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Wie oft denkt man hinterher "Hätte ich das doch besser gesagt ..."? Es auf Papier zu bringen, ist immer leichter, und so versammelt Alex Burkhards viertes Buch alles, was bislang ungesagt geblieben ist: Persönliches, Anklagendes, Verständnisvolles. Burkhard lässt seiner überbordenden Fantasie freien Lauf: Er schreibt als Ludwig II. und als Seefahrer, als Jugendlicher, Überforderter und Verliebter, als Kritiker, Melancholiker und Schwede. Er reist mit Sir Francis Drake um die Welt und ist dabei, wenn Max und Moritz ihre Streiche in der heutigen Zeit spielen; er erzählt von Mexiko und Athen, Hunden, Katzen und dem leisen Schnee einer Stockholmer Silvesternacht. Alex Burkhard schreibt alles, was er sonst oft nicht sagt. Dieses Buch versammelt, was Alex Burkhard in den letzten Jahren seinen Mitmenschen nicht geschrieben oder gesagt hat – und das betrifft längst nicht nur Frauen. Er verarbeitet seine feinen Beobachtungen zu Prosa und Slampoesie. Sein Stil ist leicht, oft humorvoll und stets von einer poetischen Dringlichkeit geprägt. Unausgesprochen meisterhafte Texte.
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Seitenzahl: 189
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Alex Burkhard
E-Book-Ausgabe September 2019
© Satyr Verlag Volker Surmann, Berlin 2019
www.satyr-verlag.de
Cover: Maren Kaschner
Korrektorat: Jan Freunscht
Audioaufnahmen: © Alex Burkhard. Keine unerlaubte Sendung und Vervielfältigung!
Die Marke »Satyr Verlag« ist eingetragen auf den Verlagsgründer Peter Maassen.
E-Book-ISBN: 978-3-947106-37-0
ALEX BURKHARD (Jahrgang 1988) ist Slampoet, Autor und Moderator. 2017 wurde er deutschsprachiger Meister im Poetry Slam. Außerdem war er bayerischer Meister (2017) und dreimal Münchner Stadtmeister (2014, 2015, 2016). 2013 wurde er mit dem Kulturförderpreis der Internationalen Bodensee-Konferenz (IBK) ausgezeichnet, 2018 mit dem Kulturpreis der Stadt Lindenberg, 2019 erhielt er das Stadtschreiberstipendium der Stadt Rottweil.
Er tourte mit literarischen Kabarettprogrammen, ist Ensemblemitglied der Münchner Lesebühne »Die Stützen der Gesellschaft« und leitet Workshop-Projekte für kreatives Schreiben im Auftrag des Literaturhauses, des Lyrik-Kabinetts und der Stadt München.
Von Alex Burkhard im Satyr Verlag erschienen:
–»… und was kann man damit später mal machen?« (Geschichten, 2013)
–»Die Zeit kriegen wir schon Rom« (Reiseerzählung, 2015)
–»Benutz es!« (Geschichten, 2017)
Danke:
Anja und Franzi und KatrinNik und MariusIbsen
Was ich ihr nicht schreibe
Jetzt musst du springen
Musik und Jugend
Die Cremigkeit auf ein Maximum prügeln
Gutes Bier und billige Wohnungen
Stummfilm (Das Schöne, Wahre, Gute)
Who the Fuck Is Alice?
Ach, eigentlich, ach, hm
Mangelnde Verkaufsaussichten
Max und Moritz heute
Anstandsmenschmensch
Fertig sein
Der Autor als Arzthelfer
Rundbogenarkaden
Der Autor als Märchenkönig
Basst scho
Isar und Jordan
Digital First
Rosa
Grenzwertige Neutralität
Ich Heyse Burkhard
Nachtgedicht
Die einzige Konstante in unserem Leben sind »Die drei ???«
Hunde oder: ¿Dónde está la catedral?
The Bookstore Is Closed
Nur noch nicht von allen
Die Gegenwart sind wir
Katzen oder: Im Übrigen fehlt dir Calcium
Notizen mit Bleistift
Neunzig Prozent Wärme
Erkenne den Topf!
Tagsüber nackt im Haus rumlaufen
Was wir ihnen schreiben
Plymouth
Was ich ihr schreibe:
Ich fand’s auch sehr schön. Bis bald :)
Was ich ihr nicht schreibe:
Unser Gespräch heute
hat mich geflasht, Mädchen
was du erzählt hast [–]
wie du erzählt hast, und
wie ich ganz ich war, wenn
ich mal erzählt hab [–]
Wenn ich gleich einschlafe
werde ich glücklich sein
denn so ’ne schöne Zeit
wie heute Nacht mit dir
[–] hatt’ ich lang nicht mehr
Wenn ich die Augen schließ
werde ich dich sehen
und diesen Blick missen
der [–] halb abwesend
auf deiner Hand ruht, die
Tabak vermissend und
Bierdeckel knibbelnd [–]
über den Tisch tanzt [–]
Und in der Phase, wenn
Träume und Wirklichkeit
wohlwollend eins sind [–]
werd ich uns zuschauen
in dieser Bar sitzend
wie unsre Münder sich
[–] unsre Augen sich
während die Füße sich
und auch die Hände sich
erst noch wie zufällig
dann jedoch sicherer
finden, als wären sie
dadurch erst ganz. [–] [–]
Was ich ihr schreibe:
Hallo. Ich bin endlich mit der Uni fertig und hätte Lust auf ein Bier. Du auch?
Was ich ihr nicht schreibe:
Ich bin den Tag im Bett geblieben
und hab dir ein Sonett geschrieben:
Oh, meine Braut, mein liebliches Geschöpf
du raubst mir [–] den Atem immerfort
ein Lächeln, ’ne Bewegung, nur ein Wort
und schon schlägt mir das Herz bis in den Köpf
Doch du so: »Hä, wieso denn bitte ›Braut‹?
Wann zur Hölle ist denn das passiert?
Wir sitzen in ’ner Bar und trinken Bier
und ’nen Tag später werden wir getraut?«
Es war’n schon drei, mein Schatz, jetzt nimm den Strauß
Ich hab den Ring. Die Leute warten schon
Warum das Schöne unnötig verschieben?
In unsrer Symphonie stimmt jeder Ton
drum geh’n wir da jetzt gleich gemeinsam raus
und sagen, dass wir uns für immer lieben!
Was ich ihr schreibe:
Hi. Ich habe gerade an dich gedacht … Wie war dein Wochenende?
Was ich ihr nicht schreibe:
Hi. Ich habe in den letzten Tagen, seit wir Bier trinkend dieses Zwischenstadium von Realität und »Meine-Güte-ist-das-hiergerade-ein-Traum-wie-toll-ist-denn-bitte-dieser-Mensch?« ausgekostet haben, uns ergänzend und verstehend, als würden wir uns schon ewig kennen; in den letzten Tagen, als ich bereits, Trauzeugen suchend, meine Kontakte durchscrollt habe, nicht ich war, sondern ICH, groß geschrieben, begeistert und positiv; in den letzten Tagen habe ich nicht nicht an dich gedacht. Wie war dein Wochenende?
Was ich ihr schreibe:
Was ich ihr nicht schreibe:
Fandest du es mit mir echt so scheiße, dass du dich neun Tage lang gar nicht rührst?
Hast du nicht am Ende des Abends gesagt, dass wir uns ganz bald wiedersehen sollen?
Und jetzt bin ich dir nicht mal eine verschissene Nachricht wert?
Hattest du keinen Spaß?
Haben wir nicht gelacht?
Haben wir nicht die ganze Zeit laut und befreit gelacht?
Außer als du von deiner toten Tante erzählt hast …
Gott, was haben wir gelacht!
Was ist es dann?
Bin ich dir nicht attraktiv genug?
Oder willst du was Besseres haben als ’nen Skandinavisten?
Willst du so ’nen unreflektierten Machowichser mit weißem
Lächeln wie all die anderen?
Warum schreibst du mir nicht zurück, du –– du ––
Was sie mir schreibt:
Hey.
Ganz vergessen zurückzuschreiben.
Entschuldige, aber ich habe so viel um die Ohren,
dass ich gerade auf Freizeit verzichten muss.
Samstag oder Sonntag vielleicht auf ’nen Kaffee?
Was sie mir nicht schreibt:
Ich bin Agentin
hatte ’nen Auftrag
es ging um Drogen
Playmobil-Männchen
Schnaps und zwei Aliens
und auch die Mafia
war noch beteiligt
es war voll sick, Mann!
Manchmal ist’s schöner
was zu erfinden
sich zu beruhigen
wenn man nicht klarkommt
mit dieser Machtlo
sigkeit, enttäuscht ist
von der Entwicklung
einer Verliebtheit
Ich bin Agentin
Warum ich wirklich
dir nicht zurückschrieb
Will ich nicht wissen.
Ich stehe auf dem Sprungturm des Landsberger Freibads. Zwei Scheinwerfer sind auf mich gerichtet, ansonsten ist es dunkel. Das Metall des Geländers fühlt sich rau an, aber es ist das Einzige, was ich gerade habe. Unter mir fünf Meter Nacht, dann einige Zentimeter Nebel, dann vielleicht Wasser. Dreihundert Menschen fläzen sich im nachtfeuchten Rasen und schauen mich an. Wie konnte es nur so weit kommen?
Ich stehe schlotternd am Beckenrand und bete, dass ich nicht noch mal muss. Dreimal bin ich schon hin- und hergepaddelt, das reicht. Ich bin fünf Jahre alt und habe panische Angst unterzugehen. Wenn mein Kopf unter der Wasseroberfläche ist, rauscht es und sprudelt und macht Geräusche, die ich noch nie gehört habe.
»Dann halte deinen Kopf über Wasser«, sagt die Frau, die uns das Schwimmen beibringt, aber die hat leicht reden: Ihr geht das Wasser nur bis knapp über den Bauch. Fast genau bis zu dem Bauchnabel, der ziemlich verdreht aussieht. Ganz anders als meiner.
Die Schwimmflügel beißen in meine Oberarme. Ich weiß nicht, was die bringen sollen. Wenn ich im Wasser bin und mich nicht bewege, gehe ich unter. Da helfen mir die Schwimmflügel auch nichts.
In meinen Büchern gehen alle Kinder im Sommer ins Freibad und planschen rum und rutschen ins Wasser und so. Und alle sehen froh aus, genau wie hier. Jeder will noch mal schwimmen; die können das alle schon total gut. Ich weiß nicht, warum die überhaupt hier sind. Ich bin der Einzige mit Schwimmflügeln. Ich bin der Einzige, der es nicht kann. Wir stehen dicht gedrängt an der Kante.
»Alexander, du bist dran«, sagt die Frau, und ich schüttle den Kopf.
»Ich kann nicht mehr«, sage ich.
»Komm, einmal schaffst du noch.«
Sie kommt auf mich zu, ich stehe vollkommen unbeweglich da. Noch bevor mich die Frau mit ihrem knubbeligen Bauchnabel erreicht, schubst mich Markus ins Wasser.
Es tut weh, als ich aufpralle, meine Füße spüren den Boden, ich bin ganz unten, okay, wie komm ich hoch, ich schlage um mich, atme ein, mache die Augen auf, wo ist oben, alles wirbelt, in meiner Brust sticht es, zwei Hände um meinen Bauch, ich will husten, aber kann nicht, meine Augen brennen, ich liege am Beckenrand, Wasser läuft mir aus dem Mund, aus der Nase, ich keuche, versuche, alles rauszukriegen, Schläge auf meinem Rücken, gleichmäßig, mir ist kalt, ich zittere, fange an zu weinen.
»Wir machen für heute Schluss«, sagt die Frau zu den anderen Kindern und wickelt mich in ein Handtuch. Sie rubbelt mich trocken, und ich versuche, sie nicht anzuschauen.
Als meine Mama mir später die Haare föhnt, geht es mir gut. Sie streichelt mir über den Kopf, der ganz warm ist. Alles ist warm und riecht nach Hallenbad. Ich mag den Geruch, hinterher.
»Wie war’s heute?«, fragt meine Mama.
»Gut«, sage ich.
Ich werde sicher nie mit ins Freibad gehen.
In der siebten Klasse haben wir in der Schule einmal die Woche Schwimmen. Es ist kein Unterricht mehr: Man geht davon aus, dass jemand, der die lateinische Vokabel für »Schwimmbecken« lernen kann, auch des Schwimmens mächtig ist. Es gibt auf dem bayerischen Land so ein paar Dinge, die sind in Stein gemeißelt: Du weißt, wie du an deinem Haus werkelst, zum Achtzehnten kriegst du ein Auto, im Winter fährst du verdammt noch mal Ski, und im Sommer haust du dich ins Freibad!
Nun sollen wir nach Ringen tauchen. Als ich das erste Mal dran war, hielt ich mich am Überlauf des Beckens fest, brustschwamm über das hässliche gelbe Gummiteil, das mich aus der Tiefe boshaft anlächelte, holte tief Luft, ließ meine Beine senkrecht nach unten fallen und versuchte, es mit meinen Füßen nach Gefühl aufzuspießen, während der Kopf steif an die Hallendecke gerichtet war.
In der Lindenberger Dreifachturnhalle, in der ich immer bin, um meiner Schwester Kathi und meinem Freund Seba beim Handballspielen zuzuschauen, gibt es unter der Hallendecke ein wahres Sammelsurium an Sportequipment und Bällen. Die unterschiedlichsten Gegenstände liegen auf den massiven Querbalken oder haben sich in irgendwelchen Seilen oder Fenstergittern verheddert. Ich frage mich immer, wie oft man einen Fußball zwölf Meter unter die Decke dreschen muss, bis er in einem Winkel unter der Hallendecke stecken bleibt. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass diese Dinge alle zufällig dort gelandet sind. Vielleicht hat sich ganz am Anfang mal eine Jonglierkeule in einer Holzkonstruktion verfangen, und alle anderen Gegenstände hat man beim Versuch verloren, sie wiederzukriegen. An der Schwimmbaddecke erkannte ich nur Spinnennetze und dicke Lüftungsrohre.
»Fang mich doch, Eierloch!«, ruft der Ring bei meinem zweiten Anlauf aus eins achtzig Tiefe. Den Spruch haben ihm bestimmt meine drei kleinen Schwestern beigebracht. Ich wedle mit den Armen und stochere nach dem Ring, aber ich bin ungefähr eins fünfundsechzig groß und in Mathe zumindest so fit, dass ich weiß, dass ich keine Chance auf den Ring habe, solange mein Kopf über Wasser bleibt. Ich hole also tief Luft, lasse mich nach unten plumpsen, versuche, in meiner Panik dieses gelbe Scheißteil am Beckenboden zu ertasten, wickle es um meinen Knöchel, stoße mich unten ab und pflücke, schräg im Wasser treibend, mit einer Hand den Ring von meinem Fuß. Es muss für alle anderen ein ergreifender Anblick sein, wie ich prustend an die Oberfläche platze, den Ring triumphal in meiner Rechten.
»Du sollst nach dem Ring tauchen«, sagt Herr Rädler. Die Mädchen kichern.
»Piscina«, sage ich.
»Eins minus«, sagt er.
Nach dem Duschen sammeln wir uns im Vorraum, wo es einen kleinen Kiosk gibt. Die Betreiberin zieht uns mit ihren Leckereien unser Taschengeld ab, und ein paar Minuten später sitzen wir in Mathe bei Frau Rentschler, unter allen Bänken Servietten, in denen Weingummicolaflaschen und irgendwelche sauren Schnüre eingewickelt sind. Statt kleiner Nachrichtenzettel tauschen wir Süßigkeiten aus, während Frau Rentschler stoisch Lösungsformeln linearer Gleichungen an die Tafel schreibt und so tut, als merke sie nicht, was ihre Schülerinnen und Schüler hinter ihrem Rücken machen. Das ist vielleicht der größte Irrtum, dem Kinder aufsitzen: dass Lehrerinnen und Lehrer nicht mitkriegen, was heimlich in ihrer Klasse passiert.
Frau Rentschler verarbeitet das Los, eine siebte Klasse nach dem Sportunterricht zu haben, auf ihre Weise: »Alexander gibt die Hälfte seiner Colaflaschen an Konstantin ab. Anschließend hat er noch dreimal so viele wie Rebekka, nachdem sie eine gegessen hat. Wie viele Colaflaschen hatte Alexander ursprünglich, wenn die Kioskfrau heute insgesamt vierundsechzig Colaflaschen verkauft hat?«
»Alex, magst du noch was trinken?«
Ralph steht über mir, seine blonde Mähne hängt ihm nass um die Ohren. Ich blinzle in die Jahrhundertsommersonne hinter ihm.
»’ne Spezi, danke.«
»Tanja?«
»Bringsch mir a Wasser mit?«
»Sarah? Robert?«
Die beiden grunzen etwas Schlaftrunkenes. Ralph dreht sich um und verschwindet in Richtung Wasserwacht-Raum. Sein Gang ist gleichzeitig ein Federn und ein Schlurfen.
Seit Tagen liegen wir träge am Waldsee, einem Moorsee am Stadtrand von Lindenberg. Ein Hotel aus der Zeit der Sommerfrischler thront an einem Ende, das andere verläuft sich in Tümpeln und wildem Gestrüpp. Im Sommer werden die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums beim Sportunterricht immer um den See gejagt, doch die Schule ist gerade eine weit entfernte Sache. Wir liegen im sumpfigen Gras in einem versteckten Winkel, der fast nicht mehr zur Badeanstalt gehört. Wenn ich aufschaue, sehe ich nur dunkle Bäume und glitzerndes Wasser. Und Tanja.
Ich vertiefe mich wieder in meinem Textbuch: »Romulus der Große« von Friedrich Dürrenmatt. Aber ich kann mich nicht konzentrieren, überfliege die Passagen nur. Die Wörter tanzen auf der blendend hellen Seite, vermischen sich mit dem Textmarker. Also komm, in einer Woche ist Premiere. Konzentration! Ich bin Romulus, der letzte Kaiser Roms, ich warte mit meiner Frau Julia seelenruhig auf die Ankunft der Germanen. Und Action!
JULIA Du bist direkt germanophil, Romulus.
ROMULUS Unsinn, ich liebe sie noch lange nicht so wie
Tanja.
JULIA Romulus!
Wie meine Hühner! Oh Mann. Wie meine Hühner.
Ich höre ein Platschen. Drei aus der Gruppe sind ins Wasser gesprungen. Sie kraulen auf die Holzplattform im See zu, um die sich schon ein paar von den Posern streiten. King of the Hill: Wer oben bleibt, ist Boss. Leute, das hab ich als Achtjähriger am Schneeberg gegen meine Schwestern gewonnen, ich muss euch gar nichts beweisen!
»Kommsch mit?«, fragt Tanja. Sie schnürt sich mit den Händen hinter dem Rücken ihren Bikini fest. Ihr Gesicht hat viele kleine Pickel und unregelmäßige Stellen, aber das ist mir egal. Sie ist so schön. Ich will sie küssen.
»Meister, deine Spezi.«
Ralph hält mir die Flasche hin. Müsste er nicht auch Text lernen? Er spielt Ämilian, einen jungen Patrizier, der gegen meine Tatenlosigkeit intrigiert. Als ich ihn darauf anspreche, sagt er finster: »Dieser Kaiser muss weg!«
Er nimmt einen Schluck von seinem Radler und rennt in Richtung Ufer. »Tanja, warte! Ich komm mit.«
Ich werfe den gigantischen Gummihai, den ich gerade beim Poetry Slam gewonnen habe, vor mir in die Tiefe. Er trudelt fünf Meter durchs Nichts. Ich höre ihn leise auf dem Wasser aufschlagen. Wer ausscheidet, muss springen: So lautet das Konzept der Veranstaltung. Was sie nicht gesagt haben: Auch der Sieger muss am Ende springen.
Der Schlussapplaus wird langsam leiser. Noch einmal kann ich mich nicht verbeugen. »Wird er das bringen?«, fragt sich ein Lied von Element of Crime in meinem Kopf, fragen sich 300 Zuschauende auf der Freibadwiese, frage ich mich.
Ich bin bis zu diesem Tag genau einmal ins Wasser gesprungen. Das war in einer schwedischen Sommernacht, als ich mich in einer Gruppe von jungen Schwedinnen und Schweden wiederfand, die zusammen in die Sauna gingen.
Den ganzen Tag hatte ich überlegt, ob ich überhaupt mitkommen sollte. Ich kannte nur meine Freundin Franzi, die ich gerade in Stockholm besuchte, und was ich am wenigsten brauchen konnte, waren irgendwelche coolen Schwedenboys, die mir zeigten, was für ein Loser ich war. Aber Franzi überzeugte mich, und so saßen wir zu zehnt in der Sauna des Brunnsviker Kajakvereins, in dem irgendwer hier angeblich Mitglied war, und ich erzählte allen, wie toll ich das alles fände. Nach ein paar Minuten rissen wir die Tür der Sauna auf und sprinteten über den Holzsteg. Einer nach dem anderen hechtete in den See. Okay, scheiß drauf, dachte ich. Alles ist besser, als nackt auf dem Steg stehen zu bleiben.
Die Algen kitzelten meine Arme und Beine, aber sie wollten mich nicht festhalten. Ihre schlängelnden Berührungen sagten mir: »Hey, Alex, hier brauchst du keine Schwimmflügel. Niemand will, dass du irgendeinen Ring suchst: Hier kannst du einfach entspannt schwimmen. Und wir sind auch da.« Also schwamm ich und hatte zum ersten Mal Freude daran. Aus allen Richtungen hörte ich Stimmen auf Schwedisch scherzen, sah Köpfe und Arme aus dem Wasser ragen, beobachtet nur von ein paar Wolken am dunklen Himmel.
Im Anschluss gab es im Obergeschoss des Hauses frisch gebackenes Brot und Wein. Alles duftete und dampfte: der Raum, das Brot, unsere Körper. Ihr seid doch Fremde, dachte ich. Wie könnt ihr mich einfach so bei euch aufnehmen? Wisst ihr nicht, wie komisch ich bin? Und alle Gesten, alle Worte, alle Gesichter sagten: Völlig egal, wie komisch du bist. Heute Abend bist du hier, und heute Abend gehören wir zusammen. Hier, nimm noch ein Butterbrot.
Ich schwamm seitdem oft nackt in irgendwelchen schwedischen Algenseen und malte mir das Unbeobachtete der skandinavischen Natur oft aus, wenn ich in München im Nordbad war. Wenn mein Rücken mir gebot, dafür zu sorgen, dass er auch in zehn Jahren noch Heimat meiner Wirbelsäule sein kann, schwamm ich pflichtbewusst meine Bahnen in dem monumentalen Nazibau. Ich fühlte mich dort beobachtet: von den durchtrainierten Bademeistern, den Kampfschwimmern im Sportbecken, der Marmortribüne an der Längsseite, die in meiner Fantasie immer gefüllt war mit Altnazis, die meinen Schwimmstil beurteilten: »Arsch hoch, Burkhard!«
Und dann springe ich. Ich mache einen großen Schritt, spüre die Leere unter mir, falle, mein Herz überholt sich selbst, ich hole tief Luft, und dann tauche ich ein: in das Kinderschwimmbecken der Grundschule, das kühle Becken des Hallenbads, das brackige Waldseewasser, die schwedischen Algen, ich tauche ein in das Element, das mir so viel Angst macht und mir gleichzeitig so viel Ruhe gibt.
Diesen Text anhören:https://satyr-verlag.de/audio/wasichihr1.mp3
Wo die Abendsonn’ im Bodensee versinkt;
wo ich ’nen Senn im Loden seh, der winkt;
wo im Winter die Loipen und Pisten bereitet;
im Frühjahr ein Sirren die Sonne begleitet;
wo den ganzen Sommer die Kuhglocken klingen,
die – Gott weiß, warum – immer mehr Touris bringen;
wo es mehr Fremdenbetten als Einwohner gibt,
weshalb man fast zwangsläufig die Nachbarin liebt;
wo die Fußballvereine in der Kreisliga spielen
und Vermieter fast schon städtische Preise erzielen,
weil jeder gern lebt zwischen Landstraße und Heu:
Dort liegt das Westallgäu.
Hier wuchs ich auf, zwischen Wiesen und Wäldern,
hatte drei Schwestern, ’ne Katze, zwei Eltern
und keine Probleme – bis Kindheit verschwand
und ich mich fortan in der Jugend befand.
Ich war zurückhaltend, schweigsam und leise,
ständig beschäftigt auf innerer Reise;
bemühte mich selten, mal Freunde zu treffen,
ließ mich viel lieber von Streunern bekläffen,
man sah mich geschlagen die Straßen durchwandern.
Ich und die Trübsal: Wir mochten einander.
Doch eines Tages, ich glaub, es war Mittwoch,
saß ich, gefangen im »Alles-ist-Shit«-Loch,
in meinem Shit-Loch von Jugendmiefzimmer,
da hört’ ich von unserem Parkplatz Gewimmer;
nein, sorry: Gewummer! Musik aus ’nem Wagen
mit Lautstärke »Nachbarn! Könnt ihr das ertragen?«.
Doch hatten wir keine (ich sagte ja: Land),
und wo ich mich grad in der Krise befand,
da traf ich nun Seba, und selbiger hatte
ein Date mit der Schwester, denn er konnte Mathe.
Und er hörte Reggae und Dancehall und Co.
Nach Nachhilfe sprachen wir lange, und so
wurden wir Freunde, mein bester bis heute.
Die Musik und er brachten mich unter Leute.
Wir tanzten und sangen, sehr schlecht und sehr falsch,
doch wie süß der Moment, wenn du endlich schnallsch’,
dass das egal ist, weil’s nur darum geht,
dass man gemeinsam Spaß hat und lebt.
Dieses Gefühl war für mich ein sehr neues.
Ein Fünklein sprang über, zunächst ein sehr scheues,
das sagte: »Es geht doch, pack’s an, und steh auf!
Sei positiv, liebe die Menschen, und sauf
mal über den Durst vom Trank der Ekstase;
bejahe das Leben in jeglicher Phase!«
Und hab ich auch nicht jedes Wort unterstützt,
so hatt’ ich doch was, das vor Traurigkeit schützt.
Wo die Abendsonn’ im Häusermeer versinkt;
wo man im Loden sich auch heuer schwer betrinkt;
wo im Winter der Westwind die Grippe verbreitet,
im Sommer man Nackte zum Eisbach begleitet;
wo ständig Rathausglocken klingen,
die – Gott weiß, warum – immer mehr Touris bringen;
wo es mehr Einwohner als Betten bald gibt,
weshalb man fast zwangsläufig die Maklerin liebt;
wo die Fußballvereine in der Champions League spielen
und Vermieter fast schon schändliche Preise erzielen,
weil jeder gern lebt zwischen Weltstars und Hündchen:
Dort liegt München.
Hier lebe ich nun, zwischen Grünstreifen und Bäumen,
manchmal noch schweigsam und ständig am Träumen,
doch diesmal mit Freuden und Hund und Kollegen
und Musikbegleitung auf all meinen Wegen.
Und letzte Woche, ich glaub, es war Montag,
fiel mir dann auf, dass ich wirklich den Ton mag,
den ich produzier, wenn ich’s selbst mal probier,
also setzte ick mir als Star ans Klavier.
Ich spielte und sang, sehr falsch und sehr schlecht,
sodass sich die städtischen Nachbarn zurecht
beklagten: »Das geht nicht, pack’s ein, und hör auf!
Nimm Nachhilfe, pay dort attention, und sauf
mal über den Durst vom Trank der Talente,
oder – bei Gott – isolier deine Wände!«
Und haben sie auch nicht jedes Wort so gemeint,
so hab ich des Abends doch heimlich geweint.
Wenn ich heute im Auto des Freundes mal sitze,
durchzucken mich stets musikalische Blitze.
Sie erzählen von Tagen, die wichtig mir waren,
und ich lächle beim Durch-die-Vergangenheit-Fahren.
Denn höre ich heute auch andere Bands,
meist mit mehr Inhalt und weniger Dance,
hat die Musik meiner Jugend mich erstmals befreit
vom rettungslos tiefen Versinken in Leid.
Seba ist jetzt Doktor, ich selbst bin Poet;
wir sehen uns selten, so oft es halt geht,
doch wenn er das Gas seines Autos durchtritt,
hör’n wir Reggae und Dancehall und singen laut mit.
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