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Nachdem Ryu und Sakura endlich zueinandergefunden haben, genießen sie ihre gemeinsame Zeit miteinander. Doch ihre Freude wird von den brutalen Ereignissen in ihrem Land überschattet, als die Jäger ganze Vampir- und Dämonenclans aus den Städten vertreiben und hinrichten. Während sie versuchen, ihre Beziehung dennoch weiter zu festigen, werden sie immer häufiger von merkwürdigen Träumen heimgesucht. Träume, die doch mehr wie längst vergangene Erinnerungen erscheinen...
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Seitenzahl: 531
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Story of the Fallen-Reihe:
1. Unheiliges Blut
2. Bund der Finsternis
»Die Flügel sind das Heiligste eines jeden Engels und die Quelle seiner Kräfte. Werden sie im Kampf verletzt oder abgetrennt, erleidet der Engel unbeschreibliche Qualen.«
Zitat aus dem Heilerkodex der Engelheit
JAPANISCHE ANREDE-FORMEN
PROLOG
Kapitel EINS
Kapitel ZWEI
Kapitel DREI
Kapitel VIER
Kapitel FÜNF
Kapitel SECHS
Kapitel SIEBEN
Kapitel ACHT
Kapitel NEUN
Kapitel ZEHN
Kapitel ELF
Kapitel ZWÖLF
Kapitel DREIZEHN
Kapitel VIERZEHN
Kapitel FÜNFZEHN
Kapitel SECHSZEHN
Kapitel SIEBZEHN
Kapitel ACHTZEHN
Kapitel NEUNZEHN
Kapitel ZWANZIG
Kapitel EINUNDZWANZIG
Kapitel ZWEIUNDZWANZIG
Kapitel DREIUNDZWANZIG
Kapitel VIERUNDZWANZIG
Kapitel FÜNFUNDZWANZIG
Kapitel SECHSUNDZWANZIG
Kapitel SIEBENUNDZWANZIG
Kapitel ACHTUNDZWANZIG
EPILOG
JAPANISCHE NAMEN ERLÄUTERUNGEN
CHARAKTERE IM ÜBERBLICK
Im Japanischen wird zuerst der Nachname, und dann der Vorname genannt. Personen, die man nicht gut kennt, werden immer mit dem Nachnamen angesprochen.
chan
Verniedlichungsform (entspricht dem deutschen -chen)
Anwendung bei kleinen Kindern, jungen Mädchen und weiblichen Freunden oder Familienmitgliedern
Anhang an den Vornamen, selten auch an den Nachnamen
kun
Anwendung bei männlichen Jugendlichen, in Unternehmen werden auch weibliche Angestellte damit angesprochen
Anhang an den Vornamen, bei Schülern meistens an den Nachnamen
san
Geschlechterneutrale Anrede (entspricht dem deutschen Herr/Frau)
Wird verwendet, wenn Personen sich nicht gut kennen oder beruflich zusammenarbeiten
Anhang an den Nachnamen, bei vertrauteren Personen auch an den Vornamen
sensei
Anrede für Lehrer, Ärzte und sonstige Autoritätspersonen
Anhang an den Nachnamen, kann aber auch alleine stehen
sama
Sehr höfliche Anrede (vergleichbar mit geehrte/r)
Wird für sehr hoch stehende Persönlichkeiten benutzt, aber auch für Gottheiten bzw. vergötterte Personen
Anhang an den Nachnamen, bei vertrauteren Personen auch an den Vornamen
Aniki
Höfliche Anrede für den älteren Bruder
Aneki
Höfliche Anrede für die ältere Schwester
Nii-san
Anrede für den jüngeren als auch älteren Bruder
Zu Deutsch: Bruder
Nee-san
Anrede für die jüngere als auch ältere Schwester
Zu Deutsch: Schwester
Azrael war schon immer ein stolzes Wesen gewesen. Doch durch bestimmte Umstände zu bestimmten Zeiten hatte sie sich entschlossen, ihren Stolz hintanzustellen und sich einem einfacheren Leben zu widmen. Sie bereute ihre Entscheidung nicht. Auch nicht, als ihre Brüder ihre Heimat mehr und mehr zu einer Diktatur verkommen ließen. Nein, gerade deswegen war sie froh, sich aus diesem Leben zurückgezogen zu haben, auch wenn ihre Brüder es nicht nachvollziehen konnten.
Sie war die meiste Zeit alleine, erfüllte ihre Aufgabe, die ihr aufgetragen worden war, und lebte einfach so in den Tag hinein. So lange, bis plötzlich jemand Neues in ihr Leben trat. Anfangs war sie skeptisch gewesen, doch ihr neuer Begleiter war überraschenderweise gar nicht so nervig, wie sie befürchtet hatte. Er war zwar jung und es gab noch viel, was er zu lernen hatte, aber er hatte eine gute Seele. Er zeigte ihr eine Welt, die sie lange Zeit vergessen hatte. Er entfachte einen alten Funken in ihr, den sie damals so unbedingt hatte vernichten wollen.
Azrael fing wieder an, sich mit Dingen zu beschäftigen, von denen sie eigentlich hätte die Finger lassen sollen. Ihre Brüder würden nur wieder böse auf sie werden. Na ja, alle, bis auf einer. Ihr ältester Bruder war schon immer in sie vernarrt gewesen und sie auch ein kleines bisschen in ihn. Er war jahrtausendelang der Einzige gewesen, der sie wahrlich verstanden hatte. Und so befasste sie sich mit dem einen Thema, durch das sie ihrem Bruder wieder näher sein konnte. Sie beschwor ein dunkles Geschöpf. Ein Wesen, das er vor so unendlich langer Zeit erschaffen hatte. Auf der Erde hatte sie alte Runen gefunden, die von ihm berichtet hatten. Ein Dämon, fast so alt wie die Hölle selbst. Das war der beste Weg, ihm wieder nahe zu sein.
Sie zog einen Bannkreis aus heiligem Salz, öffnete die Schrift, in der die Beschwörungsformel stand, und begann, sie laut vorzulesen. Sie war in der Sprache der Engel verfasst worden. Eine Sprache, die nur die göttlichen Wesen zu sprechen vermochten, kein anderes Wesen konnte sie sprechen oder gar die Worte lesen oder niederschreiben. Die Sterblichen wussten nichts mit den himmlischen Schriften anzufangen. Azrael sprach die Worte und augenblicklich verfinsterte sich die Luft um sie herum. Eine bedrückende Aura durchfuhr sie und sie musste ein Schaudern unterdrücken.
Es dauerte nicht lange, da manifestierte sich eine schwarze, schattenhafte Kreatur vor ihr. Ein Dämon mit glühenden Augen. Er flackerte und wand sich in dem Bannkreis, er wollte entfliehen, doch Azrael ließ es nicht zu.
»Engel«, zischte das Wesen. »Sehr dumm von dir … mich zu rufen …« Es war keine Sprache, die sie schon einmal gehört hatte, und trotzdem verstand sie sie. Der Dämon wollte noch etwas sagen, doch die Worte gingen in einem Klagen unter. Er schrie und erlitt Höllenqualen. Azrael widerstand dem Drang, sich die Ohren zuzuhalten, so sehr tat es ihr in den Ohren weh. Es dauerte nur ein paar Sekunden, dann war der Dämon fort. Verpufft. Gestorben.
Der Dämon hatte eine unglaubliche Verwüstung hinterlassen. Der Bannkreis war komplett verweht, die alten Schriften zerfleddert und zerrissen. Ihr ganzes Gemach war ein einziges Schlachtfeld. Sie stand auf, um sich das ganze Ausmaß anzuschauen. Oder eher, sie wollte aufstehen, doch ihre Beine versagten den Dienst. Sie stützte die Hände auf den Boden und ließ den Kopf hängen. Ihre langen Strähnen fielen auf den kalten Dielenboden. Ihr stockte der Atem, als sie ihre Haare betrachtete. Jahrtausendelang – eine Ewigkeit – waren sie pechschwarz gewesen. Schwärzer als die Nacht selbst. Doch nun waren sie verändert. Ein unverkennbares Zeichen der Götter, dass sie mit ihrer Entscheidung nicht zufrieden waren. Ein Zeichen, dass sie auf dem besten Weg war, zu ihrem lang vermissten Bruder zurückzukehren.
Sie würde fallen und ihren Weg in die Unterwelt finden.
Und jenen mitreißen, der sie auf diesen Weg zurückgeführt hatte.
Die Dunkelheit, die schon so lange ein Teil von Sakura war, suchte sie in ihren Träumen heim. Sie war eine Dämonin – eine Yokai –, dennoch erschien ihr diese Finsternis, die sie nun in sich spürte, fremd, anders. Und uralt, als wäre sie aus einem anderen Leben.
Stöhnend erwachte Sakura aus ihrem Albtraum, der sie nun schon über Wochen hinweg immer wieder heimsuchte. Sie hatte schon immer lebhafte Träume gehabt, aber dieser hier war anders. Speziell. Und wirkte unglaublich real, auch wenn sie nicht ganz begreifen konnte, was sie da sah.
Sie raufte sich die Haare, die in wirren Strähnen über ihr Gesicht fielen und ihre Sicht in ein schauriges Violett tauchten. Ihr Zimmer war leer und dunkel, wie die letzten Male auch schon, als sie aus ihren Albträumen erwacht war. Schon seit über einem Monat war sie nun wieder in ihrem Elternhaus in Watari, eine kleine Küstenstadt am Meer, in der sie aufgewachsen war.
Ein Monat war seit ihrer Reise in die Unterwelt vergangen und seitdem war nichts mehr wie zuvor. Letzten Sommer – es schien wie eine Ewigkeit her zu sein – war Shirei von seiner leiblichen Mutter in die Unterwelt entführt worden. Über sieben Monate war Sakura nahe dem Zusammenbruch gewesen, aber nun war er wieder bei ihr, hatte die Unterwelt hinter sich gelassen und seine Mutter gleich mit.
Seither hatte sich ihr Leben sehr verändert. Ihre Adoptiveltern waren tot, getötet durch Werwölfe, die es eigentlich auf Sakura abgesehen hatten. Deswegen lebte sie nun alleine mit Shirei in ihrem Haus, allerdings hatten sie zurzeit noch einen Gast bei sich. Kurumi war vor Shinimi geflohen und Shirei hatte ihr Obdach gewährt. Manchmal kam Sakura sich vor wie in einer merkwürdigen Wohngemeinschaft, aber sie war noch nie anspruchsvoll gewesen.
Hauptsache, ihre Liebsten waren in Sicherheit.
Müde stapfte Sakura zum Fenster herüber und zog die blickdichten Vorhänge auf. Es war noch mitten am Tag, die Sonne verbarg sich zwar hinter einer dichten Wolkenbank, trotzdem blendete das Licht ihre Augen. Aber schlafen könnte sie jetzt auch nicht mehr, dafür war sie viel zu aufgedreht. Jeden Tag schienen ihre Träume realer zu werden, auch wenn sie sich später nie daran erinnern konnte, was sie eigentlich geträumt hatte.
So leise wie möglich schlich sie die Treppe nach unten – jedenfalls wollte sie das, denn kaum war sie auf den Flur getreten, öffnete sich auch schon die benachbarte Zimmertür.
»Saku?«, ertönte eine müde Stimme aus der Dunkelheit. Shireis schneeweiße Haare standen zu Berge, als er zu ihr nach draußen trat.
»Ja, ich bin es nur«, murmelte sie entschuldigend und beobachtete, wie ihr Bruder – Cousin – sich die verschiedenfarbigen Augen rieb. Das eine war so gelb wie die Sonne, wohingegen das andere die gleiche blutrote Farbe besaß wie die Augen seiner Mutter Shinimi. »Geh wieder schlafen, ich wollte mir nur was zu trinken holen.«
Er rührte sich nicht von der Stelle. »Hast du wieder schlecht geschlafen?«
»Ja«, gab sie zu, vor ihm konnte sie einfach nichts verheimlichen. »Aber jetzt ist alles wieder gut.« Bis sie wieder die Augen schloss und von Dingen träumte, von denen sie nicht wusste, wie ihr Unterbewusstsein sie überhaupt zustande brachte.
Sie ging auf ihn zu und strich ihm liebevoll die Haare aus dem Gesicht. Im Gegensatz zu ihr war Shirei ein reinblütiger Dämon, demnach schwächte ihn das Sonnenlicht und machte ihn furchtbar müde. Auch Sakura schlief normalerweise tagsüber, aber die Müdigkeit erwischte sie nie ganz so heftig wie ihn.
»Geh wieder schlafen«, wiederholte sie, als er sie nur skeptisch anschaute. »Wir können später darüber reden.«
Zögerlich nickte er und strich ihr mit den Fingerknöcheln über die Wange. »Schön«, murmelte er, »ausnahmsweise. Aber glaub ja nicht, dass ich es vergessen werde.« Mit diesen Worten verschwand er wieder in seinem dunklen Zimmer.
Sakura konnte ihm seine Reaktion nicht verübeln, denn bisher hatte sie kaum über ihre Träume gesprochen. Zum einen, weil sie ja selbst nicht wusste, was sie da eigentlich sah, zum anderen hatte sie auch so ein komisches Gefühl, dass sie mit ihm nicht darüber reden durfte. Wobei ihr nicht einfiel, wer ihr das denn verbieten sollte.
Nun ging sie wirklich die Treppe nach unten und holte sich ein Glas Wasser aus der Küche. Sie war zwar kein Mensch, trotzdem beruhigte das kühle Nass ihre ausgedörrte Kehle, und ihr Magen bekam das Gefühl, etwas zu tun zu haben. Denn schon seit Wochen – eigentlich seit dem Tag, wo die Albträume angefangen hatten, hatte sie keinen Appetit mehr.
Ihr war klar, dass ein Hungerstreik sie zu gar nichts bringen würde, trotzdem schaffte sie es einfach nicht, Kurumis selbstgekochtes Frühstück zu verschlingen, ebenso wenig wie die Süßigkeiten, die Shirei ihr aus der Stadt mitbrachte. Eigentlich ernährte sie sich im Moment nur noch von Blut … aber das war jetzt auch schon wieder über eine Woche her.
Kaum schweiften ihre Gedanken in diese ganz bestimmte Richtung ab, spürte sie plötzlich eine Präsenz hinter der Eingangstür. Als es kurz darauf leise klopfte, war sie schon längst nach vorne geeilt, schob hastig den Riegel zur Seite und schloss die Tür auf.
Wie jedes Mal, wenn sie ihn sah, machte ihr Herz einen Satz. Doch ehe sie wieder in Schockstarre fallen konnte, wich sie zurück ins Haus, um ihn reinzulassen. In diesem Haus gab es schließlich zwei Bewohner, die sehr allergisch auf Sonnenlicht reagierten. Doch als Ryu vor ihr im dunklen Flur stand, kam sie nicht umhin, ihn voll freudiger Glückseligkeit anzustarren.
Über eine Woche hatte sie ihn nicht mehr gesehen, weil er viel mit seiner Arbeit im Theater beschäftigt gewesen war. Sie hatte nicht gewusst, dass er heute kommen wollte, aber beschweren würde sie sich ganz gewiss auch nicht.
Ryus blonde Locken sahen wie immer aus, wie vom Winde verweht, und seine grünen Dämonenaugen mit den schlitzförmigen Pupillen beäugten sie genauso gierig, wie sie ihn beäugte. Er war wunderschön, rebellisch und wild, aber wenn er sie so ansah, wirkte er zeitgleich auch unendlich einfühlsam und verständnisvoll. Er war der Einzige, der sie wirklich auf allen Ebenen verstand.
»Willst du mich jetzt den ganzen Tag nur anstarren?«, grinste er, wodurch seine Augen noch mehr aufleuchteten.
Sie schluckte und schüttelte ihre Starre ab. Ja, es war helllichter Tag, was doch eher eine ungewöhnliche Besuchszeit für ihn war. »Hast du was dagegen?«, konterte sie scharf. Er trug noch seine Lederstiefel, weswegen er sie nun noch weiter überragte, als er es sowieso schon tat.
Er grinste schief. »Ganz bestimmt nicht«, raunte er und zog sie zu einem Kuss an sich heran. Sofort schmolz sie dahin, als seine Lippen die ihren trafen, und als er sich wieder von ihr löste, war ihr schon wieder ganz warm um die Wangen. Und anderswo.
»Was machst du hier?«, fragte sie ihn, während er Schuhe und Jacke auszog und sie neben der Eingangstür an der Garderobe deponierte.
»Ich hatte so ein Gefühl, dass du wach bist.«
»Ach ja?« Manchmal kam es ihr auch so vor, als könnte sie spüren, was er gerade dachte oder tat, aber es war ihr doch ziemlich verrückt vorgekommen. Schließlich war sie keine Hexe oder Seherin oder sonst irgendetwas, was Gedanken lesen konnte. »Und deswegen kommst du den ganzen Weg von Osaki hierher?«
Er nickte und seine Miene verfinsterte sich. »Willst du mich im Flur stehenlassen oder bittest du mich in dein Zimmer?«
»Damit es so endet wie letztes Mal?«, fragte sie halb im Scherz, aber an seinem Blick bemerkte sie, dass ihm gerade nicht zum Scherzen zumute war. Was doch eher ungewöhnlich war.
Sakura führte ihn hinauf in ihr Zimmer, damit sie ungestört miteinander reden konnten. Ihr Wohnzimmer wurde momentan von Kurumi als Schlafstätte genutzt, weil Shirei und Sakura es noch nicht übers Herz gebracht hatten, das Schlafzimmer ihrer Adoptiveltern auszuräumen. Wahrscheinlich würden sie niemals dafür bereit sein.
»Du wirkst so ernst«, stellte sie fest, als sie die Tür hinter sich zugezogen hatte. »Ist was passiert?«
Statt ihr sofort zu antworten, schaute er auf ihren Futon, der zerwühlt von ihrem unruhigen Schlaf auf den Tatami-Matten lag. »Du hast immer noch Albträume?« Auch ihm hatte sie natürlich von diesen merkwürdigen Träumen erzählt, die sie nicht zuordnen konnte.
»Ja, aber ich kann mich immer noch nicht an sie erinnern.«
Nun wandte er sich wieder ihr zu, sein Blick war unergründlich. »Ich glaube, ich hatte vorhin auch so einen Traum.«
Ihre Augen weiteten sich. »Wirklich?«, flüsterte sie atemlos. Ihr war von Anfang an klar gewesen, dass dies keine einfachen Träume waren, denn dafür fühlten sie sich viel zu real an. Aber sie hatte es ihrer verkorksten Seele zugeschrieben, schließlich wäre es nicht das erste Mal, dass ihr Geist ihr einen Streich spielte.
»Ich verstehe es nicht«, gestand Ryu ein und legte seine Hand auf ihre Wange, streichelte sie mit seinen Fingerkuppen und verursachte bei ihr eine Gänsehaut. Sie liebte seine Nähe, seine Zärtlichkeit und manchmal auch seine Temperamentsausbrüche, wenn ihm irgendetwas nicht in den Kram passte. Er war einfach perfekt für sie.
Doch in diesem Moment war er doch wieder anders, nachdenklich und nicht ganz bei der Sache. Und mit diesem Blick, mit dem er sie nun anschaute, wirkte er irgendwie auch unendlich alt. Als ob er schon so viel von dieser Welt gesehen hätte und es nun in ihren Augen wiederfand.
Was natürlich lächerlich war, schließlich waren sie nicht einmal zwanzig Jahre alt. Bis vor ein paar Wochen hatten sie sich noch nicht einmal gekannt, dennoch kam es ihr so vor, als würde sie ihn schon ewig kennen.
»Was verstehst du nicht?«, hinterfragte sie, als er nicht weitersprach.
Doch er schüttelte nur den Kopf. »Weiß nicht. Immer, wenn ich dich ansehe, denke ich, ich kenne dich.«
Sie legte den Kopf schief. »Du kennst mich doch auch.«
»Nein, so meinte ich das nicht.« Er zog eine Grimasse, die aber sogleich wieder hinter seiner Vampirfassade verschwand. »Ich glaube, ich habe heute von dir geträumt, aber irgendwie warst es doch nicht du.«
»Das verstehe ich nicht.«
Seine Lippen verzogen sich. »Ja, nicht wahr?«, murrte er gequält. Er strich mit dem Daumen unter ihrem Auge entlang. »Ich musste dich sehen, deswegen bin ich spontan hergefahren.«
Ihr Herzschlag beschleunigte sich. »Hast du keinen Auftritt heute Abend?«
»Doch, aber bis dahin habe ich ja noch ein paar Stunden Zeit«, raunte er und beugte sich vor, um sie zu küssen. Sogleich schmiegte sie sich an ihn, vergrub ihre Hände in seinen wunderbaren Locken und hielt ihn bei sich. »Und danach will Akemi ihren Geburtstag mit uns nachfeiern.«
»So?«, grummelte sie an seinen Lippen. »Sie hat doch letzte Woche erst groß gefeiert.«
»Ja, hat sie«, bestätigte er. »Aber weil Vater erst gestern zurückkehren konnte, besteht sie morgen auf ein Familienessen.«
Augenblicklich verkrampfte Sakura sich. In den letzten Wochen hatte sie es tunlichst vermieden, an ihren Vater zu denken. Oder allgemein an ihre Familie in Osaki, denn außer Ryu wollte sie im Moment niemanden von ihnen sehen. Sie war einfach noch nicht bereit, sie als ihre wirkliche Familie anzusehen, wo sie doch geglaubt hatte, dass ihre leiblichen Eltern tot oder so weit weg waren, dass sie sie niemals wiedersehen würde.
»Sind euch Geburtstage echt so wichtig?« Shi und sie hatten ihren Geburtstag kaum gefeiert, weil das unter Yokai eigentlich nicht üblich war. Und da sie zufällig am gleichen Tag Geburtstag hatten, reichte eine kleine Feier für sie beide. Da waren sie wirklich anspruchslos gewesen.
»Eigentlich nur der Zwanzigste«, erklärte Ryu schmunzelnd, »aber weil Akemi immer noch wütend auf ihn ist, findet sie immer einen Grund, ihn zum Bleiben zu bewegen, ehe er wieder auf Geschäftsreise gehen kann.«
»Kann ich nachvollziehen.« Sie selbst raste ja immer noch vor Wut, wenn sie auch nur an Daichi denken musste.
Ryu verzog kaum merklich das Gesicht. »Du bist heute aber auch ziemlich nachdenklich«, brummte er, während er sanft über ihre Schultern streichelte.
»Ja, ich weiß auch nicht, warum. Manchmal habe ich das Gefühl, dass meine Gedanken durcheinander gewürfelt werden.« Vor allem in den letzten Wochen war dieses Gefühl immer schlimmer geworden und dann, wenn sie aus ihren Träumen erwachte und sie jegliche Orientierung verlor, hatte sie Angst, nie wieder zu sich selbst zurückzufinden.
Ryu musste auch merken, wie sehr ihr das zu schaffen machte, denn er kommentierte es nicht, sondern streichelte sie weiter und fuhr mit seinem Daumen über ihre Lippen. Verlegen schlug sie die Augen nieder, aber das hinderte ihn nicht daran, sie weiter zu begehren, ihr Herz zum Rasen zu bringen und sie Stück für Stück gefügiger zu machen. Noch immer hatten sie nicht miteinander geschlafen, aber er hatte andere … Dinge mit ihr gemacht.
Sie war immer noch schüchtern und wusste nicht so recht, was sie dann machen sollte, aber Ryu störte sich nicht daran. Im Gegenteil, ihm schien es sogar zu gefallen, wenn sie sich ihm völlig hingab.
Sakura stöhnte unter seinem heißen Kuss auf, mit dem er sie wohl ablenken wollte, während er ganz verstohlen die Träger ihres Nachtkleides nach unten schob und sie eine Sekunde später nur noch im Unterhöschen vor ihm stand. Die plötzliche Kälte machte ihr nichts aus, denn seine Hände waren schon auf ihr, streichelten über ihre Haut und zwickten ihre Brustwarzen.
»Halt«, stöhnte sie zwischen seinen Küssen. »Shi, er ist … nebenan …«
Ryu knurrte. »Dann musst du wohl leise sein«, entgegnete er und hob sie hoch, nur um sie behutsam auf ihren Futon zu betten. Der Gedanke, dass Shirei nur geschätzte zwei Meter von ihr entfernt war, beunruhigte sie, denn sie wollte nicht, dass er – dass überhaupt jemand hörte, was für lustvolle Laute Ryu ihr entlockte.
»Du bist so verkrampft«, murmelte er und küsste ihren Hals, fuhr mit seinen Fängen über ihre pochende Ader und kratzte die Haut ganz leicht auf. Sie hielt den Atem an. »Sag mir, was du willst, Sakura.«
Ah, ihren Namen aus seinem Munde zu hören, ließ ihr Herz nur noch schneller schlagen.
»Beiß mich«, bettelte sie, weil sie weder die Kraft noch die Lust hatte, ihr Verlangen vor ihm zu verbergen. »Bitte, Ryu …«
Er tat ihr den Gefallen, biss ganz leicht in ihre Haut und genehmigte sich einen Schluck ihres Blutes. Sogleich rauschte sein Gift durch ihre Adern, vernebelte ihre Sinne und fachte die Hitze zwischen ihren Beinen noch mehr an. Nur schemenhaft nahm sie wahr, wie er hastig sein Hemd auszog, so dass sie mit den Fingern über seine schönen Muskeln streicheln konnte, so, wie er es gern hatte.
Ja, langsam lernten sie sich kennen, erforschten sich gegenseitig und fanden heraus, was der andere – aber auch sie selbst – gerne mochten. Vorher hatte noch keiner von ihnen einen Partner gehabt, was auch gut war, denn Sakura könnte es sich nicht vorstellen, ihn in den Armen einer anderen zu sehen. Ebenso wenig wie sie sich einen anderen an ihrer Seite vorstellen könnte.
Mit seinem starken, fordernden Griff umfing er ihre Brüste, die so perfekt in seine Hände passten, als wären sie dafür gemacht. Während er sie massierte, lag Sakura ganz ruhig auf dem Rücken und schaute zu ihm auf, bewunderte das gierige Funkeln in seinen Augen und genoss seine Berührungen.
Sie drehte den Kopf zur Seite, als er seicht über die Bisswunde strich, die mittlerweile schon wieder verheilt war. Als sie ihren Hals reckte, unterdrückte er ein Knurren und sie konnte die Beule in seiner Hose überdeutlich an ihrem Bauch spüren.
»Weißt du eigentlich, was für einen göttlichen Anblick du mir darbietest?«, grollte er mit zusammengebissenen Zähnen und richtete ihr Halsband, das sie, seit er es ihr geschenkt hatte, keinen Tag abgenommen hatte. Vorne unter ihrem Kinn befand sich eine Schleife mit einem silbernen Stein in der Mitte, wodurch sie sich noch mehr wie eine Puppe fühlte, aber ihr war alles recht, was ihm gefiel.
Ihre Mundwinkel zuckten nach oben. »Ich sehe es in deinen Augen«, erwiderte sie und hielt seinem hungrigen Blick länger stand, als sie für möglich gehalten hätte. Denn in seinen Augen glomm nicht nur die Gier nach Blut, da war noch eine andere Gier, Verlangen, Lust nach ihr.
Es war immer schwer, in Dämonenaugen Emotionen abzulesen, aber bei Ryu war ihr das nie sonderlich schwergefallen. Für sie war er wie ein offenes Buch, barg keine Geheimnisse vor ihr, genauso wie sie keine vor ihm hatte. Selbst die Abgründe, die sich in jeden von ihnen auftaten, kannten sie in- und auswendig und es fühlte sie so gut an, diese Gewissheit zu haben.
»Woran auch immer du gerade denkst, ich hoffe, ich komme darin vor«, brummte er und ließ sich neben ihr nieder, ohne ihre rechte Brust aus seinem Griff zu entlassen. Seine Lippen streiften ihr Schlüsselbein, seine Locken kitzelten ihre Wange. »Ich würde dir die Welt zu Füßen legen, das weißt du.«
Unweigerlich stutzte sie bei diesen Worten. Es kam ihr vor, als hätte sie sie schon einmal gehört, aber ehe sie den Gedanken gänzlich packen konnte, flog er auch schon wieder davon und verschwand in dem Wirrwarr in ihrem Kopf.
Ryu bemerkte ihr Zögern und schaute fragend zu ihr auf, doch sie umfing seine Wange mit der Hand und hauchte ihm einen Kuss auf die sündigen Lippen.
»Ja, das weiß ich«, antwortete sie schließlich und konnte ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken. »Ich weiß, dass du das tun würdest.«
Weil er sie noch nie enttäuscht hatte.
Nun kehrte das Grinsen in sein Gesicht zurück und sie überkam das heftige Bedürfnis, auch ihn … so zu berühren. Immer übernahm er die Initiative, immer schenkte er ihr … Küsse und Berührungen an den richtigen Stellen. Aber sie … war einfach viel zu schüchtern. Zögernd strich sie mit der Hand über seine schöne elfenbeinfarbene Brust, aber sobald sie seinen Bauchnabel erreichte, stockte sie.
»Schon gut«, vernahm sie seine Stimme dicht an ihrer Stirn, dann nahm er ihre Hand und ließ sie ganz langsam tiefer wandern. Das Zittern, das sie unmöglich unterdrücken konnte, schien ihn nicht zu stören, denn er machte weiter, bis sich ihre Hand auf seine harte Beule legte.
Sie schluckte schwer und sah hilfesuchend zu ihm auf, noch nie hatte sie ihn dort berührt, noch nie hatte sie … sein Verlangen, das er nur ihretwegen empfand, in den Händen gehalten. Das Grün seiner Augen schien noch heller zu werden, als sie einen leichten Druck auf ihn ausübte, und sie stellte fasziniert fest, was für eine Wirkung sie auf diesen sehr außergewöhnlichen Mann in ihrem Bett hatte.
♦♦♦
Ryu stockte der Atem, als er ihre kleine zierliche Hand auf seinem steifen Schwanz spürte. Schon oft hatte er sich vorgestellt, wie sie ihn berühren würde, aber er hatte sie zu nichts drängen wollen. Auch jetzt sah er ihr an, wie unsicher sie noch war, überfordert und nicht wirklich glücklich mit der Situation.
Deswegen schob er ihre Hand wieder fort, zurück in seinen Nacken, wo sie ihn sichtlich viel lieber berührte. Ihm ging es auch gar nicht darum, von ihr so berührt zu werden, viel lieber spendete er ihr Lust, massierte sie, leckte sie … Sakura war so süß und irgendwie immer noch unschuldig, obwohl sie mehr als einmal in seinen Armen erzittert war. Niemals würde er sie zu etwas zwingen wollen und niemals würde er von ihr verlangen, bei ihm die gleichen Dinge zu tun, die er bei ihr tat.
Er kannte die Sitten seines Landes, wie Männer über ihren Frauen standen, alles dominierten und selbst im Bett die Regeln aufstellten. Aber so ein schlechter Vater Daichi auch sein mochte, hatte er seinen Kindern doch beigebracht, wie man eine gleichgestellte Beziehung führte. Das war längst nicht selbstverständlich, auch unter den Vampiren nicht, aber ihm war das sehr wichtig gewesen und Ryu war das auch sehr wichtig.
»Alles gut?«, fragte er sie besorgt, weil sie immer noch verlegen nach unten schaute.
Sie nickte leicht. »Tut mir leid, ich bin immer noch ein bisschen …«
»Kein Problem«, versicherte er ihr und küsste sie auf die Stirn, die von ihrem unsauber geschnittenen Pony verdeckt wurde. Er hatte noch nie ein Mädchen gesehen, sie ihren Pony so katastrophal schief trug, aber ihr schien das nichts auszumachen. Sie war eine Rebellin, auf ihre ganz eigene Art. »Ich habe es sowieso viel lieber, wenn ich dich streicheln darf.«
Nun endlich schaute sie zu ihm auf, dieser betörende Wimpernaufschlag haute ihn jedes Mal fast aus den Socken. Und das Schlimme daran war, sie schien nicht einmal zu merken, wie wundervoll sie war. »Wirklich?«
»Ja, wirklich«, summte er und fuhr mit dem Finger zwischen ihren Brüsten entlang. Sie erschauderte. »Ich will, dass du dich wohlfühlst bei mir.«
»Das tue ich.«
Unweigerlich zuckten seine Mundwinkel nach oben. »Eine andere Antwort hätte ich auch nicht akzeptiert.« Weil er wusste, wie kitzlig sie am Bauch war, hob er seine Hand an und legte sie auf ihren Oberschenkel. »Darf ich?«, fragte er, als er das Bündchen ihres dunklen Höschens zu fassen bekam.
Ihre Wangen wurden noch eine Spur dunkler. »Ja«, hauchte sie. »Ich mag es, wenn … du mich da berührst.«
Sein Schwanz wurde noch steifer und seine Hose viel zu eng, aber darum kümmerte er sich jetzt nicht. Nicht, wenn die schönste Frau der Welt ihm erlaubte, sie zu liebkosen, bis sie nur noch wimmern und stöhnen konnte. Ihr Höschen flog im hohen Bogen in eine Ecke, so dass seine Sicht frei wurde auf ihre glatte Scham.
Sie war dort nicht behaart, da waren keine kleinen Löckchen, wie er es von den Erzählungen her gekannt hatte. Scheinbar noch eine ihrer Eigenarten, aber das machte sie nur noch viel betörender für ihn. Er umschloss ihre Scham mit seiner gesamten Handfläche, spürte, wie das feuchte Fleisch unter ihr pulsierte, lustvoll und bereit für ihn.
»Du bist so schön«, hauchte er ihr ins Ohr, als sie sich wieder leicht verkrampfte. Er wusste, dass sie es wollte. Wenn er auch nur ein widersprüchliches Signal von ihr vernommen hätte, hätte er sofort aufgehört. Aber er spürte, dass es nur ihre Schüchternheit war, die sie immer wieder zurückschrecken ließ, deswegen setzte er alles daran, ihr diese kleine Unsicherheit auch noch zu nehmen. »Spreiz die Beine noch ein bisschen weiter.«
Nach einem kurzen Zögern kam sie seiner Bitte nach. »So?« Nur ein heiseres Flüstern.
»Ja.« Ryu strich über ihre feuchte Spalte und als er mit dem Daumen über ihre Perle fuhr, zuckten ihre Beine wieder zusammen. Doch davon ließ er sich nicht beirren, küsste sie noch einmal auf die angespannte Stirn und massierte sie weiter.
Langsam entspannte sie sich, legte den Kopf in den Nacken und schaute ihn mehr als nur lüstern an. Als er mit einem Finger ein Stück weit in sie eindrang, hielt er inne. Sie war noch Jungfrau, deswegen hatte er sich noch nicht getraut, diesen Schritt zu gehen. Er wollte ihr nicht wehtun, das wäre das Allerletzte, was er gewollt hätte.
In ihrer Brust vibrierte es. »Mach weiter«, raunte sie leise. So leise und schüchtern, und doch so gewillt, diesen Schritt mit ihm zu gehen.
»Bist du sicher?«, fragte er vorsichtshalber nochmal nach und strich ihr mit der anderen Hand über die geröteten Wangen.
Sie nickte eifrig. »Bitte«, hauchte sie.
Er schluckte schwer, seine Hand immer noch besitzergreifend auf ihrem Schoß liegend, seine Finger waren ganz feucht von ihrer Erregung. Er stützte sich mit dem Ellenbogen neben ihr ab, ihren Kopf bettete er auf seinem Unterarm, währenddessen drang er mit seinem Finger langsam in sie ein. Sie bäumte sich auf, ihre engen Muskeln umschlossen ihn und ihren Lippen entfloh ein seufzendes Stöhnen, das er mit seinem Mund auffing.
Sie mussten ja nun wirklich nicht unbedingt das ganze Haus wecken.
Zumal ihre Stimme in diesen Momenten allein ihm gehörte. Da ließ er nicht mit sich verhandeln.
Immer tiefer ließ er seinen Finger in sie gleiten, mit der Zeit wurde sie noch feuchter, aber auch geschmeidiger. Ihre Muskeln dehnten sich, ließen ihn rein, hießen ihn willkommen in ihrem Heiligtum. Alles an ihr war heilig, aber dieses Vertrauen, das sie ihm gerade schenkte, aber nicht mit Gold aufzuwiegen. Nun rutschte Sakura unruhig neben ihm hin und her, winkelte die Knie noch mehr an und spreizte die Schenkel nur für ihn, als er noch einen zweiten Finger dazu nahm und gleichzeitig mit dem Daumen ihre Klitoris stimulierte.
Sie biss sich auf die Unterlippe, die süße Qual war deutlich in ihrem Gesicht abzulesen, und was ihn am meisten faszinierte, war, dass sie die ganze Zeit mit ihm Blickkontakt hielt. Die halbgeöffneten Augen lugten lüstern unter ihren langen Wimpern hervor, ihren feinen Mund hatte sie einen Spalt weit geöffnet, so dass ihre spitzen Fangzähne aufblitzten.
Ryu konnte sein besitzergreifendes Knurren nicht unterdrücken, als ihr Körper zu zucken begann und seine Hand wie von selbst einen immer schneller werdenden Rhythmus aufnahm, der sich dem ihren so gut anpasste.
»A-Aniki …«, seufzte sie, der Klippe so nah, dass auch Ryu nur vom Zusehen fast gekommen wäre. Dieses Wort, diese Bezeichnung für ihn, motivierte ihn noch einmal mehr, denn so hatte sie ihn noch nie genannt. Noch nie, bis jetzt.
»Lass dich fallen«, flüsterte er ihr zu, die Lippen ganz nah an ihrem Ohr. »Lass dich fallen, ich werde dich fangen.«
»Immer …?« Ein verschleierter Blick in seine Richtung.
»Immer«, versprach er feierlich und endlich ließ sie los, bog den Rücken durch und schrie ihre ganze Lust heraus. Ryu massierte sie weiter, bis die Wellen der Lust langsam verebbten, aber kaum wollte er das Wort erheben, ertönte von nebenan ein ohrenbetäubendes Geräusch, das sie beide zusammenzucken ließ.
Jemand hatte mit voller Absicht in die Tasten seines Klaviers gehauen und einen unsagbar lauten Misston erzeugt.
Ryu sah sie entschuldigend an, doch auf ihren Lippen war nur ein zufriedenes Lächeln, so dass er sich sogleich wieder auf sie stürzte.
Nach über einer Stunde hatten sie es irgendwie geschafft, sich voneinander zu lösen. Nachdem Ryu sich eine schnelle Katzenwäsche gegönnt hatte, damit er nicht komplett verschwitzt im Theater auftreten musste, machte er sich auch schon bald auf den Weg. Wie immer schmerzte Sakuras Herz, wenn sie ihn gehen sah, aber doch wusste sie, dass er immer bei ihr sein würde.
Sie würde lügen, wenn sie sagen würde, dass sie nicht darüber nachgedacht hätte, wieder zurück ins Anwesen zu ziehen. Nicht wegen ihrer Familie, sondern wegen ihm. Es gefiel ihr, wenn sie Ryu jederzeit um sich haben konnte, und wenn er nicht gerade arbeiten musste, hatte er auch keine anderweitigen Verpflichtungen zu erfüllen. Die Schule war aufgrund des Krieges immer noch ausgesetzt.
Sakura hasste diesen Ort, aber auch sie wusste, dass sie einen Abschluss brauchte, für was auch immer der später einmal gut sein sollte. Auch Shirei hatte die Schule noch nicht beendet, aber darüber hatten sie noch nicht weiter gesprochen. Erst musste sich die Lage in Japan wieder beruhigen. Die größten Dämonenscharen waren zwar schon wieder fort oder von den zahlreichen Jägern, ansässigen Vampiren oder anderen Dämonenarten getötet worden, trotzdem war die Atmosphäre immer noch angespannt.
Als auch Sakura frisch geduscht aus dem Bad kam und sie zurück in ihr Zimmer gehen wollte, erschien plötzlich Shirei vor ihr. Er sah müde aus und er machte auch keinen Hehl darum, sie mit genervt nach oben gezogenen Augenbrauen zu mustern. Ihre Wangen wurden sofort wieder rot.
»Wenn er zumindest nachts kommen würde, müsste ich mir das wenigstens nicht anhören«, zischte er betont beleidigt, aber so ganz abkaufen tat sie ihm seine Show nicht.
»Entschuldigung.« Es war ihr wirklich unangenehm, denn weder hatte sie ihn belästigen wollen noch wollte sie von ihm gehört werden. Aber es war schwierig, eine ungestörte Ecke zu finden, wenn man mit so vielen Leuten auf engem Raum wohnte.
Shi legte den Kopf schief. »Warum war er überhaupt hier um diese Uhrzeit?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Er konnte nicht schlafen«, erklärte sie, »und da er jetzt wieder arbeiten muss, hätte er es sonst wieder nicht geschafft.«
»Er arbeitet ziemlich viel in letzter Zeit.«
Sie nickte. »Ab nächste Woche ist Frühjahrspause, dann üben sie wieder ein neues Stück ein. Wegen der Unruhen im letzten Monat mussten viele Termine ausfallen, die holen sie nun nach.«
»Verstehe. Und was hast du jetzt vor?«
»Noch ein, zwei Stunden schlafen«, grinste sie müde und leicht verlegen, aber auch ein bisschen ängstlich, da die Träume sie jederzeit heimsuchen konnten. Doch so ganz ohne Schlaf konnte sie ja auch nicht sein, sonst würde sie wieder zu so einer wandelnden Toten mutieren wie im letzten halben Jahr.
»Komm wenigstens kurz runter zum Frühstück, Kurumi gibt sich immer solche Mühe.« Das stimmte, auch jetzt stieg ihr schon der köstliche Geruch von gebratenem Gemüse in die Nase. Sie hatte wirklich keine Ahnung, woher die Dämonin wusste, wie man kochte, aber sie konnte es unbestreitbar gut.
Nur widerwillig stimmte Sakura zu. Nachdem sie sich angezogen hatten, gingen sie nach unten, wo Kurumi auf dem Esstisch in der Küche bereits ein kleines Buffet gezaubert hatte. Yokai aßen nicht sehr regelmäßig und die Küche war in den letzten Jahren nur wenig benutzt worden, aber durch Kurumi erwachte sie zum ersten Mal richtig zum Leben.
Die Dämonin mit den schwarzen hochgesteckten Haaren deckte gerade den Tisch ein, als sie ihre Gastgeber bemerkte.
»Guten Morgen«, sagte sie auf Japanisch. Ihr Akzent war zwar noch überdeutlich herauszuhören, aber ansonsten beherrschte sie die Sprache schon sehr gut.
»Guten Morgen«, erwiderten die beiden die Begrüßung und setzten sich an den Tisch.
»Du musst nicht jeden Tag so früh wegen uns aufstehen, Kurumi.«
»Nicht doch.« Sie winkte ab und setzte sich ebenfalls. »Ihr lasst mich bei euch wohnen, da ist das doch das Mindeste.«
Nachdem sie dieses pompöse Frühstück verschlungen hatten, wovon Sakura kaum etwas angerührt hatte, blieben sie noch eine Weile sitzen. Sie konnte Shireis Blick auf sich spüren, ihr Unbehagen musste ihr sehr stark anzumerken sein. Sie wusste selbst nicht, woher dieses Gefühl kam, aber sie glaubte, dass ihre Albträume etwas damit zu tun hatten.
»Hast du dir schon überlegt, wie du weitermachen willst?«, fragte Shirei schließlich Kurumi, deren rote Augen ihn aufmerksam anschauten. In ihnen war keinerlei Gefühlsregung abzulesen.
Der Sukkubus war ihre Freundin geworden, aber doch wussten sie, dass sie nicht für immer hierbleiben konnte und wollte. Sie hatten Kurumi zu sich genommen, um ihr das Leben zu retten und um ihr die Chance zu geben, ein neues Leben, fernab der Unterwelt, anzufangen.
Kurumi schüttelte leicht den Kopf. »Ich war noch nie auf mich allein gestellt«, erklärte sie leise und wandte den Blick ab. »Ich weiß, es ist unhöflich, euch so lange zur Last zu fallen …«
»Du bist keine Last, Kurumi«, beschwichtigte er sie sofort.
Seit sie aus der Unterwelt zurückgekehrt waren, hatten sie kaum noch Kontakt zu ihrer Familie gehabt. Shinimi war weiterhin in der Unterwelt, Daichi machte seine Vampirdinge und Sakuras leibliche Mutter … Ja, die war auch irgendwo hin verschwunden, und nicht einmal Daichi wusste, wohin genau.
Vor zwei Wochen war Sakura mit Shirei zu den Testamentsvollstreckern gegangen und hatte das Testament korrigieren lassen. Shi war der eigentliche Erbe und Sakura konnte ja sowieso reichlich wenig mit den ganzen Verträgen und Geschäften anfangen, die ihr Adoptivvater in den letzten Jahrzehnten abgeschlossen hatte. Sakura war das alles nicht wichtig und sie verspürte auch keine Reue, dass es so war. Sie beschäftigte sich eben lieber mit anderen Dingen.
Sie beschäftigte sich lieber mit Ryu.
*
Später in der Nacht setzte Sakura sich auf den Sims ihres Fensters und ließ die Beine nach unten baumeln. Unter ihr ging es über zwei Meter in die Tiefe, was sie aber nicht sonderlich beunruhigte, schließlich war sie eine Unsterbliche. Die Nacht war dunkel, kaum ein Stern war am Himmel zu sehen und in dem Wäldchen war es ungewohnt ruhig.
Sie konnte sich ihre innere Unruhe immer noch nicht ganz erklären und sie schien auch minütlich schlimmer zu werden. Was war nur los mit ihr? Warum fühlte sie sich, als würde ihr etwas Essentielles fehlen?
Es war noch keine zwölf Stunden her, seit sie Blut getrunken hatte. Der Hunger konnte also nicht der Auslöser für ihre Unruhe sein. Es machte sie krank, dass sie dieses Gefühl nicht in Worte fassen konnte. In ihrem Herzen wusste sie, dass es etwas mit Ryu zu tun haben musste. Schließlich hatte das alles erst angefangen, nachdem sie sich kennengelernt hatten.
Davor hatte sie sich zwar auch … missverstanden gefühlt, in vielen Dingen einfach unerhört und schlichtweg ungeliebt. Kiyomi war immer eine gute Mutter gewesen, auch nachdem klar wurde, dass Sakura mehr war als nur eine einfache Yokai. Auch Shi hatte sich nie daran gestört, aber ihr Adoptivvater …
Nein, dieses Gefühl, das sie nun beherrschte, galt nicht der Vergangenheit. Es galt Ryu und ständig musste sie daran denken, was Shinimi damals zu ihnen gesagt hatte. Sie hatte ihnen erklärt, wie die Enenra-Sippe funktionierte, die beinah ausgestorbene Dämonenart, der sie entsprangen. Shinimi hatte gesagt, dass sie sehr emphatische Wesen seien und in der Lage wären, einen Seelenverwandten zu finden.
Sakura hatte sich noch nicht getraut, dieses Thema bei Ryu anzusprechen, weil sie nicht wusste, ob er es auch wusste. Er hatte erzählt, wie wenig Kagemi ihm über ihre Abstammung berichtet hatte, deswegen musste sie davon ausgehen, dass er genauso unwissend war wie sie ihr ganzes Leben lang. Doch sehr viel länger würde sie nicht mehr warten können, um mit ihm darüber zu sprechen. Denn falls dieses Gefühl … doch nur einseitig sein sollte … würde sie es lieber jetzt erfahren, als wenn sie sich endgültig in ihn verliebte.
Lügnerin, schallte sie sich selbst. Ihr Herz hatte ihm schon vom ersten Moment an gehört und auch ihre Seele wollte keinen anderen mehr. Konnte weder einen anderen noch die Einsamkeit akzeptieren.
Erschrocken fuhr sie herum, als jemand die Schiebetür zu ihrem Zimmer öffnete.
»Entschuldigung, Saku«, murmelte Shi und schloss die Tür hinter sich. »Ich wusste nicht, ob du hier bist oder schon wieder draußen im Wald.«
Sie nickte ihm stumm zu. Manchmal ging sie raus, irrte planlos durch die dichten Bäume oder ging in die Stadt, um sich abzulenken. Hin und wieder lief sie auch zum Strand, beobachtete die beruhigenden Wellen oder wollte einfach nur den Sand zwischen ihren Zehen spüren. Sie kam sich so rastlos vor, so unzufrieden mit allem, weil sie hier war. In diesem Haus, das nicht mehr ihr Zuhause war.
In dieser Stadt, die nicht mehr ihre Stadt war.
Weil sie ganz genau wusste, dass ihr neues Leben woanders stattfinden sollte.
»Wo ist Kurumi?«
»In der Stadt«, erklärte Shirei. »Sie muss jagen und ich wollte mich ihr gleich anschließen, es sei denn, du …«
Sie schüttelte den Kopf. »Geh nur. Ich bleibe hier.«
Seine verschiedenfarbigen Augen schauten sie forschend an, ihm war anzusehen, dass es ihm nicht gefiel, wie sie sich vor ihm abschottete. Ihr gefiel es ja auch nicht! Aber was sollte sie ihm denn sagen? Dass sie so ein komisches Gefühl hatte, welches sie selbst nicht einzuordnen wusste?
»In Ordnung, dann bis später.« Zum Abschied strich er ihr über den Kopf, dann sprang er aus dem Fenster und verwandelte sich im gleichen Atemzug in eine atemberaubende weiße Schneeeule mit einer schwarzen Raute auf dem Kopf.
Eine Weile sah sie ihm nach, auch als er längst schon nicht mehr in der Finsternis zu erkennen war. An die nächsten Minuten erinnerte sie sich kaum noch, da sie scheinbar wieder in ihren Gedanken versunken war, aber als sie hörte, wie eine Kutsche auf ihrem Hofplatz hielt, wurde sie hellhörig. Ihr Fenster ging genau in die entgegengesetzte Richtung raus, deswegen konnte sie von hier aus nicht sehen, wer da zu Besuch kam.
Aber sie konnte es sich schon denken.
Eilig lief sie nach unten und fiel Ryu in die Arme, noch ehe er sie überhaupt begrüßen konnte. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und vergrub ihr Gesicht an seiner Brust, während er sie einfach nur festhielt, stark, beschützend und sehr besitzergreifend.
»Ich dachte, du kommst heute nicht mehr«, murrte sie vorwurfsvoll und schaute zu ihm auf, nur um sogleich von diesen schönen Augen gefangen genommen zu werden.
»Kleine Planänderung«, entgegnete er und strich ihr über die Wange. »Wir haben das Essen auf morgen verschoben.«
»Warum?«
Er deutete ein Schulterzucken an. »Vater ist mal wieder was dazwischengekommen. Aber wen soll das wundern?« In seiner Bemerkung klang deutliche Abneigung mit, doch seine Augen blieben sanft auf sie gerichtet. »Deswegen bin ich gleich nach der Aufführung zu dir gekommen. Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen.«
»Du kommst nie ungelegen«, entfuhr es ihr, ehe sie ihre Freude zügeln konnte.
Seine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. »Da bin ich aber erleichtert.«
»Shi und Kurumi sind los zum Jagen.«
»Das heißt, wir haben das ganze Haus für uns?«, knurrte er, plötzlich ganz nah an ihren Lippen. Sie konnte nicht widerstehen, ihn zu küssen. Oft übernahm sie nicht die Initiative, aber jetzt konnte sie ihr Verlangen nach ihm nicht mehr zurückhalten.
»Du denkst immer nur an das Eine«, schmollte sie, als er sich wieder von ihr gelöst hatte und ihr Herz aufgeregt in ihrem Brustkorb flatterte. Eine Hand lag fordernd auf ihrem Steißbein, die andere umfing weiterhin ihr Gesicht.
Sein Blick wurde eine Spur ernster. »Du weißt, dass es mir nicht nur darum geht. Falls ich den Eindruck vermittelt habe, dass …«
Sie unterbrach ihn mit einem Kopfschütteln. »Nein, hast du nicht.« Auch wenn sie bei ihren letzten Treffen kaum aus ihrem Zimmer herausgekommen waren. »Ich dachte nur, wir könnten heute etwas anderes machen.«
»Alles«, hauchte er, nun wieder sanfter und irgendwie entspannter, und fuhr mit den Fingern durch ihr langes Haar. »Wonach steht dir der Sinn?«
»Ich möchte an den Strand.«
»An den Strand?«, hinterfragte er und zog eine Augenbraue nach oben. »Was willst du da denn?«
»Na, was man eben am Strand so macht. Warte, du warst noch nie dort, oder?«
»Nein«, gab er zu, »dafür gab es nie einen Grund.«
Sie legte den Kopf schief. »Dafür braucht man doch keinen Grund.«
»Meine Kindheit war sehr durchgetaktet, weißt du noch?«, murmelte er wehleidig. »Unsere Eltern haben uns nie erlaubt, uns allzu weit von unserem Haus und der Stadt zu entfernen. Vor allem mir und Akemi nicht, da wir außerhalb viel zu leicht auf fremde Vampire hätten treffen könnten.«
»Die euch dann enttarnt hätten«, beendete Sakura seinen Gedankengang. »Kiyomi hat mir auch immer verboten, in die Stadt zu gehen.«
»Gemacht hast du es aber trotzdem«, grinste er leicht. Sicher musste auch er daran denken, wie sie sich damals in Watari getroffen hatten, als sie sich heimlich herausgeschlichen hatte. Der Abend war wunderschön gewesen, wenn man von dem tragischen Ende einmal absah.
»Sie wollten mich immer beschützen, so wie Shi mich beschützen will. Aber ich denke, ich will mich gar nicht mehr beschützen lassen.« Sie schaute zu ihm auf. »Mein Leben lang habe ich mich eingeengt gefühlt, durch meine eigene Angst, ja, aber auch durch meine Familie, weil sie nie verstehen konnten, was ich wirklich bin.«
Die Worte waren einfach so aus ihr herausgesprudelt, der ganze Zweifel, den sie die letzten Jahre über empfunden hatte. Aber Ryu zügelte sie nicht, redete es ihr nicht aus, sondern nickte einfach nur sehr wissend, weil es ihm bisher genauso ergangen war.
»Kagemi hat mich immer dazu gedrängt, meine Dämonenseite zuzulassen«, erklärte er, als sie fertig gesprochen hatte. »Es war ihr ungemein wichtig, dass ich meine Kräfte beherrschen lernte, aber durch den ganzen Druck, den sie auf mich ausübte, war ich noch viel unsicherer, als ich es sowieso schon war. Ich weiß nicht, ob es unter reinrassigen Enenra normal ist, schon als Kind so gedrillt zu werden, aber bei mir hat es jedenfalls nicht sonderlich geholfen.«
»Du warst nur ein Junge«, hauchte sie betrübt und strich ihm liebevoll über die angespannten Halsmuskeln, die teilweise von seinem Kragen und seinem schwarzen Halsband verdeckt wurden.
»In ihren Augen war ich das nie. In dieser Hinsicht hat Akemi Glück gehabt, dass sie überhaupt keine Yokai-Merkmale aufweist. Und ich muss sagen, dass ich auch froh bin, dass sie dir nicht das Gleiche angetan hat.«
Sakura schluckte. »Aber du warst ganz alleine«, beharrte sie.
»Ja, ich war alleine, und das war auch gut so. Ich hatte nichts zu verlieren in diesem Moment. Jahrelang, auch lange nachdem sie fortgegangen ist, habe ich meine Gefühle unterdrückt, weil ich Angst hatte, sie könnten mich beherrschen.« Er hielt kurz inne. »Na ja, jetzt tun sie es ja auch, seit ich dich kenne.«
Sie senkte den Blick. »Denkst du, das zwischen uns wäre auch so gekommen, wenn wir zusammen aufgewachsen wären?«
»Auf jeden Fall«, gab er ohne Zögern zurück und nahm ihr Gesicht in beide Hände, damit sie wieder zu ihm aufsah. »Du bist es, Sakura. Du warst es immer.«
»Ja, das … Gefühl habe ich auch«, hauchte sie. »Wollen wir jetzt zum Strand?« Denn sonst würden sie doch nur wieder in ihrem Zimmer landen, wogegen sie natürlich auch nichts einzuwenden gehabt hätte.
»Ja, lass uns fahren.«
*
Sie nahmen seine Kutsche, die sie durch die Stadt fuhr, die mitten in der Nacht ziemlich verlassen war. Zu ihrer Freude klarte der Himmel auf, als sie vor dem kleinen Gehweg ausstiegen, der den Strand von den anliegenden Marktständen abtrennte. Tagsüber war hier immer viel los, aber kurz nach vier Uhr morgens waren noch die wenigsten Händler unterwegs.
»Wow«, staunte Ryu, als er neben sie trat und das weite, offene Meer bestaunte, das in der Dunkelheit kaum zu erkennen war. Nur eine riesige dunkle Fläche, auf deren Oberfläche sich das bläuliche Licht des Mondes widerspiegelte.
Für Sakura war es nur schwer vorstellbar, dass er noch nie zuvor das Meer gesehen hatte, wo ihre Präfektur doch reichlich viel Küste besaß, aber nicht jeder war so frei in seinem Handeln und Tun, wie sie es meistens gewesen war. Ihre Adoptiveltern waren zwar streng gewesen, aber wirklich durchsetzen konnten sie sich bei Sakura nicht. Vielleicht, weil sie nicht wussten, wie sie mit ihrem Temperament umgehen sollten.
Shirei war zwar auch zynisch und manchmal wirklich launisch, aber er war auch immer sehr bedacht und tat nichts unüberlegt. Er interessierte sich für Politik, die Hierarchien der einzelnen Rassen und für die Mythen, die in diesem Land weit verbreitet waren.
Sie war da immer ganz anders gewesen, hatte lieber in den Tag hineingelebt, ohne einen wirklichen Sinn darin zu sehen. Bis jetzt. Denn nun hatte sie ihren Sinn gefunden.
»Zieh deine Schuhe aus«, forderte sie ihn auf, während sie schon dabei war, ihre eigenen auszuziehen. »Die Socken auch.«
»Warum?«, fragte er irritiert, folgte ihrer Aufforderung aber.
»Komm.« Sie zog ihn hinter sich her auf den feinen Sand, der sich kühl unter ihren Fußsohlen anfühlte. Der Winter war noch nicht gänzlich vorbei, die Temperaturen waren nachts noch sehr kalt, aber wenn sie Ryu an ihrer Seite hatte, entfachte er eine Hitze in ihr, so dass sie unmöglich frieren konnte.
Sie gingen ein paar Schritte auf das Wasser zu, aber dann blieb Ryu plötzlich stehen und wackelte fasziniert mit den Zehen. »Ein eigenartiges Gefühl«, stellte er fest. »Wie Erde nur viel lockerer.«
Sakura musste grinsen. »Du bist wirklich ein Kind des Waldes.«
»Ja, sowie du ein Stadtkind bist, Nekomata-sama«, brummte er und zog sie an den Händen zu sich heran. »In dieser Hinsicht sind wir wohl ganz unterschiedlich.«
»Das stört mich nicht«, erwiderte sie. Städte faszinierten sie zwar, aber auch in den Wäldern fühlte sie sich wohl. Dort gab es genug Raum für alle, dort konnte sie nachdenken und anderen aus dem Weg gehen, wenn sie ihre Ruhe haben wollte. Zudem mochte sie es, die Tiere zu beobachten oder einfach nur den Klang der Natur zu genießen.
»Danke, dass du mich hierhergebracht hast. Es ist wirklich wunderschön hier.«
»Du hast noch nicht viel von der Welt gesehen, oder?« Unter Adeligen war es normal, öfter den Wohnsitz zu wechseln oder viel zu reisen, aber Shiki Daichi schien es wohl wichtig zu sein, stets alleine unterwegs zu sein.
Ryu schüttelte den Kopf. »Nein, die Reise nach Tokyo war meine weiteste Reise bis jetzt.«
Ihre Augen weiteten sich. »Wirklich? Meine auch.«
»Dann müssen wir irgendwann das Land ja mal gemeinsam bereisen«, beschied er vollkommen überzeugt, dass sie überall mit ihm hingehen würde. Was sie natürlich tun würde. »Und vielleicht auch darüber hinaus.«
»Denkst du, das geht?« Sie waren Yokai und ihnen war es nicht möglich, Japan zu verlassen. Aber da sie auch zum Teil Vampir waren, müsste diese Regel ja nicht unbedingt auch für sie gelten.
»Das müssen wir wohl herausfinden«, grinste er und strich mit den Daumen über ihre Mundwinkel. Sie wusste nicht, warum, aber sie liebte es, wenn er das tat. Und das wusste er, denn sein Grinsen wurde noch breiter. »Kommt morgen zu unserer Aufführung.«
Sie stutzte. »Warum?« Der Gedanke, ihn im Theater spielen zu hören, war schon verlockend, weil seine Musik sie jedes Mal verzauberte, aber dort lief sie auch Gefahr, jemandem über den Weg zu laufen, den sie absolut nicht sehen wollte.
»Morgen ist unsere letzte Aufführung. Ich weiß, du hast das Stück bereits gesehen, aber ich dachte … Wenn du nicht willst, kann ich das natürlich auch verstehen.«
»Doch, ich komme gerne«, erwiderte sie schnell, bevor er noch verlegener wurde. Sie fand es süß, wie er immer unsicher wurde, wenn sie nicht sofort auf etwas ansprang, was er vorschlug. »Aber ich werde Shirei erst davon überzeugen müssen.«
Er nickte. »Ich habe drei Karten für euch zurücklegen lassen, auch wenn Kurumi wahrscheinlich nicht mitkommen will.«
»Das denke ich auch. Sie mag Vampire nicht sonderlich.« Sie strich mit dem Daumen über seinen Handrücken. »Danke für die Einladung. Ich höre dich so gerne spielen.«
»Ich weiß«, erwiderte er und grinste absolut selbstgefällig und sehr von sich überzeugt. »Ich würde alles tun, um dein Lachen zu sehen.«
♦♦♦
Als Shirei ins Haus zurückkehrte, fand er es leer vor. Kurumi war noch in der Stadt geblieben, um … das zu tun, was Sukkuben eben so taten. Er entdeckte einen Zettel auf dem Tisch, der Sakuras Handschrift trug. Sie war mit Ryu ans Meer gefahren und würde vor Tagesanbruch wieder zurück sein.
Nun, wenigstens verließ sie überhaupt mal wieder das Haus, in den letzten Wochen hatte sie sich nämlich ganz schön zurückgezogen. Shirei war nicht entgangen, dass sie etwas beschäftigte, aber sie wollte nicht darüber reden. Es missfiel ihm, wie sie Ryu offensichtlich mehr Vertrauen schenkte als ihm, aber er würde deswegen nicht mit ihr streiten.
Dieser Hybriden-Junge machte sie glücklich und es sollte Shirei auch glücklich machen, schließlich waren die letzten Monate für sie beide nicht leicht gewesen. Er hatte sich um ihr Erbe gekümmert, um das Haus und um die noch ausstehenden Beträge, die ihr Adoptivvater noch nicht bezahlt hatte. Es machte ihm nichts aus, sich darum zu kümmern, Geld war genug da, so dass sie das Haus noch eine ganze Weile unterhalten konnten.
Nur mit der Arbeit von Akihiko wollte er nichts zu tun haben, die Arbeit mit Vampiren war nun wirklich das Letzte, was er sich von seinem Leben erträumte. Noch war er sich nicht sicher, was er mit seinen Anteilen an gewissen Firmen machen sollte, vorerst würde er einfach alles so weiterlaufen lassen, bis ihm eine Idee einfiel.
Eigentlich wusste er überhaupt noch nicht, wie es nun weitergehen sollte, immerhin war er vor seiner Entführung noch ein Kind gewesen und plötzlich fand er sich als Familienoberhaupt wieder – was nie seine Intention gewesen war.
Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als plötzlich ein dunkles Portal auf dem Hofplatz auftauchte. Sofort sprintete er nach draußen, seine Schatten und seine Barriere bereit, jederzeit den Feind unschädlich zu machen und zurück in sein Drecksloch zu werfen. Er konnte sich nämlich schon sehr genau denken, wer so schamlos direkt vor seinem Haus auftauchte.
Seine Schatten wurden von anderen Schatten überlagert, größere und mächtigere Schatten, wie er sie vielleicht in ein oder zwei Jahrhunderten heraufbeschwören könnte. Denn genau auf dieses Alter schätzte er sie, die Yokai, die nun auf ihn zutrat, die ihm bis aufs Haar glich.
»Was willst du hier?«, knurrte er erbost. Seit über einen Monat hatte er sie nicht mehr gesehen und er war davon ausgegangen, sie auch nie mehr wiedersehen zu müssen. Er hatte ihr sehr deutlich gemacht, was er von ihr hielt und dass er nichts mit ihr zu tun haben wollte.
»Ich hatte gehofft, dich hier zu treffen, Shirei«, summte Shinimi vollkommen unbeschwert mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, welches ihre kalten blutroten Augen allerdings nicht erreichte. »Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.«
»Niemand hier ist auf deine Hilfe angewiesen«, zischte er, kurz davor, seine Barriere zu erschaffen und sie damit zu verscheuchen.
Seine Barriere war eine Fähigkeit, die er noch nicht ganz begreifen konnte. Sie bestand aus Licht, was für einen Dämon doch sehr ungewöhnlich war. Aber jetzt, wo er wusste, dass er von einer sehr außergewöhnlichen Sippe abstammte, sollte ihn das nicht weiter wundern.
Ihr Lächeln wurde gequält. »Was findest du nur an diesem Ort?«
»Er ist mein Zuhause.« Auch wenn es sich mittlerweile nicht mehr so anfühlte.
»Ich möchte trotzdem mit dir reden. Wo ist Sakura?«
Seine Augen wurden schmal. »Nicht da. Nicht, dass dich das was angehen würde.«
»Du lässt sie alleine draußen herumlaufen? Zu diesen gefährlichen Zeiten?«
»Als ob du wüsstest, was auf der Erde gerade los ist«, konterte er, immer noch knurrend, immer noch bereit, jederzeit gegen sie zu kämpfen, falls sie nicht sofort verschwinden würde.
»Mehr als du ahnst. Also, wo ist sie?«
»Unterwegs mit Ryu. Sie ist demnach in besten Händen«, zischte er ironisch.
Shinimi zögerte. »Verstehen sie sich gut?«
»Was kümmert es dich!«, rief er lauthals. »Verschwinde einfach wieder, ehe dich noch jemand mit mir sieht. Scheint dir ja immer wichtig gewesen zu sein, bloß nichts mit mir zu tun zu haben.«
»Du weißt genau, dass das nicht stimmt.«
»Ach ja? Warum bist du dann nicht einfach zu uns gekommen, als du dich entschieden hast, wieder Teil meines Lebens zu werden? Stattdessen hast du mich entführt und zugesehen, wie ich fast umgekommen wäre.« Shirei war nicht stolz darauf, aber er war in der Tat nur knapp dem Tod entgangen, als er unbewusst in das Territorium eines anderen Dämons eingedrungen war. Diesen Schmerz – und diese Blamage – würde er nie wieder vergessen.
»Was soll ich tun, damit du mir vergeben kannst?«, beharrte sie ungewohnt zurückhaltend. Er hatte sie als starke, emanzipierte Frau kennengelernt, die sich von niemandem etwas vorschreiben ließ und in allererste Linie an sich selbst interessiert war.
»Verschwinden«, knurrte er. »Du hast hier nichts verloren.«
»Du stellst dir das so einfach vor. Dass ich einfach wieder gehe, als wäre nie etwas gewesen.«
»Hast du vor achtzehn Jahren doch auch super hinbekommen.«
Ihre Gesichtszüge verhärteten sich und sie wollte etwas sagen, wurde aber abgelenkt, als plötzlich noch jemand in der Dunkelheit auftauchte. »Kurumi.«
Der Sukkubus wich sofort einen Schritt zurück, ihre roten Augen vor Angst geweitet. »Shinimi«, hauchte sie ehrfürchtig. »I-ich wusste nicht, dass du hier sein würdest.«
»Sie wollte auch gerade wieder gehen«, schnaubte Shirei, aber er wurde von den beiden Frauen gar nicht beachtet.
»Es tut mir leid, Shinimi«, sprach sie unaufgefordert weiter, die Hände nervös vor dem Körper zusammengefaltet. Kurumi war nicht schüchtern, schien aber sehr viel von Shinimi zu halten. Die genaue Geschichte der beiden hatte er nie erfahren, aber sie musste weitaus tiefer reichen als eine einfache Herrscher-Untergebener-Beziehung.
Erst sagte Shinimi gar nichts, doch dann machte sie ein paar Schritte auf den verstörten Sukkubus zu und legte ihr die Hand auf die Wange. Shirei war kurz davor, einzugreifen, denn er würde nicht zulassen, dass seiner Freundin etwas geschah, aber Shinimi hatte nicht die Absicht, ihr etwas anzutun.
»Ich war ungerecht zu dir«, sagte sie dann, einfühlsam und irgendwie bedrückt. »Du hast gestohlen, aber nur, weil du es nicht besser wusstest, hm?« Kurumi nickte und schaute zu Boden. »Es steht dir frei, in die Unterwelt zurückzukehren. Ich bin mir sicher, mein Sohn hat sich gut um dich gekümmert, aber ich würde mich sehr freuen, dich wieder bei mir zu wissen.«
Verwunderte schaute sie zu der Yokai auf. »Du bist nicht mehr böse?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe den Fehler gemacht, dich wie alle anderen zu behandeln. Das werde ich nicht wiederholen.« Dann lehnte sie sich vor und flüsterte Kurumi etwas ins Ohr, das Shirei nicht verstehen konnte.
»Ich danke dir«, hauchte Kurumi und schaute dann zu Shirei herüber, der ihr nur aufmunternd zunickte. Shinimi mochte für ihn keine gute Mutter gewesen sein, aber Kurumi mochte sie scheinbar sehr und vielleicht, nur vielleicht, war Shinimi ja nicht von Grund auf schlecht. Nur als Mutter taugte sie eben überhaupt nicht.
Im nächsten Augenblick war Kurumi schon in der Dunkelheit verschwunden und so blieb er nun alleine mit seiner verhassten Mutter zurück.
»Darf ich jetzt reinkommen? Oder sollen wir noch ein Sonnenbad nehmen?«, scherzte sie, weil auch sie den nahenden Sonnenaufgang in ihrem Blut spürte, wie es alle Dämonen taten.
Shireis Nackenfell sträubte sich bei dem Gedanken, sie in sein Heim zu lassen. Wobei er sich eingestehen musste, dass es immer noch viele Fragen gab, auf die nur sie die Antworten wusste.
»Von mir aus«, brummte er. »Aber bilde dir bloß nicht ein, das würde etwas zwischen uns ändern.«
Auf ihrem Gesicht war nicht abzulesen, ob sie gekränkt oder beleidigt war, aber in ihrer Aura spürte er ihre aufflackernde Freude trotzdem.
Wohl oder übel hatte Shirei jetzt doch eine neue Familie.
Ryu setzte sie vor ihrer Haustür ab und verabschiedete sich, dann betrat Sakura das Haus. Doch sobald sie die Tür geöffnet hatte, wusste sie sofort, dass jemand Fremdes hier war. All ihre Alarmglocken schrillten, als sie die Tür zum Wohnzimmer aufstieß und eine Frau vorfand, die sie am liebsten nie wieder gesehen hätte.
Kurumis Schlafsachen waren fortgeräumt worden, so dass das Wohnzimmer auch wieder wie eines aussah. Shinimi saß auf dem Sessel, während Shirei auf der Couch saß mit sichtlich viel Abstand, dennoch konnte Sakura seine Abscheu bis hierhin spüren. Sie hatten sich unterhalten, aber nun ruhte die Aufmerksamkeit auf ihr.
»Was tut sie hier?«, grollte Sakura, unfähig, ihre aufsteigende Wut zu verstecken.
»Sei doch nicht immer so herrisch«, entgegnete Shinimi völlig gelassen und schlug provozierend die Beine übereinander. »Ich bin hier, um meinen Sohn und meine Nichte zu besuchen.«
»Wo ist Kurumi?«
Die Yokai grinste. »Dort, wo sie hingehört. Und nun setz dich, du lässt die ganze kalte Luft rein.«
Nur widerwillig schloss Sakura die Tür hinter sich und setzte sich neben Shirei, der bis jetzt noch kein einziges Wort gesagt hatte. Die Vorhänge waren zugezogen, um das hineinbrechende Tageslicht fernzuhalten, und im Kamin brannte ein kleines Feuer, um die Kälte zu vertreiben. An sich eine sehr gemütliche Atmosphäre, wenn da nicht diese düsteren Auren gewesen wären, die von Mutter und Sohn ausgingen und regelrecht gegeneinanderstießen.
Warum auch immer sie hier war, Shirei war damit sichtlich nicht einverstanden.
»Warst du mit deinem Bruder aus?«, übernahm Shinimi wieder das Wort.
