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Die Reihe RITTER WOLODYJOWSKI RITTER WOLODYJOWSKI ist die letzte eigenständige Reihe der sogenannten »Trilogie« (identisch mit der Reihe DAS ÖSTLICHE KÖNIGREICH im apebook Verlag) von Henryk Sienkiewicz über das polnisch-litauische Commonwealth im 17. Jahrhundert. Die erste eigenständige Reihe MIT FEUER UND SCHWERT behandelt die Chmelnitzky-Rebellion in der Ukraine. DIE SINTFLUT, die zweite eigenständige Romanreihe, behandelt die Kriege mit Schweden und Russland. RITTER WOLODYJOWSKI (manchmal auch »Pan Michael«, »Der kleine Ritter« oder »Feuer in der Steppe« genannt) befasst sich mit dem polnisch-türkischen Krieg. In diesem Roman begegnen wir wieder den Rittern Michal Wolodyjowski und Onufry Zagloba, den Helden der vorangehenden Reihen. Michal ist untröstlich über den Tod seiner Verlobten und hat sich in ein Kloster zurückgezogen. Doch angesichts der wachsenden Bedrohung des Reiches durch die Türken und Tataren, versucht Zagloba, ihn zur Rückkehr in den Soldatendienst zu bewegen. Während sich die Geschichte im Vordergrund mit einigen (auch romantischen) Irrungen und Wirrungen entwickelt, sieht man im Hintergrund bereits wie einen riesigen Schatten die Bedrohung einer gewaltigen osmanischen Streitmacht aufziehen. Die Auseinandersetzung mit dem übermächtigen Feind wird unausweichlich. Henryk Sienkiewicz ist einer der großen Erzähler der Belletristik und erhielt für sein episches Schaffen den Nobelpreis für Literatur. Der Historische Roman umfasst ca. 750 Seiten und liegt hier in einer überarbeiteten Neuauflage als Trilogie vor. Dieses ist der dritte von drei Bänden. Der Umfang des dritten Bandes entspricht ca. 250 Buchseiten. Die Reihe DAS ÖSTLICHE KÖNIGREICH Die Trilogie RITTER WOLODYJOWSKI ist die dritte eigenständige Sequenz der übergeordneten und insgesamt 13 (bzw. 17) Teile umfassenden Reihe DAS ÖSTLICHE KÖNIGREICH, die insgesamt aus drei solcher eigenständigen Sequenzen besteht: MIT FEUER UND SCHWERT (4 Teile), DIE SINTFLUT (6 Teile) und RITTER WOLODYJOWSKI (3 Teile). Alle Bände zeichnen die Wechselwirkungen zwischen Polen und seinen Nachbarländern im 17. Jahrhundert nach. Darüber hinaus kann die eigenständige vierteilige Reihe DIE KREUZRITTER, die im 14. und 15. Jahrhundert spielt, als chronologisches Prequel von DAS ÖSTLICHE KÖNIGREICH betrachtet werden. Insgesamt etwa 5.000 Seiten voller Abenteuer, Tragik, Liebe und Heldentum.
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HISTORISCHER ROMAN
IN DREI BÄNDEN
BAND III
Dieses Buch ist Teil der BRUNNAKR Edition: Fantasy, Historische Romane, Legenden & Mythen.
BRUNNAKR ist ein Imprint des apebook Verlags.
Nähere Informationen am Ende des Buches oder auf:
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1. Auflage 2020
V 1.0
eBook: ISBN 978-3-96130-296-3
Print: ISBN 978-3-96130-297-0
Buchgestaltung/Coverdesign: SKRIPTART
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Alle Rechte vorbehalten.
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RITTER WOLODYJOWSKI
HISTORISCHER ROMAN
IN DREI BÄNDEN
BAND I
BAND II
BAND III
Diese drei Bücher der in sich geschlossenen Trilogie sind zugleich die abschließenden Teile 11-13 der übergeordneten Reihe DAS ÖSTLICHE KÖNIGREICH, die aus insgesamt 13 Teilen in drei eigenständigen Unterreihen besteht: MIT FEUER UND SCHWERT (Teile 1-4), DIE SINTFLUT (Teile 5-10), RITTER WOLODYJOWSKI (Teile 11-13).
Darüber hinaus stellt die eigenständige Tetralogie DIE KREUZRITTER das chronologische Prequel der Reihe DAS ÖSTLICHE KÖNIGREICH dar.
Der erste Teil jeder (Unter-)Reihe ist kostenlos (eBook).
Einen Gesamtüberblick der Reihe DAS ÖSTLICHE KÖNIGREICH sowie Direktlinks zu den einzelnen Bänden findest du am Ende dieses Buches.
Inhaltsverzeichnis
RITTER WOLODYJOWSKI. Band III
Frontispiz
Impressum
Karte
BAND III
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
XVI
XVII
XVIII
XIX
XX
Epilog
Eine kleine Bitte
Direktlinks zu den einzelnen Bänden
Gesamtüberblick DAS ÖSTLICHE KÖNIGREICH
BRUNNAKR Edition
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Zu guter Letzt
KARTE
der
Schlachtaufstellung bei Chochim 1673
BAND III
Eine Abteilung Czeremisen, einige zwanzig Pferde stark, war eine Stunde früher entsendet worden, um die Straßen zu untersuchen und die Militärposten von der Durchreise der Frau Wolodyjowski zu unterrichten, damit überall Quartiere bereit seien. Dieser Abteilung folgte später die Haupttruppe der Lipker, dann der Schlitten mit Basia und Ewa, dann kamen andere Schlitten mit der weiblichen Dienerschaft und den Zug beschloß eine Reiterabteilung. Infolge von Schneewehen war der Weg ziemlich beschwerlich. Während die Kieferwälder, welche ihren Schmuck an grünen Nadeln auch im Winter nicht verlieren, den Schnee von der Erde abhielten, waren die längs des Dniestr sich hinziehenden, nun kahlen Wälder aus Eichen und sonstigem Laubholz kein genügender Schutz, und der Schnee lag bis zur halben Höhe der Baumstämme. Schnee füllte die engeren Schluchten und wuchs derart an, daß er an manchen Stellen Meereswogen glich, deren aufgetürmte Kämme sich jeden Augenblick zu überstürzen und mit dem allgemeinen Schneemeer zu vereinigen drohten. Beim Passieren schwieriger Hohlwege und bei steil abfallenden Stellen hielten die Lipker die Schlitten an Seilen zurück, und nur auf Hochebenen, wo die Schneedecke durch den Wind geglättet war, fuhr man rascher und folgte den Spuren der Karawane, welche sich schon früher von Chreptiow aus mit Nowiragh und den beiden gelehrten Anardraten aus den Weg gemacht hatten.
Der Weg war beschwerlich, jedoch nicht ganz so schlimm, wie er sich zu Zeiten in jenen an Erdspalten, Strömen, Bächen und Schluchten reichen Steppengegenden erweist, und man freute sich, noch vor Einbruch der Nacht, das in dem jäh abfallenden Grunde einer tiefen Schlucht liegende Mohilow erreichen zu können. Überdies waren Anzeichen vorhanden, die andauernd schönes Wetter versprachen.
Nach einem leichten Morgenrot stieg der Sonnenball empor und Ebenen und Schluchten und Wälder und die ganze Steppe erglänzte mit einemmal in seinen Strahlen. Wie mit Funken waren die Äste der Bäume überschüttet, und die Schneeflächen flimmerten und funkelten dermaßen, daß das Auge den Glanz kaum ertrug. Von hochgelegenen Punkten aus schaute der Blick durch offene Wiesenflächen wie durch die Fenster der Steppe weit hinweg bis zur Moldau, um sich dann in dem weißen und blauen sonnenüberfluteten Horizont zu verlieren.
Die Luft war frisch und trocken, ein Wetter, bei welchem Menschen und Tiere sich voll Kraft und Gesundheit fühlen. Die Pferde in den Reihen pusteten gewaltig und bliesen aus ihren Nüstern Wolken von Dampf, die Lipker aber sangen fröhliche Lieder, obwohl sie des Frostes wegen ihre erstarrten Beine bis unter ihre Mäntel emporzogen. Endlich hatte die Sonne am Himmelszelt den Zenithpunkt erreicht, und ihre Strahlen spendeten einige Wärme.
Basia und Ewa fanden es nun unter der Pelzdecke des Schlittens allzu heiß; sie lüfteten die Kapuzen, zeigten ihre rosigen Gesichtchen und schauten umher, Basia nach der Gegend, Ewa nach Azya, welcher sich nicht in der Nähe der Schlitten befand. Er ritt mit der Abteilung Czeremisen, welche die Straßen zu rekognoszieren und nötigenfalls von Schnee zu befreien hatte, voraus. Ewa war etwas unwillig darüber, allein Frau Wolodyjowski, die mit den Dienstvorschriften durchaus vertraut war, sagte ihr zum Trost:
»So sind sie alle; Dienst ist Dienst. Mein Michal hat keinen Blick für mich, wenn Dienstpflichten ihn in Anspruch nehmen, und es wäre schlimm, wenn es anders wäre, denn wenn man einen Krieger liebt, muß es auch ein rechter sein.«
»Aber wird er während der Rast bei uns sein?«
»Du wirst ihn noch mehr als genug haben. Hast Du nicht bemerkt, wie freudig bewegt er war, als wir fortzogen? Er strahlte förmlich vor Glückseligkeit!«
»Ich sah es; er war voll Freude!«
»Und wie wird er erst dann sein, wenn er Herrn Nowowiejskis Zustimmung erlangt hat?«
»Ach, was steht mir noch alles bevor! Gottes Wille geschehe! Aber das Herz erstarrt mir in der Brust, wenn ich an den Vater denke! Wenn er so schreit und seinen Willen durchsetzen will und mir seine Zustimmung verweigert? Da werde ich ein schönes Leben zu Hause haben!«
»Weißt Du, Ewa, was ich denke?«
»Nein, was denn?«
»Mit dem Azya läßt sich nicht spaßen! Dein Bruder könnte seine Macht gegen ihn anwenden, Dein Vater aber bekleidet keinen Kommandoposten. Ich glaube, wenn Dein Vater sich widersetzt, so wird Dich Azya dennoch mit sich nehmen!«
»Wie wäre denn das möglich?«
»Nun denn, ganz einfach, er entführt Dich! Man sagt, er mache nicht viele Umstände ... Er ist Tuchay-Beys Blut ... Unterwegs werdet Ihr vom ersten besten Geistlichen getraut. Andererorts sind Aufgebote, Taufscheine, Bewilligungen nötig, aber hier in dieser Wildnis geht alles ein bißchen nach tatarischer Art.«
Ewas Gesicht erhellte sich. Aber sie sagte:
»Das ist's, was ich fürchte, Azya ist zu allem fähig; das ist's, was ich fürchte!«
Basia wandte den Kopf nach ihr, schaute sie scharf an und brach dann plötzlich in ihr helles, kindliches Lachen aus.
»Du fürchtest das ebenso sehr, wie die Maus den Speck fürchtet. O ich kenne Dich!«
Evas von der kalten Luft gerötetes Gesicht wurde noch röter und sie sagte:
»Ich fürchte den Fluch meines Vaters und weiß doch, daß Azya im stande ist, auf nichts Rücksicht zu nehmen.«
»Sei guten Mutes!« antwortete Basia, »Außer auf mich kannst Du auch auf den Beistand Deines Bruders zählen. Treue Liebe erreicht immer ihr Ziel, Herr Zagloba sagte mir das zu einer Zeit, als ich Michal noch nicht im Traum eingefallen war.«
Beide wetteiferten nun in ihren Erzählungen von Michal und von Azya und unter ihrem lebhaften Geplauder flossen die Stunden rasch dahin, und die Karawane verbrachte die erste Nacht in Jaryszow. Von diesem schon früherhin elenden Orte war nach der Bauernrevolte nur ein kleines Wirtshaus übrig geblieben, welches zu der Zeit wieder hergestellt worden war, als die Truppendurchzüge Gewinn versprachen. Basia und Ewa trafen dort einen durchreisenden armenischen Kaufmann, welcher Saffianleder nach Kamieniec brachte.
Azya wollte ihn samt den ihn begleitenden Wallachen und Tataren zur Türe hinaus weisen, doch die Frauen gestatteten ihm zu bleiben, und nur seine Begleitung mußte sich entfernen. Als der Kaufmann erfuhr, die reisende Dame sei Frau Wolodyjowski, da tat er einen Fußfall und begann, Basias Gemahl bis in den Himmel zu erheben, und sie lauschte seinen Worten mit großer Freude. Zuletzt begab er sich zu seinen Lasttieren und bot ihr nach seiner Rückkunft ein Kästchen mit besonders köstlichen Leckerbissen zum Geschenk an, sowie eine kleine Büchse mit wohlriechenden türkischen Kräutern, Heilmittel gegen mannigfache Übel.
»Dies sei ein Tribut meiner Dankbarkeit,« sagte er. »Früher durften wir nicht wagen, auch nur den Kopf aus Mohilow herauszustrecken, so schrecklich hauste Azba-Bey und solch eine Menge Räuber gab es in allen Schluchten, Hohlwegen und auch am jenseitigen unteren Lauf des Flusses. Nun aber sind die Straßen und ist der Handel gesichert; nun können wir wieder reisen. Möge Gott die Tage des Kommandanten von Chreptiow verlängern und einen jeden Tag so lang werden lassen, daß er für den Weg von Mohilow nach Kamiemec reiche, und jede Stunde so ausdehnen, daß sie wie ein Tag erscheine. Unser Kommandant, der Herr Feldkriegsintendant, sitzt lieber in Warschau, während der Herr Kommandant von Chreptiow allein über die Sicherheit wacht und die Gegend dermaßen von Raubgesindel gesäubert hat, daß dieses jetzt lieber den Tod, als den Dniestr sieht.«
»Also ist Herr Rzewuski nicht in Mohilow?« fragte Basia.
»Er führte nur die Truppen hierher, und ich weiß nicht, ob er länger als drei Tage hier verweilte. Wollen Euer Gnaden sich bedienen, hier in diesem Kistchen sind getrocknete Weintrauben, in der Ecke Früchte, wie man sie selbst in der Türkei nicht findet; sie kommen aus dem fernen Asien und wachsen dort auf Palmen ... Der Herr Feldkriegsintendant sind also nicht hier, und gegenwärtig haben wir auch gar keine Reiterei, denn sie ist gestern plötzlich nach Braclaw aufgebrochen ... Hier sind Datteln, mögen sie den gnädigen Herrschaften gut bekommen ... Nur Herr Gorzenski ist mit dem Fußvolk zurückgeblieben, die ganze Reiterei aber ist fort.«
»Das wundert mich, daß die ganze Reiterei fortgezogen ist,« sagte Basia mit einem fragenden Blick auf Azya.
»Sie zog fort, damit die Pferde nicht zu lange stehen,« erwiderte Tuchay-Beys Sohn; »jetzt ist alles ruhig.«
»In der Stadt erzählten sie, Doroszenko sei ganz unvermutet aufgebrochen,« bemerkte der Kaufmann.
Azya lachte. »Womit soll er denn die Pferde füttern? mit Schnee vielleicht?« sagte er zu Basia.
»Herr Gorzenski wird den gnädigen Herrschaften die beste Auskunft darüber geben können,« fügte der Kaufmann hinzu.
»Ich glaube nicht, daß etwas an der Sache ist,« sagte Basia nach einigen Augenblicken des Nachsinnens. »Wäre wirklich etwas daran, so müßte doch zuerst mein Gemahl davon wissen.«
»Ohne Zweifel würden die Nachrichten darüber zuerst in Chreptiow angelangt sein,« meinte Azya. »Ihr, wohledle Frau, könnt darüber unbesorgt sein.«
Basia erhob ihr lichtes Antlitz zu dem Tataren und ihre Nasenflügel bewegten sich, während sie sagte:
»Ich in Besorgnis! Das ist köstlich! Was fällt Euch ein? Hörst Du, Ewa, ich in Besorgnis!«
Ewa konnte nicht gleich antworten, denn sie war eine große Freundin von süßen Dingen und hatte den Mund voll Datteln, was sie jedoch nicht abhielt, Azya mit heißen Blicken anzuschauen; als sie die Früchte hinabgeschluckt hatte, sagte sie:
»An der Seite eines solchen Kriegers fürchte auch ich mich nicht.«
Dann warf sie dem Sohne Tuchay-Beys zärtliche und bedeutungsvolle Blicke zu.
Er aber fühlte von der Zeit an, da sie ihm als ein Hindernis auf seinem Wege erschien, nur Groll und heimliche Abneigung gegen sie. In unbeweglicher Haltung und mit niedergeschlagenen Augen sagte er:
»In Raszkow wird es sich zeigen, ob ich solchen Vertrauens auch würdig bin!«
Es lag etwas wie eine Drohung in seiner Stimme. Den beiden Frauen war dies jedoch darum nicht auffällig, weil sie daran gewöhnt waren, daß sich der junge Lipker in Reden und Handlungen von anderen verschieden zeigte.
Gleich darauf drängte Azya zur Fortsetzung der Reise, weil die Berge von Mohilow hoch und steil und nicht leicht zu überschreiten seien, und dies noch bei Tageslicht geschehen müsse. Ohne Verzug wurde aufgebrochen und der Weg bis zu den Bergen wurde sehr rasch zurückgelegt. Basia wollte von dort an reiten, aber Azya überredete sie, mit Ewa im Schlitten zu bleiben, welcher von Seilen festgehalten und mit größter Vorsicht den Berg hinunter gelassen wurde. Während dieser Zeit ging Azya zu Fuß neben dem Schlitten her, aber von der Sicherheit der Frauen und von seinem Kommando in Anspruch genommen, wechselte er nur selten einige Worte mit Basia oder Ewa.
Die Sonne sank, bevor sie noch das Gebirge völlig überschritten hatten, und die Abteilung von Czeremisen, die an der Spitze marschierte, zündete an manchen Stellen ein Feuer aus dürren Ästen an. An diesen Feuerherden und den bei ihnen aufgestellten wilden Gestalten vorbei bewegte man sich wieder vorwärts. In dem Zwielicht des Abends und des matten Feuerscheines traten in unbestimmten, schreckhaften Umrissen zerrissene Felsenabhänge drohend hervor. All dies hatte den Zauber des Neuen, Seltsamen; alles hatte den Anschein einer gefährlichen und geheimnisvollen Expedition, weshalb auch Basias Seele im siebenten Himmel Mahomeds schwelgte und ihr Herz von Dankgefühl sowohl gegen ihren Gatten überfloß, der diese Reise in unbekannte Regionen gestattet, als für Azya, der diese Reise so trefflich einzurichten wußte. Basia begriff jetzt zum erstenmal die Bedeutung der militärischen Märsche, von deren Beschwerlichkeiten die Krieger ihr so viel erzählt hatten; und sie wußte nun, was steile, schwindelerregende Straßen bedeuten. Eine tolle Lustigkeit erfaßte sie. Sie würde sich sicherlich aufs Pferd geschwungen haben, hätte sie nicht im Schlitten mit Ewa plaudern und dieser bange machen können. Wenn in den Windungen der Schluchten die vorausmarschierende Abteilung ihren Augen entschwand und die gegenseitigen wilden Zurufe der Leute an den überhängenden Felswänden widerhallten, dann wandte sich Basia zu Ewa und rief, deren Hände ergreifend:
»Oho! Das sind Wegelagerer oder Tatarenhorden.«
Allein Ewa dachte an Azya, den Sohn des Tuchay-Beys und beruhigte sich sofort wieder.
»Die Wegelagerer sowohl als die Tatarenhorden ehren und fürchten ihn,« antwortete sie. Dann neigte sie sich an Basias Ohr und sagte: »Und ginge es nach Bialogrod oder nach der Krim – wenn ich nur ihm zur Seite bin!«
Der Mond stand hoch am Himmel, als sie am Ausgang des Gebirges anlangten. Wie in einem Abgrund erblickten sie tief unter sich eine Anzahl winziger Lichter.
»Mohilow liegt zu unseren Füßen,« sagte eine Stimme hinter Basia und Ewa.
Beide wandten sich um. Es war Azya, der hinter dem Schlitten auf dem Trittbrett stand.
»Also in der Tiefe der Schlucht liegt dieser Ort?« fragte Basia.
»So ist es. Er ist vollständig durch die ihn umgebenden Berge gegen die rauhen Winde geschützt,« erwiderte er, indem er seinen Kopf zwischen die Köpfe der Frauen schob. »Belieben Euer Gnaden zu bemerken, welch ein Unterschied in der Luft, wie es hier warm und windstill ist. Der Frühling zeigt sich hier um zehn Tage früher als auf der anderen Seite des Gebirges, und früher belauben sich hier die Bäume. Jene grauen Stellen an den Abhängen sind Weinberge; noch aber deckt Schnee die Ebene!«
Schnee lag noch überall, aber es war in der Tat wärmer und windstill. In dem Maße als man sich, den steilen Bergabhang hinabfahrend, der Thalsohle näherte, glänzte ein Licht nach dem andern auf, und es wurden ihrer immer mehr.
»Es scheint das eine große, ansehnliche Stadt zu sein!« bemerkte Ewa.
»Welcher Art sind die Einwohner?«
»Es sind Tataren, welche ihre von Holz erbaute Moschee haben, denn in der Republik ist niemand in der Ausübung seines Glaubens gehindert. Auch leben daselbst Wallachen, Armenier und Griechen.«
»Griechen sah ich einmal in Kamieniec,« sagte Basia, »denn wenn auch ihre Wohnsitze von hier weit entfernt sind, kommen sie doch des Handels wegen überall hin.«
»Die Stadt hat einen von anderen Städten verschiedenen Charakter,« bemerkte Azya. »Welch' verschiedene Nationen kommen hier zu Handelszwecken zusammen! Jene Ansiedelung, die wir unterwegs in der Ferne seitwärts liegen sahen, heißt Serby.«
»Jetzt werden wir gleich in die Stadt einfahren!« sagte Basia.
So war es in der Tat. Gleich zu Anfang des Ortes machte sich ein widerlicher Geruch von Leder und von Säure bemerklich. Es war der Geruch des Saffianleders, mit dessen Zubereitung sich fast sämtliche Einwohner Mohilows, insbesondere die Armenier befaßten.
Wie Azya zuvor gesagt, erwies sich die Stadt als eine von andern Städten gänzlich verschiedene. Die Häuser waren in asiatischer Art erbaut und hatten mit dichtem, hölzernen Gitterwerk verdeckte Fenster. Manche hatten überhaupt keine Fenster nach der Straßenseite zu, und nur aus den Höfen stieg die Helligkeit des Feuerscheins der Herde empor. Die Gassen waren nicht gepflastert, wiewohl es in der Umgegend an Steinmaterial nicht fehlte. Da und dort standen Bauten von ganz eigentümlicher Gestalt mit gitterartigen, durchsichtigen Wänden. Es waren dies Darrhäuser, in welchen frische Weintrauben in Rosinen umgewandelt wurden.
Der Geruch des Saffianleders erfüllte den ganzen Ort.
Herr Gorzenski, welcher das Fußvolk befehligte, war durch die Czeremisen von der Ankunft der Gemahlin des Kommandanten von Chreptiow benachrichtigt worden und ritt ihr entgegen, um sie zu empfangen. Es war dies ein ältlicher Mann, welcher stotterte und überdies infolge des Schusses aus einer Janitscharenflinte, der ihn ins Gesicht getroffen, auch lispelte. Basia wäre beinahe in Lachen ausgebrochen, als er den »Stern« pries, »welcher an dem Mohilower Himmel aufgegangen« und dabei fortwährend stecken blieb. Aber er gab sich die erdenklichste Mühe, sie in der gastfreundlichsten Weise zu empfangen. In dem Fort wartete ihrer ein Abendessen und ein äußerst bequemes Nachtlager auf frischen und reinen Eiderdaunen, welche er bei dem vermöglichsten Armenier zwangsweise entliehen hatte. Herr Gorzenski stotterte zwar fortwährend, allein während des Abendessens wußte er in so interessanter Weise zu erzählen, daß es der Mühe lohnte, ihm zuzuhören. Nach seiner Ansicht wehte plötzlich und unerwartet von der Steppe her ein beunruhigender Wind. Es verlautete, daß eine starke Abteilung der Krimer Horde, die dem Doroszenko unterstand, sich urplötzlich gegen Haysyn und die Gegend oberhalb der Stadt in Bewegung setzte, und daß sich der Horde einige Tausend Kosaken angeschlossen hätten. Überdies schwirrten noch allerhand beunruhigende Gerüchte durch die Luft, welchen Herr Gorzenski jedoch keinen sonderlichen Wert beilegte.
»Denn es ist Winter,« sagte er, »und seitdem der liebe Gott die Welt erschaffen, unternehmen die Tataren ihre Auszüge stets im Frühjahr; denn da sie stets auf der Hauptstraße marschieren, keinen Wagenpark und keine Bagage mit sich führen, so nehmen sie auch kein Pferdefutter mit und können keins mitnehmen. Es ist hier allgemein bekannt, daß nur die Kälte die türkische Macht von einem Kriege mit uns zurückhält, und daß wir, sobald die Wiesen grünen, von Gästen heimgesucht werden. Daß es jetzt schon zu etwas kommen sollte, daran kann ich jedoch unmöglich glauben.«
Lange mußte Basia geduldig warten, bis Herr Gorzenski mit seiner Rede, während welcher er den Mund wie beim Essen bewegte, zu stande gekommen war.
»Wie erklären sich Euer Hoheit eigentlich jene Bewegung der Horde gegen Haysyn?« fragte sie endlich.
»Ich bin der Ansicht, daß ihre Pferde alles Gras, was sie unter dem Schnee hervorscharren konnten, abgeweidet haben, und daß sie darum einen anderen Weideplatz aufsuchen wollen. Auch ist es nicht unmöglich, daß die in der Nähe der Leute des Doroszenko lagernde Horde mit diesen in Streit geriet; denn so war es von jeher. Obgleich sie im Felde zu einander stehen wie Verbündete, so beginnen doch gleich, wenn sie in der Nachbarschaft von einander lagern, die Raufhändel auf den Weideplätzen und in den kleinen Bazaren.«
»Das ist sicher der Fall!« sagte Azya.
»Und was noch mehr sagen will,« fuhr Herr Gorzenski fort, »jene Gerüchte stammen nicht direkt von unseren Streifkommandos, sondern wurden zum Teil durch Bauern, die von auswärts hierherkamen, teils durch hiesige Tataren ohne ersichtlichen Grund verbreitet. Vor drei Tagen brachte Herr Jakubowicz aus der Steppe die ersten Nachrichten, welche jene Gerüchte zu bestätigen schienen, deshalb rückte sogleich die ganze Reiterei ins Feld.«
»Also blieben Euer Hoheit nur mit dem Fußvolk zurück?« fragte Azya.
»Leider Gottes! Mit ganzen vierzig Mann! Kaum Mannschaft genug, um das Fort zu verteidigen, und so die in Mohilow lebenden Tataren einen Aufstand versuchten, ich wüßte wahrhaftig nicht, wie mich ihrer erwehren.«
»Aber diese werden doch nicht revoltieren?« fragte Basia.
»Ganz gewiß nicht, denn sie haben dazu keinen Grund. Viele leben mit ihren Weibern und Kindern ständig in der Republik und sind auf unserer Seite, und was die Fremden anbelangt, so halten die sich in Handelsangelegenheiten hier auf; es sind brave Leute.«
»Ich will Euer Hoheit fünfzig meiner berittenen Lipker zurücklassen,« sagte Azya.
»Gott vergelt' es Euch! Ihr erweist mir damit einen großen Gefallen, denn ich werde dann wenigstens in der Lage sein, Nachrichten einholen und erteilen zu können. Aber wird dies Euch auch möglich sein?«
»Gewiß! Es werden sich in Raszkow jene Anführer mit ihren Abteilungen versammeln, die seinerzeit zum Sultan übergegangen sind, jetzt aber wieder der Republik Gehorsam geloben wollen. Kryczynski wird dreihundert Reiter bringen, vielleicht auch Adurowicz. Die andern kommen später. Ich bin beauftragt, auf Befehl des Hetmans über alle das Kommando zu übernehmen. Vor dem Frühjahr wird eine ganze Division beisammen sein.«
Herr Gorzenski verneigte sich vor Azya. Wohl hatte er ihn von früher her gekannt, aber als vor einem Menschen von zweifelhafter Herkunft keine sonderliche Achtung vor ihm empfunden. Jetzt aber wußte er, es sei dies der Sohn von Tuchay-Bey, denn die letzte Karawane, mit welcher Nowiragh reiste, hatte die Kunde davon gebracht, und Gorzenski ehrte in dem jungen Tataren das Blut des großen, wenn auch feindlichen Kriegsmannes; außerdem ehrte er in ihm den Offizier, dem der Hetman so wichtige Funktionen anvertraut hatte.
Azya aber ging, um seine Befehle zu erteilen, und nachdem er den Hauptmann David herbeigerufen, sagte er ihm:
»David, Sohn des Skander, Du bleibst in Mohilow mit fünfzig Reitern zurück. Du wirst sehen mit Deinen Augen und hören mit Deinen Ohren, was rings um Dich her sich zuträgt. Und sollte etwa der kleine Falke von Chreptiow irgend welche Briefe mir nachsenden, dann wirst Du seinen Boten zurückhalten, ihm die Briefe nehmen und mir solche durch einen Deiner Leute zusenden. Du wirst hier bleiben, bis Du von mir weiteren Befehl erhältst, dann aber, so mein Bote zu Dir spricht: »es ist Nacht!« so entfernst Du Dich in aller Stille; so er aber spricht: »Der Tag bricht an!« dann steckst Du die Stadt in Brand, setzest über die Moldau und gehst dahin, wohin man Dir befiehlt ...«
»Ich werde sehen mit meinen Augen und hören mit meinen Ohren; den Boten, der vom kleinen Falken kommen wird, werde ich zurückhalten, ich werde ihm die Briefe nehmen und Dir solche durch einen meiner Leute zusenden. Ich werde hier bleiben, bis ich von Dir weitere Befehle erhalte. Dann aber, so Dein Bote zu mir spricht: es ist Nacht! entferne ich mich in aller Stille; so er aber spricht: der Tag bricht an! Dann stecke ich die Stadt in Brand, setze über die Moldau und gehe, wohin man mir befiehlt.«
Am folgenden Morgen setzte die Karawane, um fünfzig Pferde kleiner geworden, ihren Weg fort. Herr Gorzenski begleitete Basia bis jenseits der Schlucht von Mohilow. Dann kehrte er, nachdem er seine Abschiedsrede hervorgestottert, wieder nach Mohilow zurück, und sehr rasch eilten die Reisenden Jampol zu. Azya war ungewöhnlich gut gelaunt und trieb die Leute dermaßen an, daß sich Basia darüber verwunderte.
»Weshalb habt Ihr solche Eile?« fragte sie.
»Ein Jeder trachtet darnach, sein Glück so rasch als möglich zu erreichen,« antwortete Azya, »und das meine wird in Raszkow seinen Anfang nehmen.«
Ewa, die diese Worte auf sich bezog, lächelte zärtlich, und Mut fassend, sagte sie:
»Wenn nur mein Vater ...«
»Herr Nowowiejski wird mir in keiner Weise hinderlich sein!« antwortete der Tatar, und ein düsterer Schein flog über sein Antlitz.
In Jampol fanden sie fast keine Truppen. Fußvolk hatte dort niemals gelegen, und die Reiterei war fort. Nur wenige Mann waren zur Bewachung des kleinen Schlosses, oder vielmehr der Ruinen desselben zurückgeblieben. Das Nachtlager war bereit, aber Basia, durch jene Gerüchte beunruhigt, konnte nicht einschlafen. Insbesondere beschäftigte sie der Gedanke, wie sehr es dem kleinen Ritter nahe gehen würde, wenn es richtig wäre, daß sich Doroszenkos Scharen in Bewegung setzten; sie suchte sich aber damit zu trösten, daß es möglicherweise nicht der Fall sei. Es kam ihr in den Sinn, ob es nicht besser sein würde, unter Bedeckung eines Teiles der Krieger Azyas den Rückweg anzutreten. Aber allerlei Hindernisse standen einer solchen Absicht entgegen. Erstens hätte Azya, der die Besatzung von Raszkow verstärken sollte, nur ein kleines Geleite geben können, und im Fall einer wirklichen Gefahr würde dieses ungenügend sein, zweitens lagen schon zwei Drittel der Reise hinter ihnen. Auch war zu Raszkow ein ihr bekannter Offizier mit einer starken Besatzung stationiert, welche durch die Abteilung unter Tuchay-Beys Sohn und die Scharen jener anderen Befehlshaber verstärkt, zu einer recht ansehnlichen Macht anwachsen würde. All dies in Erwägung ziehend beschloß Basia, die Reise fortzusetzen.
Allein es floh sie der Schlaf. Zum erstenmal während dieser Reise war sie von Unruhe ergriffen, als ob irgend eine unbekannte Gefahr über ihrem Haupte schwebe. Vielleicht trug zu dieser Unruhe auch das Nachtlager in Jampol bei, denn der Ort war der Schauplatz schrecklicher und blutiger Ereignisse gewesen. Basia wußte davon durch die Erzählungen ihres Gatten und des Herrn Zagloba. Hier befand sich zur Zeit der Insurrektion Chmielnickis die Hauptmacht der polnischen Mordgesellen unter Burlaj; hierher hatte man die Gefangenen transportiert, um sie entweder für die morgenländischen Märkte zu verkaufen, oder sie auf grausame Weise zu Tode zu quälen; hier endlich fiel im Frühling des Jahres 1651, zur Zeit eines sehr besuchten Jahrmarktes, Herr Stanislaus Lanckoronski mit seinen Leuten ein und richtete ein so entsetzliches Blutbad an, daß die Erinnerung daran längs der Ufer des unteren Dniestr noch immer lebendig nachwirkte.
Überall schwebten über der ganzen Ansiedelung die Erinnerungen blutiger Taten; da und dort sah man schwärzliche Ruinen, und von den Mauern des halbverfallenen Schlößleins schienen die bleichen Gesichter hingemordeter Polen und Kosaken niederzuschauen. Basia hatte zwar Mut, aber vor Gespenstern fürchtete sie sich. Und man erzählte, daß sich sowohl in Jampol selbst, als an der Mündung des Szumilowka und an den Ufern des nahen Dniestr stets um Mitternacht ein ungeheures Weinen und Wehklagen hören lasse, und das Wasser im Mondlicht rot erscheine, als sei es durch Blut gefärbt. Der Gedanke daran erfüllte Basias Herz mit banger Sorge. Unwillkürlich lauschte sie in der Stille der Nacht, ob nicht aus dem Rauschen des Dniestr sich ein Schluchzen und Stöhnen vernehmen lasse. Allein sie vernahm nur das langgedehnte »Habt acht!« der Schildwache.
Jetzt dachte sie lebhaft an das stille Heim in Chreptiow, an ihren Gemahl, an Herrn Zagloba, an die freundlichen Gesichter der Herren Nienaszyniec, Muszalski, Motowidlo, Snitko und anderer, und zum erstenmal fühlte sie, wie weit, wie gar weit entfernt sie von allen sei, in einem fremden Lande, und solch ein Heimweh nach Chreptiow ergriff sie, daß ihr die Tränen in die Augen traten.
Erst gegen Morgen schlief sie ein, war aber von eigentümlichen Traumgesichten beunruhigt. Der Mordgeselle Burlaj und schaurige Scenen blutiger Metzeleien zogen an ihr vorüber, und beständig erblickte sie dabei das Antlitz Azyas. Aber es war nicht der Azya, den sie kannte, sondern es schien ein Kosak, ein wilder Tatar, oder Tuchay-Bey selbst zu sein.
Sie erhob sich frühzeitig, froh darüber, daß endlich die Nacht mit ihren beängstigenden Traumbildern vorüber sei. Sie beschloß, den Rest des Weges auf ihrem Zelter zurückzulegen, erstlich um sich Bewegung zu machen, dann um Azya und Ewa Gelegenheit zu einer freien Aussprache zu geben, welche in Anbetracht der Nähe Raszkows nötig war. Denn mußte nicht beraten werden, in welcher Weise alles dem alten Herrn Nowowiejski mitzuteilen, und wie dessen Einwilligung zu erlangen sei? – Allein Azya, welcher ihr eigenhändig den Steigbügel hielt, setzte sich nicht zu Ewa in den Schlitten, sondern ritt zunächst an der Spitze der Abteilung und hielt sich später in Basias Nähe auf.
Sie bemerkte sofort, daß die Mannschaft der Eskorte sich abermals verkleinert hatte und an Zahl geringer war, als bei dem Einzug in Jampol. Sie wandte sich darum zu dem jungen Tataren und sagte: »Ich sehe, daß Ihr auch zu Jampol einen Teil Eurer Leute zurückließet!«
»Fünfzig Pferde, ebenso viel wie in Mohilow,« erwiderte Azya.
»Warum das?«
Er lächelte eigentümlich; seine Lippen öffneten sich in einer Weise, wie die eines bösen Hundes, wenn er die Zähne fletscht, und erst nach einiger Zeit antwortete er:
»Ich wünsche jene Militärposten in meiner Gewalt zu haben, um Euer Gnaden den Rückzug zu sichern.«
»Wenn die Truppen aus den Steppen zurückkehren, wird ja dort ohnedies Besatzung sein!«
»Die Truppen werden nicht so bald zurückkehren.«
»Woher wißt Ihr das?«
»Sie müssen vor allem darüber Gewißheit haben, was bei dem Doroszenko vorgeht, und dazu sind drei bis vier Wochen nötig.«
»Ist dies der Fall, so tatet Ihr recht, die Leute zurückzulassen!«
Während einiger Zeit ritten sie schweigend weiter. Azya sandte häufig verstohlene Blicke nach Basias rosigem Antlitz, das von dem Mantelkragen und der Kapuze halb verdeckt war, und nach jedem Blick schloß er die Augen, wie um das liebliche Bild dem Gedächtnis besser einzuprägen.
»Ihr solltet Euch mit Ewa besprechen,« bemerkte Basia, das Gespräch wieder anknüpfend. »Ihr befaßt Euch überhaupt viel zu wenig mit ihr; sie weiß nicht, was sie davon denken soll ... Bald werdet Ihr ja vor Herrn Nowowiejskis Antlitz treten ... Auch mich beunruhigt das. Ihr solltet Euch beraten und dann einen Entschluß fassen, wie die Sache einzuleiten wäre.«
»Ich möchte lieber mit Euer Gnaden Rücksprache nehmen,« entgegnete Azya mit seltsamer Stimme.
»Weshalb sprecht Ihr dann nicht?«
»Weil ich erst einen Boten aus Raszkow abwarten will ... ich glaubte ihn schon in Jampol zu finden ... Er kann jeden Augenblick eintreffen.«
»Aber was hat denn dieser Bote mit unserer Unterredung zu tun?«
»Ich glaube, er kommt eben,« sagte der junge Tatar, einer Antwort ausweichend.
Er sprengte davon, kehrte jedoch nach einer Weile zurück. »Nein, das ist er nicht!«
In seiner ganzen Haltung, in seiner Rede, seinem Blick, seiner Stimme lag eine solche Erregtheit und Unruhe, daß Basia davon mitergriffen ward. Gleichwohl war noch nicht der leiseste Verdacht in ihr aufgestiegen. Ließ sich doch Azyas Unruhe durch die Nähe von Raszkow und von Ewas tyrannischem Vater erklären; dennoch fühlte sich Basia so bedrückt, als handle es sich um ihr eigenes Schicksal.
Sie näherte sich dem Schlitten und ritt während einiger Stunden neben Ewa her, indem sie ihr von Raszkow sprach, von dem alten Herrn Nowowiejski, von Herrn Adam, von Zosia Boski, zuletzt von der Gegend, die zu einer immer wilderen und schrecklicheren Einöde ward.
Wohl glich schon die Gegend unmittelbar hinter Chreptiow einer Wüstenei; aber dort stieg wenigstens von Zeit zu Zeit eine Rauchsäule am Himmel auf, oder es zeigte sich eine einzeln stehende Hütte oder Ansiedelung. Hier aber waren nirgends die Spuren von Menschen zu sehen, und wenn Basia nicht sicher gewußt hätte, sie sei auf dem Wege nach Raszkow, wo Menschen wohnen, und wo es eine polnische Besatzung gibt, sie hätte denken können, man führe sie in irgend eine unbekannte Einöde, in fremde Länder, ans Ende der Welt.
Indem sie die Gegend ringsum betrachtete, hielt sie unwillkürlich ihr Pferd an und blieb so hinter dem Schlitten und der Bedeckung zurück. Azya aber war bald wieder an ihrer Seite, und da er die Gegend genau kannte, wies er ihr verschiedene Plätze und nannte deren Namen.
Dies währte aber nicht lange, denn dem Erdreich entstiegen neblige Dünste. Offenbar hatte der Winter in diesen südlichen Gegenden nicht die gleiche Macht wie in dem waldreichen Chreptiow. Schnee lag zwar noch da und dort in den Schluchten, den Erdspalten, oder auf manchen Felskanten und an den nördlichen Abhängen der Hügel, aber im allgemeinen war die Erde damit nicht bedeckt und zeigte bloß die schwärzlichen Farben des Gestrüpps oder schimmerte von feuchtem, verwelktem Gras. Diesem Grase entstieg nun ein leichter, weißer Nebel, welcher, dicht über der Erde sich hinziehend, in der Entfernung einem großen Wasser glich, das die Thäler ausfüllte und die Ebenen überflutete; dann stieg dieser Dunst höher und höher, bis er zuletzt die Sonne verhüllte und den heiteren Tag in einen düsteren, nebligen verwandelte.
»Morgen wird es Regen geben,« sagte Azya.
»Wenn nicht schon heute. Wie weit ist es noch nach Raszkow?«
Der Sohn des Tuchay-Bey betrachtete die nächstgelegene, kaum noch durch den Nebel sichtbare Landschaft und sprach: »Von hier aus ist der Weg nach Raszkow kürzer als der Rückweg nach Jampol.«
Und ein tiefer Seufzer entstieg dabei seiner Brust, als ob ihm eine große Last vom Herzen falle.
In diesem Augenblick ließ sich der Hufschlag eines Pferdes vernehmen, und eine Reitergestalt ward in dem Nebel sichtbar.
»Halim! Ich erkenne ihn!« rief Azya.
Und in der Tat, es war Halim, welcher, an Azya und Basia heransprengend, sich vom Pferde schwang und ehrerbietig die Stirne gegen den Steigbügel des jungen Tataren schlug.
»Von Raszkow?« fragte Azya.
»Von Raszkow, o Herr!« erwiderte Halim.
»Was hörtest Du dort?«
Der Alte erhob sein häßliches, von unendlichen Mühsalen abgemagertes Antlitz gegen Basia, wie fragend, ob er in ihrer Gegenwart reden dürfe; aber Tuchay-Beys Sohn sagte sofort:
»Rede furchtlos! Sind die Truppen ausgezogen?«
»So ist es, o Herr! Nur ein Häuflein blieb zurück.«
»Wer führte sie?«
»Herr Nowowiejski.«
»Gingen die Piotrowicz' nach der Krim?«
»Lange schon! Nur die beiden Frauen und der alte Herr Nowowiejski blieben zurück.«
»Wo ist Kryczynski?«
»Jenseits des Flusses. Er wartet.«
»Wer ist bei ihm?«
»Adurowicz mit seiner Mannschaft. Sie beugen ihre Stirnen zu Deinem Steigbügel, o Sohn des Tuchay-Bey, und geben sich in Deine Hand, sie und alle, die noch nicht gekommen sind.«
»Es ist gut,« sagte Azya, und Feuer sprühte aus seinen Augen. »Jetzt eile sofort zu Kryczynski und erteile ihm den Befehl, sogleich Raszkow zu besetzen!«
»Du befiehlst es, o Herr!«
Im nächsten Augenblick saß Halim auf seinem Roß und verschwand im Nebel gleich einem Phantom.
Ein furchtbarer, unheilverkündender Ausdruck zeigte sich auf Azyas Gesicht. Der entscheidende Augenblick war für ihn gekommen, der längst erwartete, der Augenblick des höchsten Glückes; aber sein Herz schlug, daß ihm der Atem versagte.
Einige Zeit ritt er stumm an Basias Seite, und erst als er fühlte, daß seine Stimme ihn nicht verraten werde, wandte er seine unergründlichen, leuchtenden Augen auf sie und sprach:
»Jetzt ist der Augenblick da, mit Euer Gnaden ein aufrichtiges Wort zu reden.«
»Ich lausche!« versetzte Basia, ihn aufmerksam betrachtend, als wolle sie in seinem veränderten Antlitz lesen.
Azya lenkte sein Roß so dicht an den Zelter Basias, daß sein Steigbügel beinahe den ihren berührte, und schweigend ritt er so noch etwa zwanzig Schritte weiter. Er bedurfte dieser Zeit, um sein Inneres völlig zu beruhigen und wunderte sich selbst darüber, daß er eine solche Kraftanstrengung nötig hatte, um ruhig zu werden, da ja Basia in seiner Hand war, und es keine Macht der Welt gab, die sie ihm hätte entreißen können. Er war sich nicht bewußt, daß ungeachtet aller Unwahrscheinlichkeit, ungeachtet des gegenteiligen Augenscheins, denn doch ein Funke von Hoffnung in ihm glühte, es werde das heißersehnte Weib seine Liebe erwidern. Wenn auch diese Hoffnung nur schwach war, der Wunsch, daß sie in Erfüllung gehe, war so gewaltig, daß er wie von Fieberschauern geschüttelt wurde. Daß die so heißersehnte weder mit ausgebreiteten Armen an seine Brust sinken, noch die Worte »Azya, ich bin die Deine« aussprechen werde – Worte, von denen er ganze Nächte hindurch geträumt – noch mit ihren an seinen Lippen hangen werde, das wußte er. Aber wie würde sie seine Worte aufnehmen? Was wird sie sagen? Wird sie alle Empfindung verlieren, wie die Taube in den Klauen des Raubvogels, und wird sie sich ergreifen lassen, wie sich die hilflose Taube dem Geier ergibt? Wird sie unter Tränen um Barmherzigkeit flehen oder diese Einöde mit dem Aufschrei des Entsetzens erfüllen? Wird mehr als dies oder weniger geschehen? ... Solche Fragen bestürmten das Hirn des Tataren. Und doch, die Stunde war gekommen, alle Verstellung, jede Rücksicht aufzugeben und ihr sein wahres, schreckliches Antlitz zu zeigen ... Fort mit der Angst, fort mit der Unruhe – ha, noch einen Augenblick und alles wird sich erfüllen!
Zuletzt wandelte sich jene Bangigkeit im Innern des Tataren in der Weise um, wie dies meist bei der Angst wilder Tiere der Fall ist – sie wurde zur Wut, und nun stachelte er sich selbst mit dieser Wut auf. »Was auch geschehen mag,« dachte er bei sich, »sie ist mein, sie gehört mir ganz an, sie wird noch heute die Meine und bleibt auch morgen mein, und dann ziemt es ihr nicht mehr, zu ihrem Gatten zurückzukehren, und sie wird mir folgen.«
Bei diesem Gedanken erfaßte ihn wildes Entzücken, und er sagte plötzlich mit einer Stimme, welche ihn selbst fremd anmutete:
»Euer Gnaden haben mich bisher noch nicht gekannt!«
»Wie klingt doch Eure Stimme in diesem Nebel anders als sonst,« entgegnete Basia nicht ohne Unruhe. »Es ist in der Tat, als ob ein anderer spräche.«
»In Mohilow sind keine Truppen, in Jampol keine, in Raszkow auch keine. Ich allein bin hier der Herr ... Kryczynski, Adurowicz und die andern sind meine Untertanen, denn ich bin ein Fürst, bin eines Herrschers Sohn – ich bin ihr Vezier, ich bin ihr höchster Murza, ich bin ihr Anführer wie es Tuchay-Bey gewesen, bin ihr Khan, ich allein bin der Machthaber, alles hier liegt in meiner Hand ...«
»Warum sagt Ihr mir dies?«
»Euer Gnaden kannten mich bisher noch nicht ... Raszkow ist nicht mehr fern ... Ich wollte Hetman der Tataren werden und der Republik meine Dienste weihen, allein Herr Sobieski gestattete das nicht ... Nicht will ich länger Lipker bleiben, nicht länger dienen unter fremdem Kommando, sondern lieber selbst große Horden anführen gegen Doroszenko oder gegen die Republik, wie es Euer Gnaden wünschen, wie es Euer Gnaden befehlen! ...«
»Wie ich es befehle? ... Azya, was geht mit Euch vor?«
»Das geht vor, daß hier alle meine Untergebenen sind, ich aber Euer Untergebener bin! Was kümmert mich der Hetman! Ob er's gestattet oder nicht gestattet. Ein einzig Wort aus Euer Gnaden Munde und ich lege Euer Gnaden Akerman zu Füßen, lege die Dobrucza zu Euern Füßen, und diese Horden, welche hier ihre Ansiedelungen haben, wie auch die, welche in den »wilden Feldern« hausen und jene, welche allerwärts ihre Winterquartiere haben, sie werden ebenso Euer Gnaden Untertanen sein, wie ich Euer Untertan bin! ... Befehlt – und ich verweigere dem Khan der Krim den Gehorsam, ebenso wie dem Sultan; ich werde mit dem Schwert gegen sie kämpfen und der Republik helfen, ich will eine neue Kriegshorde in dieser Gegend aufstellen und sie sollen sich mir, ihrem Khan, unterwerfen, ebenso wie ich mich Deinen Befehlen unterwerfe. Vor Dir allein beuge ich mich huldigend zur Erde nieder. Dich allein flehe ich um Gnade, um Erbarmen an!«
Nach diesen Worten beugte er sich im Sattel vor, und das von seinen Worten verstörte und halb betäubte Weib umfassend, fuhr er fort, mit heiserer Stimme rasch auf sie einzureden:
»Hast Du es nicht gewußt, daß ich Dich allein liebe! ... Und was hab' ich gelitten! ... Jetzt nehme ich Dich mit mir fort! ... Du bist schon die Meine, und Du bleibst die Meine ... Keiner kann Dich hier meinen Händen entreißen ... Mein bist Du!«
»Jesus Maria!« schrie Basia auf.
Doch er umfaßte sie dermaßen, als ob er sie erdrücken wolle ... Ein kurzer, keuchender Atem entrang sich seiner Brust, sein Auge umflorte sich; zuletzt zog er sie mit Gewalt aus den Steigbügeln, aus dem Sattel, setzte sie vor sich aufs Pferd nieder und hielt sie krampfhaft fest, indem er ihren Mund zu küssen suchte.
Ohne einen Laut zu äußern, begann sie mit unerwarteter Kraft Widerstand zu leisten; es entspann sich ein Kampf zwischen ihnen, bei welchem nur die keuchenden Atemzüge beider zu hören waren. Die Heftigkeit seiner Bewegungen und die Nähe seines Gesichtes gaben ihr die Geistesgegenwart zurück. Sie geriet in einen Zustand der Hellsichtigkeit, wie er sonst nur bei Ertrinkenden vorkommt! Mit einemmale empfand sie alles mit der größten Klarheit. Zuerst war ihr zu Mut, als versinke die Erde unter ihren Füßen und ein bodenloser Abgrund tue sich auf, in welchen er sie hineinzureißen suche; sie sah seine Leidenschaft, erkannte seinen Verrat, ihr eigenes entsetzliches Schicksal, ihre Ohnmacht und Hilflosigkeit. Es überkam sie ein Gefühl der Angst, dann des schrecklichsten Wehes und Leides; zugleich aber loderte in ihrem Inneren die Flamme der furchtbarsten Empörung, der Wut und des Wunsches nach Rache auf. So groß war der Mut dieses heldenhaften Kindes, dieses auserwählten Weibes des tapfersten Ritters der Republik, daß in jenem grauenvollen Augenblick in Ihrem Innern der Gedanke »ich will mich rächen« vor dem Gedanken »ich will mich retten« auftauchte. Alle ihre Geisteskräfte waren aufs höchste angespannt, ähnlich wie sich in einem Augenblick des Entsetzens das Haar auf dem Kopfe sträubt; und jene Hellsichtigkeit der Ertrinkenden streifte bei ihr fast ans Wunderbare. Während des Kampfes begannen ihre Hände nach einer Waffe zu suchen; endlich faßte sie den Elfenbeingriff einer orientalischen Pistole. Aber sie hatte gleichzeitig die Geistesgegenwart, zu überlegen, daß selbst wenn die Pistole geladen wäre und es ihr gelänge, den Hahn zu spannen, er doch, ehe sie den Lauf auf seinen Kopf richten könne, ihre Hand ergreifen und sie des letzten Rettungsmittels berauben würde. Darum beschloß sie, ihn auf andere Weise anzugreifen.
... All dies währte kaum einen Augenblick. Er hatte in der Tat einen Angriff vorausgesehen und streckte schnell wie der Blitz seine Hand aus; allein er hatte die Art ihrer Bewegung nicht berechnet, beider Hände flogen aneinander vorbei und Basia schlug ihm voll verzweifelter Kraft mit ihrer jungen mutigen Faust den elfenbeinernen Griff der Pistole zwischen die Augen.
Der Schlag war so furchtbar, daß Azya, unvermögend aufzuschreien, rücklings vom Sattel fiel und sie mit herabriß.
Im nächsten Augenblick sprang Basia auf, schwang sich auf ihren Zelter und sprengte mit Windeseile davon, nach der anderen Seite des Dniestr, der weiten Steppe zu.
Sie verschwand in dem dichten Nebelschleier. Ihr Pferd raste mit zurückgelegten Ohren weiter, zwischen Felsen hindurch, über Erdspalten, Wasserrinnen und durch Schluchten. Jeden Augenblick konnte der Renner in eine Spalte stürzen, jeden Augenblick samt der Reiterin an einer Felsenkante zerschellen; allein Basia hatte des nicht acht. Für sie waren Azya und die Lipker die entsetzlichste Gefahr. Es war seltsam! Jetzt, wo sie den Klauen des Räubers entflohen war, und er wahrscheinlich tot inmitten des Felsengesteines lag, nahm Furcht ihr ganzes Wesen gefangen. Mit dem Gesichte auf der Mähne des Renners liegend, welcher im Nebel gleich der von Wölfen verfolgten Hindin dahinschoß, fürchtete sie Azya mehr als in dem Augenblick, da sie in seinen Armen lag; sie war voll Angst und fühlte ihre Ohnmacht und hatte die Empfindungen eines hilflosen, verwirrten, auf Gottes Gnade angewiesenen, einsamen, verlassenen Kindes. Klagende Stimmen wurden in ihrem Inneren laut und riefen unter Seufzen, Angst, Kummer und Schmerz um Hilfe:
»Michal, rette mich! ... Michal, rette mich!« ...
Das Pferd aber rannte weiter und weiter; von einem wunderbaren Instinkt geleitet, sprang es über Wasserrinnen, wich mit geschmeidiger Bewegung vorspringenden Felskanten aus, bis sein Hufschlag nicht mehr auf steinigem Boden widerdröhnte; offenbar war es auf eine der sumpfigen Wiesen geraten, welche sich da und dort zwischen den Schluchten dahinzogen.
Schweiß bedeckte es über und über; laut schnoben seine Nüstern, aber es rannte unaufhaltsam weiter.
»Wohin soll ich fliehen?« dachte Basia.
Und im Augenblick kam ihr die Antwort:
»Nach Chreptiow!«
Aber neue Angst erfaßte ihr Herz bei dem Gedanken an den weiten, durch furchtbare Wildnisse führenden Weg. Ihr kam plötzlich in den Sinn, daß Azya zu Mohilow und zu Jampol Abteilungen der Lipker zurückgelassen. Zweifellos waren sie alle miteinander verschworen; sie alle dienten Azya, und sie würden sie sicher ergreifen und nach Raszkow bringen; darum war es ratsam, weit hinein in die Steppe zu flüchten, und erst dann, mit Umgehung der Ansiedelungen am Dniestr, nach Norden sich zu wenden.
Dies empfahl sich um so mehr, weil eine etwaige Verfolgung unzweifelhaft den Weg längs der Ufer des Dniestr nehmen würde, während es nicht unmöglich war, in den weiten Steppen einem nach dem Fort zurückkehrenden polnischen Streifkommando zu begegnen.
Der Lauf des Pferdes wurde allmählich langsamer. Basia begriff als erfahrene Reiterin sofort, daß man ihm Ruhe gönnen müsse, damit es nicht falle; sie wußte auch, daß sie ohne ein Pferd inmitten dieser Wüstenei verloren wäre.
Sie hielt also das Roß zurück und ritt während einiger Zeit im Schritt weiter. Der Nebel war lichter geworden, aber dem Körper des armen Tieres entstieg eine heiße Dampfwolke.
Basia begann zu beten.
Plötzlich vernahm sie aus dem Nebel, etwa einige hundert Schritte hinter sich, Pferdegewieher. Ihre Haare sträubten sich.
»Mein Pferd wird fallen, aber auch die anderen werden zu Grunde gehen!« sagte sie laut; und wieder sprengte sie davon.
Einige Zeit flog der Zelter mit der Schnelligkeit einer von einem Falken verfolgten Taube weiter, und er lief bis zur äußersten Erschöpfung seiner Kräfte; aber das Wiehern ließ sich immer wieder in einiger Entfernung hinter ihm vernehmen. Es lag in diesem aus dem Nebel schallenden Gewieher etwas zugleich Banges und Drohendes. Nachdem der erste Schreck vorüber war, kam es Basia in den Sinn, daß das Pferd sicher nicht wiehern würde, wenn jemand darauf säße, denn der Reiter würde das zu verhindern wissen, um die Verfolgung nicht zu verraten.
»Es kann nicht anders sein, Azyas tatarisches Roß folgt meinem Pferd,« dachte Basia.
Zur Vorsicht zog sie beide Pistolen aus dem Halfter; aber diese Vorsicht war überflüssig. Nach einer Weile zeigte sich ein dunkler Punkt in dem lichter werdenden Nebel und Azyas Roß sprengte mit fliegender Mähne und geblähten Nüstern heran. Den Zelter erblickend, näherte es sich ihm in lustigen Sprüngen, ein abgebrochenes Wiehern ausstoßend, das dieser sofort erwiderte.
»Das Pferd, das Pferd!« rief Basia.
Das Tier, an Menschen gewöhnt, kam näher und ließ sich am Zügel fassen, Basia aber wandte die Augen gen Himmel und sprach:
»Deine Hilfe, o Gott!«