The Darkest Queen - Nina MacKay - E-Book
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The Darkest Queen E-Book

Nina MacKay

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Beschreibung

Halbdämonin Skylar muss kämpfen: für ihre Schwester, für ihre große Liebe und für die ganze Welt. Endlich geht es weiter – das Finale der packenden Dilogie. Prinz Read wurde entführt. Und das ausgerechnet von Skylars tot geglaubter Zwillingsschwester, die mit Skylars mächtigsten Feinden unter einer Decke steckt. Skylar muss den Prinzen um jeden Preis retten, um das Große Sünderfressen zu verhindern. Sonst wird die Welt im Chaos versinken. Doch als sie zu ihm gelangt, ist der Kampf noch lange nicht gewonnen. Die Brautschau muss weitergehen und im Schloss droht Skylars größtes Geheimnis ans Licht zu kommen: Wird Prinz Read ihr verzeihen, wenn er herausfindet, dass sie eine Halbdämonin ist?  Band 2 der mitreißenden Romantasy mit düsterem Dämonen-Setting!

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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© Piper Verlag GmbH, München 2024

Redaktion: Michaela Retetzki

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: Giessel Design

Coverabbildung: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

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Inhalte fremder Webseiten, auf die in diesem Buch (etwa durch Links) hingewiesen wird, macht sich der Verlag nicht zu eigen. Eine Haftung dafür übernimmt der Verlag nicht.

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Widmung

Playlist

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Epilog

Die 10 letzten Mädchen, sortiert nach Rang

Danksagung

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Für alle, die sich manchmal allein fühlen – auch unter Menschen

Playlist

Das Besondere an dieser Playlist ist, dass man sie in Endlosschleife beim Lesen hören kann oder auch jeden Track einzeln zum jeweiligen Kapitel. Track 1 passt perfekt zur Stimmung von Kapitel 1 und so weiter. Ihr findet sie mit Link in meinen Instagram-Highlights zum Buch. Viel Spaß damit! 😊

1Daniel Farrant, Nick Kingsley –

Rise Up

2Gavn! –

Hit The Dirt

3Oliver Tree –

Hurt

4

 –

Goosebumps

5Heather Summer –

Sometimes

6Fleetwood Mac –

Everywhere

7Elijah Woods –

Take Care

8Beth Crowley –

Warrior

9Beth Crowley –

I’LL

Find A Way

10Kayla King –

Ghost

11Concrete Castles –

Where Are You Now?

12Blake Rose –

Best Of Me

13Devan, Corey Harper –

Almost

14As December Falls –

Ride

15St. Lundi –

Nights Like This

16Jordy Searcy –

Fire

17Elijah Woods –

Past Life

18Beth Crowley –

I Didn’t Ask For This

19Halflives –

Everybody Knows It

20Halflives –

Vibe

21Halflives –

Sorry Mom X

22

RØRY

 –

Family Tree

23Peter Fenn –

Far Away

24Taylor Acorn –

Wishing You Hell

25Iamnotshane –

What Doesn’t Kill You Mutates And Tries Again

26Munn –

Can You Hear Me?

27Elijah Woods –

ILU

Kapitel 1

»Dahinten«, zwitscherte Jagger, und ich betete, dass ihn niemand außer mir hören konnte. »Read und du …?«

»Harlyn«, flüsterte ich. »Sie tut so, als wäre sie ich.«

Kurz stockte Jagger, ehe er fortfuhr. »Sie rennen in Richtung See. Du musst sie einholen.«

Ich wischte mir über die Augen.

»Skylar!«, flüsterte Jagger eindringlich. »Was, wenn Harlyn vorhat, Read zu töten? Lauf ihnen hinterher. Jetzt! Rette wenigstens ihn.«

Er hatte ja recht. »Bitte sieh du nach, ob du die Königin findest. Warn mich, falls sie zu uns unterwegs ist«, sagte ich zum Abschied zu meinem besten Freund. »Und pass auf dich auf.«

»Das werde ich«, versprach die kleine Meise, die Jagger war. »Du aber auch auf dich. Ich würde notfalls für dich sterben, das weißt du.«

Daran wollte ich lieber gar nicht denken. Ich biss mir auf die Unterlippe. »Finde mich. Dann wird alles gut werden.« Vor allem, wenn ich Read vor Harlyn warnen konnte.

Ich sprintete los, hinter mir Graf Prahars immer lauter werdende Gebete, die in Schmerzensschreie übergingen. Er hauchte sein Leben aus … und ich musste das wiedergutmachen. Würde sein Opfer nie vergessen. Doch zuerst musste ich Read beschützen. Vor meiner toten Schwester, die von einem Dämon zurückgeholt worden und nicht mehr sie selbst war. Es graute mir vor dem, was ich gleich am See vorfinden würde, und doch stellte umkehren keine Option dar. Andererseits gab es kaum noch etwas auf dieser Welt, das mich erschüttern konnte. Wenn man ganz unten angelangt war, erschien einem jeder Atemzug wie ein Geschenk.

Kurz vor dem Weltuntergang so viele Menschen zu verlieren, die mir etwas bedeuteten, kam in etwa so unerwartet, wie meine tote Schwester wiederzusehen. Und doch war genau das eingetreten. O Mondgöttin, hatte ich noch nicht genug durchgemacht? Nicht zuletzt als mich Königin Marigold als Halbdämonin enttarnt und in den Kerker hatte werfen lassen? Im Rennen drückte ich meine Dienstmagduniform nach unten, die natürlich lediglich eine Illusion von Andras war. In diesem Teil des königlichen Gartens begegnete ich keiner Menschenseele. Keiner anderen Kandidatin oder ihrer Familie und auch keinem der Angestellten. Das Blut rauschte in meinen Ohren. Bitte, ich durfte nicht zu spät sein. Die Frage, wie genau meine Schwester wieder am Leben sein konnte, stellte sich mir seit unserer Begegnung im Kerker in Endlosschleife. Geisterte durch meinen Kopf wie Jaggers schlechte Witze. Warum war Harlyn ins Schloss gekommen? Eigentlich gab es dafür nur eine Erklärung: Jemand, der sie für seine Zwecke brauchte, musste sie hergeholt haben. Zweifellos hatte ein Dämon sie von den Toten erweckt, ehe Andras es hatte tun können. Bei dem Gedanken wurde mir schlecht. Harlyns Wiedererweckung war als Lohn für meinen Drei-Jahres-Dienst bei ihm gedacht gewesen. Zu allem Überfluss schien es so, als ob jemand anders meine Schwester kontrollierte. Denn eben im Kerker war sie eindeutig nicht sie selbst gewesen. Wahrscheinlich – denn es gab schlichtweg keinen anderen, der davon profitierte – ging das auf Bakas und Bajangs Konto. Andras’ machthungrige Brüder also … Und wie hatte alles dermaßen entgleisen können? Graf Prahar hauchte in diesem Augenblick seinen Lebensatem auf dem Scheiterhaufen aus, Risha war verschwunden und Read von Harlyn sozusagen entführt worden. Dazu hatte man Dahlia fortgeschickt, und die Königin hatte vor ein paar Tagen in Metis’ Blut gebadet. Im Grunde war meine Zeit im königlichen Palast deutlich schrecklicher ausgefallen als die Jahre in der Hölle bei Andras.

»Die Königin ist auf der Jagd nach dir!« Jaggers Stimme, der immer noch in die Illusion einer Meise gehüllt war, holte mich ein. Er flatterte in einigem Abstand links über meinem Kopf in der Luft.

So schnell hatte sie herausgefunden, dass ich aus dem Kerker entkommen war? Bei diesem Gedanken spürte ich ein kaltes Kribbeln meinen Nacken emporsteigen.

»Du brauchst nicht gleich in Panik auszubrechen«, fügte Jagger hinzu. »Gerade durchsucht sie die Stallungen. Sie vermutet sicher, du wolltest mit einem Pferd fliehen.«

In meinen Ohren rauschte es inzwischen im Takt meines hämmernden Herzens. Nicht mehr lange, und sie würde mich aufspüren. Vielleicht nicht sofort, aber unweigerlich im Lauf der nächsten Minuten oder Stunden. Ganz gewiss. Laut Andras würden die Illusionen, die Jagger und mich tarnten, kaum eine Stunde halten. Bloß war das jetzt nebensächlich. Im Laufen strich ich mir die dunklen Haarsträhnen aus dem Gesicht, die der Wind aus meiner Frisur gelöst hatte. Zuerst musste ich Harlyn stoppen, die Read in diesem Moment praktisch entführte. Langsam konnte ich mir auch denken wieso.

»Im Vorbeifliegen habe ich aufgeschnappt, dass alle rätseln, was Graf Prahar getan hat. Dein Name ist dabei nicht gefallen.«

»Verstehe. Also wurde ich noch nicht öffentlich als Dämonin benannt. Zumindest bisher nicht. Das kann sich jederzeit ändern. In dem Fall müssen wir uns noch mehr beeilen und Read vorher einholen. Siehst du ihn irgendwo?« Mittlerweile hatten wir den See fast erreicht, aber nirgends war eine menschliche Seele zu sehen.

Jagger reckte sein Vogelköpfchen. »Da vorn. Harlyn und Read laufen Hand in Hand zu den Gemüsebeeten. Dahinter liegt ein Tor.«

»Ein bewachtes?«, keuchte ich. Einen Hinterausgang hatte ich nie zuvor bemerkt.

»Ja.«

Das war in dem Sinne ungünstig für mich, als dass man mich in der Dienstmagduniform aufhalten könnte. Und es hieß, dass Harlyn Read im Auftrag eines Dämons vom Schlossgelände lockte. Eine äußerst angsteinflößende Aussicht.

Die kühle Nachmittagsluft schickte einen Schauer über meinen Nacken.

»Wir holen sie ein«, sagte ich bestimmt. Auch wenn Read nicht wissen durfte, dass die Dienstmagd, in deren Gestalt ich herumlief, ich war. Wohingegen die, die er für Calla hielt, Harlyn war. Jagger in seiner Meisengestalt jammerte vor sich hin. Niemand hier war das, was er sein sollte.

Selbst auf diese Entfernung sah ich Read. So richtig. Zumindest redete mir mein Innerstes ein, dass seine Silhouette da vorn die attraktivste war, die man sich vorstellen konnte. Seine Schönheit wirkte wie ein Magnet auf mich. Er stach unter Tausenden Männern heraus. Auch wenn er der Kronprinz von Itdris war, das machte ihn nicht aus. Nein, es war dieser intensive Blick, seine Verletzlichkeit nach dem Tod seines Vaters und nach meinen Abweisungen, wie er sich für die Bürgerlichen eingesetzt und sich immer Zeit für mich genommen hatte. Wie Read sich für mich entschieden hatte statt für Amaryllis, obwohl das Krieg bedeutete. Mein Herz zog sich bei dem Gedanken zusammen. Zwischen uns durfte nichts sein, und doch … Während ich immer mehr aus der Puste geriet, dachte ich daran, wie ich beinahe mit ihm das Bett geteilt hätte – nur um herauszufinden, dass es Bajang und nicht Read gewesen war, der versucht hatte, mich zu verführen. Darauf sollte ich mich konzentrieren. Auf die Dämonen und die von ihnen eingeleitete Apokalypse. Sonst würde am Ende kaum etwas oder jemand übrig bleiben, für den man Liebe empfinden konnte, sollte ich dieses Ziel aus den Augen verlieren.

»Prinz Read!« Inzwischen waren wir nahe genug an die beiden herangekommen. »Bitte wartet!« Keine Reaktion. Gut ich hatte es versucht. Falls er mich gehört hatte, musste er beschlossen haben, die Dienstmagd hinter sich zu ignorieren. Auch Harlyn in ihrem wehenden weißen Kleid, das exakt wie das aussah, das ich eigentlich für die Gartenparty heute Nachmittag angelegt hatte, drehte sich nicht zu mir um. Sie hasteten in ebenso schnellem Tempo vorwärts wie ich. In diesem Moment traf mich die Erkenntnis: War das wirklich meine Schwester oder eine Illusion von ihr? Verflucht! Beides war nicht auszuschließen. Ich konnte nicht mal sagen, was mir lieber gewesen wäre. Inzwischen hatten Harlyn und Read die Gemüsebeete hinter sich gelassen, erreichten die Grenze des Geländes. Verdammt! Und schon öffneten die Wachen das kleine Tor für sie. Viel zu schnell. Viel zu schnell!

»Ich verfolge sie«, erklärte Jagger ohne Umschweife. »Komm du so schnell wie möglich nach.«

Definitiv die beste Idee des Tages. Wenn er noch länger neben mir herflog, würden wir zudem viel zu viel Aufmerksamkeit auf uns ziehen. Wir durften Read und Harlyn nicht aus den Augen verlieren. Was Harlyn wohl vorhatte? Read hatte die Bemerkung fallen lassen, dass er meine »Familie« retten wolle. Also verfolgte er womöglich gerade Rishas Spur? Bloß würde Harlyn ihn wohl außerhalb des Schlosses vermutlich den Dämonen übergeben, oder noch schlimmer: küssen? Der Gedanke ließ mich beinahe zusammensacken und stolpern. Nein, nein, nein! Meine Schwester durfte ihn nicht küssen und ihm damit die Seele rauben. Alles, nur das nicht! Aber darauf würde es hinauslaufen, richtig? Es musste der Grund dafür sein, dass die Dämonen Harlyn so plötzlich hatten auftauchen lassen wie eine Fadenpuppe im Theater. Denn mit einem Kuss konnte Harlyn Read alles befehlen, und derjenige, der den Kronprinzen kontrollierte, würde auch das Militär von Itdris kontrollieren. Die größte menschliche Macht, die in wenigen Tagen zum Jahreswechsel die Entscheidung bringen würde. Darüber, ob das Große Sünderfressen begann oder nicht. Die Gedankenspirale drehte sich unaufhörlich. Womöglich hatten Andras und ich bereits verloren. Was, wenn es schon zu spät war? Der Gedanke fraß mich schneller als jeden Sünder auf. O Mondgöttin, bitte nicht!

Mein Herz klopfte so ungelenk und hastig wie nie zuvor in meinem Leben. Was hatte ich angerichtet? Wieso hatte sich Read ausgerechnet jetzt in mich verliebt? Nur deswegen hatte Harlyn ihn aus dem Schloss locken können. Diese berechnenden Bastarde von zwei Dämonenbrüdern!

Kapitel 2

»Ich muss nach unten, zum Hafen«, sagte ich atemlos zu dem Wachmann mit den breiten Schultern rechts von mir, dessen Speer sogar noch seinen Helm überragte.

»Wieso so hastig?« Der Wachmann mit dem spitzen Kinnbart musterte mich von oben bis unten. »Die Spätschicht im Schloss hat gerade erst begonnen.«

Damit musste er die allgemeine Arbeitszeit der Bediensteten meinen.

»Ein Notfall. Auftrag des Küchenchefs. Der Puderzucker ist ausgegangen.« Auf die Schnelle fiel mir nichts Besseres ein. Schon jetzt hatten Read und Harlyn einen viel zu großen Vorsprung. »Puff! Alles weg.« Ich gestikulierte mit den Händen, ahmte eine Explosion nach, die in den Himmel stieg.

Die beiden Wachen tauschten einen Blick.

Sofort bereute ich, was meine Nervosität aus mir machte. Wo war meine von Andras antrainierte Abgeklärtheit geblieben? Eine andere Strategie musste her.

»Was habt ihr beide zu verlieren, wenn ihr mich durchlasst?«

Der linke Wachmann mit dem unregelmäßigen roten Bartwuchs hob sein Kinn. »Arme ausstrecken. Zuerst durchsuchen wir dich, und dann sehen wir, ob wir dich passieren lassen.«

Glaubten sie, ich hätte etwas gestohlen und sei deshalb auf der Flucht?

Um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, kam ich der Aufforderung hastig nach.

»Was ist eigentlich im Palastgarten vorgefallen?« Während mich der Rotbärtige durchsuchte, betrachtete der andere Wachmann die Rauchsäule, die in den Himmel aufstieg. Graf Prahars Scheiterhaufen.

»Ein Verräter wurde hingerichtet.« Diese Wahrheit auszusprechen gestaltete sich schwieriger als erwartet. Graf Prahar war fort … endgültig. Immerhin hatte mich die Königin noch nicht vor allen enttarnt und bloßgestellt. Obwohl sie wusste, dass ich eine Halb-Reeva war und der Graf mich zur Brautschau des Prinzen eingeschleust hatte.

Doch diese Verbindung hatte sie – ich vermutete aus Zeitgründen – noch nicht preisgegeben. Mein Glück. Nur fragte sich, wie lange dieses Glück noch anhielt.

»Die Königin kriegt sie am Ende immer alle.« Die beiden Wachen tauschten einen Blick. Einen Atemzug lang herrschte Stille, und ich fürchtete schon, niemals durchgelassen zu werden.

Diesen Gedanken wollte ich gar nicht erst zulassen. »Kann ich gehen?« Ein bisschen fühlte ich mich wie im Theater, wo es für die Hauptdarstellerin in den meisten Stücken am Anfang immer ein Hindernis wie dieses zu überwinden galt. Die erste Prüfung, ehe das Abenteuer begann.

Der linke der beiden Wachmänner hob das Kinn, senkte es gleich darauf wieder. Ein Nicken. Ein Nicken! Ohne mich mit einem gemurmelten Dank aufzuhalten, stürzte ich los. Hinter dem Tor erstreckte sich ein abschüssiger Nadelwald, durch den Steinstufen und Steinplatten nach unten in die Stadt führten. Links und rechts der Stufen bedeckten braune Nadeln den Waldboden. Leider erkannte ich nirgends Read und Harlyn, denn ungünstigerweise verbargen Felsen und Tannen große Teile der Steintreppe. Das änderte jedoch nicht das Geringste an meinem Vorhaben. Ich musste es einfach versuchen.

So schnell es ging, ohne zu stolpern oder zu rutschen, nahm ich die Stufen.

»Endlich!« Wie ein Wurfgeschoss zischte eine Meise auf mich zu. Jagger.

»Wieso hat das so lange gedauert? Read und Harlyn haben einen gewaltigen Vorsprung erlangt. Sie laufen bergab zum Fluss. Dorthin, wo die Straße am Fluss entlang zum Hafen verläuft.«

»Bei der Mondgöttin! Die Wachen haben mich aufgehalten«, keuchte ich. »Wie auch immer. Wir müssen es von hier an klug anstellen. Könntest du dafür Sorge tragen, dass sie ihr Tempo verlangsamen? Irgendwas fällt dir sicher ein, oder? Vielleicht einen von ihnen zum Stolpern bringen?« Spontan wusste ich nicht, wen von beiden ich lieber fallen sehen würde und wen nicht. Außer Harlyn war eine andere Person, über die man eine Illusion gehängt hatte. In dem Fall: sie. Bloß sagte mir meine Intuition, mein Schwesterherz und auch meine Schicksalssicht, dass meine echte Schwester und keine Illusion mich vor wenigen Augenblicken im Kerker aufgesucht hatte. Wenn auch lediglich, um sich als mich auszugeben.

»Wir müssen es klug anstellen«, brachte ich noch einmal zwischen zwei Keuchern hervor.

»Klug anstellen, alles klar.« Jagger salutierte im Flug, ehe er abdrehte und erneut nach unten zischte. Hoffentlich dauerte es noch, bis die Königin uns aufspürte. An den Gedanken klammerte ich mich wie Jagger an seine gelbe Kuscheldecke.

Was, wenn wir ihn nicht fanden? Wenn Read uns gemeinsam mit meiner toten Schwester entkam? Meine Schritte hallten dumpf in meinen Ohren nach. Sollte ich … falls meine Theorie stimmte und ich Read durch meinen Kuss doch auf irgendeine Art kontrollieren konnte … Im Geiste versuchte ich nach einer Verbindung zu ihm zu greifen, um ihm zu befehlen, umzukehren und mir entgegenzulaufen. Einen Versuch war es wert. Ich konzentrierte mich, kniff sogar die Augen zusammen, verschloss meine Ohren. Doch nichts … Bei Ivy war es kein Problem gewesen, ihr eine Nachricht über unsere Verbindung seit dem Reeva-Kuss zukommen zu lassen. Das war der Beweis dafür, dass ich Read keinen Teil seiner Seele genommen hatte, als wir uns geküsst hatten. Immerhin. Er stand nicht unter meiner Kontrolle – eine gute Nachricht in meinem Fall. Bei diesem Gedanken fühlte sich mein Herz gleich ein wenig leichter an.

Damit blieb mir bloß nichts anderes übrig, als weiter wie ein Fauchfuchs den Wald hinunterzurasen. Mein Atem beschleunigte sich, ich stieß weiße Atemwölkchen aus. Erst jetzt fiel mir auf, wie kühl es geworden war. Die Sonne verabschiedete sich gerade, weshalb gelbliches Zwielicht den Wald in einen sanften düsteren Ton hüllte. Sobald ich um die nächste Kurve bog, bemerkte ich eine Bewegung weiter vorn auf dem Weg voller Stufen. Leider versperrten Bäume die Sicht, aber da war eindeutig etwas gewesen! Inzwischen rauschte das Blut genauso laut in meinen Ohren, wie mein Atem unüberhörbar rasselte. Bei der Mondgöttin, das musste einfach heißen, dass sich mein Abstand zu Read und Harlyn verringerte.

Ja! Jetzt sah ich sie vor mir, wie sie hinter einem Felsen verschwanden und auf der anderen Seite wieder auftauchten. Im selben Moment fegte ein gelb-blauer Punkt auf die beiden zu. Jagger. Mein Jagger.

Harlyn strauchelte. Merkwürdig stumm fiel sie nach vorn. Damit war Jaggers und mein Plan wohl aufgegangen. Er hatte sie tatsächlich zu Fall gebracht. Mein cleverer bester Freund.

»Vorsicht«, hörte ich Read sagen, während er sie auffing. Wie er Harlyn mit seinen Armen umschlang und sie für mich hielt. Wenn ich die Zeit dafür gehabt hätte, hätte ich am liebsten gewürgt. Gleichzeitig fraß sich der schale Geschmack von Eifersucht meine Speiseröhre empor. So oder so wurde mir übel. So viel Zeit nahm sich mein Körper.

Schneller! Die letzten zwei Stufen bis zu einer weiteren langen Steinplatte übersprang ich. Weil Read immer noch innehielt, holte ich tatsächlich auf! »Read!« Obwohl ich wusste, dass er mich nicht erkennen würde, konnte ich nicht anders, als nach ihm zu rufen. Informell. Für Formalitäten war jetzt keine Zeit.

Read wandte sich zu mir um. Lediglich ein paar Schritte entfernt. Die Erkenntnis, dass er mich so seltsam distanziert betrachtete, wie er es noch nie zuvor getan hatte, fuhr wie ein Eiszapfen durch meinen Körper. Er erkannte mich nicht, was irgendwie klar gewesen war. Ich schluckte, war mir bewusst, voller Klarheit gewissermaßen, dass es auf meine nächsten Worte ankam. Unbedingt sogar.

»Was du auch willst: Dafür habe ich keine Zeit.« Diese Worte, so kalt aus seinem Mund.

»Nein, warte! Ich bin es. Calla. Die wahre Calla. Eine Illusion verhüllt mich, genau wie eine Illusion über dieser Person liegt und damit den Anschein erweckt, als wäre sie ich.« Anklagend wies ich auf Harlyn, wobei ich mir wie auf der Theaterbühne vorkam. Andras hatte mich darauf trainiert, glaubhaft zu lügen, aber diese Lüge in Bezug auf Harlyn tat unerwartet weh. Dazu kam, dass mein wahrer Name natürlich nicht mal Calla lautete. Read weiter zu hintergehen, neue Unwahrheiten für ihn zu erfinden, schmerzte in jeder Zelle meines Körpers, drang viel zu tief in mich und zerriss mich von innen heraus. Eigentlich hatte ich eine ganz andere Richtung einschlagen wollen. Gerade heute Nachmittag war der Moment gewesen, in dem ich ihm alles hatte gestehen wollen. Nun ja, bis mich seine Mutter geschnappt und in den Kerker verfrachtet hatte.

Read blinzelte, wobei sich seine langen dunklen Wimpern wie Schmetterlingsflügel auf und ab bewegten. Ein überirdisch schönes Gesicht, das mir so vertraut war. Gleich darauf gab er ein verächtliches Lachen von sich. Es hörte sich genauso dumpf an, wie ich mich fühlte. »Wieso sollte ich das glauben?« Sein Blick durchbohrte mich, die unscheinbare Magd. »Du bist eine von Mutters niederen Angestellten, richtig?«

»Nein, ich bin Calla. Das ist nichts weiter als die Illusion eines Dämons.« Ich deutete von mir zu meiner Doppelgängerin. »Vermutlich dazu gedacht, dich mithilfe der falschen Calla aus dem Schloss zu locken.« Und nicht nur das, sondern weitaus mehr steckte offenkundig hinter diesem Schauspiel, doch ich hielt mich zurück. Je mehr ich über die Dämonen Baka und Bajang sowie über das Große Sünderfressen preisgab, desto deutlicher würde ersichtlich werden, wie sehr ich, Calla, mit drinsteckte.

»Sie? Ich? Illusion?«, fragte Harlyn. »Jetzt hat sie sogar mich verwirrt.« Eindeutig ihre hohe Stimme, und sie versuchte meine Aussage als lächerlich abzutun. Ein paar Nuancen über meiner Tonlage brachte sie die Worte hervor, gefolgt von einem gekünstelten Lachen. Wieso war Read das nicht aufgefallen? Und wie gezwungen sie alles abzustreiten versuchte.

Dann wurde ihr Blick gefasster. Ernst wie bei einer Partie Kotis, bei der sie mich in unserer Kindheit beinahe jedes Mal geschlagen hatte. »Schwör auf alles, was dir lieb ist, dass du die echte Calla Da Silva bist.« Harlyns Mundwinkel hoben sich. Verflucht, streng genommen konnte ich das nicht. Callas Identität hatte ich lediglich angenommen, um den Prinzen zu töten – was sich als undurchführbare Aufgabe für mich herausgestellt hatte. Aber hier und jetzt alles zugeben? Ich würde nur noch unglaubwürdiger erscheinen. Es war schlichtweg nicht der richtige Moment.

Ich schwieg, und sie lächelte.

»Wir gehen«, sagte Read keinen Atemzug später mit einem abweisenden Blick für mich.

Mein Mut sank, genau wie mein Herz.

»Nein! Read!« Ich streckte den Arm aus – wieso, das wusste ich selbst nicht. Es war ja nicht so, als könnte ich Feuerbälle daraus hervorschießen lassen, die die beiden aufhalten würden. »Es kann nicht mehr lange dauern, dann wird die Illusion, die mich verhüllt, verebben, glaub mir. Ich werde es dir beweisen, wenn du mich lässt. Frag mich etwas, das niemand anders als ich, die echte Calla, wissen kann.«

Reads Blick huschte umher, nicht unbedingt gewillt, noch mehr Zeit mit mir zu verschwenden, das war deutlich.

Eine kühle Brise streifte meinen Nacken, allerdings fehlte mir schlichtweg die Zeit, um zu frösteln. Konzentriert betrachtete ich Read, wartete seine Reaktion ab.

Da er weiter schwieg, fuhr ich fort. Ich musste einfach weiterreden und seine nicht gestellte Frage quasi selbst beantworten. »Als ich dich vor ein paar Nächten am See traf, hast du mir danach deinen geheimen Weg zurück ins Schloss gezeigt und dich darüber gewundert, dass ich keine Angst vor Kellern verspüre. Erinnerst du dich?«

Reads Kopf zuckte leicht, weshalb ich hastig fortfuhr. »Als wir uns im Zigarrenzimmer deines Vaters getroffen haben, sind wir in einen Streit geraten. An dem Tag, kurz bevor Metis … vergiftet wurde.«

Langsam öffnete Read den Griff um Harlyns Hand, Finger für Finger, und ließ sie los. Er formte mit den Lippen ein O, doch kein Wort kam aus seinem Mund. Er hatte Harlyn losgelassen. Das hieß, es funktionierte! Mein Herz klopfte heftig, während mir bewusst wurde, wie entscheidend meine nächsten Worte waren.

»Das könnte sie überall aufgeschnappt haben«, protestierte Harlyn.

»An dem Abend, als du mich vor Amaryllis und ihren Freundinnen gerettet hast, die mich aus dem Fenster werfen wollten, standest du unten und hast meine brennende Decke gerettet. Später hast du mir einen Geheimgang gezeigt und …« Dieses Geständnis wurde immer intimer, und es war ein Risiko, so viel auszuplaudern, schon weil Baka und Bajang eben auch Illusionen von Read erzeugen und mit diesem Wissen zukünftig etwas anfangen konnten. Doch dieser Moment hier mit Read konnte alles entscheiden, so kurz vor dem Großen Sünderfressen. Ich musste das Risiko eingehen. »… und wir haben uns geküsst.«

Hinter Read, dessen Augen sich weiteten, versiegten die letzten Sonnenstrahlen. »Wie kann das sein?« Er sah zwischen mir und meiner Schwester hin und her. Einmal, zweimal, dreimal.

Also glaubte er mir? Ich atmete tief ein, bereitete mich innerlich darauf vor, dass mich Read umarmte. Natürlich hatte ich mich da wie immer zu früh gefreut.

Jagger zischte knapp an meinem Ohr vorbei. »Jemand kommt«, wisperte er, verpackt in ein Piepsen.

Alarmiert tastete ich meine Dienstmagduniform ab – doch natürlich waren keine versteckten Dolche auffindbar. Nicht wie in meinen eigenen Kleidern, in die Risha geheime Taschen eingenäht hatte.

»Ich kann es bezeugen«, sagte eine Stimme im selben Moment, gerade als ich mich umdrehte.

Brynn, die bürgerliche Kandidatin mit der stets undurchschaubaren, abweisenden Miene, trat aus dem Schatten eines Baums heraus. Im Gegensatz zu vorhin trug sie die Haare offen, und sie bauschten sich wie ein schwarzer Umhang bis zu ihren Oberschenkeln. Brynn hatte das Kinn erhoben, und ihre Stimmlage ließ keinen Zweifel an ihrer Aussage zu.

Brynn? Und wollte sie damit sagen, was ich dachte? Falls ja, wieso bei allen Dämonen sprang sie an meine Seite und dann auch noch hier abseits des Schlosses? Wie hatte sie mich gefunden?

»So?«, fragte Read.

»Sie lügt. Und diese Dienstmagd auch.« Nachdem Harlyns Blick kurz zu Read gehuscht war, neigte sie den Kopf. »Beweist es.«

Wie fremdgesteuert sie sich verhielt. Das hier war Harlyn und doch nicht Harlyn. Schlussendlich konzentrierte ich mich allerdings rasch wieder auf Brynn.

»Was willst du bezeugen, Brynn?«, fragte Read.

»Dass die, die Ihr für Calla Da Silva haltet, nicht die echte ist, sondern diese Dienstmagd.«

Ach? Fragte sich nur, woher gerade sie das wusste. Bloß reichte mir vorab diese Information, um Read aufzuhalten. Es war ein Hoffnungsschimmer, an den ich mich wie eine Ertrinkende klammerte.

»Und worauf stützt Ihr diese Behauptung?« Read wirkte alles andere als überzeugt.

»Ich habe es gesehen. Also den Moment, in dem Calla in die Gestalt der Dienstmagd verwandelt wurde.«

Was? Sie hatte mich beobachtet? O bitte nicht! In dem Fall wüsste sie, dass ich keineswegs verwundert darüber gewesen war, und würde zwei und zwei zusammenzählen. Nämlich, dass ich mit Dämonen im Bunde stand. Denn Andras hatte mir diese Gestalt auf meiner Flucht aus dem Kerker verliehen.

Rasch entschied ich, mich später mit diesem Thema zu beschäftigen. »Read, es sind merkwürdige Dinge geschehen. Manches kann ich mir selbst nicht erklären. Ich glaube, irgendwer will dich und deine Wahl einer Braut manipulieren.« Das war nicht mal wirklich gelogen und recht nahe an der Wahrheit dran. Ihn anzulügen kam für mich längst nicht mehr infrage.

Da Read weiterhin schwieg, setzte ich noch einmal neu an. »Jemand will dich ganz eindeutig aus dem Schloss locken. Ohne Wachen. Siehst du nicht, wie gefährlich das ist?«

»Hör nicht auf sie. Sie verfolgt eigene finstere Pläne«, sagte Harlyn. Sie griff nach Read, trat gleichzeitig ganz nah an ihn heran, beugte sich zu ihm. Mit einer eindeutigen Absicht.

Nein! Sie durfte ihn nicht küssen! Ihr Reeva-Kuss würde ihm die Seele nehmen. Am Rand bemerkte ich, dass meine Hände zitterten.

»Weg von ihm!« Ich stürzte nach vorn, hatte nicht mal Zeit, um nachzudenken. Aber wieso auch. Was immer mit mir passieren würde, ich konnte nicht zulassen, dass sie ihm das antat, was ich Ivy hatte antun müssen. Nie im Leben konnte ich zulassen, dass Harlyn eine Marionette aus ihm formte.

Read machte einen Ausfallschritt, wie um mich abzuwehren, wahrscheinlich das Resultat eines jahrelangen Trainings.

Ich bekam jedoch Harlyn zu fassen, schubste sie weg von ihm, wobei mir das abschüssige Gelände in die Karten spielte. Im selben Moment fuhr ein leichtes Kribbeln über meinen Körper, und mit dem Kribbeln verschwand meine Dienstmagduniform. Endlich! Das konnte nur bedeuten: Ich war wieder ich. Und tatsächlich, ich sah an mir herunter: Die Zeit der Illusion war abgelaufen. Zwar konnte ich damit den Beweis erbringen, wer ich wirklich war, andererseits stand ich nun in nichts weiter als meinem seidenen Unterkleid im Wald. Vor Read, der mich mit geweiteten Augen musterte. Seinen Mund hatte er leicht geöffnet, doch er schwieg.

Ob es von mir selbst kam oder einem Reflex geschuldet war, jedenfalls verschränkte ich sogleich die Arme vor der Brust. Die weiße Seide, die meinen Körper umschlang, überließ leider viel zu wenig der Fantasie.

»Calla?« Mein Name, gehaucht aus Reads Mund. Mein falscher Name. Und dennoch hatte ich nichts Richtigeres als das in all meiner Zeit im Palast von ihm gehört. Eine Last, wie die meiner Verantwortung Harlyn gegenüber, löste sich von meinem Herzen, während es gleichzeitig lauter und heftiger als die Glocken der Tempelpriester schlug.

»Und hier der absolute Beweis«, bemerkte Brynn überflüssigerweise, wobei die Narbe, die sich durch ihre Augenbraue zog, hüpfte.

Irgendwo nicht weit entfernt am Fuß des Abhangs, wo der Wald endete, hörte ich eine Kutsche vorbeifahren. Kies knirschte unter Wagenrädern. Ebenso drehten sich die Rädchen in meinem Kopf. Wenn ich zu spät gekommen wäre, hätte Harlyn Read geküsst und damit die absolute Kontrolle über ihn erlangt, was hieß … beinahe hätte ich nach Luft geschnappt: In dem Fall hätte Harlyn ihn zu allem bringen können. Zum Beispiel zu einer Heirat, womit sie die Kontrolle über die stärkste Militärmacht von ganz Orianda übernommen hätte. Das Zünglein an der Waage, das über den Beginn des Großen Sünderfressens entschied. Und dazu hätte sie mich und Read für immer voneinander getrennt.

Meine Knie drohten nachzugeben. Nicht nur aufgrund dieser Erkenntnis, sondern auch weil Read mich so verblüfft ansah – mit diesem Ausdruck in seinen Augen, den ich in den vergangenen Tagen als selbstverständlich angesehen und deshalb in den letzten Minuten so sehr vermisst hatte. Vertrautheit, Bewunderung, Anziehung auf so vielen Ebenen, vielleicht sogar Verlangen. Niemand außer ihm sah mich so an, und auch keinem anderen gelang es, dass mein Herz und meine Knie durch einen einzigen Blick von ihm weich wurden. Geschmeidig wie Jaggers Kuscheldecke. Als sie noch intakt gewesen war. Genau dieser Blick von ihm zog mir den Boden unter den Füßen weg. Auf gute Weise. Wie der Start kurz vor einem Sprung. Mein Herz nahm so viel Anlauf. Am liebsten hätte ich ihn umarmt. Stattdessen stand ich weiter wie angewurzelt da, gefangen in meinem Gedankenkarussell.

»Du bist tatsächlich die echte Calla?« Reads Stimme brach, ehe er zu Harlyn herumwirbelte. »Und wer bei allen Höllendämonen bist du?«

Harlyn machte einen Schritt rückwärts, dann noch einen. Stumm wie eine Puppe mit Aufziehmechanismus sah sie uns an.

Wir schwiegen wie im Angesicht eines Orkans. Brynn ebenfalls.

Mit ungelenken Bewegungen, als hätte sie ihre Muskeln jahrelang nicht benutzt, drehte sich Harlyn auf dem Absatz um und rannte ebenso ungelenk davon.

Keiner von uns hielt sie auf, obwohl ich es gern getan hätte. Alles in mir schrie danach, sie festzuhalten, mit ihr zu fliehen, bloß was half das, wenn sie von Baka oder Bajang kontrolliert wurde? Ich biss die Zähne aufeinander. Besser ich verschob das Thema Harlyn auf später, auch wenn es schmerzte, doch es war vernünftiger. Sobald ich das Chaos um mich sortiert hatte, würde ich mit Andras’ Brüdern über Harlyns Leben verhandeln. Vermutlich hatten sie sowieso darauf spekuliert. Als Hintertür. Harlyn war ihr Trumpf. Verdammt klug von ihnen. Hinter mir flatterte es, und ich hoffte, dass sich Jagger, der seine eigentliche Gestalt womöglich ebenfalls zurückhatte, unauffällig verhielt. Mich umzudrehen wagte ich nicht.

»Sollten wir sie verfolgen?« Brynn sah mich an. Als ob ich das zu entscheiden hätte und nicht Read, der nach Harlyns Flucht lediglich den Kopf geschüttelt hatte.

Etwas Schwarzes zischte über uns hinweg, Harlyn hinterher. Und ich gab alles, brachte die größtmögliche Selbstbeherrschung auf, um mich nicht umzudrehen. Um nicht dabei zuzusehen, wie Jagger meine halb lebendige Schwester verfolgte. Später konnte ich immer noch erfahren, wo sie hingelaufen war oder wer sie abgeholt hatte.

Langsam hob ich den Kopf, sah direkt in Reads Augen. Er wirkte, als hätte man seine komplette Welt einmal durchgerüttelt. Nicht verwunderlich nach den letzten Minuten.

»Was geschieht hier?«, wisperte Read.

»Tja, wenn man das wüsste«, antwortete Brynn an meiner Stelle, die Gelassenheit in Person. Im Gegensatz zu Read und mir.

»Du solltest jedenfalls auch verschwinden«, sagte ich leise zu Brynn, um Zeit zu gewinnen. Was bei allen Dämonenbrüdern sollte ich Read erzählen? Wie viel preisgeben?

»Du wirst sterben, wenn du bleibst. Die Königin wird keine Gnade zeigen«, fügte ich nach einer Pause hinzu. Nicht auszudenken, sollte Marigold Brynn ebenso vergiften wie Metis.

Brynn spielte an einer dunklen Haarsträhne herum. »Man wird mich nicht töten, glaub mir.«

»Warum sollten sie dich am Leben lassen?«

»Lass das meine Sorge sein.« Brynn kniff die Augen zusammen, wandte sich ab, bis sie ins Leere starrte.

Ich hob die Augenbrauen. Was sollte das heißen? Dass sie einen Plan hatte? Vielleicht sogar einen Trumpf?

Und was war mit mir? Hatte ich einen Fehler begangen? Hätte ich Harlyn nachlaufen sollen und alles andere außer ihrer Rettung ignorieren? Ein kühler Windhauch ließ mich frösteln. Doch wie sollte ich die echte zurückholen? Wenn ein Dämon sie steuerte … Es war klüger, abzuwarten und mit Baka und Bajang zu verhandeln, nachdem ich mich gesammelt hatte. Zumindest redete ich mir das ein. Gerade hatte ich das Wohl aller und vor allem das von Read vor das Wohl meiner Schwester gestellt, und das machte mir verflucht viel Angst.

Kapitel 3

»Ich kann das immer noch nicht glauben«, stieß Read abgehackt hervor. Sein Blick suchte meinen, was mir ein Lächeln entlockte – trotz allem.

Ich persönlich konnte ebenfalls vieles nicht glauben, doch ich sagte nichts. Was auch? Dass ich es nicht fassen konnte, in was ich hineingeraten war? Angefangen von meiner Verpflichtung Andras gegenüber, der im Gegenzug meine Schwester von den Toten hatte zurückholen wollen und die jetzt zurück war, ohne sie selbst zu sein. Dass mich Reads Mutter als Dämonin enttarnt hatte und mich hinrichten lassen würde? Dass Graf Prahar tot war und Risha fort? Dass die Königin Metis getötet und in ihrem Blut gebadet hatte? Dass sie nicht nur ihre Tochter fortgeschickt hatte, sondern auch noch Read mit Amaryllis verheiraten wollte? Wieder einmal ging mir auf, wie viele Geheimnisse ich vor Read hatte. Vor allen in diesem Schloss. Abgesehen von Jagger. Und von Flora, die zumindest einen Teil dieser Wahrheiten kannte, weil sie selbst einen Pakt mit Andras geschlossen hatte, um überhaupt an der Brautschau teilnehmen zu können.

»Wir sollten zurückgehen«, meinte Brynn. »Und in Erfahrung bringen, wie es weitergeht.«

Ja, wie ging es weiter? Eine ausgezeichnete Frage. Ich dachte an die schönen Zeiten im Schloss zurück. An das gemeinsame Lachen mit Dahlia und die intensiven Stunden mit Read. Trotz meines Auftrags, und obwohl die Königsfamilie dafür bekannt war, Dämonen bestialisch zu töten, war die Zeit im Schloss für mich keine schlechte gewesen. Im Gegenteil. Ein wenig hatte ich mich wie in einem Zuhause gefühlt. Mit neuen Vertrauten wie Dahlia und Read. Bloß was jetzt? Im Prinzip konnte ich nicht ins Schloss zurückkehren, ohne hingerichtet zu werden, also sollte ich mich besser unter einem Vorwand davonstehlen, jetzt, da ich Read in relativer Sicherheit wusste. Ich sollte … Risha suchen und mit Andras reden.

»Na ja, eventuell greifen die Seenlande an«, sagte ich zögerlich. Außer Andras war es gelungen, das zu verhindern. »Geht ihr schon vor, ich sehe mir das am Hafen an und komme nach.« Etwas Besseres fiel mir auf die Schnelle nicht als Ausrede ein. Auch wenn das einen Abschied von Read bedeutete, der mir auf einmal alles andere als recht war.

Read sah mich fest an. »Du willst abhauen«, stellte er fest. Natürlich nahm er es mir nicht ab, diese halbherzige Ausrede, die absolut unterirdisch von mir vorgetragen worden war. Und das, obwohl ich über eine zumindest begonnene und stets leidenschaftlich gern besuchte Schauspielausbildung am Theater verfügte. Schneller, als ich schauen konnte, machte Read einen Schritt auf mich zu. Seine Augenlider flatterten. »Tu das nicht. Ich schwöre, meine Mutter wird dafür bezahlen, dass sie dich im Kerker eingesperrt hat. Und dafür, dass sie diesen lächerlichen Wettbewerb manipulieren wollte.«

Wettbewerb? Wie er die Schlacht um sein Herz nannte … Wenn er mich so ansah, konnte ich allerdings kaum noch klar denken. Diese wachen Augen, als würde er mich und mein Innerstes wirklich sehen wollen … Wie konnte man so schön sein und gleichzeitig so unerreichbar verboten? Sofort verachtete ich mein Herz dafür, dass es bei seinem Anblick doppelt so schnell pumpte. Dieser Verräter von einem Herzen. Konnten wir das jetzt brauchen? Nein, konnten wir nicht. Ich wollte Read, aber das hatte nichts zu bedeuten. Denn sobald er herausfand, dass ich eine Halbdämonin war, hatten wir schlichtweg keine Chance mehr. Er würde mich fortjagen. Ganz sicher. Also wieso konnte ich diesen unumstößlichen Fakt nicht einfach hinunterschlucken und mich von ihm fernhalten? Das wäre so viel besser für mich. Dazu kam dieses Pulsieren unter meiner Haut, wenn er mich betrachtete. Ich atmete tief ein.

Wahrscheinlich zögerte ich es hinaus. Unseren Abschied. »Wie hast du eigentlich davon erfahren, dass man mich im Kerker festgehalten hatte? Obwohl du nur die falsche Calla sehen konntest?« Eigentlich konnte ich es mir denken. Read musste dorthin gelockt worden sein, sicher hatte ihm ein Page oder Marigolds liebste Dienstmagd Belinda einen Tipp gegeben, denn wer immer ihn aus dem Schloss hatte bringen wollen, hatte als Köder Harlyn in den Kerker gebracht. Nur damit sie von Read gerettet werden konnte. Und soweit ich das durchschaute, profitierten lediglich Baka und Bajang von diesem Vorgang, und Marigold stand wahrscheinlich durch einen Pakt in deren Diensten.

Schritte auf den Treppenstufen, nicht weit entfernt, schreckten mich aus meiner Gedankenspirale auf.

Ich sollte wirklich abhauen, richtig? Meine Augen brannten, sicherlich weil es im schwindenden Licht so anstrengend war, irgendetwas anzusehen. Auch wenn man es noch so sehr in sich aufnehmen wollte, wie beispielsweise Reads Gesicht.

»Ich beeile mich und bin gleich zurück«, log ich.

Read sah mich fest an, so als würde er meine Lüge durchschauen. »Tu das nicht.«

Tatsächlich zögerte ich. Dieser Prinz würde irgendwann noch mein Verderben sein, das war mondscheinklar. Nur konnte ich nicht anders … Und dabei war ich mir so brechend kalt bewusst, wie sich meine Prioritäten verschoben hatten. Während mein Körper vor Anspannung bebte, krallte ich die Finger in den Stoff meines Unterkleids. Mittlerweile war mir ganz egal, ob man darunter meine Formen und Linien erkennen konnte. Ich machte einen Schritt vorwärts, schaffte dann noch einen. Weg von Read und diesem verfluchten Ort.

»Nimm wenigstens meinen Umhang.« Brynn zog sich ihren schwarzen Stoffumhang von den Schultern, schloss zu mir auf und reichte ihn mir.

»Danke.« Das war wirklich besser, als im Unterkleid loszumarschieren.

»Calla! Geh nicht!« Eine neue Stimme drang an mein Ohr. Floras gehetzte Stimme.

Flora? Wo war sie jetzt bitte hergekommen? In diesem Augenblick strauchelte sie hinter einem Gebüsch hervor. Dornen rissen an ihrem waldgrünen Kleid, das sie im Halbdunkel noch mehr mit den Bäumen um sie herum verschmelzen ließ. Während sie sich ihre braunen Locken aus dem Gesicht strich, sah sie sich um, musterte Read und danach Brynn. Aller guten Dinge waren bekanntlich vier.

Sobald Flora mit ihrer Musterung bei Brynn angekommen war, verharrte sie kurz, fragte sich vermutlich genau wie ich, wieso sie bei uns war. Vermutlich hatten sowohl sie als auch Flora mitbekommen, dass Read mit Calla, die eigentlich Harlyn gewesen war, aus dem Schloss geflohen war. Damit konnten jederzeit noch mehr Personen auftauchen. Mist, verfluchter! Wer hatte das alles noch mitgekriegt?

Flora atmete tief ein. »Unser gemeinsamer Pagenfreund schickt mich.«

Wie bitte? Damit konnte sie niemand anderen als Andras meinen, der gerade in der Gestalt eines Pagen versuchte, einen Angriff der Seenlande zu verhindern.

»Du musst zurück ins Schloss. Es gibt eine Lösung für alles«, fuhr Flora fort. Ihre lockigen braunen Haare tanzten um ihren Oberkörper, wobei einzelne Strähnen so zerrupft aussahen, als hätte sie darauf Winterschlaf gehalten. Womöglich lag das jedoch daran, dass ihre Haarspitzen trocken wie Stroh waren. Ungewöhnlich für eine verwöhnte Adelige.

Eine Lösung? Und wie viel wusste sie? Wahrscheinlich nicht besonders viel über mich oder davon, was auf dem Spiel stand. Denn Andras hatte ihr wohl kaum unseren Plan verraten, nur weil sie einen Pakt mit ihm eingegangen war, um das Reinheitsritual zu überstehen, und weil Andras sie am ersten Abend gebraucht hatte, um mit mir ins Schloss zu gelangen. In ihrer Gestalt an meiner Seite. Alles in allem war ihr Geplapper viel zu wenig wert.

»Ich komme zurück, wenn ich zurückkomme – nachdem ich mir die Lage im Hafen angesehen habe«, log ich erneut, konnte mir den genervten Unterton nur halb verkneifen. Fast fühlte ich mich wie damals, als Vater Harlyn und mich von so vielem versucht hatte fernzuhalten.

»Du musst bleiben!«, widersprach Flora. Ihre Züge wurden hart, allerdings nicht so verschlagen wie vor ein paar Tagen noch. Was ging hier vor? War sie wirklich in Andras’ Auftrag zu mir gekommen, um mich davon abzuhalten zu fliehen? Aber das musste ich doch, oder?

»Wir reden später«, sagte ich bestimmt, ignorierte dabei alle Umstehenden und wandte mich zum Gehen.

Als Resultat riefen sowohl Read als auch Brynn meinen Namen. Ich trat einen Schritt zur Seite, weg von Reads Hand, die er nach mir ausgestreckt hatte, versuchte ihn zu ignorieren, während es in meinen Ohren dröhnte.

»Tu das nicht, ich kann dich nicht verlieren. Nicht jetzt.« In Reads Augen standen Tränen, wie ich nach einem kurzen Blick zurück feststellte. Read und … Tränen? Das passte überhaupt nicht zu ihm. »Bitte, ich …« Seine Stimme brach, dann packte er meine Hand. Wir beide starrten darauf, ehe er seine hastig wieder zurückzog. »Entschuldige, das war übergriffig. Ich weiß einfach nicht, wie ich dich überzeugen kann. Wahrscheinlich habe ich mich noch nie im Leben so hilflos gefühlt. Mein Herz sagt mir, dass ich, wenn ich dich jetzt gehen lasse, dich nie wiedersehen könnte, und diesen Gedanken ertrage ich einfach nicht.«

Wieso machte er es mir so schwer? Schon spürte ich, wie meine Augen feucht wurden, andererseits wusste ich, dass ich es mir nicht erlauben konnte, sentimental zu werden. Und dass es keine Option für mich darstellte, Read zurück ins Schloss zu folgen. Sie alle hatten ja keine Ahnung, wussten nicht, was Königin Marigold mit mir anstellen würde, wenn ich zurückkehrte. Ein Käuzchen schrie, und ich sah über den Baumwipfeln Jagger kreisen. Immerhin er würde mir nach diesem Abend bleiben. Alle anderen würde ich erst mal nicht wiedersehen. Vermutlich. Zahlreiche Möglichkeiten und Optionen, zu denen Andras nun gezwungen sein würde, sie zu ergreifen, um das Große Sünderfressen doch noch zu verhindern, wie zum Beispiel mit Floras Hilfe an die Krone von Itdris zu gelangen, geisterten durch meinen Kopf, während ich mich weiter von Read, Brynn und Flora entfernte.