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In ihren „unfrisierten Geschichten“ spüren sechs Autorinnen dem Thema nach, welche Rolle Haare und Frisuren in unserem Leben spielen. Sie erzählen, wie eine Glatze auch mal ein Leben retten kann oder warum sich ein kleines Mädchen kurzerhand seine Zöpfe abschneidet und welches Geheimnis eine Haarsträhne ans Licht bringt.
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Seitenzahl: 143
Veröffentlichungsjahr: 2014
Über kurz oder
Inhalt
Cordula Krause – Einleitung
Termin verpasst?
Nora Northmann
Glückssträhnchen
Marion Pelny
Abgeschnitten
Sylvia Tornau
Nur ein Moment
Nora Northmann
Arielle
Juliane Markov
Silberfischchen (Äthiopien)
Katharina Beck
Rosarot
Nora Northmann
Die Puppe
Cordula Krause
Mellensee
Nora Northmann
Am liebsten mit Haut und Haar
Marion Pelny
Das Geschenk
Katharina Beck – Exkurs
Die erste Welle
Cordula Krause
Frau Schmidt
Nora Northmann
Wut im Bauch
Sylvia Tornau
Begegnung
Katharina Beck
Der Scherer
Nora Northmann
Der Kopf des Philosophen
Katharina Beck
Stufen
Nora Northmann
Hundertzwanzigtausendmal nichts
Juliane Markov
Der alte Zopf
Sylvia Tornau – Epilog
Mein Ich ist mehr als mein Haar
Cordula Krause
Termin verpasst?
Da lese ich das neueste Magazin und finde eine Werbung: »Du hast die Haare schön!«
O nein.
»Du trägst dein Haar schön.« Ja, so sprach meine Schwester, wenn wir uns begrüßten. So habe ich es aufgeschrieben in den Kalender, in Notizhefte, in einen Block. In den Rechner gehämmert. Mit Sätzen, die Geschichten erzählen. Gedanken bündeln. Situationen schildern.
Das Friseurgeschichtenbuch. Unser Projekt.
Nun haben es andere vor uns herausgebracht, im DuMont-Verlag, zwei Herren haben es geschrieben. Ich lese: »DU HAST DIE HAARE SCHÖN!« Untertitel: »Frisch frisierte Weisheiten für sie und ihn.« Ich lese den Begleittext, das Fettgedruckte. Lese etwas von »am Leben sein«, von Schönheit und Supermodel, von »über Gott und die Welt reden«. Der letzte Satz erdet mich vollends: »Friseure wissen das.«
Im Bad schaut mich der Spiegel an. Er sagt: »Schöne Scheiße …«
Die Haarbürste sperrt sich.
Das Wachs klebt an den Händen, bevor es im Abfall verschwindet.
Schon heute Nachmittag habe ich juckende Stellen auf der Kopfhaut mit den Fingernägeln bearbeitet. War das die Vorahnung?
Ich liege in der Badewanne. Einmal untertauchen. Nicht atmen.
Ein Friseurgeschichtenbuch.
Ideenklau?
Wenn es nur Männer geschrieben haben, wäre unsere Antwort aus Frauensicht passend.
Recherche. Eigentlich hätten wir daran denken können. In der Wissenschaft kommt vor der Arbeit schließlich auch die Suche nach passender Literatur. Habe ich wirklich angenommen, dass dieses Thema noch niemand in einem Buch beschrieben hat? Milliarden Menschen warten seit Tausenden von Jahren auf ein Buch über – Friseurgeschichten?
Ich zitiere mir laut vor: »In ›Du hast die Haare schön!‹ geht einer von ihnen auf Erkundungstour durch die Friseursalons dieser Welt …«, und ja, natürlich. Genau das war auch unsere erste Intuition.
Mein Rechner brüllt mir einen facebook-Auftritt zum gleichnamigen Buch entgegen. Schreit diverse Youtube-Filmchen und Kommentare heraus.
Dann finde ich dies hier:
»Alan Pauls: Geschichte der Haare: Ja doch, du hast die Haare schön …«, ein Artikel im Feuilleton der FAZ von Katharina Teutsch. Ich lese, es seien Geschichten aus dem Argentinien der Siebzigerjahre.
Der Text macht mich neugierig auf Literatur von Alan Pauls.
Mir fallen Filme ein: »Der Mann der Friseuse«, vom französischen Regisseur Patrice Leconte, und »Weiß« vom polnischen Regisseur Krzysztof Kieslowski aus seiner »Drei-Farben-Trilogie«.
Es scheint, als sei die Beschäftigung mit Haar eine Beschäftigung mit dem Leben. Als sei es ganz normal, wenn sich Geschichten um das Haar spinnen.
Und so wird auch unser Buch. Wie schon geschriebene Bücher oder gedrehte Filme erzählt es von dem, was uns geschieht.
Das wissen nicht nur Friseure.
Nora Northmann
Glückssträhnchen
Danke, ich sitze gut, sehr gut. Wie lange wird es dauern? Ja, einen Kaffee nehme ich gern. Wie schön es hier ist. Diese vielen Spiegel. Der Raum wächst mit jedem Blick. Mir kommt das alles so unwirklich vor, so märchenhaft. Bis gestern war es das größte Wunder, dass ich meine Mädchen allein groß bekommen habe. Penka, die Jüngere, lebt seit drei Jahren in Sofia, hat einen guten Job als Übersetzerin. Ihr war es zu eng hier in der Provinz. Einmal habe ich sie in Sofia besucht. Da war mir alles zu eng. Vera, die Ältere, ist hier in Pleven geblieben. Hat früh geheiratet. Ihr Mann ist ein Guter, er kümmert sich und trinkt nicht viel.
Wenn meine Mädchen mich besuchen, nehme ich sie mit in den Laden. Dann stehe ich hinter ihnen, lasse ihre langen, schweren Haare durch meine Finger fließen und kürze einige Millimeter. Ich massiere Spülungen ein, so sanft ich kann, und erinnere mich an die kahlen, weichen Babyköpfchen, die ersten Haarspangen. Penka wollte kurze Haare. Vera hat sich Locken gewünscht.
Ich arbeite im Erdgeschoss unseres scheckigen Wohnblocks. Man erkennt sofort, wo die leben, die mehr Geld haben. Die Fassaden ihrer Wohnungen sind verputzt. Wer dafür nichts ausgeben konnte oder wollte, hat die Betonsteine einfach roh gelassen.
Auch die Treppenhäuser im Block sind nie richtig fertig geworden, die Stufen sind uneben und unterschiedlich hoch. Nach all den Jahren kenne ich jede einzelne. Ich steige sicher bis in die sechste Etage, auch wenn der Strom ausfällt. Und wenn die Lampen kaputt sind, leuchtet unter den Wohnungstüren ein schmales Licht in den Hausflur hinein. Die Fenster meiner Wohnung schließen nicht richtig. Und im Bad ist der Abfluss der höchste Punkt des Fußbodens.
Meinen Laden habe ich in einem der Garagenräume unseres Blocks eingerichtet. Er ist direkt vom Hausflur aus zu erreichen. Neben das Waschbecken, das längst stumpf geschrubbt ist, habe ich Bilder aus Illustrierten geklebt. Landschaften und berühmte Schauspieler. Der Fußbodenbelag ist aus rötlichem Vinyl. Er wellt sich schon durch zu viele Jahre. In dem Hängeregal, das eine Freundin mir zur Eröffnung geschenkt hat, stehen Sprays und die Packungen mit Haarfärbemitteln, auch ausländische. Blond und Schwarz gehen besser als die Zwischentöne.
Wenn man bedenkt, wie viele Familien hier wohnen, dann scheint es ein großes Glück gewesen zu sein, eine der wenigen Garagenhöhlen zu ergattern. Glück! Von wegen. Mein Mann Vesel und ich mussten ganz schön nachhelfen, mit Scheinchen und Schnäpschen und noch anderem, an das ich mich lieber nicht erinnern möchte. Jedenfalls bekamen wir einen dieser unfertigen, ebenerdigen Räume, ohne Strom und ohne Tür. Hunde und Landstreicher schliefen darin, bis wir sie mit einem stabilen Holztor aussperrten.
Aber der Gestank war in alle Fugen und Betonporen eingezogen und ließ sich nicht einfach so vertreiben. Vesel besorgte scharfe Reinigungsmittel aus der Fabrik, die standen ja da ohnehin nur so rum. Vesel, »der Glückliche«. Ja, mein Mann war tatsächlich glücklich, als er Wände, Decke und Fußboden einsprühte, regelrecht tränkte. Nur widerwillig wich der Gestank einer stechenden Sauberkeit und jenem Geruch, der sich für immer in meine Erinnerung geätzt hat. Dem Geruch von Vesels Tod.
Drei Tage sprühte mein Mann gegen bittere Ausdünstungen, muffige Kleidung und Uringestank an. Er dachte dabei an die Werkstatt für Elektrogeräte, die er hier einrichten wollte. Wir hatten ja kein Auto, niemand hier hatte eines. Durch den Sprühnebel sah er schon sein Werkzeug an den Wänden hängen und hörte den gleichmäßigen Ton der Bohrmaschine, roch ölige Lappen und Metallspäne. Während sein Kopf sich in Träumen verirrte, fanden Abertausende winziger Gifttröpfchen den Weg in seine Lungen. Warum hat er sich nicht wenigstens ein Tuch vor Mund und Nase Gesicht gebunden? So wie in der Fabrik, wo es statt Schutzmasken auch nur Lappen und Lumpen gibt.
Nach Vesels Tod blieb die Garage verschlossen und leer. Meine Mädchen wurden zerbrechlich in ihrer Vaterlosigkeit. Was ich als Verkäuferin verdiente, reichte nicht, um sie mit bunten Abenteuern abzulenken.
Bisher hatte ich nur Vesel und den Mädchen die Haare geschnitten, nun machte ich das auch bei den Nachbarinnen. In meiner Küche, nach Feierabend. Die Nachbarinnen brachten ihre Männer, Schwestern und Cousinen mit, und ein halbes Jahr später konnte ich vom Frisieren leben. Meine Hände wurden aufgeweicht vom vielen Wasser und färbemittelwund, doch meine Mädchen waren froh, weil ich in ihrer Nähe blieb. Wenn ich nicht genug Zeit für sie hatte, streichelte ich mein schlechtes Gewissen von ihren kleinen Köpfen. Das Geschäft lief mit jeder Woche besser. Meine Küche wurde ein Ort der Verwandlung.
Nein, nein, zaubern kann ich nicht, nur ein wenig hexen. Den Traurigen färbe ich ein Leuchten ins Haar und den Stolzen schneide ich ein Stück von ihrem Hochmut ab. Verliebte besprühe ich mit dem Duft der Ungeduld oder fülle ihnen die Ohren mit dem Rauschen des Föhns.
Die Kunden rochen nach Schweiß und Rosenölparfüm. Sie setzten sich stundenlang an meinem Küchentisch fest. Über alles wurde hergezogen: Bogdan hat ein neues altes Auto gekauft. Janas Tochter ist ein Früchtchen, die macht doch, was sie will. Die alte Petrovka hat ein offenes Bein. Es ist eine Schande, wie teuer das Fleisch geworden ist.
Oft mussten meine Mädchen das Abendbrot auf ihren Betten essen, weil die Küche voller Fremder war. Jetzt brauchte ich die Garage. Das Tor hatte sich verzogen, es zu öffnen, ging fast über meine Kraft. Der Rest reichte kaum, um hineinzugehen. Drin roch es nach allem, nur nicht gut. Ich dachte an Vesel. Ein Cousin legte Strom, ein anderer den Wasseranschluss. Aus meiner Wohnung schleppte ich den Korridorspiegel hinunter ins Erdgeschoss, Nachbarn überließen mir ein paar Stühle.
Ein Schaufenster, so wie hier? Oh nein, viel zu teuer. Ich müsste das ja vergittern lassen. Es kümmert doch auch niemanden mehr, wenn die Alarmanlage eines Autos losgeht.
In meinem Laden hält sich die Winterfeuchte bis weit in die warme Jahreszeit. Sie lässt sich auch nicht wegföhnen. Manchmal denke ich, das kommt von den Tränen, die hier im Block geweint werden.
Wenn der Sommer seinen Augustatem durch die Straßen bläst und der sich mit dem warmen Wind des Föhns verbindet, wird die Hitze unerträglich. Dann arbeite ich bei offener Tür. Hin und wieder verfängt sich ein Lufthauch im Holzperlenvorhang und wirbelt staubige Erinnerungen auf. Später fällt der Herbstregen auf die unbefestigten Wege vor unserem Block. Er spült den Sommer und die vergeblich gereiften, steintrockenen Samen der Pappeln fort.
In der Garage rechts neben mir arbeitet der Schuster. Ein alter Mann mit spröden, gelben Fingernägeln und schlechten Ohren. Von früh bis spät quetscht sich Folkloremusik aus seinem Radio, ihn selbst bekomme ich kaum zu Gesicht.
Im Laden auf der linken Seite gibt es alles, was man so zum Leben braucht. In den Regalen stehen zwar nur Waschpulver, Mehl und Zucker, aber alle anderen Dinge baut Elena jeden Morgen auf einem Tisch vor der Ladentür auf. Ihr Schaufenster. In die erste Reihe stellt sie metallisch glänzende Chipstüten, dahinter Gebäck, Kaffee, bunte Konserven. Im Sommer bewundere ich ihre Melonenberge und Tomatenpyramiden. Weil Elena immer draußen steht, muss sie auch keine Angst haben, bestohlen zu werden. Manchmal stelle ich mich neben sie und wir rauchen.
Meine erste Victory rauche ich morgens zum Kaffee. Als Belohnung, weil ich es geschafft habe, aufzustehen. Im Sommer setze ich mich dazu auf den Balkon. Ich will die kleine Kühle zwischen Nacht und Sonnenaufgang nicht verpassen, die dauert manchmal nur zwei Atemzüge lang.
Sie wissen sicher, wie schwierig es ist, einen Gewerbeschein zu bekommen, und darum hatte ich einfach so angefangen. Das ging nicht lange gut. Ich kann mir zwar denken, wer mich verpfiffen hat, aber natürlich nichts beweisen. Jedenfalls musste ich aufs Amt. Dort saß eine Frau, die war so aufgedunsen wie die ganze Behörde. Ich bin mir sicher: Ihr Hintern hing an allen Seiten über die Sitzfläche des Stuhles. Aber ihre Lippen waren schmal und feuerrot. Eine messingblanke Leninbüste thronte über unseren Köpfen auf einem Regal. Aktenordner, so alt, dass die vergilbten Blätter darin bestimmt zerbröseln, sobald man sie berührt. In solchen Räumen staubt erst das Denken ein und dann das Fühlen.
Immer wieder musste ich neue Dokumente vorlegen: die beglaubigte Abschrift meiner Geburtsurkunde, die Schulbescheinigung meiner Kinder, den amtlichen Nachweis, dass ich die Grabstätte meines Mannes auf zehn Jahre im Voraus bezahlt hatte. Endlich begriff ich und legte den Dokumenten einen Umschlag bei. Einen Tag später hatte ich alle Stempel zusammen.
Seit ich in der Garage arbeite, kommen auch die ganz Alten zu mir, die es nie bis in die sechste Etage geschafft haben. Das Reden ist ihnen wichtiger als meine Arbeit. Ihr ganzes Leben erzählen sie, auch, wenn niemand zuhört. Ich sage hm und na ja oder jaja, manchmal auch: ach so? und reise mit meinen Gedanken ganz weit weg, während die Schere in der Garagenwelt klappert.
Wissen Sie, ich möchte meinen Laden gern neu einrichten. Mit einem modernen Waschbecken und einem Metalltischchen, auf dem Zeitschriften ausliegen. So wie bei Ihnen. Als ich anfing, ließ sich nur ein klobiger Schreibtisch auftreiben. Unter die Glasplatte schiebe ich Fotos und Postkarten, die ich von meinen Kunden bekomme. Eines der Bilder hat ein Deutscher gemacht, der kam mit seiner Frau zu mir. Ich habe mich damals gefragt, wieso sich Touristen in unseren Blockverirren. Wollten die beiden Abenteuer erleben oder Geld sparen?
Sie fanden alles sehr interessant und wahnsinnig aufregend. Während ich ihr die Haare schnitt, hat er fotografiert. So viel Aufmerksamkeit ist mir unangenehm. Ich habe für den Haarschnitt nur den normalen Preis verlangt, drei Lewa. Meine jüngere Tochter schimpfte am Abend mit mir, das sei viel zu billig gewesen. Aber als mit der Post das Foto kam, auf dem ich vor meinem Laden stehe, war auch sie stolz.
Meine Welt ist spiegelbildverkehrt. Ich erkenne niemanden auf der Straße, selbst wenn er eine Stunde zuvor auf meinem Friseurstuhl saß. Ein Chirurg sieht ja auch nicht, wen er gerade operiert. Ich bin ein Kopfchirurg. Ich sehe kahle Stellen, gesplisste Spitzen, graue Scheitel. Wer zu mir kommt, ist auf dem Weg der Besserung. Aber die meisten wollen ja gar nichts Neues. Jugendliche Frisuren, alternde Gesichter. Immer der gleiche Schnitt, immer die gleiche Farbe, jahrein, jahraus. Ich färbe die Frauen in ihre Jugend zurück. Wenn es dann eine bestimmte Farbe nicht mehr gibt, ist natürlich die Panik groß. Aber manche wechseln auch ständig ihre Frisur. Von Locken zu glattem Haar, von hellem zu dunklem, von langem zu kurzem. Trotzdem sehen sie immer gleich aus: unglücklich. Ich sehe, wie das Leben sie auffrisst, und gebe mir besonders große Mühe.
Manchmal kommen auch Leute ohne Geld. Wenn ich sie kenne, schreibe ich schon mal an. Einem Jungen, der für sein Mädchen schön sein wollte, habe ich die Haare umsonst geschnitten. Er hat so schön gelächelt. Andere schicke ich weg, sie haben die paar Kröten versoffen, die ihnen die Frau am Morgen für einen Haarschnitt in die Hand gedrückt hat. Dann sind sie voll, ihre Augen sind leer und ich kann ihnen auch nicht mehr helfen. Die kleinen Mafiosi der Gegend bekommen ihren Haarschnitt umsonst, ich will ja keinen Ärger. Nur fürs Schwarzfärben müssen sie mich bezahlen.
Gestern stand wieder so ein Typ ohne Geld im Laden. Ein Fremder. Erzählte etwas von einem Job, den er in Aussicht habe, und dass er darum ordentlich aussehen müsse. Anschreiben ist nicht, hab ich ihm gesagt. Er hat seine Taschen durchwühlt, aber da war nicht viel drin. Krümel, Zettel, ein Rubbellos, eine zerknüllte Zigarettenschachtel, ein Feuerzeug. Hat mir das Los hingehalten wie ein tolles Geschenk, dabei sind diese Lose doch meistens Nieten. Aber er war gerade der einzige Kunde, also hab ich ihn rasiert und ihm die Haare geschnitten.
Wie ein Kavalier hat er sich mit einer Verbeugung bedankt und gesagt: Ich wünsche Ihnen eine Glückssträhne! Ein komischer Kauz!
Für mich hat sich der Tag dann wirklich noch gelohnt, denn am frühen Abend kam der dicke Janev angekeucht. Er erwarte wichtigen Besuch, darum solle ich seine Tochter, seine Frau und Baba Dora frisieren. Ich hab gefärbt, gewaschen, geschnitten, gelegt, geföhnt und die Frisuren zum Schluss mit zwei Dosen Haarfestiger eingefroren. Das war nicht billig für den Dicken. Es war längst dunkel, als ich den Riegel vorlegte und über den runden Holzknauf des Garagentores strich. Den hatte noch mein Mann gedrechselt. Ich berühre den Knauf jeden Abend so, wie ich Vesel vielleicht über seinen kahlen Kopf streichen würde. Die Männer seiner Familie haben ihre Haare alle sehr früh verloren. Als er mir das erzählte, hatte ich ihn ausgelacht: Du wirst nie ein Glatzkopf! Wie furchtbar recht ich hatte.
Ich wollte diesen Gedanken fortrauchen und fingerte in meinen Kitteltaschen ich nach den Zigaretten. Dabei fand ich das Los wieder, kratzte die Folie ab und überlegte, was das wohl für ein wichtiger Mensch ist, der so plötzlich den dicken Janev besucht. Ich war sicher, in spätestens zwei Tagen würde unser ganzer Block darüber reden. Auf der Rubbelfläche des Loses wurde eine Drei sichtbar. Also doch keine Niete. Hinter der Drei war noch Platz. Eine Null, zwei Nullen, dann noch eine. Dreitausend! Ein Jahresverdienst. Das konnte nicht stimmen! Ein ungültiges Los. Eine Fälschung.
Kennen Sie das, wenn die Gedanken sich in klebrigen Kreisen verfangen wie in einem Spinnennetz? Dann grinst der Schlaf wie die fette Spinne und lässt einen zappeln. Genau so wälzte ich mich durch die Nacht. Unser Block steht auf einem Hang. Nie gibt die Stadt im Talkessel Ruhe, sie summt und rauscht, ein ewiges Schwärmen, das sich weiter und weiter ausbreitet.
Betonwände sind hellhörig, jedes Geräusch dringt von überall nach überall. Klospülungen, der Streit Betrunkener, Luststöhnen. Ein Baby weinte. Türen wurden zugeschlagen, wütend oder gedankenlos. Diskobeats trieben meinen Herzschlag in einen falschen Rhythmus. Immer wieder tastete ich nach dem Los, das auf meinem Nachttisch lag. Die Nacht war drückend heiß, aber ich hatte alle Fenster geschlossen, aus Angst, es könne fortgeweht werden. Erst als der Morgen dämmerte, die Hausgeräusche stärker wurden und sich nicht mehr auseinanderhören ließen, schlief ich für einige Minuten ein.