ein Fehler, denn plötzlich hat es mir den Arm hochgerissen und geknallt – mein Gott, war das laut – und der Alte ist umgefallen. Und da war sofort die Blutlache und der hat sich auch nicht mehr gerührt. Ich wusste sofort, dass der tot ist. In der Zeitung stand dann was von Kopfschuss und Hinrichtung. Das war einerseits gut, weil jeder an die Russenmafia gedacht hat, andererseits: Ich wollte ihn nicht töten. Ich hab die Waffe in Hüfthöhe gehalten. Das müssen Sie mir glauben. Ich hab überhaupt nicht gezielt und auch nicht den blassesten Schimmer, wie sich der Schuss überhaupt gelöst hat. Das muss irgendwie aus dem Stolpern heraus passiert sein. Ich meine: Diese verdammte Smith & Wesson sollte dem Alten doch nur Dampf machen.“
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„Warum die dann geladen war? Na ja, damit man zur Not in die Decke ballern kann, falls der Alte sich ziert. So ein Loch in der Decke wirkt Wunder, hab ich gedacht. Aber doch nicht im Schädel vom Chef. Ich konnte überhaupt nicht mehr denken. Ich hab den nur so verrenkt da liegen sehen und überall Blut. Das war kein schöner Anblick und dann ist im Haus das Licht angegangen. Klar hat die Frau vom Chef den Schuss gehört. Und was hätte ich machen sollen? Die auch wegballern? Das konnte ich nicht. Ich bin doch kein Mörder. Also hab ich gedacht: ‚Scheiß auf die Kohle und die Goldbarren‘, und hab Fersengeld gegeben. Ja, und der Michael ist hinterher. Der war ja genauso erschrocken wie ich.“
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„Was mit der Smith & Wesson ist? Die hab ich im Kanal versenkt. Keine Ahnung, wo. Der Volker hat einfach irgendwo an einer Brücke gehalten, aber welche das war, kann ich nicht mehr sagen. Wir sind mehr oder weniger ziellos durch die Gegend gefahren. Die Masken hat der Volker unterwegs aus dem Fenster geworfen. Das mit den Hunden und diesem ganzen DNA-Scheiß konnte ja keiner ahnen.“
Dritter Akt: Das Netz zieht sich zusammen
„Irgendwann sind wir dann doch nach Hause. Wo sollten wir auch hin? Ich meine, wenn wir jetzt verschwunden wären, hätten die Bullen, äh, die Polizei – also ihr – uns ja sofort am Wickel gehabt. Also war erst einmal Stillhalten die Devise. Volker hat wieder Hühner geköpft, ich gekellnert, und was der Michael gemacht hat, weiß ich nicht. Auf jeden Fall war ‚nicht auffallen‘ angesagt: also, keine krummen Geschäfte, keine Drogen, kein gar nichts. Damit war erst mal Essig, nur nicht auffallen und Zeitung lesen. Die überschlugen sich ja. Ich meine: Wann passiert denn schon mal ein Mord in Datteln? Und dann die Umstände. Da ist sogar die Bild-Zeitung drauf angesprungen. Von der Russenmafia war die Rede. Von einer Hinrichtung. Und davon, dass die Polizei keine Ahnung hat. So etwas liest man natürlich gerne, trotzdem zuckst du bei jedem Klingeln an der Haustür zusammen. Das war echt kein Leben mehr. Ich meine, der Tod vom Chef hat zumindest Volker und mir sämtliche Nebeneinnahmen versaut. Das war bitter, aber nicht zu ändern. Einmal bin ich dem Ortsbullen begegnet und hab versucht, ihn so ein bisschen auszuhorchen. Mir war ja schon klar, dass ihr nicht alles rauslasst, aber so gerne der sonst erzählt hat, so zugeknöpft war der.
An einem Sonntag im Juni kamen dann ja die Hunde ins Spiel. Da ist mir schon etwas mulmig geworden, als ich gehört hab, dass ihr mit denen auf die Autobahn seid und an jeder Abfahrt angehalten, die Autobahn gesperrt und die Hunde habt herumschnüffeln lassen. Aber noch lief ja alles gut. Es war immer noch von der Russenmafia die Rede und von undurchsichtigen Geschäften. Ja, und dann war im August eure Pressekonferenz, wo ihr meine Sturmmaske gezeigt habt. Damals hat mich das mit den DNA-Spuren nicht so gestört. Ich bin ja immer unterhalb eures Radars geblieben. Aber als dann die Familie vom Chef die Belohnung ausgesetzt hat, ist mir schon der Arsch auf Grundeis gegangen. Ich hab gedacht, der Volker hat ja nur im Wagen gesessen, vielleicht macht der ja jetzt ’nen Deal und ist fein raus. Ich hab echt gedacht, ihr steht hier gleich vor meiner Tür. Aber ihr kamt ja nicht. Irgendwann war das Thema dann durch und ich hab mich wieder einigermaßen sicher gefühlt. Bis mir die Trude erzählt hat, als sie mal wieder zum Essen in dem Restaurant war, in dem ich gekellnert hab, dass die Polizei bei ihr in Bochum gewesen ist, weil einer der Hunde die Polizei zu ihrem Haus geführt hat. Ich meine, das muss man sich mal vorstellen. Das mit der Trude ist Jahre her! Und ich konnte ja nicht ahnen, dass der ihr Schmuck nicht versichert war. So reiche Leute sparen echt am falschen Ende.“
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„Woher ich die Trude kannte? Ach, ich hab damals auch schon mal in diesem Restaurant in Bochum gekellnert und die waren da Stammkunden, also, die und ihr Mann. Wir waren richtig befreundet, deshalb hat sie mich ja auch nie mit dem Überfall in Verbindung gebracht. Und wie gesagt, ich kann das gut mit dem Jesse-James-Akzent. Das war schon ein mulmiges Gefühl. Andererseits war ich ja nicht im System drin. Das hab ich auch dem Volker gesagt, aber der hat sich völlig sicher gefühlt, hat gedacht, seine DNA hättet ihr nicht. Weil er seine Sturmmaske eben nicht aus dem Fenster geschmissen hat. Die hat er wohl im Ofen verbrannt. Aber Michaels Spur habt ihr sogar bis in den Knast verfolgt.“
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„Woher ich das weiß? Hat mir meine Anwältin erzählt. Das muss man sich mal vorstellen. Da läuft so ein Hund schnurstracks auf die JVA zu. Das muss ja wohl auch für euch eine Überraschung gewesen sein, oder?“
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„Nicht? Okay. Wie dem auch sei. Wir haben uns also immer noch sicher gefühlt und das waren wir auch. Aber irgendwer hat uns verpfiffen, das weiß ich auch von meiner Anwältin. Und wer immer uns verpfiffen hat, hatte sogar die Nerven, den Preis hochzupokern. Ich tippe ja auf die Perle vom Volker.“
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„Da können Sie nichts zu sagen? Müssen Sie auch nicht. Ich weiß, was ich weiß. Es war bestimmt Volkers Perle. Wenn bei dem der Schwanz ins Spiel kommt, schaltet das Gehirn ab. Wie auch immer. So ab Januar hab ich angefangen, überall Bullen zu sehen. Und da hab ich gedacht: Jetzt wird es Zeit. Aber auch eine Flucht muss geplant werden. Außerdem hatten wir ja keine Kohle. Also mussten wir uns was ausdenken. Das war echt stressig. – Warum habt ihr uns eigentlich nicht schon im Januar hochgenommen?“
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„Können Sie nichts zu sagen? Auch egal. Gekriegt habt ihr uns ja. Aber es war echt knapp, das muss ich sagen. Wir hätten es fast geschafft, was echt scheiße ist. Weil: Wir waren so nah dran. Einen Tag später wären wir weg gewesen und ihr hättet in die Röhre geguckt. Die ganze Arbeit umsonst. Hätte Volkers Perle eigentlich trotzdem die Kohle gekriegt? Lassen Sie mich raten: Da können Sie nichts zu sagen.
Wie auch immer: Das Ganze tut mir unendlich leid. Ich wollte den Chef wirklich nicht erschießen, das mit dem Geld hätte ihm nicht wehgetan und wie gesagt: Der Plan war gut.“
„Kopf auf die Knie!“
Claus Leineweber konnte so schnell nichts aus der Ruhe bringen. Doch als das Brückengeländer vor ihnen auftauchte, das rechte Rad an dem Kleinflugzeug abgerissen wurde und die Lichter eines Lkw zum Greifen nah kamen, sah er seine letzten Sekunden geschlagen. Kopf auf den Knien hin oder her.
Die Welt versank in splitterndem Glas, berstendem Blech und einem ohrenbetäubenden Lärm.
Wie er danach aus der Piper kam, blieb ihm ein Rätsel. Er hörte das Glas unter seinen Schuhen knirschen, atmete den Geruch von geschmolzenem Plastik und Benzin, schmeckte das Blut, das ihm übers Gesicht lief. Doch das alles schien hinter einem Vorhang stattzufinden. Als würde er schlafwandeln, entfernte er sich von dem Flugzeug, den Trümmern, der Gefahr. Mit hängenden Schultern und suchendem Blick stand er auf der Fahrbahn.
Etwas drang durch den Schleier. Schreie. Seine Mitarbeiterinnen! Wo waren seine Mitarbeiterinnen? Er drehte sich um. Sie saßen auf den Rücksitzen des Kleinflugzeugs. Weinten. Clara winkte hektisch und rief etwas.
Er stieg über die Trümmer der abgerissenen Nase des Fliegers. Setzte einen Fuß auf die Motorhaube des Autos, das darunter begraben stand. Zog sich zur Kabine hoch und erreichte die Frauen. „Ich bin bei euch. Gleich kommt Hilfe. Es wird gut.“ Er fand einen Halt und kniete sich vor sie, jetzt wieder Herr der Lage.
„Meine Füße. Ich kann die Füße nicht bewegen.“ Clara liefen die Tränen über die Wangen. Neben ihr kauerte Martina. Schmerzen ließen sie leise stöhnen.
„Gleich kommt der Notarzt. Die Sanitäter helfen euch.“ In diesem Augenblick hörte er ein Martinshorn. Hoffentlich von einem Rettungswagen.
„Ich bleibe bei euch. Es wird alles gut.“ Er wollte selbst daran glauben. Behutsam strich er Clara über den Kopf.
„Wir übernehmen.“ Ein Sanitäter kam zu ihm und schob ihn zur Seite. „Danke.“
Leineweber atmete auf. „Ich kümmere mich um euch. Versprochen“, sagte er im Gehen und kletterte auf die Fahrbahn hinunter.
Jetzt erst sah er das Ausmaß ihres Crashs auf der A52. Die quer stehenden Autos, den fast im Graben stehenden Lkw, Warnblinklichter überall und das Blaulicht. Er war fassungslos.
Julian, sein Pilot, trat zu ihm und legte den Arm um seine Schulter. Von seiner Stirn tropfte Blut auf sein Hemd. Alle Farbe war aus seinem Gesicht verschwunden. Er schüttelte ununterbrochen den Kopf. „Ich verstehe es nicht. Es hätte reichen müssen.“
Ihre Blicke trafen sich. „Wir hatten echt Schwein. Sehr viel Schwein.“ Sie gingen zum Fahrbahnrand. Julian hinkte. Sie setzten sich ins Gras. „Kein Wort gleich. Nichts. Hast du verstanden?“
Julian nickte.
Leineweber hatte geahnt, dass etwas kommen würde. Doch dass er sein Glück so strapazieren musste, hatte er nicht erwartet.
Die Uhr tickte. Der nächste Schritt im Plan stand an. Wo war sein Telefon? Er klopfte alle Taschen ab, Jackett, Hose, Hemd. Es musste herausgefallen sein. „Kannst du mir dein Telefon geben?“ Er hielt Julian die Hand hin.
Auch der klopfte alle Taschen ab, bis er sein Smartphone gefunden hatte. Leineweber nahm es und rief sofort seine Frau an.
„Ursula, Liebes, es ist alles gut. Aber es wird doch etwas später. Mach dich fertig und bereite alles vor. Wie besprochen. Wenn ich da bin, müssen wir sofort los. Ist Stephanie bei dir? Gut. Bis gleich.“ Leineweber gab das Gerät zurück.
Endlich kamen die ersten Polizeifahrzeuge. Dann konnte er auch das hinter sich bringen.
Er stand auf. Seine Mitarbeiterinnen wurden auf Tragen zum Rettungswagen gefahren. Hoffentlich ist es nicht zu schlimm. Wenn er die zerstörte Maschine sah, kam es ihm sowieso wie ein Wunder vor, dass sie aus diesem Wrack lebend herausgekommen waren.
Auf der A52 am Freitagnachmittag mit einer zweimotorigen Piper zu landen, ohne dass es Leben kostete – er hatte zumindest nicht den Eindruck, dass es Tote gab –, bedurfte schon eines besonderen Schutzengels. Wie sein Motto eben lautete: „Das Leben ist etwas Sein, etwas Schein und sehr viel Schwein.“ Heute hatte er eine Extraportion davon gehabt.
Zwei Polizisten traten zu ihm. „Sie saßen auch im Flugzeug?“ Er konnte seine Aussage machen.
Und dann seine Familie in Sicherheit bringen.