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To Kill A Shadow ist Dein SPIEGEL-Bestseller! Zu lieben heißt, Opfer zu bringen. Seit die Sonnengöttin – und mit ihr die Sonne – aus dem Königreich Asidia verschwunden ist, umgibt ein tödlicher Nebel das Land. Die 18-jährige Kiara kennt daher einzig die Dunkelheit. Und nicht nur das: Sie gilt in ihrem Dorf als verflucht. Da ändert sich ihr Leben schlagartig, als sie von Kommandant Jude Maddox für eine gefährliche Mission rekrutiert wird. Womit Jude jedoch nicht gerechnet hat: Kiara weckt in ihm Gefühle, die er längst verloren glaubte. Schon bald müssen sie gemeinsam im Nebel ums Überleben kämpfen und ungeahnte Geheimnisse kommen ans Licht … Der mitreißende New York Times-Bestseller auf Deutsch Der New York Times-BestsellerTo Kill a Shadow ist der Auftakt einer düsteren Romantasy-Dilogie mit atmosphärischem High-Fantasy-Setting, starker Protagonistin, Found Family und Forbidden Love. Katherine Quinn kombiniert prickelnde Romance gekonnt mit Göttern, Magie und einer gefährlichen Mission um Leben und Tod. Voller Dunkelheit, aber auch Licht erzählt sie eine spannungsgeladene und berührende Geschichte über Lügen und Illusionen, innere Konflikte, Liebe und Selbstliebe. Perfekt für alle ab 14 Jahren.
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Seitenzahl: 631
Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhalt
Kapitel 1KiaraSeit Tagen ist …
Kapitel 2DIE HAND DES TODESMeine Klinge bohrte …
Kapitel 3KIARAFürchtet die Dunkelheit …
Kapitel 4DIE HAND DES TODESMach dir nicht …
Kapitel 5KIARADie Hauptstadt ist …
Kapitel 6DIE HAND DES TODESDu wirst ihn …
Kapitel 7KIARAIch schreibe dir …
Kapitel 8JUDENur durch unsere …
Kapitel 9KIARABislang schlägt sich …
Kapitel 10JUDEEs gibt Berichte …
Kapitel 11KIARAUnsere Welt wird …
Kapitel 12JUDENiemand weiß, warum …
Kapitel 13KIARAEr ahnt nichts, …
Kapitel 14JUDESalendone wurden nur …
Kapitel 15KIARADer Kommandant zögert, …
Kapitel 16JUDEEin guter Mensch …
Kapitel 17KIARALetzte Nacht habe …
Kapitel 18JUDESie ist das, …
Kapitel 19KIARADie Zeit ist …
Kapitel 20JUDEUnter den Priesterinnen …
Kapitel 21KIARAEs gibt Dinge, …
Kapitel 22JUDEArlo formte die …
Kapitel 23KIARAEs gibt Berichte …
Kapitel 24JUDEAm Rand des …
Kapitel 25KIARADie wenigen Überlebenden …
Kapitel 26JUDEDer Verstand kann …
Kapitel 27KIARAIch vermisse deine …
Kapitel 28JUDE»Traut euren Augen …
Kapitel 29KIARAVielerorts heißt es, …
Kapitel 30KIARAEinige der Sonnenpriesterinnen …
Kapitel 31KIARADer Mutige öffnet …
Kapitel 32KIARAIch bitte dich: …
Kapitel 33JUDELangsam begreife ich, …
Kapitel 34KIARACerys, die Gottheit …
Kapitel 35JUDEJahrhundertelang hatten Schattenbestien …
Kapitel 36KIARADas Herz ist …
Kapitel 37JUDEMaliah, die Göttin …
Kapitel 38KIARAAngeblich werden die …
Kapitel 39JUDEWährend ich noch …
Kapitel 40KIARAAls Raina für …
Kapitel 41JUDEIch habe gehört, …
Kapitel 42KIARASie ist zu …
Kapitel 43JUDEIch werde unseren …
Kapitel 44KIARADie Götter beziehen …
Kapitel 45JUDEEs gibt da …
Kapitel 46KIARAIch fürchte den …
Kapitel 47JUDEDer Sterbliche, der …
Kapitel 48KIARAUnsere alte Freundin …
Kapitel 49JUDEÜber Rainas Leben …
Kapitel 50KIARAEin Mann hat …
Kapitel 51JUDELorian, Gott der …
Kapitel 52KIARALiebe ist nicht …
Kapitel 53JUDEEr muss noch …
Kapitel 54KIARAMeine alte Freundin. …
Epilog
Danksagung
Content Note
Für alle, die die Last der Dunkelheit kennen und trotzdem leuchten. Ihr seid stärker, als ihr denkt.
Liebe Leser*innen,
dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte.
Deshalb findet ihr am Ende des Buchs eine Content Note.
Achtung: Diese enthält Spoiler für die gesamte Geschichte!
Wir wünschen euch das bestmögliche Leseerlebnis.
KIARA
Seit Tagen ist die Sonne nicht mehr aufgegangen und die Menschen geraten langsam in Panik. Sollten die Sonne und ihre Göttin nicht zurückkehren, so fürchte ich, dass die Welt, wie wir sie kennen, immer tiefer in Schatten versinken wird.
Brief von Admiral Liand an König Brion, Jahr 1 des Fluchs
Nur wenige Menschen wussten, dass die Nacht sprechen konnte.
Und noch weniger, wie man ihr antwortete, wenn sie es tat.
In diesem Moment verspottete sie mich. Der zischende Wind und der blutrote Mond ließen die Härchen in meinem Nacken zu Berge stehen, der purpurne Lichthof ein Omen des grausamen Kummers, der sich bald in meiner Brust einnisten würde.
Ein Fluch rollte durch meine Kehle, übertönt von Liams erbarmungslosem Schnarchen, das durch unser gemeinsames Zimmer hallte. Diesen Jungen konnte so schnell nichts aufwecken, nicht einmal einer meiner deftigen Flüche, bei denen Mutters Ohren immer rot wurden.
Es war schon fast Morgen, wie mir das Zwitschern eines Sternenflügels verriet, das durch das angelehnte Fenster hereindrang. Es hieß, Sternenflügel seien die Spione der Götter, ich aber hielt sie nur für Vögel und sonst nichts.
Eines dieser Geschöpfe hüpfte jetzt auf mein Fensterbrett. Auf seinen schwarzen Federn schimmerten violette Tupfen und sein flaumiger Unterbauch war leuchtend blau. Es starrte mich mit seinen dunklen Knopfaugen an, bevor es melodisch trillernd davonflog.
Anscheinend lohnte es sich nicht, mich auszuspionieren.
Ich richtete den Blick nach unten auf meinen Schoß, wo mein Lieblingsdolch in meiner behandschuhten Hand ruhte.
Gekonnt wirbelte ich den Griff immer wieder um sich selbst und verfluchte dabei Raina, unsere herrliche und vergessene Sonnengöttin. Hätte sie uns nicht in ewiger Nacht zurückgelassen, in der wir nun langsam zugrunde gingen, dann würde der heutige Tag nicht geschehen.
Liam würde nicht geholt werden. Nicht von ihnen – den verdammten Rittern des Ewigen Sterns.
Sie würden in unser Dorf einreiten und sämtliche Jungen stehlen, die infrage kamen. Sie dazu zwingen, in die verfluchten Lande zu ziehen – in den Nebel. Ein Ort, an den sich sonst kein Sterblicher wagte. Nachdem die Göttin Raina verschwunden war, hatte der Nebel sich wie eine unheilbare Krankheit ausgebreitet und unser arroganter König suchte seither nach einem Gegenmittel. Durch Missernten und Hungersnöte war es jedoch inzwischen ein Wettlauf gegen die Zeit und eine Lösung vermutete er nirgendwo anders als dort, wo der Tod blühte.
Ich hielt ihn für einen Narren.
Hoffnung war eine gefährliche Sache.
»Schläfst du überhaupt jemals?«
Ich schrak zusammen und stieß gegen das Kopfteil meines Bettes. Liams lange Wimpern öffneten sich flatternd und die blauen Teiche seiner Augen musterten mich skeptisch im Halbdunkel.
»Nein«, antwortete ich, riss ein Streichholz am Nachttisch an und griff nach der Kerze. Der Docht fing sofort Feuer und Liam stieß ein Ächzen aus, als das Licht ihn blendete.
»Ich vermisse mein Bett jetzt schon«, stöhnte er dann.
»Du liegst doch noch drin.« Ich kicherte, aber es klang gezwungen. Meine roten Locken streiften meine Wangen, als ich den Kopf über ihn schüttelte.
»Wie spät ist es, Ki?«
Trotz der angespannten Stimmung konnte ich das Grinsen, das sich auf meine Lippen stahl, nicht unterdrücken. Ki, der Spitzname, den Liam mir gegeben hatte, als er noch klein gewesen war und meinen Namen nicht richtig aussprechen konnte, passte zu mir wie ein feiner Ledermantel. Kiara dagegen klang irgendwie … na ja, nicht nach mir. Feminin und anmutig. Ein Mädchen mit Blüten im Haar, deren Lippen hübsche Worte formten. Ich war weder anmutig noch wortgewandt. Nicht dass ich mir das je gewünscht hätte.
Mein Blick glitt zu dem surrenden Zeitmesser auf meinem Nachttisch. »Fast sechs.«
»Bei den Göttern, wer ist denn zu so einer unmenschlichen Zeit schon wach?« Liam zog das Leinentuch fester um sich, bis er darin eingewickelt war wie ein Neugeborenes.
»War ja klar, dass du das sagst. Du würdest den ganzen Tag im Bett bleiben, wenn ich dich nicht immer rausscheuchen würde.« Ich hüpfte über die kalten Dielen und warf mich mit einem herausfordernden Grinsen auf seine Matratze. Das Gestell unter mir quietschte protestierend.
»Ki!«, murrte Liam. Sein magerer Körper war unter meinem gefangen. Er war zwar einen Kopf größer als ich, aber was mir mit meinen ein Meter sechzig an Größe fehlte, machte ich durch Muskelmasse wieder wett. Muskeln, die ich mir hart erarbeitet hatte. Die Blutergüsse und Narben, von denen mein Körper übersät war, zeugten davon.
»Liammm«, trällerte ich und hielt ihn fest, während ich ihn erbarmungslos an der Seite kitzelte. »Wach auuuf.« Ein Quieken kam über seine dünnen Lippen, seine Wangen färbten sich vor Lachen rosa.
Angespornt von seinem Kreischen, wurden meine Finger noch unbarmherziger.
»Ki, hör auf! Ich mein’s ernst!« Liam lachte so heftig, dass er prusten musste, und mein ausgelassenes Gackern vermischte sich mit seinem.
»Spielverderber.« Seufzend zog ich mich zurück, damit er zu Atem kommen konnte. Ich setzte mich auf die Knie und betrachtete meinen Bruder, prägte mir diesen Moment ein. Als mein Blick jedoch auf seine Brust fiel, erstarrte ich.
»Es … es tut mir leid, Liam«, flüsterte ich. Alle Fröhlichkeit wurde mir aus den Lungen gesogen.
Sein Brustkorb hob und senkte sich ungleichmäßig und angestrengt, jeder zittrige Atemzug wurde von einem leichten Rasseln begleitet.
»Schon gut.« Er lächelte, aber mir entging nicht, wie seine Lippen bebten.
»Nein, es ist nicht gut. Ich hätte besser aufpassen sollen. Du hattest erst vor zwei Tagen einen Anfall.«
Liam atmete bewusst und vorsichtig ein und aus und suchte meinen Blick, seine Hand schloss sich um meine. Schon seit über zehn Jahren hatte ich seine Berührung nicht mehr gespürt. Das Leder, das meine Finger umschloss, ließ keine Wärme durchdringen. »Im Ernst. Mir geht’s gut. Auch wenn du eine Nervensäge bist.«
»Das will ich gerne bleiben, solange du weiteratmest.« Ich runzelte die Stirn, kletterte vom Bett und strich mein einfaches schwarzes Nachthemd glatt. Ich hätte es wirklich besser wissen müssen.
»Du kannst mir als Wiedergutmachung einen Kaffee kochen«, säuselte er. Seine Augen funkelten jetzt wieder.
»Gut. Aber nur weil ich dich beinahe umgebracht hätte.« Ich grinste und Liam schüttelte den Kopf. Als er mir auf dem Weg nach draußen ein Kissen an den Rücken warf, überraschte mich das nicht.
Ich schlich auf Zehenspitzen in die Küche und setzte Wasser auf dem Herd auf. Der Wandleuchter, der einen einzelnen Sonnenfeuerstein enthielt, warf honigfarbenes Licht an die dünnen Holzwände. Die seltenen Edelsteine wurden im Rinngebirge im Norden abgebaut und strahlten goldgelb. Jeder einzelne kostete eine Handvoll Silber und wir hatten das Glück, in unserem bescheidenen Heim wenigstens einen davon zu besitzen.
Kurz darauf betrachtete ich den frisch gebrühten Kaffee und wusste, dass er nicht gut für meine Nerven sein würde … auch wenn er himmlisch roch.
Was ich jetzt wirklich brauchte, waren ein paar Kampfübungen mit Onkel Micah. Der ältere Bruder meiner Mutter war nur wenige Tage nach dem furchtbaren Angriff, seit dem ich die Handschuhe trug, die ich niemals auszog, in Cila aufgetaucht. Damals war ich halb tot und kaum bei Bewusstsein gewesen und dieser Fremde hatte darauf bestanden, mich auszubilden, damit ich mich verteidigen konnte. Er hatte sich mir vorgestellt und als sein Blick auf meine Hände gefallen war, hatte er den Kopf geschüttelt.
»Wir fangen morgen an«, hatte er knapp gesagt und ich hatte mich nur deshalb gefügt, weil meine Großmutter mich inständig darum gebeten hatte. Vermutlich hatte sie ihn angefleht zu kommen. Das ganze Dorf hatte schließlich gewusst, was geschehen war, und es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen, bis ich zur Zielscheibe von Schlimmerem als nur Spott geworden wäre. Es war kein gewöhnlicher Angriff gewesen und das Misstrauen hatte mich zweifellos seitdem auf Schritt und Tritt begleitet.
An den meisten Tagen hatte ich Micah gehasst. Doch aus Monaten waren Jahre geworden und die heimlichen Übungsstunden hatten sich bald schon als Balsam für den Zorn erwiesen, der in mir aufkeimte.
Heute, am Tag der Bestimmung, brauchte ich Micah mehr denn je.
Aber heute würde es keine Ringkämpfe geben, keine Messer und blutigen Fäuste. Keine Flüche, keinen Schweiß. Ich unterdrückte den Drang, meine Wut an einem armen unbelebten Gegenstand auszulassen. Stattdessen schloss ich die Finger um die Griffe der beiden dampfenden Tassen und schlich über die knarrenden Dielen zurück ins Zimmer.
Ich schob mich durch die Tür und drückte Liam die Tasse in die ausgestreckten Hände. »Hier, du Ungläubiger.«
Zum Dank erhielt ich nur ein Augenrollen. Dann schüttete er die kochend heiße Flüssigkeit in sich hinein und schloss zufrieden die Augen.
»Habe ich dir in letzter Zeit mal gesagt, dass du als Schwester gar nicht so übel bist?«, fragte er, als er wieder Luft holte.
Ein Kompliment? Wie ungewöhnlich.
»Du könntest es mir öfter sagen. Schaden würde es nicht.« Ich zuckte spielerisch die Achseln und trank ebenfalls von meinem Kaffee. Die Flüssigkeit schwappte am Rand entlang und ihre bittere Wärme befeuchtete meine Lippen.
Liam nahm noch einen großen Schluck und stellte dann seine Tasse auf dem Nachttisch ab. Auf dem Holz zeichneten sich bereits schwache Ringe ab, weil er nie einen Untersetzer benutzte. Mutters missbilligenden Blick konnte ich mir daher gerade bildlich vorstellen.
»Kiara«, setzte er vorsichtig an und mein Magen füllte sich mit Eis. »Ich weiß, was der heutige Tag bringen wird. Wir müssen nicht um den heißen Brei herumreden.« Eigentlich hatte ich vorgehabt, genau das so lange wie menschenmöglich zu tun. »Ich bin bereit zu gehen. Ich habe mich verabschiedet.«
Von seinen Freunden. Von unseren Nachbarn. Und von seinem jetzigen Leben, das bald der Vergangenheit angehören würde.
»Ich hab dich lieb, Liam.«
Falls meine Worte ihn rührten, ließ er es sich nicht anmerken. Er brummte nur, griff wieder nach seiner Tasse und hielt sie so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Vielleicht reagierte er so, weil es ihm peinlich war. Oder vor Schreck. Ich hab dich lieb. Diese Worte hatte ich noch nie laut ausgesprochen.
Er wusste genau, warum ich es heute tat.
»Ich hab dich auch lieb, Ki.« Sein Kehlkopf hüpfte, genau wie meiner.
Eine Zeit lang herrschte daraufhin behagliches Schweigen, keiner von uns traute sich, etwas zu sagen. Ich spürte Liams Zuneigung quer durchs Zimmer und hoffte zutiefst, dass auch er fühlte, was mein Herz nicht aussprechen konnte.
Das reichte aus. Es musste ausreichen.
»Ki …«
Donnerndes Hufgetrappel ertönte und seine Worte blieben ihm im Hals stecken.
Überall im Dorf flackerten Lichter auf, funkelndes Gelb und trübes verbranntes Orange, das die Straßen in einen dunstigen Schein tauchte und sich mit dem schwächeren Licht einiger Sonnenfeuersteine vermischte.
Liams Blick wurde stahlhart. »Anscheinend ist meine Zeit abgelaufen.«
DIE HAND DES TODES
Meine Klinge bohrte sich in das Herz meines Bruders und setzte seinen unaufhörlichen Schreien ein Ende.
Er war nicht mein leiblicher Bruder, aber er hätte es genauso gut sein können. Wir waren alle eine Familie, vereint durch das gemeinsame Ziel, unser Volk zu retten. Wir sollten den Fluch brechen. Die Sonne zurückbringen.
Ich hätte es besser wissen müssen. Hier draußen zählte Familie nichts, nicht in den verfluchten Landen. Nicht im Nebel.
Ich riss den Dolch aus seinem Körper und sah zu, wie er vor mir zusammenbrach. Seine Augen waren weit aufgerissen, sein Blick anklagend. Ich hatte nicht die Kraft, seine Lider zu schließen.
Der geisterhafte Dunstschleier kroch um meine Knöchel und wand sich meine Waden und Oberschenkel hinauf. Er stank nach Verzweiflung. Der Fäulnis des Todes. Er betastete meine Haut, drängte sich in meinen Geist. Sein zuckersüßes Flüstern streichelte die Tiefen einer Seele, von der ich gar nicht gewusst hatte, dass ich sie noch besaß.
Ich sah in die Dunkelheit hinunter, wo der Leichnam meines Bruders in Nebel gehüllt dalag, und mein Blick fiel auf meine blutverschmierten Hände. Wie um mich zu verhöhnen, strahlte der Mond in diesem Moment heller und beleuchtete das feuchte Rot, das sich nie ganz abwaschen lassen würde.
Der Wind drehte sich, weiße Wölkchen tanzten an mir auf und ab wie die Berührung einer hinterhältigen Geliebten. Das Flüstern jedoch – das mich dazu drängte, unaussprechliche Dinge zu tun – löste sich auf. Das Chaos und die Raserei, die meinen Verstand beherrscht hatten, wurden fortgeweht.
Ich blinzelte. Die erdrückende Last auf meiner Brust schmerzte, während ich über das düstere Schlachtfeld blickte.
Ich entdeckte Gliedmaßen – ein Arm hier, ein abgetrenntes Bein dort. Ein einzelner Stiefel, der von Blut durchtränkt war. Blicklose Augen, die im Mondlicht glänzten.
Tot. All meine Männer waren tot. Ich war der einzige Überlebende.
Mein Dolch fiel zu Boden.
Und dann fiel auch ich auf die Knie.
»Kommandant«, riss die barsche, vertraute Stimme von Leutnant Harlow mich aus diesem Albtraum, der mich im wachen Zustand überkommen hatte. »Wir sind fast da.«
Ich schreckte auf meinem Pferd hoch. Zu meiner Überraschung sah ich in der Ferne von Sonnenfeuersteinen gewärmte Häuser und einen idyllischen Dorfplatz, wie er typisch für eine traditionelle asidianische Siedlung war, anstatt der kilometerweiten, leeren Landschaft der vergangenen Tage seit dem letzten Städtchen. Und dem davor und dem davor.
In jedem Dorf, das wir betraten, hinterließen wir gähnende Lücken und gebrochene Herzen.
In Cila würde es nicht anders sein.
KIARA
Fürchtet die Dunkelheit nicht Denn in ihr wurden wir alle geboren Und in ihr werden wir alle sterben
Gebete der Mondpriesterinnen
Cilas Dorfplatz war von Trauer und Schmerz erfüllt.
Milly, die Schneiderin, drückte ihren Sohn Simon fest an sich, ihre runden Wangen waren gerötet und feucht. Lola und Amelie, unsere Nachbarinnen, hatten von beiden Seiten die Arme um den sechzehnjährigen Tom geschlungen, sodass von ihm bis auf ein paar Büschel rabenschwarzes Haar nichts zu sehen war. Sogar Samuel, der Schmied, den sonst nichts aus der Ruhe brachte, hatte seinen Sohn Mikael am Arm gepackt. Auf dem wettergegerbten Gesicht des älteren Mannes spiegelten sich ganz untypische Gefühle wider.
Mikaels Schwester Lilah fing meinen Blick auf, ihre hübschen braunen Augen waren von Tränen verschleiert. Sie war meine erste Liebe gewesen, mein Ein und Alles, und dennoch hatten wir seit Monaten nicht mehr miteinander gesprochen. Den Grund dafür kannte ich nur zu gut: das ganze Gerede, das mich wie ein Leichentuch umgab …
Halt dich von ihr fern.
Kiara ist gefährlich.
Verflucht.
Langsam wanderte Lilahs Blick weiter zu Liam. Sie biss sich auf die volle Unterlippe und kehrte mir den Rücken zu. Ihre Gleichgültigkeit versetzte mir einen Stich, doch das war nichts im Vergleich zu den anderen Gefühlen, die mir heute die Kehle zuschnürten.
Immerhin hielten meine Eltern ihre Tränen im Zaum. Die dunklen Ringe unter ihren geröteten Augen zeugten jedoch davon, dass sie schon in der vergangenen Nacht reichlich getrauert hatten.
Das schwarze Haar meiner Mutter hing ihr schlaff den Rücken hinab. Ihr Kopf ruhte an der breiten Schulter meines Vaters und ihre zarten Finger umklammerten den Anhänger an ihrem Hals. Die Kette war angelaufen und das Gesicht des namenlosen Mondgottes vom Alter fleckig.
Ich fragte mich nicht zum ersten Mal, warum sie ein Amulett des Mondgottes trug, wenn sie sich doch am allermeisten nach dem Tageslicht sehnte. Mutter hatte lediglich gesagt, es sei manchmal besser, zu den Göttern zu beten, die man sehen konnte, weil wenigstens die vielleicht zuhörten.
Gegen unsere Missernten wollte der Mondgott allerdings nichts tun. Keiner der anderen Götter wollte das. Seit Rainas Verschwinden schienen uns auch sie verlassen zu haben und wir waren ziellos und ratlos zurückgeblieben. Ein verfluchtes Volk in einem verfluchten Land.
Ich folgte dem düsteren Blick meines Vaters und landete erneut bei Liam, der sich jetzt einen Weg durch die dicht gedrängte Menge von Schaulustigen bahnte. Das gereckte Kinn und die von Fältchen umgebenen Augen meines Vaters strahlten einen Stolz aus, den er seinem Sohn sonst nicht oft zeigte.
Ich knirschte mit den Zähnen.
Vater würde es niemals zugeben, doch hinter seinem sorgsam aufgesetzten Lächeln hatte ich schon öfter Enttäuschung gesehen.
Liam schaute zu mir und das Funkeln in seinen Augen wärmte die Stelle in meinem Herzen, die nur ihm gehörte. Mit einem letzten Nicken wandte er sich ab und stellte sich zu den anderen in die Reihe.
Er war mutig genug, um dem Anfang seines Endes mit Würde zu begegnen, und das machte ihn für mich zum tapfersten Menschen, den ich je gekannt hatte.
Zum ersten Mal seit Langem vermisste ich meinen Onkel wirklich. Er war vor einer Woche ohne Erklärung in den Süden aufgebrochen. Wäre er jetzt hier, würde er sicher etwas Tiefsinniges sagen – oder eine scharfe Bemerkung machen, um mich aus meiner Benommenheit zu reißen.
»Das ist er«, zischte Mutter mir ins Ohr und stieß mich sanft mit dem Ellbogen an.
Ich folgte ihrem vielsagenden Blick zuerst zu den versammelten Rittern und dann zu einem Mann, der eher eine Legende war als ein Mensch aus Fleisch und Blut.
Ein Mann, von dem es hieß, er sei von den grausigen Kreaturen, die jenseits der Grenzen umherstreiften, entstellt worden. Angeblich hatte er sich im letzten Winter in die Hauptstadt Sciona zurückgekämpft, über und über mit Blut besudelt und nach Tod stinkend.
Aber das waren sicher nichts weiter als Gerüchte.
Niemand wagte sich tief in den Nebel hinein und kehrte daraus zurück. Doch noch während ich mir das sagte, musste ich zugeben, dass die gebieterische Ausstrahlung des Kommandanten selbst aus der Ferne spürbar war.
Ich musterte ihn ohne jede Scheu.
Seine Züge waren nicht erkennbar, Körper und Gesicht vollständig in dünnes onyxfarbenes Metall gehüllt. Die Ritter trugen alle Rüstungen, aber die des Kommandanten war mit Obsidian-Dornen bedeckt. Die Spitzen glänzten im flackernden Licht der Fackeln, die den Dorfplatz säumten.
Eine eisige Welle ergriff mich mit einem Mal. Sie ließ meine Knochen schwer werden, legte sich um mein pochendes Herz und drückte es zusammen.
Ich erschauerte, als Geisterfinger meine Wirbelsäule hinabwanderten. Der Bergwind kitzelte meine Ohren wie eine hauchzarte Liebkosung.
Ich spürte etwas auf dem Dorfplatz, das nicht … hierhergehörte. Ein Gefühl, das meine verstorbene Großmutter als göttliche Eingebung bezeichnet hätte. Sie war erst letztes Jahr gestorben und hatte eine gähnende Leere in meinem Herzen zurückgelassen. Aurora Adair war eine Naturgewalt gewesen, eine beeindruckende Frau, die auf so etwas Unmögliches wie den Glauben vertraut hatte.
»Stimmt etwas nicht?« Vaters Griff um meinen Arm verstärkte sich und er schaute besorgt zu mir hinunter.
»Mir geht’s gut«, presste ich hervor und schluckte schwer. »Ich bin nur …«
»Traurig«, beendete Vater den Satz für mich und nickte zu Liam. »Ich auch, Kiara.«
Aber es war nicht nur Trauer, was ich empfand. Nein. Ich hatte vielmehr das Gefühl, aus einem Traum zu erwachen, der seine Krallen tief in meinen Geist geschlagen hatte und mich nicht mehr loslassen wollte.
Meine Augen schweiften wieder zum Kommandanten, als wären sie allein dazu geschaffen, ihn zu betrachten.
Fasziniert beobachtete ich, wie der meistgefürchtete Mann in ganz Asidia mit den Händen durch die wilde Mähne seines Pferdes strich und das Tier beruhigte, das ungeduldig gegen die Steine trat.
Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als er den Kopf hob. Sein Helm zeigte genau auf mich. Fast so, als hätte ich seinen Namen gerufen.
Ich zischte, riss mich vom Anblick des Kommandanten los und schaute stattdessen hinab auf das abgeplatzte Pflaster zu meinen Füßen. Ich hielt den Kopf gesenkt, bis die Namen der Auserwählten gerufen wurden, und selbst dann sah ich überallhin, nur nicht zu ihm.
Adam, ein kräftiger Siebzehnjähriger, trat vor, als sein Name fiel. Sein feines rabenschwarzes Haar war mit einer gelbbraunen Lederschnur aus seinem Gesicht gebunden und seine scharf geschnittenen Züge wirkten ebenso bedrohlich wie seine gewölbten Muskeln.
Ich kannte ihn schon seit meiner Kindheit. Adam und Jungen wie er bereiteten sich ihr ganzes Leben lang darauf vor, der Bruderschaft beizutreten, obwohl in diesem Jahr sowieso alle infrage kommenden Rekruten eingezogen wurden.
Ich verzog verächtlich den Mund und starrte ihn finster an.
Neben den anderen wirkte Liam sichtlich fehl am Platz – groß gewachsen und schlaksig, mit purpurfarbenen Ringen unter den glasigen tiefblauen Augen. Die Furcht, die darin schwamm, ließ mich zusammenfahren.
Er gehörte nicht dorthin. Nicht zu ihnen. Das war nicht fair. Ich würde alles dafür geben, um an seine Stelle treten zu können. Die Rekrutierung von Mädchen war zwar allgemein nicht verboten, aber bei den bisherigen Versammlungen war nicht ein einziges aufgerufen worden.
Adam schlenderte zu Liam, ein arrogantes Grinsen im Gesicht.
Gestern erst hatte er mit seinen Kumpels Liam und mich vor dem Handelsposten abgepasst. An das höhnische Lachen und die Beleidigungen war ich inzwischen gewöhnt; seit meinem Unfall im Wald vor zehn Jahren tuschelten die Leute über mich, und zwar nicht gerade freundlich. Aber als Adam meinen Bruder ins Visier genommen hatte – ihm einen harten Stoß gegen die Brust versetzt und ihn einen Krüppel genannt hatte –, hatte ich rein instinktiv reagiert und ihm die Faust ins Gesicht gerammt. Ich hatte gelacht, als er sich vor Schmerzen gekrümmt hatte, aber Adam hatte es weniger lustig gefunden, dass ich ihm die Nase gebrochen hatte.
Seine Nase war immer noch geschwollen und die Blutergüsse unter seinen Augen hatten sich hässlich gelb-violett verfärbt. Ich lächelte ihm spöttisch über die Straße hinweg zu und seine Augen verengten sich zu Schlitzen wie bei einer Katze.
Ich hätte wissen müssen, dass mein Triumph nicht lange währen würde.
Mein Lächeln schwand, als Adam sich zu meinem Bruder hinüberbeugte und ihm etwas ins Ohr flüsterte, wobei er mich die ganze Zeit mit seinem dunklen Blick fixierte. Liams hübsches Gesicht verzog sich zu einem zornigen Ausdruck, den ich bei ihm noch nie gesehen hatte. Ich erstarrte zu Stein.
Adam schenkte mir noch ein überhebliches Grinsen und wandte sich dann wieder dem Kommandanten und den Rittern zu. Der letzte Name wurde aufgerufen, der Albtraum neigte sich dem Ende zu … aber die giftigen Worte, die Adam meinem Bruder ins Ohr gezischt hatte, zeigten die gewünschte Wirkung.
Eben stand Adam noch mit stolzer Miene da, dann wurde er auch schon heftig beiseitegestoßen.
Ich glaubte Liams Namen zu rufen, aber alles drang mit einem Mal nur noch gedämpft zu mir durch. Die Menge auf dem Dorfplatz schien sich um mich zu schließen.
Das Blut rauschte mir in den Ohren und meine Beine setzten sich wie von selbst in Bewegung. Ich rannte auf Adam zu, der meinen Bruder im Gegenzug nun auf den Rücken warf und ihn auf die staubigen Pflastersteine drückte.
Diesmal schrie ich tatsächlich einen Namen: Adam. Oder vielmehr etwas anderes Bitterböses.
Alle Köpfe in der Menge wirbelten zu mir herum, ehe sie sich wieder dem schockierenden Geschehen zuwandten.
»Adam!«, brüllte ich. Ich war jetzt fast bei ihnen. Liam rang ächzend nach Luft und schwang die Fäuste wild nach seinem Gegner, der ihn mit einer Leichtigkeit festhielt, die mein Blut zum Kochen brachte.
»Lass … ihn … in Ruhe.«
Liam keuchte laut und griff wiederholt ins Leere, da erkannte ich, dass er gar nicht nach Adam schlug, sondern einfach nur darum kämpfte zu atmen.
Wut – ungezügelt, rot und hell lodernd – schäumte in mir über.
Und dann stand ich vor Adam und meine Faust traf sein ohnehin schon lädiertes Gesicht. Trotz der schützenden Handschuhe schmerzten meine Knöchel von dem Aufprall.
Ich machte dennoch weiter, schlug ihm gegen den Kiefer und hörte erst auf, als er sich mit aufgeplatzter Unterlippe zurückzog.
Blut tropfte auf die aschgrauen Steine und Adams polierte Stiefel waren mit purpurnen Spritzern übersät.
Aus dem Augenwinkel nahm ich Bewegung wahr. Verstohlen schaute ich kurz zur Seite und sah, wie der Kommandant eine Hand hob und seinen herbeieilenden Männern bedeutete, innezuhalten.
Anscheinend wollte er sehen, wie die Sache ausging, und ich würde ihm mit Vergnügen ein Spektakel bieten.
»Dafür wirst du bezahlen«, knurrte Adam und ging mit böse funkelndem Blick auf mich los.
Grinsend duckte ich mich unter seinem vorschwingenden Arm weg und wich seinem Angriff mit hinter dem Rücken verschränkten Händen aus.
Er war stark. Fast doppelt so groß wie ich. Aber ich war schneller. Sehr viel schneller.
Wahrscheinlich dachte er, ich hätte gestern beim Handelsposten einen Glückstreffer gelandet, aber jetzt würde er begreifen, dass ich für dieses Glück unermüdlich gearbeitet hatte.
Ich duckte mich ein weiteres Mal und wich einem Schlag aus, der zweifellos schmerzhaft gewesen wäre. Dann tauchte ich nach rechts ab und wirbelte herum, bevor Adam überhaupt bemerkt hatte, dass er sein Ziel verfehlt hatte.
»Wo ist denn deine große Klappe jetzt hin, hm?«, spottete ich. Einzelne Haarsträhnen hatten sich aus meinem geflochtenen Zopf gelöst. Meine Stirn war von einem dünnen Schweißfilm bedeckt und mein Herz hämmerte in meiner Brust.
Vielleicht war ich nicht ganz normal, aber der Kampfrausch heizte mich an. Kämpfen ergab für mich Sinn – es war ein Tanz, den ich erlernen konnte, sein Rhythmus beruhigte mich.
Adrenalin war besser als Alkohol. Besser als ein gestohlener Kuss oder ein wolkenloser Himmel. In heillosem Chaos blühte ich auf.
Als meine Faust in Adams Rippen krachte, stieß er ein lautes Ächzen aus und der Sauerstoff wurde ihm aus den Lungen gepresst. Zwar würde der Hieb ihn nicht aufhalten, aber bevor er zum Gegenangriff übergehen konnte, beugte ich mich vor und holte ihn von den Füßen …
… um ihn in genau dieselbe Position zu bringen, in die er Liam zuvor gezwungen hatte.
»Da unten siehst du so viel besser aus.« Ich blickte zu Adam hinunter, der flach auf den hellen Steinen lag. Sein Brustkorb hob und senkte sich vor Wut. Mein eigener Atem dagegen ging ruhig und gleichmäßig.
In meinem Nacken kribbelte es und ich riskierte einen raschen Blick über die Schulter.
Während Adam – seine Würde so gut wie vernichtet – wieder auf die Beine kam, bemerkte ich, dass der Obsidianhelm des Kommandanten noch immer in meine Richtung zeigte. Ich konnte kein bisschen Haut hervorblitzen sehen, seine Augen waren hinter langen, gezackten Lamellen verborgen, aber ich spürte seinen Blick.
Auf meinen Armen bildete sich eine Gänsehaut und ungewohnte Unsicherheit überkam mich. Im Gegensatz zu der eisigen Klaue, die ich zuvor gefühlt hatte, schien diese Kälte zu brennen.
Schwere Stiefel stampften über den Boden und ich zwang mich, den Blick vom Kommandanten abzuwenden und ihn wieder auf meinen Gegner zu richten. Keuchend verpasste ich Adam einen Fausthieb von links, duckte mich und wirbelte elegant herum, um ihn gegen den Hinterkopf zu schlagen.
Er stürzte, schlug mit den Knien auf den Pflastersteinen auf und sein Kopf ruckte nach vorn. Das Bild, wie Adam mit dem Gesicht auf den harten Boden knallte, würde mir auf ewig im Gedächtnis bleiben.
Schadenfreude drang mir förmlich aus allen Poren. Beim Anblick des Speichels, der Adam aus dem Mund rann und sich mit seinem Blut vermischte, musste ich lächeln.
Er war tatsächlich bewusstlos.
Ich schloss die Augen. Der Kampf war vorbei. Liam war in Sicherheit. Und Adam ziemlich blamiert.
Aber jetzt wurde es Zeit, mich dem zu stellen, was ich getan hatte.
Ich drehte mich auf dem Absatz meiner abgetragenen Lederstiefel um und wandte mich den Rittern zu. Die flüsternde Menge, die über dieses Vorkommnis bestimmt noch jahrelang tuscheln würde, blendete ich gekonnt aus.
Der Kommandant hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Die Ritter hinter ihm verschwammen zu einer Masse aus Rüstungen und spitzen Metalldornen.
»Name?«
Beinahe wäre ich vor lauter Ehrfurcht rückwärtsgestolpert. Der mächtige Kommandant ließ sich dazu herab, mit mir zu sprechen. Und seine Stimme … war weich und tief wie Rotwein an einem Winterabend.
»Kiara Frey«, antwortete ich, straffte die Schultern und hob das Kinn an. Vielleicht würde ich diesen Moment für den Rest meines Lebens bereuen, aber ich würde nicht den Kopf einziehen. Nicht mal vor ihm. Der Hand des Todes.
Der Kommandant blieb starr wie eine leblose Statue.
Ich begriff nun, warum so viele Leute Angst vor ihm hatten. Er besaß die beunruhigende Gabe, Grauen zu erzeugen, ohne einen Finger zu rühren. Eine beneidenswerte Eigenschaft.
Mir stockte der Atem und während sich der Moment in die Länge zog, drohte mein armes Herz in Flammen aufzugehen. Meine Lippen öffneten sich schon, da ergriff er das Wort –
»Sie kommt mit.«
Was?
Mir klappte die Kinnlade herunter. Das war … ungewöhnlich, noch nie da gewesen. Frauen kämpften nicht. Jedenfalls nicht im letzten halben Jahrhundert …
Ich wurde gepackt, bevor ich begreifen konnte, was im Namen dieser götterverlassenen Erde gerade mit mir passierte.
Die Finger, die sich in meine Arme gruben, würden wahrscheinlich Blutergüsse hinterlassen und meine blasse Haut violett und blau verfärben. Doch ich nahm sie kaum wahr. Ebenso wenig wie die vertrauten Gesichter in der Menge. Nicht mal ein letzter Blick zu meinen Eltern oder meinem Bruder, der nicht zu den neuen Rekruten zurückgerufen wurde, blieb mir vergönnt.
Es gab keine Gelegenheit, mich zu verabschieden. Weder als zwei Ritter in schwerer Rüstung den bewusstlosen Adam hochhoben und auf einen Wagen warfen noch als fünfzehn andere Jungen mich wie eine herabstürzende Welle umringten.
Meine Augen sahen nur den Kommandanten an und ich spürte das grausame Lächeln förmlich, das sich unter seinem Helm verbarg.
Und so wurde ich von den Rittern des Ewigen Sterns mitgenommen …
Von der Hand des Todes persönlich ausgewählt.
DIE HAND DES TODES
Mach dir nicht die Mühe zurückzukehren, solange du nicht hast, was ich brauche.
Brief von König Cirian an die Hand des Todes, Jahr 50 des Fluchs
Das Mädchen würde unsere Truppe gut ergänzen.
König Cirian hatte mir den Auftrag gegeben, Krieger für ihn zu finden, und ich hatte eine Kriegerin inmitten einer Horde Kinder entdeckt.
Kinder, die bald sterben würden.
Aber Kiara Frey hatte vielleicht eine Chance.
Vielleicht würde ihr gelingen, woran alle anderen Ritter gescheitert waren …
Und sie würde am Leben bleiben.
KIARA
Die Hauptstadt ist ein kalter Ort. Ich spüre das Böse hier, wie es in die gewundenen Straßen sickert und die schwarzen Herzen der Menschen erobert. Bei jedem Atemzug nehme ich eine böswillige Präsenz wahr und ich kann es kaum erwarten, meine Lungen von ihrem Gift zu befreien. Wir werden uns nicht hier niederlassen. Nicht wenn dieser grässliche Ort die Familie infizieren könnte, mit der wir eines Tages gesegnet sein werden. In zwei Wochen kehren wir zurück.
Brief von Stella Frey an ihre Mutter Aurora Adair, Jahr 30 des Fluchs
Mir war keine Zeit geblieben, das Blut abzuwaschen.
Die getrockneten roten Krusten auf meinen schwarzen Lederhandschuhen blätterten ab, wann immer ich mit der Hand über meine Tunika rieb.
Bei jedem Schritt, der mich weg von meinem Dorf und hin zur Hauptstadt von Asidia führte, kehrten die Bilder zurück. Die letzten Momente in Freiheit wiederholten sich endlos in meinem Kopf. In Sekundenschnelle hatte sich entschieden, wie mein weiteres Leben verlaufen würde. Oder jedenfalls das, was davon noch übrig war.
Hast du dir nicht genau das immer gewünscht?, dachte ich verbittert. Cila zu verlassen und jemand sein zu können, der nicht von etwas bestimmt wurde, das vor einem Jahrzehnt passiert war?
Aber wenn Wünsche in Erfüllung gingen, war das Ergebnis selten so, wie man es sich ausgemalt hatte.
In diesem Moment fühlte ich mich einfach nur taub.
Wir waren stundenlang gelaufen und obwohl ich zutiefst erschöpft war, stapfte ich weiter und versuchte, näher an die Spitze der Marschreihe zu kommen, wo sich der behelmte Kommandant befand.
Die anderen Rekruten waren von mir – dem Mädchen, das neben ihnen herging – offenbar nicht sonderlich begeistert. Nur ein dunkelhaariger Junge mit Sommersprossen auf der Nase hatte sich an meine Fersen geheftet und sah mich mit einem kleinen Lächeln an, wann immer ich in seine Richtung schaute. Ich zog eine finstere Miene und wandte mich wieder dem Kommandanten zu, der auf seinem schwarzen Pferd vorausritt.
Seinen Hinterkopf anzustarren, hatte leider nicht den gewünschten Effekt, denn er warf nicht einen einzigen Blick zurück. Für ihn war ich ein Niemand. Eine einfache Fußsoldatin.
Weitere Stunden vergingen, bis sich der Mistkerl endlich dazu herabließ, das Wort an uns zu richten.
»Willkommen in Sciona, Jungs.« Der Kommandant drehte sich im Sattel um und sein behelmter Kopf blickte sofort in meine Richtung, als hätte er die ganze Zeit gewusst, wo ich mich befand. Ich zuckte zusammen. Seine Augen konnte ich nicht sehen, aber ich spürte seinen Blick, der sich in meine Haut brannte und dort einnistete.
Mein Instinkt riet mir, den Kopf zu neigen, aber Onkel Micah hätte gesagt, ich solle nicht nachgeben. »Senke niemals den Blick im Angesicht des Todes«, hatte er während unserer heimlichen Übungsstunden im nahe gelegenen Wald immer gesagt. »Fürchte dich nicht vor dem Sterben, nur vor dem Scheitern.«
Sterben klang allerdings auch nicht sehr verlockend.
Schließlich wandte der Kommandant sich wieder ab und hielt auf die beeindruckenden Tore der Hauptstadt zu.
Ich hatte das untrügliche Gefühl, dass er mich gerade gebrandmarkt hatte. Meine Wangen wurden warm. Dieser Mann hatte mich aus meiner Heimat weggeschleppt, weg von allem, was ich kannte. Doch in Wahrheit war ich dankbar dafür; Liam wäre innerhalb weniger Wochen tot gewesen, wäre er mitgenommen worden. Ich dagegen könnte das hier überleben. Mein Onkel hatte mich gut ausgebildet, auch wenn seine Methoden nicht sehr feinfühlig gewesen waren.
Als ich dreizehn war, hatte er mich einmal mit Handschellen gefesselt, mir die Augen verbunden und mich zwanzig Kilometer von zu Hause entfernt abgesetzt. Zwei Stunden hatte es gedauert, bis ich das Schloss der Handschellen geknackt hatte, und weitere acht, bis ich ohne die Sterne als Orientierungshilfe zurückgefunden hatte.
Manchmal blieb einem nur die Wahl zwischen Kampf und Tod. Ich war zu einer Kriegerin geformt worden, also würde ich jetzt auch eine sein.
Als ich mein Kinn etwas weiter anhob, bemerkte ich auf den Mauern die Soldaten, die unsere Ankunft verfolgten und laut Befehle riefen.
Ich erhaschte einen Blick auf purpurne Umhänge und muskulöse Gliedmaßen, die sich ins Zeug legten, um das mit Dornen besetzte Eisentor hochzuziehen, das die Stadt vor Angriffen schützte – nicht dass es welche gegeben hätte. König Cirian tötete jeden, der auch nur annähernd eine Bedrohung darstellte. Seinen Vorgänger, König Brion, hatte er einige Jahre nachdem der Fluch sich über das Land gelegt hatte, einfach ermordet. Danach hatte Chaos geherrscht. Nicht einmal die berühmten Sonnenpriesterinnen und -priester, die Raina geweiht waren, hatten sich mehr in die Nähe der Hauptstadt gewagt. Zu sehr hatten sie sich vor dem frisch gekrönten Herrscher gefürchtet. Es hieß, sie hätten überall im Reich in Siedlungen Zuflucht gesucht und warteten dort auf den Tag, an dem ihre Göttin zurückkehrte. Dann erst würden sie sich wieder auf den Weg zu ihrem geheimnisvollen Tempel machen, der sich irgendwo in den südlichen Bergen befand.
Wahrscheinlich hatten sie ihren Glauben aber inzwischen längst aufgegeben.
Die anderen sammelten sich nun und drängten sich wie verlorene Kinder aneinander, als die Ritter uns durchs Tor führten. Ich hatte das Gefühl, in den Tod zu marschieren. Die Krähen, die krächzend über uns kreisten, halfen auch kaum dabei, meine wachsende Furcht zu zerstreuen. Wenn dieser Anblick kein Zeichen der Götter war, dann wusste ich auch nicht.
Die unnatürlich großen Vögel pickten an den abgehackten Köpfen herum, die die rostigen Mauerspitzen zierten.
Ich fragte mich, ob sie wohl so groß waren, weil sie viel Futter bekamen. Immerhin zählte ich mindestens fünfzehn aufgespießte Köpfe an der Mauer. Einige der Opfer wirkten frisch, andere waren schon so stark zerpickt, dass ihre Gesichtszüge kaum noch erkennbar waren. Was sie darstellten, war klar – eine Warnung.
Die Soldaten des Königs zeigten keine Gesichtsregung und trugen tiefrote Waffenröcke und schwarze Hosen. Auf ihrer Brust prangte das königliche Wappen – ein Halbmond und ein Stern, die von einer Sonne eingeschlossen wurden. Die meisten von ihnen schenkten uns keine Beachtung, bis auf diejenigen, die mich inmitten der Horde von Jungen entdeckten: mein langes feuerrotes Haar ein Leuchtsignal, das ich unfreiwillig aussandte.
Ich lächelte den starrenden Männern bewusst zu und winkte mit den Fingern.
Lächeln war die beste Methode, um einen Gegner zu verunsichern.
Nachdem wir durch das Haupttor gestapft waren, führte der Kommandant uns eine schmale, mit Flusssteinen gepflasterte Straße entlang. Zu beiden Seiten ragten Steinhäuser auf, die in verschiedenen Grautönen gestrichen waren.
Ohne auf die ahnungslosen Passanten zu achten, schaute ich mich in der gewundenen Straße um und bewunderte die beeindruckend geraden Linien und die starre Architektur der tristen Hauptstadt.
Etwa alle zehn Meter ragte eine filigrane Sonnenfeuerstein-Laterne aus fein gearbeitetem Silber auf und unter jeder davon stand ein schwarzer Farn in einem Kübel.
Mir fiel auf, dass hier jeder Stein an seinem Platz lag, die Außenbereiche der Häuser waren makellos und gepflegt. Wäre da nicht all das Grau und Weiß, hätte Sciona überwältigend, vielleicht sogar bezaubernd sein können. So jedoch verspürte ich lediglich Trauer. Es gab keine Kinder, die auf der Straße spielten und lachten. Keine Straßenverkäufer, die ihre Waren anpriesen, oder plaudernde Stadtbewohner. Nur strenges Grau und Stille.
Hinter einer besonders langen Biegung kam der eindrucksvolle Palast von Sciona in Sicht. Sein Anblick traf mich wie ein Schlag in die Magengrube.
Ein Schloss aus dickem dunklem Glas ragte mehrere Hundert Meter über unseren Köpfen bis in die Wolken auf. Es besaß die Farbe von Mondlicht, glänzend wie Stahl. Zwei gewaltige Zwillingstürme erhoben sich vor uns. Mit Spitzen, schärfer als jede Klinge, bohrten sie sich in den Himmel. An ihrem Fuß strahlten Tausende Sonnenfeuersteine und beleuchteten jeden finsteren Winkel und jede messerscharfe Kante.
Manche Leute würden das schön nennen.
Ich gehörte nicht dazu.
Ein Ritter mit kastanienbraunem Haar, der neben dem Kommandanten an der Spitze ritt, winkte uns durch das Haupttor des Palasts in einen Garten mit Kieswegen, der an die Festungsmauer grenzte.
Ich strich mit der Hand über eine der kalten Marmorstatuen, an denen wir vorbeikamen.
Raina, die verlorene Sonnengöttin, und daneben Arlo, Gott der Erde und des Ackerbodens. Seine Züge wirkten streng, als sei er enttäuscht, obwohl sein Gesicht wettergegerbt und weise aussah und mich irgendwie an Onkel Micah erinnerte. Die muskulöse Gestalt von Lorian, dem Gott der Bestien und Beutetiere, ragte vor Silas, dem Wassergott, mit seinem geschmeidigen Körper und den langen Gliedmaßen auf.
Und in der Mitte stand der Mondgott, dessen heiteres Gesicht von eindringlicher Schönheit war. Sein wahrer Name war über die Jahre in Vergessenheit geraten oder aus der Erinnerung getilgt worden und in keiner Legendensammlung lautete er gleich. Nicht einmal seine schrulligen Priesterinnen und Priester wussten, wie er wirklich aussah, und ich fand es erstaunlich, wie ein ganzes Land so etwas vergessen konnte. Aber es war schon Seltsameres vorgekommen.
Mein großes Vorbild fehlte natürlich unter den Göttinnen und Göttern hier. Maliah, Göttin der Rache und Vergeltung, sollte man jedoch nicht unterschätzen; sie war für viele Krieger eine Heldin. Doch wie bei den meisten niederen Gottheiten zollte man ihr nicht die Anerkennung, die sie eigentlich verdient hatte.
Neben den Statuen befand sich ein imposanter Springbrunnen in Gestalt eines galoppierenden Pferdes. Es hatte die Vorderbeine erhoben und Wasser spritzte auf seine Hufe. Auf dem breiten Rücken waren die feurigen Insignien der Sonnengöttin eingraviert – ein polierter Dolch, der eine strahlende Sonne durchbohrte. Dasselbe Symbol trugen auch die Ritter.
Bei dem Pferd musste es sich um Thea handeln, Rainas sagenumwobene Stute.
Ich betrachtete sie interessiert, da packte jemand meine Hand und zog mich weiter. Der sommersprossige Junge, der mich vorhin angegrinst hatte. Ich zuckte unwillkürlich zusammen, alle Nerven in meinem Körper waren aufgrund der ungewohnten Berührung sofort zum Zerreißen gespannt. Langsam entzog ich ihm meine Hand und schenkte ihm ein Lächeln, das meine Augen jedoch, wie ich wusste, nicht erreichte.
»Ab sofort keine Gespräche mehr und folgt mir.«
Der Befehl kam von dem Ritter mit dem kastanienbraunen Haar, wahrscheinlich war er der zweite Kommandant. Er stieg von seinem Pferd und nickte kaum merklich, woraufhin die anderen Männer seinem Beispiel folgten. Aus dem Nichts tauchten Stallburschen auf und griffen eilig nach den Zügeln der erschöpften Reittiere.
»Kommt«, befahl Nummer zwei und winkte auffordernd.
Wahrscheinlich hatte er einen übertrieben männlichen Namen wie Falk oder Bär. Ob er wohl kleine Fältchen bekam, wenn er lächelte?
Vielleicht würde ich versuchen, es herauszufinden.
Nummer zwei führte uns nun durch einen engen Bogengang neben den Ställen. Sonnenfeuersteine in staubigen Wandhaltern erhellten die Glaswände und ließen den Erdboden in einem dunklen Moosgrün erscheinen. Wir gingen am Haupteingang vorbei und betraten den Palast stattdessen durch einen geheimnisvollen Korridor, in dem hin und wieder Ritter an uns vorbeimarschierten und nur kurz innehielten, um Nummer zwei zuzunicken.
Nach mehreren Minuten neigte sich der Tunnel nach unten und führte uns unter das Gebäude. Der Abgesandte meines Heimatdorfes Cila hatte den Palast erst letztes Jahr beim jährlichen Zusammentreffen mit dem König besucht. Zwar hatte er die unterirdischen Gewölbe nicht mit eigenen Augen gesehen, er hatte jedoch von den zahllosen Gerüchten erzählt, die in der Hauptstadt darüber im Umlauf waren.
Neben Geschichten über Folter, heimliche Festgelage und andere Ausschweifungen hieß es auch, dass hier unten die Ritter gemeinsam mit den grausigen Bestien des Königs hausten. Anscheinend hatte der Abgesandte recht gehabt.
Ich dachte darüber nach, was sich wohl in den Räumen über uns befand – die unzähligen Schätze und der schamlose Luxus, der dort wahrscheinlich zur Schau gestellt wurde –, hatte aber den heimlichen Verdacht, dass ich sie nie zu Gesicht bekommen würde. Die Reichen und Adligen von Sciona wollten die Gesichter der hartgesottenen Krieger, die sie beschützten, vermutlich nicht sehen, sondern genossen lieber ihr Leben in Unwissenheit. Dennoch ging meine Fantasie mit mir durch, obwohl ich für übermäßige Verschwendung eigentlich nichts übrig hatte.
Wir marschierten noch ein Stück weiter, dann öffnete sich der Korridor in einen kreisrunden Raum, in dessen Mitte ein riesiger eiserner Kronleuchter von der Decke hing.
Über uns flackerten Hunderte elfenbeinfarbene Kerzen und beleuchteten die verschiedenen Waffen, die sich dicht an dicht an den Wänden des einschüchternden Rondells aufreihten. Beim Anblick der zahllosen Schwerter, Dolche und Bögen hätte ich vor Freude fast geweint.
Vielleicht würde es ja doch nicht so schlimm werden. Liam sagte immer, ich solle optimistischer sein. Er wäre jetzt also vermutlich stolz auf mich.
Der Kommandant blieb direkt unter dem Kronleuchter stehen, ein dunkler Schatten inmitten der Flammen. Ich wünschte, er würde den verfluchten Helm absetzen.
»Hergehört«, rief sein Stellvertreter direkt neben ihm. Sein donnernder Befehl hallte wie ein kaltes Echo in meiner Brust wider. Selbst die Kerzen flackerten beim Klang seiner Stimme. »Euch wird eine Nummer und eine Schlafpritsche zugeteilt. Dort findet ihr zweimal Wechselkleidung vor. Behandelt sie pfleglich, mehr werdet ihr nicht bekommen.«
Er ließ den Blick über die unruhige Menge gleiten und musterte uns – seine neuen Schützlinge – mit offensichtlicher Abneigung. »Ihr könnt mich Leutnant Harlow nennen«, sagte er dann. »Ich bin euer Ausbilder hier. Und jetzt bildet eine Reihe vor Bruder Damian und Bruder Carter. Sie geben euch eure Nummern.«
Nummer zwei hatte also einen Namen. Er passte zu ihm, obwohl Bär, offen gestanden, noch ein klein wenig besser gewesen wäre.
Der braunhaarige Junge, der noch immer an meiner Seite war, stellte sich direkt hinter mir in die Schlange.
»Ich hab gehört, was du mit dem Trottel Adam gemacht hast«, flüsterte er in meinem Rücken. Ich drehte mich nicht um, deshalb redete er weiter: »Die Jungs aus deinem Dorf haben gesagt, du hättest dich wie eine Schattenbestie bewegt und ihn in nur einer Minute fertiggemacht.«
Das war leicht übertrieben. Vielleicht waren es drei Minuten gewesen.
»Ich bin bei Weitem keine Schattenbestie«, sagte ich erschauernd. Meine Fähigkeiten waren etwas besser als durchschnittlich, aber nicht vergleichbar mit denen der Kreaturen, die der Dunkelheit dienten. Angeblich konnten Schattenbestien sogar menschliche Gestalt annehmen. Sie bestanden jedoch nur aus Albträumen und Asche und waren so schnell, dass sie die Seelen ihrer Opfer innerhalb eines Herzschlags verschlingen konnten.
»Ich heiße Patrick.« Der Junge schob sich näher an mich heran, obwohl sich die Schlange kaum vorwärtsbewegt hatte.
Seufzend drehte ich mich nun doch um und entdeckte dasselbe kleine Lächeln auf seinen vollen Lippen wie zuvor. Er wirkte so verdammt erpicht darauf, Freundschaft mit mir zu schließen, dass er mir beinahe leidtat.
»Kiara. Meine Freunde nennen mich Ki.« Nicht dass ich viele davon hatte. Nur Liam. Der Gedanke, ihn nie wiederzusehen, versetzte mir einen Stich und ich kehrte Patrick den Rücken zu, bevor er noch sah, wie meine Maske bröckelte.
Es dauerte nicht lange, bis wir die beiden Ritter erreicht hatten. Ihre Mienen waren ernst und unnachgiebig.
Damian schien Mitte zwanzig zu sein, während Carter einen dichten graubraunen Bart besaß und eine von Falten zerfurchte Stirn. Er erinnerte mich an Cilas Schmied, einen Mann, der meistens finster dreinschaute, nur selten lächelte und Hufeisen nach den Kindern warf, die es wagten, seinen Laden zu betreten.
Der ältere Ritter war mir auf Anhieb sympathisch.
»Sechsundzwanzig«, rief Carter und drückte mir ein Stück staubig weißes Papier in die Hand, auf das in ungelenker Schrift meine Nummer gekritzelt war. Er warf mir einen neugierigen Blick zu und seine kalten blauen Augen wurden weicher. Ein Mundwinkel hob sich, sank aber gleich wieder nach unten. »Dann los, Mädchen.« Er nickte mit seinem geschorenen Kopf nach rechts.
Patrick bekam die Siebenundzwanzig und wäre beinahe über seine eigenen Füße gestolpert, so sehr beeilte er sich, mir zu folgen.
Vor uns erstreckte sich ein langer Gang, von dem zu beiden Seiten purpurne Türen abgingen, die allesamt offen standen. Unser Raum befand sich hinter der dritten Tür links ganz am Ende.
Die etwa zwei Dutzend schmalen Pritschen mit den hauchdünnen Kissen und den mottenzerfressenen Decken überraschten mich nicht im Geringsten. Ich mochte eine gut ausgebildete Kämpferin sein, ein bequemes Kissen wusste ich allerdings schon zu schätzen. Leider war diese Unterkunft alles andere als luxuriös. Seufzend schnappte ich mir mein Bündel frischer Kleidung und freute mich auf ein Bad.
Meine Stiefel kamen jedoch sogleich wieder schlitternd zum Stehen und Patrick prallte dumpf gegen meinen Rücken.
Ein Bad.
Bei den Göttern, ich hatte das nicht richtig durchdacht. Auf keinen Fall würde ich mich vor diesem armseligen Haufen ausziehen. Um meine Würde war es zwar momentan nicht gut bestellt, aber es war immerhin noch ein bisschen was davon vorhanden. Außerdem musste ich an meine Hände denken. Sobald die Jungen mein Geheimnis herausfänden, hätte ich ganz andere Sorgen, als dass sie mich nackt sehen könnten.
Wenige Minuten später bestätigten sich meine Befürchtungen. Mein Puls raste bei dem Anblick, der sich mir bot.
Der Baderaum war eine schwach beleuchtete Kammer mit einem einzelnen Wasserbecken. Ein surrender Mechanismus brachte das Wasser zum Fließen. Seifen mit Kiefernduft wurden ausgeteilt und die Jungen zogen, ohne nachzudenken, ihre schmutzigen Kleider aus und warfen sie beiseite, um sich in das rechteckige Becken zu stürzen.
Auf keinen Fall würde ich mich hier entkleiden. Hier gab es keinerlei Privatsphäre.
»Brauchst du … brauchst du vielleicht Hilfe? Also, nicht direkt Hilfe, aber …« Patrick war sein Unbehagen deutlich anzusehen. Und ich musste dringend ein Bad nehmen – meine Haut und meine Haare stanken nach Straße mit all ihren äußerst vielen Gerüchen.
»Ich verzichte auf deine Hilfe, Patrick«, erwiderte ich und verzog das Gesicht. Dann ging ich zu dem einzelnen Ritter hinüber, der mit dem Rücken an der stahlgrauen Wand lehnte und Wache hielt. Er schien ein oder zwei Jahre älter als ich, sein Gesicht war jungenhaft und noch nicht von der Last des Ritterdaseins gezeichnet. Vermutlich war er ein Novize, was auch erklären würde, warum er als Aufseher beim Baden eingeteilt war. Seine zusammengekniffenen Augen sagten mir, dass er davon wenig begeistert war.
»Ähm, Entschuldigung, Sir«, begann ich und wartete, bis seine braunen Augen sich auf mich richteten. »Könnte ich vielleicht baden, wenn alle anderen weg sind?« Mit einem tiefen Seufzer wandte er sich mir zu. Sein Blick fiel auf meine Brust und seine Wangen röteten sich.
»Rekruten, die lieber allein baden möchten, haben das in der Vergangenheit meist nach dem Abendessen getan. Aber lass dir nicht zu viel Zeit«, sagte er barsch. Dann wandte er sich wieder ab, offensichtlich war das Gespräch beendet.
Ich dankte jedem Gott, der mir einfiel.
Schnell machte ich mich auf den Weg zurück und vermied es tunlichst, in dem überfüllten Baderaum mit irgendwelchen nackten Körpern zusammenzustoßen. Wieder im Schlafsaal ließ ich mich mit einem Stöhnen auf die mir zugewiesene Pritsche fallen.
Wenn Micah mich jetzt sehen könnte.
So wie ich ihn kannte, würde er sich totlachen.
DIE HAND DES TODES
Du wirst ihn erst kommen sehen, wenn deine Kehle bereits aufgeschlitzt ist und der Tod dich in die Arme schließt. Sollte die Hand des Todes jemals eine Seele gehabt haben, dann ist sie lange verloren.
Auszug aus Die Legenden von Asidia
Ich hatte mir nicht die Mühe gemacht, meine schmutzige Reisekleidung abzulegen. Zum Glück, denn kaum hatte ich mein Zimmer betreten, wurde ein Stück Papier unter dem Türspalt durchgeschoben.
Wer es geschickt hatte, war nicht schwer zu erraten.
Seufzend trat ich an meinen Schrank und holte die benötigten Werkzeuge heraus. Ich besaß über zwanzig Klingen unterschiedlichster Größe und für die verschiedensten Zwecke: Manche nutzte ich zur bloßen Ermahnung, andere dienten dem Verstümmeln oder Töten.
Die heutige Mission würde schnell erledigt sein.
Dann bewegte ich mich lautlos durch das innere Heiligtum und durch die Tore hinaus, die Waffen unter meiner Lederjacke verborgen. Niemand wagte es, in meine Richtung zu sehen.
Ich war der Tod. Und jeder, der bei Verstand war, ging mir lieber aus dem Weg.
Durch den Dienstboteneingang schlüpfte ich schließlich in eine Villa im reichsten Teil der Stadt. In den Ostbezirken von Sciona lebten nur Adlige und Leute aus der Oberschicht. Ihre Türen waren stets unverschlossen, als wollten sie das Schicksal herausfordern. Niemand beraubte Cirians Auserwählte – niemand außer mir.
Ein Jammer, dass ich heute Abend weit mehr als nur Münzen stehlen würde.
Ich schaltete meinen Verstand aus, griff nach meinem Dolch und machte mich ans Werk.
KIARA
Ich schreibe dir so, als würdest du diesen Brief wirklich lesen. Für das, was du für mich getan hast, sollte ich dich eigentlich hassen. Wegen dir habe ich meine beste Freundin verloren und jetzt stecke ich allein in diesem Dorf voller Dumpfbacken fest. Aber merkwürdigerweise vermisse ich dich, sogar während ich diesen sinnlosen Brief schreibe, und wünschte, ich könnte dich fest umarmen, obwohl du das ja gar nicht magst.
Ungesendeter Brief von Liam Frey an seine Schwester Kiara Frey, Jahr 50 des Fluchs
Im Speisesaal, wo wir Wildschwein und gegrillten Lachs zu essen bekamen, standen lange Holztische und schmale Bänke. Die Wände waren aus Stein und nicht aus Glas wie der obere Teil des Palasts. Die dunklen Platten glänzten im Licht mehrerer Sonnenfeuersteine in Wandhaltern. Ich erschauerte und nahm die düstere Umgebung in mich auf. Mir fiel auf, dass eine Sache fehlte, an die ich mich über die Jahre gewöhnt hatte.
Die Bewohner Asidias waren abergläubisch, und wahrscheinlich auch zu Recht.
Die Menschen in meinem Dorf sammelten winzige Marmorstatuen der Götter und die meisten hatten Altäre errichtet, die Raina geweiht waren. Die Unsterblichen wurden auf kunstvollen Wandteppichen, mit hübschen Kerzen und detailreichen Zeichnungen verehrt und solche Zeichen des Glaubens – ob nun zur Schau oder aus Überzeugung – durften in keinem Haus fehlen.
Im Heiligtum der Ritter hatte ich jedoch mit Ausnahme der Statuen im Garten bislang keine Abbildungen der Götter gesehen. Obwohl ich nicht sonderlich gläubig war, vermisste ich doch ihre vertraute, beruhigende Anwesenheit.
Nachdem ich zu Patricks offensichtlicher Belustigung mein Essen förmlich in mich hineingeschlungen hatte, lehnte ich mich zurück und legte eine Hand auf meinen Bauch. Es war Wochen her, seit ich das letzte Mal auch nur ansatzweise satt gewesen war. Vielleicht hätte ich mich schuldig fühlen sollen, dass ich es mir hatte schmecken lassen, während so viele Menschen hungerten, aber dafür war ich gerade viel zu zufrieden.
»Ich kann nicht.« Patrick deutete seufzend auf das Fleisch. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Eber hier noch am Leben ist.«
Ich lachte, als er die Nase rümpfte. »Du musst essen. Außerdem ist es gar nicht so übel und wer weiß, wann wir das nächste Mal etwas so Gutes vorgesetzt bekommen.« Ich pickte mit meiner Gabel auf seinem Teller herum, schob mir ein Stück Wildschwein in den Mund und grinste frech. Das konnte er unmöglich ernst meinen – Essen war in letzter Zeit so wertvoll geworden wie Münzen.
Patrick schob mir seinen Teller zu. »Dann nimm meins ruhig auch noch. Du hast es dir nach der Sache mit Adam verdient.«
Ich wollte schon protestieren – wir mussten schließlich beide bei Kräften bleiben –, aber Patrick aß nur sein Stück Brot und schien damit zufrieden zu sein. Als er mir einen vielsagenden Blick zuwarf und eine Braue hochzog, gab ich mich geschlagen und bediente mich an seinen Resten.
Innerlich hatte ich den Verdacht, dass er nur nett sein wollte und ich sein Angebot deshalb eigentlich nicht annehmen sollte. An derartige Großzügigkeit war ich nicht gewöhnt. Aber letztendlich siegte mein Magen über meinen Stolz.
Bald darauf läutete ein Gong und die kurze Abendessenszeit kam zu einem abrupten Ende.
Alle drängelten zu ihren Schlafsälen und in der Eile kam es zu der einen oder anderen Rangelei. Ich konnte nur daran denken, mir endlich den Schmutz vom Körper zu waschen.
Daran und an die nicht vorhandenen Zuschauer.
»Gute Nacht, Ki«, sagte Patrick und legte sich auf seine Pritsche. Er zog sich, vor Kälte leicht zitternd, die dünne Decke bis zum Kinn hoch.
»Gute Nacht«, erwiderte ich grinsend, während er versuchte, es sich gemütlich zu machen. Er erinnerte mich ein wenig an Liam und einen Moment lang stellte ich mir vor, mein Bruder würde an Patricks Stelle liegen.
Ich war froh, dass ich jetzt hier war und nicht er. Daran bestand kein Zweifel mehr.
Nachdem sich alle hingelegt hatten, schlenderte ich den Korridor entlang zum Baderaum. Wie versprochen, war keine Menschenseele dort.
Den grausamen, bösen Göttern sei Dank.
Meine Finger nestelten an den winzigen Knöpfen meines Hemds herum. Ich schloss die Augen, als frische Luft meine nackte Haut küsste. Meine Hose glitt auf die Steine hinab; sie war ganz steif von getrocknetem Schlamm und anderen Dingen, über die ich lieber nicht allzu lange nachdenken wollte.
Als Letztes legte ich meine Handschuhe ab.
Seufzend zog ich das dicke Leder von jedem Finger einzeln. Beim Anblick der nackten Haut wurde mein Herz schwer. Egal, wie viel Zeit verging, ich würde mich nie daran gewöhnen.
Über meine Handflächen zogen sich wulstige Striemen und auch über die Handrücken verliefen onyxfarbene und blaue Linien, die sich wie kranke Adern zu meinen Fingern ausbreiteten.
Ich verschwendete keine wertvolle Zeit mit Selbstmitleid, sondern tappte zum Rand des Wasserbeckens und ging die erste Steinstufe hinab. Das trübe Wasser war warm. Bläschen sprudelten an die Oberfläche, während der Filter surrte.
Meine Lippen verzogen sich zögernd zu einem Lächeln – das erste echte an diesem Tag – und ich stieg die nach unten schmaler werdende Treppe ganz hinab und watete ins Wasser hinein, bis es mir bis zu den Schultern reichte. Zufrieden stöhnte ich auf.
Mein Leben war im Eimer, aber zumindest würde ich sauber sein.
Ich ließ mir beim Waschen Zeit und schrubbte gnadenlos jeden Zentimeter meines Körpers. An manchen Stellen musste ich den eingetrockneten Schlamm sogar mit den Fingernägeln abkratzen. Nachdem ich mir sicher war, dass ich den üblen Gestank der Straße losgeworden war, wandte ich mich meinen Haaren zu, schäumte sie mit der einfachen Seife ein und massierte meine Kopfhaut.
Beim anschließenden Auswaschen tauchte ich länger unter als nötig und genoss die gespenstische Ruhe. Das Pochen meines Herzschlags in meinen Ohren war das einzige Geräusch in der trüben Stille. Hier unten konnte ich mir vorstellen, wieder zu Hause bei Liam und Micah zu sein, an meinem Lieblingsort im Wald. Geborgen unter Wasser konnte ich so tun, als hätte sich nichts verändert, obwohl ich mich eigentlich so lange nach Veränderung gesehnt hatte.
Meine Lungen setzten den Tagträumen schließlich ein Ende.
Ich brach durch die Wasseroberfläche, sog die Luft ein und die Wirklichkeit erdrückte mich mit jedem scharfen Atemzug etwas mehr.
Ein grollender Fluch ließ mich herumfahren, mein nasses Haar wickelte sich dabei um meine Schulter. Ehe ich es verhindern konnte, entwich mir ein überraschtes Keuchen.
Hinter mir, die Hände am Knopf seiner Hose, stand ein Ritter mit freiem Oberkörper.
Ich fluchte ebenfalls, sank tiefer ins Wasser und bedeckte meine Brüste mit meinen vernarbten Händen, obwohl das eigentlich gar nicht nötig war – durch das schlammige, schaumige Wasser konnte er sicher nichts erkennen.
Hilflos starrte ich ihn einfach an. Meine verräterischen Augen glitten zu seinem gestählten Bauch, der zu meinem Erstaunen mit wulstigen rosafarbenen Narben überzogen war, die kreuz und quer über seine definierten Bauch- und Brustmuskeln verliefen. Manche waren noch nicht einmal ganz verheilt.
Aber sein Gesicht …
Im schwachen Fackellicht ließ ich seine Züge auf mich wirken – ein zerstörtes Meisterwerk. Er war jung, wahrscheinlich nur ein oder zwei Jahre älter als ich mit meinen achtzehn.
Glattes rabenschwarzes Haar fiel ihm in die Stirn und kräuselte sich verspielt um seine Ohren. Der trübe gelbe Feuerschein betonte seinen kantigen Kiefer und die hohen Wangenknochen, die allein schon als Waffe hätten durchgehen können. Und seine Lippen … tja also, ich hatte noch nie zuvor einen Mann mit solch vollen Lippen gesehen und dennoch passten sie zu ihm.
Die linke Gesichtshälfte war es jedoch, die seine Schönheit geradezu überirdisch machte. Zwei rote Narben zogen sich von der Braue bis zu dem rasiermesserscharfen Wangenknochen genau über sein Auge, das milchig blau war und fast keine Pupille zu haben schien. Eine solche Augenfarbe hatte ich noch bei keinem Menschen gesehen, aber hinter den Wolken aus wirbelnder Asche und Schatten verbarg sich in seinem geheimnisvollen Blick ein lodernder Funke, dessen Licht durch die Dunkelheit brechen wollte. Ein Funke, den ich manchmal auch bei mir selbst sah, wenn ich in den Spiegel schaute.
Er zog mich völlig und unwiderruflich in seinen Bann.
»Was hast du hier zu suchen, Rekrutin?«, bellte er und ließ die Hände sinken. Seine überraschte Miene verlieh ihm ein jungenhaftes Aussehen.
Ich quiekte nur als Antwort und das Wasser schwappte um mich herum, als ich meinen fiebrigen Körper wegdrehte und mich innerlich verfluchte, weil ich ihn so bewundernd angestarrt hatte.
»Mir wurde gesagt, dass ich nach dem Abendessen herkommen und ein Bad nehmen könnte. Allein«, betonte ich und mühte mich, meine Fassung wiederzugewinnen.
Was nicht ganz leicht war.
Der Ritter reagierte nicht auf meine Worte, sein Blick senkte sich jedoch auf den Steinboden. Vielleicht irrte ich mich, aber seine bleichen Wangen schienen rosa anzulaufen.
»Verstehe«, presste er mit tiefer Stimme hervor. Zögernd sah er wieder auf und sagte ernst: »Für gewöhnlich behalte ich mir diese Zeit für ein Bad vor.«