Neubeginn - Sonja Bethke-Jehle - E-Book
NEUHEIT

Neubeginn E-Book

Sonja Bethke-Jehle

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Beschreibung

Herzergreifend und authentisch: Kurzgeschichten, die Mut machen.
Diese bewegende Kurzgeschichten-Anthologie bringt vielschichtige Charaktere und ihre Herausforderungen ins Zentrum: Nika erinnert sich an seine Kindheit und die Hilfe von Tom. Bobby begegnet Lena in einer verhängnisvollen Nacht, während Daniel tief gefallen ist und auf die Unterstützung seines Bruders Nils setzt. Anna besucht Ben in der Rehaklinik und merkt, wie sehr er sich verändert hat. Vince und Paula überwinden ihre Barrieren – er ist blind, sie taub – und finden eine besondere Sprache der Nähe. Jamie erhält einen geheimnisvollen Brief von Matheo, und die Schwestern Emma und Babsel suchen nach einem Weg, sich wieder anzunähern. Von Carla und ihrer zarten Hoffnung auf ein Treffen mit Len bis zu Miro, der als Künstler in einer Glasbläserei lebt und sich von Kira aus der Einsamkeit locken lässt – jede Geschichte erzählt von Verlust, Heilung und der Stärke, die wir in Verbindungen zueinander finden. Ideal für alle, die nach emotionalen, lebensnahen und herzerwärmenden Erzählungen suchen.

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Seitenzahl: 425

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Für W. und K. Ihr habt mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Ihr bleibt in meinem Herzen und ich spüre Euch in jeder Seite dieser Kurzgeschichten-Anthologie.

Sonja Bethke-Jehle wurde 1984 im Odenwald geboren und studierte in Mannheim Wirtschaftsinformatik. Heute lebt sie an der Bergstraße. Das Lesen und Schreiben ist seit der Kindheit ihre große Leidenschaft. Dabei rückt sie vor allem Menschen in den Vordergrund, die Grenzen überwinden, gegen Ungerechtigkeit kämpfen oder Herausforderungen bestehen müssen und dabei über sich selbst hinauswachsen.

Seit 2015 ist sie überzeugte Selbstpublisherin und hat seitdem 9 Romane veröffentlicht.

Wenn sie nicht gerade schreibt, arbeitet sie ehrenamtlich in einer Bücherei, hilft bei der Ausleihe oder jagt während ihrer Joggingrunden nach neuen „Plot-Bunnys“.

Weitere Informationen findet Ihr auf: www.sonja-bethke-jehle.de

Inhalt

Vorwort zur Originalausgabe 2020

Vorwort zur Neuauflage 2024

Neubeginn

Im Zeichen des Jupiters

Ein (erster) kurzer Sommer

Narben

Nach einer langen kalten Nacht

Anna

Deine Dunkelheit und meine Stille

Entfernt zusammen

Sturmflut

Samstag um 14 Uhr am Brandenburger Tor

Eine Chance

Lichtzeichner und Schwarzmaler

Sturmflügel

Und dann war ich kein wir mehr

Ein (zweiter) kurzer Sommer

Schmetterling

Danksagung und Nachwort

Weitere Bücher der Autorin

Vorwort

Ich glaube ganz fest daran, dass Menschen Herausforderungen überwinden können – auch wenn sie es zu Beginn als unüberwindbar einschätzen. Auch glaube ich daran, dass es viel leichter ist, wenn man jemanden an seiner Seite hat. Einen Partner. Freunde. Familie. Oder auch einen Fremden.

Ich schreibe sehr gerne über genau diese Menschen: Über die, die Grenzen überwinden, und über die, die sie dabei unterstützen. Weil das der gemeinsame Kern aller zwölf Kurzgeschichten in dieser Anthologie ist, habe ich mich für den Titel Neubeginn – Vom Aufstehen nach dem Fallen entschieden.

Ich habe viele Geschichten in all den Jahren, in denen ich schon schreibe, alleine für meine Schublade geschrieben. Von einigen bin ich überzeugt, dass es an der Zeit ist, sie das Licht der Welt erblicken zu lassen. Einige der Kurzgeschichten konnte ich bereits als Beitrag in einer Anthologie veröffentlichen, die meisten jedoch kennt ihr noch nicht. Teilweise sind sie schon über zehn Jahre alt, andere wiederum sind neuer.

Auch wenn die Kurzgeschichten getrennt voneinander und in beliebiger Reihenfolge gelesen, und ohne meine anderen Veröffentlichungen zu kennen, verstanden werden können, sind sie doch miteinander und mit den anderen Romanen verbunden. Diese Idee der Verknüpfung gefällt mir sehr gut.

Wenn ihr die anderen Bücher (noch) nicht kennt, ist das aber kein Grund, das Buch wieder in die Ecke zu legen ;)

Ich wünsche Euch viel Spaß, Sonja

Vorwort zur Neuauflage

Das Cover der ehemaligen Auflage im Jahr 2020 wurde von mir selbst entworfen. Das Bild entstand während meines Norwegenurlaubs im Herbst 2018 in der Hardangervidda. Das kleine Boot in der düsteren, aber doch schönen Landschaft, wartend darauf, dass jemand damit ans andere Ufer gelangen will, empfand ich als sehr passend. Aus diesem Grund entschied ich mich, bei dieser Veröffentlichung keine Coverdesignerin zu beauftragen, auch wenn ich die Arbeit zu diesem Zeitpunkt bereits sehr schätzte.

Die Anthologie enthält einige sehr persönliche Geschichten von mir, sind Menschen in meinem engsten persönlichen Umkreis gewidmet, entstanden in einer für mich sehr prägenden, aber auch verlustreichen Phase meines Lebens. Es kam mir zu dem damaligen Zeitpunkt logisch vor, auch ein persönliches Cover zu verwenden, immerhin entstand das Bild während einer privaten Reise.

Heute weiß ich, dass dies ein Fehler war. Ich mag immer besser darin werden, Geschichten zu erzählen, und steigere mich stetig darin, lebendige Figuren zu erschaffen, doch im Coverdesign fehlen mir zu viele Kompetenzen und technische Voraussetzungen. Auch Fehler einzusehen gehört zu einer Weiterentwicklung!

Als ich das Cover in Form eines Premades auf der Homepage von Annika Schüttler von Woodlice Designs durch Zufall fand, war ich wie elektrisiert. Es schien, als wäre es für diese Anthologie gemacht worden. Ich überlegte eine unruhige Nacht und teilte Annika am nächsten Vormittag mit, dass ich das Cover unbedingt haben möchte.

Nach einigen Anpassungen passte dann alles, und nun freue ich mich auf die Neuveröffentlichung. Ich habe hierzu alle Geschichten nochmal überarbeitet und die Korrektoratfassung von Lisa dazu herangezogen. Im Wesentlichen sind die Geschichten aber so geblieben, wie sie in der ursprünglichen Version waren.

Um Lesenden, die das Buch ein zweites Buch kaufen, etwas bieten zu können, entschied ich mich, 3 weitere Kurzgeschichten hinzuzufügen. Eine davon ist schon etwas älter, die anderen beiden sind eng miteinander verknüpft und entstanden vor wenigen Wochen. Ich wurde beim Schreiben von einem Besuch bei einer Glasbläserei in Schweden inspiriert, der mich sehr fasziniert hat.

Annika danke ich von Herzen für die gute Zusammenarbeit, und ich freue mich sehr darüber, dass die Kurzgeschichten nun endlich ein Cover erhalten, das ihnen würdig ist. Ich liebe es und ich freue mich darauf, das fertige Buch mit neuem Cover endlich in den Händen halten zu können.

Euch, liebe Lesende wünsche ich viel Spaß (auch jetzt noch),

Sonja

Links ein Bild vom alten Buchcover: Es zeigt ein verlassenes Ruderboot am Ufer eines ruhigen Sees. Die Farben sind gedeckt und herbstlich, mit Grünund Grautönen, die eine melancholische Stimmung vermitteln. Im Hintergrund erstreckt sich eine hügelige Landschaft mit kahlen Bergen, die in den nebligen Himmel übergehen. Der Titel „Neubeginn“ ist in schwarzer, schlichter Schrift auf einem türkisfarbenen, halbtransparenten Balken im oberen Drittel des Covers platziert. Darunter in kleinerer Schrift: „12 Kurzgeschichten über das Aufstehen nach dem Fallen“ und der Name der Autorin.

Das aktuelle Cover hat einen verträumten, mystischen Stil. Es zeigt eine menschliche Hand, die einen zarten, bläulich-violetten Schmetterling hält, der im Fokus des Covers steht. Der Hintergrund ist in verschiedenen Violett- und Blautönen gestaltet, mit dezenten Linien und Mustern, die an Federn oder Rauch erinnern. Der Titel „Neubeginn“ ist in eleganten, geschwungenen weißen Buchstaben in die Gestaltung integriert, wobei die Buchstaben stilvoll überlagert sind. Am unteren Rand stehen die Worte „Kurzgeschichten über das Aufstehen nach dem Fallen“ und der Name der Autorin, ebenfalls in Weiß.

Neubeginn

Der Flügelschlag eines Schmetterlings mag zart sein, doch nie unbedeutend oder vergessen.

Nika erinnert sich an seine Kindheit und an Tom, der ihm damals geholfen hat. Bobby trifft in einer verhängnisvollen Nacht auf Lena. Daniel ist tief gefallen, aber sein Bruder Nils will ihm helfen. Anna besucht Ben in der Rehaklinik, doch der hat sich verändert, seit er auf den Rollstuhl angewiesen ist. Vince ist blind, Paula ist taub, das hält sie nicht davon ab, miteinander zu reden. Jamie erhält von Matheo einen geheimnisvollen Brief. Die Schwestern Emma und Babsel sind sich fremd geworden, finden sie trotzdem wieder zueinander? Signe hat ein Geheimnis, und das hat was mit Bastian zu tun. Oliver und Martin haben sich nichts mehr zu sagen - oder doch? Thorsten und Bea glauben, ihre Beziehung sei zu Ende. Lukas trauert um seinen Bruder, vielleicht kann Flo ihm helfen, darüber hinwegzukommen? Manuela und Marco machen sich Sorgen um ihre Pflegetochter Samia.

In der Neuauflage hinzugekommen: Carla hat eine Verabredung mit Len, aber wird er auch kommen? Miro lebt ein zurückgezogenes Leben als Künstler in einer Glasbläserei, kann Kira ihn vom Brennerofen weglocken?

Kurzgeschichten über das Aufstehen nach dem Fallen.

Im Zeichen des Jupiters

Impressum: Erstmals veröffentlicht 2016 in Grenzenlos: Geschichten und Gedichte, ISBN: 978-3739211152 / Lektorat: Daniela Hahner, Ute Köhler, Katja Kulin / Korrektorat: Lisa Lamp

Zusammenfassung: Bei einem Garagenflohmarkt findet Nika ein unvollständiges Mobile mit den Planeten des Sonnensystems. Ihm kommt es bekannt vor und es erinnert ihn an die erste Zeit in Deutschland, als seine Familie und er noch in einem Flüchtlingslager gelebt haben. Schnell wird ihm klar, dass der Jupiter bei dem Mobile fehlt. Er beginnt zu recherchieren und kommt schon bald dem Geheimnis auf die Spur.

Vorwort: Das Jahr 2015 stellte uns alle vor einer besonderen Herausforderung. Zum einen blühte eine neue Willkommenskultur, zum anderen erstarkten rechtspopulistische Parteien; und Menschen begannen zu diskutieren. In dem »Deutschen Schriftstellerforum dsfo.de« entstand der Wunsch, zu diesem Thema eine Anthologie herauszubringen. Gesucht wurden Autoren und Autorinnen, die ihre Gedanken, Sorgen und Hoffnungen niederschrieben. Nicht nur Autoren, sondern auch Lektoren und Designer verzichteten auf Erlöse, stattdessen wurden die Einnahmen an die Organisation »Ärzte ohne Grenzen« gespendet. Es ist mir eine große Ehre, dass meine Kurzgeschichte »Im Zeichen des Jupiters« ein Teil dieser wunderbaren Anthologie geworden ist. Um auf die Anthologie aufmerksam zu machen, erhält die Geschichte von Nika und Tom hier ihren Ehrenplatz als Einstiegsgeschichte. Für mich ist sie etwas ganz Besonderes. Die Anthologie kann nach wie vor gekauft werden.

Das Auffanglager. Nika auf der Wiese vor den Zelten, seine große Schwester ist bei ihm. Ein Streit zwischen den Geschwistern, ein Tritt von Svea, dann Schmerz, und Nika, der auf die Erde fällt und weint. Ein anderer Junge, blond, schmal, spitzes Gesicht. Eine blasse Hand, die sich nach Nika ausstreckt, und eine bunte Kugel, die Nika gegen den Bauch gedrückt wird.

Es war eine von vielen Erinnerungen, die Nika mit sich herumtrug. Eine, die in Bruchstücken und wie unter einem Nebel existierte – verschwommen und unwirklich. Nika war sich nicht sicher, was davon tatsächlich passiert war und was er sich einbildete. Die Szene kam ihm in den Sinn, während er sich das Angebot des Garagenflohmarkts ansah. Warum musste er bei dem Anblick des Mobiles mit den Planeten an das Flüchtlingsheim denken, in dem seine Schwester und er gelebt hatten, bevor ihr Asylantrag genehmigt worden war? Noch heute löste diese Zeit in ihm Albträume aus, weswegen er es vermied, darüber nachzudenken.

Mit dem Mobile stimmte etwas nicht. Nika runzelte die Stirn und kniff die Augen zusammen. Statt neun waren es lediglich acht Plastikbälle. Nika wäre nicht irritiert gewesen, wenn Pluto fehlen würde, da ihm vor einigen Jahren der Status als Planet aberkannt worden war. Doch Pluto existierte in dem Mobile als kleine Kugel am Rand. Was fehlte, war …

»Der Jupiter fehlt«, meinte eine Stimme hinter ihm.

Nika zuckte zusammen und drehte sich rasch um. So schreckhaft kannte er sich nicht. War er so in Gedanken versunken gewesen, dass er nicht bemerkt hatte, wie die Verkäuferin zu ihm gekommen war?

»Warum?«, fragte Nika verwundert.

»Mein Mann hat den Jupiter wohl verschenkt.« Die Frau hob die Schultern. »Deswegen glauben wir auch nicht, dass wir viel Geld dafür verlangen können.« Auf ihrem Gesicht zeichnete sich Trübsinn ab, doch sie versuchte ihn zu verbergen, indem sie Nika offen anlächelte. Sie trat einen Schritt nach vorn und berührte den Planeten, der dicht an der gelben Halterung angebracht war. »Das Mobile ist noch aus der Kindheit meines Mannes. Zum Glück haben seine Eltern es nie weggeworfen, denn unsere Kinder haben es ebenfalls geliebt. Mir fällt es schwer, es wegzugeben, aber sie sind inzwischen so groß.« Sie ließ die Kugel, die wohl den Merkur darstellte, los und straffte die Schultern. »Sie sollten es mitnehmen, wenn Sie Kinder haben. Gerade Säuglinge mögen so was.«

Nika nickte und wandte sich erneut zum Mobile. Fasziniert betrachtete er die Planeten, die sich durch den Wind leicht bewegten. Er konnte sich gut vorstellen, wie beruhigend es war, als Baby oder Kleinkind einzuschlafen, während über dem Bett die Planeten schwebten. Er empfand den wohlbekannten dumpfen Schmerz, der immer dann kam, wenn er an seine Eltern denken musste. Der Anblick des Mobiles berührte ihn tief und löste etwas in ihm aus, das er nicht einordnen konnte. Rasch verabschiedete er sich von der Frau und eilte nach Hause.

***

Der Junge, der ihm die Kugel geschenkt hatte, kam jeden Tag. Sie spielten miteinander, ohne zu reden. Nika verstand die fremde Sprache nicht und der Junge hob immer nur die Schultern, wenn Nika auf Afghanisch mit ihm redete. Doch das hielt sie nicht davon ab, viel Zeit miteinander zu verbringen, nebeneinander zu schaukeln und um die Wette zu rennen. Nika durfte sogar mit dem Fahrrad des Jungen fahren. Es waren Momente des Glücks, ein kurzes Aufflackern von Freude inmitten einer Welt voller Armut, Angst und Aggression.

Gedankenverloren stand Nika am Fenster in der Küche und presste die Stirn gegen die kühle Scheibe. Sein Herz klopfte ihm viel zu schnell in der Brust und seine Hände zitterten, als er die Tasse mit heißem Tee an seine Lippen führte. Er musste sich täuschen. Sein Erinnerungsvermögen spielte ihm einen Streich. Oder? Konnte es sein, dass …

»Bin auf dem Speicher«, rief Nika seiner Frau zu. Sarah lag im Wohnzimmer auf dem Sofa und streichelte ihren prallen Bauch. Nur noch vier Wochen bis zum errechneten Termin. Der Gedanke an Sarahs Schwangerschaft trat in den Hintergrund, als Nika die Leiter zum Speicher hinaufkletterte.

Seine Eltern hatten versucht, Svea und ihn von Terror und Krieg abzuschirmen und ihnen eine gute Kindheit zu ermöglichen. Zwar in armen Verhältnissen, aber behütet genug, um zu glauben, die Welt wäre ein guter Ort. Diese Naivität hatte Nika inzwischen abgelegt. Seine Eltern waren aus Afghanistangeflohen, um ihnen eine bessere Zukunft zu ermöglichen, und dafür war Nika dankbar. Leider waren sie bei der Flucht gestorben. Umso härter hatte Nika darum gekämpft, erfolgreich zu sein und hier sein Glück zu finden, denn so war das Opfer seiner Eltern nicht umsonst gewesen. Er arbeitete als Teamleiter bei einem IT-Dienstleister, war verheiratet und lebte in einem geräumigen modernen Haus. Bald würde er Vater werden.

An die erste Zeit in Deutschland hatte Nika keine guten Erinnerungen. Überfüllte Zelte, unterschwellige Aggression, Missverständnisse zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Sprachen. Jeder von ihnen hatte eine Geschichte, eine Vergangenheit. Vergewaltigung, Hunger, Folter … Und Krieg. Erlebnisse, die nicht erlebt werden sollten. Viele Deutsche waren misstrauisch gewesen und hatten verhalten reagiert. Gerade zu Beginn hatte Nika sich sehr unerwünscht und unwillkommen gefühlt.

Nika schüttelte leicht den Kopf und versuchte damit die Gedanken zu vertreiben. Er kratzte sich am Kinn und sah sich auf dem Dachboden um. Endlich, in der Ecke: Ein kleiner verbeulter Koffer mit den wenigen Dingen, die er im Asylantenheim besessen hatte. Nika hatte nie wieder hineingeblickt. Sobald der Asylantrag bewilligt worden war, hatte er sein Hab und Gut versteckt, in der Hoffnung, alles, was mit der Flucht zusammenhing, verdrängen zu können. Fortan hatten sie in einer richtigen Wohnung gelebt, seine Tante, sein Onkel, Svea und er, hatten Deutsch gelernt und er war mit Svea in die Schule gegangen. Ein Neuanfang!

Viel hatte ihm nicht gehört. Klamotten, ein Kamm, eine Zahnbürste, ein Teddy … und ein Plastikball mit einem Haken oben. Den hatte ihm der blasse, blonde Junge geschenkt. Nika fühlte Freude. Er war sich sicher: Der Ehemann der Flohmarktausstellerin war das Kind gewesen, das ihm damals Mut gemacht hatte. Als kleiner Junge hatte er keine Ahnung gehabt, was diese orangefarbene Kugel mit den weißen Streifen darstellen sollte. Jetzt, nach vielen Jahren, konnte er das Geheimnis endlich lüften. Es war ein Modell des Jupiters. Hastig griff Nika danach. Das Material fühlte sich kühl an, was Nika überraschte, denn trotz der Kälte auf dem Speicher hatte er gedacht, die Kugel müsste noch warm sein. Damals war sie warm gewesen. Nika hatte sie immer bei sich getragen. Selbst nachts, wenn er im Bett gelegen und nicht hatte schlafen können, weil es in dem Zelt noch laut war. Immer wenn er sich abgelehntgefühlt hatte oder ihm Misstrauen und Abneigung begegnet war, hatte Nika an diesen Jungen gedacht.

Und das hatte ihm Hoffnung gegeben. Viele Jahre lang.

***

Der blonde Junge und Nika hockten nebeneinander und aßen Süßigkeiten, die der Junge mitgebracht hatte und mit Nika teilte. Die bunte durchsichtige Substanz schmeckte süß und gleichzeitig sauer, aber so gut! »Tom!«, brüllte eine Frau. Die Mutter des Jungen. Der Junge sah hoch. Für einen Moment glaubte Nika, er würde wegrennen, aber dann senkte er den Kopf. »Tom!«, rief die Frau noch einmal. Sie sah Nika böse an und umschlang die Hand ihres Sohnes. Dann zerrte sie ihn schimpfend weg. Nika rief ihnen etwas auf Afghanisch zu, obwohl er wusste, dass sie ihn nicht verstehen würden. Der Junge drehte sich um, hob die Schultern und antwortete auf Deutsch. Traurig presste Nika die Plastikkugel an sich. Jeden Tag stand er am Eingang des Asyllagers und wartete – umsonst.

Am Vormittag waren die Erinnerungen noch blass gewesen wie unter Nebel, doch den Tag über waren sie immer klarer geworden. Immer besser konnte Nika sich an den Jungen erinnern, und die Bilder waren nicht länger farblos und verschwommen, sondern strahlend hell. Während er vor der Wohnungstür wartete, drückte er die Kugel an sich , so wie er es damals vor vielen Jahren als Kind getan hatte. Ein Mann öffnete ihm die Tür.

»Kommen Sie wegen des Betts?«, fragte er.

»Nein, es geht es um etwas anderes«, sagte Nika und rieb sich mit einer verschwitzen Hand über die Stirn. Dass der Mann ihn nicht erkannte, verwunderte ihn nicht. Er hätte ihn ebenfalls nicht erkannt, wenn er ihn hier nicht erwartet hätte. Damals waren sie noch kleine Jungen im Alter von ungefähr zehn gewesen. »Können wir kurz was besprechen?«

»Gibt es ein Problem mit dem Flohmarkt unten?«

Ursprünglich hatte Nika den Jungen ein bisschen jünger als sich selbst eingeschätzt, nun aber überlegte er, ob er diese Annahme revidieren musste. Leichte Falten zeichneten sich bereits auf dem Gesicht des Mannes ab. SeineAugen huschten nervös hin und her. Das blonde Haar war stumpf, die Gestalt etwas zu dünn. Tom, fiel Nika ein. Die Mutter hatte den Jungen Tom genannt. Das musste sein Name sein.

»Nein, nicht wirklich«, meinte Nika eilig, um den Mann zu beruhigen.

»Kommen Sie doch mal rein«, bat Tom, wirkte aber trotz der Einladung distanziert und widerwillig. Er lächelte nicht, öffnete jedoch die Tür weiter und deutete an, dass Nika ihm folgen könne.

Nika räusperte sich mehrmals. Es war nicht einfach, das Gespräch zu beginnen. Die Wohnung wirkte klein und war schlicht eingerichtet. Es war sauber, doch die Möbel wirkten schäbig, abgewohnt, was Nika irritierte. Vielleicht war das Ehepaar auf das Geld dringend angewiesen? Auf dem Wohnzimmerschrank stand ein Bild der Familie. Tom, die Frau, die Nika unten beim Garagenflohmarkt kennengelernt hatte, sowie drei Kinder. Zwei Jungen, das mittlere Kind war ein Mädchen. Eine glückliche Familie, lachend, einander umarmend. Anscheinend waren Tom und seine Frau früh Eltern geworden und lebten auch heute noch zusammen, worum Nika ihn etwas beneidete.

Nika hatte seine Frau erst spät kennengelernt und sich danach viel Zeit gelassen. Sowohl er als auch Sarah hatten erst Karriere machen wollen. Sarahs Eltern hatten Vorbehalte gegen Nikas Hautfarbe und Angst um ihre Tochter wegen seiner Religion gehabt. Dazu waren die Warnungen seiner Schwester gekommen, gemischte Ehen seien kompliziert. Später hatte es mit der Schwangerschaft lange nicht geklappt, sodass sie befürchtet hatten, ungewollt kinderlos zu bleiben. Hatten sie zu lange gewartet? Sich zu viel Zeit gelassen? Als Sarah dann endlich schwanger war, hatten sie ihr Glück kaum fassen können.

Nika spürte Toms ungeduldigen Blick. Stechend und intensiv. Wenn Tom gleich aufbrausend verlangen würde zu erfahren, was los wäre, würde Nika es ihm nicht übelnehmen können. Wer hatte es schon gern, wenn Fremde in die Wohnung marschierten und die privaten Bilder betrachteten, ohne etwas zu sagen?

»Ich hoffe, Sie haben das Planetenmobile noch nicht verkauft?«, fragte Nika, einfach um irgendetwas zu sagen. Er drehte sich von dem Bild weg und betrachtete Tom.

Dieser hob den Kopf und runzelte die Stirn. »Nein, hätten Sie es gerne?« Seine Stimme klang nun etwas freundlicher, vermutlich, weil er glaubte, Nikawäre doch wegen des Flohmarkts gekommen. Er lächelte und erschien dadurch jünger, was Nika vermuten ließ, dass Tom doch nicht wesentlich älter als er, sondern lediglich mehr vom Leben gezeichnet war. »Es ist nicht vollständig, aber ich glaube, Kinder würde das nicht stören. Meine hat es nie gestört. Sie konnten immer gut einschlafen.«

»Ich glaube, dass ich es vervollständigen kann«, meinte Nika und hob die Schultern. »Ich weiß, dass Jupiter fehlt.«

Tom lachte trocken auf. In seinem Blick schwang Verbitterung, die Nika nicht einordnen konnte. »Das würde mich doch sehr verwundern.«

»Du hast Jupiter doch verschenkt«, begann Nika.

»Ich glaube, ich war damals erst neun oder zehn«, sagte Tom. »Seitdem ist viel passiert und ich habe den Jungen, dem ich es geschenkt habe, nie wiedergesehen.«

»Dieser Junge war ich, Tom«, sagte Nika leise und strich den Stoff seiner Hose glatt. »Du hast es mir geschenkt.«

Zuerst verzog Tom das Gesicht, dann wich seine Ablehnung und stattdessen legte sich Überraschung auf seine Miene. »Das kann nicht sein«, sagte er entgeistert.

Nika nickte. »Ich bin es. Ich … ich habe dir viel zu verdanken.« Er ging einen Schritt nach vorn und legte die Plastikkugel, die ihm im Auffanglager viel Trost gespendet hatte, auf den Wohnzimmertisch.

»Oh mein Gott«, stieß Tom aus. »Ich kann mich gut an dich erinnern. Meine Eltern wollten nie, dass ich zu euch komme, ich war aber trotzdem neugierig. Bei euch gab es viele Kinder, während bei uns in der Straße nur alte Leute gelebt haben.«

Nika nickte und verzog das Gesicht. »Das stimmt, es gab viele Kinder. Zu viele Kinder auf zu wenig Raum.«

Tom betrachtete die Kugel und schüttelte den Kopf. »Es ist schade, dass ich niemals erfahren habe, wie du heißt. Leider haben meine Eltern mir verboten, dich weiterhin zu besuchen. Sie hatten Angst um mich, dachten, ihr würdet mich in die Kriminalität ziehen.«

Nika schnaubte. »Nika«, sagte er und schob seine Hände in die Hosentaschen.

Verwirrt blinzelte Tom. »Was?«

»Du hast gesagt, du fandest es schade, dass du meinen Namen nicht erfahren hast. Ich heiße Nika.«

»Nika«, wiederholte Tom und streckte die Hand aus. »Schön dich kennenzulernen. Ich bin Tom.«

Nika zog rasch die Hand aus der Hosentasche und nahm Toms in seine. »Hallo Tom«, meinte er leise und fühlte Ehrfurcht in sich aufsteigen.

Der Junge, wenn auch lange namenlos, hatte ihm sehr viel bedeutet. All die Jahre war er für Tom wohl auch immer ›der Junge‹ gewesen. Nun endlich konnten sie miteinander sprechen, sich verständigen und einander mitteilen.

»Woher kamen du und deine Schwester?«, erkundigte Tom sich nach einem Moment des Schweigens. Neugierig starrte Tom ihn an, fast begierig, alles von ihm zu erfahren, was er damals nicht hatte fragen können.

»Afghanistan«, antwortete Nika. »Inzwischen habe ich einen deutschen Pass und ich habe mich gut eingelebt.«

»Wie geht es deiner Schwester?« Vergnügt funkelte Tom ihn an und grinste, so als wäre ihm etwas eingefallen. »Ärgert sie dich immer noch so? Ich musste dich ständig vor ihr beschützen.«

Auch Nika lachte. »Na, ganz so war es nicht. Habe nicht eher ich dich vor ihr beschützt? Svea geht es gut, lebt inzwischen mit ihrem Mann an der Nordsee und ist umgänglicher geworden, seit sie erwachsen ist.«

»Du wirkst zufrieden. Was machst du?«, hakte Tom nach. Obwohl Tom ihn nicht gebeten hatte, sich zu setzen, tat Nika nun genau das. Seine Beine zitterten, weil die Begegnung ihn aufwühlte.

Zunächst erzählte er, was er beruflich machte. Weil Tom einen interessierten Eindruck machte, redete Nika weiter und berichtete von seiner Frau Sarah und der bevorstehenden Geburt ihrer Tochter.

»Und wie geht es dir?«, fragte er, nachdem er geendet hatte.

Kurz zögerte Tom. »Meine Familie hast du vorhin ja schon recht intensiv auf dem Bild betrachtet. Drei Kinder, verheiratet. Ich bin arbeitssuchend. Deswegen der Flohmarkt. Unsere Tochter geht zur Kommunion und wünscht sich ein schönes Kleid. Vielleicht bekommen wir auf die Art genug Geld zusammen. Sie träumt von einem mit Spitze besetzten weißen Kleid.« Tom setzte sich ebenfalls. »Meine Kinder sollen nicht darunter leiden, dass ich keine richtige Arbeit finde. Ihnen soll es an nichts mangeln.«

Anerkennend nickte Nika.

»Meine Mutter hat immer gesagt, wenn ich mich zu oft ›bei denen herumtreibe‹, werde ich kriminell«, erzählte Tom weiter. »Also hat sie mir verboten, dich zu besuchen. ›Das ist eine ganz andere Mentalität, Tom‹, hat sie mir gesagt. Sie war nicht gegen Ausländer, aber sie wollte nichts mit ihnen zu tun haben.«

Nika lachte trocken auf.

»Das Klauen in der Schule haben mir schließlich deutsche Schüler gezeigt, die Drogen haben mir ebenfalls Deutsche verkauft.« Tom verdrehte die Augen. »Ich habe keinen Schulabschluss, bin viel zu früh Vater geworden. Für den Abstieg, den ich gemacht habe, schäme ich mich, weil ich genau weiß, dass einiges selbst verschuldet war. Aber ich bin stolz, dass ich mich wegen der Kinder gefangen und einen Entzug gemacht habe. Glücklicherweise hat meine Frau zu mir gehalten, was vermutlich nicht jede getan hätte. Es ist aber schwer, nach so einem Start ins Arbeitsleben zu kommen.« In Toms Stimme lag Wehmut.

Nika wurde traurig. »Verkauf das Mobile nicht«, rutschte es ihm heraus. »Ich glaube, deine Frau hat daran viele gute Erinnerungen. Und jetzt ist es vollständig.«

Tom hob eine Augenbraue. Nika starrte auf den Boden. Eine unangenehme Stille breitete sich aus.

Weil Nika es nicht mehr aushielt, brach er das Schweigen. »Hast du Lust, runter in den Biergarten zu gehen? Es ist schönes Wetter, die haben gutes Essen und wir können uns noch länger unterhalten.«

»Das hört sich wunderbar an.« Tom stand ruckartig auf. »Ich habe mir eben überlegt, ob ich Gummibärchen holen soll, aber ich glaube, dass wir aus dem Alter raus sind. Biergarten klingt gut.«

Ein (erster) kurzer Sommer

Impressum: Neuveröffentlichung in der erweiterten Neuauflage / Testlesende: Bettina Reitz, Sandra Pohlenz, Imke Brunn, Sabine Ernst, Markus Jehle

Zusammenfassung: Miro und Kira kennen sich nicht, als sie sich in einer Glasbläserei in Schweden über den Weg laufen. Doch Miro ist sofort von ihr fasziniert, und sie scheint sich nicht nur für sein Kunsthandwerk zu interessieren ...

Vorwort: Als ich mich dazu entschieden habe, eine Neuauflage der Anthologie zu wagen, wollte ich auch neuere Werke beisteuern. Damit ist die Kurzgeschichte »Ein kurzer Sommer« die einzige Kurzgeschichte, die ich ausschließlich für diese Anthologie geschrieben habe. Sie erzählt die Geschichte von Miro, einer Nebenfigur, die in einer geplanten zukünftigen Veröffentlichung mit dem Namen Ein langer Winter vorkommen wird. Dies ist der erste Teil der Kurzgeschichte. Die Fortsetzung findet Ihr später in der Anthologie.

Als Miro sie das erste Mal sah, fielen ihm sofort ihre blonden Haare auf. Sie hatte sie zu einem Pferdeschwanz oben am Hinterkopf zusammengebunden und trotzdem fielen sie glatt und glänzend den Rücken hinab bis weit unter die Schulterblätter. Davon abgesehen hielt er sie zunächst für eine recht durchschnittliche Touristin, die sich für die Kunst, die er herstellte, interessierte. Ihre Augen beobachteten genau jeden seiner Handgriffe, doch nach einer halben Stunde verließ sie die Halle mit raschen energischen Schritten. Ihr Zopf wippte währenddessen.

Doch schon am nächsten Tag war sie wieder da und setzte sich auf die Zuschauertribüne zu den anderen Leuten, die hier in Schweden vermutlich ihren Sommerurlaub verbrachten.

Es war heiß. Miro spürte, wie sich der Schweiß in seinem Nacken sammelte, auf seiner Stirn, unter den Achseln. Die beiden großen Brenner sorgten dafür, dass die Halle sich weiter aufheizte, und die kurzen Nächte schafften es nicht, die Temperaturen wieder nach unten zu regeln. Viele Gäste blieben nur wenige Minuten und verschwanden dann in der Cafeteria, wo sie sich mit Wasser versorgten und einen Teelichthalter aus Glas im Souvenirshop kauften, um zuhause etwas aufstellen zu können.

Allerdings blieb sie, als ob es am Ende einen Preis für hartnäckiges Warten geben würde. Wiederholt sah Miro zu ihr hinüber, während er die Glasmacherpfeife geschmeidig zwischen den Handflächen rollte, um das Hohlglas in die gewünschte Form zu bringen bevor es erkaltete und damit versteifte. Dann setzte er das eiserne Rohr an seine Lippen und bemerkte, dass sie sich gespannt aufrichtete.

Sobald die Weihnachtsbaumspitze schmal und lang und als solche erkennbar war, klopfte er sachte mit einem Holzstift gegen das Metall, um die Form vom Rohr zu lösen. Es zischte, als das noch warme Material in den Eimer mit kaltem Wasser eintauchte. Als Miro sich umdrehte, war die Unbekannte verschwunden.

Obwohl es albern war, war er am Tag darauf fast etwas enttäuscht, dass sie nicht kam. Er machte ein paar Späße mit den Kindern, die mit ihren Eltern gekommen waren, es im Gegensatz zu ihnen aber langweilig fanden, ihm zuzuschauen, und konzentrierte sich darauf, weiter seinen Weihnachtsschmuck herzustellen. Es war die Art von Glaskunst, die als Auftragsarbeiten von ihm undden anderen Glasbläsern fertig gestellt werden mussten, und die sich am einfachsten herstellen ließ, wenn sie Leute im Zuschauerraum hatten.

Als sich die Halle leerte und er mit seiner Kollegin alleine war, setzte er sich und betrachtete seine Notizen. Seit langem versuchte er sich an einem Kunstwerk, einer feinen Vase für eine einzelne Glasrose, deren Stiel in einem feinen spiralförmigen Glashals stehen sollte. Die Rose aus Glas, in Blau, weil er rote Rosen und ihre bedeutungsschwangere Botschaft nicht mochte, war bereits vollendet. Der zweite Teil, der spiralförmige Glashals, war ihm bei jedem Versuch bisher zerbrochen.

Bevor er sich aufrichtete, um es erneut zu versuchen, erschien sie. Ihm stockte der Atem, als er sie betrachtete, während sie an ihm vorbeilief. Die glatten Haare schwangen wie ein offener Schleier über ihre Schultern. Sie trug eine enge Jeans und ein weites Karohemd, das aussah, als wäre es für den heißen Sommertag zu warm. Sie bemerkte, dass er sie anstarrte, und lächelte, etwas schüchtern, aber freundlich.

Verlegen senkte Miro den Blick und seufzte. Er war noch nie der Typ gewesen, der sich schnell verliebte. Oft bemerkte er erst nach langer Zeit, dass er etwas für die andere Frau empfand. Bevor er genug Vertrauen aufgebaut hatte, um sich ihr zu öffnen, sowohl seelisch als auch körperlich, vergingen oft Wochen. Manchmal war es dann bereits zu spät, und die Frau war bereits weitergezogen, enttäuscht, dass er kein Interesse gezeigt hatte.

Es verging eine ganze Woche, in der die Besucherin bis auf einen Tag täglich gekommen war, um ihm bei der Arbeit zuzusehen, bevor sie das erste Mal miteinander redeten. Er machte eine Pause, als die Halle in der heißen Mittagszeit leer war, und saß selbst auf der Zuschauertribüne. Die Fersen drückte er gegen die Sitzfläche, die Beine eng am Körper angezogen. Seine Notizen hatte er auf den nackten hellen Knien abgelegt, die durch riesige Löcher seiner langen Jeans hervorblitzten.

»Genug Weihnachtsschmuck hergestellt?«

Miro hob den Kopf und musste schlucken, als er bemerkte, dass sie zu ihm hinabblickte. Ihre Sonnenbrille drehte sie zwischen den Fingern, als sie sich neben ihn setzte. Sofort bemerke er, wie angenehm sie roch, nach Minze und Vanille. Erfrischend in dieser stickigen Luft.

Er verlagerte sein Gewicht und schlug das Notizbuch zu. Leider wusste er nicht, was er sagen sollte. Normalerweise konnte er vor den Besuchenden der Glashütte seine Unsicherheit verbergen; konnte sich gut verstellen. Die Kinder liebten ihn, weil er witzig war, die Erwachsenen behandelten ihn voller Respekt und stellten ihm Fragen zu seinem Handwerk. Es fiel ihm leicht, einen selbstbewussten Eindruck zu machen, wenn er im Rücken einen heißen Brennerofen hatte oder ein Bläserrohr in den Händen hielt.

Nun aber schien es, als wäre all die Schüchternheit und das Gefühl von Schwäche, die er in Anwesenheit seines dominanten Vaters stets empfunden hatte, wieder da, obwohl er gehofft hatte, die Scheu und Hemmungen in Deutschland gelassen zu haben.

Die Frau musterte ihn einen Moment lang, dann schob sie ihre Brille in ihr Shirt. Sie sah ihn erneut an und ihm fiel auf, wie hell ihre Augen waren, grau, glitzernd, fast silbern.

Miro räusperte sich und sah nach vorne zu seinen Werkzeugen und den Resten seines letzten Versuchs, den Spiralhals seiner Vase herzustellen. Die Scherben hatte er notdürftig zusammengekehrt. »Ich war gerade an etwas anderem dran«, murmelte er. Jetzt wo er sie nicht mehr direkt ansah, fiel es ihm leichter, ihr zu antworten.

Er fragte sich, was sie hier machte. Nicht das erste Mal, aber es war das erste Mal, dass er sich wünschte, er würde sich trauen, die Frage laut auszusprechen. Wer kam schon jeden Tag in eine Glasbläserei, um gebannt dabei zuzusehen, wie reihenweise Baumschmuck gegossen wurde?

»Hat es was mit diesem gedrehten Eiszapfen zu tun?«, fragte sie.

Miro vergaß jede Unsicherheit und drehte sich empört zu ihr um. »Gedrehter Eiszapfen?«

Sie hob die Schulter und lachte leise.

Woher auch immer er seinen Mut nahm, aber er stand auf und winkte sie zu sich nach unten in den abgesperrten Bereich, der für eine Touristin wie sie eigentlich verboten war. »Ich versuche es schon seit Tagen«, sagte er leise und hielt ihr das Poster mit der großen Skizze seines geplanten Kunstwerks, hin. Er hatte es vorgestern erstellt, um herauszufinden, ob er andere Möglichkeiten hatte, seine Vorstellungen in die Tat umzusetzen.

»Die Rose ist bereits fertig, oder?« Sie tippte mit dem Zeigefinger auf die Zeichnung.

Miro nickte. »Ich habe keine Ahnung, wie ich das hinbekommen soll.« Sein Finger zeigte auf den Spiralhals der Vase, dann zog er den Papierbogen zu sich heran und rollte ihn ein. Er schob ihn auf den Tisch neben der Werkbank.

»So faszinierend«, sagte sie bewundernd.

Wieder wünschte er sich, er hätte den Mut, sie zu fragen, warum sie jeden Tag kam, aber stattdessen sah er ihr in die Augen und bemerkte, wie ein leichter Schauer über seinen Rücken lief, während er in sie hineinblickte.

Sie lächelte. »Kira«, sagte sie.

Miro blinzelte.

»Mein Name ist Kira«, sagte sie. Sie hob die Schultern und das Haar fiel durch die kurze Erschütterung nach vorne. »Das war wohl die Frage, die du mir stellen wolltest.« Sie schob die Haarsträhne nach hinten.

»Ach so.« Miro ging ein Schritt zurück und grinste. Dann nannte er ihren Namen.

»Du kommst nicht aus Schweden, oder?«, fragte sie.

Miro schüttelte den Kopf. »Aus Deutschland. Der Name kommt aus Osteuropa, aber ich bin vor vielen Jahren aus Deutschland hierher ausgewandert, um Glasbläser zu werden. Die Gegend hier ist bekannt für einige der besten Glasbläser der Welt.«

Kira hob die Augenbrauen. »Ich ebenso«, sagte sie und das erste Mal war ihre Stimme hoch und laut. Überraschung spiegelte sich in ihren Augen. »Ich meine der Teil mit Osteuropa und Deutschland. Nicht den mit der Glaskunst.«

Verblüfft sah Miro sie an.

»Ich habe auch einen großen Teil meiner Kindheit in Deutschland verbracht, aber meine Eltern kommen aus der Ukraine. Als meine Mutter meinen Stiefvater kennengelernt hat, sind wir nach Schweden gegangen und seit einigen Jahren lebe ich in Jönköpping.« Ihr Deutsch war stockend, als hätte sie es seit Ewigkeiten nicht mehr gesprochen.

»Also ein europäischer Mix so wie ich«, erwiderte Miro.

Ihr Lachen war hell und strahlend, wie es die Sonne an Mittsommer war. Als sie ihn an der Schulter berührte und viel Erfolg mit seiner Vase wünschte,kribbelte es in seinem Bauch. Er war verliebt. Es gefiel ihm nicht wirklich. Besonders weil sie in Jönköpping lebte, was weit weg war.

In der nächsten Woche besuchte Kira die Glashütte regelmäßig, manchmal nur für eine halbe Stunde, ab und zu für länger. Sie redeten fast jeden Tag ein bisschen. Über die Unterschiede zwischen der schwedischen und der deutschen Lebensweise, ihre Vorliebe für große Städte und seine bewusste Entscheidung in ein Land zu ziehen, wo er viel Natur um sich herum hatte, und natürlich über die Glaskunst.

Er wusste immer noch nicht, warum sie den Sommer hier im Süden Schwedens verbrachte, obwohl sie den Trubel in der Großstadt bevorzugte. Statt ihm den Grund ihres Aufenthalts zu erzählen, erzählte sie ihm von ihrer Familie, ihren Eltern und ihren zwei jüngeren Halbschwestern, ihrem Studium und ihren Hobbys, von denen eines das Wandern war, was ihm verriet, dass sie zumindest ein wenig ebenfalls die Natur mochte.

Wenn sie da war und zusammen mit den anderen Urlaubern zu ihm hinsah, fühlte er sich unsicher und spürte immer mehr, dass seine Gefühle überhandnahmen. Wie hatte er sich dermaßen heftig verlieben können, obwohl er sie noch gar nicht kannte? Obwohl er wusste, dass sie bald aus seinem Leben verschwinden würde. Ihr Leben war in Jönköpping, sie hatte dort eine riesige funktionierende Familie, ihr Studium und einen großen Freundeskreis.

Eines Tages, als er erneut an dem Versuch scheiterte, den Spiralhals der Vase zu blasen, schlug er den Metallstab gegen das Stuhlbein und sah zu, wie sein Versuch in tausende Scherben zerfiel. Ein Symbol für jede Beziehung, die er bisher eingegangen war, und die alle nacheinander zerbrochen waren.

Er ignorierte die Fragen seiner Kollegin und das Erstaunen der beiden Besucherinnen, die neben Kira auf der Tribüne saßen, und lief zu ihr. Er streckte die Hand aus und sie ergriff sie, als wäre es das selbstverständlichste der Welt. Ihre Hand zu halten ließ sein Herz heftig pochen und ein Kitzeln machte sich in seinem Magen bemerkbar. Als sie gemeinsam, Hand in Hand, die Halle verließen, schlich sich ein Lächeln auf Kiras Lippen, das mit Sicherheit schöner aussah, als sein dümmliches Grinsen.

Er führte sie zu einem abgelegenen Pfad, der zu einem See mitten im Wald führte, und von dem er sich etwas kühlende frische Luft versprach. Er musste seinen Geist ordnen, einen Moment lang seine Obsession zur Seite schieben,dieses Kunstwerk fertigstellen zu wollen. Und Kira stellte sich als willkommene Abwechselung heraus, denn während er ihre Hand hielt, verzog sich seine schlechte Laune.

»Ich habe es in der stickigen Halle nicht mehr ausgehalten«, meinte er, als sie endlich bei der Bank am See angekommen waren. Er ließ ihre Hand los und fühlte sich mit einem Male einsam, als hätte er sich bereits an den Körperkontakt viel zu sehr gewöhnt. Er setzte sich.

Zu seiner Enttäuschung setzte Kira sich nicht, stattdessen ging sie nach vorne zum See, legte ihre Hände an ihren unteren Rücken und streckte sich nach hinten, die Augen zum blauen, wolkenlosen Himmel gerichtet. So blieb sie einige Minuten stehen, Minuten, in denen Miro unruhiger wurde und begann, über sein Projekt nachzudenken. Dann wandte sie sich um, und ihr Gesicht war sorgenvoll verzogen, das strahlende Lächeln war verschwunden.

»Hey Miro«, sagte sie und setzte sich endlich zu ihm. Sie sah ihn so ernst an, dass sich die vorherige Nähe nicht einstellen konnte.

»Was ist?«, fragte er besorgt.

Sie senkte den Kopf und biss sich auf die Lippen, dann sah sie erneut auf und ihre grauen Augen richteten sich auf ihn, während sie sich unruhig in den Augenhöhlen bewegten. »Bevor wir weitermachen, müssen wir darüber reden. Ich ... muss nach Jönköpping zurück.«

»Ja«, sagte er. Er nickte. Dessen war er sich bewusst, schon immer bewusst gewesen, seit er sie etwas näher kannte. Er hatte sich mit diesem Bewusstsein in sie verliebt. »Ich weiß«, fügte er hinzu. Er hatte es längst akzeptiert und viel zu schnell als selbstverständlich hingenommen. So war es eben mit ihm. Keine Beziehung hielt ewig. Weder eine Romanze noch eine andere Art von zwischenmenschlicher Beziehung. Manche länger, manche, wie die zu Kira, eben verdammt kurz. Aber jede fand irgendwann ein Ende.

»Und das ist okay?« Kira sog scharf die Luft ein.

»Es war mir von Anfang an klar«, meinte er und ergriff erneut ihre Hand. Er ertrug den traurigen Anblick in ihren Augen kaum, aber als er mit dem Daumen ihren Handrücken streichelte, verschwand er ein wenig.

Sie küssten sich, zunächst zaghaft, sanft, dann presste Kira ihre Stirn gegen seine und atmete tief ein. Ihr Geruch nach Minze und dem Hauch von Vanille hüllte ihn ein, und als sie das nächste Mal ihre Lippen auf seine legte, teilte erdiese sanft mit seiner Zunge. Er wartete ab, aber Kiras Zunge hieß ihn willkommen, kam seiner entgegen.

In den nächsten Tagen, bevor Kira abreisen musste, trafen sie sich nur noch selten in der stickigen Halle. Auch wenn Miro es vermisste, sie im Zuschauerraum zu wissen, genoss er die Zeit mit ihr draußen in der Natur. Es war eine Gemeinsamkeit, die sie teilten. Sie gingen spazieren, zählten die Rehe, die ihnen begegneten, und manchmal saßen sie am Fluss, die nackten Füße ins kühle Wasser getaucht.

Und dann eines Tages lud Miro sie zu sich nach Hause ein und sie schliefen miteinander. Alles schien zu passen, lediglich die Tatsache, dass sie bald getrennte Wege gehen mussten, hing schwer zwischen ihnen. Als sie nackt nebeneinander im Bett lagen, traute er sich, sie zu fragen, warum sie eigentlich zu ihm in die Glashütte gekommen war. Sie antwortete ihm, während Ihre Hände ineinander verschränkt und die Augen aufeinander gerichtet waren, als könnten sie so eine Verbindung verstärken, die bereits von Anfang an dazu bestimmt war, zu reißen. Sie erzählte ihm von der Mutter ihres Stiefvaters, die hier Künstlerin gewesen war, lange bevor Miro aus Deutschland gekommen war. Sie hatte Bilder im Haus ihres Großvaters gefunden und sich dafür interessiert, was die Frau hergestellt hatte. Als sie ihren Namen nannte, riss Miro die Augen auf. Ida Britt Anderson war der Grund gewesen, warum er sich für diese Glasbläserei entschieden hatte, als er für eine Ausbildung anfragte. Sie war bekannt in der Glasbläserszene und er war von Anfang an von ihren Werken begeistert gewesen. Leider verstarb sie bereits in dem Jahr, in dem er nach Schweden ausgewandert war und deswegen hatte er sie nie dabei beobachten können, wie sie Glas formte.

Am nächsten Tag zeigte er Kira die Ausstellungsecke ganz hinten rechts des Cafés, wo sich Besuchende stärken konnten, und wo gleichzeitig die schönsten Kunstwerke von Mitarbeitenden ausgestellt waren. Unverkäufliche Glanzstücke, auf die alle besonders stolz waren. Eine Sammlung, zu der Miro noch nie etwas hatte beitragen können, weil sein Können und Talent lange nicht an das von Kiras Oma heranreichte.

Er zeigte ihr den Obstteller in der Vitrine und dann auf die filigranen Fabelwesen, die auf einer bunten Platte angeordnet waren. Beides war von IdaBritt geblasen worden, mit einer Feinheit, die ihn jedes Mal, wenn er sie betrachtete, erschütterte.

Kira berührte das Glas der Vitrine und nickte andächtig. Es schnürte ihm den Hals zu, denn er wusste, dass sie soeben ein Ziel erreicht hatte und dass es nun nichts mehr gab, was sie davon abhalten konnte, ihn zu verlassen.

Den Abend verbrachten sie in der Fabrik, denn Miro hatte eine neue Idee für sein Kunstwerk und dazu brauchte er ihre Hilfe. Es kam ihm passend vor, dass die Enkelin von seinem großen Idol ihm dabei behilflich war. Es war streng verboten, Touristen in die Nähe des heißen Brenners zu lassen, aber Miro setzte sich über diese Regel hinweg.

Er zeigte Kira, wie sie den Metallstab drehen musste, um die Spiralform in das flüssige Glas zu bekommen, während er hinter ihr stand und sachte blies. Doch so wie er es sich in seiner romantischen Vorstellung ausgemalt hatte, sah das Glas nicht aus. Sie hatten nur wenige Minuten, um es in Form zu bringen, bevor es auskühlte und zu zäh war, um die feinen Spiralen hineinzudrehen.

»Ich glaube, wir müssen es anders machen«, murmelte er. Er hatte die Erfahrung, er musste derjenige sein, der das Blasrohr in seinen Händen tanzen ließ. Sie musste blasen.

Es kam auf einen Versuch an, fand er. Er ging zum Brenner und schnappte sich mit dem Blasrohr etwas geschmolzenes Glas, und während er Kira aufforderte, hineinzublasen, stand er hinter ihr, die Hände auf ihren Schultern gelegt, seine Wange gegen ihre gepresst. Er wollte sie umarmen, sie fest an sich drücken. Sie bitten, nicht zu gehen. Aber er wollte sie nicht unter Druck setzen, außerdem konnte er ihr nicht im Weg stehen. Sie musste in ihr altes Leben zurück zu ihrem Studium. Zu ihrer Familie.

Sie übten es eine Weile, bevor Kira tief durchatmete und meinte, sie würde es versuchen. Sie stieg auf einen Tritt, während Miro in die Hocke ging und die Neigung musterte, den das Blasrohr hatte, wenn sie von oben hineinblies. Er musste die Schwerkraft nutzen und das hätte er ohne ihre Hilfe nie geschafft. Aber ohne Schwerkraft würde er das Metall nicht schnell genug drehen können.

Sie versuchten es. Und es gelang ihnen beim ersten Versuch. Die Spiralform war perfekt, genauso wie er es sich vorgestellt hatte. Er verstaute den Vasenhals zum Abkühlen, dann trat er mit klopfendem Herzen zu Kira und halfihr, den Tritt hinunterzukommen. Ihre Wangen waren gerötet, die Lippen zu einem ihrer wunderschönsten Lächeln geformt. Sie sah so hübsch aus. So verdammt schön. Und er wollte nicht, dass sie ging. Aber er sagte nichts, als er sie in den Arm nahm und stürmisch küsste.

Sie schliefen miteinander im Pausenraum, der für ihn und die anderen Künstler und Künstlerinnen bestimmt war. Er lag auf dem Rücken, sie über ihm und sie sahen einander währenddessen die ganze Zeit in die Augen.

Am nächsten Morgen erwachte Miro mit einem unruhigen Gefühl in der Magengegend. Kira war verschwunden. Und kurz dachte er, sie wäre gegangen, ohne dass sie sich verabschiedet hätte. So wie es üblich in seiner Familie war. Doch sie war noch da, stand vor den Kunstwerken ihrer Großmutter, nackt, lediglich mit einer Bettdecke umhüllt, als wüsste sie, dass am heutigen Tag die Glashütte geschlossen blieb und niemand sie sehen konnte.

Sie wussten beide, dass sie heute noch den Zug nach Jönköpping nehmen musste. Dringende Familienangelegenheiten sagte sie und senkte den Blick. Er massierte ihre Schultern, küsste ihren Nacken und nickte verständnisvoll, auch wenn er innerlich fast in so viele Stücke zerbrach wie Glas, das auf den Boden der Tatsachen aufkam.

Nachdem Kira verschwunden war, reichte Miro ein paar Tage Urlaub ein. Er brauchte die Zeit für sich, um seinen Liebeskummer irgendwie in den Griff zu bekommen. Dafür ging er an die Orte, die er ihr gezeigt hatte. Der See, die verschlungenen Pfade im dichten Wald, der kühle Fluss und die Bänke, auf denen sie gesessen hatten.

Nachdem er sich bereit fühlte, wieder zu arbeiten, fühlte er sich besser. Nicht gut, aber besser. Es war nicht das erste Mal, dass jemand aus seinem Leben verschwand, den er geliebt hatte. Und sehr vermisste. Er würde darüber hinwegkommen, so wie er immer drüber hinweggekommen war.

Er stellte seinen Weihnachtsschmuck her, unterhielt sich mit zwei Besucherinnen und beantwortete die neugierigen Fragen von zwei kleinen Jungen, die sich mehr für Bagger als für die Kunst des Glasblasens interessierten. Am Abend, als alle Touristen verschwunden waren, machte er Musik an und beendete seine Vase. Den Fuß, der schlicht werden sollte und das Blau der Rose widerspiegelte, und das breitere Oberteil der Vase, in das er nach einigen Versuchen ein Muster drehen konnte, das den Spiralen, die er mit Kiragemeinsam geschafft hatte, zwar nicht ansatzweise Konkurrenz machen konnten, welches aber gut dazu passte.

Am nächsten Abend setzte er die Teile zusammen. Den Fuß, den Hauptteil, den kunstvollen Spiralhals und am Ende die Glasrose, die er vorsichtig hineinsteckte. Er zeigte seiner Chefin das Kunstwerk, innerlich zufrieden darüber, was er geschaffen hatte. Sie war begeistert, und bereits eine Woche später wurde in der Vitrine Platz geschaffen für seine Rose. Es war das erste Mal, dass er die Ehre hatte, dort ausgestellt zu werden. Dass sein Kunstwerk dort stand, gemeinsam mit denen von Kiras Oma und allen anderen Vorbildern, die er so sehr schätzte, war ihm eine große Ehre.

Er bedauerte, dass er Kiras Handynummer nicht hatte. Er hätte ihr gerne ein Bild von der Vitrine geschickt. Er betrachtete die Vase mit dem Spiralhals noch einen Moment lang, dann wischte er sich die Tränen aus den Augenwinkeln, die sich wegen einer Mischung aus Trauer, Triumph und Dankbarkeit gebildet hatten. Zufrieden verließ er die Glashütte, um Feierabend zu machen.

Narben

Impressum: Veröffentlichung in der ursprünglichen Auflage / Lektorat & Korrektorat: Lisa Lamp / Testleser*innen: Magdalena Chwastek-Puczkowska, Esther Guretzke

Zusammenfassung: Bobby hängt lieber mit seinen Kumpels ab, als Zeit mit seiner Frau zu verbringen, obwohl er sich nicht wirklich für seine Freunde interessiert und stets an der Oberfläche bleibt. Bis er eine Frau trifft, die ebenfalls ein Problem damit hat, Nähe zuzulassen. Ihr kann er plötzlich ganz nah kommen.

Vorwort: Viele von Euch kennen die Figur Bobby. Sie ist eine Randfigur in der »Umdrehungen-Trilogie«. Hier in dieser Geschichte trifft Bobby auf Lena, deren weitere Geschichte in »Tango in der Dunkelheit« erzählt wird. All meine Geschichten sind miteinander verwoben, genauso wie auch wir miteinander verknüpft sind. Manchmal begegnet uns ein Mensch, eine einmalige, zunächst unwichtig wirkende Begegnung, die aber unser Leben dennoch maßgeblich verändern kann. Lena und Bobby treffen sich und beeinflussen dadurch sowohl die Ereignisse in »Umdrehungen« als auch in »Tango in der Dunkelheit«. Beide Romane müssen nicht vorher gelesen werden. Ach ja, und möglicherweise findet ihr auch eine Verbindung zu einer Kurzgeschichte in dieser Anthologie. Hat was mit Zauberwürfel zu tun ;)

Es ist fünf Jahre her. Genau auf den Tag. Während er mit seinem Finger über ihre Haut streicht, fragt er sich, ob es ihr bewusst ist, doch er will sie nicht fragen. Vielleicht bringt er sie durch seine Frage erst dazu, daran zu denken. Also schweigt er und versucht sich auf ihre weiche Haut zu konzentrieren.

Langsam fährt er mit seinem Finger über ein kleines Muttermal am Oberarm und lehnt sich ein wenig nach vorne, um es fasziniert zu mustern. Als er gegen ihre Haut atmet, stellen die Härchen sich ein klein wenig auf und sie glänzen im Feuerschein des Kamins. Behutsam lässt er seinen Finger weiter gleiten.

Fasziniert beobachtet er, dass sie den Kopf zur Seite kippt, als er seine Hand auf ihren Hals legt. Es ist ein Zeichen ihres Vertrauens, dass sie es zulässt, dass er sie hier berührt. Hier, wo die Haut empfindlich ist, und wo ein zu fester Griff ihr Tod bedeutet hätte.

Erneut denkt er an die Vergangenheit. Daran, wie schwer es gewesen war, ihr Vertrauen wieder zu gewinnen. Und daran, welches Wunder es ist, dass es ihm überhaupt gelungen war. Ihm ist bewusst, dass es nicht viele Frauen wie sie gibt, die das aushalten würden. Als er sich daran erinnert, wie stark sie ist, schaudert er leicht. Weil sie nie aufgegeben hat, weil sie nie aufgehört hat, ihn zu lieben. Er hofft bis heute, dass er es verdient hat, dass er sich als würdig erwiesen hat, an ihrer Seite bleiben zu dürfen.

Ihr Atem geht heftig und schnell, weil sie erregt ist. Natürlich. Inzwischen weiß er, was ihr gefällt und was nicht.

Wenn er seine Hand auf ihren Bauch legt, kann er fühlen, wie er sich hebt und wieder senkt. Schnell und befreit. Weil sie ihm vertraut – weil sie ihn liebt. Voller Bewunderung streicht er über die glatte Haut, führt die Hand unter ihr Shirt und lässt seine Finger über ihren Oberkörper gleiten. Er berührt sanft ihre Brust mit nur einem Finger. Ein sinnliches Seufzen entfährt ihr.

Ihr Körper ist ein Paradies für seine Hände, seine Finger und auch für seinen Mund. Die Gedanken an die Vergangenheit verblassen etwas, als er sich vorbeugt und die kleine Erhebung am Schlüsselbein mit den Lippen umschließt. Als er seine Zunge heraus schnellen lässt und diese empfindliche Stelle anstupst, stöhnt sie. Laut und entspannt.

So schön. So erotisch. So erregend.

Und doch kann es ihn nicht ablenken. Nicht heute. Nicht jetzt. Egal, wie sehr er es auch versucht.

Gerade als er seine Hand nach unten führen will, um sie dort zu berühren, wo er ihre Muskeln zum Beben bringen kann, fällt sein Blick auf ihre linke Hand. Der Ehering, den sie schon so viele Jahre trägt, und in den in der Innenseite seinen Namen und das Datum ihrer Hochzeit geprägt wurde. Zehn Jahre sind sie verheiratet. Viele schöne Momente strömen auf ihn ein, kostbare Erinnerungen, wunderbare Augenblicke, und doch liegt ein Schatten auf ihnen. Und das ist seine Schuld.

Nein, heute kann er nicht vergessen. Egal, wie sehr er es auch versucht. Nicht heute. Nicht, wenn heute der Tag ist, an dem es sich jährt. Zwar schon zum fünften Mal, aber fünf Jahre sind manchmal nicht genug. Schatten bleiben ewig. Erinnerungen bleiben ewig. Narben bleiben ewig.

*