Stahlwölfe 02: Freimaurerskalps - Wolfgang Schroeder - E-Book

Stahlwölfe 02: Freimaurerskalps E-Book

Wolfgang Schroeder

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Beschreibung

Das Amerika des 19. Jahrhunderts, wie wir es kennen, hat so nie existiert!Die letzten überlebenden Amerikaner werden von den vereinten Indianerstämmen bedroht. Zusätzlich sitzt ihnen die Armee der Untoten unter George Washington im Nacken, dazu die Gang des Vampirs Billy the Kid und die grauenvollen Flederschreckspinnen.Stahlwolf Brad Shannigan sucht mit einer Handvoll Marines nach einer Shaolin-Amazonin, die von Ghuls in ein unterirdisches Labyrinth entführt wurde. Die Elite-Soldaten müssen sich nicht nur gegen die Leichenfresser, sondern auch gegen monströse Erdspinnen behaupten.

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Seitenzahl: 144

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STAHLWÖLFEBand 2

In dieser Reihe bisher erschienen

1501 Zombie Trail von Cico Cavca

1502 Freimaurerskalps von Wolfgang Schroeder

1503 Indian Ghostwar von Lee Quentin

Wolfgang Schroeder

FREIMAURERSKALPS

Nach einer Idee vonJörg Kaegelmann

Diese Reihe erscheint in der gedruckten Variante als limitierte und exklusive Sammler-Edition!Erhältlich nur beim BLITZ-Verlag, www.blitz-verlag.de, in einer automatischen Belieferung ohne ­Versandkosten und einem Serien-Subskriptionsrabatt bis zu einer Höhe von 23 %.© 2017 BLITZ-Verlag, Hurster Straße 2a, 51570 WindeckRedaktion: Jörg KaegelmannExposé: Guido GrandtTitelbild: Mark FreierUmschlaggestaltung: Mark FreierSatz: Harald GehlenAlle Rechte vorbehaltenwww.BLITZ-Verlag.deISBN 978-3-95719-372-8

1. KAPITEL

26. Juli 1866,

Nebraska Territory

Friedlich liegt das Indianerdorf in der brütenden Mittagshitze unter ihm. Aus einigen Tipis kräuselt sich träge weißer Rauch, der in der sanften Brise langsam zerfasert. Ein Hund schleicht schnuppernd zwischen den Zelten umher, knurrt leise und erleichtert sich an einer der Zeltstangen.

Andrew Johnson, ehemaliger Präsident der Vereinigten Staaten und jetziger Staatsfeind Nummer eins, schiebt seinen ausgeblichenen Stetson in den Nacken und wischt sich über die schweißnasse Stirn. Verdammte Wilde! Selbst ihre Hunde sehen wie Wölfe aus. Ächzend robbt er vom Rand der Felskante zurück und richtet sich vorsichtig auf. Während der Logengroßmeister den Staub von seinem Mantel klopft, wendet er sich seinem Assistenten und Logenbruder, Brigadegeneral Albert Pike, zu. „Wie lange sind die Sioux-Krieger schon fort?“

Pike schirmt seine Augen mit der Hand ab und schaut blinzelnd zur Sonne hinauf, die unbarmherzig auf die beiden Männer herabbrennt. „Müssten gut zwei Stunden sein, Sir.“

Der Ex-Präsident nickt wortlos und blickt sich nachdenklich zu seinen Männern um. Es sind nicht mehr als fünfhundert übrig geblieben. Allesamt ­brave Logenbrüder, ohne Frage, ausgewählt von einem grausamen Schicksal. Die Strapazen der Flucht und der Ereignisse der letzten Zeit haben nur die kräftigsten, cleversten oder skrupellosesten Freimaurer überlebt. Doch die wenigsten von ihnen sind erfahrene Soldaten wie Pike und er. Sie haben zwar in den zurückliegenden Wochen einiges gelernt, aber an die militärischen Strukturen, auf die sein Stellvertreter großen Wert legt, müssen sie sich erst noch gewöhnen.

Die meisten suchen vor der sengenden Mittagssonne Schutz, selbst wenn es nur im Schatten der eigenen Pferde ist. Einige laufen nervös hin und her. Sie scheinen es ihren Gäulen nachmachen zu wollen und scharren mit den Füßen im staubigen Sand der Hochebene. Johnson kann ihre Unruhe gut verstehen. Seit mehr als einem Monat sind sie vor ­Ulysses ­Simpson Grant auf der Flucht, jenem Mann, der ihm sein Amt gestohlen hat und den er abgrundtief hasst. Gejagt werden sie von dessen Schergen, den Mitgliedern der verdammten Anti-Mason-Force, die Grant eigens für den Zweck gegründet hat, alle Freimaurer zu verfolgen und vor Gericht zu zerren. Wie räudige Köter haben sie sich vor den selbst ernannten Stahlwölfen in dem Millionentreck verkriechen müssen, der seit mehreren Wochen vor den ­Kainitern auf dem Trailing Blood, dem Pfad des Blutes und der Tränen, flüchtet.

Doch das ist jetzt endgültig vorbei! Verächtlich spuckt Johnson aus und beobachtet fasziniert, wie die Flüssigkeit gierig vom staubigen Boden aufgesogen wird. „Okay, schlagen wir los, damit wir hier fertig sind, bevor die Krieger zurückkommen.“ Der Ex-­Präsident streicht über seinen ungepflegten Bart. „Suchen Sie zehn erfahrene Männer aus, Pike. Wir reiten voraus und fühlen den Rothäuten auf den Zahn. Die anderen sollen sich vorerst noch zurückhalten und auf mein Zeichen warten.“

Sein Adjutant antwortet mit einem erwartungsvollen Grinsen.

Johnson ist froh, in Albert Pike einen Stellvertreter gefunden zu haben, auf den er sich jederzeit verlassen kann, jemanden, der wie er selbst zu den eingeweihten Freimaurern gehört, die über das größte Geheimnis der Menschheit und damit über das eigentliche Ziel ihrer Reise Bescheid wissen. Unwillkürlich greift er nach dem Amulett, das er wochenlang unter seinem schäbigen Baumwollhemd hat verstecken müssen, dessen ursprüngliche Farbe man nur noch erahnen kann. Doch diese Zeit ist nun vorüber. Jetzt trägt er die Kette mit dem Blazing Star offen und für alle sichtbar um den Hals. Ein freudloses Lächeln umspielt seine schmalen Lippen. Bald werden seine Logenbrüder und danach die Überlebenden des amerikanischen Volkes erfahren, welches Geheimnis sich tatsächlich hinter dem Buchstaben G in der Mitte des flammenden Sterns verbirgt.

Aber zunächst müssen sie sich unbedingt Vorräte für den Ritt nach Scotts Bluff und zusätzliche Waffen beschaffen. In dem Indianerdorf, das sie seit einigen Stunden auskundschaften, scheint es von beidem genug zu geben. Und dann sind da natürlich die Skalps. Johnsons Mund verzieht sich zu einem verschlagenen Grinsen.

Endlich bietet sich ihm die Gelegenheit, die Richtigkeit eines anderen Geheimnisses zu bestätigen, das nur unter Logenbrüdern bekannt ist. Möglicherweise ist auch weiteren Überlebenden schon aufgefallen, dass ausschließlich Weiße vom Kainsfluch betroffen sind. Weder Schwarze noch Indianer werden nach ihrem Tod zu stinkenden Untoten, die gierig Jagd auf alles Lebende machen. Aber wie man sich vor diesem Fluch schützen kann, das wissen ausschließlich die Brüder im Geiste. Trägt nämlich jemand zum Zeitpunkt seines Todes den Skalp einer Rothaut oder eines Niggers am Körper, wird er davor bewahrt, als Kainiter aufzuerstehen. Johnson weiß, dass viele seiner Männer genau davor schreckliche Angst haben. Wenn er ihnen diese Furcht nehmen könnte, würden sie zu noch besseren Kämpfern und damit seinen Zielen dienlicher werden.

Pikes Signal, dass die Truppe zum Aufbruch bereit ist, reißt ihn aus seinen Gedanken. Der Ex-Präsident besteigt sein Pferd, schließt zur Vorhut auf und winkt seinen Stellvertreter heran. „Geschossen wird nur im äußersten Notfall. Wir müssen Munition sparen.“

Die Männer reiten langsam auf das Dorf zu. Vor dem ersten Tipi steht ein alter Indianer, der sich auf einen kunstvoll geschnitzten Stock stützt und eine natürliche Autorität ausstrahlt. Er beobachtet die Ankömmlinge mit wachsam zusammengekniffenen Augen, hebt bedächtig die linke Hand zum Gruß. Mit einem aufgesetzten Lächeln nickt Johnson dem Indianer zu und gibt das Zeichen zum Anhalten. Noch während die Männer ihre Pferde zügeln, kommen aus den Tipis bereits mehr als vier Dutzend Frauen und Kinder. Laut schnatternd umringen sie den alten Indianer und betrachten die Weißen mit einer Mischung aus Argwohn und Neugier.

Pike tätschelt seinem Pferd beruhigend den Hals, runzelt aber nachdenklich die Stirn. Johnson kann sich denken, welche Fragen seinen Stellvertreter beschäftigen. Es sind die gleichen, die auch er sich gerade stellt: Haben die Krieger ihr Dorf tatsächlich fast unbewacht zurückgelassen? Oder halten sich die Männer irgendwo versteckt, um im entscheidenden Moment zuzuschlagen?

Johnsons Pferd tänzelt nervös. Lachen und laute Rufe in einer unbekannten Sprache lenken den Blick des ehemaligen Präsidenten auf einen Pfad, der sich sanft zwischen den Tipis hindurchschlängelt. Aus der Richtung des Baches, der hinter dem Dorf verläuft, nähert sich eine Gruppe Kinder und Jugendlicher, die von drei älteren Indianern begleitet wird. Ihre langen, von grauen Strähnen durchzogenen Haare sind tropfnass vom Baden.

Zufrieden grinst Johnson den Indianer an, der anscheinend der Medizinmann des Stammes ist. So einfach hat er sich ihr Vorhaben nicht vorgestellt. Der Großmeister lehnt sich entspannt in seinem Sattel zurück und versucht, in dem zerfurchten Gesicht des Alten eine Regung zu erkennen. Ahnt er, was sie erwartet? Wie zufällig lüftet er seinen Stetson und wischt sich über die Stirn – das Zeichen zum Angriff.

Die Erde beginnt zu beben, als die Freimaurer ihren Pferden die Sporen geben und im gestreckten Galopp auf das Dorf zu preschen. Ängstlich drängen sich die Frauen und Kinder um den Medizinmann. Die drei Alten und die Jugendlichen rennen schreiend und winkend auf die Gruppe zu. Dann hat die wilde Meute das Dorf erreicht. In der Staubwolke, die sie aufwirbelt, ist binnen Sekunden kaum etwas zu erkennen. Zuerst sind es nur die Kinder, die ängstlich nach ihren Müttern rufen, doch schnell ist die Luft erfüllt von den Hilferufen aller, egal ob Kind, Frau oder Mann. Ihre Schmerzensschreie vermischen sich mit dem Trommeln der Hufe, dem Wiehern der Pferde und dem siegesgewissen Lachen ihrer Reiter zu einer Kakofonie des Schreckens.

Hustend und mit tränenden Augen lenkt der Ex-Präsident sein Pferd zur Seite, fort von dem Gemetzel, das seine Leute anrichten. Ein letzter Blick zeigt ihm, dass die Gruppe um den Medizinmann auseinandergetrieben worden ist. Schneller, als Johnson es bei dessen Alter erwartet hätte, läuft der alte Indianer auf ein Tipi am anderen Ende des Lagers zu. Pike nimmt die Verfolgung auf, dann verschwinden die beiden in der Staubwolke.

Kein Schuss ist zu hören. Johnson nickt beifällig, sein Befehl wird befolgt. Stattdessen reiten seine Leute die Frauen, Kinder und Alten brutal nieder, lassen die Hufe ihrer Pferde auf die hilflosen Menschen niedertrampeln. Seltsam fasziniert beobachtet der Ex-Präsident eine Indianerin, die verzweifelt versucht, ihr Baby mit dem Körper vor den wirbelnden Hufschlägen zu schützen. Als würde sie es in den Schlaf wiegen wollen, hält sie das Kind mit beiden Armen an sich gedrückt, rollt sich so weit es geht über ihm zusammen. Ihr Hilfe suchender Blick irrt umher, richtet sich plötzlich auf Johnson. Doch bevor der reagieren kann, verschwindet ihr Körper bereits unter den trommelnden Hufen eines Freimaurerpferdes. Kurz noch hört der Logengroßmeister das Gewimmer des Neugeborenen, dann verstummt es abrupt.

Gewehrkolben werden als Waffen eingesetzt, knüppeln brutal alles nieder, was sich unter den Männern bewegt. Einige der Freimaurer haben Bajonette auf ihre Gewehre gepflanzt und stechen auf die Indianer ein. Wie lange Messer durchdringen die Klingen die ungeschützten Körper der Flüchtenden.

Als sich der Staub schließlich legt und zusammen mit dem Blut der abgeschlachteten Rothäute eine dunkelbraune, breiige Masse bildet, findet das Massaker seine grausame Fortsetzung. Die Männer steigen von ihren Pferden und zücken die Messer, um ihre wehrlosen Opfer zu skalpieren. Jeder nimmt sich mindestens einen Skalp und steckt ihn gut sichtbar an seinen Gürtel. Die Luft ist erfüllt von einem metallischen Geruch und dem Wimmern der Sterbenden, die um Gnade flehen. Doch niemand erhört sie, keine göttliche Macht nimmt sich ihrer an.

Fasziniert von der Brutalität und der Effektivität seiner Logenbrüder wendet sich Johnson von dem Blutbad ab. Er reitet langsam auf das Tipi zu, das der alte Indianer angesteuert hat, bindet sein Pferd an dem seines Stellvertreters fest und schlägt das Fell über dem Eingang, das mit allerlei schamanischen Symbolen bekritzelt ist, schwungvoll zur Seite. Im Tipi starrt ihm der alte Medizinmann geschockt und zugleich voller Zorn entgegen. Pike hat ihn entwaffnet und hält ihn mit eisernem Griff, bereit, dem Mann beim geringsten Widerstand mit einem einzigen Ruck das Genick zu brechen. Eine blutige Schramme zieht sich quer über Pikes Stirn, seine kurz geschorenen grauen Stoppelhaare sind blutverkrustet.

Johnson geht auf die beiden zu, um die Wunde aus der Nähe zu betrachten. „Wie ist das passiert?“

„Ist nur ein kleiner Kratzer, Sir. Unser Freund hier hat versucht, mir mit seinem Tomahawk einen zweiten Scheitel zu verpassen.“

Der Ex-Präsident kennt das stürmische Temperament seines Stellvertreters und zieht die Augenbrauen hoch. „Erstaunlich, dass er in so guter Verfassung ist.“

„Ich dachte mir, Sie wollen sich vielleicht mit ihm unterhalten, Sir“, erwidert Pike mit einem breiten Grinsen.

Johnson nickt und sieht den Medizinmann mit einem Lächeln an, das seine Augen nicht erreicht. „Sprichst du unsere Sprache?“

Als Antwort holt der Alte tief Luft und spuckt ihm ins Gesicht. Ein Ruck geht durch den Körper des Indianers, als Pike sein Genick knirschen lässt, gefolgt von einem erstickten Aufschrei des Medizinmannes. Das angedeutete Abwinken Johnsons bremst den Tatendrang seines Adjutanten. Der Alte beißt schmerz­erfüllt die Zähne zusammen.

Mit dem Ärmel wischt sich der Großmeister über das Gesicht und schüttelt den Arm kräftig aus. Seine Stimme klingt bedrohlich leise, als er sich erneut dem Indianer zuwendet. „Noch mal: Verstehst du mich, Wilder?“

„Besser, als mir lieb ist.“

Abermals erhöht Pike den Druck auf das Genick des alten Mannes, der aber keinen Laut von sich gibt. Nur seine dunklen Augen füllen sich mit Tränen, die er wegzublinzeln versucht.

„Du musst dich nicht verstellen. Ich weiß, dass das wehtut“, meint Johnson. „Am besten sagst du mir, was ich wissen will, dann ist alles ganz schnell vorbei.“

Der Medizinmann starrt ihn einige Sekunden aus blutunterlaufenen Augen hasserfüllt an und senkt scheinbar ergeben den Blick.

„So ist es recht. Also: Was habt ihr an Waffen im Lager und wo sind sie versteckt? Ich rede von Gewehren, Pistolen und Munition.“

„Die wenigen Gewehre, die wir besitzen, haben die Krieger mit auf die Jagd genommen.“

Nachdenklich streicht der Freimaurer über seinen struppigen Vollbart, der voller Staub ist. „Tatsächlich?“

„Glaub es oder lass es bleiben, das ist mir gleich“, antwortet der Medizinmann mit weiterhin gesenktem Kopf, bevor er langsam den Blick hebt. Der Hass ist in seine Augen zurückgekehrt. „Ihr seid alle schon so gut wie tot“, fährt der Alte fort. „Verflucht, euch selbst auf grausamste Weise zu richten. Wir werden aus den glücklichen Jagdgründen auf euch hinabblicken und eure herumtaumelnden Leichen anspucken. Die lebenden Toten und die wilden Tiere werden sich an euren Kadavern satt fressen, denn es wird niemand mehr da sein, der euch begraben kann oder will.“

Während seines Ausbruchs hat der Indianer ein weiteres Mal versucht, sich aus Pikes Würgegriff zu befreien, doch jetzt sinkt er kraftlos in sich zusammen. Johnson entfährt angesichts dieses Wortschwalls ein überraschtes Keuchen. Er glaubt nicht mehr, dass er aus dem Indianer noch hilfreiche Informationen herausbekommen kann. Außerdem drängt die Zeit. Sie haben sich schon viel zu lange in dieser Gegend aufgehalten.

Aber vielleicht hat die verdammte Rothaut ja sogar recht. Vielleicht ist das, was geschieht und noch geschehen wird, Gottes Rache an den Weißen, die Strafe für all die Gräueltaten, die der weiße Mann in Seinem Namen begangen hat. Doch wenn dem wirklich so sein sollte, müssten dann nicht wenigstens diejenigen, die cleverer als alle anderen sind, überleben, um der Menschheit eine zweite Chance zu ermöglichen? Für Andrew Johnson ist eines klar: Einzig und allein die Freimaurer sind würdig und in der Lage, diese Rolle zu übernehmen.

Das Gespräch ist beendet, der Medizinmann für ihn wertlos geworden. Hinter dem Rücken des Gefangenen fährt der Ex-Präsident mit der Hand über seine Kehle. Sein Adjutant nickt und löst den mörderischen Griff. Bevor der alte Mann reagieren kann, hat Pike bereits sein Bowiemesser aus der Scheide gezogen und lässt es mit einer fließenden Bewegung über die Kehle des Medizinmannes gleiten. Zuerst zeigen sich einzelne Blutstropfen, wie eine Kette aus aneinandergereihten rubinroten Perlen. Dann ruckt der Indianer schmerzerfüllt mit dem Kopf und die Wunde klafft auf. Gurgelnd versucht der Alte, Luft zu holen und etwas zu sagen, aber nur ein Schwall dunklen Blutes kommt über seine Lippen. Seine Augen treten immer mehr hervor, rollen so weit nach hinten, dass das ­Weiße zu sehen ist ... dann bricht sein Blick.

Pike ergreift die langen grauen Haare des Medizinmannes und zerrt den erschlafften Körper in eine sitzende Position. Fast spielerisch zieht er die Spitze seines Messers einmal um den Schädel des alten Indianers und ruckt mehrmals kräftig am Haarschopf in seiner Hand. Schmatzend löst sich der Skalp vom Schädel. Blut strömt zu Boden und vereinigt sich mit der Lache, die sich unter dem Toten gebildet hat. Pike blickt sich suchend im Tipi um und entdeckt auf der Kochstelle einen Topf mit dampfendem Wasser. Schnell zieht er den Skalp zweimal durch den Topf und spült den größten Teil des Blutes ab. Den feuchten Haarschopf hält er seinem Großmeister grinsend entgegen.

„Ich bin gespannt, ob der Trick funktioniert“, sagt der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, ergreift den Skalp und knotet ihn an seinem Gürtel fest. „Treiben Sie die Männer zur Eile an, Pike. Sie sollen alles an Proviant und Waffen zusammenpacken, was sie finden können, und dann nichts wie los. Es sind noch etliche Meilen bis Scotts Bluff.“

Pike nickt zackig, wischt das Messer sorgfältig an einem sauberen Hemdzipfel des Indianers ab und steckt es in die Scheide zurück. Mit schnellen Schritten verlässt er das Tipi, ohne sich umzusehen.

Johnson bleibt weiter stehen. Er betrachtet nachdenklich die in sich zusammengesackte Leiche des Medizinmanns und wartet mit gezogener Waffe konzentriert auf ein Zeichen des Wiedererwachens, das aber nicht kommt. Schließlich streicht er fast zärtlich über den Skalp an seinem Gürtel, wie bei einer Hasenpfote, deren Berührung Glück bringen soll. Vielleicht wirken diese Skalps ja tatsächlich.

2. KAPITEL

26. Juli 1866,

irgendwo tief unter der Erde

Mailin presst die ausgetrockneten Lippen fest aufeinander, um nicht erneut loszuschreien. Ihre Augen sind vor Entsetzen weit aufgerissen, ihr Kopf beginnt zu zittern. Ein Zittern, das blitzschnell von ihrem ganzen Körper Besitz ergreift. Ruckartig dreht sie den Kopf zur Seite. Sie schließt die Augen und kneift sie so stark zusammen, dass sich ihr hübsches Gesicht zu einer Grimasse des Schreckens verzieht. Verzweifelt versucht sie, die Panik niederzuringen, die sich eiskalt in ihr ausbreitet.

Niemals Schwäche im Angesicht des Feindes ­zeigen! Doch das Motto der Stahlwölfe ist leichter gesagt als getan. Auf das, was ihr in den letzten Stunden widerfahren ist und was sie gerade gesehen hat, hat sie selbst das härteste Training der Anti-Mason-Force nicht vorbereiten können. Trotzdem weiß die junge Marine, dass sie erst zur Ruhe kommen muss, bevor sie sich dem Unfassbaren stellen kann.

Mailin zieht die feuchtwarme Luft des unter­irdischen Gewölbes tief durch die Nase ein und lässt den Atem langsam durch den Mund entweichen. Erst nach dem dritten Atemzug fällt ihr auf, dass sie nichts riecht außer den inzwischen vertrauten Gestank ihres eigenen Schweißes und des Schmutzes, der auf ihrer geschundenen Haut verkrustet ist. Ein kleiner Funke Hoffnung keimt in der Stahlwölfin auf. Wäre jemand in ihrer Nähe, müsste sie weitere Gerüche wahrnehmen. Irgendwelche Gerüche. Könnte es sein, dass das, was sie gerade gesehen hat, lediglich eine Illusion, eine Wahnvorstellung ihres gepeinigten Geistes gewesen ist? Es gibt nur eine Möglichkeit, das ­herauszufinden.