Umwege mit Viola - Sonja Bethke-Jehle - E-Book

Umwege mit Viola E-Book

Sonja Bethke-Jehle

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Beschreibung

Zwischen Sehnsucht und Selbstfindung - ein Roadtrip der besonderen Art. Viola will noch nicht zurück - nicht jetzt, nicht so. Zusammen mit ihrer Freundin Isa reist sie durch Europa, auf der Suche nach Freiheit und vielleicht auch nach sich selbst. Als sie auf eine Gruppe Fremder trifft, ahnt sie nicht, dass sie bald mehr verbinden wird als nur die Straße. Gemeinsam mit Joris, Hannah und Fiefie beginnt eine Reise entlang der schwedischen Schären, durch Finnlands unberührte Natur - und verborgene Gefühle. Geheimnisse brodeln unter der Oberfläche, Blicke sprechen Bände, und niemand ist ganz ehrlich - am allerwenigsten Viola selbst. Während das Geld knapp wird und der Heimweg näher rückt, stellt sich eine Frage: Wann ist es Zeit, nach Hause zu gehen? Oder ist Heimat vielleicht dort, wo man endlich ganz man selbst sein darf? Ein emotionaler Roadtrip durch die atemberaubenden Landschaften Skandinaviens - auf der Suche nach Glück, Freiheit und dem eigenen Platz im Leben.

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Seitenzahl: 420

Veröffentlichungsjahr: 2025

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In Erinnerung an Hilde.

Du warst stolz auf mich. Ich habe Dich bewundert.

Ich vermisse Dich.

Sonja Bethke-Jehle wurde 1984 im Odenwald geboren und studierte in Mannheim Wirtschaftsinformatik. Heute lebt sie an der Bergstraße. Das Lesen und Schreiben ist seit der Kindheit ihre große Leidenschaft. Dabei rückt sie vor allem Menschen in den Vordergrund, die Grenzen überwinden, gegen Ungerechtigkeit kämpfen oder Herausforderungen bestehen müssen und dabei über sich selbst hinauswachsen.

Seit 2015 ist sie überzeugte Selbstpublisherin und hat seitdem 9 Romane veröffentlicht.

Wenn sie nicht gerade schreibt, arbeitet sie ehrenamtlich in einer Bücherei, hilft bei der Ausleihe oder jagt während ihrer Joggingrunden nach neuen „Plot-Bunnys“.

Weitere Informationen findet Ihr auf: www.sonja-bethke-jehle.de

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Bildbeschreibung des Covers

Umwege mit Viola

Nachwort

Ich danke ...

Vorwort

Nachdem ich Umwege mit Joris und Umwege mit Alex beendet hatte, war mir klar, dass die nächste Figur, die ich in den Mittelpunkt stellen wollte, eine Frau sein musste. Und auch das Thema war mir klar, um der Trilogie ein sauberes Ende zu geben.

So erweckte ich Viola zum Leben.

Es begann mit Joris, der dringend wegwollte, unklar, wie es weitergehen sollte, und ging mit Alex weiter, der kurz aus seinem Leben aussteigen musste, um danach zurückzukehren. Viola sollte jemand sein, die losgezogen war, mit dem klaren Ziel, wieder heimzukehren. Es erschien mir wie das logische Ende einer Trilogie, die von Umwegen handelte.

Warum Viola die Rückkehr so fürchtet, findet ihr gemeinsam mit den Nebenfiguren unterwegs heraus. Dabei wünsche ich Euch viel Spaß.

Auch die anderen Figuren beschäftigt die Heimkehr sehr. Ich rückte dieses Mal besonders Hannah und Fiefie in den Mittelpunkt. Joris, Alex und Fabio, die die Vorgängerbände dominierten, sollten zu Beginn nicht die Handlung maßgeblich beeinflussen. Am Ende hoffe ich, dass ich für alle ein vernünftiges Ende gefunden habe, denn die Trilogie ist nun abgeschlossen.

Allerdings habe ich eine Alex-Dilogie geschrieben, die sich gerade im Lektorat befindet. Diese Dilogie findet parallel zu diesem Buch statt, und es wird Überschneidungen geben.

Was die Route betrifft, wandelte ich endgültig auf unbekannten Pfaden. Viele Orte aus Umwege mit Joris und Umwege mit Alex sind mir gut bekannt. Ich war zweimal in Schweden, einmal in Norwegen und bin durch Dänemark gefahren. Finnland habe ich nie besucht, also behalf ich mich mit virtuellen Spaziergängen per Google Maps, wo ich auf den Spuren von Viola wandelte.

Ich hoffe, Euch gefällt der abschließende Teil der Trilogie genauso wie es mir Spaß gemacht, ihn zu schreiben.

Viel Spaß wünsche ich Euch, Sonja

Bildbeschreibung des Covers

Im Vordergrund des Covers seht Ihr eine Frau von hinten, die eine karierte Bluse in Gelb- und Brauntönen trägt. Sie hat einen beigen Rucksack mit braunen Lederriemen auf dem Rücken und einen beigefarbenen Hut mit einer schwarzen Krempe auf dem Kopf. Ihr Blick scheint in die Ferne zu gehen, über eine ruhige, von Felsen umrahmte Wasserlandschaft. Die Felsen schimmern golden im Licht der tiefstehenden Sonne, was eine warme und zugleich melancholische Atmosphäre erzeugt.

Der Himmel ist weit und leicht bewölkt, in sanften Blau- und Weißtönen, was die Weite der Landschaft unterstreicht. Die Vegetation am Ufer wirkt frostig und rau, was auf eine kühle Jahreszeit schließen lässt. Der Schriftzug „Umwege mit Viola“ ist in großen, handgeschriebenen Buchstaben oben auf dem Bild platziert, wobei „Viola“ eine weichere, verspieltere Schriftart hat. Am unteren Rand des Covers steht der Name der Autorin, Sonja Bethke-Jehle, in einer eleganten Handschrift.

Die Stimmung des Covers vermittelt Sehnsucht, Abenteuerlust und gleichzeitig eine ruhige, reflektierende Energie, die auf eine persönliche Reise hinweist.

Umwege mit Viola

Womöglich sollten sie akzeptieren, dass ihre gemeinsame Reise nun ein Ende hatte. Sie waren in Dänemark auf dem Weg in den Norden gestrandet und hockten auf der Autobahnraststätte neben ihrem kaputten Wohnmobil auf dem Bordstein, und keine von ihnen wagte es, diese Möglichkeit zuerst zu thematisieren. Viola wusste, dass Isa das selbe dachte wie sie. Aussprechen wollte es allerdings niemand.

Fast neun Monate waren sie durch Europa gereist und hatten eine unglaubliche Zeit miteinander verbracht. Durch Osteuropa Richtung Süden bis nach Griechenland waren sie gefahren, dann an der Adria entlang bis Italien und Frankreich und anschließend auf der Atlantikseite wieder Richtung Deutschland. Ihr Plan war, die letzten drei Monate in Skandinavien zu verbringen. Vielleicht war es okay, dass ausgerechnet jetzt das Wohnmobil kaputt gegangen war, vielleicht war es einfach Zeit heimzugehen. Erwachsen zu werden. Ein neues Leben zu beginnen. In Violas Fall würde es sogar ein kompletter Neustart werden. Obwohl sie sich darauf freute, machte ihr der Schritt Angst. Mehr Angst, als sie erwartet hatte.

»Was denkst du?«, fragte Isa. Ihr Kopf war nach vorne geneigt, beide Hände in den Haaren versenkt. Als sie den Kopf hob, standen ihr die hellbraunen kurzen Haare wirr vom Kopf ab. Ihre grauen Augen sahen verzweifelt aus.

Viola seufzte. Sie legte die Hand auf die Schulter ihrer Freundin. Sie verstand Isa so gut, aber sie wusste genauso wenig, wie sie mit dem abrupten Abbruch ihrer Reise umgehen sollte. Doch was blieb ihnen anderes übrig? Die Reparatur des Wohnmobils überstieg die eisernen Reserven, die sie hatten. Ihre Eltern um Kohle zu bitten, kam auf gar keinen Fall infrage. Dafür hatten sie sich schon zu viel Geld geliehen, damit sie sich das Wohnmobil überhaupt hatten leisten können. Die Abmachung war klar: Sie mussten mit dem Geld, das sie von ihren Eltern erhalten und während ihres Studiums in ihren Nebenjobs angespart hatten, zurechtkommen. Um ihr finanzielles Polster aufzustocken, hatten sie sich hier und da für einige Wochen mit Nebenjobs Geld dazu verdient. Sie hatten genug, um weitere drei Monate zu reisen, aber unter keinen Umständen war eine teure Reparatur oder das Übernachten in Ferienwohnungen drin.

Sie könnten in Dänemark bleiben und jobben, in dem Fall würde die Zeit knapp werden, und sie konnten sich die Weiterfahrt nach Schweden nicht mehr leisten. Spätestens im Spätherbst mussten sie zu Hause sein. Das hatte Isa ihrer Mutter versprochen, die dann ihren 60. Geburtstag feiern wollte.

Viola musste lächeln, als sie daran dachte, wie sehr sich alle darauf freuten, wenn sie endlich zu Hause waren. Ihre Eltern freuten sich, und ihr älterer Bruder vermisste sie. Isas Familie ging es ähnlich. Die Entscheidung, früher als geplant heimzufahren, sollte ihnen eigentlich nicht so schwerfallen.

Eigentlich …

»Warum lachst du?«, fragte Isa.

Der Gedanke, plötzlich nicht mehr im Wohnmobil neben Isa zu schlafen, war beunruhigend. Sie hatten sich mittlerweile so daran gewöhnt, Tag und Nacht aufeinander zu hängen. Viola sah Isa an und hob die Schultern. Nein, sie wollte nicht schon jetzt zurückkehren. Aber was blieb ihnen für eine Wahl?

»Lass uns den Schrotthaufen verkaufen und mit dem Zug Richtung Heimat fahren. Wir können zum Abschied ein paar Nächte in Dänemark verbringen«, sagte Isa, und ihre Stirn runzelte sich, als sie zu dem Wohnmobil sah.

Viola schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht. Die Abmachung war gewesen, sich ein Jahr Zeit zu lassen. Sie war nicht bereit. Doch es nützte nichts. Es gab keine Option. Und sie war froh, dass Isa es ausgesprochen hatte. Sie stand auf.

»Ich frag den Typen da vorne in der Werkstatt, ob er jemanden kennt, der die Karre kaufen will«, meinte sie und streckte die Hand aus, um ihre Freundin hochzuziehen. Isa ließ sich aufhelfen. Viola legte ihr den Arm über die Schultern, mehr um sich selbst zu trösten, als Trost für Isa zu spenden. Sie hörte, dass Isa etwas murmelte. Viola hatte nicht genug Kraft, zu fragen, was sie ihr sagen wollte. Zu sehr war sie damit beschäftigt, sich an die Idee zu gewöhnen, dass sie tatsächlich in wenigen Tagen zu Hause sein würde.

Und dort würde das Gaffen losgehen. Und die Fragen. Und das hartnäckige Nachbohren. Und das Drängen ihrer Eltern, sich zu bewerben. Viola schloss erschöpft die Augen.

»Ihr seht ja nicht gerade happy aus.« Viola blieb vor der großen, schlanken Frau stehen, die sie und Isa neugierig musterte.

»Was ist los?«, fragte die Fremde und gestikulierte fragend mit ihrem Lolli, der genauso blau wie ihre Haare war. Sie sah Viola und Isa neugierig an.

Viola hatte wenig Lust, mit Unbeteiligten zu sprechen, aber die Frau sah nett aus, und dem Kleidungsstil nach zu urteilen war sie wie sie unterwegs auf der Straße. Sie hatten während ihrer Reise viele Menschen getroffen. Aussteiger, Punks, Hippies, kaputte Existenzen, Lebenskünstler und Sonderlinge, die sich nicht in die Gesellschaft eingliedern konnten. Oder wollten. Egal, wie unterschiedlich die Menschen waren, viele von ihnen hatten eine Gemeinsamkeit, und zwar den Drang, ihre Andersartigkeit durch irgendetwas nach außen zu tragen. Diese Frau verwendete dafür die Farbe ihrer Haare. Im Gegensatz zu Viola, die sich stets nach Gewöhnlichkeit gesehnt hatte. Unsichtbar bleiben wollte, in der Masse untergehen. Sie bewunderte Menschen, die alles dafür taten, um aufzufallen.

»Unsere Kiste hat den Geist aufgegeben, und wir können uns die Reparatur nicht leisten«, erläuterte Viola den Schlamassel, in dem Isa und sie steckten.

»Willst du sie kaufen?«, warf Isa ein.

Die Frau drehte ihren Kopf und starrte zu dem Wohnmobil, auf das Isa zeigte.

Viola hoffte, dass die Frau verneinte. Der Gedanke, das Wohnmobil so schnell loszuwerden, weckte in ihr das Verlangen, innerlich loszubrüllen. Das war ihr Zuhause für die letzten Monate gewesen. Ein Zuhause, in dem sie sich endlich wohlgefühlt hatte.

Als die Frau den Kopf schüttelte, atmete Viola erleichtert aus.

»Wir haben schon ein Wohnmobil und einen Camper«, meinte die Frau. »Also mehr Platz als nötig. Kein Bedarf.«

»Okay«, sagte Viola und zog an Isas Arm.

Doch Isa blieb hartnäckig vor der Frau stehen. »Wieso mehr Platz als nötig? Wie viele seid ihr denn?«

»Zu sechst«, antwortete die Frau. »Ich bin Charlie.«

»Charlie?«, fragte Viola und trat einen Schritt zurück, um sich die Frau näher anzusehen.

Charlie nickte und steckte sich den Lolli in den Mund. »Ja. Charlie. Warum?«

»Nur so.« Viola schüttelte den Kopf über ihre eigene Dummheit. Charlie war sicherlich die Abkürzung von Charlotte und nicht ausschließlich ein Männername.

»Ich bin Isa, das ist Viola«, stellte Isa sie vor und hob die Hand, um zu winken.

»Wohin wolltet ihr fahren?«, fragte Charlie.

Viola zögerte. »Zurück nach Hause«, sagte sie.

Isa hob die Schultern und ergänzte: »Leider.«

»Weil euer Wohnmobil nicht mehr läuft?«, fragte Charlie.

Isa nickte. »Genau.«

Zwei weitere Personen kamen auf sie zu. Eine kleinere Frau mit bunt gefärbten Haaren, einem Nasenpiercing und von der Sonne gebräunter Haut und ein riesiger Typ mit einer abgrundtief schrecklichen Frisur, sehr dunkler Haut und lauter Ringen, überall im Gesicht verteilt. »Die Zwei suchen eine Mitfahrgelegenheit«, sagte Charlie zu dem Riesen und der Frau.

»Nein, das ist ein Missverständnis. Wir fahren jetzt heim«, korrigierte Viola und runzelte die Stirn. Sie sah zu Isa und erschrak bei ihrem Anblick. Ihre Freundin lächelte das absonderliche Trio an, und ihre Augen strahlten dabei so hell, dass sie nicht grau, sondern fast silbern wirkten. Viola schüttelte den Kopf. Sie konnten doch unmöglich ihr altes Wohnmobil einfach hier stehen lassen und bei Fremden mitfahren. Das musste Viola klarstellen. »Wenn ihr unser Wohnmobil nicht kaufen wollt, dann kommen wir nicht ins Geschäft«, betonte Viola.

»Das sind Steffi und Fiefie«, sagte Charlie träge. »Wir suchen zufälligerweise noch zwei Leute.«

»Wir sind eine nette Gruppe«, warf die Frau mit den bunten Haaren ein. Vermutlich war sie Steffi, und der andere Kerl hieß somit Fiefie, was auch immer das für ein Name war. »Wenn ihr in den Norden …«

»Seid ihr ein Paar?«, fragte Fiefie und unterbrach damit seine Freundin. Er war ungewöhnlich hager und starrte sie misstrauisch an, als er Steffi zur Seite schob und einen Schritt nach vorne trat.

Viola runzelte die Stirn. Das wurden sie ständig gefragt. Sie kapierte nicht, warum sie ständig in der LGBT-Community verortet wurden. War es, weil sie zu zweit unterwegs waren? Es störte sie, wenn sie ehrlich war. Mehr, als sie es wahrhaben wollte. Außerdem fand sie, dass die Frage sehr persönlich war.

»Was ist mit euch? Seid ihr ein … Throuple?«, fragte sie spitz.

Der Typ runzelte die Stirn. Dann sah er zunächst zu Charlie, anschließend zu Steffi und lachte laut. Er wurde schnell wieder ernst. »Ich nehme euch nicht mit, wenn ihr fest zusammen seid oder bald was miteinander anfangt.«

Viola musterte ihn argwöhnisch. Homophobie war unter Trampern in der Regel nicht besonders weit verbreitet. Sie wollte zwar unbedingt vermeiden, dass man sie für lesbisch hielt, aber gleichzeitig wollte sie nichts mit Menschen zu tun haben, die mit der LGBT-Bewegung ein Problem hatten.

»Ach komm, so schlimm wäre das nicht«, beschwerte sich Steffi. »Schau sie dir an, sie sind doch süß zusammen.«

»Wir hatten genug Theater in den letzten zwei Jahren, was diese Liebeleien angeht. Ich habe keine Lust auf Beziehungsstress«, betonte Fiefie und sah sowohl Charlie als auch Steffi mit hochgezogenen Augenbrauen an.

Verstanden die komischen Sonderlinge nicht, dass sie überhaupt nicht mitfahren wollten?

Viola wollte gerade den Mund öffnen, als Isa nach vorne trat. »Wenn ihr zwei Plätze frei habt und in den Norden wollt, sind wir an Bord.«

Viola verschränkte die Arme vor die Brust. Doch Isa wirkte so fröhlich, als sie sich vorbeugte und sich Fiefie und Steffi vorstellte, dass Viola auf einmal lächeln musste. Es war noch nicht vorbei. Isa und sie würden ihre Reise fortsetzen können. Sie hoffte nur, dass die Leute, denen sie sich anschließen wollten, nett waren. Der erste Eindruck war nicht sehr erfreulich gewesen, sondern eher ziemlich merkwürdig.

*

»Was hast du dir dabei gedacht?«, raunte Viola ihrer Freundin zu.

Der Typ, der sich ihr Wohnmobil angesehen hatte, erklärte sich bereit, ihnen das Fahrzeug abzukaufen. Während Viola die Tränen in die Augen traten, als der Händler ihnen ein Angebot unterbreitete, wirkte Isa, als sei sie sehr glücklich, es loszuwerden. Viola war weder damit einverstanden, sich überstürzt der fremden Gruppe anzuschließen, noch das Wohnmobil, in dem sie die letzten 9 Monate gelebt hatten, so lieblos an den Erstbesten zu verkaufen.

»Das ist unsere Chance, um weiterzureisen«, flüsterte Isa ihr zu. »Ich habe ein gutes Gefühl. Vertrau mir.«

Viola presste ihre Lippen aufeinander. Sie war überfordert bei diesen vielen Entscheidungen.

Der Händler missinterpretierte ihr Zögern und betonte hastig, dass er noch etwas drauflegen würde. Alles in allem genug Geld, um sich die nächsten drei Monate locker über Wasser halten zu können.

Viola vergaß ihre Zweifel unmittelbar. Das änderte alles. Es bedeutete, dass sie ihre Fahrt tatsächlich fortführen konnten. Allerdings würden sie in einem Camper nordwärts fahren, und das bedeutete erhebliche Komforteinbußen. Außerdem waren sie nicht mehr zu zweit, sondern würden sich einer völlig neuen Gruppe anschließen.

War Viola dafür bereit?

»Und?« Isa sah sie an.

Viola hob die Schultern. Das Angebot war verlockend, auch die Aussicht darauf, weiterzureisen, doch sie traute den anderen Leuten nicht. Sie hatten während ihrer Reise viele Menschen kennengelernt, Menschen, die weitaus seltsamer und kurioser waren als die hier, allerdings hatte sie nie jemandem soweit vertrauen müssen, dass sie mit ihnen mitgefahren war. Es waren immer nur Isa und sie gewesen. Und der Schrotthaufen.

Das aufzugeben tat weh. Doch was war die Alternative? Heimfahren? Viel früher, als sie geplant hatten? Bevor sie intensiver zweifeln konnte, nickte sie, und Isa fiel ihr vor Freude um den Hals.

*

Fiefie und Steffi sowie ein weiterer Mann namens Pete und eine Frau, die sich als Hannah vorstellte, fuhren schon mal mit dem Wohnmobil voraus. Charlie wartete auf Isa und Viola. Bei ihr war ein Mann, dessen Name Viola bereits wieder vergessen hatte. Sie hatte heute so viele neue Leute kennengelernt und war nervös, weil sie sich dieser fremden Gruppe anschließen wollten. In Charlies Camper waren zwei Plätze frei. Er war älter als das Wohnmobil, das Isa und Viola besessen hatten, stank nach Minze und Tabak, und die Sitze waren durchgesessen. Wenigstens war der Freund von Charlie – oder war er ihr fester Partner? – sehr sympathisch.

Er trug kinnlange, braune Haare und einen ungewöhnlich langen Bart, den er vorne mit einem Bändchen zu einem geflochtenen Zopf gebunden hatte. Er erklärte sich bereit, den ersten Teil der Strecke zu fahren.

Als Viola zugab, dass sie seinen Namen vergessen hatte, grinste er und stellte sich ihr erneut vor: Joris.

Auf dem Weg durch Dänemark erfuhren Viola und Isa, dass die Gruppe keinen genauen Plan hatte, wohin sie fahren wollten und dass sie sich nur lose mit den dem Rest verabredeten und ansonsten zu viert sein würden: Charlie, Joris, Isa und Viola. Das beruhigte Viola. Sie war lieber in einer kleineren Gruppe unterwegs. Charlie und Joris schienen sympathisch zu sein, bei der zweiten Gruppe konnte sie das nicht richtig einschätzen.

Joris' Mutter wohnte in Norwegen, er würde sich in Schweden mit ihr treffen. Das war also ein konkreter Anlaufpunkt in Skandinavien. Danach wollte die Gruppe nach Finnland weiter, auch wenn ihnen die Fähre zwischen Stockholm und Turku eigentlich zu teuer war. Insgesamt kamen Viola die beiden ziemlich unkoordiniert vor. Obwohl Viola aus dem Gespräch heraushörte, dass Charlie schon seit vielen Jahren mit dem Camper herumreiste und Joris das dritte Jahr dabei war, wirkten sie wie Anfänger, die nicht viel Ahnung hatten, welche Route sie am besten nehmen sollten.

»Wart ihr immer zu zweit?«, fragte Isa schließlich, und Viola war dankbar, dass ihrer Freundin offenbar ähnliche Gedanken durch den Kopf gegangen waren.

»Nee, eigentlich fährt Pete bei uns mit. Um mehr Platz für euch zu machen, hat sich Pete bereit erklärt, im Wohnmobil mitzufahren«, erklärte Charlie und strich sich die Haare glatt.

»Es ist für Pete kein großes Opfer, weil er mit Steffi zusammen ist«, warf Joris lachend ein.

Viola runzelte die Stirn. Sie fühlte sich überfordert mit den ganzen Namen und konnte nicht zuordnen, wer hier mit wem zusammen war.

»Seid ihr zwei ein Paar?«, fragte Isa.

Charlie und Joris sahen sich an, und etwas an ihrer Reaktion sagte Viola, dass die zwei etwas verband, doch beide sagten nach einem kurzen Moment einstimmig, dass sie kein Paar waren.

»Außerdem wäre Fabio dabei gewesen, doch er musste leider absagen. Will dieses Jahr nicht mitkommen«, erzählte Charlie und streichelte Joris‘ Schulter, dessen Miene sich verdüsterte.

Wieder beschlich Viola eine Ahnung, dass sie mehr als Freunde waren.

*

Bevor sie mit Charlie und Joris mitgefahren waren, wurde ihnen gesagt, dass die in der Regel in den Zelten schliefen, damit der Camper nicht jedes Mal ausgeräumt werden musste. Kisten mit Vorräten standen im Abstellraum, und die Rucksäcke, Zelte und weitere persönliche Gegenstände waren achtlos dazu geworfen worden. Es gab eine Toilette und ein Klappbett für maximal drei Personen. Sollte es mal stark regnen oder zu kalt werden, schliefen Charlie, Joris und eventuelle Mitreisende im Hinterraum, eine weitere Person passte auf die Sitzbank. Viola konnte nachvollziehen, warum sie lieber in einem Zelt schliefen. Der Camper war im Vergleich zu ihrer eigenen Schrottkiste wirklich Schrott und keinesfalls bequem. Zwar hatten Isa und sie ebenfalls Zelte – für den Notfall –, doch die hatten sie in den letzten neun Monaten nur äußerst selten benutzt und ansonsten im Wohnmobil in dem Doppelbett auf gemütlichen Matratzen und mit echter Bettwäsche geschlafen.

Es war bereits später Nachmittag, als sie Dänemark verließen und über die Öresundbrücke nach Schweden einreisten. In der Nähe von Malmö gab es einen geschotterten Platz, wo die Gruppe schon häufiger übernachtet hatte. Mit der zweiten Gruppe würden sie sich wohl in wenigen Tagen treffen, wie Viola erfuhr, als Joris ihr dabei half, das Zelt aufzubauen. Hannah wollte in Dänemark etwas für ihren Bruder erledigen, wie Joris erläuterte.

»Er hat da einen Bekannten, der seine Post sammelt«, fügte Joris hinzu.

Erst im Verlauf des weiteren Gesprächs konnte Viola einordnen, dass Hannahs Bruder der Fabio war, von dem Charlie und Joris ständig redeten, und dass er vor einiger Zeit in einer dänischen Kinderwunschklinik Samen gespendet hatte, und nun ein dänischer Bekannter Briefe von den Kindern sammelte, die Fabio jedes Jahr abholte. Weil er dieses Jahr nicht dabei war, hatte sich seine Schwester dazu bereit erklärt, den Umweg auf sich zu nehmen. Wenn Joris von Fabio redete, hatte er einen leidenschaftlichen, wilden Glanz in den Augen, als wäre er wegen etwas beleidigt, das Fabio getan hatte.

Viola war erschöpft von der langen Fahrt im Camper und der emotionalen Entscheidung am Vormittag, den Schrotthaufen hinter sich zu lassen und sich den neuen Leuten anzuschließen. Joris und Charlie banden sie einerseits eifrig in die Gruppe ein, was Viola schätzte. Andererseits wurden sie nicht in die Diskussion eingebunden, wo sie Pause machten oder welcher Route sie folgten. Es war Viola sehr recht, dass sie zunächst mit Charlie und Joris alleine waren, obwohl Steffi und Fiefie sie geradezu überredet hatten, mitzukommen. Wenn Joris von früheren Mitreisenden redete, war es für Viola ein nicht durchschaubares Netz aus Kontakten mit Personen, die sie nicht einordnen konnte. Sie wusste, dass es einen Alex gab, der zu Hause geblieben war, weil er mittlerweile erblindet war. Was auch immer ihm passiert war – Viola traute sich nicht zu fragen. Dann gab es noch Fabio, der ebenfalls aus gesundheitlichen Gründen daheim geblieben war, weil er psychische Probleme hatte und einen erfolgreichen Drogenentzug nicht gefährden wollte.

Als Joris ihr das alles erzählte, fühlte Viola sich nicht mehr als Sonderling. Sie hatte ebenfalls viel durchgemacht und war es gewohnt, die Außenseiterin in der Schule zu sein. Sie war gemobbt worden und hatte Ausgrenzung erlebt, weil sie anders war. Später als Studentin war es besser geworden. Sie hatte Freunde gefunden, die sie so akzeptierten, wie sie war. Doch noch nie hatte sie den Eindruck gehabt, dass sie gewöhnlich wie andere Menschen sein könnte.

Diese Erfahrung machte sie jetzt.

Es machte ihr Angst. Sie hatte Respekt vor den anderen und spürte Argwohn und Misstrauen – gleichzeitig hasste sie sich dafür, weil sie sich für einen offen denkenden Menschen hielt und eigentlich wissen sollte, dass Vorurteile oft falsch gefällte Urteile waren, die Menschen nur ausgrenzten und diskriminierten.

Joris berichtete ihr, dass sie ihre Lebensmittel aus Containern der Supermärkte klauten und vor zwei Jahren in einen Schweinestall eingebrochen waren und er seitdem humpelte, weil ein Traktor über seinen Fuß gefahren war, als er flüchten wollte. Dann erzählte er ihr, dass Fiefie, Pete und Fabio, die zwar nicht da waren, aber ständig anwesend zu sein schienen, verhaftet worden waren, nachdem sie von Rechtsradikalen in einem Waschsalon verkloppt worden waren.

»Aber ansonsten verbringen wir hier in Skandinavien in der Regel eine sehr ruhige Zeit«, beendete Joris seinen Vortrag und schob mit einem Achselzucken den letzten Hering in die Erde. Er hatte das Zelt fast alleine aufgestellt und schien Routine darin zu haben. Kein Wunder, wenn er jeden Sommer für mehrere Wochen in Skandinavien herumreiste.

»Du siehst erschöpft aus«, sagte Joris und setzte sich neben Viola ins Gras.

Viola rieb sich über den Nacken und starrte zu Isa, die mit Charlie wesentlich mehr Spaß zu haben schien als Joris und sie. Die beiden waren noch nicht fertig damit, das Zelt aufzubauen, Viola war jedoch davon überzeugt, dass nicht Charlies fehlendes Talent der Grund dafür war, sondern eher die Tatsache, dass Charlie und Isa miteinander herumalberten.

Viola war eifersüchtig.

Monatelang waren Isa und sie ständig auf sich gestellt gewesen. Sie nun mit jemandem zu sehen, auf eine ganz besondere Art verbunden, tat ihr weh. Viola wusste, dass das Blödsinn war. Doch sie war zu müde, um ihre unterbewussten Ängste zu analysieren, die sie das empfinden ließen.

Sie versuchte sich abzulenken und musterte Joris. Er hatte hellbraune, halblange Haare und helle Augen. Er war muskulös und nicht ganz dünn, allerdings weit davon entfernt, dick zu sein. An seinen Handgelenken hatte er einige Bänder, einige aus Kunstleder, andere wirkten wie die geflochtenen Freundschaftsbänder, die man in den 90er Jahren getragen hatte. Das spektakulärste an ihm war sein Bart, der lang und buschig war.

Und sein Fußzeh, wie Viola plötzlich auffiel, als sie auf die nackten Füße starrte. »Das war der Traktor?«, fragte sie und deutete auf das deformierte Etwas, das anstelle von Joris‘ großem Fußzeh zu sehen war.

»Ja, der Landwirt, der mich angefahren hat, hat seinen Hof mittlerweile komplett umgebaut, nachdem er seinem Vater nahegelegt hat, sich zur Ruhe zu setzen. Er hat nur noch wenige Tiere und versorgt sie sehr liebevoll. Nichts mehr im Vergleich zu der Tierquälerei, die wir vor zwei Jahren dort vorgefunden haben.« Joris lächelte. »Ich habe weiterhin Kontakt mit ihm.«

Viola blinzelte. »Du hast Kontakt mit dem Landwirt, der dir das angetan hat?«, fragte sie verwirrt.

»Ja.« Joris hob die Schultern. »Hat sich so ergeben.«

Viola sah erneut zu Isa, die mit Charlie ausgelassen um das halb aufgebaute Zelt tobte.

»Was ist los?«, fragte Joris und zwirbelte ein Kleeblatt zwischen seinen Fingern.

Viola hob die Schultern. Es wäre echt schön, wenn sie den Menschen, die sie gemobbt hatten, einfach so verzeihen und entspannt von sich behaupten könnte, sie hätte all den Groll hinter sich gelassen. Das wäre allerdings eine Lüge. Das Schlimmste daran, heimzufahren, war, sich der Vergangenheit zu stellen und den Menschen zu zeigen, wer sie nun geworden war. Sie wollte sich nicht mehr verstecken, sie hatte keinen Grund dazu. Deswegen war in ihr während der Reise das Vorhaben gereift, nicht mehr in die Stadt zu gehen, in der sie studiert hatte, sondern zu dem Ort zurückzukehren, wo sie mit ihren Eltern und dem älteren Bruder gewohnt hatte. Sie wollte nach Hause. Zu ihrer Familie. Selbst wenn das bedeutete, sich aus der Komfortzone zu quälen.

»Nichts.« Viola schüttelte den Kopf. »Aber hört sich gesund an, so wie du das machst«, sagte sie lächelnd.

»Ich habe dir viel von uns berichtet, erzähl mir mal von euren Reisen«, bat Joris. Er setzte sich ins Gras und stützte sich auf seine Arme, sodass ein kleines Bäuchlein in die Höhe ragte. Joris sah entspannt aus, wie er seine Beine ausstreckte und seinen deformierten Fuß lässig ins Gras legte. Er stützte sich auf seine Ellenbogen und betrachtete sie neugierig.

Viola schilderte ihm von der Angst ihrer Eltern, sie mit Isa alleine diese Reise antreten zu lassen, und sie erwähnte ihr eigenes Zögern und wie frei sie sich gefühlt hatte, sobald sie wenige Tage unterwegs gewesen war. Sie waren überall von freundlichen Menschen empfangen worden und hatten so viele Menschen in allen Ländern angetroffen. Sie schwärmte von den unterschiedlichen Kulturen, von den unterschätzten, aber wunderbaren Städten in Osteuropa und dem entspannten Umgang der Griechen mit all ihren alltäglichen Problemen. Sie erwähnte das leckere Essen in Italien, das aus mehr als Pizza und Pasta bestand, und das tief gespaltene Frankreich, das sie kennengelernt hatte. Schließlich berichtete sie ihm von der Reise durch Belgien und den Niederlanden und dass sie dort das erste Mal gekifft hatte.

»Willst du einen Joint? Charlie hat Gras dabei«, sagte Joris.

Viola starrte ihn an und fühlte sich plötzlich wie ein Grundschulkind, das mit einem Typen aus der Oberstufe redete und versuchte, ihn zu beeindrucken. Sie schüttelte grinsend den Kopf. »Nicht heute«, sagte sie.

»Finde es echt cool, dass ihr ein Jahr durch Europa gereist seid«, meinte Joris und nickte. »Ich meine, wir haben uns auf Skandinavien eingeschossen, aber ich finde, wenn man wirklich verstehen will, was die Europäer bewegt, sollte man auch überall hinreisen.«

»Warum tut ihr es nicht?«

Joris dachte kurz nach, dann hob er die Schultern. »Es ist nicht leicht, sich einfach ein Jahr freizunehmen. Ich habe bereits eine grandiose Work-Life-Balance, die sich viele Menschen wünschen, da wäre es irgendwie vermessen, mehr zu wollen.«

»Arbeiten wir, um zu leben oder leben wir, um zu arbeiten?«, fragte Viola. Sie sah Joris an und dessen Blick fixierte ihren. Er nickte langsam und berührte ihre Schulter mit der Hand. Auf einmal hatte sie das Empfinden, in die Augen von jemandem zu schauen, den sie ewig kannte. Irritiert unterbrach sie den Augenkontakt und sah wieder zu Isa und Charlie und lachte. »Ob sie es heute noch schaffen?«

Joris lachte ebenfalls. »Ich helfe den zwei Mädels mal, damit wir essen können, bevor es dunkel wird.«

Viola nickte. Die Erschöpfung ließ sie träge werden, und sie freute sich darauf, in ihr Zelt zu kriechen und einen Moment lang alleine zu sein, bevor sie endlich die Augen schließen und schlafen konnte.

*

Am nächsten Vormittag ging es Viola etwas besser. Das Gespräch mit Joris am Abend zuvor war hilfreich gewesen. Sie mochte seine ruhige, entspannte Art und fand es interessant, wie gegensätzlich Charlie war. Sie war eine lebhafte Person, die gerne lachte und deren Lachen sich über das ganze Gesicht erstreckte. Schnell stellte sie fest, wie unkompliziert und offen Charlie war und wie angenehm es war, sich mit ihr zu unterhalten. Sie machte es einem leicht, ins Gespräch zu kommen.

Nach dem Frühstück blieb sie bei Viola sitzen und bot ihr einen Apfelsaft an, den Viola gerne annahm. »Habt ihr euch eingelebt?«, fragte Charlie.

»Es ist komisch, nachdem wir neun Monate zu zweit und auf uns alleine gestellt waren.« Viola grinste.

Charlie lachte und berührte ihren Arm. »Du meinst, ihr müsst erst wieder lernen, Kompromisse einzugehen.«

Viola nickte. So ähnlich.

Charlie gluckste erneut, bevor sie den Kopf schüttelte. »Ihr seid euch sehr nah. Wir haben zunächst vermutet, ihr seid ein Paar.«

Viola schüttelte den Kopf. »Ich habe nie auf Frauen gestanden. Und Isa nie auf mich.«

»Ach komm.« Charlie hob den Finger in die Höhe und machte damit eine strenge verneinende Geste. »Du bist doch süß.«

Viola schob ihre Hände zwischen die Oberschenkel. Es war ungewohnt, das zu hören. Sie war es so gewohnt, sich in ihrem Körper unwohl zu fühlen, dass sie es heute noch komisch fand, wenn jemand sie als süß oder gar sexy bezeichnete. Oder als hübsch. Manchmal musste sie sich im Spiegel ansehen und davon überzeugen, dass sie tatsächlich so gut aussah, wie andere Menschen behaupteten. Um im Gespräch zu bleiben, fragte sie: »Fiefie schien nicht begeistert von dem Gedanken, dass wir ein Paar sein könnten. Warum? Ihr wirkt nicht wie die Leute, die was gegen lesbische Paare haben.«

»Fiefie ist niemand, den das stören würde. Echt nicht.« Charlie runzelte die Stirn. Schließlich seufzte sie. »Ich glaube, ihn nervt es, dass viele der Ehemaligen sich ineinander verliebt haben, eine Familie gegründet haben und nicht mehr mitgefahren sind. Vor zwei Jahren haben Hannah und er ein Pärchen mitgenommen, das nur zusammengehangen hat. Sie waren so aufeinander fixiert, dass wir nicht an sie ran kamen. Letztes Jahr sind auf einmal Pete und Steffi zusammengekommen, weshalb wir die Besetzung der Fahrzeuge neu ordnen mussten. Und dazu kam noch dieses Drama zwischen Joris, Fabio und mir.« Charlie lehnte sich nach hinten und lachte.

Viola sah sie an. Sie hob die Augenbrauen. Das klang ja interessant. »Erzähl schon«, forderte sie Charlie schmunzelnd auf.

Charlie berichtete ihr, dass Fabio und sie so eine Art Freundschaft mit besonderen Vorzügen geführt hatten, bis Joris mitgekommen war. Da hatte Fabio sich zurückgezogen, und Charlie hatte was Lockeres mit Joris angefangen, bis sie bemerkt hatte, dass Fabio sich wegen Joris von ihr distanziert hatte. Also hatte sie mit Joris Schluss gemacht. Einige Zeit später hatte sich das als die richtige Entscheidung herausgestellt, denn Fabio und Joris waren ein Paar geworden, ein Jahr zusammengeblieben, aber irgendwann war Fabio sich bewusst geworden, dass er seine psychischen Probleme nicht mehr mit Drogen betäuben konnte.

»Ich weiß nicht, was tatsächlich zwischen den beiden vorgefallen ist, doch Fabio hat eine Therapie begonnen und einen Entzug, und aus irgendwelchen Gründen hatte er danach nicht mehr das Gefühl, für Joris der sein zu können, den Joris kennengelernt und über ein Jahr lang geliebt hat«, beendete Charlie die Geschichte.

Viola fiel es schwer zu atmen. Es war so traurig. »Fabio ist weiterhin der gleiche Mensch.«

»Ja schon, er wurde ruhiger und war nicht mehr so lustig, weil er nicht mehr kiffte.« Charlie seufzte. Sie kratzte sich am Kopf, dort wo sie den Sidecut hatte. Sie war frisch rasiert, am Abend zuvor waren da kurze Stoppeln zu sehen gewesen.

Viola richtete ihren Blick auf ihre Hände und atmete tief ein. Obwohl es rein gar nichts mit ihr zu tun hatte, berührte sie das Schicksal von Fabio. »Aber er sollte noch derselbe Mensch sein. Ich kann mir sogar vorstellen, dass er mehr er selbst ist als zu der Zeit, als er Drogen genommen hat.«

»Das sagt Joris auch, Fabio glaubt jedoch selbst nicht dran. Er denkt, er sei jetzt ein Langweiler.« Charlie streckte ihre Füße aus. »Und ich kann ihn ein bisschen verstehen. Er ist anders. Ich liebe ihn weiterhin, doch verändert hat er sich schon sehr.«

Viola presste ihre Lippen aufeinander.

»Die Medikamente, die er aufgrund seiner manischen Episoden bekommt, machen ihn müde und teilnahmslos. Das heißt, er ist im Prinzip genauso wenig er selbst, wie er es durch das Gras war.«

Viola schüttelte den Kopf. »Er nimmt die Medikamente, damit es ihm besser geht. Ist das verwerflich?«, fragte sie mit gerunzelter Stirn.

Eine kalte Hand berührte ihren Rücken. Viola zuckte zusammen. Körperkontakt war ihr suspekt, gerade wenn man sich nicht so gut kannte. Sie war schon als Kind nicht gerne berührt worden. Die Verwunderung darüber, warum Charlies Hand so kalt war, obwohl es heiß war, lenkte sie allerdings ab. Als sie sich aufrichtete, wurde ihr bewusst, dass Charlie die ganze Zeit ihre kühle Apfelsaftschorle in der Hand gehalten haben musste.

»Natürlich ist das nicht verwerflich«, sagte Charlie leise. »Es ist Fabios Befürchtung. Und ich kann diese Ängste bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen.« Sie zog die Hand weg und ergriff wieder die Flasche, welche sie auf den Tisch vor sich abgestellt hatte. Sie trank die Apfelschorle ohne abzusetzen leer.

Viola betrachtete sie, dann wanderte ihr Blick zu Isa, die sich im Camper notdürftig gewaschen hatte und auf sie zukam. Viola sah zu Joris, der mit einer Zigarette im Mund vor seinem Zelt saß und in einem Buch las. Jetzt ergab es Sinn, warum sich seine Augen immer verengten, wenn er über Fabio redete. Schade, dass Fabio nicht klar zu sein schien, wie sehr Joris ihn vermisste, egal, ob er sich wegen der Medikamente verändert hatte. So einen Partner wünschte man sich, aber Fabios Selbstwertgefühl war wohl so gering, dass er nicht erkennen konnte, dass er das hatte, was sich andere aus tiefstem Herzen wünschten.

So traurig …

»Na, ihr zwei«, grüßte Isa. Sie schlug in Charlies ausgestreckte Hand ein und deutete eine umarmende Geste an, danach lief sie um den Tisch herum und legte den Arm um Violas Schultern und lächelte sie an. »Schön hier, oder? Geht es dir gut?«

»Ja.« Viola nickte. Langsam kam sie besser klar. Auch wenn sie den Leuten am Anfang nicht vertraut hatte, war sie froh, mitgekommen zu sein, um den letzten Teil der Reise noch erleben zu können. Zusammen mit Isa. Außerdem war es spannend, hinter die Gruppendynamik der Camper zu blicken und mehr von ihnen zu erfahren. Isa streckte die Beine aus, auf die gleiche Art, wie es Charlie tat, und legte den Kopf hinten an die Lehne. Sie schloss die Augen und schien die Hitze der Sonne mit einem Lächeln zu genießen. Sie sah zufrieden aus und erleichtert darüber, dass sie nicht heimfuhren. Viola wusste, wie sehr es Isa ängstigte, wieder ins Dorf ihrer Eltern zu kommen. Aber auch wenn sie es aufgeschoben hatten, eines Tages würden sie sich ihren Ängsten stellen müssen. Gemeinsam. Viola streckte den Arm aus und berührte Isas Handgelenk. Isa war die Einzige, bei der sie keine Angst hatte, sich berühren zu lassen. Sie wusste, dass Isa sich wohl genug fühlte, sich von ihr anfassen zu lassen, obwohl sie Körperkontakt ebenso wenig mochte wie Viola, den sie allerdings aus anderen Gründen als Viola nicht zulassen konnte.

Sie hatten einander, und Isa war der Beweis, dass man Menschen weiterhin lieben konnte, selbst wenn sie tiefgreifende Veränderungen durchgemacht hatten. Viola hoffte, dass Fabio das eines Tages erkennen konnte.

*

Sie blieben einige Tage in Malmö. Viola begann, die Zeit mit Isa, Charlie und Joris zu genießen. Dann fielen die anderen mit einem riesigen Bohei ein. Jetzt, wo sie da waren, musste Viola sich wieder neu einfinden. Nach all den Wochen, die sie mit Isa alleine verbracht hatte, fiel es ihr schwer, so eng mit so vielen Menschen zu leben. Sie hatte zwar kurz mit Fiefie und Steffi gesprochen, wer sie wirklich waren, war ihr bisher verschlossen geblieben.

Steffi war seit dem vorherigen Jahr dabei, und Pete und sie waren das perfekte Paar. Pete war ähnlich wie Joris recht ruhig, und mit Steffi vereinte ihn die Liebe zu den Tieren und der Natur, sowie ihrer fieberhaften Überzeugung, dass die vegane Ernährung die einzige Antwort gegen den Klimawandel war. Sie lehnten Konsum im Allgemeinen ab und waren von Minimalismus als Lebensmodell überzeugt. Sie wirkten etwas extrem in ihrer Meinung, gingen das jedoch auch entspannt an, was die Diskussionen mit ihnen leichter machte. Sie waren Aktivisten, verdienten damit sogar ihren Lebensunterhalt. Während Steffi für die vegane Gesellschaft Deutschlands arbeitete, betrieb Pete einen erfolgreichen Podcast, in dem er nicht nur die vegane Ernährung, sondern ebenso politische und gesellschaftskritische Themen aufgriff. Hier ging er das Ganze mit einer großen Portion Humor an, was seine Follower im Laufe der Jahre so weit erhöht hatte, dass er davon leben konnte. Joris und Pete begrüßten sich wie lange verschollene Brüder und umarmten sich so fest, dass es für Außenstehende fast wie ein Kampf wirkte. Danach verschwanden sie mit zwei Campingstühlen und ein paar Flaschen gekühltem Bier in einer Ecke. Keiner ging zu ihnen, um sie zu stören. Es war, als wäre es für die Restlichen schon ein gewohntes Bild, dass sich Joris und Pete zurückzogen und ihre Zweisamkeit bei einem Bier genossen.

Hannah war so eine Art Chefin und kümmerte sich um die Organisation und darum, dass die Aufgaben verteilt und anfallende Arbeiten zügig erledigt wurden. Sie verriet Viola während eines Gesprächs, dass sie diese mütterliche Art an sich nicht mochte und gerne aus dem ungeliebten Muster ausbrechen wollte, ihr das aber bisher nicht gelungen war. Sie hatte eine komplizierte Beziehung zu ihrem Bruder und sich in einer Co-Abhängigkeit befunden, als sie mit Fabio zusammengelebt und gereist war. Nun, wo er weg war, war es schlimmer geworden. Sie hatte ständig das Bedürfnis, sich darum zu kümmern, dass es jedem gut ging.

»Ich habe mich um Fabio gekümmert, seit ich denken kann, da unsere Eltern Totalausfälle waren«, erzählte sie mit einem nachdenklichen Unterton. Sie hielt mit dem Kartoffelschälen inne und starrte auf das Gemüse in ihrer Hand. Viola saß neben ihr im Schatten des Wohnmobils und schälte ebenfalls Kartoffeln. »Ich kenne das nicht anders. Ich weiß nicht, wie es ist, mich nicht um irgendwelche Chaoten zu kümmern«, fügte sie hinzu und hob die Schultern, als ob ihr nicht klar war, wie es so weit hatte kommen können.

Hannah war von allen die Ruhigste, und sie schien die Älteste zu sein, aber Viola erfuhr, dass Fiefie und Pete ein bisschen älter waren als Hannah. Nichts schien Hannah aus der Ruhe zu bringen, sie blieb selbst dann entspannt, als Charlie eines Abends einfach nicht wieder kam. Sie teilte die Leute in zwei Gruppen auf und gab Anweisungen, wer wo suchen sollte. Als Charlie endlich gefunden wurde, brachen in Hannah alle Gefühle auf einmal hervor, und sie schubste Charlie und schrie sie an und verschwand schließlich im Wohnmobil. Nach einer Stunde kam sie mit verheulten Augen raus und entschuldigte sich bei Charlie für den emotionalen Ausbruch. Charlie zögerte zunächst einen Moment, bat schließlich ebenfalls um Verzeihung dafür, dass sie der Gruppe so viel Sorgen bereitet hatte. Es stellte sich heraus, dass Charlie an einem See gewesen, dort eingeschlafen und deswegen so spät zurückgekommen war. Hannah hatte sich große Sorgen gemacht, weil es bereits dunkel geworden war.

Und da gab es noch Fiefie, der Typ, den Viola am Anfang kennengelernt hatte und den sie bis jetzt seltsam fand. Einerseits war er freundlich und zuvorkommend und hatte immer einen Witz auf den Lippen, andererseits zog er sich manchmal zurück und schien mit sich beschäftigt zu sein. Hin und wieder hatte Viola den Eindruck, er würde mit ihr flirten. Wenn Viola ihn ansprach, reagierte er jedoch fast distanziert. Sie fragte sich, ob das was mit ihr zu tun hatte, ob er vielleicht was ahnte und deswegen so misstrauisch war. Viola war die Sache nicht geheuer, und sie war erleichtert, als Charlie und Joris weiterziehen wollten, um in Jönköping das nächste Lager aufzuschlagen. Da wollte Joris seine Mutter treffen. Hannah, Fiefie, Steffi und Pete wollten noch eine Weile in Malmö bleiben, da sie erst vor wenigen Tagen angekommen waren.

»Wir holen euch schon noch ein«, meinte Pete grinsend und nahm Joris erneut so fest in den Arm, dass die beiden Männer wankten. Hannah und Steffi winkten ihnen nach, als sie losfuhren, nur Fiefie saß auf dem Dach des Wohnmobils und beobachtete sie, ohne eine Miene zu verziehen. Viola fröstelte, als sie das sah.

*

In Jönköping schlugen sie ihr Lager nicht weit entfernt vom offiziellen Campingstrand direkt am Meer auf. Es behagte weder Charlie noch Joris, sich unter die anderen Menschen zu mischen. Das gefiel Viola, denn wenn um sie herum zu viele Menschen waren, fühlte sie sich auch unwohl. Nur Isa sah etwas sehnsüchtig auf die Duschräume, während sie in ihrem Camper nicht einmal eine eingebaute Dusche hatten. »Wir haben doch einen See«, sagte Joris tröstend zu Isa. »Und wenn du keine Lust auf Baden hast, haben wir genug Seife, Wasser und Plastikschüsseln.«

»Äh, ja«, erwiderte Isa wenig begeistert und widmete sich wieder dem Aufbau ihres Zeltes. Sie hatten auf ihrer Reise schon einige Tage ohne ausreichende Hygiene verbracht, weil die Dusche in ihrem Wohnmobil öfter nicht funktioniert hatte, und Isa war jedes Mal nervös geworden. Es war aufwändig, ständig den riesigen Tank zu säubern, aber Isa hatte darauf bestanden, jeden Tag zu duschen.

Viola legte die Hand an die Stirn, um ihre Augen vor der blendenden Sonne zu schützen, und sah in den wolkenlosen, blauen Himmel. Eine Hitzewelle hatte das Land erfasst und Viola überrascht. An solchen Tagen war es wirklich wichtig, am Abend eine Dusche zu bekommen, mit der man sich vom Schweiß befreien konnte. Viola hatte sich immer in einer dicken Jacke gesehen, wenn sie über Skandinavien nachgedacht hatte. Jetzt lief ihr der Schweiß über den Rücken. Es war viel zu heiß.

Sie konzentrierte sich auf ihr Zelt und schob die Stäbe so in die Lasche, wie Joris es ihr gezeigt hat. Während der Arbeit verflogen ihre Gedanken, und sie erinnerte sich an die bisherigen Erlebnisse auf der Reise. Die Auswirkungen der Klimakrise waren ihnen nicht verborgen geblieben. Obwohl Europa eher komfortabel lag, waren sie überall gegenwärtig. In Südeuropa waren sie Zeuge von Dürren geworden, weswegen die Landwirte verzweifelt versuchten, ihre Ernten zu retten. Das Wasser wurde knapper und kostbarer, und häufiger mussten Landwirte auf die Ernte verzichten, weil das Bewässern teurer wäre als die Ernte einbringen würde. Sie waren durch von Waldbränden betroffenen Regionen gefahren. Riesige Gebiete waren einfach abgebrannt und nun nur noch Asche und Staub, dabei könnten die Bäume so wichtige Helfer gegen die Klimakrise sein. Ihre Reise durch die Niederlande hatte ihnen vor Augen geführt, dass es in Europa ebenfalls Gebiete mit zu viel Wasser gab. Die Angst vor Überschwemmungen war dort fortwährend zu spüren. Wie lange konnten sie die Deiche und Dämme höher bauen, und wann würden die Menschen beginnen, ihre Heimat aufzugeben?

Der Sommer war viel zu heiß, und Viola musste zugeben, dass sie froh war, während der Sommermonate schon auf dem Weg in den Norden gewesen zu sein. Die Hitze war erträglich, solange man im Wohnmobil reiste und sich jederzeit ein schattiges Plätzchen suchen konnte. Wenn es Isa und ihr zu heiß gewesen war, hatten sie faul vor ihrem Wohnmobil auf ihren Campingmöbeln gelegen und gelesen. Wie erging es den Menschen, die während der Hitzewelle arbeiten mussten? Und wie erging es älteren Menschen, deren Körper solche Strapazen nicht mehr so gut wegstecken konnten?

»Kommst du mit zum Baden?«

Viola zuckte zusammen, als Isa sie ansprach. Sie griff nach vorne und nahm Viola den Hering aus der Hand. Es sah schon sehr geübt aus, wie sie ihn geschickt in die Erde rammte. »Ja, ich pack zuerst mein Zeug aus«, sagte Viola. Sie drehte sich um und musste grinsen, weil Charlie und Joris schon den See eroberten und sichtlich Spaß daran hatten, ihre aufgeheizten Körper abzukühlen. Als sich Charlie aufrichtete, sah Viola, dass diese nackt war. Und dann bemerkte sie, dass auch Joris nackt war. Sein flacher Po war genauso gebräunt wie seine Oberschenkel. Sie runzelte die Stirn. »Die sind ja nackt«, murmelte sie. »Ziehst du einen Bikini an?«, fragte sie etwas beunruhigt in Isas Richtung. Isa drehte sich um und sah zu den anderen zwei. Sie wandte sich wieder zu Viola um und legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Klar mach ich das.« Sie deutete ein Augenrollen in die Richtung der beiden an.

Viola nickte. Sie war erleichtert, weil sie auf gar keinen Fall nackt ins Wasser gehen würde, und mit Isas Unterstützung nicht die Einzige war, die einen verklemmten Eindruck machte. Sie warf ihren Rucksack durch die Öffnung ins Zelt. »Ich mache mich fertig«, kündigte sie an. Isa war bereits auf dem Weg zu ihrem eigenen Zelt und hob den Daumen in die Höhe.

*

Die nächsten Tage am See bestanden hauptsächlich darin, dass Joris entweder mit seiner Mutter und ihrem Lebensgefährten unterwegs war oder seine Mutter bei ihnen zu Besuch war. Sie machte einen jugendlichen Eindruck und stellte sich Viola und Isa sofort mit Ronja vor. Dabei nahm sie beide in den Arm, als ob sie sich schon lange kennen würden.

Die Treffen mit seiner Mutter taten Joris gut. Er wirkte gelöster, entspannter und zufriedener. Aber als Ronja ihn auf Fabio ansprach, runzelte er die Stirn und ging spazieren. Offenbar schien es ihm so wehzutun, über die Trennung von Fabio zu sprechen, dass er es nicht ertrug. Dass er seine Mutter einfach sitzen ließ und davon ausging, dass Viola, Isa und Charlie sich nun um sie kümmern würden, schien niemand außer Viola seltsam zu finden. Stattdessen erläuterte Charlie Ronja, dass Joris und Fabio Schwierigkeiten hatten und vorerst getrennte Wege gingen. Das schien Ronja zu betrüben, und als Joris zurückkam, ging sie schnurstracks auf ihn zu und umarmte ihn.

Wenn Ronja nicht da war, verbrachten sie ihre Zeit entweder damit, zu arbeiten oder sich auszuruhen. Besonders oft waren sie im Wasser, was die andauernde Hitze erträglicher machte. Viola erfuhr, dass Charlie Kinderbuchautorin war und gerade an einem Buch arbeitete, wofür sie sich eifrig Notizen in ihrem Notizbuch machte. Häufig schrieb sie wie besessen mit einem Bleistift auf die vollgekritzelten Seiten, die Zeichnungen und Buchstaben in einem nicht durchschaubaren System enthielten, oft genug saß sie aber lediglich mit dem Notizbuch im Schoß und den Bleistift gegen die Zähne schlagend in ihrem Campingstuhl und starrte zum Wasser. Sie wollte unbedingt ein Hörbuch ihrer bisherigen Veröffentlichung herausbringen, doch ihr Verlag meinte, dass das zu riskant war und nicht viele Käufer finden würde. Als Viola sie darauf ansprach, warum es ihr so wichtig war, erläuterte Charlie, dass der junge Mann, der im letzten Jahr mit in Skandinavien gewesen und zwischenzeitlich erblindet war, ihr Buch nur als Hörbuch konsumieren konnte. »Das ist eine tolle Geste von dir«, meinte Viola.

»Leider teuer und kompliziert umzusetzen«, erwiderte Charlie nachdenklich.

Das verdeutlichte Viola erneut, wie eng die Freunde waren und dass Isa und sie lediglich zufällige Mitfahrende waren. Selbst dieser Alex, der nur einmal mit ihnen unterwegs gewesen war, schien eine unglaubliche Präsenz zu haben. Bei dem Gedanken stieg in Viola eine merkwürdige Einsamkeit auf, obwohl ihr all die Monate Isas Anwesenheit genügt hatte und sie die Nähe zu anderen Menschen nie gesucht hatte. Sie hatte die Zweisamkeit mit Isa genossen, genauso wie sie gerne alleine gewesen war und dies ebenfalls als wertvoll angesehen hatte. Nun lag sie ab und zu im Zelt und sehnte sich nach ihrer Mutter. Oder sie saß am See und vermisste es, mit jemandem außer Isa zu sprechen. Eventuell war es an der Zeit heimzufahren? Vielleicht war sie endlich bereit dazu …

Sie thematisierte das bei Isa, während sie beide im Vätternsee schwammen.

Wie sich herausstellte, war Isa noch nicht bereit, nach Hause zu gehen und ziemlich verwundert darüber, dass Viola ihre Meinung geändert hatte. »Ich habe meine Meinung nicht geändert«, korrigierte Viola sie und machte Strampelbewegungen im trüben Wasser. Sie konnte ihre Beine nicht sehen. Wann immer sie mit dem Fuß gegen den Sand stieß, zuckte sie zusammen und versuchte, nicht darüber nachzudenken, was dort unten alles herumkrabbelte. »Ich habe lediglich darüber nachgedacht, dass es für mich immer mehr in Ordnung wäre, den Heimweg anzutreten.«

Isa dachte kurz nach. »Klar. Wenn das Jahr rum ist, okay. Aber ich will darüber jetzt nicht nachdenken.«

Viola schwamm ein paar Züge und sah sich um, um sicherzugehen, dass Isa ihr auch folgte. »Vermisst du deine Eltern gar nicht? Hast du nicht das Bedürfnis, langsam mal mit dem echten Leben zu beginnen?«

Stirnrunzelnd kam Isa ihr nach. »Ich habe eher das Gefühl, mein echtes Leben wird bald enden. Was kommt denn danach? Job, Heirat, Kinder?« Sie sah vollkommen ernst aus, bevor sie lächelte.

Viola, die wusste, dass das nicht Isas konkrete Pläne waren, lachte und bespritzte ihre Freundin mit Wasser. Die schrie auf und wehrte sich, indem sie ebenfalls Wasser mit der flachen Hand verteilte.

Erst nachdem Viola sich in Sicherheit gebracht hatte, wurde sie wieder ernst. Sie musterte Isa. »Ich sehe das anders. Mein Leben beginnt gerade. Ich finde das so aufregend. Endlich lernen die Menschen mein wahres Ich kennen.«

Isa nickte. »Das verstehe ich.«

Viola schlug grinsend auf die Wasseroberfläche. Quiekend schützte Isa sich vor der angedeuteten Fontäne, die Viola dadurch erzeugt hatte.

Lachend und sich gegenseitig nass spritzend traten sie den Weg zum Ufer an, wo bereits Joris und Charlie mit dem Abendessen auf sie warteten.

*

Nachdem Ronja zusammen mit ihrem Partner die Rückreise nach Norwegen angetreten hatte, wurde Joris‘ Gang schlurfender, und seine Schultern begannen zu hängen. Charlie plante eine rasche Abfahrt, um sich mit dem Rest in Linköping zu treffen und gemeinsam weiter nach Stockholm zu fahren. Joris akzeptierte ihre Entscheidung, ohne Einwände zu erheben, also willigte Viola ebenfalls ein. Sie hatte sowieso nicht das Gefühl, dass ihr Protest viel wert wäre, besonders weil Isa begeistert war, etwas Neues zu sehen.

So war es immer gewesen. Isa war die treibende Kraft und hatte regelmäßig auf eine rasche Weiterfahrt gedrängt, während Viola es jedes Mal schwerfiel, sich zu verabschieden. Mit dem Vätternsee erging es ihr genauso. Erschwerend kam hinzu, dass sie die Befürchtung hatte, dass Fiefie über sie Bescheid wusste. Oder welchen Grund könnte es geben, sie misstrauisch zu beäugen. Vielleicht mochte er sie einfach nicht? Sie hatte nicht die geringste Ahnung, was mit ihm los war. Aber sie wusste, dass sie nicht sonderlich scharf drauf war, sich so rasch wieder mit ihm, Hannah, Pete und Steffi zu treffen.