Was zählt, ist die Liebe - Christoph Zehendner - E-Book

Was zählt, ist die Liebe E-Book

Christoph Zehendner

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Beschreibung

Was in den 70er-Jahren mit einem kleinen Kinderheim im indischen Narsapur begann, hat sich zu einem Kreislauf der Liebe entwickelt, der Menschen in Indien und Deutschland nachhaltig verändert hat. Die Nethanja-Kirche zählt heute über 120.000 Gottesdienstbesucher in rund 1.500 Gemeinden. In seinem zweiten Buch über die Nethanja-Kirche begibt sich Christoph Zehendner auf eine Spurensuche und spricht mit Menschen in Indien und Deutschland darüber, wie die Arbeit der Nethanja-Kirche ihr Leben und ihren Glauben verändert hat: Der Zahnarzt aus Schwaben, der im Dschungel bitterarme Patienten behandelt und reich beschenkt zurück nach Hause fliegt. Die Sozialarbeiterin, die AIDS-Patientinnen im Slum neue Hoffnung gibt und sie ermutigt, an Jesus zu glauben. Der krebskranke Bischof, der durch Leid und Schmerz zu tiefem Dank und innerer Stärke findet. Die ungewöhnlichen, authentischen und bewegenden Lebensgeschichten, die Christoph Zehendner für dieses Buch gesammelt hat, zeigen, wie Gott das Leben der Menschen durch die Arbeit der Nethanja-Kirche bereichert hat. Sie inspirieren dazu, dem Kreislauf der Liebe immer neuen Schwung zu verleihen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 243

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Christoph Zehendner

Was Zählt, ist die Liebe

Neue Mutmach*Hoffnungs-Geschichten aus Indien und Deutschland

Zum Autor:

Der Journalist, Moderator, Texter und Theologe

Christoph Zehendner, Jahrgang 1961, lebt mit seiner Frau Ingrid in Triefenstein bei Würzburg.

www.christoph-zehendner.de

Die Bibelstellen sind folgenden Übersetzungen entnommen:

Hoffnung für alle®, Copyright © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica, Inc.®.

Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Fontis.

Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Weitere Fotos und Videos zum Buch finden Sie auf der Internetseite des Nethanja-Vereins: https://www.nethanja-indien.de/was-zaehlt/

© 2025 Brunnen Verlag GmbH, Gießen

Gottlieb-Daimler-Str. 22, 35398 Gießen

www.brunnen-verlag.de; [email protected]

Lektorat: Stefan Loß

Umschlaggestaltung: Daniela Sprenger

Fotos: Umschlag und Innenteil: Mitch Rübel (roadventures.de)

Weitere Fotos: Matthew Kunche, Markus Schanz, Christoph Zehendner

ISBN Buch: 978-3-7655-3326-6

ISBN E-Book: 978-3-7655-7751-2

Inhalt

1. Gedankenkarussell auf dem Heimweg

Zur Einleitung

2. Die Pionierinnen

Zwei Dschungel-Pastorinnen schreiben Kirchengeschichte (Lukas 10,42 und 1. Samuel 16,7)

3. Engel im Elendsviertel

Die Heldinnen der Nethanja-Kirche und ihr ganz spezieller Einsatzort (Psalm 91)

4. Jetzt gehören wir dazu

Simeons schwerer Weg aus der Leprakolonie (Psalm 50,15)

5. Gastfreundschaft als Lebensaufgabe

Die Achterbahnfahrt einer jungen Frau, die vom eigenen Vater verkauft wurde (Psalm 91)

6. Er will heilen

Wie eine lebensbedrohende Krankheit das Leben des Nethanja-Bischofs Singh verändert (Jesaja 57,1b und 19)

7. Indian Vibes und die Jagd nach dem Frieden

Wie eine junge Frau aus Deutschland durch Erfahrungen in Indien beschenkt und bereichert wird (Psalm 34,15)

8. Die Kämpferin aus dem Dschungel

Eine erfolgreiche Sportlerin entscheidet sich für eine ungewöhnliche Karriere (Psalm 1)

9. Durch Leiden und Verfolgung stark

Nach schlimmen Verfolgungen wächst die Kirche in Orissa (Römer 8,28)

10. Von nächtlichen Schlangenbissen und mutigen jungen Löwen

Zwei Kinderheimmütter und ihr Rund-um-die-Uhr-Einsatz (Psalm 23,1 und Sprüche 48,1)

11. Von ganzem Herzen gehorsam

Eine Brahmanin findet zu Jesus (1. Samuel 15,22)

12. Ein Segen sein

Horizonterweiterung durch die abenteuerlichste Reise des Lebens (Matthäus 6,9b und 1. Mose 12,2)

13. Miriyams drei Familien

Wie ein mutterloses Kind Heimat findet (Johannes 20,1, Maria Magdalena)

14. Ein Dschungelvolk auf dem Weg in die Zukunft

Wie Bonda-Amos zu seinem Namen kommt und ihm alle Ehre macht (Matthäus 28,19+20)

15. Der Kreislauf der Liebe

Wie ein gemischtes Ärzteteam aus Indien und Deutschland für gesunde Zähne sorgt (1. Johannes 1,17b)

16. Menschen helfen macht glücklich

Von Florence Nightingale und ihren engagierten Nachfolgerinnen

17. Meine Energie im Einsatz für Menschen in Not

Wie Jothir sich gleichzeitig als Medizinerin und als Seelsorgerin einsetzt (Lukas 10,27 und 28)

18. Horrornächte in Mumbai

Wie eine Indienreise trotz schlimmer Erfahrungen äußerst fruchtbare Folgen hat (2. Korintherbrief 16,14)

19. Fünf Brote und zwei Fische

124 Flöten für Musik, Freude und Selbstbewusstsein (Johannes 6,11 und Markus 4,26+27)

20. Crazy Schulmanagement aus dem Homeoffice

Wie eine Bischofstochter von Australien aus eine Schule in Indien auf Trab bringt (Johannes 13,14+15)

21. Nur keine Angst

Eine engagierte Diakonisse im Einsatz für Wert, Würde und Gleichberechtigung (Jesaja 43,1b)

22. So richtig on fire

Wie die Nethanja-Buchhalterin bei ihrem ersten Besuch in Indien Feuer fängt (Johannes 13,35)

23. Ein Wunder auf zwei Beinen

Aus einem Dschungeldorf in hohe Verantwortung (Psalm 23,1)

24. Wie Musik Menschen verbindet

Die Säulen der Nethanja-Kirchenmusik spielen gemeinsam eins meiner Lieder ein (Psalm 96,1)

25. Danke! Thank you! Wandanalu!

Nachwort

Von Markus Schanz, Geschäftsführer des deutschen Nethanja-Trägervereins

1. Gedankenkarussell auf dem Heimweg

Zur Einleitung

Donnerstag, 17. Oktober 2024, gegen 14.00 Uhr MEZ. Air-India-Flug AI 121 von Delhi nach Frankfurt. Insgesamt fast 6500 km bzw. acht Flugstunden. Etwa die Hälfte davon haben wir schon hinter uns. Auf dem Display vor mir kann ich grob erkennen, wo wir uns aktuell befinden. In absehbarer Zeit lassen wir Moskau rechts liegen. Dann Kiew links. Schließlich kommen wir noch an Minsk und Warschau vorbei. Und kurz vor Beginn des Landeanflugs an Berlin.

Die Zeit schleicht. Die freundliche Stewardess hat uns mit Flugzeug-Speisen indischer Art bewirtet (natürlich Hühnchen mit Reis in sehr würziger Sauce). Ich bin Economy unterwegs, also Holzklasse. Ziemlich eng für einen 183-cm-Mann wie mich. Die meisten Fluggäste in meiner Umgebung dösen oder verfolgen aus dem Augenwinkel heraus wahlweise bunte Bilder von Bollywood-Schnulzen oder Hollywood-Blockbustern.

Neben mir sitzen drei Menschen, die mir in den letzten zwei Wochen sehr lieb geworden sind. Wir haben gemeinsam Abenteuer erlebt und Gottesdienste gefeiert. Tränen vergossen und viel gelacht. Große Städte und winzige Urwalddörfer haben wir gemeinsam besucht. Den Kopf geschüttelt über manche Beobachtungen und katastrophale Verhältnisse. Gejubelt über beeindruckende Menschen und zukunftsweisende Entwicklungen.

Unsere Mini-Reisegruppe wird sich gleich in Frankfurt auflösen, wenn wir hoffentlich unser gesamtes Gepäck vom Kofferband gepflückt haben. Unterwegs sind bzw. waren eine Frau und drei Männer: Friederike Rust, seit etwa einem Jahr Buchhalterin des Nethanja-Trägervereins und zum ersten Mal in Indien unterwegs. Ihr Chef, Nethanja-Geschäftsführer Markus Schanz (mehr zum Verein siehe S. 199), der die Reise nach Indien und zurück ein paarmal pro Jahr unternimmt und deswegen schon über sehr viel Erfahrung verfügt. Mitch Rübel, Fotograf und Filmemacher, der mit frischem Blick, unermüdlichem Fleiß und hoher Professionalität die Fotos für dieses Buch geschaffen hat. Nummer vier bin ich, Christoph Zehendner. Journalist. Theologe. Liedermacher. Und jetzt gerade Autor eines Buchs, das ihm während der Arbeit sehr ans Herz gewachsen ist.

Schon 2017 habe ich ein Buch über die Nethanja-Kirche in Indien geschrieben. Über ihre Geschichte und einige ihrer wichtigen Persönlichkeiten: „Namaste. Du bist gesehen – Abenteuer. Mutmach.Hoffnungsgeschichten aus Indien“. Dieses Buch hat sich erstaunlich weit verbreitet. Viele Leserinnen und Leser fanden es wertvoll und inspirierend. Und so haben mich Nethanja und ­Brunnen Verlag eingeladen, noch einmal nach Indien zu reisen und Material für ein neues Buch zusammenzutragen.

Ein Buch, in dem ich einige der tapferen, engagierten, faszinierenden Persönlichkeiten vorstellen möchte, die Nethanja aus­machen. Menschen, die zum Teil aus der zweiten oder dritten Reihe heraus unschätzbar wichtige Arbeit für diese lebendige Kirche tun. Die selbst faszinierende Lebensgeschichten erzählen können. Und die sich mit all ihrer Kraft dafür einsetzen, dass auch andere Menschen Befreiung, Hilfe, Orientierung erleben können.

Und jetzt waren wir also unterwegs, um in Indien ganz unterschiedliche Menschen zu treffen, die zur Nethanja-Kirche gehören und die die Säulen der Arbeit sind. Was ich bei dieser Reise gehört, gesammelt, gefischt, erlebt, recherchiert habe, reist mit mir zurück. Dutzende von vollgekritzelten DIN-A4-Seiten mit Gesprächs­notizen. Stundenlange Mitschnitte aller Interviews, die in den Sprachen Deutsch, Englisch, Telugu und Oriya geführt wurden. Ge­legentlich unterstrichen mit Händen und Füßen, mit Lächeln und Kopfschütteln (Achtung, Kopfschütteln bedeutet in Indien Zustimmung!). Und einmal, in einer Klasse von gehörlosen Schülerinnen und Schülern, sogar in Gebärdensprache.

Tief in mir gespeichert habe ich Eindrücke, die mich berührt und inspiriert haben, aber auch aufgewühlt und in Zorn versetzt. Und immer, immer wieder Gesichter, die ich nicht vergessen kann. Augen, die von so viel Leid und so viel Hoffnung erzählen. Die von aufregenden Lebensgeschichten berichten, die ich mir in meiner Komfortzone zu Hause kaum vorstellen kann. Und die das übertreffen, was ich mir im Voraus ausgemalt, zurechtgelegt und erhofft hatte.

All diese Geschichten, Informationen, Gesichter nehme ich jetzt mit nach Deutschland. Eigentlich kein Wunder, dass ich da gerade vergeblich versuche, wenigstens ein paar Minuten Schlaf in unbequemer Haltung zu finden. Immer, wenn ich wieder kurz vor dem Eindösen bin, fällt mir wieder einer dieser besonderen Menschen ein:

Jessica, die charmante Servicechefin des Nethanja-Gästehauses, die als kleines Mädchen vom eigenen Vater verkauft wurde.

Sujatha, die als Seelsorgerin in die Elendsviertel der Stadt geht, aidskranke Frauen betreut und deshalb schon mehrfach mit dem Tod bedroht wurde.

Janaki, die junge Krankenschwester kurz vor dem Examen, die mit großer Leidenschaft Deutsch lernt, weil sie in Deutschland pflegebedürftigen Menschen helfen will.

Simeon, dessen Eltern in einer Aussätzigensiedlung leben mussten. Der deshalb als Kind verspottet und ausgestoßen wurde. Und heute als Bauleiter die großen Bauprojekte der Nethanja-Kirche fest im Griff hat.

Auch Amos fällt mir ein, Pastor und Dekan im Dschungel, der uns mit einigen Christen aus dem indigenen Bonda-Stamm besucht hat und berichtet, wie das Evangelium ihre Kultur und ihre Dörfer stärkt.

Und Singh nicht zu vergessen, den Bischof der Nethanja-Kirche. Durch die Arbeit am ersten Buch ist er mir zum engen Freund und Bruder geworden (mit diesen Worten begrüßt er mich jedes Mal am Telefon oder per WhatsApp: „Lieber Bruder …“).

Ach ja, und da sind ja auch noch Suresh und John-Babu, Gershom und Kiran und Gideon und, und, und. Die Kirchen­musiker von Nethanja, mit denen als Begleitband ich einen meiner deutschen Songs in einer spontanen Jam-Session aufgenommen habe. Titel: Was zählt. Exakt der Titel dieses Buches.

Lauter einzigartigen, prächtigen, liebevollen Menschen sind wir begegnet. Originalen. Besonders gelungenen Geschöpfen Gottes. Menschen, die mir offen und ehrlich aus ihrem Leben berichteten. Und die mir auch anvertrauten, welche Sätze aus der Bibel für sie Wegbegleiter durch das Gestrüpp manch schwieriger Wegstrecken geworden sind.

In diesem Buch möchte ich beschreiben, was ich bei ihnen in Indien an Glauben, Hoffnung und Liebe entdeckt habe. Wie sie mich persönlich beeindruckt und inspiriert haben. Ergänzend dazu stelle ich auch Frauen und Männer aus Deutschland vor, die für oder mit Nethanja arbeiten und echte Mutmacher und Inspiratoren sind. Eine junge Frau aus dem fernen Australien ist übrigens auch am Start.

Und jetzt sitze ich also hier im Flieger fest und würde am liebsten einen ausgiebigen Spaziergang machen. Alle Gespräche für das Buch sind geführt. Einige Porträt-Entwürfe schon auf der Festplatte meines MacBooks gespeichert. Nach fast zwei Wochen strammer Arbeit geht es nach Hause. Und dort weiter an die Arbeit.

Ich werde darum ringen, meine persönlichen Erlebnisse und Gefühle so auf den Punkt zu bringen, dass Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, diese Persönlichkeiten auch kennenlernen können. Vielleicht, hoffentlich, auch lieb gewinnen. Manche jedenfalls. Und dass Sie am Ende empfinden: Diese Lebensgeschichten haben mir tatsächlich Mut gemacht. Und Hoffnung gegeben.

Puh, da habe ich mir etwas Anspruchsvolles vorgenommen. Darüber grüble ich gerade nach. Aber ich vertraue darauf, dass ich nicht alleine um einen überzeugenden Text ringen muss. Ich weiß, dass etliche meiner neu gewonnenen Bekannten in Indien Gott in den Ohren liegen. Ihn darum bitten, dass es am Ende ein gutes, ein sehr gutes Buch werden möge. Denn vertrauensvoll beten und dann Gottes Geschenke dankbar erleben – das können die Frauen und Männer bei Nethanja in Indien deutlich besser als ich nüchterner und oft so skeptischer Journalist aus Europa.

Ich sehe gerade vor mir: Moskau haben wir inzwischen schon fast hinter uns gelassen. Der europäische Boden kommt immer näher. Nur noch 2407 Flugkilometer. Die halte ich jetzt auch noch durch …

Schön, dass Sie mit mir auf die (Lese-)Reise gehen! Vielleicht in einem Sessel, der deutlich gemütlicher ist als mein Flugzeugsitz. Bitte genießen Sie eindrucksvolle Lebensgeschichten und starke ­Fotos. Und dann informativ und kompakt gebündelt die wichtigsten Fakten über Nethanja.

Ich bin sehr gespannt, wie Ihnen gefallen wird, was Sie in diesem Buch vorfinden. Hoffentlich haben Sie durch das Kennenlernen einzelner Persönlichkeiten am Ende so etwas wie ein „Gesamtbild“ von Nethanja vor Augen. Hoffentlich bildet sich in Ihrem Inneren aus vielen Mosaiksteinen ein schönes Motiv heraus.

Viel Freude bei Ihrer Entdeckungsreise in Indien!

Christoph Zehendner

2. Die Pionierinnen

Zwei Dschungel-Pastorinnen schreiben Kirchengeschichte (Lukas 10,42 und 1. Samuel 16,7)

Ja, bin ich denn hier im Neuen Testament gelandet? Ist hier etwa Ephesus, Korinth oder irgendein Dorf in Galatien? Nein, ich bin ganz sicher in Indien. Genauer gesagt: im Siler-Dschungel. Am Rande der Zivilisation (jedenfalls aus Sicht der indischen Städter). Sozusagen hinter den Bergen, fast bei den sieben Zwergen.

Eine stundenlange Rutscherei über die schmalen und kurvenreichen Straßen des dichtgrünen Dschungels liegt hinter uns. Durch heftigste Regenfälle hindurch, die abgelöst wurden von brütender Hitze, sind wir in einem – mit Verlaub – Kaff gelandet. Es trägt den etwas knurrig klingenden Namen Marri Gudem. Und sieht genauso aus. Ein Nest an der Straße. Mit wenigen kleinen Häusern, die den Charme einer provisorischen Bruchbude ausstrahlen. Aber mit ­einer nett gestalteten kleinen Kirche. Die Grundfläche etwa so groß wie ein Wohnzimmer in meiner fernen Heimat.

Genau hier erlebe ich etwas, das ich nie mehr vergessen werde. Und was so oder so ähnlich auch Lukas in seiner Apostelgeschichte hätte berichten können. Diese Erfahrung ist für mich so anders, so ungewöhnlich, so unglaublich – wie könnte ich sie nur jemandem erzählen, der nicht selbst dabei war? Ich versuch es und gebe mein Bestes. Und hoffe, Sie können meine Verblüffung wenigstens etwas nachempfinden.

Alles beginnt wie üblich bei indischen Kirchenbesuchen: Wir werden wie wichtige Persönlichkeiten begrüßt. Mit Blumenketten behängt. Mit Namaste-Gruß und Verbeugung geehrt. Ein Trommler gibt als Kirchenmusiker den Takt vor. Die versammelte Menge klatscht und singt begeistert ihre Kirchenhits. Mitglieder der Gemeinde und etliche Gäste füllen die Kirche. Fast alle haben sich im Schneidersitz auf dem Boden niedergelassen. 80, vielleicht 100 Menschen sind zusammengekommen. Volles Haus. Draußen hören noch einmal einige Dutzend Zaungäste zu und feiern mit.

Nach den leicht pathetisch klingenden Grußworten soll ich auf Wunsch von Bischof Singh eine Andacht halten. Singh übersetzt jeden meiner deutschen Sätze in Telugu. Ein weiterer Pastor wiederum übersetzt von Telugu in Oriya, die Sprache, die fast alle hier sprechen. Für mich bedeutet das: kurze, klare Sätze. Einfache Gedanken. Nicht Glaubenstheorie. Sondern Praxis. Von Jesus, dem Brot des Lebens, spreche ich. Von dem, der die Sehnsucht und den inneren Hunger von uns Menschen kennt. Und der uns geben will, was wir zum Leben brauchen.

Nach Gebet und Segen stehen wir noch etwas mit den Gemeinde­gliedern zusammen. Überschwänglich bedanken sie sich für unseren Besuch. Sie fühlen sich geehrt und ermutigt durch Menschen, die sich aus so weiter Ferne zu ihnen aufgemacht haben. Das können wir deutlich spüren.

Ich bin kurz darauf schon wieder draußen vor der Kirche, habe mir meine Slippers übergestreift (in die Kirche geht man hier stets barfuß oder in Socken) und will mich schon auf den Weg machen zu unserem zuverlässigen Fahrer Keke und seinem geländetaug­lichen Auto.

Da werde ich zurückbeordert. Warum auch immer. Ich drehe mich um. Schlüpfe wieder aus den Slippers heraus. Und kämpfe mich auf Socken durch die Besucherinnen und Besucher hindurch zurück in den Kirchenraum.

Drinnen entdecke ich ein schüchtern wirkendes Paar. Die junge Mutter hat ihre etwa ein Jahr alte Tochter auf dem Arm. Bischof Singh erklärt uns das Anliegen der jungen Eltern. Und ich habe zunächst den Eindruck, dass ich mich verhört haben könnte.

Die beiden haben sich durch den Kontakt zur Pastorin der Gemeinde in Marri Gudem dazu entschieden, ein Leben als Christen zu wagen, erklärt Singh. Morgen soll ihre Taufe sein. Und jetzt bitten sie uns heute um einen Liebesdienst: Sie haben ihrem Kind vor einigen Monaten ein Amulett um den Hals binden lassen, das ihnen irgendwelche Priester verkauft haben. Die meisten Menschen hier im Dschungel sind Animisten. Leben in ständiger Furcht vor bösen Mächten. Versuchen, sie positiv zu stimmen durch blinden Gehorsam, bestimmte Rituale oder Opfer.

Dieses Amulett um den Hals sollte ihre Tochter also schützen vor der Macht der bösen Geister. Vor Krankheit. Vor Armut und vor was weiß ich noch allem. Doch jetzt haben die jungen Eltern eine klare Entscheidung getroffen: Sie wollen sich frei machen von den bösen Mächten, die sie bisher in Angst und Schrecken versetzt haben. Sie setzen ihr Vertrauen nicht länger auf die Macht der Geister oder die Kraft von Amuletten. Sie möchten sich Jesus anvertrauen, ganz und gar. Und deshalb soll ihr Kind frei werden von diesem Hokuspokus.

Das Problem dabei lässt sich in den angespannten Gesichtern der beiden ablesen: Sie haben trotz allem noch so viel Respekt, so viel Angst vor der Macht des Armbandes, dass sie uns um ­Unterstützung bitten: Bitte schneidet ihr das Amulett von unserer Tochter ab. Und betet für uns und unser Kind.

Friederike Rust und ich sehen uns kurz an. Sie scheint genauso überrascht zu sein wie ich. Doch kneifen gilt nicht. Für theologische Grundsatzüberlegungen bleibt keine Zeit. Hier geht es um eine für die jungen Eltern schier lebenswichtige Angelegenheit. Vor ihrer eigenen Taufe soll ihr Kind frei werden. Frei durch die Kraft Jesu.

Also. Packen wir’s an. Bzw. schneiden wir’s ab.

Singh und ich nehmen die junge Familie schützend in unsere Mitte. Mit ausgebreiteten Armen bilden wir eine Art Schirm über ihren Köpfen. Friederike bekommt eine Schere in die Hand gedrückt. Sie tritt auf die junge Familie zu. Anspannung und Angst der jungen Eltern sind mit Händen zu greifen. Singh nickt mir zu. Ich fange an, auf Deutsch zu beten. Zu danken für diese jungen Leute und ihr Kind. Dafür, dass sie den Weg mit Jesus gehen wollen. Dafür, dass Jesus stärker ist als alle anderen Mächte dieser Welt. Dass er sie und ihr Kind schützen und segnen möge. Jesus, du bist stärker. Jesus, du machst frei.

Ehrlich gesagt: Ich zittere innerlich bei diesem für mich so ungewohnten Gebetsthema. Was genau betet man in einer solchen Lage? Im Theologiestudium hat mir das niemand beigebracht. Was könnten die beiden Eltern denn irgendwie nachvollziehen und mitbeten? Ich will auf gar keinen Fall irgendetwas Falsches oder Missverständliches von mir geben.

Gleichzeitig jauchzt mein Herz. Denn ich weiß: Gerade hier im Dschungel gibt es noch jede Menge finsteren Aberglauben. Rituale, Traditionen, Verhaltensregeln, die Menschen knechten und zu Sklaven böser Mächte und ihrer menschlichen Helfershelfer machen. Umso erfreulicher, dass diese jungen Leute bei Jesus Freiheit suchen. Und hoffentlich finden werden. Genau hier, in dieser Gemeinde. Angeregt und ermutigt durch ihre Pastorin.

Zwei kräftige Schnitte, dann sind die Schnüre mit dem Amulett durchtrennt. Einige Mitarbeiterinnen aus der Gemeinde jubeln. Der Vater wirkte bis zum Gebet ziemlich unsicher auf mich. Nach dem Amen wagt er ein Lächeln. Er strahlt mich an. Befreit. Erlöst. Vergnügt. Wir nehmen uns in die Arme wie Brüder. Obwohl wir uns nicht kennen. Und vermutlich nie wiedersehen werden.

Wie man sich doch täuschen kann …

Denn schon am nächsten Morgen treffe ich die beiden über­raschenderweise doch noch einmal. Zusammen mit etwa 25 anderen Frauen und Männern sind sie zu einem Flusslauf im Dschungel gewandert. Hier wollen sie ihren Neuanfang mit Jesus festmachen. Sich taufen lassen. Ganz untergetaucht werden. Abschied nehmen von ihrem alten Leben. Und dann wieder auftauchen. Befreit zu einem neuen Anfang. Zu einem neuen Leben.

Was die beiden wohl nicht wissen. Und was auch ich erst im Nachhinein verstehe: Diese Taufe ist für die Nethanja-Kirche ein geradezu historisches Ereignis. Denn an diesem Morgen tauft zum ersten Mal eine der frischgebackenen Nethanja-Pastorinnen gemeinsam mit zwei gestandenen Nethanja-Bischöfen.

Verantwortlich für die Gemeinde, in der die jungen Eltern zum Glauben an Jesus gefunden haben, ist nämlich kein Mann. Sondern die zupackende Sajeeva. Ihr Gatte David ist schon seit vielen Jahren Pastor. Seit genau 36 Jahren, erklärt sie mir. Und als ich sie frage, wie lange sie schon als Pastorin arbeitet, lacht Sajeeva. „Genauso lang. 36 Jahre. Ich habe David von Anfang an unterstützt und ­eigentlich schon immer wie eine Pastorin gearbeitet.“

Ein erstaunlich gesundes Selbstbewusstsein, finde ich. Denn die Nethanja-Kirche tat sich jahrzehntelang schwer mit der Gleich­berechtigung von Frauen. Wie viele Kirchen weltweit. Gemeinde­leiter, Pastoren, Dekane, Bischöfe – alles Männer. Frauen „durften“ nur als sogenannte Bibelfrauen mithelfen, als Sozialarbeiterinnen, als aktive ehrenamtliche Mitarbeiterinnen. Mehr war nicht drin. Ganz egal, welche Ausbildung diese Frauen hatten oder wie wertvoll ihre Dienste in Gemeinde und Seelsorge waren.

Erst im Januar 2023 wurden nach einigen theologischen Diskussionen die vier ersten Frauen in der Nethanja-Kirche zu Pastorinnen ordiniert. Genau zu dem Zeitpunkt, als die Stuttgarter Prälatin Gabriele Arnold die Kirche in Indien besuchte. Und bei der Gelegenheit ihre Glaubensschwestern ins neue Amt begleiten konnte.

Sajeeva strahlt, als ich sie darauf anspreche. Und dann sprudeln die Worte nur so aus ihr heraus: Dass sie sich schon immer ganz besonders um Frauen und Kinder gekümmert hat. Dass sie ihren Mann David von Anfang an in der Gemeinde vertreten hat. Dass sie besonders viel zu tun hatte, als David ins Gefängnis musste. (Bevor er Christ wurde, war David Mitglied der Terrorgruppe der Naxaliten. Weil er sich stellte und seine Schuld einräumte, musste er Jahre später eine Haftstrafe verbüßen. Und konnte in der Zeit natürlich nicht für seine Gemeinde da sein.)

„Vor 18 Jahren ist dann aus unserer Gemeinde heraus eine zweite Gemeinde in der Nähe entstanden“, berichtet Sajeeva mit einem gewissen Stolz. „Um diese Gemeinde habe ich mich von Anfang an gekümmert.“ Wie eine Pastorin. Ohne Pastorin zu sein. Ich frage noch mal nach: Seit wann bist du denn jetzt offiziell als Pastorin eingesetzt? „Seit zwei Jahren“, verkündet Sajeeva. Und strahlt.

Ihr Strahlen wird noch breiter, als ich mich danach erkundige, welche Amtshandlungen sie in dieser Zeit denn schon ausgeübt hat. „Vier erwachsene Gemeindemitglieder konnte ich taufen. Für zwei Kinder konnte ich den Namen heraussuchen und sie segnen. Jeden Sonntag leite ich den Gottesdienst. Dann gibt es noch Treffen in verschiedenen Häusern und Familien, für die ich verantwortlich bin. Und jeden Monat feiern wir als Gemeinde das Abendmahl zusammen.“

Ein ganz normales Pastorinnenleben. Und eben doch alles andere als normal für mich aus dem fernen Deutschland. Denn zu den Schäfchen dieser Pastorin gehören Menschen, für die der Glaube an Jesus etwas vollkommen Neues, Fremdes, Unbekanntes ist. Und die sich dann sehr bewusst für ein Leben mit diesem Jesus und in seiner Gemeinde entscheiden. Wie zum Beispiel die junge Familie, die sich von dem Amulett und seiner angeblichen Macht losgesagt hat. Solche Menschen zu begleiten, stelle ich mir als ganz besonders herausfordernd vor.

„Sind Frauen eigentlich bessere Pastoren als Männer?“, frage ich Sajeeva. Und fordere sie damit bewusst ein wenig heraus. „Nein, wir sind nicht besser. Aber wenn keine Männer da sind, dann stehen wir als Pastorinnen eben unsere Frau!“, lacht Sajeeva. „Viele Frauen in der Gemeinde tun sich viel leichter, sich mit einem Problem an mich zu wenden als an meinen Mann. Frauen vertrauen sich leichter Frauen an als ihrem Pastor, das haben wir oft erlebt. Zum Beispiel, wenn sie durch eine Krankheit massive Finanzprobleme haben und Hilfe brauchen.“

Dann erklärt Sajeeva mir noch, wie dankbar sie ist, dass sie als Pastorin anerkannt wurde und entsprechend in der Kirche arbeiten kann. Obwohl sie weder Bibelschule noch Universität besucht hat. Ausgebildet wurde sie in der jahrzehntelangen Schule der Praxis. „Ich bete oft: ‚Herr, du hast mich damit geehrt, dass ich so eine besondere Aufgabe erfüllen darf. Ich hätte das niemals erwartet. Du segnest mich auf eine ganz besondere Weise. Ich bin dir dankbar und will dir hier in dieser Gemeinde dienen, so gut ich kann.‘“

Wenn es nach Sajeeva ginge, das begreife ich von Beginn unseres Gesprächs an, dann würde die Nethanja-Kirche in den nächsten Jahren noch viel mehr Pastorinnen ordinieren.

Suvartha sieht das wohl genauso. Suvartha ist heute etwa 50 Jahre alt, ähnlich wie ihre Kollegin Sajeeva. Auch sie wurde 2022 zur Nethanja-Pastorin ordiniert. Ihre Lebensgeschichte weist viele Parallelen zu der Sajeevas auf. Auch sie hat schon vor Jahrzehnten damit begonnen, als Frau des Pastors in der Gemeinde aktiv zu werden. Schon als kleines Mädchen hatte sie davon geträumt, eines Tages als Pastorin zu arbeiten. So heiratete sie Pastor Prasad und unterstützte ihn nach Kräften.

„Aber ich hätte nie damit gerechnet, dass ich tatsächlich Pastorin werden könnte“, erzählt mir Suvartha. „Ich fühlte mich einfach nicht würdig für diese Aufgabe. Dann kam eines Tages Bischof Singh zu mir. Er fragte mich, ob ich als Pastorin eingesetzt werden möchte. Mich hat das total überrascht. Aber Singh, unser geistlicher Vater, hat mir Mut dazu gemacht. Auch unsere Gemeinde hat mich mit Begeisterung aufgenommen. Von Anfang an hatten die meisten in der Gemeinde ein ganzes Ja dazu, dass ich predige und den Gottesdienst leite.“

Beim Gespräch fällt mir auf: Ähnlich wie ihre Kollegin Sajeeva blickt mir Suvartha offen und ohne Scheu in die Augen. Sie tritt nicht dominant auf. Aber sie weiß, was sie will. Sie strahlt Würde aus. Autorität. Vollmacht.

„Gibt es einen Bibelvers, der dir für deine Arbeit als Pastorin besonders wichtig ist?“, frage ich sie. Und staune über die Antwort. Zum einen erinnert Suvartha sich an die Szene, in der Jesus bei den beiden Schwestern Martha und Maria zu Gast ist. Martha rackert sich ab und bedient Jesus mit großem Eifer. Maria sitzt einfach da und hört Jesus aufmerksam zu. Der Evangelist Lukas notiert dazu den spannenden Kommentar von Jesus (Lukas 10,42): „Eins ist wirklich wichtig und gut! Maria hat sich für dieses eine entschieden, und das kann ihr niemand mehr nehmen.“

Eine Stelle aus dem Alten Testament liefert Suvartha gleich dazu. 1. Samuel 16,7 b: „Für die Menschen ist wichtig, was sie mit den ­Augen wahrnehmen können; ich (Gott) dagegen schaue jedem Menschen ins Herz.“

Auf Jesus hören und dann den Menschen so gut es geht „ins Herz“ schauen und sie entsprechend behandeln. Was für ein schönes Motto für die Arbeit einer Pionier-Pastorin.

Als ich Suvartha frage, welche Aufgaben sie an ihrem Pastorinnen-Dienst besonders schätzt, kommt ihre Antwort prompt: „Mir ist es wichtig, für die Gemeinde zu beten und mir Zeit zu nehmen für die einzelnen Gemeindemitglieder. Ich möchte das Evangelium ganz persönlich weitersagen. In erster Linie bin ich Seelsorgerin, vor allem für Frauen.“

Mutter und Großmutter ist sie übrigens außerdem auch noch. Sie kann sich erfreuen an drei erwachsenen Söhnen, einer Schwiegertochter und einer kleinen Enkelin. Und auch darüber, dass die nächste Generation der Familie auch bei Nethanja mitarbeitet. Zum Beispiel ihr Sohn Matthew, der an der Nethanja-Musikschule unterrichtet und in vielen Gottesdiensten für den richtigen Rhythmus sorgt.

Doch auch einen harten Schicksalsschlag musste Suvartha verkraften: Nicht lange nach ihrer Ordination, so erfahre ich, starb ihr Mann Prasad. Suvartha blieb als Witwe zurück. Neben der Trauer tauchte noch eine weitere große Herausforderung für sie auf. In der hinduistisch geprägten Gesellschaft gelten Witwen vielfach noch als „verflucht“, als indirekt verantwortlich für den Tod ihres Ehemanns. Ein schlimmer Aberglaube, der sich aus vielen Herzen und Hirnen nicht ausmerzen lässt und der nicht selten den gewaltsamen Tod der Frauen zur Folge hat. Suvartha musste sich damals fragen lassen, ob sie als Witwe denn überhaupt noch ein Kind auf den Arm nehmen und segnen könnte. „Das war nicht selbstverständlich“, erinnert sich Suvartha. „Aber die Gemeinde hat sich ganz eindeutig entschieden: Wir glauben nicht mehr an den alten Unsinn über die Witwen, sagten sie. Wir sind Christen. Von Christus ­befreit. Suvartha ist für uns als Witwe so wertvoll wie vorher als Frau eines Pastors.“

Ich spüre immer mehr: Die Zukunft der Nethanja-Kirche hat mit starken Frauen wie Suvartha und Sajeeva zu tun. Mit Frauen, die sich gerade um die kümmern, die es in der indischen Gesellschaft oft besonders schwer haben: eben um Frauen. Die Nethanja-Kirche braucht starke Frauen, die alte Zöpfe abschneiden. Frauen, die sich nicht länger gefangen nehmen lassen von überholten Traditionen und Rollenbildern, von seltsamen Bräuchen und blühendem Aberglauben. Frauen, die neue Wege wagen. Frauen, die Kirchen­geschichte schreiben, auch im Dschungel.

Beeindruckt von den beiden Pionierinnen machen wir uns auf den Heimweg in Richtung Großstadt Vishakhapatnam. Und erfahren unterwegs per Telefon aus dem Dschungel: Das junge Ehepaar, das wir in Marri Gudem getroffen hatten, hat nach dem Abschneiden des Amuletts und nach ihrer Taufe auch noch den Mut gefunden, alle übrigen Talismane, Maskottchen und sonstiges Zauberzeug aus ihrem Haus zusammenzutragen und zu verbrennen.

Auch darüber hätte sich Lukas, der Evangelist, ganz sicher genauso sehr gefreut wie wir.

3. Engel im Elendsviertel

Die Heldinnen der Nethanja-Kirche und ihr ganz spezieller Einsatzort (Psalm 91)

Nein, Sujathas Arbeitsplatz ist wirklich nicht besonders schön anzusehen. Hier riecht es auch nicht gerade gut. Eher widerlich. Nach Müll. Moder. Menschlichen Ausscheidungen. Und was man so zu hören bekommt, ist auch nicht besonders angenehm: Krach, Straßenlärm, Streitereien.

Tag für Tag ist Sujatha hier unterwegs. In engen, verwinkelten Gassen. Zwischen Verwahrlosung, Dreck und Unrat. Hier trifft sie Kinder in zerlumpten Kleidern, die in Regenwasserpfützen spielen. Männer, die schon früh am Morgen vollkommen zugedröhnt sind. Frauen, die verhärmt, abgearbeitet und wie apathisch wirken. Elend, Krankheit und Hoffnungslosigkeit haben sich hier genauso fest eingenistet wie Alkohol, Drogen, Gewalt, Prostitution und Kriminalität.

Sujatha arbeitet in einem der schlimmsten Viertel in der Millionenstadt Visakhapatnam. Einem Slum. Illegal am Rande der Stadt errichtet. Oder auf einem zufälligerweise freien Platz. Erbaut und zusammengestückelt von Menschen, die weniger als nichts ­besitzen. Hier leben viel zu viele Personen auf viel zu wenig Raum. Praktisch ohne Infrastruktur. Ohne Strom. Ohne fließend Wasser. Ohne Müllabfuhr. Und ohne Busanschluss.

Seit die Stadt Visakhapatnam durch ihren riesigen Hafen einen wirtschaftlichen Boom erlebt, strömen jedes Jahr Zehntausende von Menschen aus den Dörfern oder aus der Dschungelregion hierher. Sie hoffen auf Jobs. Auf eine Chance für sich und ihre Kinder. Und landen in der Regel im Dreck solcher Elendsviertel.

Nur ein paar Dutzend solcher Slums zählte man vor etwa 30 Jahren in der Stadt. Damals begann die Nethanja-Kirche damit, Menschen im Elendsviertel zu besuchen und ihnen Unterstützung anzubieten. Heute ist diese Sozialarbeit wichtiger denn je. 500, vielleicht 700 Slumgebiete haben sich inzwischen im Stadtgebiet von Visakhapatnam gebildet. Mehr als eine halbe Million Menschen lebt, haust, leidet und kämpft hier. Vielleicht sind es inzwischen auch schon einige Hunderttausend mehr. Niemand kann das so genau sagen.