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»Ich stand dort und hatte schreckliche Angst. Mein Meister war kurz davor zu sterben.« Die Grafschaft steht vor dunklen Zeiten, und der Spook wird von schrecklichen Träumen heimgesucht. Als seine kostbare Bibliothek niedergebrannt und seine alte Feindin Knochen Lizzie wieder auf freiem Fuß ist, gerät alles aus dem Gleichgewicht. Die Albträume werden wahr und die Kräfte des Spooks scheinen gerade dann zu schwinden, als er sie am meisten benötigt.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
foliant Verlag1. Auflage: 2023
Die englische Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel»The Wardstone Chronicles – The Spook’s Nightmare«bei Random House Children’s Publishers UK, a part of the Penguin Random House group of companies© 2010 Joseph Delaney
Die Rechte an der deutschen Übersetzung von Tanja Ohlsenliegen beim foliant Verlag, Hegelstr.12,74199 Untergruppenbach
Umschlagbild: © »Talexi« Alessandro TainiInnenillustrationen: © Patrick Arrasmith
Übersetzung: Tanja OhlsenSatz: Kreativstudio foliantPrint ISBN 978-3-910522-07-7E-Book ISBN 978-3-910522-27-5
www.foliantverlag.de
Für Marie
1. Rot wie Blut
2. Sie sind noch nicht tot!
3. Der »Alte Mann«
4. Geflügelte Ratten
5. Der Unmensch
6. Noch eine Tote!
7. Fehlende Daumenknochen
8. Wissenswertes über Buggans
9. Der Angriff des Buggan
10. Ein gefährlicher Gegner
11. Das Haustier der Hexe
12. Das Auge im Knochengarten
13. Mein Geschenk an das Land
14. Ein Kampf bis zum Tod
15. Daumenknochen
16. Der Albtraum meines Meisters
17. Mausetot
18. Eine verlorene Seele
19. Grims Lager
20. Ungeheure Macht
21. Kampfbereit
22. Die Schlacht bei Tynwald
23. Albträume
24. Schreckliche Dinge
25. Flügelschlag
26. Vom Bösen verdorben
27. Jetzt hole ich mir deine Knochen
28. Der Buggan
29. Trauer
30. Abrechnung
Auf dem Weg von einem Spook-Auftrag zurück nach Chipenden kamen der Spook, Alice und ich über den Long Ridge. Die drei Wolfshunde Kralle, Blut und Knochen, oder, wie sie hier hießen, Claw, Blood und Bone sprangen aufgeregt kläffend um uns herum.
Der erste Teil des Anstiegs war angenehm. Den ganzen Vormittag dieses Spätherbsttages hatte es geregnet, doch jetzt war der Himmel wolkenlos und nur ein leichter, kalter Wind strich uns durch die Haare: perfektes Wanderwetter. Ich dachte noch, dass alles so friedlich schien.
Doch als wir den Gipfel erreichten, bekamen wir einen Schreck: Im Norden hinter den Bergen hingen dunkle Rauchwolken. Es sah aus, als würde Caster brennen. Hatte der Krieg uns jetzt erreicht?, dachte ich besorgt.
Vor einigen Jahren hatte eine Allianz feindlicher Nationen unser Land im Süden überfallen. Trotz der Anstrengungen aller Landesteile, Widerstand zu leisten, kämpften sie sich langsam weiter nach Norden vor.
»Wie konnten sie ohne unser Wissen so weit vordringen?«, wunderte sich der Spook und kratzte sich sichtlich aufgewühlt am Bart. »Die Nachricht davon hätte sich doch verbreiten müssen … oder zumindest eine Warnung?«
»Vielleicht ist es nur ein Überfallkommando vom Meer her«, vermutete ich. Das war recht wahrscheinlich. Es waren schon früher feindliche Schiffe gelandet und hatten die Küstendörfer überfallen – auch wenn dieser Teil des Landes bislang davon verschont geblieben war.
Kopfschüttelnd lief der Spook mit hastigen Schritten den Hügel hinunter. Alice lächelte mich besorgt an und wir eilten ihm nach. Durch meinen Stab und unsere beiden Taschen behindert, hatte ich Mühe, ihm auf dem glitschigen nassen Gras zu folgen. Doch ich wusste, was ihn bekümmerte. Er machte sich Sorgen um seine Bibliothek. Aus dem Süden hörten wir, dass es zu Plünderungen und Brandschatzungen gekommen war, und er sorgte sich um die Sicherheit seiner Bücher, dem Wissensschatz vieler Generationen von Spooks.
Ich war jetzt in meinem dritten Lehrjahr beim Spook und lernte, wie man mit Geistern, Spukbildern, Hexen, Boggarts und allen möglichen anderen Geschöpfen der Dunkelheit fertig wurde. Mein Meister gab mir an den meisten Tagen Unterricht, aber eine weitere Wissensquelle war für mich die Bibliothek. Sie war auf jeden Fall sehr bedeutend.
Als wir die Ebene erreicht hatten, steuerten wir direkt auf Chipenden zu. Die Berge im Norden schienen mit jedem Schritt höher aufzuragen. Gerade hatten wir einen kleinen Fluss durchquert, dessen Wasser uns noch um die Knöchel spritzte, als Alice nach vorne deutete.
»Feindliche Soldaten!«, rief sie.
Vor uns kreuzte eine Gruppe von Männern auf dem Weg nach Osten unseren Weg. Es waren etwas über zwei Dutzend. Die Schwerter an ihren Gürteln blinkten im Licht der untergehenden Sonne, die jetzt dicht über dem Horizont schwebte.
Wir blieben stehen und duckten uns hinter der Uferböschung zusammen, in der Hoffnung, dass sie uns nicht gesehen hatten. Ich befahl den Hunden, sich hinzulegen und still zu sein. Sie gehorchten augenblicklich.
Die Soldaten trugen graue Uniformen und Helme mit breitem, vertikalem Nasenschutz von einer Art, die ich noch nie gesehen hatte. Alice hatte recht, es war eine große feindliche Patrouille. Unglücklicherweise entdeckten sie uns sofort. Einer von ihnen deutete zu uns und rief einen Befehl, woraufhin sich eine kleine Gruppe aus dem Trupp löste und auf uns zu lief.
»Hier entlang!«, rief der Spook, nahm seine Tasche, um mir das zusätzliche Gewicht abzunehmen, und rannte flussaufwärts los. Alice und ich folgten mit den Hunden.
Vor uns lag ein großer Wald. Vielleicht konnten wir ihnen dort entkommen, dachte ich. Aber sobald wir den Waldsaum erreichten, wurde diese Hoffnung zunichte gemacht. Hier war erst kürzlich gerodet worden: es gab keine jungen Bäume, kein Dickicht, nur gleichmäßig gesetzte, reife Bäume, die kein Versteck boten.
Ich sah mich um. Unsere Verfolger bildeten jetzt eine unregelmäßige Linie. Die waren nicht sehr schnell, doch ein Soldat lief voran und holte uns deutlich ein: drohend schwang er sein Schwert.
Als nächstes blieb der Spook stehen und warf mir seine Tasche vor die Füße. »Lauft weiter, Junge, ich kümmere mich um ihn«, befahl er und wandte sich zu dem Soldaten.
Ich rief die Hunde zu mir und blieb stirnrunzelnd stehen. Ich konnte meinen Meister nicht so zurücklassen. Also nahm ich wieder seine Tasche und hielt meinen Stab bereit. Notfalls würde ich ihm mit den Hunden zu Hilfe kommen. Es waren große, wilde Wolfshunde, die keine Angst kannten.
Schnell warf ich einen Blick zurück zu Alice. Auch sie war stehen geblieben und sah mich mit einem merkwürdigen Ausdruck an. Sie schien irgendetwas zu murmeln. Dann wurde es plötzlich windstill und eisige Kälte stach mich ins Gesicht. Alles wurde ganz still, als hielte alles Leben im Wald den Atem an. Zwischen den Bäumen kamen Nebelschwaden aus allen Richtungen auf uns zu. Wieder sah ich zu Alice. Es hatte keine Anzeichen für so einen Wetterumschwung gegeben. Es schien nicht natürlich. War das schwarze Magie?, fragte ich mich. Die Hunde kauerten sich zusammen und winselten leise. Selbst wenn es uns helfen sollte, würde mein Meister zornig werden, wenn Alice schwarze Magie einsetzte. Sie hatte zwei Jahre lang eine Hexenausbildung gemacht und er fürchtete immer, dass sie sich wieder der Dunkelheit zuwenden würde.
Der Spook hatte mittlerweile eine Verteidigungshaltung eingenommen und hielt den Stab diagonal vor sich. Der Soldat erreichte ihn und schlug mit dem Schwert zu. Fast hätte ich aufgeschrien, doch ich hätte mir keine Sorgen machen müssen. Es erklang ein Schrei, allerdings kam dieser von dem Soldaten, nicht von meinem Meister. Das Schwert flog in hohem Bogen ins Gras und der Spook versetzte dem Angreifer mit dem Stab einen Schlag an die Schläfe, die ihn in die Knie sinken ließ.
Der Nebel verdichtete sich schnell und einen Moment lang verlor ich meinen Meister aus den Augen. Dann hörte ich ihn auf uns zu rennen. Sobald er uns erreicht hatte, eilten wir weiter am Fluss entlang. Mit jedem Schritt wurde der Nebel dichter. Bald ließen wir den Fluss und den Wald hinter uns und folgten einer dichten Hagedornhecke ein paar hundert Meter nach Norden, bis der Spook uns bedeutete, stehen zu bleiben. Wir duckten uns zusammen mit den Hunden in einen Graben und lauschten mit angehaltenem Atem nach Anzeichen von Gefahr. Zuerst konnten wir keine Verfolger hören, doch dann erklangen Stimmen aus Norden und Osten. Sie suchten immer noch nach uns, obwohl das Licht schwächer wurde und es mit jeder Minute unwahrscheinlicher wurde, dass sie uns entdeckten.
Gerade als wir glaubten, in Sicherheit zu sein, wurden die Stimmen aus dem Norden wieder lauter und bald hörten wir, wie Schritte immer näherkamen. Es schien, als würden sie direkt in unser Versteck stolpern und mein Meister und ich hielten unsere Stöcke bereit, um um unser Leben zu kämpfen.
Der Suchtrupp ging nur ein paar Meter zu unserer Rechten an uns vorbei – wir konnten die schemenhaften Gestalten dreier Männer ausmachen. Aber wir duckten uns tief in den Graben und sie sahen uns nicht. Als ihre Schritte und Stimmen verklungen waren, schüttelte der Spook den Kopf.
»Keine Ahnung, mit wie vielen Leuten sie nach uns suchen«, flüsterte er, »aber sie scheinen entschlossen, uns zu finden. Am besten bleiben wir heute Nacht hier.«
Also richteten wir uns auf eine kalte, unbequeme Nacht im Graben ein. Ich schlief schlecht, wie üblich in solchen Situationen. Als ich dann endlich in Tiefschlaf fiel, war es schon so spät, dass mich Alice kurze Zeit später schon wieder an der Schulter rüttelte.
Schnell setzte ich mich auf und sah mich um. Die Sonne war bereits aufgegangen und über uns zogen dunkle Wolken dahin. Der Wind pfiff durch die Hecke und bog und zerrte an den blattlosen Zweigen.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte ich.
Alice nickte lächelnd. »Kein Mensch in einer Meile Umkreis. Die Soldaten haben wohl aufgegeben und sind abgezogen.«
Plötzlich hörte ich ein Geräusch ganz in der Nähe – eine Art Stöhnen. Es war der Spook.
»Scheint, als hätte er einen schlechten Traum«, meinte Alice.
»Vielleicht sollten wir ihn aufwecken?«, schlug ich vor.
»Lass ihn noch ein paar Minuten. Es ist am besten, wenn er von selbst aufwacht.«
Doch seine Rufe und sein Stöhnen wurde noch lauter, sein Körper begann zu zucken und er schien immer aufgeregter zu sein. Nach einer Weile rüttelte ich ihn sanft an der Schulter, um ihn zu wecken.
»Ist alles in Ordnung, Mr. Gregory?«, fragte ich. »Sie schienen eine Art Albtraum zu haben.«
Einen Moment lang blickte er mich wirr an, als wäre ich ein Fremder oder sogar ein Feind.
»Oh ja,« bestätigte er dann, »es war ein Albtraum. Es ging um Knochenlizzie …«
Knochenlizzie war Alices Mutter, eine mächtige Hexe, die jetzt in einer Grube im Garten des Spooks in Chipenden gebannt war.
»Sie saß auf einem Thron«, fuhr mein Meister fort. »Neben ihr stand der Teufel und legte ihr die Hand auf die Schulter. Sie befanden sich in einer großen Halle, die ich zuerst nicht erkannte. Auf dem Boden floss Blut in Strömen. Gefangene schrien vor Angst, bevor sie exekutiert wurden – sie schlugen ihnen die Köpfe ab. Aber was mich am meisten erschreckt hat, war die Halle selbst.«
»Wo war es denn?«, wollte ich wissen.
Der Spook schüttelte den Kopf. »Es war die große Halle im Schloss von Caster. Sie war die Herrscherin des Landes …«
»Aber es war nur ein Albtraum«, beruhigte ich ihn. »Lizzie ist sicher gebannt.«
»Schon möglich«, meinte der Spook. »Aber ich glaube, ich habe noch nie einen lebhafteren Traum gehabt …«
***
Vorsichtig machten wir uns wieder auf den Weg nach Chipenden. Der Spook erwähnte den plötzlich aufkommenden Nebel des vorigen Abends mit keinem Wort. Immerhin war es die Jahreszeit dafür und er hatte sich auf den bevorstehenden Kampf mit dem Soldaten konzentriert. Aber ich war mir sicher, dass er auf Alices Bitten gekommen war. Aber wer war ich, dass ich etwas dagegen einwenden durfte? Schließlich hatte ich mich ja selbst mit dem Bösen eingelassen.
Wir waren erst vor Kurzem aus Griechenland zurückgekehrt, wo wir die Ordeen, eine der alten Göttinnen, vernichtet hatten. Doch dafür hatten wir einen hohen Preis bezahlt. Meine Mutter war für unseren Sieg gestorben, ebenso wie Bill Arkwright, der Spook, der nördlich von Caster gearbeitet hatte. Aus diesem Grund hatten wir seine Hunde bei uns.
Auch mich selbst war unser Sieg teuer zu stehen gekommen. Um ihn zu ermöglichen, hatte ich dem Teufel meine Seele verkauft.
Alles, was ihn daran hinderte, mich jetzt auf die dunkle Seite zu ziehen, war der Blutkrug, den mir Alice gegeben hatte und den ich in meiner Tasche trug. So lange ich ihn bei mir hatte, konnte mir der Teufel nichts anhaben. Aber Alice musste in meiner Nähe bleiben und von diesem Schutz profitieren, sonst würde der Teufel sie töten, aus Rache dafür, dass sie mir geholfen hatte. Davon durfte der Spook natürlich nichts wissen. Würde ich ihm erzählen, was ich getan hatte, wäre das mit Sicherheit das Ende meiner Lehrzeit.
Als wir den Hügel nach Chipenden hinaufstiegen, wurde mein Meister immer besorgter. Wir hatten schon einige Verwüstungen gesehen: abgebrannte Häuser, viele verlassene Höfe, eine Leiche in einem Graben in der Nähe eines Hauses.
»Ich hatte gehofft, dass sie nicht so weit ins Inland kommen. Mir graut davor, was wir vielleichte vorfinden werden, Junge«, meinte der Spook grimmig.
Normalerweise hätte er es vermieden, durch das Dorf Chipenden zu gehen. Die meisten Menschen hielten sich nicht gerne in der Nähe eines Spooks auf und er respektierte die Wünsche der Einwohner. Doch als die grauen Schieferdächer in Sicht kamen, sahen wir auf den ersten Blick, dass dort Schlimmes passiert sein musste.
Es war klar, dass die feindlichen Soldaten hier entlanggekommen waren. Viele der Dächer waren ernsthaft beschädigt und verkohlte Dachbalken ragten in die Luft. Je näher wir kamen, desto schlimmer sah es aus. Fast ein Drittel der Häuser war ausgebrannt und die rußigen Steine bildeten die Reste dessen, was einmal das Zuhause der einheimischen Familien gewesen war. Die Häuser, die nicht niedergebrannt waren, hatten zerbrochene Fenster und zersplitterte Türen, die schief in den Angeln hingen und es gab deutliche Zeichen für Plünderungen.
Das Dorf schien vollkommen verlassen, doch dann hörten wir plötzlich ein Klopfen. Jemand schwang einen Hammer. Schnell führte uns der Spook durch die Kopfsteinpflasterstraßen zur Quelle des Geräusches. Es kam von der Hauptstraße des Dorfes, wo die Geschäfte lagen. Sowohl der Laden des Gemüsehändlers als auch der des Bäckers waren geplündert worden. Dann gingen wir zum Metzger, von dem das Hämmern zu kommen schien.
Der Metzger war noch da. Sein roter Bart leuchtete in der Morgensonne, aber er war nicht dabei, seinen Laden zu reparieren, sondern hämmerte den Deckel eines Sarges zu. Daneben standen noch drei weitere Särge, geschlossen und bereit für die Beerdigung. Einer war sehr klein und enthielt offenbar die Leiche eines kleinen Kindes. Als wir in den Hof kamen, stand der Metzger auf und ging auf den Spook zu, um ihm die Hand zu schütteln. Er war der einzige Dorfbewohner, mit dem er Kontakt hatte, der einzige, mit dem er je über andere Dinge sprach als über die Geschäfte eines Spooks.
»Es ist schrecklich, Mr. Gregory«, sagte der Metzger. »Es wird nie wieder so sein wie früher.«
»Ich hoffe, das ist nicht …«, erwiderte der Spook mit einem Blick auf die Särge.
»Oh nein, Gott sei Dank nicht«, erklärte der Metzger. »Es war vor drei Tagen. Meine Familie habe ich gerade noch rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Nein, diese armen Menschen waren einfach nicht schnell genug. Sie haben alle getötet, die sie gefunden haben. Es war nur eine feindliche Patrouille, aber eine sehr große. Sie sollten Vorräte sammeln. Es gab überhaupt keinen Grund, Häuser niederzubrennen und Menschen zu töten, keinen Grund, diese Familie umzubringen. Warum haben sie das getan? Sie hätten doch einfach nehmen können, was sie wollten und weiterziehen.«
Der Spook nickte. Ich wusste, was er darauf antworten würde, auch wenn er es dem Metzger nicht sagte. Er würde sagen, es läge daran, dass der Teufel jetzt in unserer Welt war. Er machte die Menschen grausamer und Kriege entsetzlicher.
»Es tut mir leid wegen Ihres Hauses«, fuhr der Metzger fort.
Der Spook wurde kreidebleich.
»Was?«, entfuhr es ihm.
»Oh, es tut mir wirklich leid … wissen Sie es noch nicht? Ich ging davon aus, dass Sie bereits da gewesen sind. Wir haben den Boggart meilenweit heulen und brüllen hören. Es müssen einfach zu viele für ihn gewesen sein. Sie haben das Haus geplündert, alles mitgenommen, was sie tragen konnten, und es dann in Brand gesteckt …«
Ohne eine Erwiderung drehte sich der Spook um und lief fast im Laufschritt den Hügel hinauf. Bald verwandelten sich die Pflastersteine in einen ungepflasterten Pfad. Oben am Hügel erreichten wir die Grenzen des Gartens. Ich befahl den Hunden, zu warten, während wir zwischen den Bäumen hindurch gingen.
Zuerst fanden wir die Leichen. Sie lagen schon eine Weile dort und es stank nach Verwesung. Sie trugen die grauen Uniformen und die charakteristischen Helme des Feindes. Ihr Ende war grausam gewesen: entweder war ihre Kehle zerrissen worden oder ihre Schädel waren eingeschlagen. Das war eindeutig das Werk des Boggarts.
Doch als wir aus dem Wald kamen und die Wiese vor dem Haus erreichten, sahen wir, dass der Metzger Recht gehabt hatte. Es waren zu viele für den Boggart gewesen. Während er die Angreifer auf der einen Seite des Gartens niedergemetzelt hatte, waren andere Soldaten eingedrungen und hatten das Haus in Brand gesteckt.
Nur die nackten, schwarzen Wände ragten noch auf. Das Haus des Spooks in Chipenden war nur noch eine leere Hülle: das Dach war eingestürzt und das Innere ausgeraubt – einschließlich seiner kostbaren Bibliothek.
Lange Zeit starrte er nur stumm auf die Ruine, bis ich mich entschloss, das Schweigen zu brechen.
»Wo mag jetzt wohl der Boggart sein?«, fragte ich.
Ohne mich anzusehen, antwortete der Spook: »Ich habe einen Pakt mit ihm geschlossen. Als Lohn dafür, dass er das Haus bewachte, kochte und sauber machte, habe ich ihm die Herrschaft über den Garten gewährt: jedes Lebewesen, das er dort nach Einbruch der Dunkelheit vorfand – abgesehen von meinen Lehrlingen und den Wesen, die wir hier gebannt haben – durfte er nach drei Warnrufen haben. Ihr Blut gehörte ihm. Aber dieser Pakt galt nur, solange das Haus ein Dach hatte. Nach dem Brand war der Boggart also frei. Er ist fort, Junge. Fort für immer.«
Langsam gingen wir um die Ruine des Hauses herum und erreichten schließlich einen großen Haufen grauer und schwarzer Asche auf dem Rasen. Sie hatten die Bücher aus den Regalen der Bibliothek gerissen und ein großes Feuer damit gemacht.
Der Spook fiel auf die Knie und begann in der kalten Asche zu wühlen. Fast alles zerfiel in seinen Händen zu Staub. Dann hielt er einen angesengten Ledereinband hoch, einen Buchrücken, der nicht ganz verbrannt war. Er hielt ihn hoch und reinigte ihn mit den Fingern. Über seine Schulter hinweg konnte ich mühsam den Titel entziffern: Die Verdammten, die Verwirrten und die Verzweifelten. Es war ein Buch, dass er vor langer Zeit als junger Mann geschrieben hatte – das ultimative Werk über Besessenheit. Er hatte es mir einst geliehen, als ich in großer Gefahr durch Mutter Malkin schwebte. Jetzt war davon nur noch der Einband übrig.
Die Bibliothek meines Meisters war zerstört. Worte, die Generationen von Spooks niedergeschrieben hatten – das Erbe zahlloser Jahre des Kampfes gegen die Finsternis, ein ungeheurer Wissensschatz – ein Raub der Flammen.
Ich hörte einen Schluchzer. Verlegen wandte ich mich ab. Weinte er etwa?
Alice schnüffelte schnell drei Mal und zupfte mich dann am Arm. »Komm mit, Tom«, flüsterte sie.
Sie stieg über ein paar verkohlte Balken und betrat das Haus durch das schartige Loch, das einmal die Hintertür gewesen war. In den Ruinen der Bibliothek, die nur noch aus verkohltem Holz und Asche bestand, blieb sie stehen. Sie deutete auf den Boden, wo der Rücken eines weiteren Buches erkennbar war. Ich erkannte es sofort. Es war das Bestiarium des Spooks.
Ohne viel Hoffnung hob ich es auf. Würde es sein wie bei dem anderen Buch, das wir gefunden hatte – nur der Buchrücken hatte den Brand überstanden? Doch zu meiner Freude sah ich, dass auch die Seiten noch intakt waren. Ich blätterte sie durch. Sie waren am Rand ein wenig angesengt, doch sie waren vollständig und lesbar. Mit einem Lächeln und einem dankbaren Nicken für Alice ging ich, um meinem Meister das Buch zu bringen.
»Ein Buch hat überlebt«, sagte ich und hielt es ihm hin. »Alice hat es gefunden.«
Er nahm es und betrachtete lange Zeit schweigend und teilnahmslos den Einband.
»Ein einziges Buch von so vielen – der Rest ist verbrannt und verloren«, sagte er schließlich.
»Aber das Bestiarium ist eines der wichtigsten Bücher«, wandte ich ein. »Das ist besser als nichts.«
»Lassen wir ihn ein wenig allein«, flüsterte Alice, nahm sanft meinen Arm und führte mich weg.
Ich folgte ihr über den Rasen zu den Bäumen im Westgarten. Müde schüttelte Alice den Kopf. »Es wird immer schlimmer«, meinte sie. »Aber er wird darüber hinwegkommen.«
»Das hoffe ich, Alice, das hoffe ich wirklich. Diese Bibliothek bedeutete ihm sehr viel. Sie zu bewahren und auszubauen war ein wichtiger Teil seines Lebenswerkes. Es war ein Vermächtnis, das an zukünftige Generationen von Spooks weitergegeben werden sollte.«
»Der nächste Spook in dieser Gegend wirst du sein, Tom. Und du wirst es auch ohne diese Bücher schaffen. Fang an, ein paar eigene zu schreiben – das solltest du tun. Außerdem ist nicht alles verloren. Wir wissen beide, dass es noch eine andere Bibliothek gibt und wir werden ein Dach über dem Kopf brauchen. Zu dem feuchten, kalten Haus vom alten Gregory nach Anglezarke im Süden zu gehen, hat keinen Sinn. Erstens liegt es hinter den feindlichen Linien und außerdem ist das kein Ort, wo man den Winter verbringen kann. Außerdem gibt es da auch keine Bücher. Aber der arme Bill Arkwright kann nicht mehr in der Mühle wohnen, also sollten wir uns sofort auf den Weg zu dem Kanal im Norden machen. So weit sind die Soldaten noch nicht gekommen.«
»Vielleicht hast du recht, Alice. Es ist zwecklos, hier zu bleiben. Gehen wir und schlagen genau das Mr. Gregory vor. Arkwrights Bibliothek ist zwar viel kleiner, aber es ist immerhin ein Anfang, etwas, auf das man aufbauen kann.«
Wir verließen den Wald und gingen jetzt aus einer anderen Richtung auf den Spook zu. Er bemerkte uns gar nicht, denn er saß im Gras und blickte mit dem Kopf in den Händen auf das Bestiarium herab. Plötzlich blieb Alice stehen und sah zum Ostgarten, in dem die Hexen vergraben waren. Wieder schnüffelte sie drei Mal laut.
»Was ist, Alice?«, fragte ich, als ich sah, dass sie beunruhigt war.
»Da stimmt etwas nicht. Ich konnte Lizzie früher immer riechen, wenn ich hier über den Rasen gegangen bin …«
Knochenlizzie hatte Alice zwei Jahre lang ausgebildet. Sie war eine mächtige, maligne Hexe, die lebendig in einer Grube begraben war, auf ewig eingekerkert von meinem Meister. Und das hatte sie mit Sicherheit auch verdient. Sie hatte Kinder ermordet und ihre Knochen für ihre dunklen Rituale benutzt.
Vorsichtig ging Alice vor mir her zu den Bäumen im Westgarten. Dabei kamen wir an den Gräbern der toten Hexen vorbei. Dort schien alles in Ordnung zu sein, doch als wir zu der Hexengrube kamen, in der Lizzie gesessen hatte, bekam ich einen Schrecken. Die Gitterstäbe waren aufgebogen und die Grube leer. Knochenlizzie war entkommen.
»Wann ist sie rausgekommen, Alice?«, fragte ich nervös, weil ich fürchtete, dass sie noch in der Nähe war.
Wieder schnüffelte Alice. »Vor mindestens zwei Tagen. Keine Angst, die ist längst weg. Wahrscheinlich nach Hause nach Pendle. Gute Reise, kann ich nur sagen.«
Wir gingen zum Spook zurück. »Knochenlizzie ist aus ihrer Grube ausgebrochen«, erzählte ich ihm. »Alice meint, das sei am Tag nach dem Brand gewesen.«
»Es waren noch andere Hexen hier«, ergänzte Alice. »Ohne den Boggart konnten sie in den Garten eindringen und sie befreien.«
Der Spook zeigte mit keiner Regung, dass er uns zugehört hatte. Er presste das Bestiarium an die Brust und starrte düster in die Asche. Es schien kein guter Zeitpunkt, ihm vorzuschlagen, nach Norden zu Arkwrights Haus zu gehen. Es wurde bereits dunkel und die Reise nach Westen war beschwerlich gewesen. Am Ende hatte es nur schlechte Nachrichten gegeben. Ich musste darauf vertrauen, dass mein Meister am nächsten Morgen wieder etwas mehr er selbst war.
Da von dem Boggart jetzt keine Gefahr mehr für sie ausging, pfiff ich die Hunde herbei. Seit unserer Rückkehr aus Griechenland waren Claw und ihre beiden ausgewachsenen Jungen, Blood und Bone, bei einem alten Schäfer untergebracht gewesen, der jenseits des Long Ridge wohnte. Leider waren sie ihm zu viel geworden, daher hatten wir sie auf dem Rückweg nach Chipenden abgeholt, als wir den Rauch über Caster gesehen hatten. Die drei waren von ihrem toten Herrn, Bill Arkwright, eingesetzt worden, um Wasserhexen zu fangen oder zu töten.
Ich machte auf dem Rasen ein kleines Feuer, während Alice Kaninchen jagte. Sie fing drei und bald rochen sie so köstlich, dass mir das Wasser im Munde zusammenlief. Als sie fertig waren, ging ich zum Spook, um ihn zu bitten, mit uns am Feuer zu essen. Doch auch jetzt zeigte er keinerlei Regung. Ich hätte ebenso gut mit einem Stein sprechen können.
Kurz bevor wir uns schlafen legten, fiel mein Blick auf ein Licht im Westen, am Beacon Fell, das zunehmend größer wurde.
»Sie haben das Leuchtfeuer angezündet, um weitere Truppen zu mobilisieren«, sagte ich. »Sieht aus, als gäbe es bald eine große Schlacht.«
Über das ganz Land hinweg von Norden nach Süden würden Leuchtfeuer von Hügel zu Hügel aufflammen und die letzten Reserven zu Hilfe rufen.
***
Obwohl Alice und ich nah am verlöschenden Feuer lagen, war es in der Nacht so kühl, dass es mir schwerfiel, einzuschlafen, vor allem, weil sich Claw auf meine Füße legte. Schließlich nickte ich ein, nur um bei Sonnenaufgang plötzlich hochzuschrecken. Geräusche hatten mich geweckt, lautes Donnern und Krachen. War das Donner?, fragte ich mich noch halb schlafend.
»Hör nur, die großen Kanonen, Tom!«, rief Alice. »Das ist nicht weit weg, oder?«
Irgendwo im Süden hatte die Schlacht begonnen. Wenn sie verloren wurde, würde das Land vom Feind überrannt werden. Wir mussten so schnell wie möglich nach Norden gelangen. Gemeinsam gingen wir zum Spook. Er saß immer noch in der gleichen Haltung da, mit gesenktem Kopf über das Buch gebeugt,
»Mr. Gregory«, begann ich, »Bill Arkwrights Mühle hat eine kleine Bibliothek. Das ist ein Anfang. Etwas, auf das wir aufbauen können. Warum gehen wir nicht nach Norden und lassen uns eine Weile dort nieder? Da ist es auch sicherer. Selbst wenn die Feinde gewinnen, stoßen sie vielleicht nicht weiter als bis nach Caster vor.«
Vielleicht würden sie Raubzüge unternehmen, aber wahrscheinlich würden sie einfach nur Caster, die nördlichste größere Stadt des Landes, besetzen. Die Mühle würden sie möglicherweise gar nicht entdecken, da sie vom Kanal aus durch Bäume verdeckt wurde.
Der Spook hob immer noch nicht den Kopf.
»Wenn wir noch länger warten, kommen wir möglicherweise nicht mehr durch. Wir können nicht hierbleiben.«
Mein Meister antwortete immer noch nicht. Ich hörte, wie Alice mit den Zähnen knirschte.
»Bitte, Mr. Gregory«, flehte ich, »Geben Sie nicht auf …«
Endlich sah er auf und schüttelte traurig den Kopf. »Ich glaube, du weißt gar nicht, was hier verloren gegangen ist. Diese Bibliothek hat nicht mir gehört, ich war bloß ihr Wächter. Es war meine Aufgabe, sie auszubauen und für die Zukunft zu bewahren. Ich bin gescheitert. Ich bin müde … so furchtbar müde«, sagte er. »Meine alten Knochen sind zu müde, um weiterzumachen. Ich habe zu viel gesehen, zu lange gelebt.«
»He, alter Mann!«, fuhr ihn Alice plötzlich an. »Hoch mit Ihnen! Hier zu sitzen und zu verfaulen nutzt niemandem!«
Mit zornblitzenden Augen sprang der Spook auf. So respektlos war Alice ihm gegenüber noch nie gewesen, auch wenn sie ihn mir gegenüber gelegentlich als »alter Gregory« bezeichnete. In der rechten Hand hielt er das Bestiarium, in der linken seinen Stab, den er hob, als wolle er ihn ihr an den Kopf schlagen.
Doch Alice fuhr ohne mit der Wimper zu zucken mit ihrer Tirade fort: »Es gibt noch einiges zu tun: die Finsternis muss bekämpft werden und es müssen neue Bücher geschrieben werden. Sie sind noch nicht tot und so lange Sie Ihre morschen Knochen noch bewegen können, ist es Ihre Pflicht, weiterzumachen. Es ist Ihre Pflicht, Tom zu beschützen und ihn auszubilden. Das ist Ihre Pflicht dem Land gegenüber!«
Langsam ließ er den Stab sinken. Bei Alices letztem Satz hatte sich der Ausdruck in seinen Augen verändert. »Die Pflicht steht an erster Stelle« war immer sein Leitsatz gewesen. Seine Pflicht dem Land gegenüber hatte ihn auf seinem Weg durch ein langes, hartes und gefährliches Leben geleitet.
Wortlos steckte er das Bestiarium in seine Tasche und marschierte in Richtung Norden los. Alice und ich folgten ihm mit den Hunden, so gut wir konnten. Es sah aus, als hätte er sich entschieden, doch zur Mühle zu gehen.
Die Mühle erreichten wir nie. Vielleicht sollte es einfach nicht sein. Der Weg über die Berge verlief ereignislos, aber als wir auf Caster zu kamen, sahen wir, dass die Häuser im Süden brannten und Rauch den Himmel verdunkelte. Selbst wenn die Hauptstreitmacht des Feindes siegreich gewesen wäre, hätten sie noch nicht so weit im Norden sein können. Wahrscheinlich war das ein Überfallkommando vom Meer aus.
Normalerweise hätten wir am Fuß der Berge Halt gemacht, doch jetzt verspürten wir den Drang, durch die Dunkelheit weiter zu gehen und Caster noch weiter östlich zu umgehen als üblich. Doch sobald wir den Kanal erreichten, sahen wir, dass es unmöglich war, weiter nach Norden vorzudringen. Beide Ziehwege waren mit einem Strom von Flüchtlingen verstopft, die nach Süden wollten.
Erst nach einiger Zeit konnten wir jemanden dazu überreden, uns zu sagen, was passiert war, denn alle drängten voller Angst weiter. Schließlich fanden wir einen alten Mann, der an einem Tor lehnte und versuchte, zu Atem zu kommen. Seine Knie zitterten vor Erschöpfung.
»Wie schlimm ist es weiter nördlich?«, fragte der Spook mit freundlicher Stimme.
Der Mann schüttelte den Kopf und erst nach einiger Zeit hatte er sich so weit erholt, dass er antworten konnte.
»Eine große Anzahl Soldaten sind nordöstlich der Bucht gelandet«, keuchte er. »Sie haben uns alle überrascht. Kendal haben sie schon eingenommen – oder besser das, was davon nach dem Brand noch übrig ist – und jetzt sind sie auf dem Weg hierher. Es ist vorbei. Mein Haus ist fort. Mein ganzes Leben habe ich da gewohnt. Ich bin zu alt, um von vorne anzufangen …«
»Kriege dauern nicht ewig«, meinte der Spook und klopfte ihm auf die Schulter. »Auch ich habe mein Heim verloren. Aber wir müssen weiter machen. Eines Tages gehen wir nach Hause und bauen alles wieder auf.«
Der alte Mann nickte und schlurfte zurück in die Reihe der Flüchtlinge. Die Worte des Spooks schienen ihn nicht sonderlich beruhigt zu haben und so wie es aussah, meinen Meister auch nicht. Mit grimmigem Gesicht wandte er sich zu mir.
»So wie ich es sehe, ist es meine erste Pflicht, dich in Sicherheit zu bringen, Junge. Aber hierzulande ist man nirgendwo mehr sicher«, erklärte er. »Im Augenblick können wir hier nichts tun. Wir werden eines Tages wiederkommen, aber vorerst gehen wir wieder aufs Meer.«
»Gehen wir nach Sunderland Point?«, fragte ich, da ich annahm, dass wir versuchen würden, den Hafen zu erreichen und dort eine Überfahrt zu bekommen.
»Wenn es nicht schon in Feindeshand ist, dann ist es von Flüchtlingen überlaufen«, meinte der Spook kopfschüttelnd. »Nein, ich werde ein paar Schulden eintreiben.«
Damit führte er uns rasch westwärts.
Der Spook wurde nur selten direkt bezahlt und gelegentlich überhaupt nicht. Also trieb er eine Schuld ein. Vor Jahren hatte er einen Meeresgeist aus der Hütte eines Fischers vertrieben. Jetzt verlangte er als Bezahlung kein Geld, sondern ein Bett für die Nacht und eine sichere Überfahrt nach Mona, der großen Insel in der Irischen See, nordöstlich des Landes.
Der Fischer willigte nur zögernd ein, uns hinüber zu bringen. Eigentlich hatte er keine große Lust dazu, aber er hatte Angst vor dem Mann mit den blitzenden Augen – der jetzt neuen Mut gefasst zu haben schien.
Ich hatte geglaubt, während der Reise nach Griechenland im Sommer seefest geworden zu sein. Wie man sich doch irren kann. Ein kleines Fischerboot war etwas völlig Anderes als der Dreimaster Celeste. Noch bevor wir aus der Bucht hinaus und auf dem offenen Meer waren, begann es besorgniserregend zu stampfen und zu schaukeln und die Hunde jaulten nervös. Anstatt zuzusehen, wie das Land hinter uns immer kleiner wurde, verbrachte ich den größten Teil der Reise mit dem Kopf über der Reling und fütterte die Fische.
***
»Geht es dir besser, Junge?«, fragte der Spook, als ich endlich aufhörte, mich zu übergeben.
»Ein bisschen«, antwortete ich und sah nach Mona hinüber, das als grüner Fleck am Horizont auftauchte. »Waren Sie schon einmal auf dieser Insel?«
Mein Meister schüttelte den Kopf. »Dorthin hat es mich noch nie gezogen. Ich hatte bei uns immer genug zu tun. Aber die Leute auf der Insel haben auch jede Menge Ärger mit der Dunkelheit. Es gibt mindestens ein halbes Dutzend Buggans dort …«
»Was ist das denn?«, fragte ich. Vage erinnerte ich mich daran, das Wort im Bestiarium des Spooks gelesen zu haben, wusste aber nicht mehr, was dort gestanden hatte. Ich wusste, dass es sie zurzeit nicht in unserem Land gab.
»Nun, Junge, warum siehst du nicht nach und findest es heraus?«, forderte mich der Spook auf und zog das Bestiarium aus seiner Tasche. »Es ist eine Art Dämon …«
Ich schlug das Bestiarium auf, blätterte zum Kapitel mit den Dämonen und fand schnell die Überschrift: Buggans.
»Lies laut, Tom«, forderte mich Alice auf. »Ich will auch wissen, was das ist.«
Mein Meister sah sie stirnrunzelnd an. Wahrscheinlich glaubte er, das seien Spookangelegenheiten, die sie nichts angingen. Aber ich entsprach ihrem Wunsch und las laut:
»Der Buggan ist eine Dämonenart, die sich in Ruinen aufhält und meist als schwarzer Bulle oder behaarter Mann auftritt. Bei Bedarf kann er auch andere Gestalten annehmen. In Sumpfgebieten wurden Buggans beobachtet, die sich in Marschwürmer verwandelten.
Buggans geben zwei Arten von Geräuschen von sich – entweder das Brüllen eines wütenden Stieres, mit dem sie Leute warnen, die sich seinem Territorium nähern, oder ein Flüstern mit menschlicher Stimme. Damit erzählt er seinem Opfer, dass er ihm die Lebenskraft aussaugt und ihre Angst verleiht dem Dämon noch mehr Macht. Sich die Ohren zuzuhalten nutzt nichts, die Stimme des Buggans erklingt direkt im Kopf des Opfers. Selbst stocktaube Menschen können diesem eindringlichen Klang zum Opfer fallen. Wer dieses Flüstern hört, stirbt innerhalb weniger Tage, es sei denn, es gelingt ihm, den Buggan vorher zu töten. Er bewahrt die Lebenskraft der Menschen, die er tötet, in einem Labyrinth tief unter der Erde auf.
Buggans sind gegen Salz und Eisen immun, daher kann man sie schwer töten und bannen. Das einzige, was sie verletzen kann, ist eine Klinge mit Silberlegierung, die ihm ins Herz gestoßen werden muss, wenn er sich vollständig materialisiert hat.«
»Das klingt ja gruselig«, fand Alice.
»Ja, es gibt Grund genug, sich bei einem Buggan vorzusehen und sich zu fürchten«, erwiderte der Spook. »Es heißt, auf Mona gäbe es keine Spooks, aber wie ich gehört habe, können sie gut einen gebrauchen. Die Buggans gedeihen deshalb dort so gut – es gibt niemanden, der sie in Schach hält.«
Plötzlich begann es zu nieseln und mein Meister nahm mir schnell das Bestiarium weg, klappte es zu und steckte es in die Tasche. Es war sein letztes Buch und er wollte nicht, dass es noch weiteren Schaden nahm.
»Wie sind denn die Leute auf der Insel?«, fragte ich.
»Es ist ein stolzes, dickköpfiges Völkchen. Außerdem sind sie kriegerisch und verfügen über eine starke Streitmacht aus Söldnern, die sie »Yeomen« nennen. Doch eine so kleine Insel hätte keine Chance, wenn der Feind sie entdeckte und sich entschließen würde, dort einzufallen.«
»Die Inselleute werden uns nicht wirklich willkommen heißen, oder?«, vermutete Alice.
Der Spook sah sie nachdenklich an. »Da könntest du recht haben, Mädchen. Flüchtlinge sind selten irgendwo willkommen. Es bedeutet, dass man zusätzliche Mäuler füttern muss. Es sind sicher schon viele aus unserem Land nach Mona geflüchtet. Weiter westlich liegt Irland, aber dorthin ist es viel weiter und ich würde gerne möglichst nah bei unserer Heimat bleiben. Wenn es zu schwierig wird, können wir später immer noch weiter nach Westen.«
Als wir uns der Insel näherten, beruhigte sich die See, doch es regnete stärker und der Wind blies uns direkt ins Gesicht. Das Wetter und die grünen Hügel vor uns erinnerten mich an unsere Landschaft. Es war fast, wie nach Hause zu kommen.
Der Fischer setzte uns im Südosten der Insel an Land und machte dazu kurz an einem Holzsteg fest, der an einer felsigen Küste ins Meer ragte. Nacheinander sprangen die Hunde von Bord, erfreut, wieder festen Boden unter den Pfoten zu haben, während wir etwas langsamer folgten, da wir von der langen Fahrt in dem engen Boot ganz steif waren. Ein paar Minuten später stach der Fischer wieder in See. War er auf der Fahrt die ganze Zeit stumm und grimmig gewesen, so schien er jetzt geradezu zu lächeln. Seine Schuld beim Spook war abbezahlt und er war froh, uns den Rücken kehren zu können.
Am Ende des Steges sahen wir vier einheimische Fischer unter einem Holzdach sitzen und ihre Netze flicken. Feindselig blickten sie uns entgegen. Mein Meister ging voran. Zum Schutz vor dem Regen hatte er seine Kapuze hochgezogen und nickte ihnen zu. Nur einer von ihnen zeigte eine Reaktion, die anderen wandten den Blick ab und fuhren mit ihrer Arbeit fort. Der vierte spuckte auf den Boden.
»Da hatte ich wohl recht, was, Tom?«, sagte Alice. »Wir sind hier nicht willkommen. Wir hätten weiter nach Westen nach Irland segeln sollen.«
»Nun, jetzt sind wir hier und wir müssen das Beste daraus machen«, antwortete ich.
Wir gingen den Hügel hinauf, wo wir einen ausgetretenen Pfad erreichten, der bergauf zu einem Dutzend strohgedeckter Häuser führte und dann im Wald verschwand. Als wir am letzten Haus vorbei gegangen waren, kam ein Mann aus dem Wald und verstellte uns den Weg. In der Hand hielt er eine kräftige Holzkeule. Claw sprang vor, stellte die Nackenhaare auf und knurrte den Fremden drohend an.
»Ruf den Hund zurück, Junge, ich übernehme das«, rief der Spook mir zu.
»Claw! Hierher! Gutes Mädchen!«, rief ich, als sie zögernd zu mir zurückkam. Ich wusste, dass sie auch allein mit einem Mann fertig werden konnte, der nur mit einer Keule bewaffnet war.
Der Fremde hatte ein braunes, wettergegerbtes Gesicht und trug die Hemdsärmel trotz des kühlen Wetters bis zum Ellbogen hochgerollt. Er war kräftig und muskulös und strahlte eine Autorität aus, die mich vermuten ließ, dass er kein Fischer war. Und dann bemerkte ich, dass er eine Militäruniform trug: eine enge braune Lederweste mit einem Symbol an der Schulter – drei laufende Beine in einem Kreis. Beine, die eine Rüstung trugen. Darunter stand eine lateinische Inschrift: Quocunque jeceris sabit. Ich vermutete, dass das einer der Yeomen der Insel war.
»Ihr seid hier nicht willkommen«, erklärte er dem Spook feindselig und hob drohend die Keule. »Ihr hättet in eurem eigenen Land bleiben sollen. Wir haben hier genug Mäuler zu füttern.«
»Uns blieb kaum eine andere Wahl, als zu gehen«, erwiderte der Spook milde. »Feindliche Soldaten haben mein Haus niedergebrannt und wir schwebten in Lebensgefahr. Wir bitten nur darum, eine kleine Weile hier bleiben zu dürfen, bis wir sicher zurückkehren können. Wir sind bereit zu arbeiten und für unseren Unterhalt so gut wie möglich selbst zu sorgen.«
Der Mann senkte die Keule und nickte. »Arbeiten werdet ihr, wenn ihr die Gelegenheit bekommt – genauso hart wie die anderen. Bislang sind die meisten Flüchtlinge in Douglas an Land gekommen, im Norden. Aber wir wussten, dass einige versuchen würden, sich hier hereinzuschleichen, daher haben wir aufgepasst«, sagte er, betrachtete erst den Spook und dann mich. Er bemerkte unsere charakteristischen Kapuzenmäntel, die Stäbe und die Taschen. Selbst auf Mona musste man die Kleidung und die Gerätschaften eines Spooks kennen.
Dann begutachtete er Alice bis zu ihren spitzen Schuhen. ich bemerkte, wie sich seine Augen weiteten. Schnell bekreuzigte er sich.
»Was macht denn ein Spook in Gesellschaft einer Hexe?«
»Das Mädchen ist keine Hexe«, erwiderte der Spook ruhig. »Sie hat für mich Bücher kopiert. Und das ist mein Lehrling, Tom Ward.«
»Nun, so lange er hier bei uns ist, wird er nicht dein Lehrling sein, alter Mann. Wir haben keinen Bedarf für Leute deines Berufes und wir haben unsere eigene Art, mit Hexen fertig zu werden. Zuerst sortieren wir die aus, die auf dem Land arbeiten. Wir brauchen Nahrung, nicht euren Hokuspokus.«
»Sortieren?«, fragte der Spook. »Was meinen Sie denn damit?«
»Wir haben euch nicht gebeten, herzukommen«, knurrte der Yeoman und hob wieder die Keule. »Der Junge ist jung und kräftig und wird sicher arbeiten. Aber einige werden ins Meer zurückgetrieben – und für andere haben wir unsere eigenen Methoden …« Sein Blick fiel auf Alice.
Das klang meiner Meinung nach gar nicht gut, daher trat ich vor und stellte mich neben meinen Meister.
»Was soll das heißen: zurück ins Meer?«, verlangte ich zu wissen.
Der Spook legte mir die Hand auf die Schulter. »Ganz ruhig, Junge. Ich denke, wir wissen beide, was er meint.«
»Genau. Wer nicht arbeiten kann, wird Fischfutter. So wie du, alter Mann. Und was Hexen angeht«, fuhr der Yeoman fort und sah Alice stirnrunzelnd an, »so bist du nicht die erste, die in der letzten Woche versucht hat, sich hier einzuschleichen. Ihr kriegt alle, was ihr verdient. Wir haben unsere eigene Art, mit deinesgleichen fertig zu werden.«
»Ich glaube, wir haben genug gehört«, fand der Spook, dem der Regen von der Nase tropfte. Er hob den Stab und hielt ihn in Verteidigungsposition schräg vor den Körper. Der Mann lächelte freudlos und trat angriffslustig vor.
Dann geschah alles sehr schnell. Der Fremde zielte mit der Keule auf den Kopf meines Meisters, doch er traf nicht, denn der »alte Mann« war nicht länger da. Der Spook war beiseitegetreten und teilte zwei schnelle Schläge aus. Der erste traf seinen Angreifer am Handgelenk, sodass ihm die Keule aus der Hand flog und er vor Schmerz aufschrie, der zweite seitlich am Kopf, sodass er bewusstlos vor uns zusammenbrach.
»Nicht gerade der beste Start«, meinte mein Meister kopfschüttelnd.
Ich sah mich um. Die vier Fischer waren aus ihrem Unterstand gekommen und starrten uns an. Der Spook folgte meinem Blick und deutete dann den Hügel hinauf.
»Am besten entfernen wir uns ein Stück von der Küste«, sagte er und begann sogleich, so schnell loszumarschieren, dass Alice und ich Mühe hatten, ihm zu folgen.
Wir stiegen zwischen den Bäumen nach oben, der Spook ein Stück vor uns.
Während der ersten halben Stunde suchte mein Meister einen Weg, der alle Fährtensucher, selbst Hunde, von unserer Spur abbringen würde. Wir wateten bis zu den Knien durch zwei verschiedene Flüsse, die wir einmal auf der gegenüberliegenden Seite verließen, das zweite Mal auf derselben. Als er endlich zufrieden war, führte uns der Spook etwas langsamer nach Norden.
»Da wären wir ja zu Hause noch besser dran gewesen«, bemerkte Alice. »Egal, wie viele Flüsse wir durchqueren, irgendwann kriegen sie uns doch. Kann bei einer so kleinen Insel nicht lange dauern.«
»So klein ist Mona nicht, Alice. Es gibt sicher jede Menge Verstecke«, erwiderte ich. Ich konnte nur hoffen, dass ich recht hatte.
Der Spook hatte den Gipfel eines Hügels erreicht und sah angestrengt in die Ferne.
»Glauben Sie, dass sie ernsthaft versuchen, uns zu finden?«, fragte ich, als ich ihn erreicht hatte.
»Schon möglich, Junge. Ich schätze, unser Freund von vorhin wird mit gehörigen Kopfschmerzen aufwachen und er wird uns sicher nicht allein verfolgen. Die Fischer haben uns nicht verfolgt, also wird er sich anderswo Hilfe besorgen müssen und das dauert seine Zeit. Hast du das Symbol auf seiner Schulter gesehen?«
»Drei Beine in Rüstung in einem Kreis«, erwiderte ich.
»Und den lateinischen Spruch darunter, der bedeutet …?«
»Wohin man es wirft, wird es stehen?«
»Ja, so ungefähr. Es lässt auf Selbstvertrauen schließen. Sie sind ein zähes, eigenwilliges Volk und wir sind offensichtlich an den falschen Ort gelangt. Aber vorerst haben wir sie von unserer Spur abgebracht. Außerdem«, fuhr er fort und deutete den Hügel hinab, »haben sie noch größere Sorgen als uns.«
Unter uns sah ich eine große Stadt und einen Hafen voller Boote in allen Größen. Dahinter erstreckte sich eine große, halbmondförmige Bucht, in der größere Schiffe lagen, einige in ziemlicher Entfernung vom Land. Kleinere Boote brachten Menschen an Land. Über dem Hafen kreiste eine große Schar Möwen und veranstaltete ein Gezeter, das wir bis auf den Hügel hören konnten.
»Das ist Douglas, die größte Stadt der Insel. Da sind noch mehr Flüchtlinge, die hier Zuflucht suchen«, sagte der Spook. »Einige dieser Schiffe segeln bestimmt bald weiter, aber höchstwahrscheinlich nicht zurück in unser Land. Vielleicht habe ich noch genug Geld, um uns eine Passage weiter nach Westen, nach Irland, zu buchen. Da sollte man uns eher willkommen heißen. Schlimmer kann es jedenfalls nicht sein.«
»Werden sie uns denn gehen lassen?«
»Am besten gehen wir unbemerkt, Junge. Wir warten, bis es dunkel wird, dann gehst du in die Stadt. Die meisten Seeleute trinken gerne mal etwas, man findet sie meist in den Tavernen am Hafen. Mit etwas Glück kannst du jemanden finden, der uns ein kleines Boot leiht.«
»Ich gehe mit Tom«, erklärte Alice schnell. »Ich kann auf Gefahren achten …«
»Nein, Mädchen, du bleibst bei mir und den Hunden. Das macht der Junge dieses Mal besser allein.«
»Warum kann sie nicht mitkommen? Vier Augen sehen mehr als zwei«, warf ich ein.
Der Spook sah uns abwechselnd an und fragte kopfschüttelnd: »Seid ihr irgendwie aneinander gekettet? Ihr habt euch ja in letzter Zeit kaum einmal getrennt. Nein, mein Entschluss steht fest. Das Mädchen bleibt hier.«
Alice sah mich an und ich sah Furcht in ihren Augen aufblitzen. Sie dachte an den Blutkrug, den ich bei mir trug, das einzige, was den Teufel in Schach hielt. In diesem Krug befanden sich sechs Blutstropfen, drei von ihr und drei von mir. Auch Alice war sicher, so lange sie in meiner Nähe blieb. Doch wenn ich in die Stadt hinunter ging, konnte nichts den Teufel davon abhalten, sich an ihr zu rächen. ich wusste daher, dass sie dem Spook nicht gehorchen würde, auch wenn sie jetzt nichts sagte.
***
Kurz nach Einbruch der Dunkelheit ging ich den Hügel hinunter und ließ meinen Umhang, meine Tasche und den Stab zurück. Scheinbar mochten die Inselbewohner keine Spooks – nicht einmal ihre Lehrlinge. Mittlerweile würde man in der Stadt sicher nach uns suchen.
Die Wolken hatten sich verzogen und es war eine sternklare Nacht mit einer blassen Mondsichel hoch oben am Himmel. Nach ein paar hundert Metern blieb ich stehen und wartete. Gleich darauf kam Alice.
»Hat Mr. Gregory versucht, dich aufzuhalten?«, fragte ich.
Alice schüttelte den Kopf. »Ich habe gesagt, dass ich Kaninchen jagen gehe, aber er hat nur kopfschüttelnd auf meine Füße gesehen, daher weiß ich, dass er mir nicht glaubt.«
Erst da bemerkte ich, dass sie barfuß war.
»Ich habe meine Schuhe in deine Tasche gesteckt. So ist die Gefahr, dass mich jemand für eine Hexe hält, geringer.«
Wir liefen den Hügel hinunter und kamen bald aus dem Wald auf einen Grashang, den der Regen ziemlich glitschig gemacht hatte. Alice war es nicht gewohnt, barfuß zu laufen und fiel zwei Mal hin, bevor wir die ersten Häuser erreichten und einen Schotterweg fanden. Zehn Minuten später waren wir in der Stadt und gingen durch die gepflasterten Straßen zum Hafen. In Douglas wimmelte es von Seeleuten, aber es waren auch einige Frauen darunter, die zum Teil ebenfalls keine Schuhe trugen. Also fiel sie, abgesehen davon, dass sie die hübscheste von allen war, nicht weiter auf.
Die Möwen waren fast ebenso zahlreich wie die Menschen und stürzten sich aggressiv und furchtlos auf die Leute. Ich sah, wie eine einem Mann eine Brotscheibe aus der Hand riss, als dieser gerade hineinbeißen wollte.
»Grässliche Viecher«, knurrte Alice. »Wie Ratten mit Flügeln.«
Nach einer Weile kamen wir in eine breite, belebte Hauptstraße, in der jedes fünfte Haus ein Gasthaus zu sein schien. In der ersten Taverne sah ich durchs Fenster. Es sah ziemlich voll aus, aber wie voll es tatsächlich war, merkte ich erst, als ich die Tür aufmachte. Warme Luft und ein strenger Geruch nach Bier schlugen uns entgegen und die lauten, aufgekratzten Gäste standen dicht gedrängt. Ich hätte mich mit Gewalt zwischen ihnen hindurch drängen müssen, daher blickte ich zu Alice, schüttelte den Kopf und wir gingen die Straße weiter.
Alle anderen Gasthäuser, an denen wir vorbeikamen, schienen gleich voll, doch schließlich sah ich in einer Nebenstraße, die zum Hafen hinunterführte, ein Haus, das eine weitere Taverne zu sein schien. Als ich eintrat, stellte ich fest, dass sie fast leer war, nur auf den Hockern an der Bar saßen einige Männer. Ich wollte gerade eintreten, als uns der Besitzer mit der Faust drohte.
»Verschwindet hier! Solches Pack wie ihr hat hier keinen Zutritt!«, rief er.
Das musste er mir nicht zwei Mal sagen – das letzte, was ich wollte, war Aufmerksamkeit zu erregen. Gerade wollte ich wieder zur Hauptstraße gehen, als Alice in die andere Richtung deutete.
»Versuch es mal da drüben, Tom. Sieht nach einem weiteren Gasthaus aus …«
Sie hatte tatsächlich recht. Es lag am Ende der Gasse, direkt an der Ecke und der Eingang lag zum Hafen hin. Dort war es genauso leer wie in der letzten Taverne, nur an der Bar hielten sich ein paar Leute an ihren Bierkrügen fest. Der Besitzer sah mich eher neugierig als feindselig an und genau diese Neugier brachte mich schnell zu dem Entschluss, dass es besser war, zu verschwinden. Doch gerade, als ich gehen wollte, rief jemand meinen Namen.
»Na, wenn das nicht Tom Ward ist!«, rief ein großer, rotgesichtiger Mann mit einem Backenbart und kam auf mich zu.
Es war Kapitän Baines von der Celeste, dem Schiff, das meine Mutter für die Reise nach Griechenland geliehen hatte. Sein Heimathafen war Sunderland Point. Bestimmt war er mit einer Ladung Flüchtlingen hier angekommen.
»Schön, dich zu sehen, Junge. Und auch das Mädchen!«, fügte er mit einem Blick auf Alice hinzu, die in der Tür stand. »Kommt und wärmt euch ein wenig am Feuer!«
Der Kapitän trug einen langen, dunklen, wasserdichten Mantel und einen dicken grauen Wollpullover darunter. Seeleute wussten jedenfalls, wie man sich für kaltes Wetter kleidet. Er führte uns an einen Holztisch in einer Ecke, wo wir uns ihm gegenübersetzten.
»Seid ihr hungrig?«, fragte er.
Ich nickte. Ich war am Verhungern. Abgesehen von ein paar Stückchen Käse war das letzte, was wir gegessen hatten, das Kaninchen gewesen, das Alice am Abend zuvor gebraten hatte.
»Wirt, bring uns zwei Fleischpasteten, und zwar richtig schön heiß!«, rief er in Richtung Theke und wandte sich dann wieder zu uns. »Wer hat euch denn hier herübergebracht?«, fragte er leise.
»Wir sind mit einem kleinen Fischerboot gekommen, das uns südlich von Douglas abgesetzt hat. Aber wir haben sofort Schwierigkeiten bekommen und hatten Glück, dass wir davongekommen sind. Ein Mann mit einer Keule hat versucht, uns festzuhalten, aber Mr. Gregory konnte ihn niederschlagen.«
»Wo ist dein Meister jetzt?«
»Oben am Hügel über der Stadt. Er hat mich heruntergeschickt, um ein Boot zu finden, das uns nach Irland bringen kann.«
»Da stehen eure Chancen schlecht, Tom. Mein eigenes Schiff, die Celeste, ist beschlagnahmt und hat bewaffnete Wachen an Bord. Und die Leute, die ich hergebracht habe, sind alle festgenommen worden. Und genauso ging es auch den Flüchtlingen auf den anderen Schiffen. Aber man kann es den Inselbewohnern nicht übelnehmen. Das letzte was sie wollen, ist, dass der Feind auch hier einmarschiert. Und außerdem haben sie Angst vor den Hexen, die aus dem Land fliehen – und das mit gutem Grund. Im Norden ist ein kleines Fischerboot gelandet. Beide Besatzungsmitglieder waren tot – Sie waren ausgeblutet und ihre Daumenknochen waren abgeschnitten worden.«
Alice zuckte sichtlich zusammen. Ich wusste, was sie dachte. Die Pendle-Hexen würden sicherlich bleiben und abwarten, was geschah. Aber das hier konnte gut das Werk einer anderen Hexe sein – einer, die das Land verlassen würde. War das vielleicht Alices Mutter?
War Knochenlizzie möglicherweise hier auf der Insel?
Wir aßen unsere Steaks und Pasteten, während der Kapitän uns erzählte, was er wusste. Offensichtlich wurden fast alle Flüchtlinge zurückgeschickt. Die Vorsitzenden des herrschenden Rates schienen der Meinung zu sein, dass Mona als nächstes angegriffen werden würde, wenn sie es nicht täten.
»Deshalb wurde die Celeste beschlagnahmt. Sie segelt bald nach Sunderland Point zurück und überlässt die Flüchtlinge der Gnade des Feindes. Die bewaffneten Wachen werden mitkommen, um sicher zu stellen, dass ich genau das tue. Die einzigen, die hierbleiben, sind die Hexen, die sie finden – nicht, dass ich welche dabei gehabt hätte. Aber auch einige, die keine Hexen sind, werden getestet und für schuldig befunden werden. Es werden ohne Zweifel auch Unschuldige leiden müssen …«
Er bezog sich auf das, was der Spook die fälschlich Beschuldigten nannte. Er hatte recht. Zweifellos hatte eine echte Hexe Mona erreicht, aber viele andere unschuldige Frauen würden einen schrecklichen Preis für ihre Taten zahlen müssen.
»Ich würde euch raten, ins Inland zu gehen und euch dann zur Südwestküste zu begeben. Dort liegt ein Fischerort, Port Erin, und weiter südlich auf dieser Halbinsel sind viele kleine Dörfer. Dort werden wahrscheinlich keine Flüchtlinge an Land gesetzt, deshalb werden auch weniger Leute danach Ausschau halten. Vielleicht bekommt ihr von dort aus eine Passage nach Irland …«
»Das scheint mir ein guter Rat zu sein, Tom«, fand Alice lächelnd.
Ich lächelte zurück, doch gleich darauf wandelte sich ihr Gesichtsausdruck in Angst und Schrecken und sie starrte zur Tür als spüre sie Gefahr.
Plötzlich flog die Tür auf und ein halbes Dutzend großer Männer kam keulenschwingend hereingeplatzt. Sie trugen Lederwesten mit dem dreibeinigen Abzeichen – Yeomen. Ein großer Mann mit einem dunklen Schnurrbart folgte ihnen. Er hatte ein Schwert umgegürtet und war offensichtlich ihr Anführer. Sie blieben an der Tür stehen und sahen sich im Raum um. Genau betrachteten sie jeden Gast an den Tischen und auch die an der Theke. Erst da bemerkte ich, dass sie einen Gefangenen dabei hatten.
Auch er trug eine Lederweste mit einem Abzeichen. Sie unterstrich seinen Körperbau, der sehr groß und robust war. Warum hielten sie einen ihrer eigenen Leute gefangen?, wunderte ich mich. Was hatte er getan? Dann sah ich, dass der Mann gefesselt war und zwar auf eine merkwürdige und grausame Art und Weise. Von einem Ohr zum anderen verlief eine feine Silberkette zu den Händen der beiden Wachen neben ihm. Seine Ohren waren dicht am Kopf durchbohrt worden und die Löcher, durch die die Kette lief, waren rot und entzündet.
Der Gefangene schnüffelte drei Mal laut und sagte dann mit einer Stimme, die so rau klang wie eine Feile auf Metall zu dem Mann mit dem Schnurrbart: »Ich rieche eine Frau! Hier ist eine Frau, Kommandant Stanton.«
Die Wachen sahen zu Alice, da sie die einzige weibliche Person im Raum war.
Der Gefangene ging auf unseren Tisch zu. Seine beiden Wächter liefen neben ihm, während Stanton etwas zurück blieb. Dabei fielen mir zwei Dinge gleichzeitig auf: Zum einen war der Gefangene blind. Seine Augäpfel waren milchig weiß. Die zweite Beobachtung jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken und ich merkte, wie sich mir die Nackenhaare aufstellten.
Er hatte dunkles, lockiges Haar, mehr wie ein Fell als wie menschliches Haar. Und hoch auf seiner Stirn prangten weiß und spitz zwei ganz kurze, krumme Hörner. Er war kein Mensch, er war ein Unmensch, das Resultat der Vereinigung des Teufels mit einer Hexe.
»Das ist doch keine Frau!«, lachte Stanton. »Das ist nur ein mageres Mädchen mit schmutzigen Füßen. Versuch es noch mal.«
Dieses Mal schnüffelte der Unmensch nicht, sondern sah Alice nur an, als könnte er sie mit seinen blinden Augen tatsächlich erkennen. Über sein Gesicht huschte ein verwunderter Ausdruck.
»Nun, komm schon«, befahl der Kommandant ungeduldig. »Ist das Mädchen eine Hexe oder nicht?«
»Sie trägt die Dunkelheit in sich!«, rief der Unmensch. »Dunkle Macht!«
»Nun, mehr brauchen wir nicht zu wissen. Ergreift sie, Männer!«, befahl Stanton und zwei Männer traten vor und zogen Alice von ihrem Stuhl hoch. Sie leistete keinen Widerstand, aber ihre Augen waren angstgeweitet.
Ich wusste nur eines: wo sie Alice hinbrachten, dort musste auch ich sein. Wenn sie sich vom Blutkrug entfernte, würde sich der Teufel an ihr rächen. Doch wie sich zeigte, musste ich mir deswegen keine Gedanken machen.
»Überprüf die anderen beiden«, befahl Stanton. »Sie haben mit einer Hexe geredet. Vielleicht stecken sie mit ihr unter einer Decke. Vielleicht ist einer von ihnen ein Warlock …«
Der Unmensch sah Kapitän Baines an. »Keine Finsternis«, knurrte er.
»Und was ist mit dem Jungen?«
Jetzt war ich an der Reihe, doch nachdem er mich mit seinen blinden Augen studiert hatte, wirkte er noch verwirrter. Zwei Mal öffnete er den Mund und zeigte zwei Reihen scharfer gelber Zähne, brachte aber kein Wort hervor.
»Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit. Wo ist das Problem?«
»Ganz tief in seiner Seele ist ein ganz kleiner Anteil Finsternis. Ein ganz winziges Stückchen …«
»Das reicht. Bringt ihn raus!«, befahl Stanton. »Wir haben schon lange keine männliche Hexe mehr geprüft. Die sind selten.«
Ich konnte dem besorgten Kapitän Baines nur noch einen Blick zuwerfen, bevor auch ich ergriffen wurde und gleich darauf hatte man mir die Hände auf dem Rücken gefesselt und ich stand zusammen mit Alice vor der Taverne und wurde von rohen Händen über die Hauptstraße den Hügel hinauf geschleift.
Nach einem strammen Marsch durch die belebten Straßen, wo wir gestoßen, ausgelacht und bespuckt wurden, erreichten wir endlich die Stadtgrenze und wurden auf einen Karren gezerrt, der von vier kräftigen Ponys gezogen wurde. Der Fahrer ließ die Peitsche knallen und wir fuhren los. Ein Blick auf die Sterne und die Position des Orion ließ mich vermuten, dass es grob in Richtung Nordwesten ging. Alice und ich waren nicht allein auf dem Karren. Wir wurden bewacht von drei kräftigen Männern mit Keulen, von denen sie ohne zu Zögern Gebrauch machen würden. Wir waren immer noch gefesselt und hatten nicht die geringste Chance, zu fliehen.
Zuerst sprachen die Männer nicht und schienen sich damit zu begnügen, uns anzustarren. Wir senkten die Blicke, da wir ihnen keinen Anlass geben wollten, gewalttätig zu werden, und schwiegen. Doch nach etwa einer Stunde stieß mich der eine mit seiner Keule an.
»Siehst du das, Junge?«, fragte er und wies nach rechts.
In der Ferne konnte ich im Mondschein eine Art Festung erkennen. Es war ein Turm, umgeben von Mauern mit Zinnen und dahinter ein Berg.
»Das ist das die Festung Greeba«, fuhr der Mann fort. »Vielleicht lebst du ja lange genug, um es noch einmal zu sehen.«
Die anderen Yeomen lachten. »Aber wenn du erst mal drin bist, wirst du dir wünschen, dass du gestorben wärst. Nur die glücklichen werden tot herausgezogen.«
Ich machte mir nicht die Mühe, zu fragen, was er damit meinte und schwieg, bis wir schließlich stehen blieben. Offenbar waren wir in einer Siedlung angekommen, die von Bäumen umgeben war.