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Selbst im idyllischen Cornwall treiben Mörder ihr Unwesen …
Der humorvolle Cosy Crime an der Küste voller Spannung und Geheimnisse
Der Schock in der kleinen Firma Webster & Co. ist groß, als bei der alljährlichen Qualitätsprüfung die Leiche eines Mitarbeiters gefunden wird – ausgerechnet von der strengen Leiterin der Prüfungskommission. Doch als sich herausstellt, dass der Tod des Kollegen keineswegs ein Unfall war und die Polizei absolut im Dunkeln tappt, beschließen die junge Sekretärin Charlotte Cunningham und die rüstige Mrs Maggie Webster, Mutter des Seniorchefs, der Sache auf den Grund zu gehen. Immerhin steht der Ruf der ganzen Firma auf dem Spiel! Neben unglücklichen Romanzen, alten Rivalitäten und jede Menge Verdächtiger decken die beiden Spürnasen nicht nur ein dunkles Geheimnis ihrer geschätzten Kollegen auf …
Dies ist eine überarbeitete Neuauflage des bereits erschienenen Titels Mord in Port St Petroc
Erste Leser:innenstimmen
„Ein richtig gemütlicher Wohlfühlkrimi – große Empfehlung!“
„Charmanter Krimi mit liebenswerten und schrulligen Charakteren.“
„Ich habe bei der Lektüre viel geschmunzelt und gelacht, dennoch kam auch die Spannung nicht zu kurz!“
„Von Seite eins an fühlt man sich nach Cornwall versetzt und kann perfekt abtauchen.“
„Spannende Ermittlungen, tolle Kulisse und ein sehr flüssiger Schreibstil.“
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Seitenzahl: 293
Veröffentlichungsjahr: 2023
Der Schock in der kleinen Firma Webster & Co. ist groß, als bei der alljährlichen Qualitätsprüfung die Leiche eines Mitarbeiters gefunden wird – ausgerechnet von der strengen Leiterin der Prüfungskommission. Doch als sich herausstellt, dass der Tod des Kollegen keineswegs ein Unfall war und die Polizei absolut im Dunkeln tappt, beschließen die junge Sekretärin Charlotte Cunningham und die rüstige Mrs Maggie Webster, Mutter des Seniorchefs, der Sache auf den Grund zu gehen. Immerhin steht der Ruf der ganzen Firma auf dem Spiel! Neben unglücklichen Romanzen, alten Rivalitäten und jede Menge Verdächtiger decken die beiden Spürnasen nicht nur ein dunkles Geheimnis ihrer geschätzten Kollegen auf …
Dies ist eine überarbeitete Neuauflage des bereits erschienenen Titels Mord in Port St Petroc
Überarbeitete Neuausgabe September 2023
Copyright © 2023 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten
E-Book-ISBN: 978-3-98778-665-5 Taschenbuch-ISBN: 978-3-98778-769-0
Copyright © 2021, dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2021 bei dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH erschienenen Titels Mord in Port St Petroc (ISBN: 978-3-96817-300-9).
Covergestaltung: Buchgewand unter Verwendung von Motiven von stock.adobe.com: © johannes, © Alan, © Helen Hotson depositphotos.com: © zatvor, © the8monkey.gmail.com Lektorat: Daniela Pusch
E-Book-Version 24.08.2023, 18:37:34.
Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.
Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
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Cornwall und ich, das war Faszination auf den ersten Blick. Ich war eine schwärmerische 14-jährige, die stets die Nase in irgendeinem Buch hatte, und alte Legenden fesselten mich besonders. Wer kennt nicht die Sagen, die sich um König Artus und Königin Guinevere, den Zauberer Merlin und die Ritter der Tafelrunde ranken? Außerdem mochte ich schwierige Wörter in exotischen Sprachen – je schwieriger, desto besser. Und ich liebte das Meer.
Kein Wunder also, dass die Küste Cornwalls, die meine Familie und ich während unseres Sommerurlaubs besuchten, meine Phantasie sofort gefangen nahm. Die Spuren der alten keltischen Kultur und Sprache sind dort noch immer auf Schritt und Tritt präsent. Die Landschaft ist rau und sanft zugleich, so abwechslungsreich wie kaum irgendwo sonst. Das wintermilde Klima, das der Golfstrom mit sich bringt, lässt Palmen und andere mediterrane Gewächse gedeihen. Auch die Bilderbuchkulisse der kleinen Badeorte an der Kanalküste kann einem das Gefühl geben, sich am Mittelmeer zu befinden. Dann wieder bestimmen schroffe Felsen das Bild. Diese werden Euch auch beim Lesen des Romans begegnen.
Zwar habe ich die Handlung in einer fiktiven Kleinstadt angesiedelt, die jedoch einigen real existierenden Orten an der Atlantikküste Cornwalls nachempfunden ist. Den Namen Port St. Petroc habe ich als Hommage an den Heiligen Petroc gewählt, einen der bekanntesten Heiligen Cornwalls. Auch einige der im Roman beschriebenen historischen Orte und Ereignisse haben einen realen Hintergrund, wie zum Beispiel das Kupferminenunglück, dem mehr als 30 Minenarbeiter zum Opfer fielen. Tatsächlich geschah im Jahr 1919 ein solches Unglück in der Trevant Mine nahe der Kleinstadt St. Just. Auch die im Buch beschriebene Heilige Quelle gibt es wirklich, in der Realität heißt sie Madron Well.
Zahlreiche Autoren haben sich bei ihren Werken bereits von der ursprünglichen Schönheit Cornwalls inspirieren lassen. Meine persönliche Favoritin unter ihnen ist Daphne Du Maurier, deren Romane ich immer wieder gern lese. Dann durchstreife ich die herrschaftlichen Räume des Landsitzes Manderley auf den Spuren der geheimnisvollen Rebecca, oder ich stehe der tapferen Mary Yellan im Kampf gegen die gesetzlosen Schmuggler im Gasthaus Jamaica bei.
Ich hoffe, auch Ihr bekommt Lust, mich in diesem Buch auf die Reise zu begleiten, und ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen!
„Au! Was zur Hölle …?“
Charlotte Cunningham, die eben noch im Halbschlaf aus ihrem Zimmer getapst war und sich erst einmal auf dem altmodischen, aber bequemen Wohnzimmersofa der Familie niedergelassen hatte, war mit einem Schlag hellwach. Sie sprang auf und besah sich den Kratzer auf ihrem Oberschenkel. Im Grunde erübrigte sich die Frage nach dem was und wie. Charlotte konnte sich denken, wer ihr diesen Kratzer beschert hatte. Ruckartig schob sie die Sofakissen zur Seite und packte zu.
„Hab ich dich, du Biest!“
Der Erfolg ihrer Jagd war ein weiterer blutiger Streifen, diesmal auf dem Rücken ihrer rechten Hand. Ein pelziges, braun-weißes Etwas wand sich in ihrem Griff, starrte sie aus schwarzen Knopfaugen böse an und bleckte zwei lange Nagezähne. Ein nasser Fleck breitete sich auf dem Streublumenmuster des Sofakissens aus, aber auch das brachte Charlotte nicht dazu, das Tier loszulassen.
„Elliot!“, brüllte sie. „Elliot!!“
„Was’n los?“ Die Wohnzimmertür öffnete sich, und ein sommersprossiges Jungengesicht, umrahmt von wilden rotbraunen Locken, kam zum Vorschein.
„Nimm das Vieh hier weg! Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du deine Meerschweinchen nicht überall frei herumlaufen lassen sollst?“
„Lily ist kein Vieh“, erwiderte Charlottes jüngster Bruder vorwurfsvoll. Mit seinen dreizehn Jahren war Elliot das Nesthäkchen der Familie, ganze zwölf Jahre jünger als seine Schwester. Er nahm den pelzigen Tierkörper aus Charlottes Händen mit geübtem Griff entgegen. Mit einem Anflug von Schadenfreude registrierte Charlotte, dass das Meerschweinchen seinen liebevollen Eigentümer ebenfalls kratzte, doch Elliot schien das nicht zu kümmern.
„Jetzt hast du sie erschreckt. Arme Lily, komm.“ Fürsorglich trug Elliot das Tier auf sein Zimmer, um es dort, das hoffte Charlotte zumindest, in seinen Käfig zu sperren.
„Lily, ha!“, schnaubte Charlotte. Als Tochter einer Tierärztin war sie eigentlich daran gewöhnt, das Haus mehr oder weniger freiwillig mit diversen Vierbeinern, Fischen, Insekten oder Kriechtieren zu teilen. Ihre Mutter war einfach zu gutmütig, um einen ihrer Patienten im Stich zu lassen, selbst wenn deren Eigentümer es taten.
Ihr jüngster Bruder Elliot liebte Tiere ebenso abgöttisch. Eine Zeitlang hatte er sogar ein Terrarium mit fingerlangen südamerikanischen Kakerlaken besessen. Im Moment jedoch gehörte seine besondere Zuneigung den Nagern. Anfangs hatte Charlotte aufgeatmet, als die Kakerlakenzucht der Vergangenheit angehörte. Inzwischen hatte sie allerdings den Überblick verloren, wie viele Meerschweinchen Elliot beherbergte. Ihrer Ansicht nach waren es entschieden zu viele: Allesamt übelriechende und noch übler gelaunte Biester, vor denen selbst die Katze Angst hatte. Und das obwohl es ansonsten wenig gab, das die Ruhe der gravitätischen grauen Perserkatze erschüttern konnte, die auf den klangvollen Namen Queen Victoria hörte. Manchmal kam sich Charlotte, die sich lieber mit menschlicher Kommunikation befasste, in ihrem eigenen Zuhause wie eine Außenseiterin vor.
Als Charlotte Lappen und Seifenwasser aus der Küche holen wollte, um den Fleck auf dem Sofa zu beseitigen, begegnete sie dort ihrem mittleren Bruder Rory. Er rührte in einem Topf mit undefinierbarem Inhalt, der auf dem Herd stand. Charlotte schnupperte hoffnungsvoll und verzog dann das Gesicht. Was auch immer sich in dem Topf befand, sie würde nicht davon kosten. Die Farbe der Masse erinnerte zwar an dunkles Karamell, aber sie verströmte den Geruch von angeschmortem Gummi. Charlotte holte den Wischeimer aus dem Besenschrank und drehte den Wasserhahn auf, um den Eimer zu füllen, als sie aus den Augenwinkeln ein Flackern wahrnahm. Der Inhalt von Rorys Topf ging gerade in Flammen auf.
„Mist, Mist, Mist!“, fluchte Rory. Reflexartig griff Charlotte nach dem Eimer, doch Rory schlug ihr den Henkel aus der Hand.
„Nein Charlie, bist du irre? Kein Wasser! Gib mir einen Topfdeckel und Handtücher, schnell!“
Charlotte riss einen Stapel Geschirrhandtücher aus dem Schrank und kramte dann nach einem Deckel, den sie ihrem Bruder reichte. Mit handtuchumwickelten Händen hämmerte Rory den Deckel auf den Topf. Die Flammen verschwanden, dafür quoll nun dicker schwarzer Qualm unter dem Rand des Deckels hervor.
„Trag das Ding raus, ich halte die Tür auf“, krächzte Charlotte. Hustend und fluchend gelang es den Geschwistern, den Topf mit dem noch immer qualmenden Inhalt ins Blumenbeet vor der Tür zu befördern. Zurück im Haus riss Charlotte sämtliche Fenster auf, um den Gestank loszuwerden, der sie eher an die Produktionshallen ihres Arbeitsplatzes bei Webster Gas Valves als an etwas Essbares erinnerte. Auch Elliot steckte erneut den strubbeligen Kopf aus seiner Zimmertür und fragte angewidert:
„Boah, was war das denn? Das Frühstück wohl nicht, oder? So was würdest nicht mal du essen, Rory.“
„N… nicht direkt“, druckste der größere Rory ungewöhnlich kleinlaut herum.
„Rory?“ Charlotte stemmte die Hände in die Hüften und musterte ihren mittleren Bruder, der trotz seiner beachtlichen Körpergröße von 6 Fuß und 5 Ellen, also gut 1 Meter 90, unter ihrem strengen Blick zu schrumpfen schien. „Okay, raus mit der Sprache! WAS war in dem Topf?“
„Kettenfett“, gab Rory schließlich zu. „Für mein Motorrad. Ich wollte das Fett nur ein bisschen warm machen, damit ich die Kette besser schmieren kann.“
„Ein bisschen warm machen? In einem Topf auf dem Küchenherd? Du hättest das Haus abfackeln können! Und Leute wie du kriegen den A-Level Schulabschluss. Kein Wunder, dass dieses Land den Bach runtergeht!“, regte sich Charlotte auf. Dass Rory unter ihren Worten zusammenzuckte, bereitete ihr eine grimmige Genugtuung. Sie liebte ihre beiden jüngeren Brüder abgöttisch, aber manchmal trieben sie sie zur Weißglut. Zugegeben, ihre Bemerkung war ein Schlag unter die Gürtellinie. Sein Motorrad sowie seine kürzlich erworbene Hochschulreife waren Rorys ganzer Stolz — auch wenn ihn die Erwartung seiner Mutter, er möge der Hochschulreife in absehbarer Zeit ein Studium folgen lassen, etwas beunruhigte. Im Gegensatz zum Rest seiner Familie gehörte Rorys Leidenschaft weder Tieren noch Menschen, sondern Maschinen und Motoren, an denen er mit Begeisterung herumbastelte.
„Es war ein Versehen, okay?“, murmelte er. „Außerdem war es ein alter Topf.“
„Mum wird dich trotzdem erwürgen, wenn sie das hier mitkriegt. Also sieh zu, dass du die Schweinerei beseitigst, bevor sie nach Hause kommt. Lass dir meinetwegen von Elliot helfen, ich muss jetzt los.“
Charlotte schielte nach dem rußbeschmutzten Zifferblatt der Küchenuhr, warf dann einen Blick auf den Kalender, der neben dem Kühlschrank hing, und begann erneut zu fluchen. Verdammt, fast hätte sie wegen des ganzen Durcheinanders vergessen, was für ein Tag heute war: Der Tag der Qualitätsprüfung, die alljährlich die gesamte Belegschaft der Firma Webster Gas Valves in Atem hielt.
Also der denkbar schlechteste Tag, um zu spät zur Arbeit zu erscheinen.
Zumal in diesem Jahr auch noch eine Delegation des wichtigsten Geschäftspartners Neumeier Gastechnik AG aus Deutschland anreisen sollte, um die Qualitätsprüfung zu überwachen. Schon seit Wochen stand die ganze Firma Kopf, und nun hätte Charlotte den wichtigen Termin beinahe verschwitzt.
Zum Glück war sie gestern Abend noch geistesgegenwärtig genug gewesen, sich ihre Garderobe für den heutigen Tag zurechtzulegen. Sie schlüpfte in den schwarzen Rock, die hellgrüne Bluse, den schwarzen Blazer und die guten Absatzschuhe, rückte mit der linken Hand die Rocknähte gerade, während sie mit der Rechten ihre dichten, rötlich-braunen Locken mit einem Haargummi zu bändigen versuchte. Für eine sorgfältige Frisur blieb keine Zeit mehr, ebenso wenig wie für Makeup oder Frühstück. Charlotte hastete zur Tür hinaus.
„Charlie, du musst noch …“, rief Rory ihr hinterher, doch die zweite Hälfte des Satzes hörte sie schon nicht mehr. Draußen strahlte die August-Morgensonne vom blauen Himmel. Ein seltener Anblick an der Atlantikküste Cornwalls, die sich auch im Sommer oft in Nebel hüllte. Charlie jedoch hatte keinen Blick für das schöne Wetter, ebenso wenig wie für den hübschen Anblick der Heckenrosen und üppigen Lavendelbüsche, die das aus Schiefer gemauerte Häuschen mit dem schlichten Namen Hill Cottage säumten. Energisch öffnete Charlotte die Fahrertür des betagten roten Fords, der in der Einfahrt stand, und setzte sich hinters Steuer. Als sie den Motor anließ, wurde ihr mit einem Schlag klar, was sie laut Rorys Hinweis noch tun sollte — nämlich tanken. Anscheinend hatte sich ihr Bruder gestern mal wieder ohne zu fragen ihr Auto geliehen.
Dieser gedankenlose, faule Schnorrer mit seinem vermaledeiten Motorenfimmel!
Frustriert klopfte Charlotte gegen das Glas über der Tankanzeige, doch die kleine Nadel bewegte sich keinen Mikrometer nach oben. Da nützte es auch nichts, dass Charlotte ihren Bruder in allen Sprachen verfluchte, die sie kannte. Sie würde es unmöglich schaffen, im Büro alles Nötige für die Ankunft der deutschen Delegation vorzubereiten, wenn sie jetzt noch an der Tankstelle halten musste. Die Tankanzeige zeigte im roten Bereich, war aber noch nicht ganz leer. Vielleicht … sie musste es einfach riskieren. Charlotte fuhr aus der Einfahrt und ließ den Wagen im Leerlauf den Hügel hinabrollen, bevor sie auf der Hafenstraße den Gang einlegte. Die Schönheit des beschaulichen Hafenstädtchens Port St. Petroc, direkt an der Steilküste gelegen mit seinen schmalen, steil abfallenden Gassen, den grauen Häusern aus Schiefer und Granit, und den mit bunten Markisen geschmückten Geschäften, deren Fensterscheiben und phantasievoll bemalte Namensschilder im Sonnenlicht wie frisch poliert blinkten, zog unbemerkt an ihr vorbei. Ihre Gedanken gehörten ganz dem Unternehmen Webster Gas Valves, dessen Fertigungsanlage für medizinische und brandschutztechnische Gasflaschenventile einer der wichtigsten Arbeitgeber der Stadt war.
Charlotte war in die Firma eingetreten, nachdem sie ihre College-Ausbildung beendet hatte.
Obwohl ihre Stellungsbezeichnung kurz und knapp „Secretary“ lautete, waren ihre Aufgaben inzwischen vielfältig: Beantworten von Kundenanfragen, Verfassen und Übersetzen von Produktinformationen, Organisieren von Konferenzen und Dienstreisen — überall verließ man sich auf sie, allen voran der Seniorchef Arthur Webster. Dass sie ihm außerdem jeden Morgen seinen koffeinfreien Kaffee am Schreibtisch servierte, gehörte selbstverständlich dazu. Und natürlich war sie heute dafür zuständig, die Gäste aus Deutschland bei Laune zu halten — wenn sie es denn schaffte, rechtzeitig an ihrem Arbeitsplatz anzukommen. Nervös kralle Charlotte ihre Hände fester ums Lenkrad, während sie die kleine Begrüßungsrede auf Deutsch vor sich hinmurmelte, die sie gestern noch eingeübt hatte.
Ihre Kollegen versicherten ihr zwar immer wieder, ihr Deutsch wäre perfekt, doch sie wusste, dass das nicht der Wahrheit entsprach.
Im Stillen nannte sie sich selbstironisch die einäugige Königin unter den Blinden. Wer, wie die meisten ihrer Kollegen, von Fremdsprachen keine Ahnung hatte, mochte sie für ein Sprachgenie halten. Doch schon während ihres Au-Pair Aufenthaltes in Hamburg, wo sie als Achtzehnjährige ein Jahr verbracht hatte, war Charlotte schmerzlich bewusst geworden, wie schwer es war, in der deutschen Sprache und Kultur heimisch zu werden. Der Duft der großen weiten Welt, die sie hatte für sich entdecken wollen, war plötzlich gar nicht mehr so verlockend gewesen. Als ihr Arbeitsvertrag auslief, war sie ziemlich kleinlaut und um einige Illusionen ärmer heimgekehrt. Das College in der 25 Meilen entfernten Kreisstadt Truro war ihr danach in einem ganz andere Licht erschienen: eine vernünftige, sichere Alternative. Die beste Möglichkeit, eine gute Ausbildung zu machen, ohne Cornwall verlassen zu müssen. Deutsch gesprochen hatte sie seither nur noch zu Übungszwecken oder mit den Kunden bei der Arbeit.
Erleichtert ließ Charlotte wenig später das Ortsausgangsschild hinter sich. Die kurvenreiche Landstraße schlängelte sich noch eine halbe Meile an der Steilküste entlang. An jedem anderen Tag hätte Charlotte die Aussicht aufs Meer genossen, die bei dem klaren, sonnigen Wetter geradezu majestätisch war, doch heute hatte sie auch dafür keinen Blick. Flott bog sie auf einen Zufahrtsweg ein und brachte den Wagen kurz darauf auf dem Firmenparkplatz zum Stehen. Zur Firma Webster gehörten einige flache, langgestreckte Fabrikhallen sowie ein etwas älterer, mehrstöckiger Backsteinkomplex, das ursprüngliche Hauptgebäude, das heute die Planungs- und Verwaltungsabteilungen beherbergte.
Drinnen summte es wie in einem Bienenstock.
Charlotte hatte kaum die hohe Bogentür passiert, da nahm das geschäftige Treiben sie auch schon gefangen:
„Charlie? Gott sei Dank, dass Du da bist! Ich kann die Mappe mit den deutschen BAM-Zertifikaten nicht finden!“
„Archiv im Keller, zweites Regal von links unter B. Graue Mappe im obersten Regalfach.“
„Jemand vom Port Inn hat angerufen, sie können den Imbiss doch erst nach 12 Uhr liefern.“
„Okay, dann müssen wir halt die Mittagspause von 12:30 bis 13:30 machen. Ich ändere das schnell in der Tagesordnung.“
„Charlie, äh … weißt du, wo die Entwürfe für die neuen 631iger Ventile sind?“
„Die hatte ich doch gestern extra ausgedruckt und dir auf den Schreibtisch gelegt, Melvin.“
„Tut mir wirklich leid, aber ich habe sie nicht gefunden.“ Die aufrichtige Bitte, die Charlotte in den Augen des Konstruktionsingenieurs Melvin Bradstone las, ließ sie eine unwillige Bemerkung hinunterschlucken. Wenn Melvin sie mit seinen großen braunen Augen so ansah, wurde sie weich — selbst jetzt noch nach all den Jahren. Wenigstens hatte er sie nicht gebeten, die Produktzertifikate aus dem Archiv zu holen. Der klamme, düstere Kellerraum bereitete ihr jedes Mal eine Gänsehaut.
„Schon gut“, seufzte sie. „Ich drucke dir die Zeichnungen nochmal aus. Dann kann ich auch gleich die neue Tagesordnung fertig machen.“ Charlotte flitzte an den Drucker. „Argh, dieser verfluchte Drucker hat schon wieder Papierstau! Dabei war letzte Woche erst der Wartungstechniker da. Ich muss unbedingt …“
„Du holst jetzt erst mal tief Luft und beruhigst dich, ich mache das schon“, kam eine resolute Stimme Charlotte zu Hilfe. „Wie wär’s übrigens, wenn die Herren der Schöpfung zur Abwechslung mal selbst ihre Gehirne einschalten würden, anstatt immer alles auf Charlie abzuwälzen?“
Charlotte musste sich ein Grinsen verkneifen und warf ihrer Kollegin einen dankbaren Blick zu. Primrose O’Neal, die es sich auf das Energischste verbat, mit ihrem Vornamen angesprochen zu werden, und die daher von allen nur „Neal“ gerufen wurde, nahm wie üblich kein Blatt vor den Mund. Wie so oft, wenn sie nervös oder in Eile war, kaute sie hingebungsvoll eine halbe Packung Kaugummi auf einmal. Dabei musterte sie Charlotte aus zusammengekniffenen Augen: „Was ist denn mit deiner Hand los? Du hast sie hoffentlich nicht eben im Drucker eingeklemmt?“
Charlotte seufzte. „Nein, das ist schon zu Hause passiert. Wir haben nämlich Meerschweinchen.“
„Das klingt, als würdest du von einer Seuche reden.“ Diese Stimme gehörte Honora Joslyn, genannt Nora, die gerade von ihrem Schreibtisch aufsah und die wohlgeformten Augenbrauen über ihren blauen Augen in die Höhe zog. Bisher hatte sie seelenruhig über ihren Abrechnungen an ihrem Schreibtisch gesessen, als ginge sie der ganze Trubel ringsum überhaupt nichts an. Natürlich war sie perfekt geschminkt. An den schmalen, makellosen Händen spiegelte sich das Licht in jedem einzelnen glänzend polierten Fingernagel, und das blonde Haar umrahmte ihr Gesicht wie eine Gloriole. Charlotte war sich ihrer eigenen zerkratzten Hände und ihrer mehr als provisorischen Frisur geradezu schmerzhaft bewusst. Außerdem trug sie dasselbe Outfit wie zu jedem offiziellen Anlass seit Jahren, während Nora mal wieder aussah, als käme sie soeben von der London Fashion Week. Charlotte seufzte erneut. Was nützte es, sich mit Nora vergleichen zu wollen?
„Mit Seuche liegst du nicht ganz falsch, die Viecher sind eine Landplage“, murmelte sie widerwillig. „Aber mein Bruder liebt sie eben. Und sie sind immer noch besser als Kakerlaken.“
„Hauptsache, sie sind nicht ansteckend“, grinste Neal, und auch Charlotte musste schmunzeln. Neals Humor war einfach unverwüstlich.
„Wer weiß. Irgendwann übernehmen sie wahrscheinlich die Weltherrschaft.“
„Ha, wetten dass ihnen Mrs Goebbels zuvorkommt?“
„Gödeke, okay? Die Dame heißt Gödeke!“, prustete Charlotte und versuchte vergeblich, das nervöse Kichern zu unterdrücken, das in ihrer Kehle aufstieg. Im Geiste sah sie sich schon wie Hotelbesitzer Basil Fawlty in der beliebten Fernsehsatire hektisch „nur nicht den Krieg erwähnen“ vor sich hinmurmeln und beim Empfang der deutschen Gäste am Ende doch von einem Fettnäpfchen ins nächste treten. „Neal, wenn ich mich gleich bei der Begrüßung verhaspele und unsere Besucher brüskiere, rammt Arthur mich ungespitzt in den Boden.“
„Ach was, du kriegst das schon hin. Bei dir wird bestimmt sogar die Nazi-Lady friedlich. So, unser R2D2 läuft wieder.“ Neal versetzte dem Drucker einen leichten Klaps, woraufhin dieser gehorsam ansprang.
„Neal, du bist ein Schatz!“, rief Charlotte der Kollegin über die Schulter zu, während sie sich auf den Weg in die Personalküche machte. Unterwegs hoffte sie, an der Garderobe auf dem Korridor noch einen kurzen Blick in den Spiegel werfen und ihre widerspenstigen Haare glätten zu können. Aber vor dem einzigen Wandspiegel plagte sich bereits Colin Alderson mit seiner Krawatte ab. Den jungen Stellvertreter des Vorarbeiters kannte Charlotte, ebenso wie Melvin und Nora, bereits seit ihrer Schulzeit. Normalerweise verbrachte Colin den größten Teil des Tages in den Werkshallen in Gesellschaft des mürrischen Vorarbeiters Harry Burrows. Den Verwaltungstrakt betrat er nur, das warf ihm jedenfalls Neal vor, wenn er entweder bei den Kolleginnen Kaffee und Süßigkeiten schnorren wollte, oder wenn er sich eine Standpauke im Büro des Chefs abholen musste. Doch ihre Mutmaßung, dass Colin wahrscheinlich außer der Arbeitskombi mit dem Firmenlogo und seinen Sicherheitsschuhen gar keine andere Kleidung besaß, erwies sich eindeutig als falsch. Heute trug er zur Feier des Tages über einer Jeans und erstaunlich sauberen Sneakers ein dunkelblaues Oberhemd und ein graues Jackett. Sogar die Krawatte fehlte nicht, allerdings schien er sich damit strangulieren zu wollen.
Er konnte gerade noch ein verzweifeltes „Charlie, Hilfe!“ hervorquetschen.
Charlotte erbarmte sich, obwohl sie eigentlich keine Zeit hatte, band ihm den Krawattenknoten richtig und gab ihm einem aufmunternden Klaps auf die Schulter, wobei sie sich auf die Zehenspitzen stellen musste.
Schon mit 15 war Colin ein Riese gewesen, dem die zierliche Charlotte kaum bis zur Brust reichte, und daran hatte sich auch in den letzten 10 Jahren nichts geändert. Damals hatte er vorzugsweise T-Shirts mit Aufschriften wie „Oi!“ und „Eat the Rich!“ getragen und seine strohblonden Haare zu einem Irokesenschnitt gestylt, während sie heute ordentlich gestutzt waren. Colin in Schlips und Kragen, das war tatsächlich eine Sensation, dachte Charlotte. Sie selbst dagegen … Seufzend warf sie einen Blick in den Spiegel auf ihren eigenen missglückten Haarknoten. Der musste jetzt eben so bleiben wie er war. In wenigen Minuten würden die Kunden auftauchen.
„Charlie, ich liebe dich, weißt du das?“, rief Colin erleichtert aus, als er trotz Krawatte wieder richtig durchatmen konnte.
„Von wegen, das erzählt er mir auch immer!“, ließ sich Neal durch die geöffnete Tür des Großraumbüros vernehmen.
„Stimmt auch, Rosie. Ich liebe euch beide. Also Ladies, auf in den Kampf!“
„Spinner!“ Bevor sich Neal über die Verunglimpfung ihres Namens aufregen konnte, war Colin auch schon verschwunden.
Wenige Minuten später summten Kaffeemaschine und Wasserkocher. Als Charlotte ein Tablett mit Geschirr sowie eine Auswahl an Teesorten und Gebäck bereitstellen wollte, herrschte im Geschirrschrank allerdings gähnende Leere. Stattdessen ragte aus der Küchenspüle ein Berg aus schmutzigen Tassen, Tellern und Gläsern auf. Anscheinend hatten die Kollegen es gestern wieder einmal nicht für nötig gehalten, zum Feierabend die Spülmaschine anzuwerfen. Charlotte blieb nichts anderes übrig, als schnell einige Tassen abzuwaschen und den Rest in die Maschine zu räumen.
Sie hatte gerade ein paar Tassen gesäubert und auf ein Tablett gestellt, als Jago Webster, der Großneffe des Seniorchefs, die kleine Küche betrat. Jago arbeitete erst seit wenigen Monaten in der Firma. Er war plötzlich auf der Bildfläche aufgetaucht wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt, und seine offizielle Stellungsbezeichnung lautete PR-Berater. Trotzdem wurde er inoffiziell bereits als Arthurs Nachfolger gehandelt, zumal Arthur Webster nie geheiratet hatte und auch keine Kinder besaß. Jago sah auf eine Weise gut aus, die selbst die gepflegte Erscheinung des ersten Ingenieurs Melvin Bradstone verblassen ließ: groß und breitschultrig, wenn auch nicht so massiv wie Colin, dazu dunkelhaarig mit blauen Augen, die seine Umgebung stets mit leicht spöttischem Blick zu mustern schienen. Charlottes wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher, als dass es ihr doch gelungen wäre, ihre Frisur in Ordnung zu bringen und sie nicht mit den Händen in der Spüle dastand. Jago nahm sich wie selbstverständlich eine Tasse von dem Tablett, das Charlotte für die Gäste vorbereitet hatte, goss sich Kaffee ein und stürzte das heiße Getränk beinahe in einem Zug herunter. Dann wandte er sich zu Charlotte um, bedachte sie mit einem verschwörerischen Augenzwinkern und einem Lächeln, das ihre Knie weich werden ließ, und verschwand wieder.
Charlotte ärgerte sich über sich selbst. Fehlte bloß noch, dass sie beseelt in Ohnmacht sank wie ein Teenie beim Anblick ihres Lieblings-Boygroupstars! Sie hatte weiß Gott Besseres zu tun, als Jago Webster anzuschwärmen. Sie musste den Konferenzraum vorbereiten!
Energisch straffe sie die Schultern und griff nach der erneut benutzten Tasse. Doch da näherten sich bereits energische Schritte auf dem Flur: Die deutsche Invasion begann, während sich um Charlotte herum noch das schmutzige Geschirr türmte. Von ihrer sorgfältig einstudierten Begrüßungsrede erinnerte sie sich in diesem Moment an kein einziges Wort.
Die Dame, die wenig später einen ganzen Tross diensteifriger Herren durch die Fabrikhallen führte, hätte tatsächlich eine Armee befehligen können, dachte Charlotte. Dabei glich Frau Annegret Gödeke keineswegs einer Walküre. Nein, sie war klein, und das graue Haar ringelte sich in wohlgeordneten Löckchen um ihr volles Gesicht. Außerdem schien sie die gleiche Vorliebe für pastellfarbene Zweiteiler-Kostüme zu haben wie Queen Elisabeth. Ihr Kostüm war pfirsichfarben und leuchtete unheilverkündend vor Charlotte her, die sich vergeblich bemühte, mit der energischen Dame Schritt zu halten. Das Klacken von Mrs Gödekes Schuhabsätzen hallte wie Maschinengewehrsalven durch die ungewohnt stillen Werkshallen, wo die meisten Maschinen zu Ehren des hohen Besuches für einige Stunden schwiegen. Nur die Lüftung lief auf Hochtouren, dennoch machte sich bereits jetzt am späten Vormittag eine drückende Hitze bemerkbar. Dem Eifer der Besucherin tat dies jedoch keinen Abbruch. Die Ingenieure bemühten sich redlich, in Madame Gödekes Kreuzverhör nicht wie dumme Jungs dazustehen, wenn diese ihre Fragen in knappen, abgehackt klingenden englischen Sätzen zum Ausdruck brachte. Um den Antworten stets bis ins Detail zu folgen, reichten offensichtlich weder ihre Englischkenntnisse noch ihre Geduld aus, sodass Charlotte immer wieder eingreifen und versuchen musste, irgendeinen langatmigen technischen Sachverhalt in möglichst kurze deutsche Worte zu kleiden. Selbst Seniorchef Arthur Webster, dessen Wutausbrüche sonst im ganzen Werk gefürchtet waren, ließ sich heute von der schwierigen Kundin im Laufschritt hierhin und dorthin dirigieren. Die Hemdsärmel hatte der rundliche Mittfünfziger bis über die Ellenbogen hochgekrempelt, den lästigen Schlips längst abgestreift und in die Hosentasche gestopft. Zwischendurch musste er immer wieder innehalten, um zu verschnaufen und sich mit einem Stofftaschentuch den Schweiß von den bereits kahlen Schläfen zu tupfen, bevor er sich erneut in Bewegung setzte. Charlotte beobachtete ihren Chef mit wachsender Besorgnis. Wenn es ihr nicht bald gelang, eine zusätzliche Pause einzuschieben, in der Erfrischungsgetränke serviert wurden, würde er am Ende noch schlappmachen. Auch einige der Abteilungsleiter schienen sich nicht eben wohl in ihrer Haut zu fühlen. Melvin Bradstone, der normalerweise sehr auf sein Äußeres achtete, fuhr sich heute mit nervösen Bewegungen immer wieder durch das braune Haar, das nicht wie sonst in sanften Wellen um seinen Kopf lag, sondern nach allen Seiten abstand. Außerdem war sein Oberhemd so zerknittert, als hätte er darin geschlafen. Vielleicht hatte er sich ja tatsächlich die Nacht am Schreibtisch um die Ohren geschlagen, dachte Charlotte bekümmert. Colin, der vorhin noch recht locker mit ihr und Neal gescherzt hatte, wirkte jetzt käsig blass, beinahe als wäre ihm ein Geist erschienen. Ob Madame Gödeke und ihre Lakaien bei der Besichtigung der Fertigungsanlagen schon irgendeinen Fehler entdeckt hatten? Bisher hatte die Dame nichts dergleichen verlauten lassen, wusste Charlotte. Wahrscheinlich zerbreche ich mir ganz unnötig den Kopf, versuchte sie sich selbst zu beruhigen. Dennoch gelang es ihr nicht, das ungute Gefühl abzuschütteln, das sich immer stärker in ihrer Magengrube ausbreitete. Der kurze, scharfe Knall, der wenig später die Luft durchschnitt, trug nicht gerade dazu bei, die angespannte Stimmung aufzulockern.
„Drucktest“, murmelte Charlotte beinahe mechanisch, als die Prüferin sie missbilligend ansah. Zu einer ausführlicheren Erklärung musste sie sich förmlich zwingen: „In unserer Testabteilung werden alle Ventile nach der Herstellung auf ihre Dichtheit überprüft. Die Vorschrift kennen Sie ja. Dabei kann es zu … Geräuschen kommen, das ist nicht ungewöhnlich.“ Es stimmte: Zu Anfang ihrer Dienstzeit hatte sich Charlotte jedes Mal erschrocken, wenn es in der Testabteilung knallte. Bald jedoch hatte sie aufgehört, sich über den Radau den Kopf zu zerbrechen. Ab und zu machte jemand einen Witz darüber, ansonsten beachtete man das Geräusch kaum. Heute jedoch fiel es Charlotte schwer, ein beruhigendes Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern. Wenn, wie mancher Scherzbold im Laufe der Jahre prophezeit hatte, tatsächlich die gesamte Fabrik bei einer Riesenexplosion in die Luft flog, würde Annegret Gödeke unerschütterlich inmitten der rauchenden Trümmer stehenbleiben, ein blütenweißes Taschentuch zücken, sich den Ruß aus dem Gesicht wischen und wie die gefürchtetste aller Oberlehrerinnen in die schicksalsschwere Stille hinein fragen: „Wer war das?“
Charlotte verspürte keinerlei Lust, eine solche Frage beantworten zu müssen.
Auch unter den Produktionsangestellten, die das geschäftige Treiben aus einigen Metern Entfernung beobachteten, herrschte eine bedrückte Atmosphäre. Im Vorübergehen fing Charlotte mehr als einen ängstlichen Blick von den Arbeitern auf. Deren Angst verstand sie nur zu gut: Jeder hier wusste, dass es mit der Auftragslage bei Webster Gas Valves nicht zum Besten stand. Die Konkurrenz war hart, und der Brexit hatte so manchen Kunden vom europäischen Festland verunsichert.
Sollte die heutige Prüfung nicht zur Zufriedenheit der Kundin ausfallen und die Neumeier AG ihre Aufträge zurückziehen, würden sich betriebsbedingte Kündigungen in der Belegschaft nicht mehr vermeiden lassen. Letztendlich hatte Annegret Gödeke sie alle in der Hand, und wahrscheinlich wusste sie das auch. Die Einzigen unter den Mitarbeitern, die vor der Germanengöttin im Zweiteiler nicht in Ehrfurcht erstarrten, waren Nora Joslyn — sie hatte gleich zu Anfang, als Mrs Gödeke und Konsorten durch den Verwaltungstrakt geführt wurden, einige Fragen zum Abrechnungssystem in gelassenem Ton beantwortet und sich dann wieder ihren täglichen Aufgaben zugewandt — und Jago Webster.
Der schien die ganze Show sogar zu genießen.
Er besaß das weltgewandte Auftreten eines Mannes, der es gewohnt war, sich auf dem gesellschaftlichen Parkett zu bewegen. Ganz Gentleman hatte er Mrs Gödeke mit einer leichten Verbeugung und der Andeutung eines Handkusses begrüßt, was ihm von der Dame ein wohlwollendes Lächeln einbrachte. Ihre Fragen beantwortete er mit Nonchalance und befleißigte sich dabei als Einziger außer Charlotte auch einiger deutscher Sätze. Wahrscheinlich fand die sonst so gestrenge Prüferin die kleinen Grammatikfehler, die dem jungen Mann dabei unterliefen, sogar charmant. Ihn selbst jedenfalls schien es in keiner Weise zu kümmern, ob er ein Wort richtig oder falsch aussprach. Mit der lässigen Eleganz eines Zauberkünstlers präsentierte er der Prüfungskommission das Glanzstück der Fabrik — die vor wenigen Wochen neu erworbene, vollautomatische CNC-Gewindedrehmaschine. Dieses Wunderwerk der Automatisierungstechnik erstrahlte in Chrom und futuristischem Blau und durfte heute als einzige Maschine in der ganzen Halle unter Aufsicht der Gäste einen Testlauf fahren.
Die Präsentation schien tatsächlich ein Erfolg zu werden. Annegret Gödeke taute zusehends auf, und bald waren deutsche und englische Ingenieure in lebhafte Fachgespräche vertieft. Charlotte rauchte der Kopf vor lauter Fachlatein, weil sie als Übersetzerin einspringen musste. Jetzt lechzte auch sie nach einer Getränkepause. Endlich war der Rundgang durch die Werkshalle beendet, und Charlotte wollte bereits erleichtert aufatmen, da wünschte ihr Gast den Warenversand zu besichtigen. Schließlich war soeben eine größere Menge Ventile für Neumeier-Gastechnik fertiggestellt und verpackt worden. Also wollte man gleich einmal sehen, wie diese auf die Reise geschickt wurden. Jetzt können wir die Pause vergessen, ärgerte sich Charlotte und folgte der Prüfungskommission über den Hof. Hier hatte sich Mrs Gödeke schon einen der Fahrer zur Brust genommen, die dafür zuständig waren, die Webster-Ventile im firmeneigenen LKW zum Flug- oder Fährhafen zu befördern. Der Fahrer Ferenc Holtai, ein drahtiger kleiner Ungar, der ebenfalls Deutsch verstand, versuchte verzweifelt, die übereifrige Dame daran zu hindern, ins Fahrerhaus des LKWs zu klettern.
„Nix drin, jetzt ist alles leer. Kommen später bittä, wenn …“
Der Blick, der Charlotte aus den Augen des Ungarn traf, war derart verzweifelt, dass ihr das Herz bis zum Hals zu klopfen begann. Auch Colin sah sie geradezu flehentlich an. Aber bevor sie den Männern zu Hilfe eilen konnte, hatte Jago die beiden auch schon mit einer unwirschen Bewegung beiseite gedrängt.
„Natürlich, Sie können unsere Lieferwagen ansehen, nur einen Moment bitte“, beschwichtigte er die Dame mit strahlender Miene. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis er im Fahrerhaus den Knopf gefunden hatte, mit dem sich die Ladeklappe des LKWs öffnen ließ. Im Inneren war tatsächlich nichts Interessanteres zu sehen als Stapel von leeren Europaletten. Schon wollte die Dame sich abwenden und weitergehen, als etwas ihre Aufmerksamkeit zu erregen schien:
„Was ist das? Was geht hier vor? Meine Herren, ich erwarte eine Erklärung!“
Ihre Stimme glich einem Peitschenhieb, doch Charlotte war nicht imstande, auf die Frage zu reagieren. Sie stand wie gelähmt, denn auch sie sah nun, was der Besucherin aufgefallen war: Hinter einer der Paletten ragte reglos ein menschliches Bein hervor.
***
Erst als Arthur Webster Anstalten machte, umständlich auf die Ladefläche des LKWs zu steigen, gelang es Charlotte, sich aus ihrer Erstarrung zu lösen. Nur flüchtig nahm sie dabei wahr, wie Jago Webster noch immer auf Annegret Gödeke einsprach. Wahrscheinlich versuchte er, die Prüferin zu beschwichtigen und erzählte ihr irgendetwas von einem kleinen Zwischenfall. Unwohlsein aufgrund der Hitze … Das wäre jedenfalls die einzige halbwegs harmlose Erklärung, die Charlotte auf die Schnelle einfiel. Sie klammerte sich daran fest und zwang sich, die Angst zu unterdrücken, während sie hinter Arthur her auf die Ladefläche kletterte. Schon rückte ihr Chef mit derart ungeduldigen Bewegungen die Palettenstapel beiseite, dass sie wahrscheinlich über ihm zusammengebrochen wären und den nächsten Unfall verursacht hätten, wenn Charlotte nicht mit angepackt hätte.
„Verfluchte Enge hier drinnen, wir brauchen mehr Licht!“, ächzte Arthur. „Macht schon, wir müssen dem armen Kerl helfen!“
Irgendwer, vielleicht Colin oder der ungarische Fahrer, reichte Charlotte eine Taschenlampe. Beim Anblick der bewegungslos ausgestreckten Gestalt, deren bekannte Gesichtszüge sie nun unheimlich starr im Lichtkegel ausmachen konnte, breitete sich eine Welle der Übelkeit in Charlotte aus, die sie mit zusammengebissenen Zähnen bekämpfen musste. Es gelang ihr, ihre zitternde Hand einigermaßen unter Kontrolle zu halten, sodass sie nicht die Taschenlampe fallen ließ.
„Harry? Harry, Mensch was machst du für Sachen? Komm schon Alter, rede mit mir!“ Auch Arthur hatte den langjährigen Kollegen erkannt, der bereits für seinen Vater gearbeitet hatte: Harry Burrows, den Vorarbeiter. Doch im Gegensatz zu Charlotte schien Arthur die weitgeöffneten Augen des Vorarbeiters nicht zu sehen — oder nicht sehen zu wollen — die blicklos in die Dunkelheit starrten. Was Charlotte insgeheim bereits befürchtet hatte, als sie das Bein des Mannes hinter dem Palettenstapel erspäht hatte, war nun gewiss: Für Harry Burrows kam jede Hilfe zu spät.
„Arthur?“ Charlotte berührte ihren Chef leicht an der Schulter, der neben dem alten Mann in die Hocke gegangen war und hektisch an dessen Handgelenk nach dem Puls fühlte, obwohl er spüren musste, wie erkaltet die Hand längst war. „Ich fürchte, wir können ihm nicht mehr helfen. Er ist … tot, glaube ich.“
Das Wort kam rau und widerstrebend über ihre Lippen. Sie sah Arthur Webster sich leicht schwankend erheben und befürchtete bereits, dass er unter dem Schock zusammenbrechen würde. Oh nein, bitte nicht auch das noch!
Ihr stummes Stoßgebet schien erhört zu werden. Irgendwie schafften sie und Arthur es, von der Ladefläche des LKWs herunterzusteigen.
„Wir brauchen einen Krankenwagen und die Polizei.“ Warum standen alle herum wie die Ölgötzen und glotzten, warum tat niemand etwas?
Die Wartezeit bis zum Eintreffen der Hilfskräfte glich einer qualvollen Ewigkeit. Mitten hinein in die traurige Versammlung auf dem Fabrikhof platzte auch noch der Lieferwagen mit der Aufschrift „The Old Port Inn — Delikatessen frisch aus dem Meer“.
Das war jetzt kaum der richtige Zeitpunkt, um kalte Getränke und Platten mit Fischhäppchen herumzureichen, dachte Charlotte. Doch ihr Magen schien anderer Ansicht zu sein und knurrte verräterisch. Vermutlich nahm er ihr das vergessene Frühstück übel und bestand nun umso energischer aufs Mittagessen. Mochten die Umstände sein, wie sie wollten, irgendwann würden sich sicher auch andere daran erinnern, dass sie Hunger hatten. Die Lieferung musste Charlotte in jedem Fall annehmen. Sie stellte die kunstvoll garnierten Servierplatten vorübergehend auf einem Regal im Korridor des Verwaltungsgebäudes ab.