Princess Mysteries – Krone, Küsse und andere Katastrophen - Marliese Arold - E-Book

Princess Mysteries – Krone, Küsse und andere Katastrophen E-Book

Marliese Arold

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Beschreibung

Eigentlich geht die 13-jährige Liara sehr gern ins Internat. Doch ihre neue Mitbewohnerin Viola, die sie wie eine Kammerzofe behandelt, geht Liara mächtig auf den Geist. Irgendetwas stimmt nicht mit diesem geheimnisvollen Mädchen. Als Liara dahinterkommt, was Viola wirklich verbirgt, kann sie es kaum fassen: Vor ihr steht eine waschechte Prinzessin. Und die muss alles dafür tun, dass sie undercover bleibt. Doch nicht nur das. Ein Familienfluch sucht Viola heim, der mit der Zeit auch auf Liara's Leben übergeht. Oder wieso kann sie nicht aufhören zu lachen, als sie ihren großen Schwarm küsst?

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Seitenzahl: 226

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Prolog

Eine rätselhafte neue Mitbewohnerin

Audienz bei der Direktorin

Feindinnen fürs Leben?

Zwischenfall in der Bibliothek

Eine Nachricht, die alles verändert

Fluch auf dem Königshaus

Der Wind in den Weiden

Auf ein Date mit Tom

Unruhige Träume

Hilfe in Sicht?

Eine Prise Gift für die Schulsuppe

Große Sorgen um Sam

Lauter nette Hexen?

Der Kampf gegen den Fluch

Prolog

Fünfzig Jahre zuvor

Fluch über dem Königshaus? Droht der Kronprinzessin Gefahr?

 

Wie wir aus vertrauten Quellen erfuhren, ereignete sich während der Taufe der kleinen Kronprinzessin Agatha am vergangenen Samstag ein unerwarteter Zwischenfall.

Wie es die Tradition verlangt, wurde die kleine Prinzessin in der Kapelle des schottischen Schlosses Malboral getauft. Die Feier fand im engen Familienkreis statt. Das Gelände war gegen Schaulustige abgeriegelt, und man hatte alle Sicherheitsmaßnahmen getroffen. Trotzdem gelang es einer bislang unbekannten Frau, in die Kapelle einzudringen.

»Sie kam wie aus dem Nichts«, erzählt der Geistliche Father Browning. »Möglicherweise hatte sie sich zuvor im Beichtstuhl versteckt.«

Die Taufpaten hatten gerade das Taufgelübde stellvertretend für die kleine Prinzessin abgelegt, als die schwarz gekleidete, verschleierte Unbekannte ihre Hand hob und drohend wirkende Worte in einer unbekannten Sprache ausstieß. Augenzeugen berichten, dass daraufhin sämtliche Kerzen erloschen und die Temperatur in der Kapelle um mehrere Grade sank.

»Es wurde plötzlich eiskalt«, sagt Father Browning, der allerdings bestreitet, dass eine übernatürliche Macht im Spiel sein könnte.

Gerüchten zufolge könnte es sich bei der Unbekannten um eine entfernte Verwandte des Königs gehandelt haben, die zur Tauffeier nicht eingeladen worden war und deswegen das Königshaus mit einem Fluch belegte.

»Rosamund P. war schon immer das schwarze Schaf in der Familie«, behauptet die Schwester einer der beiden Taufpaten. »Schon in ihrer Jugend schwärmte sie für alles Mystische. Es würde mich nicht wundern, wenn sie sich jetzt mit schwarzer Magie beschäftigt.«

Dies allerdings sind nur Mutmaßungen, und der Pressesprecher des Königshauses bestreitet vehement, dass es sich bei der Unbekannten um eine Verwandte gehandelt hat.

Den Sicherheitsleuten gelang es nicht, die fremde Frau festzunehmen. Sie flüchtete in die Sakristei, wo sie durch ein Fenster entkommen konnte. Obwohl zeitnah der ganze Park durchsucht wurde, konnte sie nicht gefunden werden. Selbst die Hunde verloren die Spur.

»Der Vorfall war unerfreulich, aber es gibt keinen Anlass zu wilden Spekulationen«, heißt es aus dem Palast. Niemand glaube an einen Fluch und man habe sich auch die Feier nicht verderben lassen. Der kleinen Agatha, der zukünftigen Königin, gehe es gut, sie sei ein sehr aufgewecktes und ausgeglichenes Baby. Die Familie sei sehr glücklich.

(Daily Mirror. Montag, 4. Mai)

Eine rätselhafte neue Mitbewohnerin

Jedes Mal, wenn ich das unbenutzte Bett an der gegenüberliegenden Wand ansah, fühlte ich einen Stich in der Brust. Julia, meine allerbeste Freundin, würde nicht mehr in dieses Internat zurückkehren. Ihre Eltern hatten beschlossen, fortan in Australien zu leben, und Julia würde in Sydney zur Schule gehen.

Was für mich bedeutete, dass ich nicht nur eine Seelenfreundin verloren hatte, sondern auch eine neue Mitbewohnerin bekommen würde.

Ich seufzte tief und dachte voller Sehnsucht an Julia. Vorbei die Zeiten, in denen wir nächtelang gequatscht hatten. Nie wieder würden wir uns, in Pyjamas aneinandergekuschelt, gegenseitig unsere größten Geheimnisse anvertrauen.

Sicher, es gab Skype, und wir würden auf alle Fälle in Kontakt bleiben, das hatten wir uns geschworen. Aber virtuelle Begegnungen waren eben virtuell und nur ein schlechter Ersatz für eine Freundschaft, die wir praktisch Tag und Nacht gelebt hatten. Außerdem gab es einen Zeitunterschied von neun Stunden, das heißt, wenn ich Julia nach dem Nachmittagsunterricht anrufen und meinen Frust abladen wollte, dann schlief sie schon selig dem nächsten Morgen entgegen.

Es war so gemein, dass dreizehnjährige Töchter bei den Entscheidungen ihrer Eltern kaum ein Mitspracherecht hatten! Wann gab es dagegen endlich mal ein Gesetz?

Ich seufzte noch einmal.

Draußen auf dem Gang ertönten Schritte, dann hörte ich ein Geräusch an der Tür. Ob das die Neue war? Sie ließ sich ja reichlich Zeit mit ihrer Ankunft, die Eröffnungsversammlung in der großen Halle war längst vorüber. Normalerweise legte unsere Direktorin Mrs Harper großen Wert auf Pünktlichkeit.

Wieder hörte ich dieses Geräusch an der Tür.

»Herein!«, rief ich mit meiner freundlichsten Stimme, aber nichts geschah.

Ich erhob mich von meinem Bett, um zu öffnen. Vielleicht hatte meine neue Mitbewohnerin alle Hände voller Gepäck. Erwartungsvoll drückte ich die Klinke nieder.

Sofort sauste ein rostroter Blitz ins Zimmer und sprang mit einem Satz auf Julias verwaistes Bett. Sam! Das hätte ich mir denken können! Der stattliche Kater hatte auch den Spitznamen »Donnerpfote«, denn wenn er den Gang entlangkam, konnte jeder sein Trampeln vernehmen. Katzen schlichen normalerweise lautlos auf Samtpfoten, aber das traf nicht auf unseren Sam zu. Den hörte man immer schon von Weitem, und es klang, als hätte er Eisennägel statt Krallen. Und diese Krallen bohrte Sam gerade in die Bettwäsche meiner zukünftigen Mitbewohnerin!

»Hör auf, Sam!«, sagte ich scharf. Der Kater blinzelte mich nur müde an. Mit seinen neongrünen Augen sah er aus, als wäre er einem Manga entsprungen.

Ich trat an das Bett und packte den Kater, bevor noch Löcher im Bettzeug entstanden. Sam schaute mich an, und ich glaubte, in seinen Augen zu lesen, dass er sich nicht entscheiden konnte, ob er schnurren oder mir eine Ohrfeige mit seiner Pfote geben sollte.

»Ach, Sam!«, murmelte ich. »Wahrscheinlich vermisst du Julia genauso wie ich.« Meine Freundin hatte stets Leckerlis für ihn bereitgehalten. Ich war sicher, dass Sam sie von allen Schülerinnen und Schülern dieses Internats am meisten liebte.

Während ich meine Wange an seinem flauschigen Kopf rieb, flog die Tür auf. Ich zuckte erschrocken zusammen, und Sam sprang mit einem Satz auf den Boden und hinterließ einen blutigen Kratzer auf meinem Handrücken.

»Au!«

Die Neue stand wie angewurzelt in der Tür, während Sam an ihren Beinen vorbei in den Gang schoss. Ihre Augenbrauen zogen sich vor Ärger zusammen.

»Ich bin allergisch gegen Katzen. Ich will sofort ein anderes Zimmer! Niemand hat mir gesagt, dass hier Haustiere erlaubt sind!«

Wenn Blicke töten könnten, würde ich röchelnd auf dem Boden liegen.

»Es ist nicht meine Katze«, verteidigte ich mich. »Sam gehört der Schule und geht, wohin er will.«

»Sam?«

»Sam.«

»So heißt einer der Hunde meiner Tante.« Für einen kurzen Augenblick entspannten sich ihre Gesichtszüge, aber gleich darauf kehrte der zornig-feindliche Ausdruck zurück.

»Er war hoffentlich nicht in meinem Bett!«

»O nein«, log ich mit unschuldiger Miene. »Meine Freundin … äh … also das Mädchen, das im letzten Schuljahr meine Mitbewohnerin war, hat ihn auch nie ins Bett gelassen. Also keine Sorge.« Noch eine fette Lüge.

Hoffentlich hatte Sam kein Katzenhaar auf der Bettdecke verloren. Und falls die Neue tatsächlich zu niesen anfing und auf ein neues Zimmer bestand, dann konnte es mir nur recht sein. Sonderlich sympathisch war sie mir nicht.

Sie drehte sich um und zog ihre beiden riesigen Rollkoffer ins Zimmer. Die Koffer waren offenbar schwer. Weiß der Geier, was sie alles mitgebracht hatte. Jetzt blockierten auch noch die Rollen!

»Was stehst du da rum und glotzt? Hilf mir gefälligst!«

Mir blieb die Spucke weg. Wie redete sie mit mir? War ich ihre Dienerin?

Keep calm!, hörte ich in meinem Kopf die Stimme meiner Oma Elfriede. Sie war eine Meisterin der Diplomatie und verstand es, jede Situation zu entschärfen. Sie würde jetzt sagen, dass die Neue wahrscheinlich eine lange Reise hinter sich hatte und vielleicht nervös war, weil sie nicht wusste, was sie in dieser Schule erwartete. Ich beschloss, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

»Sehr wohl, Eure Hoheit!«, sagte ich spitz und griff nach einem der Koffer. »Ich bin übrigens Liara. Liara Lehmann.«

Sie erstarrte und blickte mich an. All ihr Blut war aus ihrem Gesicht gewichen, und mir fielen ihre blauen Augen auf. Hellblau wie Vergissmeinnicht im Frühling. Ein so leuchtendes Blau, dass ich mich fragte, ob sie farbige Kontaktlinsen trug.

»Was hast du eben zu mir gesagt?« Ihre Stimme war tonlos.

»Ich heiße Liara Lehmann.«

»Nein, vorher!«

Himmel, verstand sie denn keinen Spaß? Oder wollte sie unbedingt Streit? Wenn sie jedes Wort von mir auf die Goldwaage legte, dann würde das kommende Schuljahr bestimmt anstrengend werden.

»Du hast mich Hoheit genannt!«

Sie sah mich immer noch an, der Ausdruck in ihren Augen eine Mischung zwischen Angst und Entsetzen. Mir kam zum ersten Mal der Gedanke, sie könnte einen Dachschaden haben.

»Meine Güte, das hab ich einfach dahingesagt, weil du mich so rumkommandiert hast! Als wäre ich deine Kammerzofe.«

Jetzt wurde sie knallrot und biss sich auf die Lippe. Ihre Zähne waren perfekt. »Sorry«, sagte sie leise.

»Schon okay«, erwiderte ich. »Aber ich würde auch gerne wissen, wie du heißt, wenn wir uns schon ein Zimmer teilen müssen.«

»Ach so. Klar. Ich bin Viola. Viola … Smith.«

Sie wandte sich wieder den Koffern zu, und gemeinsam zogen wir die beiden Ungetüme ins Zimmer.

Es war mir recht, dass ich mich mit dem Gepäck beschäftigen konnte, denn ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Herzlich willkommen? Oder: Auf eine gute Gemeinschaft? So empfand ich nicht. Ich wusste wirklich nicht, was ich von ihr halten sollte. Ihr Benehmen war reichlich seltsam und unser Start nicht gerade glücklich.

Du musst den Dingen Zeit geben!, hörte ich wieder Oma Elfriedes Stimme in meinem Kopf. Aber Geduld war leider nicht meine stärkste Seite.

»Du solltest den Kratzer auf deiner Hand unbedingt desinfizieren!« Viola starrte so fasziniert auf die blutige Linie, als wäre sie ein Vampir. Fehlte nur noch, dass sie sich die Lippen leckte! »Das kann sonst eine Infektion geben. An Blutvergiftung sind schon viele Leute gestorben!« Mit plötzlicher Hektik öffnete sie die Seitentasche eines der beiden Rollkoffer, und zog ein edles Lederetui hervor. Es war ein perfektes Erste-Hilfe-Set. Ehe ich protestieren konnte, besprühte sie meinen Kratzer mit einer klaren, aber höllisch brennenden Flüssigkeit, säuberte die Wunde mit einer Kompresse, sprühte noch einmal und klebte ein Pflaster auf meine Haut.

»Perfekt!«, sagte sie zufrieden. »Jetzt kann nichts mehr passieren!«

Ob sie wohl auch die Klobrille unseres gemeinsamen Badezimmers jedes Mal desinfizierte, wenn sie sich draufsetzen wollte?

»Danke«, murmelte ich und drückte das Pflaster noch etwas fester an. »Du solltest Krankenschwester werden.«

»Wahrscheinlich werde ich zur Army gehen müssen«, meinte sie. »Aber du hast recht, ich könnte vielleicht zum Medical Service.«

Welche normale Dreizehnjährige spielte mit dem Gedanken, Wehrdienst zu leisten? Die meisten von uns wollten Schauspielerin, Model oder Influencerin werden. Ich kam mir manchmal schon seltsam vor, weil ich später unbedingt Bücher schreiben wollte. Meine eigenen Geschichten gedruckt zu sehen, das war mein größter Wunsch. Aber das Ziel, eine berühmte Autorin zu werden, deren Bücher in der ganzen Welt gelesen werden, war längst nicht so schräg wie die Vorstellung, sich in Uniform und mit Gewehr in den Schlamm zu werfen. Freiwillig. Oder doch nicht ganz freiwillig? Hatte Viola nicht etwas von »müssen« gesagt? Was waren das für Eltern?

Zum ersten Mal regte sich so etwas wie Mitleid in meiner Brust.

»Na ja, es dauert schließlich noch eine Weile, bis wir mit der Schule fertig sind«, sagte ich. »Jetzt müssen wir erst einmal dieses Schuljahr durchstehen.«

Viola verdrehte die Augen. »Ich hoffe, hier ist es besser als anderswo. Kelpie Castle hat zumindest einen guten Ruf.«

»Ja, weil sich die Lehrer in Vollmondnächten in Kelpies verwandeln, in diese unheimlichen Pferde«, gab ich zurück. »Sie verfolgen jeden, der in den Arbeiten nicht die nötige Punktzahl erreicht hat. Wie du sicher weißt, lieben Kelpies es, Menschen zu verspeisen.«

Sie musterte mich mit ernster Miene. »Du machst Spaß«, stellte sie dann trocken fest.

Ich unterdrückte ein Stöhnen. Humor schien nicht gerade ihre Stärke zu sein.

Wäre Viola rechtzeitig zur Einführungsversammlung da gewesen, dann hätte sie erfahren, warum unser Schlossinternat zu diesem seltsamen Namen gekommen war.

Im 19. Jahrhundert hatte ein stinkreicher Lord namens Mortimer Hamilton mit seiner Frau und seinem vierjährigen Sohn Urlaub auf dieser schottischen Insel gemacht. Leider war ihre Nanny ziemlich unzuverlässig und passte nicht besonders gut auf das Kind auf. Plötzlich war der Kleine, der friedlich am Strand gespielt hatte, verschwunden. Es begann eine große Suche nach dem Jungen, während Lady Hamilton einen Nervenzusammenbruch erlitt, weil sie überzeugt war, dass ihr Sohn ins Meer gefallen und ertrunken war. Der Lord verbrachte eine ganze Nacht auf Knien in einer Kapelle und flehte den Himmel an, seinen Sohn zu retten. Er legte ein Gelübde ab, auf dieser Insel eine Schule bauen zu lassen. Am nächsten Tag tauchte der Junge wohlbehalten auf dem Rücken eines geheimnisvollen schwarzen Pferdes auf. Der Lord und seine Gattin waren außer sich vor Freude. Er erfüllte sein Gelübde und ließ ein Schloss im neogotischen Stil bauen – Kelpie Castle. Denn das schwarze Pferd, das niemandem gehörte und das im ganzen Trubel einfach wieder spurlos verschwunden war, konnte nur ein Kelpie gewesen sein. Zuerst nahm die Schule nur Jungen auf, aber zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden endlich auch Mädchen zugelassen. Zu Ehren des geheimnisvollen Pferdes, das den Jungen gerettet hatte, ließ der Lord auch noch eine prächtige Marmorstatue anfertigen, die sich seither in der Schulbibliothek befand. Das Pferd war außerdem Teil unseres Schulwappens und zierte unsere Schuluniformen.

Nun, Viola würde die Geschichte unserer Schule irgendwann mitbekommen. Jetzt gab es erst einmal Wichtigeres zu tun, nämlich den Inhalt ihrer immensen Koffer zu verstauen. Es befand sich nur ein einziger Schrank im Zimmer, den Julia und ich uns geteilt hatten. Das hatte niemals zu Problemen zwischen uns geführt, im Gegenteil. Wir hatten oft und gerne die Klamotten getauscht, da wir beide ungefähr die gleiche Größe und Figur hatten. Aber bei Viola war nicht daran zu denken. Erstens war sie einen Kopf kleiner als ich und sehr zierlich, sodass ich mir plump und wie ein Trampel vorkam. (Ob sie überhaupt ein Gewehr schultern konnte, wenn sie tatsächlich zur Army musste?)

Und zweitens waren schon die ersten Kleider, die sie auspackte, ungemein kostbar. Alles edle Designerstücke. Die Familie musste in Geld schwimmen.

»Wow!«, entfuhr es mir, als eine Minitasche von Louis Vuitton herausrutschte. »Nicht übel!«

Viola funkelte mich an. »Die ist nicht echt«, klärte sie mich auf. »Denkst du, ich würde so ein teures Stück hierher mitnehmen, wo man es mir jederzeit klauen könnte?«

Ich glaubte ihr nicht. Für mich sah die Tasche sehr echt aus, und sie roch förmlich nach dem Preis, den sie gekostet hatte.

»An unserer Schule gibt es kaum Diebstähle«, sagte ich. »In Kelpie Castle legt man großen Wert auf Ehrlichkeit und Anstand.«

»Puh, das klingt schrecklich spießig«, knurrte sie.

Ich zuckte mit den Schultern. Meine Eltern zahlten viel Schulgeld, damit ich hier lernen konnte, und es war ihnen wichtig, dass es an diesem Institut noch nie Drogenexzesse oder andere Skandale gegeben hatte. Wenn ich ein Junge gewesen wäre, hätten sie mich vielleicht nach Eton geschickt. Aber so war ihre Wahl auf Kelpie Castlegefallen, unter anderem deswegen, weil es auf der kleinen Insel, die nur bei Ebbe mit dem Festland verbunden war, keine großartigen Ablenkungen gab.

»Feiert ihr hier keine wilden Partys?« Violas strahlend blaue Augen musterten mich prüfend.

»Nicht dass ich wüsste.«

»Ich weiß jetzt schon, dass ich vor Langweile sterben werde.« Viola ließ sich rücklings auf ihr Bett fallen, eine sehr theatralische Geste. Genauso schnell kam sie wieder hoch, starrte misstrauisch auf die Bettdecke und kräuselte die Nase.

Jetzt kommt’s!, dachte ich. Sie wird gleich niesen!

»Und die Katze war wirklich nicht auf meinem Bett?«, fragte sie.

Ich schüttelte stumm den Kopf.

»Okay.« Sie widmete sich wieder ihren Klamotten. So schlimm konnte ihre Katzenallergie offenbar nicht sein, sonst wäre sie schon längst mit Triefnase und roten Augen aus dem Zimmer gestürmt. Eine Klassenkameradin aus meiner Grundschule in Deutschland hatte behauptet, so stark gegen Katzen allergisch zu sein, dass sie im Supermarkt die Gänge mit dem Tierfutter vermied. Keiner hatte gewusst, ob die Geschichte tatsächlich stimmte.

Viola hatte inzwischen den Schrank geöffnet und starrte auf die Hälfte, in der meine Kleider hingen. Sie sah sie an, als wären sie giftig.

»Das muss alles raus«, murmelte sie.

»Na, hör mal!«, protestierte ich. »In jedem Zimmer gibt es einen Schrank, den man sich teilt. Es konnte ja niemand ahnen, dass du gleich mit einem Umzugswagen anrückst.«

»Ich bin aber nicht wie jede!«, fuhr sie mich an. »Wenn die Kleider zu eng hängen, knittern sie. Besonders Seide. Ich habe keine Lust, jeden Tag unordentlich herumzulaufen.«

»Tagsüber tragen wir unsere Uniformen, und die halten schon was aus«, entgegnete ich. »Die sind nicht aus Seide, soviel ich weiß.«

»Diese schreckliche Schuluniform!« Viola stöhnte. »Nur über meine Leiche!«

»Ich glaube nicht, dass die Direktorin deinetwegen eine Ausnahme macht«, sagte ich.

Zugegeben, die Uniformen waren nicht gerade Haute Couture. Die vorgeschriebene Kleidung für Mädchen bestand aus einem knielangen, blau-grün karierten Rock, einer hellblauen Bluse, einem dunkelgrünen Pullover und einer Krawatte, die das gleiche Muster wie der Rock hatte. Dazu trug man dunkle Wollstrumpfhosen oder an den seltenen, wirklich heißen Tagen dunkle Kniestrümpfe. Am unterrichtsfreien Wochenende konnten wir zum Glück anziehen, was wir wollten.

Bei den Jungen war es ähnlich, nur trugen sie lange karierte Hosen statt Röcke. Im Sommer durften es auch einmal kurze Hosen und Kniestrümpfe sein, doch das sah man bei den älteren Jahrgängen selten.

Automatisch wanderten meine Gedanken zu Tom. Tom Mallory. Er war zwei Jahrgangsstufen über mir. Jedes Mal, wenn ich ihn sah, fing mein Herz wie rasend an zu klopfen, aber bisher hatten wir kaum drei Sätze miteinander gewechselt. Ich wusste nicht, ob er mich überhaupt wahrgenommen hatte. Julia und ich hatten das Thema Tom endlos oft von vorne bis hinten durchgekaut und waren danach genauso schlau wie vorher. Fakt war, dass ich hoffnungslos in ihn verknallt war. Betonung auf hoffnungslos. Selbst einer Idiotin wie mir musste klar sein, dass meine Gefühle nicht erwidert wurden. Aber das wollte ich nicht akzeptieren. Die Hoffnung starb bekanntlich zuletzt, und insgeheim war ich überzeugt, dass irgendwann ein Wunder geschehen und Tom sich in mich verlieben würde. Beispielsweise dann, wenn in einem der Flügel von Kelpie Castle ein Feuer ausbrach und ich mich todesmutig in die Flammen stürzte und Tom rettete. Der halb Bewusstlose würde in meinen Armen liegen, und ich würde den Ruß in seinem Gesicht mit lauter kleinen Küssen wegküssen, bis Tom die Augen öffnete und stöhnte. »Ach, Liara, ich habe dich schon immer geliebt …«

Mit dieser oder einer ähnlichen Fantasie träumte ich mich gewöhnlich in den Schlaf.

»Sag mal, bist du taub?« Viola versetzt mir einen Rippenstoß. »Oder leidest du an Narkolepsie?«

»Häh? Was ist denn das?«

»Schlafkrankheit. Da schlafen Leute im Stehen ein, ohne es zu merken. Kann sehr gefährlich sein, wenn du gerade eine Straße überqueren willst.«

Ich schüttelte den Kopf. »Die Krankheit habe ich bestimmt nicht. Und ich bin auch nicht taub, sondern habe nur einen Moment an etwas gedacht. Was willst du?«

»Ich habe dich schon zwei Mal gefragt, wie wir das Schrankproblem lösen. Wenn du nur die Klamotten aufhebst, die nicht aussehen, als hättest du sie aus der Altkleidersammlung, dann könntest du sie in zwei Fächern unterbringen, und ich hätte etwas mehr Platz für meine Sachen. Ich weiß allerdings nicht, ob das reicht.«

Ich schnaubte vor Empörung. Altkleidersammlung! Sie hatte sie doch nicht alle! Und warum bildete sie sich ein, dass sie unseren Schrank so gut wie für sich allein beanspruchen konnte, während ich meine Sachen in zwei Fächer quetschen sollte? War sie so versnobt, oder wollte sie nur meine Grenzen austesten?

»Das geht nicht«, sagte ich. »Dann knittern nämlich meine Unterhosen, und ich lege Wert auf frisch gebügelte Unterwäsche.« Ich musste mich sehr zusammennehmen, um nicht in lautes Lachen auszubrechen. Julia hätte sich kichernd auf dem Boden gewälzt.

Viola verzog keine Miene. »Dann haben wir ein Problem.«

Ich nickte zustimmen. O ja, wir hatten ein Problem, und das Problem hieß Viola. Warum hatte ausgerechnet ich das Pech, sie als Mitbewohnerin zu bekommen? Gab es denn keinen anderen Wechsel in meiner Jahrgangsstufe? Jedes Jahr kamen doch etliche Neue, und andere gingen. Vielleicht konnte man die Zimmer tauschen?

»Wir sollten zur Direktorin gehen«, schlug ich vor. »Mrs Harper ist sehr nett und wird bestimmt eine Lösung finden.«

Und mich hoffentlich von dieser Viola befreien!

Audienz bei der Direktorin

Es war immer aufregend, wenn ich ins Büro der Schulleiterin gerufen wurde. Meistens war der Anlass harmlos, denn ich war eine Musterschülerin und ließ mir so gut wie nie etwas zuschulden kommen. Trotzdem hatte ich jedes Mal schreckliches Herzklopfen, denn Mrs Colleen Harper war einfach eine Respektsperson. Sie wurde nie besonders laut, und ich hatte auch kein einziges Mal erlebt, dass sie jemanden so richtig zur Schnecke machte. Aber sie konnte ihre Wünsche und Forderungen mit sanftem Nachdruck durchsetzen.

Viola und ich gingen die langen Flure entlang. Durch die Spitzbogenfenster fiel die sommerliche Abendsonne und malte orangefarbene Flecken auf den gefliesten Boden. Unsere Schritte hallten im Gang.

Es gab Abkürzungen im Schloss, aber ich hatte nicht vor, sie Viola schon an diesem ersten Tag zu zeigen. So gingen wir den offiziellen Weg über die breite Treppe, bis wir die Eingangshalle im Erdgeschoss erreichten. Von dort aus bogen wir nach links ab. Das Büro der Schulleitung befand sich gleich neben dem Sekretariat. Auf den Bänken im Gang saßen einige Eltern mit ihren Söhnen und Töchtern. Ein Mädchen sah verweint aus und klammerte sich an ihre Mutter.

Viola rümpfte die Nase und wollte gleich an die Tür der Schulleitung klopfen, doch ich hielt sie zurück.

»Nein, wir müssen genauso warten wie die anderen.«

»Ich auch?«, fragte Viola entrüstet und sah mich an, als wäre ich ein grünes Mädchen vom Mars mit Antennen auf dem Kopf.

»Ja, du auch!«, sagte ich und verdrehte innerlich die Augen. Was bildete sich Viola ein, wer sie war? Die Königin von England?

Violas Mundwinkel sanken herab. Sie begutachtete die Sitzgelegenheiten (zugegeben, das Holz war schon von den vielen Wartenden abgewetzt) und setzte sich dann vorsichtig auf den äußersten Rand der letzten freien Bank. Hätte sie ihr Desinfektionsspray dabeigehabt, hätte sie es bestimmt benutzt, darauf wettete ich. Ich nahm neben ihr Platz, mit einem guten Meter Abstand.

Wir warteten.

Und warteten.

Der Zeiger der schmiedeeisernen Wanduhr rückte quälend langsam vorwärts. Ab und zu wurde ein Name aufgerufen, dann verschwand wieder eine Familie in einem der Büros. Manchmal hörte man undeutliches Gemurmel hinter den dicken Türen, zu verschwommen, um ein Wort zu verstehen. Nach einer Stunde hatte sich die Zahl der Wartenden halbiert, aber ich hatte das Gefühl, dass wir noch bis übermorgen auf dieser Bank sitzen würden.

Viola schien ähnliche Gedanken zu haben. Plötzlich sprang sie auf, und bevor ich eingreifen konnte, stürzte sie zu Mrs Harpers Tür und riss sie auf.

»Es ist eine Frechheit, mich so lange warten zu lassen!«, rief sie, ungeachtet der Tatsache, dass die Schulleiterin gerade mit einem Vater im Gespräch war.

Ich zuckte zusammen, und in meine Wangen schoss das Blut. Zum ersten Mal in meinem Leben verstand ich, was der Begriff Fremdschämen bedeutete. Viola hatte mit ihrem Benehmen eindeutig eine Grenze überschritten. In dieser altehrwürdigen Schule galten Regeln, und Viola hatte eine wichtige davon gebrochen. Zögernd erhob ich mich, unschlüssig, ob ich Viola folgen oder mich einfach verdrücken sollte – nach dem Motto: Ich kenne dieses Mädchen ja gar nicht!

Aber leider brachte man uns in Kelpie Castle auch solche Dinge bei wie Solidarität und Gemeinschaftssinn. Außerdem war ich es gewesen, die Viola vorgeschlagen hatte, zu Mrs Harper zu gehen. Ich konnte sie nicht einfach ins offene Messer laufen lassen, selbst wenn Mrs Harpers Messer ziemlich stumpf war. Es ging auch um Schadenbegrenzung.

Ich hechtete hinter Viola her, bekam ihren Arm zu fassen und zog sie ein Stück zurück.

»Entschuldigung, Mrs Harper«, stammelte ich. »Viola meint es nicht so!«

Viola riss sich los. »Doch, ich meine es so!«, bekräftigte sie, und einen Augenblick lang sah es so aus, als wollte sie mit dem Fuß aufstampfen. Sie hatte ihn schon angehoben, aber als Mrs Harpers Blick sie traf, lächelnd, milde und voller Verständnis, senkte sie ihn wieder sachte auf den Boden.

»Viola Smith«, sagte Mrs Harper. »Herzlich willkommen an unserem Institut. Es tut mir leid, dass du warten musstest. Darf ich gerade dieses Gespräch zu Ende führen? Es dauert höchstens noch fünf Minuten. Danach habe ich Zeit für dich.«

Viola nickte gnädig und verließ mit zufriedener Miene das Büro, während ich ihr folgte und die Welt nicht mehr verstand. Warum duldete Mrs Harper so ein Benehmen? In meinem Kopf rasten die Gedanken. Bekam Viola eine Vorzugsbehandlung, weil sie vielleicht mit Mrs Harper verwandt war? Oje, dann hatte ich schlechte Karten. In meiner Fantasie sah ich schon, wie Viola all meine Klamotten aus dem Fenster warf und den Schrank für sich beschlagnahmte. Ob ich meine Eltern anrufen und sie bitten sollte, mich von der Schule zu nehmen? Aber ich mochte Kelpie Castle wirklich sehr gerne – das sollte mir Viola nicht nehmen! Und überhaupt, was war dann mit Tom? Wenn ich ging, würden sich unsere Wege nie wieder kreuzen! Die Hoffnung, Tom doch noch zu erobern, wollte ich mir von Viola nicht kaputtmachen lassen. Auf gar keinen Fall!

Mein Herz schlug immer noch wilder als sonst, als wir uns wieder auf die Wartebank setzten. Diesmal dauerte es tatsächlich nicht lange. Nach wenigen Minuten wurde Viola aufgerufen, und ich folgte ihr ins Büro, begleitet von hörbarem Murren jener Eltern, die eigentlich an der Reihe gewesen wären. Doch Mrs Harper ignorierte die Proteste mit einem freundlichen Lächeln und schloss die Tür hinter uns.

»Es freut mich sehr, dass du gut bei uns angekommen bist, Viola«, begann die Schulleiterin und wies uns an, Platz zu nehmen. »Wie ich sehe, hast du schon die Bekanntschaft deiner Zimmergenossin gemacht – Lena … Lara …«

»Liara«, korrigierte ich. Ich war seit zwei Jahren an der Schule und besuchte ab diesem Term die Secondary 3 – eigentlich müsste Mrs Harper allmählich meinen Namen kennen.

»Es geht um das Zimmer.« Viola hatte offenbar nicht vor, sich lange mit Small Talk aufzuhalten. »Genauer um den Schrank. Er ist viel zu klein. Selbst wenn Liara ihre Sachen woanders hinräumt, reicht der Platz nicht. Ich habe mich wirklich aufs Notwendigste beschränkt, aber ich bräuchte einen mindestens doppelt so großen Schrank.«

Aufs Notwendigste beschränkt? Mit diesen beiden Riesenkoffern? Violas Maßstäbe waren eindeutig anders als normal. Gespannt wartete ich auf Mrs Harpers Reaktion. Würde sie Viola einen Vortrag über Nachhaltigkeit und Schonung der Ressourcen halten, wie sie es sonst bei jeder Gelegenheit tat?

Weit gefehlt!

»Tja, dann … dann müssen wir sehen, dass wir die Kapazität des Kleiderschranks irgendwie erhöhen«, murmelte Mrs Harper und schob ihre Brille auf die Stirn. Mit ihrem runden Gesicht, den Apfelbäckchen und ihren gelockten, immer gut frisierten grauen Haaren wirkte sie wie eine Großmutter aus einem Bilderbuch, doch jetzt sah sie etwas gestresst aus. Die Mundwinkel hatten einen leicht verkniffenen Zug, und auch die Falten um ihre Augen schienen tiefer als sonst zu sein. »Du verstehst sicher, dass wir keine Wunder bewirken können, liebe Viola, aber wir werden natürlich unser Bestes versuchen. Ich werde gleich unserem Hausmeister Mr Holmes Bescheid sagen, damit er nachsieht, ob sich im Fundus der Schule etwas Passendes findet.«

»Danke«, murmelte Viola.

»Hast du sonst noch etwas auf dem Herzen?« Mrs Harper erhob sich, für uns ein Zeichen, dass sie das Gespräch beenden wollte.

»Die Katze«, antwortete Viola und blieb sitzen, während ich aufstand. »Ich will nicht, dass sie in mein Zimmer kommt.«

»In unser Zimmer«, stellte ich richtig.

»Ach, der gute Sam!« Mrs Harper schmunzelte. »Er macht leider, was er will. Er lebt schon seit vielen Jahren an dieser Schule, und viele Schülerinnen und Schüler behaupten, dass er ihnen Glück gebracht hat.«

»Aber ich reagiere allergisch auf Katzen!«