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William Beckford's 'VATHEK: Die Geschichte des Kalifen Vathek' ist ein Werk, das die Leser in die exotische Welt des Orients entführt. Das Buch spielt im alten Persien und erzählt die Geschichte des kalifen Vathek, der nach Macht strebt und dadurch den Zorn der Götter auf sich zieht. Beckford's literarischer Stil ist geprägt von einer opulenten Sprache und einer faszinierenden Darstellung des Übernatürlichen. 'VATHEK' gehört zu den frühen Werken der Gothic Fiction und hat sowohl historische als auch romantische Elemente, die den Leser in einen Bann ziehen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Seitenzahl: 195
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Books
Im Mittelpunkt steht die fiebrige Spannung zwischen maßloser Begierde und moralischer Grenze, in der ein allmächtiger Herrscher glaubt, die Welt und ihre Geheimnisse wie einen Palastflur durchschreiten zu können, und dabei an jene unsichtbaren Schwellen rührt, an denen Pracht in Verderben umschlägt, Erkenntnis in Verblendung kippt und die Lust an Macht, Reichtum und Wissen das Ich in ein Experiment verwandelt, dessen Ausgang die Ordnung seiner Stadt, die Loyalität seiner Gefolgschaft und die Stabilität seiner Seele gleichermaßen auf die Probe stellt, während um ihn die Stimmen von Gelehrten, Höflingen und Wahrsagern ein verführerisches Rauschen bilden, das Versprechen, Warnung und Täuschung zugleich ist.
William Beckfords Vathek: Die Geschichte des Kalifen Vathek ist ein orientalisches Märchen mit ausgeprägten gotischen und satirischen Zügen, angesiedelt in einer fantasievoll überhöhten Welt des Kalifats aus Palästen, Basaren und Wüsten. Das Werk wurde in den 1780er Jahren erstmals veröffentlicht und war ursprünglich auf Französisch verfasst; früh fand es Aufmerksamkeit in der englischen Leserschaft. In dieser Schnittmenge aus Aufklärung und Schauerliteratur nutzt Beckford exotische Kulissen, um eine psychologische und moralische Versuchsanordnung zu entwerfen. Die zeitliche Verortung ist dabei nicht historistisch, sondern atmosphärisch: die Schauplätze wirken zugleich archaisch und märchenhaft, eine Bühne, auf der Begierden, Zeichen und Prophezeiungen in dichtem Wechselspiel auftreten.
Zu Beginn begegnen wir einem Kalifen, dessen Hof in schillernder Opulenz erstrahlt und dessen Wissensdurst, Sinnesfreude und Autorität kaum Grenzen kennen. Er ist fasziniert von allem, was selten, rätselhaft oder kostbar erscheint, und die Welt präsentiert sich ihm als Auslage verlockender Möglichkeiten. Gerüchte über verborgene Wissenschaften und ungewöhnliche Kräfte kitzeln seinen Ehrgeiz, und die höfische Ordnung spiegelt seine rastlosen Launen. Ein rätselhafter Besucher, der weder ganz Händler noch bloßer Bittsteller wirkt, weckt schließlich Erwartungen, die den Regenten in Bewegung setzen. Das Leseerlebnis beginnt damit als gleitende Verführung: scheinbar harmlose Neugier wächst zu einer Suche, deren Ziel der Text zunächst klug im Ungefähren belässt.
Stilistisch entfaltet Beckford eine geschmeidige, bildgesättigte Prosa, die höfische Pracht und Nachtseiten menschlicher Triebe in aufeinanderprallenden Perspektiven zeigt. Der Ton wechselt zwischen höfischer Erzählgelassenheit und schneidender Ironie; Komik und Unheimliches liegen dicht beieinander. Die Erzählstimme wirkt allwissend, doch sie wahrt eine subtile Distanz, die moralische Urteile andeutet, ohne sie auszuformulieren. Episoden reihen sich zügig, fast wie Stationen eines Traumbildes, aneinander, während prächtige Speisen, Artefakte und Rituale das Sinnliche betonen. So entsteht ein glitzernder Schleier, durch den das Dunkle bereits hindurchscheint, ohne dass die Handlung ihre Geheimnisse voreilig preisgibt.
Thematisch kreisen die Kapitel um Hybris, Verführung und den Preis von Erkenntnis: Wer nach allem greift, riskiert, das Wesentliche aus den Händen zu verlieren. Beckford zeigt, wie Macht die Wahrnehmung verformt und wie Neugier – Tugend der Aufklärung – zur Versuchung wird, wenn sie keine Grenze mehr anerkennt. Die Frage nach Verantwortung des Herrschers steht dabei neben der Faszination für das Verbotene. In Zeichen, Weissagungen und kostbaren Objekten verdichten sich Begehren und Angst. So wird die Reise des Protagonisten zur Prüfung: Welche Ordnung trägt, wenn Prunk, Einfluss und Wissen nicht länger Halt versprechen, sondern neue Abgründe eröffnen.
Für heutige Leserinnen und Leser bleibt Vathek relevant, weil es die Psychologie von Macht und die Mechanik des Begehrens präzise durchleuchtet. Die Verlockung des Unbegrenzten – sei es an Information, Konsum oder Einfluss – klingt in unserer Gegenwart unvermindert nach. Zugleich lässt sich das Buch als Dokument europäischer Vorstellungen vom „Orient“ lesen, das Faszination und Verzerrung miteinander verschränkt und so zur kritischen Reflexion über Blickregime, Projektionen und kulturelle Aneignung anregt. Wer das Werk auf dieser doppelten Ebene verfolgt, findet sowohl eine zeitlose Parabel über Maß und Maßlosigkeit als auch einen Anstoß, Darstellungsweisen fremder Welten zu hinterfragen.
Als kurzer, doch ungemein dichter Roman lädt Vathek zu konzentrierter Lektüre ein, bei der die glänzende Oberfläche aufmerksam betrachtet und die unterliegenden Strömungen erspürt werden wollen. Er steht an einer markanten Schwelle der europäischen Literaturgeschichte, wo aufklärerischer Geist, Schauerromantik und Märchentradition zu einer eigentümlichen Mischung verschmelzen. Die Wirkung beruht weniger auf Überraschungseffekten als auf dem konsequenten Aufbau einer Atmosphäre, in der Schönheit und Unheil untrennbar verschlungen sind. Wer sich dieser Stimmung aussetzt, erhält nicht nur ein exotisches Schauermärchen, sondern ein präzises moralisches Experiment, dessen Fragen unsere Zeit weiterhin beschäftigen.
William Beckfords Erzählung Vathek: Die Geschichte des Kalifen Vathek ist ein orientalistischer Schauer- und Abenteuerroman aus dem späten 18. Jahrhundert. Im Mittelpunkt steht der junge Kalif Vathek, dessen Reichtum, Macht und Wissbegierde ebenso grenzenlos scheinen wie seine Gelüste. Er lässt einen Turm errichten, um den Himmel zu erforschen und geheime Zusammenhänge zu ergründen, während er sich zugleich allen irdischen Vergnügungen hingibt. Zwischen unersättlicher Neugier und politischer Verantwortung schwankend, eröffnet der Auftakt eine Welt, in der Luxus, Aberglaube und Staatskunst ineinandergreifen. Der Ton ist märchenhaft, zugleich düster, und legt die entscheidende Frage nach Maß, Selbstbeherrschung und Herrschaftsethik frei.
Als ein geheimnisvoller Händler am Hof erscheint, verändert sich Vatheks Welt. Der Fremde, der rätselhafte Giaur, bietet wundersame Waren und demonstriert Kräfte, die Naturgesetze und religiöse Gewissheiten herausfordern. Vatheks Neigung zum Staunen schlägt in Begehren um: Er verlangt nach weiterem Wissen, nach neuen Sinnen, nach Herrschaft über Unsichtbares. Hofbeamte, Priester und Gelehrte warnen vor Verführung und Blasphemie, doch der Kalif übersieht die Grenzen, die seine Stellung und sein Seelenheil sichern. Ein erster Wendepunkt entsteht: Die Ordnung des Hofes erodiert, unheimliche Vorzeichen häufen sich, und zwischen Kalif und Giaur entsteht ein Bündnis, das auf Versprechungen und Verschwiegenheit beruht.
Vatheks Mutter Carathis, eine furchtlose und kalt berechnende Beraterin, bestärkt den Sohn, unerschrocken in verborgene Künste einzudringen. In nächtlichen Ritualen, astrologischen Deutungen und fragwürdigen Opferhandlungen sucht das Paar die Tür zu verbotenen Erkenntnissen. Der Kalif wird launischer, seine Gnade unberechenbar, seine Justiz härter; Loyalität am Hofe bröckelt, während er Zeichen und Träume verfolgt. Mahnende Stimmen, die Mäßigung fordern, verhallen. Der Roman verdichtet hier den Grundkonflikt: Vernunft und Maß gegen Hybris und magische Verlockung. Vatheks Macht, die eigentlich Schutz und Ordnung gewährleisten soll, wird zum Instrument einer Suche, deren Ziel zunehmend unheimlich bleibt und zugleich unwiderstehlich wirkt.
Die Suche führt Vathek fort aus dem vertrauten Glanz seines Hofes in entlegene Landschaften, wo er auf eine fromme, wohlgeordnete Gemeinschaft trifft. Dort begegnet er Nouronihar, deren Anmut und Geist ihn ebenso überwältigen wie sein Hunger nach Geheimnissen. Zwischen Pflicht, bestehender Bindung und Verlangen entfaltet sich ein Geflecht aus Verführung, Eifersucht und Selbsttäuschung. Die idyllische Ordnung des Tales gerät ins Wanken, als Vathek und Nouronihar sich einer Vision von Größe verschreiben, die nicht mit dem ruhigen Leben der Rechtschaffenheit vereinbar ist. Ein weiterer Wendepunkt wird erreicht: persönliches Begehren bricht soziale Grenzen auf und verschärft den moralischen Konflikt.
Angetrieben vom Giaur, setzen Vathek und seine Gefährtin ihren Weg durch Berge und Wüsten fort, verfolgt von warnenden Omen und inneren Skrupeln. Prüfungen, Trugbilder und Verlockungen säumen die Route zu einem sagenhaften Palast, in dem unbegrenztes Wissen und Macht verheißungsvoll locken. Währenddessen treibt Carathis im Hintergrund ihre eigenen Pläne voran, vertieft in Kulte und Berechnungen, um das drohende Ziel abzusichern. Der Roman kontrastiert asketische Stimmen mit barocker Ausschweifung und zeigt, wie die Jagd nach Erkenntnis ohne Maß die Bindungen des Herzens aushöhlt. Der Weg selbst wird zum Spiegel: jeder Schritt verschafft Nähe und entfremdet zugleich.
Schließlich öffnet sich der Zugang zu unterirdischen Gemächern, deren Pracht und Schrecken jenseits gewöhnlicher Vorstellungswelt liegen. Vathek erblickt verheißene Schätze und Andeutungen einer Sphäre, die über Zeit, Gesetz und Sterblichkeit zu stehen scheint. Die Verlockung kulminiert in einer Entscheidungssituation, die nicht nur sein Schicksal, sondern das aller, die ihm folgten, prägen wird. Für einen Moment flammt die Frage auf, ob ein Rückweg möglich bleibt, ob Reue tragen könnte, was Begehren entfacht hat. Doch die Dynamik der bisherigen Wahlhandlungen drängt voran. Der Roman hält die Spannung, während Belohnung, Strafe und Erkenntnis untrennbar verwoben erscheinen.
Vathek entfaltet sich als warnende Parabel über Hybris, Begierde und den Preis der Grenzüberschreitung, erzählt im Gewand einer orientalischen Fantasie, die Schauergestik, Satire und moralische Reflexion verbindet. Das Werk stellt die Frage, was Wissen wert ist, wenn es vom Wunsch nach beherrschender Macht angetrieben wird, und wie schnell Lust, Ehrgeiz und Neugier zur Selbstentfremdung führen. In seiner Mischung aus Exotik und psychologischer Zuspitzung wirkt der Roman nach, nicht zuletzt in der europäischen Romantik und der Tradition des Schauerromans. Er hinterlässt ein Bild von unwiderruflichen Konsequenzen, ohne die letzte Wendung vorwegzunehmen, und regt dazu an, Maß und Verantwortung neu zu bedenken.
Vathek entstand in den frühen 1780er Jahren, als William Beckford (1760–1844) in einem transnationalen Milieu zwischen Großbritannien und dem europäischen Kontinent lebte und schrieb. Er verfasste den Text auf Französisch, im Umfeld aristokrischer Bildung, des Grand-Tour-Reisens und eines expandierenden Buchmarkts. Prägende Institutionen der Zeit waren die anglikanische Kirche, das britische Parlament und ein Netzwerk von Salons, Leihbibliotheken und Druckereien. Parallel wuchs in Europa das akademische Interesse am Orient, sichtbar etwa in der Gründung der Asiatic Society in Kalkutta 1784. Die erzählte Welt von Vathek verweist wiederum auf Institutionen des islamischen Mittelalters, insbesondere auf Kalifat und Hofkultur der Abbasiden.
Das 18. Jahrhundert erlebte eine anhaltende Mode für orientalische Erzählungen, angestoßen durch Antoine Gallands französische Übersetzung der Tausendundeinen Nacht (1704–1717) und durch Reiseberichte, die den Lesern Geografie, Bräuche und Höfe von Istanbul bis Persien vermittelten. Gelehrte wie Sir William Jones förderten systematisch Sprach- und Rechtsstudien zu Asien; Jones gründete 1784 die Asiatic Society. In dieser Atmosphäre kursierten Enzyklopädien und Lexika, die Stoffe und Namen bereitstellten. Beckfords Roman steht in dieser Tradition: Er nutzt die Faszination für exotische Schauplätze, um eine Erzählung zu konstruieren, die sich auf vermeintlich authentische Quellen und einen gelehrten Rahmen stützt.
Zeitgleich entwickelte sich in Großbritannien das Schauer- bzw. Gothic-Genre, eingeleitet durch Horace Walpoles The Castle of Otranto (1764) und weitergeführt von Autorinnen wie Clara Reeve und, etwas später, Ann Radcliffe. Kennzeichnend waren düstere Architekturen, Übernatürliches und moralische Grenzüberschreitungen. Vathek verbindet diese Motive mit dem orientalischen Schauplatz: unterirdische Säle, Bannformeln, Dämonologie und ein fataler Pakt rahmen die Handlung. Damit spiegelt der Roman die Verschmelzung von Aufklärungszeit und Faszination am Übersinnlichen, die in den 1780er Jahren das literarische Feld prägte, und zeigt, wie das Gothic-Motiv des Verfalls durch fremdländische Kulissen neue Intensität gewann.
Der Roman entstand in einer britischen Kultur, die über Luxus, Reichtum und moralische Maßstäbe stritt. Ökonomische Debatten seit Bernard Mandevilles The Fable of the Bees und Adam Smiths Schriften hatten die Frage nach Nutzen und Verderbnis des Konsums zugespitzt. Beckford selbst war einer der reichsten Privatmänner Europas; sein Vermögen beruhte wesentlich auf Zuckerplantagen in Jamaika und damit auf versklavter Arbeit. Die opulenten Feste, Sammlungen und architektonischen Wunder in Vathek reflektieren diese Zeitdiagnose des Überflusses. Sie lassen sich als literarische Spiegelung einer Epoche lesen, in der imperialer Reichtum und moralische Kritik in Großbritannien eng verwoben waren.
Aufklärerische Wissenskulturen prägten ebenso den Hintergrund von Vathek. Europa diskutierte Grenzen und Möglichkeiten von Vernunft, Naturkunde und Astronomie; Institutionen wie die Royal Society (gegründet 1660) und die Enzyklopädie-Projekte des 18. Jahrhunderts verbreiteten Experiment und Systematik. Im Roman erscheinen Astronomen, Magier und Gelehrte; die Suche nach verbotener Erkenntnis ist zentrales Handlungsmotiv. Diese Figur des neugierigen, wissbegierigen Herrschers greift zeitgenössische Debatten über Erkenntnisdrang und Hybris auf. Indem die Handlung die Überschreitung moralischer und metaphysischer Schranken thematisiert, verweist sie auf eine Spannung der Epoche: zwischen wissenschaftlicher Neugier und Furcht vor ihren Konsequenzen und gesellschaftlichen Folgen.
Die Entstehungs- und Publikationsgeschichte verweist auf Übersetzungspraktiken der Zeit. Beckford schrieb Vathek auf Französisch (1782/83). 1786 erschien ohne seine Autorisierung eine englische Übersetzung von Samuel Henley in London als An Arabian Tale, angeblich aus einem unveröffentlichten Manuskript. Erst 1787 wurde das französische Original gedruckt. Diese Paratexte knüpfen an zeitgenössische Strategien der Pseudotranslation an, die Werken exotische Authentizität verliehen. Die Vermarktung als orientalische Quelle passte in den damaligen Buchmarkt und erleichterte die Aufnahme des Romans neben Sammlungen von Oriental Tales, die in den 1780er Jahren stark nachgefragt waren. Henleys Ausgabe erschien mit Anmerkungen des Übersetzers.
Die Namenswahl des Titelhelden verweist auf den abbasidischen Kalifen al-Wāthiq (reg. 842–847), und die Schauplätze erinnern an Samarra, einen Residenzort der Abbasiden. Die Figur Eblis entspricht dem im Koran und in der islamischen Tradition bezeugten Iblis. Beckford griff auf europäische Nachschlagewerke und Übersetzungen zurück, die islamische Geschichte und Mythologie bündelten, besonders Barthélemy d’Herbelots Bibliothèque orientale (1697) und Gallands Mille et une nuits. Solche Kompendien stellten Namen, Motive und Anekdoten bereit, die im Roman erkennbar sind, und zeugen von der Vermittlung islamischer Stoffe durch gelehrte europäische Filter des 17. und 18. Jahrhunderts.
Vor diesem Hintergrund lässt sich Vathek als literarischer Kommentar zur spätaufklärerischen Epoche lesen: ein Hybrid aus Gelehrsamkeit, exotischer Mode, Gothic-Sensibilität und Debatten über Despotismus, Wissen und Luxus. Die Geschichte vom wissens- und genussgierigen Herrscher, der in den Hallen Eblis’ bestraft wird, bündelt moralische Warnungen, die der Zeit geläufig waren, ohne dokumentarisch zu sein. Das Buch markiert einen wichtigen Knotenpunkt zwischen orientalischer Erzähltradition in europäischer Überformung und der heraufziehenden Romantik. Seine anhaltende Rezeption zeigt, wie sehr es die Fragen seiner Entstehungszeit – Macht, Begehren, Erkenntnis – in eine prägnante Erzählform brachte.
Inhaltsverzeichnis
Dieses Buch schrieb um das Jahr 1781 der damals zwanzigjährige William Beckford »hintereinander und auf französisch in drei Tagen und zwei Nächten intensivster Arbeit – ich habe die ganze Zeit die Kleider nicht vom Leib getan und wurde schwer krank davon«. Das Manuskript wurde ohne Wissen Beckfords ins Englische übersetzt und erschien als Buch 1784. Die französische Originalausgabe kam erst drei Jahre später heraus: Vathek, Conte Arabe. A Paris, Chez Poinçot, Libraire, rue de la Harpe, près Saint-Côme, No. 135. 1787. Im Jahre 1820 hat Beckford selber eine englische Übersetzung gemacht und herausgegeben.
Hätten die zeitgenössischen Memoiristen und Journalisten den Vathek nicht ignoriert – weder der Mercure, noch Frérons Année Littéraire, weder Métra, noch Bachaumont sagen ein Wort darüber – so hätten sie vielleicht etwas von Voltaire gesprochen, von den Feenmärchen aus Chinaporcellan und dem Arabischen des Galland; und Bachaumont hätte zu erzählen gewußt, daß man diesen schlanken, sehr modisch angezogenen Engländer in den ersten Jahren der Revolution zu Pferde als Zuschauer überall sah, wo auf Straßen und Plätzen sich etwas begab. Die Karikaturenzeichner der Zeit kannten ihn so, als den exzentrischen Lord; als den Dichter des Vathek kannte man ihn so wenig wie den Vathek selber.
Das Buch kam zu früh in die Zeit; erst eine spätere entdeckte es: Mérimée, dieser Delikate, wollte es neu herausgeben: er mußte ein seinem eisgekühlten Temperament Verwandtes darin spüren, wie da die Dämonie eines Schicksals mit moralischer Gleichgültigkeit aber ästhetischem Raffinement erzählt wird und die Ironie des Weltmannes dem Ganzen die Distanz gibt. Mallarmé führte die Absicht Merimées aus: er ließ den Vathek 1876 für 220 Freunde drucken und nennt ihn in seiner préface »un des jeux les plus fiers de la naissante imagination moderne«.
Die pathetische Architektur des Buches – die Architektur ist der essentielle Orient: Raum, Zahl – umspielen groteske Linien[1q]. Vathek läßt sich den hohen Turm bauen, er will die Sterne erreichen, ganz zu ihnen hin, um ihnen ihre Geheimnisse zu nehmen, aber die Sterne sind ganz fern. Da läßt sich sein formidabler Appetit ein großes Essen servieren. Die perverse Keuschheit seiner Mutter hetzt ihn zum Abenteuer, und die ganze Cortège von Reitern, Damen, Eunuchen, Pagen, Zwergen, in Sänften, in Käfigen, zu Pferd, zu Dromedar zieht durch Wüsten, Felsen, brennende Zypressenwälder, Paradiese in das Unterirdische.
Der Vathek ist ein Buch, das jeder gute Engländer in seiner Bibliothek hat. Schon weil Beckford die berühmte Fonthill-Abbey gehörte, die er 1822 öffentlich versteigern ließ samt all ihren Schätzen, was die berühmteste Vente einer Bibliothek gab; weil er drei Millionen jährliches Einkommen hatte, Englands wealthiest son war, wie ihn Byron im ersten Canto des Childe Harold anruft. Aber es haben sich um William Beckford die Engländer sonst nicht gekümmert, die keinen kleinsten Dorfpfarrer gestorben sein lassen, ohne ihm einige Monate später seine zweibändige Biographie auf die frische Graberde zu legen. Es wird mit Beckfords Popularität in England sein wie mit der Popularität des Genies auch anderswo: mehr Respekt von ferne, als nahe Liebe. Dann schlug Beckford den Ton an, der nicht mehr verklungen ist und der in englischen Ohren keine Resonanz zu finden scheint. Vathek ist da und dort im de Quincy, in der Geste Oskar Wildes, in der Imagination Beardsleys.
Soll etwas aus seinem Leben erzählt werden? Der Sohn des verstorbenen Lordmajor Beckford wächst unter der Leitung der Lords Chatham und Littleton auf dem Lande auf. »Das alte Haus von Fonthill mit seinem riesigen Saale, den vielen Türen und Korridoren, dunklen, langen – das ist Eblis. Die Frauen im Vathek sind nach meiner Ansicht outrierte Portraits jener guten und bösen Frauen, die auf Fonthill wohnten.« Langes Reisen über den Kontinent, allein, mit einer Frau, differenzieren die Sensibilität dieses Genußmenschen bis zum persönlichsten einsamen Geschmack. Er ist unermeßlich reich, hat gar keine äußeren Ambitionen, baut Paläste und sammelt unerhörte Schätze. Sein Zusammenhängen mit den Menschen beschränkt sich auf die Formen des Anstandes; moralische Beziehungen sind keine; er trifft sich mit keinem Zweiten und Dritten auf dem Boden starken Meinungsaustausches. Er sieht Menschen bei sich nur zu Festen, den Nelson mit der Hamilton und allem Gefolge: Staffage für seine Architektur. Er hält nie einen guten Freund am Kamin zurück für spätere Stunden.
William Beckford starb am 2. Mai 1844 im Alter von vierundachtzig Jahren.
Es sind außer dem Vathek noch ein paar kleine Schriften von ihm im Druck erschienen. Ein Liber Veritatis, das er auch Buch der Narrheit immer nennen wollte, wird in der Handschrift verwahrt. Ein Biographical memoir of extraordinary painters schrieb und druckte er mit siebenzehn Jahren; mit der sehr seltenen Schrift mystifizierte er die Besucher der väterlichen Bildergalerie. Dann Reiseeindrücke: Familiar letters from Italy, 1805, später – 1832 – um einen Band vermehrt und mit dem Titel: Italy, Spain and Portugal, neu von ihm herausgegeben. Weiter: Excursions to the Monasteries of Bathala and Alcobaça, 1835. Die Memoirs of William Beckford, London 1859 in zwei Bänden, sind zum größten Teil nach Beckfords Diktaten und Angaben niedergeschrieben.
Der Vathek und sein Dichter sind kaum in die historische oder eine ästhetische Ordnung zu bringen. Sind schon Beziehungen zum Geiste seiner Zeit – das achtzehnte Jahrhundert – schwer aufzuweisen, so sind Relationen des Vathek zum Moralismus überhaupt nicht vorhanden, wenn man nicht die Ironie als eine solche Beziehung ansprechen will. Aber es ist eine Ironie, die bloß von der Persönlichkeit des Dichters die Richtung erfährt, nicht von gesellschaftlichen Oppositionen und Meinungen, die Beckford teilte.
Der Vathek ist das stolzeste Spiel der werdenden modernen Imagination – die Definition Mallarmés bestimmt das Wesentliche.
Franz Blei.
Inhaltsverzeichnis
Vathek[2q], der neunte Kalif aus dem Hause der Abbassiden[1], war der Sohn des Motassem[2] und Enkel des Harun Al-Raschid[3]. In jungen Jahren bestieg er den Thron[3q]. Die großen Eigenschaften, die er ganz jung schon besaß, ließen seine Völker hoffen, daß seine Regierung lang und glücklich sein würde. Sein Ansehen war hoheitsvoll und schön; aber wenn er zornig wurde, da blickte sein eines Auge so schrecklich, daß man es nicht ertragen konnte: der Unglückliche, den dieser Blick traf, fiel nach rückwärts und manchmal hauchte er sogar auf der Stelle den Geist aus. Und deshalb gab sich der Kalif, aus Furcht, seinen Staat zu entvölkern oder aus seinem Palaste eine Öde zu machen, seinem Zorne nur sehr selten hin.
Er war den Frauen und den Genüssen des Tisches gleich stark ergeben[4q]. Seine Freigebigkeit kannte keine Grenzen, und seine Ausschweifungen keine Zurückhaltung[5q]. Denn er glaubte nicht, wie der Kalif Omar Ben Abdalaziz[4], daß man aus dieser Welt eine Hölle machen müsse, um in der andern sich des Paradieses zu erfreuen.
Er übertraf an Glanz alle seine Vorfahren[6q]. Der Palast Alkorremmi[5], den sein Vater Motassem auf dem Wildenpferdhügel erbaut hatte und der die ganze Stadt Samarah[6] beherrschte, war ihm nicht weit genug. Er ließ noch fünf Flügel daran bauen, oder vielmehr fünf neue Paläste, und er bestimmte jeden davon der Befriedigung eines seiner Sinne.
In dem ersten dieser fünf Paläste waren die Tische stets mit den ausgesuchtesten Speisen bedeckt[7q]. Man erneuerte sie Tag und Nacht, sobald sie kalt geworden waren. Die feinsten Weine und die besten Liköre flossen in Strömen aus hundert Springbrunnen, die nie versiegten. Dieser Palast hieß das Ewige Fest oder der Unersättliche[8q].
Den zweiten Palast nannte man den Tempel der Melodie oder den Nektar der Seele[9q]. Ihn bewohnten die besten Musiker und bewundertsten Dichter der Zeit. Nachdem sie ihre Talente an diesem Orte geübt hatten, zerstreuten sie sich in Banden und überfluteten die ganze Umgebung mit ihren Liedern.
Der Palast Das Entzücken der Augen oder die Unterstützung des Gedächtnisses war ein einziges Wunder[10q]. Die größten Seltenheiten aus allen Ecken der Welt waren hier gesammelt, in Massen und in der schönsten Ordnung. Man sah in einer Galerie die Bilder des berühmten Mani[8] und Statuen, die zu leben schienen. Hier reizte eine glücklich gewählte Aussicht den Blick; dort wurde das Auge angenehm durch die Künste der Optik getäuscht; an einer andern Stelle fand man alle Schätze der Natur. Mit einem Worte: Vathek, der neugierigste unter den Menschen, hatte in diesem Palaste nichts vergessen, was die Neugierde der Besucher befriedigen konnte, nur nicht seine eigene, denn er war unersättlich.
Der Palast der Wohlgerüche, den man auch den Stachel der Wollust nannte, war in mehrere Säle geteilt[11q]. Aromatische Lampen und Fackeln brannten da auch am hellen Tage. Um sich von der köstlichen Trunkenheit zu erholen, in die man hier geriet, stieg man in einen weitläufigen Garten hinab, in dem alle Blumen eine kühle und erfrischende Luft atmen ließen.
Der fünfte Palast hieß die Wohnung der Freude oder der Gefährliche[12q]. Hier waren viele junge Mädchen und Frauen. Sie waren schön und verführerisch wie die Huris[7] und nie ermüdet, diejenigen wohl zu empfangen, die der Kalif in ihre Gesellschaft zulassen wollte. Denn er war gar nicht eifersüchtig und verwahrte zudem seine eigenen Frauen in dem Palast, den er bewohnte[13q].
Trotz all dieser Wollüste, denen sich Vathek ergab, wurde er doch von seinen Völkern nicht minder geliebt. Man glaubte, daß ein Herrscher, der sich den Lüsten des Lebens ergibt, mindestens ebensogut zum regieren tauglich ist, als einer, der sich als Feind dieser Lüste erklärt. Aber sein unruhiger und brennender Geist konnte da nicht stehen bleiben. Zu Lebzeiten seines Vaters hatte er aus Langeweile so viel studiert, daß er nun vieles wußte; nun wollte er Alles wissen, selbst die Wissenschaften, die es gar nicht gibt. Er liebte es, mit den Gelehrten zu disputieren; sie durften aber ihren Widerspruch nicht zu weit treiben[14q]. Den einen stopfte er den Mund mit Geschenken; die andern, deren Überzeugungen seiner Freigebigkeit Widerstand leisteten, wurden ins Gefängnis geschickt, daß sie sich da ihr Blut abkühlen: ein Mittel, das oft half.
Vathek machten auch die theologischen Streitigkeiten Vergnügen, und es war nicht die allgemein anerkannte orthodoxe Partei, für die er sich erklärte. Damit hatte er alle Zeloten gegen sich: also verfolgte er sie, denn er wollte immer und um jeden Preis Recht haben.
Der große Prophet Mahomet, dessen Statthalter die Kalifen sind, war im siebten Himmel über dieses irreligiöse Treiben eines seiner Nachkommen entrüstet. »Lassen wir ihn nur machen«, sagte er zu den Dschinnen[9], seinen Geistern, die stets seiner Befehle harren, »wir wollen sehen, wieweit seine Narrheit und Ungläubigkeit geht; treibt er es zu bunt, so wissen wir ihn schon zu züchtigen. Helft ihm diesen Turm bauen, den er in Nachahmung Nimrods[10]
