Wer fürchtet sich vor Schwarz - Nele Falkenstein - E-Book

Wer fürchtet sich vor Schwarz E-Book

Nele Falkenstein

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Beschreibung

Im wunderschönen Garten des Schlosses Leopoldskron wird ein junges Mädchen gefunden, dass auf brutalste Art und Weise ermordet wurde. Die Salzburger Polizistin Meta Walkner, von allen nur ehrfurchtsvoll "Die Oberst" genannt, eine große zu Übergewicht neigende Blondine in den Fünfzigern, streng aber kompetent und mit einem unerlässlichen Gerechtigkeitssinn ausgestattet beginnt die Ermittlungen. Ihr zur Seite steht Martin Huber, ihr etwas zu klein geratener, aber gutaussehender Assistent. Als dann in einer Salzburger Gemeinde ein weiteres Mädchen Opfer einer Vergewaltigung wird, glauben die Ermittler nicht mehr an eine Einzeltat. Es ist die Zeit der großen Flüchtlingsströme in Österreich und viele Menschen sind sich unsicher, ob der Tausenden fremden Menschen die ins Land kommen und die einer völlig anderen Kultur und Religion angehören. Als der Mörder dann auch in anderen Städten sein Unwesen zu treiben scheint, ist es schier aussichtslos ihn zu fassen. Doch die Oberst gibt nie auf - auch nicht wenn es keinerlei Hinweise zu geben scheint.

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Seitenzahl: 153

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Nele Falkenstein

Wer fürchtet sich vor Schwarz

Der erste Fall der Oberst Walkner

© 2021 Nele Falkenstein

Verlag und Druck:tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-347-22712-5

Hardcover:

978-3-347-22713-2

e-Book:

978-3-347-22714-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

1.

Salzburg – Schloss Leopoldskron

Die Augen des jungen Mädchens blickten starr und ausdruckslos ins Leere. Wunderschöne dunkle, braune, große Augen, deren Glanz für immer erloschen zu sein schien. Das tote Mädchen lag auf einer taufrischen Wiese, umgeben von einem duftenden Meer aus wilden Wiesenblumen.

Es war Mitte Juli und der herrlich über und über mit Blumen geschmückte Barockgarten im Schloss Leopoldskron schmiegte sich um das gesamte Schloss. Die Parkanlagen waren fast menschenleer an diesem Montagmorgen. Lediglich zwei ambitionierte Jogger, eine Frau und ein Mann, beide mittleren Alters, beide im selben auffallend apfelgrünen Laufdress, absolvierten ihre Runden. Majestätisch anmutende Schwäne schwammen neben ein paar gewöhnlichen Wildenten, im dunkelblauen Wasser des angrenzenden Weihers. Das im klassizistischen Stil vom Salzburger Erzbischof Freiherr von Firmian erbaute mächtige Schloss, spiegelte sich im ruhigen Wasser des Weihers wider und wirkte dadurch noch um vieles imposanter.

Es schien, als ob die Zeit auf diesem kleinen Fleckchen Erde angehalten hatte. Alles wirkte harmonisch und so vollkommen im Einklang miteinander. Der einzige Störfaktor in diesem fast unwirklichen Ensemble waren die Autos der Polizei und der Rettungskräfte, welche so gar nicht in dieses Bild passen wollten. Die blauen Lichter der Fahrzeuge, die unaufhaltsam blinkten und signalisierten, dass hier etwas nicht in Ordnung zu sein schien, etwas im Argen lag und dass das Böse jetzt auch mitten im Herzen der Stadt Einzug gehalten hatte.

Das schlanke, junge Mädchen lag, in einer absolut unnatürlichen Körperhaltung und mit weit auseinandergespreizten Beinen auf dem Rücken. Jemand, der über ein ausgeprägtes Pietätsgefühl zu verfügen schien, hatte zwei Alu-Decken, solche wie sie in den Erste-Hilfe-Koffern der Autos mitgeführt werden müssen, über sie gebreitet, um die Tote vor etwaigen, neugierigen Blicken fremder Menschen und Schaulustiger zu schützen.

Der für das Land Salzburg zuständige Pathologe, Dr. Hubert Hubmaier, der ebenfalls gerade am Tatort eingetroffen war und sich hier schon ziemlich breitmachte, war ein großer bulliger Kerl mit beginnender Glatze, die er durch eine Totalrasur zu kaschieren versuchte. Er kniete sich schwer atmend und ein wenig schwerfällig zu dem Mädchen nieder, das wie schlafend vor ihm im Gras lag. Der Mediziner, der ursprünglich aus Bayern stammte, war ein Hüne, fast zwei Meter groß und trotzdem wirkte er auf seine Mitmenschen, entgegen seinem Aussehen, eher sensibel und mitfühlend. Mit einer Sanftheit, die man ihm und seinem mächtigen Körper nie zugetraut hätte, strich er über die offenen und doch so leblosen Augen des Mädchens, um sie für immer zu schließen. Dann begann er ganz vorsichtig mit seinen Untersuchungen, so als wolle er den Schlaf der Toten in keinster Weise stören. Auf jedes seiner Worte bedacht und mit betont leiser Stimme diktierte er die festgestellten Ergebnisse an seinen neben ihm im Schneidersitz sitzenden Assistenten Bohrmann.

Doch jener junge Mann schien, im krassen Gegensatz zu seinem Vorgesetzten, vollkommen immun jeglicher Sensibilität und Pietät zu sein. Seinem Aussehen nach zu urteilen, hielt er nicht viel von Körperpflege. Er trug eine alte ungewaschene Jeans und ein T-Shirt, das bereits bessere Zeiten gesehen hatte und augenscheinlich schon mehrere Male durchgeschwitzt worden sein dürfte. Fettige Haare, ein riesengroßer eitriger Pickel im Gesicht, sowie schwarze Ränder unter den Fingernägeln rundeten das durchwegs unerfreuliche Erscheinungsbild ab und zeugten von einer gewissen Nachlässigkeit bei der körperlichen Hygiene. Er hämmerte, das ihm Diktierte, begleitet von nuschelnden, unverständlichen Wortwiederholungen, dermaßen geräuschvoll in die Tastatur seines Laptops, dass nur der eisige und warnende Blick seines Chefs ihn innehalten ließ. Es schien so, als wollte der Assistent ein für alle Mal klarstellen, dass er aktiv und voll motiviert bei seiner Arbeit war. Doch nach diesem lautlosen Tadel begann er sich zurück zu nehmen und arbeitete fortan vollkommen geräuschlos weiter.

Der Pathologe fragte sich insgeheim bestimmt schon zum Hundertsten Mal, warum gerade er mit so einem Vollidioten von Assistenten gestraft worden war. Seine vorgesetzte Behörde hatte ihm diesen jungen und ungepflegten Zeitgenossen einfach ungefragt auf das Auge gedrückt. Irgendwann einmal würde er sich für diese Zwangs-Beglückung bei seinem Chef so richtig bedanken und ihm dabei dann gleich seine Meinung geigen.

Er begann die Leiche vorsichtig umzudrehen und stellte fest, dass die Hände des Mädchens mit zwei schwarzen Kabelbindern straff auf dem Rücken zusammengebunden waren. Diese Kabelbinder, aus hundertprozentigem Polyamid, waren extrem reißfest und ließen sich nur mit einer Schere oder einem Messer durchtrennen. Sie hatten sich tief in ihre Haut eingeschnitten und hinterließen an jedem Arm zwei Reihen blutigster Striemen. Das Mädchen musste sich mit aller Kraft gewehrt haben, hatte jedoch gegen ihren Peiniger nicht die geringste Chance.

Sie trug einen beigen Rock aus leichter Baumwolle, mit kleinen zartrosa Streifen, welchen ihr der Täter bis zu ihrem Bauchnabel hinaufgeschoben hatte. Der Rock bewegte sich leicht im Wind und darunter war eindeutig zu erkennen, dass sie keine Unterwäsche mehr am Körper hatte. Es schien so, als habe ihr der Mörder den Slip mit Gewalt von den Beinen gezogen und dabei an ihren Oberschenkeln dünne aber sehr tiefe Kratzspuren hinterlassen. Dr. Hubmaier schüttelte nur immer wieder angewidert den Kopf, als er sah, was dem jungen Mädchen angetan worden war. Auf das Brutalste vergewaltigt, was unschwer an den massiven und zahlreichen Hämatomen, die sich an den Innenseiten der Schenkel befanden, deutlich zu erkennen war - und dann, einfach abgelegt wie einen Sack Müll. Zudem dürfte ihr der Täter während der Tat eine dünne Schnur, einen Schal oder eine Krawatte um den Hals gelegt haben, um sie damit langsam zu strangulieren. Der Mediziner konnte eindeutige typische Strangulationsmerkmale erheben.

Mit seiner Untersuchung so beschäftigt, merkte er nicht, dass ein Schatten auf die Tote fiel. Erst als ihm ein leicht erfrischender und sehr angenehmer Duft nach extrem teurem Parfüm um die Nase wehte, schaute er auf und registrierte, dass jemand neben ihm stand.

„Hallo, Doktorchen! Wissen wir schon etwas über die Todesursache?“ Die Polizeibeamtin Oberst Meta Walkner, von allen im Präsidium nur „die Oberst“ genannt, hatte sich direkt vor dem Pathologen in ihrer stattlichen Größe von über einem Meter achtzig aufgebaut. Sie wirkte in dem weißen Overall den sie, wie alle anderen auch an einem Tatort zu tragen hatte, mit den dazu passenden Überziehschuhen, noch um einiges massiger als es sonst der Fall gewesen wäre.

Die Kriminalbeamtin war eine gepflegte und großgewachsene Frau, Anfang fünfzig, mit langen blonden Haaren, die eine nicht zu übersehende Neigung zu Übergewicht hatte, was jedoch in ihrem Fall gar nicht so unattraktiv war, wie der Pathologe insgeheim immer wieder feststellte. Sie rauchte mit Vorliebe Zigarillos und dies tat sie auch ganz unverhohlen in ihrer Dienstzeit. Meistens stöckelte sie in bunten Schuhen mit relativ hohen Absätzen daher, dass das ihr von der Natur bereits verliehene Gardemaß, noch um einiges verstärkte und sich auf die meisten Männer in ihrer Umgebung eher verstörend auswirkte. Bei vielen seiner Artgenossen war das typische Mann-Beschützer-Gehabe doch noch sehr stark ausgeprägt und viele konnten es nur schwer ertragen, wenn ihnen eine Frau auf „ihrer Augenhöhe“ begegnete, oder was noch um einiges schlimmer war, sie sogar überragte. Dieses Problem bestand bei ihm nicht, da er trotz ihrer Länge fast immer noch um einen halben Kopf größer war als sie und wenn, dann hätte es ihm vermutlich auch nichts ausgemacht.

„Hallo Meta, Schäkermeta“, lächelte der Pathologe die Polizistin mit einem breiten Grinsen an und wartete auf ihre Reaktion, die wie immer prompt und wie aus der Pistole geschossen kam, wenn er, wie soeben ihren Vornamen verunglimpfte:“ Also weißt du jetzt schon was, oder hast immer noch keine Ahnung?“ blaffte sie ihn an. Die Polizistin hasste es auf das Massivste, wenn er sie „Schäkermeta“ nannte. Ihren ungeliebten Vornamen „Meta“, der in Österreich ausgesprochen selten vorkam, hatte sie ihrer Mutter und im speziellen deren norddeutschen Vorfahren zu verdanken. Dabei konnte sie noch von Glück reden, dass sich ihre Mutter nicht auch noch mit den anderen Namensvorschlägen der Familie auseinandergesetzt hatte, denn dann würde sie jetzt sicher Frauke oder was eigentlich noch um vieles schlimmer gewesen wäre, Wiebke heißen.

Oberst Meta Walkner war eine der wenigen dienstführenden Frauen in der Salzburger Kriminalpolizei, die sich in einer Männerdomäne durchgesetzt und es bis in die obere Etage geschafft hatte. Ihr Ruf, knallhart und distanziert sowie ehrgeizig, aber über einen enorm ausgeprägten Gerechtigkeitssinn verfügend, eilte ihr voraus. Ebenso wusste jede ihrer Kolleginnen und Kollegen, dass sie Schlampigkeit fast schon als eine Todsünde ansah.

Der Pathologe arbeitete schon seit mehr als fünf Jahren mit ihr zusammen und wusste, dass sich hinter dieser großen und rauen Schale ein durchaus weicher Kern verbarg. Und trotzdem, ein Problem hatte auch er mit ihr, obwohl er sie insgeheim doch sehr verehrte. Er hasste es unglaublich, wenn sie permanent mit ihm im Plural sprach, ständig das kleine Wörtchen WIR verwendete und somit jede Wertschätzung seiner eigenen Person vermissen ließ. Er hatte sie schon mehrere Male darauf aufmerksam gemacht, dass ihn diese Pluralisierung in einem Dialog mit ihm immens störte, doch in letzter Zeit gewann er immer mehr den Eindruck, dass sie es eigentlich genau aus diesem und nur aus diesem Grund machte. Einfach nur um ihn ein bisschen aus der Reserve zu locken. Also ließ er es, wie es war und sah es als das was es war, ein kleines Spielchen zwischen der attraktiven Polizistin und dem mürrischen Pathologen mit beginnender Glatze.

Er kannte sie jetzt schon gut genug und schätzte sie sehr, vor allem ihre gewissenhafte und korrekte Arbeitsweise, um geflissentlich über solch eine Banalität hinweg zu sehen. Doch die Tage waren nicht alle gleich und heute hatte er persönlich einen ganz besonders schlechten Tag, also konnte er es sich nicht ganz verkneifen und mit einer nicht zu überhörenden Betonung auf dem Wörtchen WIR, meinte er nur: “ Nein, WIR wissen noch nichts. WIR nehmen jedoch an, dass sie aufgrund der Würgemale am Hals, stranguliert worden ist. Genaueres wie immer, nach der durchgeführten Obduktion.“ Doch die Kriminalbeamtin, die mit in den Hüften stemmenden Händen wie eine Walküre vor ihm stand, kannte auch ihn gut genug um sich mit dieser Aussage nicht abspeisen zu lassen. „Und der Todeszeitpunkt, was wissen WIR über den, Doktorchen?“ Ihre Stimme wurde nun merklich höher. Und da war er wieder, der so sehr gehasste Plural. Dr. Hubmaier, nun schon sichtlich mehr als genervt war, entgegnete gereizt: „Auch über den Todeszeitpunkt können WIR“, und wieder sprach er mit übertriebener Betonung: „nur spekulieren, wie gesagt, genaueres nach der Obduktion!“ Meta Walkner schien sich nun doch missmutig damit abzufinden, prägte sich ein paar Details des Tatortes ein, würdigte dem grimmig dreinblickenden Mediziner keines Blickes mehr, drehte sich schweigend am Absatz um und überließ den Platz den Mitarbeitern der Spurensicherung.

Als sie davonging, rief der Pathologe hinter ihr her: „Walkner“, wissend, dass sie von Titeln und Anreden genauso wenig hielt, wie von dem ganzen Genderwahnsinn, der auch in den letzten Jahren vermehrt in den Amtsstuben der österreichischen Exekutive Einzug gehalten hatte. Sie drehte sich zu ihm um:

„Ja Doktor?“, und schaute ihn fragend an. Nach all den Jahren verstanden sie sich auch, ohne dass viel gesprochen werden musste: „OK!“, meinte sie: „von mir aus könnt ihr das Mädchen nun wegbringen“. Dr. Hubmaier packte seine Utensilien ordentlich in seinen schwarzen ledernen Koffer und überließ es, den bereits seit mehr als einer Stunde ungeduldig wartenden und ziemlich missmutig dreinschauenden Mitarbeitern in den tiefschwarzen Anzügen des Bestattungsinstitutes, die das tote Mädchen in die Pathologische Abteilung des Landeskrankenhauses zu bringen hatten.

Währenddessen wendete Meta Walkner ihre Aufmerksamkeit den beiden Polizisten zu, die als erste am Tatort eingetroffen waren. Der ältere der beiden Uniformierten, Gruppeninspektor Manfred Lackner war ein kleiner untersetzter Mann mit Hornbrille und schütterem braunem Haar. Er berichtete, dass er um sechs Uhr morgens von einer Joggerin telefonisch auf der Dienststelle über den Leichenfund informiert worden war. Die Läuferin, eine bekannte Salzburger Unternehmerin war sehr aufgeregt, als sie ihm am Telefon mitteilte, dass sie soeben ein totes Mädchen im Park gefunden hatten. Nur mit größter Mühe konnte er ihr Gekreische verstehen und die Daten aufnehmen. Doch seit mehr als zwanzig Jahren im Dienst wusste er nun genau was zu tun war und leitete sofort alle notwendigen Maßnahmen ein.

Die Erstaufnahme bzw. die Erstbefragung der Zeugen gestaltete sich dann jedoch eher schwierig, da die Frau kurz vor einem hysterischen Anfall stand und er sie deshalb nach Aufnahme der Personalien ins nächste Krankenhaus bringen ließ. Der Begleiter der Joggerin, es handelte sich hier um ihren Lebensgefährten, war zwar eher zu einer Aussage bereit, konnte leider aber auch keine besonderen Angaben machen. Inspektor Lackner war es auch gewesen, der die Tote vorsorglich zugedeckt hatte um sie vor den neugierigen Blicken etwaiger Schaulustiger zu schützen.

Der zweite der beiden Polizisten, Inspektor Andreas Boder, der wesentlich jünger, größer und gutaussehender war, schien noch nicht allzu lange bei ihrem Verein dabei zu sein. Er wirkte trotz seiner Größe eher unsicher und hielt sich stets dezent im Hintergrund, jedoch sehr genau das Gespräch zwischen der vorgesetzten Kriminalbeamtin und seinem Kollegen, beobachtend. Der jüngere Beamte war der wesentlich athletischere der beiden und dürfte eine Kampfsportart ausüben. Mit seinem vollen schwarzen Haar, wirkte er ein wenig südländisch, wobei jedoch seine strahlend blauen Augen eher die Herkunft aus den nordischen Gebieten vermuten ließen. Ab und zu gab er einen Kommentar von sich, aber im Großen und Ganzen überließ er es lieber dem älteren und erfahrenen Kollegen die Oberst ins Bild zu setzen.

Der Beamte zeigte Meta Walkner eine modische Shopper-Hand-Tasche, welche das Mädchen dabeigehabt haben musste. Laut ihrem mitgeführten Reisepass war ihr Name Sissy Mairhofer. Sie war neunzehn Jahre jung und wohnte noch bei ihren Eltern.

Die Oberst war sich dessen nur zu gut bewusst, dass nun jener Teil ihrer Arbeit bevorstand, den sie am meisten hasste und den sie doch niemals jemand anderem überlassen würde. Nämlich den Eltern dieses bedauernswerten Geschöpfes mitteilen zu müssen, dass ihre Tochter nicht mehr am Leben war und nie mehr nach Hause kommen würde.

2.

Gemeinde Vorderreith im Flachgau

Es hatte leicht zu regnen begonnen, als die Oberst, wie es aus ihrem funkelnagelneuen NAVI zu hören war, in die Zielstraße einbog. Das GPS-System hatte jetzt endlich auch in Form eines Navigationsgerätes den Weg in ihr Dienstauto gefunden. Es brauchte drei Anforderungsanträge und einen Wutausbruch ihrerseits, bei ihrem Vorgesetzten, bis es endlich einmal so weit war.

Heidi Mairhofer, die Mutter der Toten lebte in einem kleinen Reihenhaus in der Gemeinde Vorderreith, im Salzburger Flachgau. Die Häuser in dieser Straße schauten alle noch neuwertig aus und durften erst in den letzten paaren Jahren gebaut worden sein. Die Gärten rund um diese Häuschen waren liebevoll gepflegt und es hatte fast den Anschein, als sei der Rasen eines jeden Hauses mit dem Maßband nachgemessen worden.

Herrliche Rhododendronbüsche und Hortensiensträucher in den Pastelltönen von zartrosa, über weiß bis hin zu dunklem lila schmückten die kleinen Vorgärten. Meta Walkner parkte ihren Dienstwagen direkt vor dem Haus der Mairhofers, stieg aus und ging vorbei an duftenden dunkelroten, kleinen gefüllten Strauchrosen, die links und rechts des Weges gepflanzt worden waren.

Gerade in dem Augenblick, als sie ihren Fuß auf die letzte Stufe setzen und die Klingel betätigen wollte, wurde auch schon von innen die Haustür aufgerissen. Eine kleine, zierliche Frau, mittleren Alters, mit blondem halblangem Haar schaute sie fragend an. Meta Walkner konnte eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Opfer erkennen. „Frau Mairhofer“, fragte sie und die Angesprochene entgegnete hastig: „Haben sie mein Mädchen endlich gefunden? Geht es Sissy gut. So lange war sie noch nie weg. Eigentlich war sie noch nie eine ganze Nacht unterwegs.“

„Frau Mairhofer“, Die Oberst sprach mit, für ihre Verhältnisse, leiser und sanfter Stimme. „Könnten wir vielleicht ins Haus gehen?“ Heidi Mairhofer nickte und schaute die Beamtin nur fragend an. Insgeheim schien sie zu ahnen, was die Polizistin jetzt sagen würde. Meta Walkner beobachtete sie genau und fuhr leise fort: „Es tut mir sehr, sehr leid, aber ich muss ihnen leider mitteilen, dass wir ihre Tochter heute Morgen leblos in einem Park in der Stadt aufgefunden haben.“ In all jenen Todesnachrichten, die sie in ihrer ganzen Dienstzeit schon hatte überbringen müssen, hatte sie noch nie das Wort tot verwendet, sondern sprach immer nur von leblos. Es war das hart genug. Sie hatte das letzte Wort noch nicht fertig ausgesprochen, da stieß die Frau einen lauten schrillen und durchdringenden Schrei aus und klappte vor ihr zusammen. Die Oberst konnte sie mit Mühe gerade noch auffangen, bevor die Ärmste auf dem harten Fliesenboden im Vorraum aufschlug.

Aus dem Wohnzimmer lief sofort hastig eine Frau herbei, die durch den Schrei aufgeschreckt worden war und half Meta Walkner die ohnmächtig gewordene Mutter der Toten auf das Sofa zu legen. Die Polizistin nahm eilig das Handy aus ihrer Jackentasche und wählte die Nummer des Notarztes. „Wer sind sie, wie heißen sie?“, fragend schaute sie die Fremde an: „Ich bin Helene Schmid, die Schwester von Heidi. Was um Gottes Willen ist denn eigentlich passiert?“. Verzweifelt blickte sie zwischen ihrer schluchzenden Schwester und der Beamtin hin und her.

Die Oberst berichtete ihr ebenso schonend vom Tod ihrer jungen Nichte, wie sie es bei ihrer Schwester versucht hatte. Bedenken, dass auch sie ohnmächtig werden könnte, erwiesen sich als falsch, da Helene trotz ihrer ebenfalls sehr zarten und schlanken Statur, um einiges robuster war, als sie aussah. Während der eingetroffene Notarzt sich um die Mutter, deren Körper von Weinkrämpfen geschüttelt wurde, kümmerte, stellte Meta Walkner der Tante des Opfers ein paar Fragen.

Helene Schmid erzählte, dass das Mädchen gestern am späten Nachmittag mit ein paar Freundinnen in die Stadt gefahren war und dort ihren ersten Urlaubstag feiern wollte. Sie versprach jedoch gegen vierundzwanzig Uhr wieder zu Hause zu sein, da sie und die anderen geplant hatten, den nächsten Tag am Attersee in einem Wochenendhäuschen, das dem Vater einer Freundin gehörte, verbringen zu wollen. „Warum um Gottes Willen und vor allem wie konnte das alles geschehen?“, sie schaute die Beamtin fragend an. Tränen liefen ihr in Strömen über das Gesicht. Sissys Mutter, die währenddessen vom Arzt eine Beruhigungsspritze bekommen hatte, wurde zusehends stiller und war nach ein paar Minuten eingeschlafen.