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Die Bücher der Serie "Theatertexte in Erzählform" verwandeln bekannte Bühnenwerke in fesselnde literarische Werke. Jedes Buch bietet eine tiefgehende Erzählung, die die Intensität und die emotionalen Konflikte des Originals einfängt und für ein modernes Publikum neu interpretiert. "Woyzeck" ist ein Dramenfragment von Georg Büchner, das erst nach seinem Tod im Jahr 1837 veröffentlicht wurde und als eines der frühesten Beispiele des modernen Theaters gilt. Das Stück bleibt unvollendet, doch seine existierenden Szenen bieten tiefe Einblicke in soziale Missstände und die menschliche Psyche. Die Handlung dreht sich um Franz Woyzeck, einen einfachen Soldaten, der mit Marie, der Mutter seines unehelichen Kindes, zusammenlebt. Woyzeck ist arm und muss zusätzliche Arbeiten verrichten, um seine Familie zu ernähren. Er nimmt an medizinischen Experimenten teil, bei denen er sich ausschließlich von Erbsen ernähren muss. Diese Umstände und der ständige Spott, dem er ausgesetzt ist, zermürben Woyzecks Geisteszustand zunehmend. Marie, von Woyzecks Situation überfordert und von seiner zunehmenden psychischen Instabilität abgestoßen, beginnt eine Affäre mit dem Tambourmajor. Woyzeck wird von Eifersucht und Misstrauen geplagt, und sein geistiger Zustand verschlechtert sich weiter. Er wird zunehmend paranoid und halluziniert. "Woyzeck" thematisiert die Entmenschlichung der Armen und Unterdrückten in einer kapitalistischen Gesellschaft und untersucht, wie gesellschaftlicher Druck und Entbehrung die menschliche Psyche beeinflussen können. Büchners Werk ist bekannt für seinen innovativen Gebrauch der Sprache und seine scharfe soziale Kritik, die es zu einem Schlüsselwerk in der Geschichte des Theaters machen.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkung
Personen
Woyzeck
Impressum
Dieses Stück ist ein Fragment. Es gibt keine einzig richtige Reihenfolge der einzelnen Szenen, denn sie sind weder nummeriert noch in Akte aufgeteilt.
Das Stück spielt in Darmstadt.
Woyzeck
Marie
Hauptmann
Doktor
Tambourmajor
Unteroffizier
Andres
Margret
Budenbesitzer
Marktschreier
Alter Mann mit Leierkasten
Jude
Wirt
Erster Handwerksbursch
Zweiter Handwerksbursch
Käthe
Narr Karl
Großmutter
Erstes, zweites, drittes Kind
Erste, zweite Person
Polizeikommissar
Soldaten, Studenten, Burschen und Mädchen, Kinder, Volk
Der Hauptmann sitzt auf einem Stuhl und lässt sich von Woyzeck rasieren. Es ist still im Raum, nur das Schaben des Rasiermessers ist zu hören. Der Hauptmann wirkt nervös und kann die Stille nicht mehr ertragen. Plötzlich spricht er: „Langsam, Woyzeck! Immer eins nach dem anderen!“ Er rutscht unruhig auf dem Stuhl hin und her. „Du machst mich ganz schwindelig. Was soll ich mit den zehn Minuten anfangen, die du heute früher fertig bist?“
Dann denkt er nach und sagt: „Woyzeck, überleg doch mal. Du hast noch dreißig Jahre zu leben. Dreißig Jahre! Das sind 360 Monate, dazu noch die vielen Tage, Stunden und Minuten. Was willst du mit all der Zeit machen? Du solltest dir deine Zeit besser einteilen, Woyzeck!“
Woyzeck hält inne und antwortet kurz: „Jawohl, Herr Hauptmann.“
Der Hauptmann lehnt sich zurück und schließt die Augen. Er will das Thema Zeit vergessen. „Wenn ich an die Ewigkeit denke, wird mir ganz unwohl“, sagt er und öffnet die Augen wieder. Er sieht Woyzeck an und fährt fort: „Beschäftigung, Woyzeck, Beschäftigung! Ewigkeit bedeutet für immer, verstehst du das? Aber manchmal ist es auch nur ein Moment, ein einziger Augenblick.“ Der Hauptmann wirkt etwas verwirrt, als er weiterspricht: „Es macht mir Angst, wenn ich darüber nachdenke, dass die Welt sich in nur einem Tag dreht. So viel Zeit vergeht und es ist reine Zeitverschwendung! Wohin führt das alles? Woyzeck, ich kann kein Mühlrad mehr sehen, sonst werde ich traurig.“
Woyzeck nickt wieder und antwortet: „Jawohl, Herr Hauptmann.“
Plötzlich richtet sich der Hauptmann auf, als ob ihm etwas eingefallen wäre. „Woyzeck, du siehst immer so gestresst aus! Ein guter Mensch sieht nicht so aus, ein guter Mensch mit einem reinen Gewissen.“ Er schaut Woyzeck streng an und fragt: „Sag doch mal etwas, Woyzeck! Wie ist das Wetter heute?“
Woyzeck schaut kurz aus dem Fenster und antwortet: „Schlimm, Herr Hauptmann. Es ist windig.“
Der Hauptmann sagt: „Ich merke es. Da draußen ist etwas in Bewegung. So ein Wind macht mich nervös, so wie eine Maus.“ Nach einer kurzen Pause lacht er plötzlich. „Ich glaube, wir haben etwas aus Süd-Nord!“ Er lacht laut und ruft: „Süd-Nord! Ha, ha, ha! Woyzeck, du bist wirklich dumm, unglaublich dumm!“
Dann wird er etwas sanfter und spricht fast mitleidig: „Aber Woyzeck, du bist ein guter Mensch. Nur, du hast keine Moral! Moral bedeutet, das Richtige zu tun. Verstehst du? Es ist ein gutes Wort.“ Der Hauptmann macht eine bedeutungsvolle Pause und sagt dann: „Du hast ein Kind, aber ohne den Segen der Kirche, wie unser ehrwürdiger Prediger immer sagt. Ein Kind ohne den Segen der Kirche, das ist nicht gut.“
Woyzeck bleibt ruhig und respektvoll, doch seine Worte klingen ein wenig trotzig: „Herr Hauptmann, der liebe Gott wird das arme Kind nicht verurteilen, auch wenn niemand ‚Amen‘ gesagt hat, bevor es geboren worden ist. Der Herr hat gesagt: ‚Lasset die Kinder zu mir kommen.‘“
Der Hauptmann runzelt die Stirn und sieht Woyzeck überrascht an. „Was redest du da? Was für eine seltsame Antwort! Du verwirrst mich total mit deinem Gerede!“
Woyzeck bleibt ruhig und erklärt weiter: „Wir sind arme Leute, Herr Hauptmann.