Silent Victim - Caroline Mitchell - E-Book
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Silent Victim E-Book

Caroline Mitchell

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Beschreibung

Manches ist schlimmer als Mord. Emma ist eine liebende Ehefrau – und eine Mörderin. Vor Jahren hat sie ihren Lehrer, der sie als Teenager verführte, erschlagen und auf dem Grundstück ihres Elternhauses vergraben – so glaubt sie zumindest. Als ihr Ehemann Alex eine neue Stelle annimmt, muss Emma ihr Elternhaus verkaufen. Zuvor will sie die Leiche verschwinden lassen. Doch das vermeintliche Grab ist leer. In ihrer Not offenbart sie sich ihrem Ehemann und löst damit etwas aus, das ihre Familie zu zerstören droht ... Psychologische Spannung vom Feinsten – der Bestseller aus Großbritannien.

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Seitenzahl: 469

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Über Caroline Mitchell

Carolin Mitchell hat lange Jahre als Polizistin gearbeitet und war auf Fälle von häuslicher Gewalt und besonders schweren sexuellen Vergehen spezialisiert. Sie stammt ursprünglich aus Irland und lebt nun mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in einem Dorf an der Küste von Essex.Mehr zur Autorin unter www.caroline-writes.com.

Wolfgang Thon lebt als freier Übersetzer in Hamburg. Er hat viele Thriller, u. a. von Brad Meltzer, Joseph Finder und Paul Grossman ins Deutsche übertragen.

Informationen zum Buch

Manches ist schlimmer als Mord.

Emma ist eine liebende Ehefrau – und eine Mörderin. Vor Jahren hat sie ihren Lehrer, der sie als Teenager verführte, erschlagen und auf dem Grundstück ihres Elternhauses vergraben – so glaubt sie zumindest. Als ihr Ehemann Alex eine neue Stelle annimmt, muss Emma ihr Elternhaus verkaufen. Zuvor will sie die Leiche verschwinden lassen. Doch das vermeintliche Grab ist leer. In ihrer Not offenbart sie sich ihrem Ehemann und löst damit etwas aus, das ihre Familie zu zerstören droht.

Psychologische Spannung vom Feinsten – der Bestseller aus Großbritannien.

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Caroline Mitchell

Silent Victim

Thriller

Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Thon

Inhaltsübersicht

Über Caroline Mitchell

Informationen zum Buch

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Prolog 2013

Kapitel 1 Emma • 2017

Kapitel 2 Alex • 2017

Kapitel 3 Emma • 2017

Kapitel 4 Luke • 2002

Kapitel 5 Emma • 2017

Kapitel 6 Emma • 2017

Kapitel 7 Emma • 2017

Kapitel 8 Luke • 2002

Kapitel 9 Alex • 2017

Kapitel 10 Emma • 2017

Kapitel 11 Luke • 2002

Kapitel 12 Emma • 2017

Kapitel 13 Emma • 2017

Kapitel 14 Luke • 2002

Kapitel 15 Emma • 2002

Kapitel 16 Alex • 2017

Kapitel 17 Alex • 2017

Kapitel 18 Emma • 2017

Kapitel 19 Luke • 2002

Kapitel 20 Emma • 2002

Kapitel 21 Emma • 2017

Kapitel 22 Emma • 2017

Kapitel 23 Alex • 2017

Kapitel 24 Luke • 2002

Kapitel 25 Alex • 2017

Kapitel 26 Emma • 2017

Kapitel 27 Alex • 2017

Kapitel 28 Emma • 2017

Kapitel 29 Alex • 2017

Kapitel 30 Luke • 2002

Kapitel 31 Emma • 2002

Kapitel 32 Alex • 2017

Kapitel 33 Emma • 2017

Kapitel 34 Emma • 2017

Kapitel 35 Emma • 2002

Kapitel 36 Luke • 2002

Kapitel 37 Alex • 2017

Kapitel 38 Emma • 2017

Kapitel 39 Emma • 2017

Kapitel 40 Alex • 2017

Kapitel 41 Emma • 2003

Kapitel 42 Luke • 2003

Kapitel 43 Alex • 2017

Kapitel 44 Emma • 2017

Kapitel 45 Alex • 2017

Kapitel 46 Luke • 2003

Kapitel 47 Emma • 2003

Kapitel 48 Emma • 2017

Kapitel 49 Emma • 2017

Kapitel 50 Alex • 2017

Kapitel 51 Emma • 2003

Kapitel 52 Emma • 2017

Kapitel 53 Alex • 2017

Kapitel 54 Alex • 2017

Kapitel 55 Emma • 2017

Kapitel 56 Emma • 2017

Kapitel 57 Emma • 2017

Kapitel 58 Emma • 2003

Kapitel 59 Alex • 2017

Kapitel 60 Alex • 2017

Kapitel 61 Alex • 2017

Kapitel 62 Emma • 2017

Kapitel 63 Emma • 2003

Kapitel 64 Alex • 2017

Kapitel 65 Emma • 2017

Kapitel 66 Emma • 2017

Kapitel 67 Alex • 2017

Kapitel 68 Emma • 2017

Kapitel 69 Luke • 2003

Kapitel 70 Alex • 2017

Kapitel 71 Emma • 2017

Kapitel 72 Emma • 2013

Kapitel 73 Luke • 2013

Kapitel 74 Alex • 2017

Kapitel 75 Emma • 2017

Kapitel 76 Emma • 2017

Kapitel 77 Alex • 2017

Kapitel 78 Emma • 2017

Kapitel 79 Alex • 2017

Kapitel 80 Emma • 2017

Kapitel 81 Emma • Zwölf Monate später

Anmerkung der Autorin

Danksagungen

Impressum

Benjamin,ich liebe Dich bis zum Mond und zurück x

Ein Gentleman ist einfach nur ein geduldiger Wolf.

Lana Turner

Prolog2013

Ich bin kein schlechter Mensch, aber ich habe etwas sehr Böses getan.

Ein Gefühl von Unwirklichkeit überkommt mich und verwischt die Konsequenzen meiner Tat.

Ich bin eine Mörderin, und meine Seele wird in der Hölle schmoren.

Der Schrei einer Möwe, die durch den düsteren Himmel gleitet, durchbohrt meine Gedanken. Es ist ein klagender, fordernder Schrei, und ich verharre vor der Grube, während ich die Schaufel in meiner Rechten umklammere. Schweiß läuft über die Mulde in meinem Kreuz, fühlt sich kühl im auffrischenden Wind des Zwielichts an. Vom Grund der Grube starrt Luke blicklos zu mir herauf. In der Erde unter seinem Kopf versickert sein Blut. Ich öffne die Lippen, um leichter Luft zu bekommen, während mein Brustkorb sich unter den panischen Atemzügen meiner Lunge hebt und senkt. Ist er wirklich tot? Habe ich ihn tatsächlich umgebracht? Mir zittern die Beine, und ich halte mich an der Schaufel fest – sie hilft mir, auf diesem verlassenen Feld stehen zu bleiben. Der Wind spielt mit meinem Haar und weht mir dunkle Strähnen in die Augen und zwischen die Lippen. Ich streiche sie hinters Ohr, während ich versuche, Klarheit zu gewinnen. Wie lange stehe ich schon hier? Die Zahnräder in meinem Verstand surren, versuchen die Bruchstücke des komplexen Gebäudes an ihre angestammte Stelle zurückzuschieben, nachdem es um mich herum zusammengebrochen ist. Mein Blick fällt auf die Schaufel, an deren Blatt immer noch sein Blut klebt. Das musst du sauber machen, flüstert eine Stimme in meinem Kopf. Aber versteck zuerst den Leichnam.

Meine Gedanken sind immer noch getrübt, als sich mein Selbsterhaltungstrieb regt. Mein Mann wird sich fragen, wo ich bin, sucht vielleicht schon nach mir. Ich sollte Lukes Puls fühlen, einen Krankenwagen rufen. Aber tief im Innersten weiß ich, dass es dafür zu spät ist. Der Graben ist mit dem frisch gefallenen Laub der an das Feld grenzenden Bäume ausgepolstert. Ein passender Ruheplatz, wenn auch nur für eine Nacht.

Ich stemme meinen Stiefel auf die Metallkante und treibe die Schaufel in die Erde. Dann hebe ich einen Keil davon aus und halte einen Moment inne, bevor ich die Ladung auf sein Gesicht schleudere. Als die Erde auf seinem offenen Mund landet, dreht sich mir der Magen um. Der Ernst der Lage trifft mich mit der Wucht eines Faustschlags. Ich falle auf die Knie und übergebe mich stöhnend auf eine Stelle mit Löwenzahn. Ich kralle die Finger in die Erde, versuche mich zu verankern, während ich huste und spucke, bis mein Hals frei ist. Ich riskiere keinen Blick auf Lukes Leichnam, während ich aufstehe und mir die Erde von der Jeans klopfe. Dann nehme ich wieder die Schaufel und fülle den Graben mit Erde, bis meine Muskeln schmerzen. Ich schwitze unter den Armen, und mein Gesicht brennt vor Anstrengung. Widerstreitende Gedanken kreisen in meinem Kopf, wie Geier, die sich bereit machen, über mich herzufallen. Ich habe eine Todsünde begangen. Heiße Tränen der Reue laufen mir über das Gesicht, als schließlich ein Gedanke immer wieder auftaucht und mir versichert, dass ich keine Wahl hatte.

Ich muss mich zwingen, mich zu fokussieren, und betrachte das flache Grab. Ich kann immer noch helle Stellen sehen, wo seine Haut nicht ganz bedeckt ist, seine Nase, seine Stirn. An einigen Stellen schimmern Flecken seines weißen Hemdes durch die Erde hindurch, und die Spitzen seiner Lederschuhe ragen himmelwärts. Ich unterdrücke ein Schluchzen. Ich muss das zu Ende bringen, aber meine Arme sind schwach, und die Schaufel fühlt sich an, als wäre sie aus Blei. Es wird immer dunkler, doch noch sind keine Wolken am Himmel, der das Aufflammen der Sterne erwartet, die noch hell leuchten werden, wenn ich schon lange tot und vergangen bin. Ich schlage den Blick nieder und versuche, meine Gedanken zu sammeln. Morgen werde ich hierher zurückkehren und den Job richtig erledigen. Aber jetzt muss ich nach Hause gehen. Ich ziehe ein paar beim letzten Sturm abgebrochene Äste heran und werfe sie über den Graben, bis die Stelle unberührt aussieht. Allerdings wird sie ohnehin keiner betrachten. Die einzigen Zeugen sind die Brachvögel und Möwen, die über meinem Kopf umherfliegen. Ich wische mir die Hände an der Hose ab, bevor ich die Schaufel an meinem Quad festzurre. »Morgen«, wiederhole ich flüsternd meinen Schwur zurückzukehren. »Morgen komme ich hierher zurück und begrabe ihn ordentlich.« Der Wind reißt mir die Worte von den Lippen, als würde er an meiner Aufrichtigkeit zweifeln. Ich hole tief Luft und kann das Zittern meiner Arme unterdrücken. Das Land wird fürs erste mein Geheimnis bewahren. Ich steige auf mein Quad und halte den Blick starr auf den Feldweg nach Hause gerichtet. Dann gebe ich Gas und verdränge alles, was passiert ist, tief in den letzten Winkel meines Verstandes.

Kapitel 1Emma • 2017

Mit geröteter Nase und lachend lief Jamie auf mich zu. Seine roten Gummistiefel polterten dumpf auf dem Boden, während er durch das Herbstlaub rannte. Mein Mann neigte dazu, Jamie größere Kleidung zu kaufen, als er benötigte. »Er wird schon hineinwachsen«, wie er dann immer sagt. Ich nahm mir vor, mit unserem Sohn eine Einkaufstour zu machen und ihn ordentlich einzukleiden. Dann schüttelte ich ein Papiertaschentuch aus der Packung auf und wischte ihm über die Nase.

»Gib mir Schwung, Mami!«, quietschte er. Seine unglaublich blauen Augen strahlten vor Aufregung, wie nur ein Kind sie empfinden kann. Er war fast dreieinhalb Jahre alt, und seine Sinne waren noch nicht von der Welt abgestumpft. Ich ging in die Knie, zog seinen blauen Dufflecoat gerade und seine Handschuhe hoch, bevor ich ihm erlaubte, zur Kinderschaukel zu laufen. Der Nebel hing noch über der Landschaft und machte den kleinen Spielplatz zu düster für die Mütter und ihre Kinder, die ihn nur im Sommer aufsuchten. Ich bin seit meiner Kindheit hierhergekommen und hatte nicht vor, jetzt damit aufzuhören. Die frische Luft würde Jamie beruhigen und müde machen und mir Zeit geben, meine Arbeit nachzuholen. Ich beobachtete, wie er zu den Schaukeln lief. Sein kleiner Körper schwankte hin und her, weil die wärmenden Kleidungsschichten seine Bewegungen behinderten.

Ich zuckte zusammen, als eine Hand meinen Rücken berührte. »Oh! Hast du mich erschreckt!«, keuchte ich und umklammerte den Arm meines Mannes.

»Und du bist sehr schreckhaft.« Sein freundliches Gesicht beruhigte meine Nerven. »Ich habe früher aufgehört und dachte, ich könnte dich nach Hause fahren, damit du nicht durch den Nebel laufen musst.«

Ich küsste ihn auf die Wange. Die glatte Haut unter meinen Lippen war ungewohnt. Ich hatte es bedauert, dass der Bart weichen musste, aber das Auftauchen der ersten grauen Haare hatte das Aus für seine Gesichtsbehaarung bedeutet. Mit seinem maßgeschneiderten Anzug und dem dicken Mantel aus einer Wollmischung war er die Verkörperung eines Geschäftsmanns. Er war nicht der Einzige, der sich Mühe gab, wenn es um seine Garderobe ging. Ich nutzte meine guten Kontakte zu Läden für Secondhand-Designerkleidung für die Suche nach dem Vintage-Stil, der mir so gefiel, seit ich Anfang zwanzig gewesen war. Dieser Look war Alex aufgefallen, als wir uns zum ersten Mal begegnet waren.

»Noch fünf Minuten«, erwiderte ich und warf einen Blick zu Jamie, der ächzte, als er versuchte, sein Bein in den Korbsitz zu schieben.

»Daddy!«, rief Jamie, und ich sah zu, wie Alex ihn einmal herumwirbelte, bevor er ihn in den Sitz rutschen ließ und ihm einen kräftigen Anstoß gab. Er war ein wunderbarer Vater, aber trotzdem biss ich mir auf die Lippen, als mein überbesorgter Mutterinstinkt einsetzte. Alex bemerkte meinen besorgten Blick und ließ die Schaukel gemäßigter schwingen, trotz Jamies protestierenden Schreien, ihn kräftiger anzustoßen.

»Ich habe gute Neuigkeiten.« Alex warf mir einen verstohlenen Seitenblick zu. Das genügte, um mir mitzuteilen, dass seine Vorstellung von guten Neuigkeiten sich möglicherweise von meiner unterschied.

»Du hast doch nicht etwa diesen Wagen gekauft, oder? Dieselmotoren sind Luftverschmutzung auf Rädern.« Mein Blick folgte Jamie, der hin und her schwang. Alex verstand es sehr gut, den passenden Zeitpunkt auszuwählen, um irgendwelche Bomben hochgehen zu lassen. Er wartete, bis ich mit unserem Sohn beschäftigt war, weil er wusste, dass ich niemals vor Jamie mit ihm streiten würde.

»Ach hör schon auf!«, erwiderte Alex. »Als wenn ich das wagen würde.« Sein Leeds-Akzent war unüberhörbar. Im Büro vertuschte er ihn, änderte Rhythmus und Tonfall, wenn er seine Oberklasse-Klienten nachahmte. Es gefiel mir, dass er in meiner Gegenwart er selbst sein konnte. »Nein, es geht um die Arbeit …«

Ich holte scharf Luft. Der Nebel war so dick, dass ich ihn auf der Zunge schmecken konnte.

Alex lächelte mich an. »Man hat mir eine Beförderung in Aussicht gestellt …«

»In Leeds.« Ich beendete seinen Satz und versuchte mein Zögern zu verbergen, denn ich konnte keinen einzigen Grund vorbringen, warum wir nicht dorthin gehen sollten. Jedenfalls keinen Grund, den ich ihm hätte verraten können.

»Ja«, sagte er und schob Jamie ein letztes Mal an. »Und sie haben mir den Job gegeben.«

Ich breitete die Arme aus und zog ihn an mich, aber mein Herz war schwer wie ein Stein. »Gut gemacht, Liebster. Ich weiß, wie viel dir das bedeutet.«

»Aber nicht nur für mich.« Er wich zurück und sah mich mit seinen dunklen Augen an. »Das bedeutet viel für uns alle. Wenn wir nach Leeds ziehen, bedeutet es, dass wir neu anfangen können. Du kannst dein Geschäft vergrößern, und wir können Jamie auf einer Privatschule anmelden.«

»Anschubsen, Daddy, anschubsen!«, quietschte Jamie und strampelte mit den Beinen, um Schwung zu bekommen.

Ich zwang mich zu einem Lächeln, was mir alles andere als leichtfiel. Mein Zögern umzuziehen war seit einer gefühlten Ewigkeit ein ständiger Streitpunkt zwischen uns. Und das alles nur, weil ich nicht stark genug war, mich meiner Vergangenheit zu stellen. »Aber es kann ewig dauern, bis unser Haus verkauft wird.« Ich klammerte mich an die Hoffnung, dass unser Umzug dadurch verzögert werden würde.

»Das ist die zweite gute Neuigkeit«, sagte Alex. »Ich habe bereits einen Interessenten für das Grundstück.«

Ich hätte es wissen müssen. Mein Mann leitete die Colchester-Filiale der Immobilienfirma, für die er arbeitete. Obwohl diese Filiale hauptsächlich hochpreisige Anwesen verkaufte, bekam sie auch öfter Anfragen von Kunden, die nicht so viel Geld ausgeben konnten.

Er zog Jamie aus der Schaukel und redete über die Schulter hinweg weiter mit mir. »Man sagt ja, aller guten Dinge sind drei. Also sollten wir vielleicht auf dem Nachhauseweg ein Lotterielos kaufen.«

Er nahm Jamie auf seinen linken Arm und schlang den rechten über meine Schulter, während wir zum Wagen gingen. Ich hätte mich sicher fühlen sollen, beschützt von seiner Stärke, aber meine Gedanken überschlugen sich, als ich über den Umzug nachdachte. Ich schnallte Jamie in seinen Kindersitz, während sich mein Magen vor Angst verkrampfte. Ich konnte mich nicht länger vor der Vergangenheit verstecken. Es wurde Zeit, dorthin zurückzukehren, mich dem zu stellen, was ich getan hatte.

Kapitel 2Alex • 2017

»Wunderschön, stimmt's?« Ich stand in der offenen Hintertür und deutete mit der Hand auf die nähere Umgebung. Meine Worte straften meine Gedanken Lügen. Ich konnte es kaum erwarten, diesen verfluchten Ort endlich zu verlassen. Ich lächelte Mark und Kirsty liebenswürdig an, das junge Paar, das sich unser Heim ansah. Auch wenn es sich nicht wie ein Heim für mich angefühlt hatte. Obwohl Emma meinen Namen in die Besitzurkunde eingetragen hatte, hatte ich mich vom Tag unseres Einzugs an wie ein Fremdkörper gefühlt. Das Haus hatte durchaus etwas Idyllisches, mit seinen Wetterschenkeln an Fenstern und Türen und den roten Dachziegeln, aber das Innere brauchte dringend eine Renovierung und hielt keinen Vergleich mit den Musterhäusern aus, in denen ich meine Arbeitszeit verbrachte. Von daher war es auch nicht verwunderlich, dass es mir zu peinlich war, meine Kollegen zu mir nach Hause einzuladen.

Ich verpasste unseren Interessenten das volle Programm, übertünchte die Mankos des Hauses mit den Ausdrücken »rustikal«, »pittoresk« und »charmant«. »Sie können dem Haus Ihren Stempel aufdrücken«, fuhr ich fort. »Hier gibt es sehr viel Raum, um Ihre Persönlichkeiten zu entfalten.« Ihr Nicken sagte mir, dass die Tour durch unser Vierzimmerhaus gut gelaufen war. Ich warf einen Blick auf meine Uhr, und mein Schuldbewusstsein meldete sich mit einem scharfen Stich. Es war das erste Mal, dass ich etwas hinter dem Rücken meiner Frau getan hatte. Ich hatte ihr von der Besichtigung erzählen wollen, aber sie hatte alle meine Bemühungen umzuziehen schon so oft vereitelt. Nicht, dass sie das jemals zugeben würde. Ich liebte Emma aus ganzem Herzen, die kluge, talentierte und ewig rätselhafte Emma. Das Leben mit ihr war niemals langweilig. Das Verwirrende war nur, dass ich wusste, dass sie in ihrem Innersten eigentlich auch umziehen wollte. Vielleicht war es ja das schlechte Gewissen, ihr Elternhaus zu verlassen, das sie davon abhielt. Andererseits war ihr Vater vor etlichen Jahren gestorben. Welchen Grund es auch haben mochte – dieser Ort hatte seine Krallen tief in sie hineingeschlagen und weigerte sich, sie loszulassen. Diesmal jedoch war ich vorbereitet und hatte eine Antwort auf jeden Vorwand zurechtgelegt. Diese beiden Interessenten wären nicht die ersten Künstler, die es nach Mersea Island zog. Mark sprach unaufhörlich von dem Netzwerk aus Flüssen und Uferwegen, die sich durch die Moore zogen, während seine Frau die Form, die Beschaffenheit und die Farbe des nahegelegenen Strandes entzückte. Ich nickte immer an den richtigen Stellen und versuchte, ihren Enthusiasmus zu teilen. Aber es war gelogen. Wo sie pittoreske verlassene Boote im Schlick sahen, nahm ich nur verfaulende hölzerne Skelette wahr, die aus dem Schlamm herausragten. Als sie auf The Strood zu sprechen kamen, schilderten sie romantische Begebenheiten aus der Geschichte der Insel. Ich war nur zu gern bereit, daraus Profit zu schlagen.

»Sie finden über ganz Mersea verteilt immer noch Spuren der römischen Besetzung.« Ich hatte letzte Nacht die Geschichte der Insel nachgeschlagen. »Der uralte Damm, der die Insel mit dem Festland verbindet, ist der einzige Weg hierher.« Dieser Damm, der Strood, war mir nur allzu gegenwärtig. Ich hatte das Gefühl, in der Falle zu sitzen, wenn die Flut uns von der Außenwelt abschnitt. »Mein Schwiegervater war Archäologe und hat einige faszinierende Geschichten erzählt. Wenn Sie daran Interesse haben – das Mersea-Museum liegt auf der Westseite der Insel.«

»Ist es nicht lästig, wenn man von der Flut abgeschnitten wird?«, erkundigte sich Mark.

Ich schüttelte den Kopf. »Die Einheimischen nennen es eher heimelig. Das macht die Insel einzigartig. Solange Sie die Gezeiten im Blick behalten, dürfte das kein Problem sein.« Vielleicht lag es daran, dass ich ein Stadtmensch war, jedenfalls war es nie eine Option für mich, auf Mersea Island Wurzeln zu schlagen. Gott allein weiß, wie sehr ich es versucht habe. Es war Emmas Idee, hierherzuziehen, um uns um Bob, ihren Vater, zu kümmern, bevor er schließlich an einem Lungenemphysem starb. Ich konnte nicht einfach untätig danebenstehen und zusehen, wie er in ein Pflegeheim kam, also willigte ich ein. Aber jetzt gab es nichts mehr, was uns noch hier hielt.

Ich führte die beiden Interessenten durch die Küche und öffnete die Hintertür. »Die Kiesauffahrt ist breit genug, um etlichen Fahrzeugen Platz zu bieten, wenn Sie ein Fest veranstalten.« Ich deutete hinter den Holzschuppen und vorbei an den zahlreichen Obstbäumen, die auf unserem etwa zweitausend Quadratmeter großen Grundstück standen. »Sehen Sie das Tor hinter den Bäumen? Dahinter erstreckt sich eine sechzehntausend Quadratmeter große Weide, die zum Haus gehört. Von hier aus kann man es nicht sehen, aber in den großen Eichenbaum am Ende ist eine Holzbank eingepasst. Es würde Ihren Garten wirklich sehr vergrößern, wenn Sie den hinteren Zaun wegnehmen und das Ganze zu einer Fläche machen.«

»Das wäre wirklich ein riesiger Garten.« Mark lächelte. »Ich liebe die Abgeschiedenheit. Man könnte hier nackt herumlaufen, und niemand würde einen sehen.«

»Nicht, dass wir so etwas tun würden.« Kirsty lachte. »Wir benehmen uns vielleicht wie Hippies, aber für mich ist bei völliger Nacktheit Schluss.«

Ich lächelte und rieb mir die Hände, während sie redeten. Ich hatte ein gutes Gefühl bei den beiden, und ich wusste, dass ein Angebot anstand. Mark und Kirsty waren von meinem Gerede beeindruckt und schienen nur zu gern die Feuchtigkeit zu übersehen, die die Wände hinaufkroch, und die zerbröselnden Ziegelsteine, die dringend ausgewechselt werden mussten. Ihre Gesichter strahlten vor Aufregung, als ich einen fairen Preis nannte. Meine Kollegen hätten zweifellos mehr verlangt, aber das ließ mein Gewissen nicht zu. Ich redete mir gern ein, dass mein Mangel an Rücksichtslosigkeit mir zumindest einen besseren Ruf beschert hatte als einigen dieser Haie, die in meinem Büro ihren Geschäften nachgingen.

»Meine Frau wollte das Land in einen riesigen Gemüsegarten verwandeln, ist aber nie dazu gekommen.« Ich warf einen Blick auf Kirstys bestickte Ballerinas. »Haben Sie zufällig Gummistiefel dabei? Allerdings ist es heute ein bisschen neblig. Vielleicht kommen Sie lieber wieder, wenn das Wetter etwas aufgeklart hat?«

»Das ist nicht nötig, ich habe alles auf den Plänen gesehen. Es ist genau das, was wir haben wollten«, meinte Kirsty.

»Wir können auch dorthin fahren, wenn Ihnen das lieber ist?«, setzte ich sicherheitshalber hinzu. »Hinter der Weide führt ein Feldweg entlang, der von der Straße aus zugänglich ist. Es ist ein bisschen holprig, aber wir können meinen Wagen nehmen, wenn Sie wollen.«

»Das ist ehrlich nicht nötig.« Kirsty sah ihren Ehemann flehentlich an.

»Wir haben es wirklich gerade erst auf den Markt gebracht, also würde ich Ihnen raten, nicht zu zögern.« Ich hatte die Worte kaum ausgesprochen, als Mark wieder das Wort ergriff.

»Ist an dem Preis noch irgendetwas zu machen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Tut mir leid. Wir haben es nur zu einem so niedrigen Preis angeboten, weil wir schnell verkaufen wollen. Man hat mir einen Job in Leeds angeboten. Ich kann es mir nicht leisten, noch allzu lange hierzubleiben. Für das Haus habe ich noch andere Interessenten, und es wird ganz sicher sehr schnell weggehen. Es passiert nicht jeden Tag, dass ein solcher Besitz wie dieser …«

»Wir nehmen es!«, stieß Kirsty hervor und umklammerte den Arm ihres Ehemannes.

Er verdrehte die Augen. »So viel dazu, cool zu feilschen. Aber ja, wir sind mit dem geforderten Preis einverstanden.«

Ich schüttelte ihnen kräftig die Hände, um den Deal zu besiegeln. »Sie haben die richtige Entscheidung getroffen. Dieses Anwesen hat sehr viel Potenzial und ist den verlangten Preis mehr als wert. Sie haben ein Schnäppchen gemacht.«

»Es ist perfekt.« Kirsty sah sich in dem Raum um, als wäre sie auf Windsor Castle. Offenbar nahm sie Schönheit wahr, wo es mir versagt blieb. Aber es tröstete mich, dass die beiden die richtigen Käufer zu sein schienen.

Meine Abneigung gegen Mersea Island war tief verwurzelt. Ich hatte nichts gegen die Einwohner, und die Landschaft konnte manchmal wirklich atemberaubend sein, aber ich hielt die Isolation nicht aus. Und ich konnte auch das erstickende Gefühl von Klaustrophobie nicht ertragen, wenn die Flut herankam und die Insel von der Außenwelt abgeschnitten wurde. In der Nacht legte sich der Nebel wie eine Decke über alles, so dicht, dass man kaum seine Hand vor den Augen sehen konnte. Emma lachte immer, als sie mir die alte Geschichte von dem Geist erzählte, der The Strood heimsuchte. Ich glaubte nicht an Geister, aber sie sprach meine schlimmsten Ängste aus. Einige Seelen waren dazu verdammt, für immer hierzubleiben, und ich wollte keine davon sein.

In der Vergangenheit schien Emma immer erfreut gewesen zu sein, wenn ich ihr Bilder von den Häusern zeigte, die wir uns leisten konnten. Aber als ich ihr an diesem Morgen auf dem Spielplatz die Neuigkeiten überbrachte, spürte ich ihr Zögern. Ich hatte die Wahl: Wir konnten alles weiter hinausschieben, indem wir endlos über das Für und Wider debattierten, oder ich konnte mit voller Kraft vorangehen. Immerhin tat ich das nicht nur für mich.

Als ich jetzt die Käufer in der Tasche hatte, durchströmte mich eine Mischung aus Erleichterung und Aufregung. Ich hoffte nur, dass meine Frau die Geister ihrer Vergangenheit zurücklassen konnte, wenn wir umzogen.

Kapitel 3Emma • 2017

»Sei vorsichtig damit«, sagte ich zu Josh, als wir ein wunderschönes Seidenkleid aus unserer Lieferung auspackten. Wir hatten es bei Oxfam gekauft; es war nur einmal getragen worden, ein echtes Schnäppchen. Ich liebte meine Arbeit und stellte auch fest, dass ich am besten durch den Tag kam, wenn ich mich völlig darin versenkte. Hier in Something Borrowed konnte ich mich in all den schönen Dingen verlieren und die reale Welt zurücklassen. Ich war nicht die Einzige, die mein Geschäft liebte; Josh tat das auch. Mein Assistent war sechsundzwanzig Jahre alt, und er hatte es noch nie, wie er selbst zugab, in einem Job so lange ausgehalten wie in diesem hier. Ich glaubte fest an die zweite Chance und war bereit gewesen, seine eher bescheidenen Referenzen zu übersehen, als ich ihm vor sechs Monaten die Stelle angeboten hatte. Josh sah vielleicht nicht so aus wie der typische Verkäufer in einem Brautmodengeschäft mit seiner kupferroten Haarmähne und den schwarzen hautengen Jeans. Aber er hatte sich als Gottesgeschenk herausgestellt und kümmerte sich nicht nur um die ganzen Onlinegeschichten, sondern half auch beim Tagesgeschäft.

»Also, hast du schon mit deinen Eltern gesprochen?« Es war mir lieber, mich um seine Probleme zu kümmern als um meine eigenen.

Er verzog das Gesicht und strich sorgfältig das empfindliche Material glatt, bevor er das Kleid leicht schüttelte. »Ich arbeite in einem Brautmodenshop; ich glaube, dieser Hinweis ist deutlich genug.«

»Wir werden dich schon noch aus dieser Kommode herausholen«, sagte ich und lächelte, als er laut lachte. »Was?«

»Schublade. Es heißt Schublade«, sagte er und lachte immer noch, als er das Kleid ins Hinterzimmer trug, wo es aufbewahrt werden würde, bis es abgeholt wurde. Zu der Abmachung, die ich mit der örtlichen Reinigung ausgehandelt hatte, gehörte auch, dass sie alle meine Kleider abholten und reinigten, bevor ich sie in den Laden hängte.

Die altmodische Glocke über meiner Tür klingelte, als Theresa sie mit dem Hintern aufstieß. Heute waren wir voll besetzt, weil wir unseren Kunden die Winterkollektion präsentieren wollten. »Ein fettarmer Latte macchiato, ein Mokka und ein ekelhafter grüner Tee für dich.« Meine Schwester stellte die Getränke auf den elfenbeinfarbenen Vintage-Tisch.

»Verbindlichsten Dank.« Ich hatte die Worte kaum ausgesprochen, als die Glocke erneut bimmelte. Ich unterdrückte ein Stöhnen. Dass wir montags geschlossen hatten, hatte eine bestimmte Kundin noch nie abhalten können. Sie kam zu uns, seit wir geöffnet hatten. Angesichts der Natur unseres Geschäfts hatten wir nur sehr wenig Stammkunden. Maggie war die Ausnahme von dieser Regel, und ich hatte einfach nicht das Herz, sie wegzuschicken. Sie war achtzig Jahre alt, etwa einen Meter fünfzig groß und drohte bei einem plötzlichen Windstoß davongeweht zu werden. Sie lächelte; ihr strahlend pinkfarbener Lippenstift wurde nur von dem saphirblauen Lidschatten übertroffen. Ich nahm meinen Tee vom Tisch und klopfte auf einen Stuhl, damit sie sich setzte. Die Einrichtung unserer Boutique hätte aus einem Hochzeitsmagazin entsprungen sein können. Ich liebte die elfenbeinfarbenen Vintage-Möbel, den dicken cremefarbenen Teppich und den Duft von weißen Rosen in den überall im Laden verteilten Vasen. Französische Designer-Kleider hingen vor den zwei großzügigen Umkleidekabinen, die zu einer Plattform führten, die von Lichterketten und deckenhohen Spiegeln umringt war. Alles für eine Prinzessin an ihrem besonderen Tag. Es war genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte, als ich meinen Mann vor über neun Jahren kennenlernte. Die meisten Männer wären meilenweit von einer Frau weggelaufen, die eine Leidenschaft für Brautkleider hatte. Stattdessen jedoch hatte Alex mir bei meinen Betriebswirtschaftskursen geholfen und mich bei jedem Schritt ermutigt. Es machte mich stolz, dass sein Glaube an mich belohnt worden war. Ich hätte es niemals geschafft, ohne seine Hab-große-Träume-Haltung zum Leben.

Ich setzte mich neben Maggie, die die Kleider anstarrte und deren Augen funkelten, als sie den Anblick aufsogen. »Wie geht es dir, Liebes? Alles bereit für deinen großen Tag?«

»Ich bin hier, weil ich mit dir über das Kleid reden wollte.« Ihre Miene verfinsterte sich kurz. »Ich bin nicht sicher, ob es das richtige für mich ist. Ich habe gehört, du hättest ein paar neue bekommen, und habe gehofft, dass ich sie anprobieren könnte.«

»Tatsächlich? Ich fand, du sahst wunderbar in dem Modell aus. Was hat denn deine Meinung geändert?«

Maggie wühlte in ihrem Beutel und zog eine bereits ramponierte Polaroid-Aufnahme heraus, die ich bei ihrem letzten Besuch gemacht hatte. »Im Pub haben sie über mich gelacht und gesagt, ich wäre ein als Lamm verkleidetes altes Schaf. Diese Mistkerle!«

»Seit wann kümmerst du dich darum, was jemand über dich denkt?«, fragte ich. In ihren grünen Augen schimmerte die Weisheit des Alters. »Wohin gehst du anschließend? Zu Bernard?« Ich schlug die Beine übereinander und legte den Kopf schief, während ich ihre Miene betrachtete.

Sie warf mir ein wissendes Lächeln zu. »Da war ich schon. Er hat mir gesagt, ich soll nichts auf die anderen geben.«

»Klingt vernünftig. Außerdem, was verstehen diese alten Kauze im Pub schon von Brautkleidern?«

»Das ist wahr.« Sie sammelte ihre Plastiktaschen ein. »Da hast du wohl recht. Ich sollte los. So eine Hochzeit plant sich nicht von allein.«

»Und ich gehe besser wieder an die Arbeit«, sagte ich und war erleichtert, dass sie zumindest heute bereit zu sein schien, Vernunft anzunehmen. »Grüß Bernard von mir.«

Es war ein Zauber, unter dem Maggie gern zu stehen schien. Für sie war das besser, als sich der Wahrheit zu stellen. Bernard wartete nicht zu Hause auf sie, sondern lag auf dem Friedhof in Colchester. Er war am Vorabend ihres Hochzeitstages vor sieben Jahren gestorben.

»Du bist wirklich so eine leichte Beute«, meinte Josh, nachdem sie hinausgegangen war. »Eine Minute habe ich schon geglaubt, du würdest sie die neuen Brautkleider anprobieren lassen.« Achtzig Prozent unseres Bestandes waren exklusive Secondhand-Ware, aber am Anfang jeder Saison investierte ich etwas Geld in die neuesten Modelle.

»Ich glaube nicht, dass Theresas Herz das mitmachen würde.« Ich lachte, weil ich wusste, dass am Ende jeder Anprobe mehr Make-up auf den Kleidern haften würde als auf Maggies Gesicht. Ich hatte eine spezielle Auswahl von zurückgegebenen Kleidern und Schnäppchen speziell für sie zusammengestellt. »Sie ist eine gute Seele, und es schadet ja niemandem, wenn es sie glücklich macht, stimmt's?« Ich konnte mit Maggie mitfühlen. Manche Menschen lebten einfach weiter, selbst jene, die unter der Erde lagen.

Kapitel 4Luke • 2002

Ich inhalierte tief den Duft von frisch gemähtem Gras, als der Schulrasen den letzten Sommerschnitt bekam. Für mich markierte das einen neuen Anfang, und als die Schüler meiner Abschlussklasse der Secondary School allmählich in den Klassenraum tröpfelten, schloss ich das Fenster und lächelte ihnen zu.

»Guten Morgen.« Ich hob meine Stimme, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. »Mein Name ist Luke Priestwood, und ich ersetze Mr. Piper, der wegen einer schweren Erkrankung früher in Pension gegangen ist.« Sie schienen überrascht, aber auch erfreut zu sein, mich zu sehen, und die Lüge ging mir glatt über die Lippen. In Wirklichkeit hatte man Mr. Piper hinausgeworfen. Die letztjährigen Examensergebnisse in Art & Design waren beschämend schlecht gewesen. Nach den Worten des Direktors hatte man mich geholt, um frisches Blut in die Klasse zu bringen. Meine Blicke glitten über die Klasse. Mit dreiundzwanzig hatte ich gerade meinen Abschluss gemacht und war nur sieben Jahre älter als die meisten Schüler im Raum, was mich allerdings kein bisschen einschüchterte. Ich beobachtete die männlichen Schüler, die ihre Hosen hochzogen, bevor sie sich setzten. Ohne einen richtigen Arsch in der Hose und ohne Charme verblassten sie neben mir zur Bedeutungslosigkeit. Das Geplapper im Raum legte sich allmählich, und ich blickte in ihre erwartungsvollen Gesichter. Ich sah bereits die Wirkung meiner Gegenwart auf die Schülerinnen. Ich verdankte den morgendlichen Sitzungen im Gymnastikstudio meinen drahtigen, muskulösen Körper, was einen gewaltigen Kontrast zu dem schmerbäuchigen Piper darstellte. Ich leckte mir die Lippen, als sich ein Gefühl von Genugtuung in mir ausbreitete. Es fühlte sich gut an, wieder in der Schule zu sein, in der ich gelernt hatte. Ich hatte das Gefühl, als hätte ich es im Leben zu etwas gebracht, als hätte ich alles im Griff.

Ich lockerte meine Krawatte und ließ meinen Blick über die plaudernden Schülerinnen gleiten. Süße kleine sechzehn und noch nie geküsst, hieß es in einem Song. Aber davon gab es hier nur wenige Exemplare. Sie waren die stereotype Schar von Teenagern: Jede Menge Schichten von Make-up, enge, kurze Röcke und der aufdringliche Geruch von billigem Parfüm. Unter ihrer Schuluniform hatten sie mir nur wenige Geheimnisse zu bieten. Das schrille Bimmeln der Schulglocke riss mich aus meinen Gedanken und gab mir das Zeichen, mit dem Unterricht zu beginnen. Ich ging zur Tür und wollte sie schließen, als ich auf Widerstand von der anderen Seite stieß. Im nächsten Moment zwängte sich eine letzte Schülerin herein.

Sie mochte vielleicht nicht gerade pünktlich sein, aber dafür war meine kleine Nachzüglerin entzückend keck und hatte Kurven an den richtigen Stellen. Sie hatte ihre Schulbücher im Arm, ihre Schultasche schlug gegen ihren Schenkel, als sie unvermittelt stehen blieb. Sie erwiderte kurz meinen Blick, und ich spürte sofort den Funken von Anziehung, als ihre Wangen sich leicht rosa färbten. Ihr dunkles welliges Haar war zu einem hübschen Seitenscheitel gebürstet und umrahmte ihr Gesicht. Sie strich sich eine widerspenstige Locke von der Wange und keuchte leicht, weil sie sich offenbar beeilt hatte, noch rechtzeitig zum Unterricht zu kommen. Ich betrachtete sie mit amüsierter Neugier. Innerlich jedoch begeisterte es mich, dass eine so hinreißende junge Kreatur mir im kommenden Jahr untertan sein würde.

»Entschuldigung, Sir«, murmelte sie unsicher, bevor sie zu einem freien Tisch im hinteren Ende des Klassenraums ging.

Sie zupfte an ihrem Rock, setzte sich und schlug ihre sonnengebräunten Beine übereinander. Sie hatte weder Make-up noch Schmuck angelegt und strahlte eine unschuldige Schönheit aus, die von der modernen Welt noch nicht verdorben worden war.

Ich begann den Unterricht, ohne weiter zu zögern, und erklärte meinen Lehrplan für die Klasse. Schließlich nannte auch sie ihren Namen, Emma, und ich hatte Mühe, meine Gedanken zu kontrollieren. Sie war minderjährig, und ich hatte gerade mein Lehrerexamen bestanden. Ich konnte es mir nicht leisten, bei einer verbotenen Affäre erwischt zu werden. »Wenn Sie jetzt Ihre Bücher herausnehmen würden …« Ich räusperte mich, als ich versuchte, mich zu konzentrieren, wusste jedoch, dass ich mich selbst belog. Im Geist war ich nicht mit der Geschichte der Kunst beschäftigt, sondern mit dem introvertierten Schulmädchen am Ende des Raumes.

Kapitel 5Emma • 2017

Meine Schlüssel klapperten, als ich die Ladentür abschloss. Es war ein langer Tag gewesen; ich konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen und die Schuhe auszuziehen. »Bis morgen.«

Theresa lächelte, die letzten Sonnenstrahlen ließen ihr schulterlanges blondes Haar schimmern. »Du brauchst nicht zum Kindergarten zu gehen, ich hole Jamie heute ab.« Theresa war Jamies Patentante. Da ich keine weiteren Geschwister hatte, hatte ich auch nicht viele Kandidaten zur Auswahl, aber es war ohnehin niemand besser dafür geeignet als meine ältere Schwester. Sie war siebenunddreißig und hatte keine eigenen Kinder, deshalb übernahm sie nur zu gern die Pflichten als Babysitter. Sie und Jamie bildeten ein großartiges Team, und sie verwöhnte ihn total, wenn sie mit ihm zusammen war. »Bist du sicher?«, fragte ich. »Davon wusste ich ja gar nichts.«

Theresa hob eine Braue und lächelte mich verschwörerisch an. »Alex hat mich gebeten, ein paar Stunden auf ihn aufzupassen. Sieht aus, als hätte er etwas Besonderes mit dir vor.« Alex war sehr romantisch; ich liebte seine kleinen spontanen Einfälle – selbst jetzt, nach fast einem Jahrzehnt, machte er mir damit immer noch Schmetterlinge im Bauch.

Nachdem ich die Rollläden heruntergelassen hatte, bedankte ich mich bei Theresa und marschierte los. Aber auf dem Weg zum Parkhaus wurde ich nervös. Sicher, Alex liebte solche süßen Gesten, aber das hier fühlte sich anders an. Ob Theresa ihn missverstanden hatte? Vielleicht hatte Alex ja etwas anderes im Sinn?

Nachdem ich mein Ticket bezahlt hatte, betrat ich das Parkhaus an der Osbourne Street. Meine Absätze klapperten unheimlich in dem hallenden Betonbau. Die abgestandene Luft stank nach Maschinenöl und Dieselabgasen, denen ich nur zu gern entkommen wollte. Die ganze Ebene C war besetzt gewesen, als ich an diesem Morgen hier hereingefahren war, aber jetzt war mein gelber VW Beetle abgesehen von einem rostigen Mercedes in der äußersten Ecke das einzige Fahrzeug. Ich fühlte mich plötzlich verletzlich, meine Sinne schärften sich, und ich beschleunigte meine Schritte. Ich bemerkte die Zeitung unter dem Scheibenwischer erst, als ich die Fahrzeugtür geöffnet hatte. Sonderbar, dachte ich und nahm sie weg. Ich war daran gewöhnt, irgendwelche Flugblätter oder Prospekte dort vorzufinden, aber nie eine ganze Zeitung. Da hier kein Mülleimer war, warf ich sie auf den Beifahrersitz und schloss mich rasch in meiner schützenden gelben Muschel ein. Als der Motor ansprang und ich den Gang einlegte, warf ich noch einen Blick auf die Zeitung. Warum hatte man sie ausgerechnet unter meinen Scheibenwischer geklemmt? Ich seufzte, legte den Leerlauf ein und faltete die Zeitung auf, um die Schlagzeile lesen zu können. Unfall mit drei Fahrzeugen verursacht grossen Stau. Ich runzelte die Stirn. Ich konnte mich nicht erinnern, etwas darüber gehört zu haben. Doch als mein Blick auf das Datum fiel, erstarrte ich. 1.Oktober2013. Dieses Datum war unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt. An dem Tag hatte ich einen Mann getötet. Meine Brust schnürte sich zusammen, als ich ausatmete, und alles Blut wich aus meinem Gesicht. Das musste ein Zufall sein, es gab keine andere Erklärung. Vielleicht war es ja irgendeine Werbeaktion. Vielleicht hatte man an alle Wagen solche Zeitungen geklemmt. Meine Gedanken überschlugen sich, während mein Verstand versuchte, mir Antworten zu liefern, um meine Ängste zu entkräften. Da hatte irgendjemand Blödsinn gemacht. Das musste es sein. Nur zwei Menschen kannten die Bedeutung dieses Datums – und die Toten behalten ihre Geheimnisse sehr gut für sich. Ich atmete schnell und tief ein, um die Panik zu bekämpfen. Sie drohte, mich zu überkommen, weil die Vergangenheit zurückkehrte, um mich zu verfolgen. Ich wendete den Wagen, wollte unbedingt an die frische Luft. Dann fiel mein Blick durch die Windschutzscheibe auf die Überwachungskamera, und ich blickte schuldbewusst auf die Zeitung auf dem Beifahrersitz. Ich konnte es mir nicht leisten, Aufmerksamkeit zu erregen, nicht, wo ich schon so weit gekommen war. Ich ließ mein Fenster herunter und warf auf dem Weg hinaus die Zeitung in eine Mülltonne. Ich redete mir ein, es wäre albern, wegen nichts in Panik zu geraten. So wie immer verdrängte ich meine Ängste in den letzten Winkel meines Verstandes und konzentrierte mich auf meine Heimfahrt.

Ich wusste nicht, was mich erwartete, als ich durch die Haustür trat. Meine Augen stellten sich auf die Dunkelheit in unserem schmalen Flur ein und navigierten mich sicher über die unebenen Terrakottafliesen, die dringend erneuert werden mussten. Der Duft von gewürztem Essen drang aus der Küche, und trotz meiner Ängste knurrte mein Magen hungrig.

»He, wie war dein Tag?« Alex wirkte in Sweatshirt und Jeans ganz entspannt. Seine beneidenswert reine Haut glühte immer noch von dem Spätsommer, den wir genossen hatten, bevor die kalten Herbstwinde gekommen waren. Er nahm mir den Mantel ab und küsste mich auf die Wange. Ich schob meine Finger unter sein Sweatshirt, und er atmete scharf aus, als er meine kalte Haut fühlte.

»Entschuldigung.« Lachend zog ich die Hände wieder zurück. »Auf der Arbeit lief es gut. Die neuen Kleider gefallen mir, das heißt, alle bis auf eines. Es ist zwar wunderschön, aber es hat einen schrecklich großen Fußabdruck auf der Schleppe.« Das Kleid interessierte mich gerade überhaupt nicht, und ich hatte auch nicht die geringste Lust darüber zu reden, aber er würde argwöhnen, dass irgendetwas nicht in Ordnung war, wenn ich nicht von meinem Tag erzählte.

»Ich bin sicher, dass du deine Magie daran wirken wirst«, antwortete Alex. Er war stolz auf das, was ich aus dem Geschäft gemacht hatte, obwohl er keine Ahnung hatte, wie lukrativ es mittlerweile geworden war. Hätte er es gewusst, hätte er mich schon längst zu einem Umzug gedrängt. Der Gedanke weckte meine Sorgen. War diese Person, die an dem Haus interessiert war, etwa gekommen? Ging es bei dem Überraschungsdinner darum?

Alex öffnete die Tür zu unserem Esszimmer, und ich sah, dass der Tisch bereits gedeckt war. Leise Musik spielte, Kerzen brannten, und er hatte das Zimmer in einen warmen, gemütlichen Raum verwandelt. Aber mir war immer noch innerlich kalt, und ich konnte die Frage nicht zurückhalten. »Was ist das für eine besondere Gelegenheit? Es muss etwas Gutes sein, denn du hast Austern gekauft.«

»Frisch aus der Bucht«, wich er meiner Frage aus, als er mir ein Glas Champagner einschenkte. Austern waren mein Lieblingsgericht; es verging kaum eine Woche, ohne dass ich dieser Neigung nachgab. Jamie nannte sie Fischpopel, und Alex war normalerweise auch nicht sehr viel charmanter. Er gab nie gern zu, dass er etwas mochte, was mein Geburtsort hervorbrachte. Ich trank ein paar Schlucke Champagner, meine Nerven vibrierten, während ich darauf wartete, dass er mir sagte, was los war. Wir aßen schweigend, während sich meine Gedanken überschlugen. Erst als wir das Dessert beendet hatten, weihte er mich in das Geheimnis ein. Er füllte mein Glas mit dem letzten prickelnden Champagner, und ich fragte mich, ob er wohl darauf hoffte, der Alkohol würde bei mir wirken, bevor er mir die Neuigkeiten mitteilte.

»Trinken wir auf einen Neuanfang«, sagte er und stieß behutsam mit mir an. »Ich habe das Haus verkauft.«

Meine Hand erstarrte mitten in der Bewegung; ich sah ihn entgeistert an. »Unser Haus?« Ich ließ mein Glas sinken, weil ich keinen Schluck herunterbekommen hätte. Ich hatte gewusst, dass dieser Moment irgendwann kommen konnte, aber die Worte aus seinem Mund zu hören bereitete mir Übelkeit.

»Ja.« Sein Ton war gewollt beiläufig. »Heute war ein entzückendes Paar hier; die beiden haben es sich angesehen. Sie haben bar bezahlt. Sie wollen das Haus renovieren und ihm seinen früheren Glanz zurückgeben.«

»Tatsächlich? Aber es muss doch so viel daran gemacht werden …« Ich war erstaunt, dass er das Angebot akzeptiert hatte, ohne mir etwas davon zu sagen. Ich hätte verärgert sein sollen, aber ich hatte ihn schon lange genug gezwungen, sein eigenes Leben in der Schwebe zu halten. Ich wusste selbst, dass ich nicht ewig hierbleiben konnte.

»Es sind Künstler. Sie haben sich vor allem in die Umgebung verliebt. Sie sind vollkommen scharf darauf.«

Mein Gesicht war ein Abbild der Ruhe, aber mein Herz hämmerte in meiner Brust wie ein Presslufthammer. »Haben sie auch schon das Grundstück besichtigt?« Ich betete, dass die Antwort nein lauten möge. Wenn sie es nun doch getan hatten? Alex hatte gesagt, es wären Künstler. Solche Leute würden sich sofort zu den Bäumen an der Pferdekoppel hingezogen fühlen. Und wenn sie nun mein Geheimnis entdeckt hatten? Die Polizei war vielleicht schon hierher unterwegs; ich würde Jamie vielleicht nie wiedersehen.

»Nein. Es hat geregnet, und sie hatten kein passendes Schuhwerk dabei. Sie haben den geforderten Preis einfach bezahlt, ohne sich vorher alles anzusehen. Der Verkauf lief einfach traumhaft.«

Ich leerte den Inhalt meines Glases in einem Zug. Die sonst so angenehm perlende Flüssigkeit hinterließ einen Essiggeschmack auf meiner Zunge. »Scheint so, als zögen wir nach Leeds um.« Ich wusste, dass Alex wahrscheinlich bereits ein Haus ausgewählt hatte, das er kaufen wollte.

»Du wirst es dort lieben.« Die Erleichterung war ihm anzumerken, als er über den Tisch griff und meine Hand drückte.

Ich lächelte ihn etwas gezwungen an, während ich nur an den Leichnam denken konnte, den ich auf unserem Grundstück verscharrt hatte.

Kapitel 6Emma • 2017

Als Jamie wieder zu Hause war und in seinem Bett lag, hatte ich das Gefühl, als schliefe das ganze Haus. Alex schnarchte leise, müde von dem langen Arbeitstag, und dann hatte er auch noch das Essen zubereitet, nachdem er nach Hause gekommen war. Ich starrte an unsere niedrige Decke, den Spinnweb-Magnet, wie Alex sie nannte. Er war eins achtundachtzig groß und musste sich jedes Mal leicht ducken, wenn er das Zimmer betrat. Alles in unserem kleinen, L-förmigen Cottage war klein. Es war leicht zu verstehen, warum er die Nase davon voll hatte. Und mich selbst verbanden damit auch keine glücklichen Erinnerungen: das Verschwinden meiner Mutter, die Pflege meines unheilbar erkrankten Vaters und das, was damals da draußen passiert war … Ich fühlte mich vom Pech verfolgt. Ich konnte nur hoffen, dass die neuen Besitzer mehr Glück hatten.

Alex war ruhig und umsichtig gewesen, als wir uns kennenlernten. Unsere Freundschaft war bereits gefestigt, bevor er mir seine Gefühle gestanden hatte. Er wusste, dass ich mich immer noch von dem erholte, was ich eine »schlimme Beziehung« nannte, auch wenn ich ihm damals nicht mehr erzählt hatte. Es waren die kleinen Dinge, durch die ich ihn liebgewann. Dass er zum Beispiel Essen in die Bücherei schmuggelte, wenn ich unter einem Berg von Arbeit begraben war. Dass er wusste, wann ich Zeit für mich brauchte. Und als ich eine schreckliche Erkältung hatte, hatte Alex mich aufopfernd gepflegt. Während ich verschnupft dalag und schrecklich aussah, ließ Alex wichtige Lektionen sausen, um an meiner Seite zu bleiben. Alex' nimmermüde Unterstützung war eine Schuld, von der ich nur wenig zurückzahlen konnte, als sein Vater an einem Herzinfarkt starb. Ich drückte seine Hand, als der Mann, den er auf der Welt am meisten geliebt hatte, in die Erde hinabgesenkt wurde.

Alex schenkte mir den Glauben, dass ich ein besseres Leben verdiente. Familie bedeutete für ihn alles, und nachdem wir geheiratet hatten, wollte er unsere Vereinigung unbedingt mit einem Kind besiegeln. Dass ich mit Jamie schwanger wurde, hatte alle Opfer gerechtfertigt, die ich dafür gebracht hatte. Aber jetzt war eine Wolke am Horizont aufgezogen und drohte, einen Sturm über unserem glücklichen Heim zu entfesseln.

Je mehr ich über das nachdachte, was ich getan hatte, desto übler wurde mir. Als ich im Bett lag und kein Licht von Straßenlaternen die Nacht aufhellte, war es leicht, meiner Fantasie freien Lauf zu lassen, so dass sie verrückt spielte. Ich war leichtsinnig gewesen, wahnsinnig. Himmel! Ich hatte immer noch die Schaufel in meinem Schuppen. Warum war ich nicht zurückgegangen, hatte den Leichnam tief in der Erde vergraben und alle Beweise vernichtet? Aus demselben Grund, warum ich danach nicht mehr zur Kirche gegangen war. Weil ich es nicht ertragen konnte, das war der Grund. Ich musste mich zwingen, darüber nachzudenken, was ich getan hatte. Da draußen lag Lukes Leichnam, aber in welchem Zustand war er? Es war jetzt vier Jahre her. War er vollkommen verwest? Oder hatten wilde Tiere seine sterblichen Überreste zerfetzt? Mein Magen drehte sich bei diesem Gedanken um. Dann durchzuckte mich ein Flashback, in allen schillernden Einzelheiten, und ich richtete mich keuchend im Bett auf.

Alex rührte sich neben mir. »Alles in Ordnung, Liebes?« Er klang schlaftrunken.

Ich strich ihm durch das zerzauste braune Haar. »Ich hatte einen Albtraum. Ich hole mir rasch ein Glas Wasser, schlaf du nur weiter.«

Aber als ich meinen Morgenmantel überwarf, wusste ich, dass es die Wahrheit war, ein Albtraum, aus dem ich niemals erwachen würde. Ich schlich in die Küche und wog meine Möglichkeiten ab, versuchte, sie so leidenschaftslos wie möglich zu betrachten. Ich konnte zu der Leiche zurückkehren und ein tieferes Grab ausheben, sicher, aber wenn die neuen Besitzer nun das Land umgruben? Was dann? Mir wurde kalt, und ich schaltete das Küchenlicht an. Die Energiesparbirne hing ohne einen Lampenschirm in ihrer nackten Fassung. Als ich das letzte Mal versucht hatte, einen Schirm anzubringen, hatte ich einen elektrischen Schlag erlitten, der mir über den Arm bis in die Zehen gefahren war. Alex schien sich damit zufriedenzugeben, das Haus weiter herunterkommen zu lassen, weil das ein weiteres Argument dafür war, hier wegzuziehen. Ich schlurfte zu unserem großen viereckigen Spülstein und ließ Leitungswasser in ein Glas laufen. Ich brauchte einen Plan B.Ich konnte Lukes sterbliche Überreste holen, sie verbrennen und alles, was von ihm übrigblieb, irgendwo entsorgen, wo es sicher war. Aber wie? Ich war eine dreißigjährige Frau, die Brautmode verkaufte. So etwas konnte ich unmöglich allein bewerkstelligen. Aber ermorden konntest du ihn mit Leichtigkeit!, fuhr mich mein Unterbewusstsein an.

Ich atmete zitternd ein. Die Vorstellung, dorthin zurückzukehren, bereitete mir Übelkeit, aber ich sagte mir, dass der Mann, den ich dort verscharrt hatte, lebendig eine größere Gefahr gewesen war als tot. Ich starrte durch das Fenster auf den mondlosen Himmel und beruhigte mich mit dem Gedanken, dass Luke mich nicht länger bedrohen konnte. Doch das war eine Lüge. Er verfolgte mich noch aus seinem Grab, rief meinen Namen. Es gab keine Geister, die The Strood unsicher machten, sondern nur Luke. Ich musste dorthin zurück und die Leiche wegschaffen. Erst dann konnten wir wegziehen und von vorn anfangen. Ein neues Heim, ein Aufstieg für Alex und eine Privatschule für Jamie – es war alles, was wir gewollt hatten, und es war zum Greifen nah. Ich musste nur die Kraft aufbringen, die Sache durchzuziehen.

Ich trank das Wasser, ohne zu bemerken, dass ich mir auf die Lippen gebissen hatte, bis ich den warmen Geschmack von Blut spürte. Ich erinnerte mich an die blutbefleckte Schaufel, das Blut, das auf Lukes Hemdkragen gesickert war und dann in die Erde, wo sich die Insekten darüber hergemacht hatten. Ich atmete schneller und dachte an die Mahlzeit, die ich an jenem Tag gegessen hatte, und daran, wie sie mir im Magen gelegen und mir zugesetzt hatte. Düstere Gedanken glitten wie Tentakel durch meinen Verstand. Ich schloss die Augen und zwang mich dazu, vernünftig zu denken. Morgen würde ich nach Colchester fahren, Jamie im Kindergarten abgeben und Theresa bitten, meine Schicht zu übernehmen, so dass ich früher Schluss machen und nach Hause fahren konnte. Wenn Alex mich ertappte, würde ich behaupten, ich hätte nur den Zaun überprüfen wollen, bevor die Käufer zurückkehrten. Ich würde Lukes sterbliche Überreste ausgraben und ihn endgültig beseitigen. Diesmal irgendwo, wo ihn niemand jemals finden würde.

Kapitel 7Emma • 2017

Meine Fußballen schmerzten, weil ich die ganze Zeit in meinen Pumps herumgestanden hatte. Nach dem anstrengenden Vormittag hängte ich zum Lunch nur zu gern das Geschlossen-Schild an die Tür. Aber ich wollte mich nicht beschweren. Solange ich beschäftigt war, dachte ich nicht an meine Probleme. Nur konnte ich ihnen nicht ständig ausweichen. Sobald Theresa kam, um meine Nachmittagsschicht zu übernehmen, würde ich nach Hause fahren.

»Stimmt was nicht damit?« Josh betrachtete mich von der anderen Seite des runden Tisches, als ich lustlos in meinem Salat herumstocherte.

»Er ist schon ein bisschen welk«, sagte ich. »Ich hätte ihn in den Kühlschrank stellen sollen.« In unserem winzigen Aufenthaltsraum war es entsetzlich warm. Er war mit einem kleinen Tisch, Stühlen und einem Küchentresen eingerichtet, der die üblichen Geräte aufwies: Mikrowelle, Kühlschrank und Waschbecken. Und es roch hier wie in einem Gewächshaus. Tropische Pflanzen nahmen den meisten Platz in dem Raum ein, eine scherzhafte Erinnerung an Theresas Kritik an den hohen Heizungskosten. Aber ich konnte meinen Bräuten schwerlich zumuten, dass sie ihre Brautkleider mit Gänsehaut am ganzen Körper anprobierten.

»Willst du ein bisschen von meinem?« Josh deutete mit einem Nicken auf seine Lunchbox. »Mum macht immer Berge davon.«

»Nein, iss du es nur. Ich bin einfach nur müde«, sagte ich und schob lustlos ein paar Rote Bete hin und her. »Ich hatte gestern Nacht einen wirklich lebhaften Traum, und der geht mir schon den ganzen Tag im Kopf herum.« Das stimmte, aber ich konnte ihm wohl kaum den wahren Grund meines Unbehagens verraten.

»War es vielleicht einer von diesen gewissen Träumen? Ich habe neulich von Tom Hardy geträumt …« Seine blauen Augen funkelten, als er mich amüsiert anlächelte.

»Tom Hardy ist nicht darin aufgetaucht«, erwiderte ich. Ich wünschte mir, ich könnte ehrlich zu ihm sein. Je besser ich Josh kennenlernte, desto mehr mochte ich ihn, aber ich konnte ihm unmöglich diese schreckliche Wahrheit aufbürden. Ich hätte mich Theresa anvertrauen sollen, aber auch ihrem Urteil wollte ich mich nicht aussetzen.

»Ich war im Gefängnis!«, platzte ich heraus und spannte mich unwillkürlich an. »Ich hatte irgendetwas Schreckliches getan, wusste aber nicht, was. Ich bin weinend aufgewacht, weil Alex mich nicht besuchen wollte.« Ich schob den Salat zurück, weil der Gedanke daran mir das letzte bisschen Appetit raubte.

Josh schluckte den Bissen von seinem Käse-Sandwich herunter. »Das ist aber ein bisschen heftig. Wie kam das denn?«

»Ich weiß es nicht«, sagte ich und schmückte die Lüge weiter aus, um dieses Gespräch zu ermöglichen, das ich unbedingt führen wollte. Wenn ich nicht bald mit jemandem über all das sprechen konnte, würde ich noch platzen. »Aber es hat mich nachdenklich gemacht. Was würdest du tun, wenn du mit jemandem verheiratet wärst, der irgendetwas wirklich Schlimmes getan hätte?« Dass ich Josh eine solche Frage stellte, war nicht ungewöhnlich. Wir diskutierten ständig irgendwelche moralischen Dilemmata, um uns die Zeit zu vertreiben, wenn wenig los war. Mein Herz schlug etwas schneller, während ich auf seine Antwort wartete.

»Oh, wie schlimm ist schlimm denn? Bankraub? Entführung?« Er öffnete seine Lunchbox und förderte einen Marsriegel und einen Beutel mit Chips zu Tage.

»Niemand überfällt heutzutage noch Banken. Mal sehen …« Ich tippte mit den Fingern auf den Tisch, während ich so tat, als würde ich eine Handlung erfinden, über die ich in Wirklichkeit schon den ganzen Tag nachgedacht hatte. »Sagen wir mal … ein Mord. Ein Mord im Affekt, in der Hitze des Moments sozusagen.«

»Das ist heikel.« Josh wirkte nachdenklich, als er bereitwillig auf die Herausforderung einging. »Ich nehme an, ich würde zu ihm halten, jedenfalls bis ich die ganze Wahrheit wüsste. Wenn ich ihn liebte, dann sage ich mir, ich würde gern bei ihm bleiben, weil jemand, den ich liebe, niemals absichtlich eine so schreckliche Tat begehen könnte.«

»Hundert Punkte«, erwiderte ich. »Das sehe ich genauso.«

»Kommt jetzt der Moment, wo du einen Mord gestehst?«

Ich errötete, bis er die folgende Stille mit seinem Gelächter brach. »Kannst du dir das vorstellen?«, platzte er schließlich heraus. »Du kannst doch nicht mal einer Fliege etwas zuleide tun! Jedenfalls werde ich jetzt nicht gleich die Polizei rufen. Allerdings, deine Schwester … Auf die musst du aufpassen.« Er zwinkerte mir zu, als Theresa hereinkam.

»Was habe ich denn jetzt schon wieder verbrochen?« Sie zog ihren Mantel aus, auf dem Regentropfen dunkle Flecken hinterlassen hatten, und hängte ihn hinter die Tür.

»Du hast den Mann deiner Träume geheiratet, aber in deiner Hochzeitsnacht gesteht er dir einen Mord.« Josh schmückte mein vorheriges Szenario aus. »Dann stehen die Cops vor der Tür, um seinen erbärmlichen Arsch einzukassieren. Lässt du ihn sausen, oder hältst du zu ihm?«

»Ich lasse ihn sausen. Mord ist Mord.« Theresa strich sich mit den Fingern durch ihr vom Wind zerzaustes Haar, während sie ohne Zögern antwortete.

»Wir reden hier gerade über den Mann deiner Träume«, sagte Josh.

»Okay, dann würde ich ihn zuerst vögeln.« Theresa lachte, als sie darüber nachdachte. »Und es vielleicht sogar auf ein paar eheliche Besuche im Gefängnis ausdehnen?«

Ich musste mich zu einem Lachen zwingen. Der Gedanke an Gefängnis vermieste mir weiterhin die Lust am Essen.

»Isst du deinen Salat nicht?« Theresa warf einen Blick auf meinen unberührten Teller.

»Ich hatte ein ziemlich reichhaltiges Frühstück«, log ich.

»Tatsächlich?« Sie kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, als wüsste sie es irgendwie besser. Und genauso war es auch. Theresa wusste sehr viele Dinge über mich.

Kapitel 8Luke • 2002

Ich lächelte über meine Raffinesse, während ich Emma betrachtete, die an ihrem üblichen Tisch hinten in der Klasse saß. Nachsitzen während der Lunchzeit war eine exzellente Ausrede, um sie ganz für mich allein zu haben. Emma wirkte allerdings nicht besonders beeindruckt, dass sie in der Klasse hatte bleiben müssen, weil sie ihre Hausaufgaben nicht gemacht hatte. Es war das erste Mal, dass das vorgekommen war, aber es wurde Zeit, die Dinge zwischen uns voranzutreiben. Und das konnte ich nur, wenn ich sie allein zu fassen bekam.

»Warum setzt du dich nicht nach vorn, damit wir plaudern können?«, fragte ich und stand von meinem Schreibtisch auf. Ich war beim Friseur gewesen und hatte mich neu eingekleidet. Ich hatte besondere Mühe auf mein Äußeres verwendet, um sie für mich zu gewinnen. Nicht dass ich wusste, wen oder was sie attraktiv fand; alles an ihr war verschlossen, kaum zu durchschauen.

»Ja, Sir.« Emma nahm die Blechdose, in der ihre Kohlestifte waren.

»Du scheinst nicht besonders begeistert zu sein.« Ich lächelte und bückte mich, um ein Blatt Papier aufzuheben, das ihr heruntergefallen war. »Jeder, der dich sieht, würde glauben, dass du auf dem Weg zum Galgen bist.«

»Entschuldigung, Sir«, antwortete Emma trübselig und setzte sich.

Ich beugte mich vor und legte meine Hand auf die Lehne des Stuhls neben ihr. »Was ist los? Es sieht dir gar nicht ähnlich, dass du deine Hausaufgaben nicht erledigst. Ich dachte, dir würde der Unterricht gefallen?«

»Das tut er auch.« Sie erwiderte ernst meinen Blick. »Es ist nur so, dass …« Sie spitzte verunsichert die Lippen. Ihr kaum gebürstetes Haar, die ungebügelte Bluse und ihr ganzes Äußeres verrieten mir, was los war.

»Ist es gerade schwierig zu Hause?«