Zeitflut - Wil McCarthy - E-Book

Zeitflut E-Book

Wil McCarthy

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Beschreibung

Was wissen wir eigentlich über die Steinzeit? Nur das, was uns die archäologischen Funde offenbaren. Doch was, wenn die Legende vom Höhlenmenschen nicht mehr ist als – eine Legende? Wenn die Steinzeit stattdessen ein Zeitalter der Bildung und des Fortschritts gewesen wäre? Den beiden Wissenschaftlern Harv Leonel und Tara Mukherjee ist eine bahnbrechende Entdeckung gelungen, eine Entdeckung, die es den Menschen ermöglicht, die Vergangenheit mit eigenen Augen zu sehen. Doch die alte Welt ist in Gefahr, und wenn es Harv und Tara nicht gelingt, sie zu retten, ist das Erbe der Menschheit für immer verloren ...

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Seitenzahl: 508

Veröffentlichungsjahr: 2021

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DAS BUCH

Was wissen wir eigentlich über die Steinzeit? Nur das, was uns die archäologischen Funde offenbaren. Doch was, wenn die Legende vom Höhlenmenschen nicht mehr ist als – eine Legende? Wenn die Steinzeit stattdessen ein Zeitalter der Bildung und des Fortschritts gewesen wäre? Den beiden Wissenschaftlern Harv Leonel und Tara Mukkerjee ist eine bahnbrechende Entdeckung gelungen, eine Entdeckung, die es den Menschen ermöglicht, die Vergangenheit mit eigenen Augen zu sehen. Doch die alte Welt ist in Gefahr, und wenn es Harv und Tara nicht gelingt, sie zu retten, ist das Erbe der Menschheit für immer verloren …

DER AUTOR

Wil McCarthy, geboren 1966 in Princeton, New Jersey, lebt mit seiner Familie in Denver, Colorado. In seinem Beruf als Ingenieur bei Lockheed gehörte er zu den Männern, die bei Raketenstarts »Lenkungssysteme startklar« melden. Als Science-Fiction-Autor wurde er durch zahlreiche brillante Kurzgeschichten bekannt, denen mehrere Romane folgten. Er machte die Idee der programmierbaren Materie in seiner SOL-Trilogie populär, zu der er auch wissenschaftlich arbeitete. Heute leitet er eine Solarenergie-Firma und ist als Kolumnist für Syfy tätig.

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WIL McCARTHY

ZEITFLUT

ROMAN

Aus dem Amerikanischen

von Norbert Stöbe

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Dieses Buch ist im Original unter dem Titel ANTEDILUVIAN bei Baen Books erschienen.

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Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Deutsche Erstausgabe 03/2021

Redaktion: Werner Bauer

Copyright © 2019 by Wil McCarthy

Copyright© 2021 der deutschen Ausgabe und der Übersetzung

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: DAS ILLUSTRAT, München,

unter Verwendung eines Motivs von Serg036/Shutterstock

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-25696-8V002

diezukunft.de

Für Evangeline. Für wen auch sonst.

antediluvianisch (Adj.):

1. alt

2. veraltet, antiquiert, überholt oder primitiv

3. (lit.) vorsintflutlich

4. aus der Zeit der biblischen Sintflut stammend oder diese betreffend

5. aus den Y-chromosomalen Erinnerungen von Harv Leonel stammend oder sie betreffend

Boulder Creek Apartments

Boulder, Colorado

– Gegenwart

»Bist du dir sicher, dass du das willst?«, fragte Tara Mukkerjee, als sie sich beide vom Bett erhoben, um den bedeutsamen Tag zu beginnen.

»Sicher?«, erwiderte Harv Leonel. »Was ist das denn für eine Frage. Was haben wir den ganzen Sommer über denn gemacht?«

Sie putzten sich die Zähne, duschten und zogen sich an, und noch immer schwebte die unausgesprochene Frage im Raum: Bist du dir sicher, dass du heute in die Zeitmaschine steigen willst?

Und die ebenfalls unausgesprochene Antwort war nicht minder laut: Ganz sicher, Tara, mein Schatz.

»Möchtest du Eier?«, fragte Tara. Für gewöhnlich kümmerte er sich ums Frühstück, doch heute war ein besonderer Tag – ein sehr besonderer Tag –, und das wollte sie irgendwie würdigen.

»Mmm«, machte er nachdenklich. »Und Toast. Die Kohlenhydrate können wir gut gebrauchen.«

Sie wechselten nur ein paar Worte, sprachen kurz über das Wetter (sonnig) und die Schlagzeilen (düster). Sie hatten das Gefühl, dies alles sei unwichtig, doch worüber hätten sie sonst reden sollen? Er hatte recht: Tara hatte ihm den ganzen Sommer über beim Bau der verdammten Maschine geholfen. Da konnte sie ihm schlecht raten (ihn bitten, ihn anflehen), sie nicht zu benutzen.

Als sie das Geschirr in die Spüle stellten, packte er sie und küsste sie leidenschaftlich, und sie erwiderte den Kuss noch leidenschaftlicher, denn sie glaubte zu wissen, dass sie ihn liebte. Wie sonst wäre all das zu erklären gewesen? Sie hatte eine Postdoc-Stelle am Institut für Paläogenetik der Cornell University – ohne Frage eine renommierte Uni –, und er hatte ihr am letzten Vorlesungstag eine Frage zum Y-Chromosom gestellt. Er war zwar glattrasiert, doch sein schwarzer Haarschopf konnte dringend einen Haarschnitt gebrauchen, und wie viele der hellhäutigen Bewohner von Colorado war er sonnengebräunt und wirkte irgendwie wettergegerbt. Sein schiefes Lächeln aber war einnehmend, und später am Abend küsste sie ihn in einer Bar auf dem Hill, obwohl er nach Bourbon und Thic-Nic-Vape roch, und am Tag darauf ließ sie sich von ihm in seinem Jeep mit hundert Stundenkilometern durch die Berge kutschieren, die ganze Zeit über die Hand auf seinem Oberschenkel, und am Abend warf sie sich auf sein Bett und machte Sachen, die brave Hindu-Mädchen normalerweise nicht tun.

Und dann verbrachte sie auf einmal ihre ganze Freizeit in seinem Labor im Keller des Technikzentrums. Wieso auch nicht? Er war nicht besonders attraktiv oder charmant, doch er war höllisch smart und auch ein bisschen gefährlich und interessierte sich für Quantenrechner und die Quantenspeicheraspekte des menschlichen Genoms. »Quantom« nannte er das.

»Die potenzielle Anzahl der Speicherzustände in einem einzigen Chromosom ist drei hoch zwei Milliarden Mal so groß wie die Zahl der Gene«, sagte er spontan, als sie zum ersten Mal sah, woran er arbeitete. »Das ist zehn bis dreizehn Mal so viel wie die Zahl der Atome im bekannten Universum. Eine gewaltige Zahl! Aber wenn das Chromosom vier Arme hat, wird das Gleichgewicht gestört, und die kohärenten Zustände brechen zusammen.«

Taras Paläogenetik-Kollegen waren, vorsichtig ausgedrückt, skeptisch gewesen. Was wusste ein Professor der Elektrotechnik schon von Genen? Taras Spezialgebiet aber waren die Haplogruppen des Y-Chromosoms – sie untersuchte, wie weit sie sich von der ursprünglichen A00-Gruppe des Adams des Y-Chromosoms fortentwickelten, sich ausbreiteten, ausstarben und die Welt eroberten. Sie kannte das unförmige kleine Chromosom bis zur atomaren Ebene, und je mehr sie zuhörte und nachdachte, je kundiger sie sich machte und ihre Erkenntnisse mit Daten unterfütterte, desto stärker wurde ihre Überzeugung, dass Harv Leonel auf einer verdammt heißen Spur war. Seine Ähnlichkeit mit einem trinären oder ternären Quantencompiler, wie Harv es nannte, war anscheinend weder trivial noch zufällig. Hatte die Evolution kritische genetische Funktionen auf so kleinem, merkwürdig geformtem Raum untergebracht, weil diese Struktur eine besondere Funktion hatte?

Der Gedanke sandte ihr immer noch Schauer über den Rücken, und mehr als einmal hatte sie überlegt, dass sie sich vermutlich einen Nobelpreis mit Harv teilen könnte, wenn sie ihm half, seine These zu belegen. Doch das war nicht der Grund, weshalb sie ihm geholfen hatte. Nein, ganz bestimmt nicht.

»Vertraust du mir?«, fragte er, als er ihren Rucksack und die Schlüssel an sich nahm.

»Nein«, antwortete sie aufrichtig. »Aber ich möchte gern.«

Er war zweiundzwanzig Jahre älter als sie, so alt, dass er bereits überall auf der Welt Alkohol trinken durfte, als sie zur Welt kam. Während sie in Indien zur Schule ging, hatte er vermutlich Pot geraucht und mit mehr jungen Frauen geschlafen, als sie sich vorstellen wollte. Sie wusste, dass er geschieden und die Trennung hässlich gewesen war und dass er sich geschworen hatte, nie wieder zu heiraten, bis er den Schwur irgendwann zurückgenommen hatte. Sie hatte ihn nie gefragt, was ihn dazu bewogen hatte und wann das gewesen war oder was es für sie beide bedeuten mochte.

»Bereit?«, fragte er von der Tür aus.

Nein, wollte sie sagen. Überhaupt nicht. Kein bisschen. Doch stattdessen lächelte sie gezwungen und nickte, denn genau davon hatte er immer geträumt, und sie wollte ihm nicht im Weg stehen. Vor allem wollte sie nicht herausfinden, dass ihm die Wahrheit mehr bedeutete als ihre Beziehung und dass er den Einschaltknopf notfalls auch in ihrer Abwesenheit drücken würde.

Wie immer steuerte er den Wagen, und obwohl der dichte Verkehr ihn daran hinderte, richtig Gas zu geben, spürte sie, dass er innerlich brannte vor Ungeduld und Tatendrang. Das Experiment wurde von der National Science Foundation, der Forschungseinrichtung des Verteidigungsministeriums, und aus der schwarzen Kasse des Instituts für Elektrotechnik finanziert, vor allem deshalb, weil Harv verschwiegen hatte, dass er plante, den Ausgang eines transkraniellen magnetischen Stimulators mit dem Hippocampus seines Gehirns zu koppeln.

»Das ist eine Art Zeitmaschine«, hatte er ihr beim dritten Date eröffnet. »Sie transportiert Informationen aus der fernen Vergangenheit ins aktuelle Gedächtnis. Wer weiß, vielleicht findet sich da drinnen ja eine ganze Bibliothek.«

Zu dem Zeitpunkt war ihr das nicht einmal verrückt vorgekommen.

Ach, Harv. Verdammt noch mal!

Das Labor – ihrer beider Labor – war ein Tohuwabohu aus Kabeln, Monitoren und Dewargefäßen mit flüssigem Stickstoff. Im Laufe des Sommers war das Chaos allmählich aus Taras Fokus geraten und zu einem Teil der normalen Unordnung der realen Wissenschaft geworden, doch heute hatte sie den Eindruck, es zum ersten Mal zu sehen. Stromleitungen und Glasfaserkabel schlängelten sich über den Boden, weder mit Kabelbindern noch mit Klebeband fixiert, sondern einfach hastig von einem grauen Kasten zum nächsten gezogen. Darin flossen Strom, Daten und Femtosekunden-Pulse dorthin, wo sie gebraucht wurden. An den Wänden und den Geräten klebten Comics und Cartoons: Die andere Seite, XKCD, Cyanide and Happiness, Calvin und Hobbes. Alles, was mit Zeitreisen zu tun hatte. Alles, was mit Quantenrechnern oder Gehirnstimulation zu tun hatte. Die Kontrollleuchten leuchteten bereits, und Gurdeep Patel war da, ging vorsichtig umher und überprüfte alles mit Hilfe eines Klemmbretts.

»Hallo, Boss«, sagte Patel und nickte.

»Sie sind früh auf«, bemerkte Harv.

»Sie auch.«

Patel war Harv Leonels offizieller Assistent – ein Doktorand, der noch weniger verdiente, als das Institut für Paläogenetik Tara bezahlte. Er war ein aufgeweckter junger Mann, aber zum Glück nicht sonderlich aufmerksam für das, was in seiner Umgebung vor sich ging. Soweit Tara wusste, hatte er keine Ahnung, dass das geplante Experiment weder begutachtet noch mit den zuständigen Stellen abgesprochen worden war. Harv hatte ein bisschen Blabla in den Förderantrag hineingeschrieben, das in diese Richtung wies – gerade so eben ausreichend, um sich später darauf berufen zu können, er habe seine Absichten offengelegt, jedoch nicht so viel, dass das Prüfungskomitee nachgefragt hätte.

Die Frage, ob ein Quantom mit dem menschlichen Gehirn interagieren oder ob es in die Lage dazu versetzt werden kann, sollte untersucht werden.

War Patel sich der Täuschung bewusst? Aber wäre er dann hier erschienen?

»Hallo, Mukkerjee«, begrüßte Patel sie.

»Hallo, Patel.« Ist dir bewusst, dass dein Doktorvater im Begriff ist, sich das Gehirn zu braten?

Mit erstaunlichem Geschick bahnte Harv sich einen Weg zum NMR-Gerät – dem Herzen der Zeitmaschine –, setzte sich auf den Rollhocker und fuhr nach und nach die Systeme hoch: Controller, läuft. Kühlung, läuft. Gyrotron, läuft. Ablenkgenerator und Verbindungskabel. Sonde. Detektor. Verstärker. Prozessor. Läuft, läuft, läuft.

Er ließ das Primärdiagnoseprogramm laufen, dann das komplette Diagnoseprogramm und schließlich das erweiterte. Danach überprüfte er die Signale eines Zieldummys – eines richtigen ternären Quantencompilers, zehnmal so groß und mehrere Tausend Mal so schwer wie das darunter befindliche Y-Chromosom.

»Geht das für dich in Ordnung?«, fragte Tara Patel leise.

Patel zuckte mit den Schultern. »Klar. Wieso nicht?«

»Ich habe so meine Zweifel.«

»Hm. Ein bisschen spät dafür.«

Sie nickte. »Ja. Da hast du recht.«

»Soll ich dir die Hand halten?«

Das war ein Scherz; Patel wusste genau, dass sie und Harv ein Paar waren. Sonst wäre sie nicht hier. Vergangene Woche hatte Harv endlich ein kleines, rückwirkendes Stipendium für sie ergattert, doch es lag nur knapp über dem Mindestlohn, und sie hatte ihn auch nicht darum gebeten. Nein, sie war wegen Harv hier, zusammen mit ihm, und sie hätte nicht einmal dann fernbleiben können, wenn sie es gewollt hätte. Und sie hatte es nicht einmal versucht.

»Ich bin versucht, Ja zu sagen«, antwortete sie Patel.

Das war ein bisschen stark, und sie bedauerte die Bemerkung augenblicklich. Dass Patel sich zu ihr hingezogen fühlte, war nicht ungewöhnlich – das galt für viele Männer, und in ihren schlimmsten Momenten hatte Tara den Eindruck, dass es für alle galt. Sie selbst störte sich an ihrer breiten Nase und ihren ausladenden Hüften, an ihren Aknenarben und ihrer zu tiefen Stimme, doch ansonsten saß alles da, wo es hingehörte, und das war den Männern anscheinend Grund genug, sich nach ihr umzudrehen. Patel aber – schüchtern, höflich, indisch bis ins Mark – verstand es, seine Gefühle zu verbergen.

Deshalb reagierte er auch nicht auf ihre Bemerkung und ging weiter die Checkliste durch.

Das NMR-Gerät maß die Spin-Zustände der Atomkerne des Y-Chromosoms, als handele es sich einfach nur um vier Milliarden Quantenbits. Nicht gerade ein Weltrekord des Quanten-Computings, aber doch eine der mächtigsten Maschinen, die je gebaut worden waren. Das hieß, falls »gebaut« der richtige Ausdruck war für etwas, das im Wesentlichen auf natürlichem Weg entstanden war. Möglicherweise war ja das Y-Chromosom der eigentliche Rechner, und das NMR-Gerät stellte lediglich den Zugang zu den Berechnungen beziehungsweise den darin gespeicherten Informationen her. Die Messung der stark verschränkten Zustände würde diese natürlich massiv stören, weshalb sich das Y-Chromosom in der Mitte eines mit flüssigem Stickstoff gekühlten Mikrochips befand; auf diese Weise wurde die Dekohärenz so lange verzögert, dass das NMR alle zwei Milliarden Qubits auslesen konnte.

Bei den Testläufen in den vergangenen Wochen hatte die Maschine störungsfrei funktioniert und bewiesen, dass sich das Y-Chromosom (im Unterschied zu allen anderen zweiundzwanzig Chromosomen des menschlichen Genoms) als Quantenrechner nutzen ließ. Was nicht bedeutete, dass es tatsächlich einer war, doch wenn nicht, war es jedenfalls eine erstaunliche Koinzidenz. Seitdem hatte Harv – wenn er nicht trank oder dampfte oder von Tara ins Bett gezerrt wurde – sein Augenmerk voll und ganz auf den ultrahoch auflösenden transkraniellen Magnetstimulator und Elektroenzephalografen gerichtet, im Laborjargon TMS/EEG oder Badehaube genannt.

»Der Hippocampus des menschlichen Gehirns spricht eigentlich eine ganz simple Sprache«, hatte er gemeint. »Der Informationsfluss ist im Wesentlichen unidirektional, wobei periodisch auftretende Hemm- und Erregungswellen den Morsecode unseres Gedächtnisses darstellen. In untergeordneter Hinsicht ist das auch ein quantenmechanischer Prozess, doch es ist eine andere Sprache als die des ternären Compilers, deshalb müssen die Signale aus der Frequenzdomäne in die sogenannte Zeitdomäne übersetzt werden.«

Zeitdomäne. Die Bezeichnung war sexy und hallte in ihr wider wie ein Gedicht.

Von der zugrunde liegenden Mathematik verstand sie jedoch nur wenig, außerdem hatte sie geglaubt, es würde Monate oder sogar Jahre dauern, die Übersetzungssoftware zu schreiben. Tatsächlich hatte es nur fünf Arbeitstage gedauert, und Samstag und Sonntag hatten sie für sich gehabt. Selbst Harv war überrascht gewesen, wie mühelos sich alles zusammengefügt hatte. Und jetzt waren sie hier, und das Ganze ließ sich nur an einem menschlichen Gehirn testen.

»Alle Systeme arbeiten«, erklärte Patel. »Alles im grünen Bereich. Die Ratten haben die Kabel in der Nacht nicht angeknabbert.«

Wieder so ein Scherz; in diesem Kellerraum in der untersten Etage des labyrinthischen Technikzentrums gab es keine Ratten. Und auch keine Menschen. Wie immer waren sie hier ganz allein.

»Fehlerdiagnose bislang okay«, sagte Harv. »Wir warten nur noch auf die letzten Transformationen.«

Ein Hochleistungsrechner brauchte fast fünf Minuten, um die Signale in etwas zu verwandeln, was das menschliche Gehirn lesen konnte.

»Alles klar bei dir?«, fragte er mit Blick in Taras Richtung. Er klang so, als wollte er die Antwort wirklich hören.

»Alles gut«, antwortete sie wenig überzeugend.

»Findest du noch immer, dass wir das erst an Schweinen ausprobieren sollten?«

Auch das war ein Scherz: Schweine waren dem Menschen in neuronaler und genetischer Hinsicht ausgesprochen ähnlich, doch ihnen fehlten die tiefgreifenden Verbindungen des Frontallappens, die es ermöglichten, sich nicht nur zu erinnern, sondern über die Erinnerungen auch nachzudenken. Ohne diese Verbindungen konnte der Hippocampus die TMS-Signale nicht erkennen. Das wäre so gewesen, als wenn Schweine eine Software für die Verarbeitung von NMR-Signalen schrieben und anschließend einen Artikel darüber verfassten.

»Ich finde wirklich, wir sollten überlegen, einen Arzt hinzuzuziehen«, sagte sie.

Harv schien einen Moment lang darüber nachzudenken, doch Tara konnte sich vorstellen, was in seinem Kopf ablief: Ein Arzt würde wissen wollen, was hier vorging, und darauf bestehen, das Experiment so lange aufzuschieben, bis irgendwelche komplizierten und schwammigen Sicherheitsvorschriften erfüllt wären. Aber wer war qualifiziert, Sicherheitskriterien für ein solches Vorhaben zu entwickeln? Harv Leonel – genau der.

»Es wird schon nichts passieren«, sagte er. »Mann, die Gebrüder Wright haben viel öfter als ich Kopf und Kragen riskiert.« Und dann: »Fouriertransformation abgeschlossen. Alles im grünen Bereich. Das TMS akzeptiert den Input.«

»Glückwunsch«, meinte Patel.

»Ebenso«, erwiderte Harv zerstreut, richtete sich auf, trat über die Kabel hinweg und ging zu Patel und Tara hinüber. Neben ihnen stand die Behandlungsliege, an der Harv einen Polygrafen angebracht hatte, damit man seine Vitalwerte während des Experiments überwachen konnte. Außerdem gehörte noch eine TMS/EEG-Haube aus Gummi samt dazugehörigem Kabelgewirr dazu.

Ohne weitere Umstände schmierte er alle Kontakte mit Elektrolytgel ein, setzte sich auf den Behandlungsstuhl, legte Brustgurt, Fingerbänder und Armmanschette an. Zuletzt setzte er die TMS/EEG-Haube auf und sicherte sie mit einem lächerlich wirkenden Kinnriemen.

Tara überprüfte die Sensoranzeigen und den Stimulator-Output – ein Vorgang, der fast zwanzig Minuten in Anspruch nahm. Mittels Schaltern aktivierte sie nacheinander jeden einzelnen der siebzig Elektromagneten in der Haube und speiste Rechteckwellen mit niedriger Amplitude in einen winzigen Bereich von Harvs Gehirn ein. Dann überprüfte sie, ob das Muster von den sechs EEG-Sensoren erfasst wurde, stellte den Schalter auf Off und vergewisserte sich, dass alle sechs Sensoren wieder normale Gehirnaktivität anzeigten. Klar, sie war Expertin für die Haplogruppen des Y-Chromosoms, nicht aber für Gehirnaktivität; das TMS/EEG war mit einem Rechner verbunden, auf dem eine Standardsoftware lief, die sich um die Details kümmerte. Nacheinander leuchteten immer mehr grüne Kontrollleuchten auf, und Patel konnte weitere Geräte auf seiner Liste als überprüft markieren.

Es war ein Segen, dass Harv Zeit und Geld in all die Status-LEDs investiert hatte. Er hatte ihr versprochen, den Versuch abzubrechen, wenn auch nur eine Anzeige gelb leuchtete, doch das war nicht der Fall, und bald darauf war die Überprüfung abgeschlossen. Dieses Durcheinander von Geräten – einige neu, andere überflüssig, manche von anderen Instituten geklaut – funktionierte tatsächlich wie geplant, und Tara musste anerkennen, dass auf der funktionalen Ebene alles in Ordnung war. Harv und Patel – und später dann auch Tara – hatten mit elegantem Design begonnen, waren aber gezwungen gewesen, alles auf dem beschränkten Raum mit der bestehenden Einrichtung und einer bestimmten Anzahl an Steckdosen zusammenzusetzen. Auf der Grundlage ihrer beschränkten Zeit, der zur Verfügung stehenden Geldmittel und der Tatsache, dass sich hier niemand um Arbeitssicherheit und Brandschutzbestimmungen scherte. Außerdem würden bald die Vorlesungen beginnen, und die Arbeit auf dem Campus würde zehnfach mühseliger. Deshalb hatten sie möglichst schnell gearbeitet, ohne sich Zeit zum Nachdenken zu nehmen.

Jetzt, da sie aus diesem sexbefeuerten Traum erwachte, musste sie sich eingestehen, dass sie mitverantwortlich war für das, was gleich passieren würde. Vielleicht würde sie ja den Nobelpreis bekommen und eine Titelgeschichte in Nature, der Großmutter aller renommierten Wissenschaftszeitschriften. Andererseits war nicht ausgeschlossen, dass man wegen grober Fahrlässigkeit gegen sie ermitteln würde. Wenn sie jetzt weglief, würde dies nichts mehr ändern, deshalb machte sie einfach weiter und bemühte sich nach Kräften, den Plan so fehlerfrei wie möglich umzusetzen.

»Ich fahre den Stuhl jetzt zurück«, sagte Harv. Ein weiteres Zugeständnis: Er würde liegen, wenn das TMS-Signal aktiviert wurde.

»Okay«, sagte Patel überflüssigerweise. Er saß an der anderen Seite des Raums neben dem Notschalter, leicht vorgebeugt, damit er Harv besser sehen konnte, während der Behandlungsstuhl langsam nach hinten kippte, bis er an den Gumminoppen zum Stillstand kam.

Harvs Rechte lag auf dem Schalter des TMS: ein weißer Handschalter ähnlich denen, mit denen Patienten in Krankenhäusern Schmerzmittel aus dem Infusionsschlauch anforderten. Tara berührte Harvs andere Hand und sagte: »Es ist noch nicht zu spät, einen Rückzieher zu machen.«

»Ich weiß«, sagte er.

Und betätigte den beschissenen Schalter.

Universität von Colorado, Technikzentrum

Boulder, Colorado

– Gegenwart

Harv spürte nichts, als er den Schalter herunterdrückte, und glaubte zunächst, das Gerät würde nicht funktionieren. Wie sollte es auch schon beim ersten Versuch? Sein zweiter Gedanke war, dass er froh sein konnte, im Hinblick auf diese Phase des Experiments keinerlei Versprechungen abgegeben zu haben. Andernfalls wäre dies ein Minuspunkt in seiner Professorenlaufbahn gewesen und hätte negative Auswirkungen auf Patel und vielleicht sogar Tara haben können, wenn er es nicht geschickt anstellte. Da sah man es wieder: Ein bisschen Heimlichtuerei konnte nicht schaden.

»Tut sich was?«, rief Patel an der anderen Seite des Raums.

»Bislang nicht«, antwortete Harv. »Ich weiß nicht …«

Und

sein

dritter

Gedanke

war …

dass Jack sich wieder das Handgelenk verbrennen würde, wenn er nicht Abstand hielt zum Feuerloch.

»Pass auf deine Hände auf, Bursche!«, knurrte Harv.

Jack schippte mit einer quadratischen Schaufel Kohle in den Ofen, während Harv das schicke neue Manometer begutachtete, das er am Boiler angebracht hatte. Bei jeder Handbewegung streifte der Verband an Jacks linker Hand beinahe am Rand des Eisenrosts, bei dem nicht viel fehlte, um kirschrot zu glühen.

Harv aber hieß jetzt Clellan Malcom Leonel, und obwohl sie kein Hemd unter dem Overall trugen, war es höllisch heiß und stockdunkel in diesem gottverfluchten Backsteinhaus, und warum in Herrgottsnamen hatte er diese beschissene Halbhebelmaschine nicht draußen gebaut, zum Teufel mit dem Clyde-Wetter? Cunard sollte sich ja nicht einfallen lassen, den Entwurf zu kritisieren,

und

sein vierter Gedanke

war …

Was zum Teufel war das denn?

Er saß untätig da und schwieg sekundenlang.

»Harv?«, fragte Tara.

»Alles in Ordnung«, antwortete er, ohne zu überlegen.

Was zum Teufel war das denn?

»Spüren Sie etwas?«, fragte Patel. Der Stift über dem Klemmbrett in der Schwebe, bereit, Eindrücke jedweder Art zu notieren.

Harv schwieg noch immer. Was hätte er auch sagen sollen?

»Harv?« Wieder Tara, diesmal klang sie besorgt.

»Ja, ich spüre etwas«, sagte er, an beide gewandt. »Wenn man es denn so nennen will. Möglicherweise habe ich mir falsche Vorstellungen über das Wesen der im Quantom gespeicherten Informationen gemacht.«

Tara reagierte gereizt. »Herrgott, Harv. Würdest du das bitte erläutern? Ist alles in Ordnung?«

Das war eine berechtigte Frage, denn schließlich wirkten starke magnetische Felder auf das Zentrum seines Gehirns ein. Er nahm ein andauerndes Summen wahr, vergleichbar dem gedämpften Raunen an der Türschwelle des Vorlesungssaals, und er hatte einen Geschmack wie von in Apfelmost getauchten Pennystücken im Mund.

Mit einem nervösen Kichern sagte er: »Das ist der Grund, weshalb Wissenschaftler Selbstversuche durchführen. Tara, ich glaube, ich hatte soeben eine episodische Erinnerung. Kein impliziter Informationsabruf. Ich meine, ich war da. Einen Moment lang. In Schottland, glaube ich.«

»Im Ernst? Tatsächlich?« Tara hielt inne, dann setzte sie hinzu: »Verarsch uns nicht, Mann. Patel, bitte schalten Sie das Gerät aus, bevor wir ihn verletzen.«

Patel aber war eher neugierig als besorgt. »Das ist interessant, Harv. Ich habe immer geglaubt, episodische Erinnerungen wären eine Möglichkeit. Ich meine, der Hippocampus ist im Grunde nur eine Schalttafel. Er unterscheidet nicht zwischen unterschiedlichen Verbindungstypen. Was genau haben Sie gesehen?«

»Zwei Menschen«, antwortete Harv. »Die an einer Art Dampfmaschine arbeiteten. In einem Gebäude. Es war sehr heiß. Ich war … ich war ein, zwei Sekunden lang dort, aber die Eindrücke waren sehr lebhaft. Mir ist Schweiß den Rücken runtergelaufen. Es war erstaunlich.«

»Schalten Sie das Gerät aus«, wiederholte Tara.

»Ich fühle mich gut«, versicherte ihr Harv. »Nett von euch, dass ihr euch Sorgen macht, aber das Gefühl ist keineswegs unangenehm. Lasst uns weitermachen.«

Und so warteten sie mehrere Sekunden lang, und dann noch weitere Sekunden.

»Tut sich was?«, fragte Patel.

»Nein, ich glaube nicht. Wie hoch ist die Feldstärke?«

»Drei Komma fünf Tesla, genau so hoch wie vor fünf Minuten.«

Zu Tara sagte Harv: »Mein Urgroßvater stammt aus Dunbarton in Schottland, gelegen am Clyde. Hast du den Namen Cunard schon mal gehört?«

»Das ist ein britisches Kreuzfahrtunternehmen.«

»Hm. Ich frage mich … wann war das wohl? Meine Familie hat ziemlich lange in Schottland gelebt.«

»Aber sie stammt von woanders her«, sagte sie. »Dein Y-Chromosom gehört zur Haplogruppe D-M174, die sehr selten ist. Aber bestimmt nicht schottischen Ursprungs. Wahrscheinlich ist sie von Tibet oder Hokkaido oder dem Indischen Ozean dorthin gekommen. Harv, das gefällt mir nicht. Du glaubst, du …«

»Hm?«

Sie zeigte auf seinen Kopf. »Wir wissen nicht, was da drinnen vorgeht. Du hattest eine lebhafte … Du …«

»Ich fühle mich gut«, sagte er.

Er hatte abschätzig geklungen, und das tat ihm augenblicklich leid. Er und Tara waren schnell und leidenschaftlich füreinander entflammt, und ihre Sorge um sein Wohlergehen war nicht fachlich begründet. Bis jetzt war ihm nicht bewusst gewesen, wie sehr ihm das gefehlt hatte. Die Scheidung war fast sechs Jahre her, und in Boulder war es zwar nicht besonders schwierig, jemanden zu finden, mit dem man ins Bett gehen konnte, doch es war ihm nicht gelungen, eine Frau kennenzulernen, die seine Hand halten wollte. Tinder hatte ihm nichts gebracht, und OKCupid und GeneMatch auch nicht, und die gleichaltrigen Frauen, die manchmal auf Fakultätspartys flirteten, konnten bei ihm nicht punkten. Beim Institut für Paläogenetik war das anders gewesen. Er wusste nicht genau, wo er und Tara standen oder was passieren würde oder ob das, was sie taten, überhaupt gut für sie war. Doch er legte Wert auf ihre Meinung.

In umgänglicherem Ton sagte er: »Ich glaube, wir sind da einer großen Sache auf der Spur, Tara. Ganz ehrlich. Ich bin völlig klar im Kopf, habe keine Schmerzen. Im Gesicht und auf dem Kopf nehme ich ein leichtes Prickeln wahr, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass das normal ist. Glaub mir, da ist etwas passiert. Ich hatte eine detailreiche Erinnerung. Das ist mehr, als wir uns erhofft hatten.«

»Hm«, machte sie unverbindlich.

»Hör mal, sobald es wehtut, breche ich ab, versprochen. Okay? Aber wir müssen dranbleiben. Das könnte ein großer Durchbruch sein. Eine ganz große Sache, für uns alle.«

»Hm«, machte sie erneut. Dann: »Okay, du hast recht. Deshalb sind wir ja hier.«

»Ja, genau. Aber es ist schön, dass du dir Sorgen um mich machst. Patel, würden Sie bitte die Feldstärke auf vier Komma null erhöhen?«

Patel kratzte sich mit dem Stift am Schädel. »Ja, gut. Sind Sie sicher?«

Mehr war nicht drin. Genau genommen war dies die höchste Feldstärke, die für die transkranielle magnetische Stimulation auf dem Markt angeboten wurde. Wenn sie mehr wollten, müssten sie das TMS selber bauen – wovor Harv zurückschreckte. Außerdem waren das Gerät und die Bedienungsanleitung mit allen möglichen Warnhinweisen der Arzneimittelzulassungsbehörde FDA gespickt. Aber die Software ließ die Einstellung zu, solange der Fokussierungspunkt tiefer als sechs Zentimeter unter der Schädeldecke lag. Den 3D-Gehirnscans zufolge war Harvs Hippocampus etwa 7,5 Zentimeter von den Magneten entfernt, also würde das Programm es zulassen.

Und sie waren so dicht dran. An einer ganz heißen Sache. Im Y-Quantom waren tatsächlich Informationen enthalten. Und sie hatten sie in sein Gedächtnis übertragen. Da gab es kein Vertun. Jahrelanges Nachdenken und Forschen hatten ihn an diesen Punkt gebracht – Physik, Chemie, Elektrotechnik und Neurowissenschaft, dies alles floss in diesem hoch spezialisierten Unternehmen zusammen. War er überhaupt für etwas anderes geeignet? Als Wissenschaftler und als Mensch konnte Harv ebenso wenig innehalten, wie er das Blinzeln unterbinden konnte.

»Ja«, sagte er. »Ich bin mir sicher.«

»Absolut sicher?«

»Ja, Patel, ich bin mir absolut sicher. Machen Sie weiter.«

»Okay. Alles klar!«

Patel legte das Klemmbrett weg, beugte sich über die Tastatur und gab Befehle ein.

»Freigabe. Einstellungsänderung. Bestätigung. Sind Sie bereit?«

»Ja. Machen Sie schon.«

Patel drückte die Entertaste

und

es

wurde

dunkel

TEIL EINS

DIE SINTFLUT

1.1

Harvs Sinneswahrnehmungen wurden wirr und verschwammen; sie verblassten periodisch, einhergehend mit flackernden Bildern, Gefühlen und Gerüchen. Ein Wald, eine Wüste, ein Lagerfeuer – nein, eine Million Lagerfeuer, die in die ferne Vergangenheit zurückreichten. Er nahm seine Hände wahr, rau und schwielig, um das Steuerruder eines Schilfbootes gelegt, drückend und ziehend im verzweifelten Versuch auszuweichen … Gebäuden? Einer überfluteten Stadt? Nein, einer Flutwelle, die durch eine Stadt lief. Der Herzschlag hämmerte ihm im Hals, noch nie hatte er eine solche Angst verspürt, noch nie in … seinem Leben? Im Leben von jemand anderem? Plötzlich hörte das Flackern auf, und er war da.

»Hier bist du immer zu finden, wenn es schön ist.«

Manuah Hasis wandte sich vom Meer ab und drehte sich zu dem Mann um, der ihn von hinten angesprochen hatte. Ein Mann mit brauner Haut, schwarzem Haar und schwarzem Schnäuzer, bekleidet mit blauem Gewand und ausgebleichter weißer Kappe aus feinstem Leinen, die Farben des Himmels und der träge dahintreibenden Sommerwolken.

Manuah verneigte sich. »Ich könnte dasselbe sagen, Ehrwürdiger.«

Der Mann lachte, denn die Anrede war zwar korrekt, doch er war Manuahs Halbbruder Adrah Hasis und hätte ebenso gut als Nervensäge, Kleiner oder Furzer angesprochen werden können, wenn sie beide zwanzig Jahre jünger gewesen wären.

»Ich komme hierher, weil ich hier arbeite, Hafenmeister. Du kommst hierher, um die Aussicht zu genießen, und das erlauben sie dir nur deshalb, weil deine ererbten Titel sie einschüchtern.«

»Außerdem spende ich Geld«, entgegnete Manuah und lachte zusammen mit seinem Bruder. Sie klatschten sich mit den Händen ab, eine weniger förmliche Begrüßung.

Justament standen sie auf dem höchsten Turm der Stadt – fünf Stockwerke hoch, erbaut auf dem Sternenhügel, von dem aus Adrah und dessen Priesterastrologen die Bewegungen der Planeten am Nachthimmel beobachteten. Sie befanden sich fünfzig Schritte über dem Talboden – das hieß, sie waren praktisch selber Himmelskörper! Die Priesterwahrsager opferten im Turm auch Tiere, vermutlich deshalb, weil sie hier den Göttern näher waren, doch zum Glück war heute Erdtag – nicht unbedingt der aussichtsreichste Wochentag. Dies war eher der Tag der Arbeiter und Händler, und deshalb war er den Göttern sicherlich ferner.

Adrahs Tonfall wurde ernsthafter. »Du wirkst bedrückt, Bruder. Ich sehe, dass du aufs Wasser starrst – auf dein Wasser –, und es schenkt dir keine Zufriedenheit. Ist das nicht ein wundervoller Hafen?«

Ja, es war ein ausgezeichneter Hafen, weitgehend natürlichen Ursprungs, aber mit zwei Wellenbrechern aus behauenem Stein an der Ostseite, fast geschlossen wie das Maul eines Drachen, ein Schutz vor Stürmen und eine Herausforderung für ortsunkundige Seeleute, die ohne Erlaubnis in den Hafen einliefen. Er maß fast einen ganzen Kos in der Breite – so weit das Muhen einer Kuh zu vernehmen war –, deshalb konnte jemand von der einen Seite aus eine Herde an der anderen Seite hören, jedoch nur gedämpft und an stillen Tagen. Das blassblaue Wasser war tief genug für Boote und flach genug zum Fischen, doch an der Westseite war es so flach, dass eine Frau bei Ebbe mit Schaufel und Eimer in den Schlamm hineinwaten und in weniger als einer halben Hurta so viele Muscheln, Krabben und Frösche ausgraben konnte, wie sie tragen konnte. Die Menschen der Stadt hatten bislang mehr zu essen als alle anderen Bewohner des Königreichs. Jedenfalls die, welche gebratene Muscheln mochten.

Aber genau das war das Problem. Die Muscheln wurden von Jahr zu Jahr kleiner. In diesem Monat hatten Manuahs Bootsleute wieder die Bojen versetzt und den Bereich erweitert, wo Boote fahren konnten, ohne aufzulaufen oder ihre Netze zu verschmutzen.

»Das Wasser wird immer tiefer«, sagte er zu seinem Bruder. Dann setzte er hinzu: »Ehrwürdiger«, nur für den Fall, dass die Götter zuhörten und dass ihnen daran gelegen war.

Ein kühler Wolkenschatten zog über sie hinweg, jagte über die niedrigen Steingebäude und die weiß getünchten Dächer und wanderte zum Hafen hinaus, verdunkelte ihn ein paar Kesthe lang und zog dann weiter.

Er spürte, wie Adrah neben ihm mit den Schultern zuckte. »Ist das nicht gut, Hafenmeister? Wenn dein Reich sich ausdehnt? Wenn die Boote nicht mehr befürchten müssen, auf einer Sandbank zu stranden?«

»Das könnte man meinen«, erwiderte Manuah.

»Aber?«

»Aber die Stadt ist auf flachem Gelände erbaut, Adrah, zwischen dem Großen Fluss und dem Großen Meer. Wir können uns nicht auf höheres Gelände zurückziehen. Wenn der Wasserspiegel noch weitere zehn Fuß steigt, verschwindet die Stadt.«

Adrah lachte auf. »Zehn Fuß! Ja, und der Himmel könnte herabstürzen und den Turm unter sich begraben. Bruder, es gibt bestimmt andere Dinge, über die du dir eher Sorgen machen solltest.« Als Manuah schwieg, wurde Adrah wieder ernst. »Du bist Seemann und Händler. Du kennst dich mit den Gezeiten aus. Du machst dir Sorgen wegen der Sturmfluten.«

»Unter anderem.«

Manuah machte sich Sorgen wegen aller möglichen Dinge, von denen er manche nicht genau benennen konnte. Seine Mutter, Adrahs Tante, hatte ihn häufig ausgescholten, weil er zu viel grübelte. Vielleicht hatte sie ja recht gehabt, doch dass sie ihn anhielt, seine Sorgen für sich zu behalten, hatte alles nur noch schlimmer gemacht. Je weniger er über die Dinge sprach, die ihn bedrückten, desto mehr Gewalt gewannen sie über ihn. Und je mehr Reichtum und Macht er anhäufte, je mehr Leute für ihn arbeiteten, je mehr Bedienstete seine Frau befehligte, desto lächerlicher erschien es ihm, dass er sich überhaupt vor etwas fürchtete.

Nach kurzem Schweigen fragte er: »Könnt ihr wirklich mit den Göttern sprechen? Antworten euch die Götter?«

»Nicht in DER Sprache, das nicht. Das weißt du doch. Aber sie offenbaren ihre Muster. Bruder, woran denkst du?«

Seufzend hob Manuah seinen vergoldeten Gehstock hoch – mehr wert, als die meisten Männer im Laufe eines Jahres verdienten – und zeigte nach Westen, zum Großen Fluss, der jenseits der Stadt und des Hafens lag, dort, wo er sich verzweigte und ins Meer ergoss. »Das Flusswasser steigt auch. Jahr für Jahr wird die Strömung ein wenig reißender und nagt ein Stück von den Feldern an seinen Ufern ab. Die Frühlingsflut wird Jahr für Jahr schlimmer. Nicht nur tiefer, sondern schlimmer, mit reißenderer Strömung und immer mehr Schlamm und Geröll. Aber das Wasser kommt von irgendwoher, oder? Jenseits der Städte, in der Wildnis und der dahinter liegenden Wüste, gibt es Berge, und von dorther kommt das Wasser. Von den Bergen.

Die Berge sind weiß. Die Wilden nennen das Schnee und sagen, in den verwandelt sich das Wasser, wenn es kalt wird. Und wenn es warm wird, verwandelt sich das Wasser erneut. Was wäre, wenn es in den Bergen zu warm wird? Wenn das Land zwischen Hafen und Delta einfach fortgespült wird? Und nur dreißig Kos weiter liegt ein weiteres großes Flussdelta, Bruder. Du hast die Stadt seit vielen Jahren nicht mehr verlassen; du hast keine Vorstellung vom Land, aber glaub mir, bis zum Delta des Anderen Flusses ist es nicht weit. Das Königreich ist groß, weil das Land fruchtbar ist, aber wir leben auf dem flachen Bereich zwischen den beiden Flussdeltas. Was, wenn das Wasser weiter steigt?«

»Das werden die Götter bestimmt nicht zulassen«, sagte Adrah mit einer Zuversicht, die Manuah ihm neidete.

»Würdest du sie für mich darum bitten?«, fragte er eindringlich. »Ich habe bereits mehrere starke Sturmfluten erlebt, und ich habe Angst. Wenn die Götter zornig werden, bräuchte es nicht viel, uns alle zu ertränken.«

»Nun, dann werden wir dafür sorgen, dass sie uns nicht zürnen. Mein Bruder, du wirkst so abgespannt. Es hilft nichts, wenn du mit einem derartigen Gesicht herumläufst. Möchtest du ein paar Gestalten mit mir üben?«

Während der Unterhaltung schlummerte Harv Leonels Bewusstsein im Hintergrund. Er war Manuah, oder meinte es zu sein, und konnte sich an nichts anderes mehr erinnern. Für einen Augenblick aber traten seine eigenen Gedanken in den Vordergrund, und er wurde sich (nicht ohne Erstaunen) bewusst, wie anmutig sie miteinander sprachen. Das Wort für Hafenmeister klang wie Vaivas Vakta und bedeutete »Hüter des Wassers«, und Adrahs Titel lautete Sarudas Vakti oder »Hüter der Sterne«. Der Große Fluss war Chera Vakti, was »Bruder der Wellen« bedeutete. Und die Stadt hieß Chera Sippar und das Königreich Chera Desa, und das Wort für Bruder war schlicht Chera. In ihren Worten und in ihrer Vorstellung war alles miteinander verbrüdert, und die Folge war eine umfassende Poesie, der Harv kaum zu folgen vermochte, wie einem Scherz, dessen Pointe sich ihm entzog. Das aber war ihre Alltagssprache; sie legten sich nichts zurecht und versuchten nicht, einander auszustechen. Die Sprachakrobatik war für sie so selbstverständlich wie das Sprechen an sich.

Und Harvey veranlasste Manuah in einem günstigen Moment, so schien es ihm jedenfalls, den Kopf zu wenden und die umliegende Landschaft zu mustern. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wo sie sich befanden. Die Stadt umfasste einige Tausende Steingebäude sowie Zehntausende Holzhütten. Sie hatte vermutlich mindestens hunderttausend Einwohner und war nach allen geltenden Maßstäben eine große Siedlung. Und der Große Fluss war mindestens zehn Kilometer breit – breiter als der Nil! –, und er hatte den Eindruck, dass er von Norden nach Süden strömte, und dass das Große Meer im Süden lag, und dass der Bruderfluss im Westen parallel dazu verlief und fast ebenso groß war. Und obwohl er in Geografie, Geologie und Weltgeschichte stets ein aufmerksamer Schüler gewesen war, fiel ihm kein Ort ein, auf den diese Merkmale allesamt gepasst hätten. Adrah sah aus wie ein Bewohner des Mittleren Ostens oder wie ein Inder, seine Kleidung glich der eines tibetischen Mönchs, bloß die Farben stimmten nicht, und der Stoff wirkte zwar weich, war aber anscheinend aus einem besonders langen Faden gewirkt. Und obwohl es Sommer war, herrschte anscheinend eine angenehme Temperatur. Hatte das irgendetwas zu bedeuten?

Und gab es überhaupt so etwas wie Salzwasserfrösche? Halluzinierte Harv vielleicht? In Anbetracht der Stärke und Komplexität der auf sein Gehirn einwirkenden Magnetfelder war das nicht ausgeschlossen. Er hätte jedenfalls nicht hier sein sollen, und niemand hatte je zuvor etwas Vergleichbares getan, und jede verstreichende Sekunde konnte zu irreversiblen Hirnschäden führen. Andererseits konnte er nicht viel dagegen tun. Er spürte den Behandlungsstuhl nicht mehr, auf dem er lag. Nahm seinen Körper nicht mehr wahr. Er war Manuah.

Diese Gedanken gingen ihm durch den Kopf und nahmen gerade mal zwei Sekunden oder ein Drittel Kesthe in Anspruch, dann tauchte sein Bewusstsein abermals ab.

Manuah grummelte vor sich hin, dann ließ er sich von Adrah durch die ersten Dehnungen geleiten – erst die Finger, dann die Handgelenke, schließlich die Ellbogen und die Schultern, und dann die Füße, die Beine und zuletzt der Rücken, der ihm richtig wehtat. Er war zwar ein Adliger und ein Schiffsmagnat, doch wenn Not am Mann war, empfand er es nicht als unter seiner Würde, beim Laden und Entladen der Fracht mit anzupacken oder seinen Leuten zu zeigen, wie man den Teer am besten verwendete. Oder wie man steuerte. Auch wenn er eine Respektsperson war, liebte er es noch immer, am Ruder zu stehen und komplizierte Wenden zu steuern, ohne dass ein Seemann ein Paddel ins Wasser tauchen musste. Nie fühlte er sich freier als in diesen Momenten.

»Man sieht dir die Sorgen an, die auf dir lasten«, sagte Adrah. »Schon von Weitem. Vielleicht sollte deine Frau dich mal massieren, aber jetzt stell dich neben mich. Wie ein Baum. Wie ein Pfosten. Wie ein Schilfrohr im Wind. Und jetzt streck das eine Knie vor, und jetzt das andere …«

Es war nicht das erste Mal, dass Manuah die Gestalten praktizierte – auch nicht das erste Mal, dass sein kleiner Bruder ihn unterwies –, doch es war wohl das erste Mal, dass er dabei ein spirituelles Gefühl entwickelte, wie es eigentlich auch sein sollte. Er nahm nicht unbedingt die Anwesenheit der Götter wahr, empfand aber eine Art Offenheit gegenüber der Welt jenseits seiner körperlichen Begrenzung. Etwas pulsierte in ihm, das weder Feuer war noch Wasser oder Licht, nicht Stärke oder Schwäche, sondern alles zugleich, und als er fertig war – nach fast einer halben Hurta des Springens und der Gestalten – verspürte er eine wohlige Müdigkeit wie seit Monaten nicht mehr.

»Klarheit«, sagte sein Bruder. »Die Gestalten richten den Körper an den natürlichen Prinzipien aus, und dadurch ordnet sich auch der Geist. Hilfreiche Gedanken vereinen sich, und nicht hilfreiche perlen von dir ab wie Wasser von den Schwingen des Reihers.«

»Warum?«, fragte Manuah. »Weshalb ist das so? Wenn Körper und Geist zwei verschiedene Dinge sind, weshalb beeinflussen sie sich gegenseitig?«

»Weil die Götter es so gewollt haben«, antwortete Adrah strahlend.

Und wieder beneidete ihn Manuah, denn seinen Geist zog es zu dunkleren Orten. Wenn die Götter die Macht hatten, auf Menschen einzuwirken und ihren Körper und ihre Seele zu beeinflussen, was war ihnen dann verwehrt? Wozu waren sie imstande, wenn die Menschen sie erzürnten?

»Sorg dafür, dass sie zufrieden sind«, sagte er eindringlich zu seinem Bruder, stieg auf die erste Leiter und begann den langen Abstieg zum festen Boden. Er hatte eine Verabredung, hier in der physischen Welt.

»Möge der nächste Monat dir freundlich gesinnt sein!«, rief Adrah ihm nach.

1.2

König Sraddahs Palast war sicherlich das schönste Gebäude, das Manuah je gesehen hatte, und somit vermutlich das schönste der Welt. Zwar war er nur halb so hoch wie der Turm der Sterne und umgeben von gewöhnlicheren Gebäuden, welche die Sicht auf ihn verstellten, doch er war mit kunstvollen Reliefs aus Blattgold und Kupferblech geschmückt und mit rotem Ocker und weißem Kalk bemalt. Er war ein Schlachtfeld der Farben – nicht nur in Bildern, sondern auch in Worten für jene, die sie zu lesen verstanden. Über fast zweihundert Jahre hinweg hatte jede Generation der Königsfamilie weitere Darstellungen hinzugefügt; kaum eine Stelle war glatt und ohne Farbe geblieben. Es brauchte Zeit, das alles in sich aufzunehmen, denn ein flüchtiger Blick enthüllte kaum die Form des Gebäudes, geschweige denn die Darstellungen an den Wänden! Aber wenn man einen ganzen Tag damit verbrachte, die Außenwände zu studieren (was Manuah in seiner Jugend getan hatte), erzählten sie die Geschichte von Sraddahs ältestem Vorfahren Kagresh, der die Siedlungen an den Ufern des großen Flusses geeint und mehrere zu Der Stadt verschmolzen hatte. Viel Blut war dabei geflossen, und viel Groll war entstanden, der bis heute nachwirkte. Doch es hatten mehr Menschen überlebt, als gestorben waren, und sie waren zu dem Schluss gelangt, dass ihr Leben sich verbessert hatte und dass es gar nicht so schlecht war, einem König Treue zu schwören und seinem Königreich anzugehören.

Man betrat den Palast durch ein zweiflügliges Tor aus mit Kupferbändern verstärkten Holzbohlen, bewacht von drei Soldaten in Rüstungen aus Leder und Holz, die beinahe wie große Spielzeugfiguren wirkten. Doch dies waren harte, kampferprobte Männer, die als Anerkennung für ihre Dienste mit dieser ruhigeren Aufgabe betraut worden waren. Ihre Speere hatten Klingen aus Kupfer und waren auch mit Kupfer beschlagen, an der Hüfte trugen sie gefährlich aussehende Messer aus Obsidian. Mit diesen Männern sollte man es sich besser nicht verscherzen.

Einer von ihnen hielt einen großen grauen Hund an der Leine, und der Hund musterte Manuah argwöhnisch, als überlegte er, wo er ihn beißen sollte, falls es Ärger gab. Auch vor ihm nahm man sich besser in Acht.

Zum Glück hatte Manuah eine Verabredung und wurde erwartet, und sein goldener Gehstock, das scharlachrote Gewand und der breitkrempige Seemannshut taten seine Stellung eindeutig kund. »Hafenmeister« war ein weltlicher erblicher Titel und »Zähler der Gezeiten« nominell ein religiöser, auch wenn das priesterliche Drumherum längst Geschichte war. Den Titel »Hoher Cousin« hatte er nie benutzt, denn der hatte im Hafen einen zu pompösen Klang, doch auf jeden Fall floss so viel königliches Blut in Manuahs Adern, dass auch mit ihm nicht zu spaßen war.

»Guten Morgen«, sagte er zu den Wachen, so umgänglich, als gehörten sie zu seinen Arbeitern.

»Hafenmeister«, erwiderte der eine.

»Ich möchte meinen Cousin sprechen«, sagte er, und auch das klang ein wenig pompös, denn es handelte sich um einen weitläufigen Cousin, und er war sich über das verwandtschaftliche Verhältnis nicht ganz im Klaren. Die Wachen aber nickten, verneigten sich und machten ihm Platz.

»Wunderschönes Wetter«, sagte der eine zu ihm, als er an ihm vorbeiging, und hätten sie tatsächlich zu seinen Arbeitern (beziehungsweise seinen Seeleuten) gehört, wäre dies die Einleitung gewesen zu einer Unterhaltung über Wind und Gezeiten und den Zug der hohen Wolken. Doch dies waren Soldaten, und wenn sie Wetter sagten, ging es ihnen allein darum, ob die Sonne schien oder ob ihnen Regen auf den Rücken fiel, deshalb brummte er lediglich und trat in den Palast.

Die Innenhöfe waren nicht minder beeindruckend als die Außenwände, wenn auch auf andere Weise. Hier wuchsen Farne und Zedern, und an den Innenwänden waren prachtvolle Teppiche ausgelegt, und zahlreiche Bedienstete in Leinengewändern eilten geschäftig umher, sodass Manuah sich nicht zum ersten Mal fragte, welche Aufgaben sie wohl den ganzen Tag lang zu erledigen hatten. Teilweise beantwortet wurde die Frage, als drei von ihnen sich ihm näherten: eine Frau mit einem Becher Wasser, eine mit einem kleinen Teller mit einem noch kleineren Stück ölgetränktem gesalzenem Brot und ein junger Mann mit Schreibbrett und Holzkohlestift.

»Ich wünsche dir, Hoher Cousin Hafenmeister, einen guten Morgen«, sagte der Mann. »Darf ich dir eine Erfrischung anbieten?«

»Nein, danke«, erwiderte Manuah. »Ich habe das Fasten zu Hause gebrochen.«

»Ja, natürlich«, sagte der Schreiber rasch. »Nichts für ungut.«

»Keine Ursache«, versicherte ihm Manuah.

Sie führten die Hände zusammen. Dann fragte der Schreiber noch vorsichtiger als zuvor: »Dürfte ich dir vor der Audienz bei Seiner Majestät Füße und Achselgruben waschen?«

Manuah lachte. »Nein, danke. Meine Frau hat dafür gesorgt, dass ich gesellschaftsfähig bin, und ich bin auf dem Weg hierher auch nirgendwo reingetreten.«

»Gewiss, Hoher Cousin Hafenmeister. Ich bedaure, die Frage überhaupt gestellt zu haben.«

»Wir haben alle unsere Pflichten.«

»Wohl wahr.«

Die beiden Frauen zogen sich zurück, um anderen Aufgaben nachzugehen, während der Schreiber Manuah ins Palastinnere geleitete und über eine Reihe schummriger Gänge in den Raum führte, wo König Sraddah vor dem offenen Fenster stand, in Händen einen dünnen Papyrus, den er straffte, damit er im leichten Wind nicht flatterte.

In einer Ecke saß der junge Prinz Raddiah und spielte mit kleinen Zinnsoldaten. Seit ihrer letzten Begegnung war er fast einen Kopf größer geworden, und er war gekleidet in ein mit Stickereien verziertes rot-gelbes Gewand aus Byssastoff, das ihm zu klein war, aber offenbar zu kostbar, um es wegzuwerfen. Er schaute kurz hoch und machte ein enttäuschtes Gesicht, als er den langweiligen Onkel Manuah erblickte.

»Hallo, Onkel«, sagte er und wandte sich wieder den Soldaten zu. In leiserem Ton sagte er: »Sterbt, ihr Surapp-Hunde! Das habt ihr jetzt davon, dass ihr mir die Stirn geboten habt.«

»Majestät«, sagte der Schreiber zum König, »darf ich melden: Hoher Cousin Manuah Hasis, Hafenmeister der Stadt und Zähler der Gezeiten.«

»Es sei gestattet«, erwiderte der König, ohne aufzusehen. Er hatte einen schmalen Goldreif aufgesetzt und roch nach Parfüm, Räucherwerk und Schweiß. »Verdammt noch mal. Einer meiner Generäle hat eine Karte des gesamten Königreichs gezeichnet, aber ich werde einfach nicht schlau daraus. Vermutlich bedarf es eines Kniffs. Man muss sie zu lesen verstehen.«

Er zeigte die Karte Manuah. »Ja, auch Seeleute zeichnen bisweilen solche Karten«, sagte der. »Allerdings nicht auf Papyrus.« Boote bestanden aus Papyrus – aus gepressten, geflochtenen und gebündelten Papyrusstängeln, die flachgepresst und an den Seiten und den Enden nach oben gebogen und mit Zedernbrettern abgedeckt wurden. Im Falle von Manuahs Booten wurden sie zudem an der Unterseite mit Baumharz und Ölsand getränkt. Wenn ein Seemann einen Papyrusbogen in die Hände bekam, war dieser für gewöhnlich mit Talk getränkt und diente dazu, ein kleineres Leck abzudichten. (Größere Lecks mussten im Trockendock ausgebessert werden, und Manuahs Überzeugung nach war dafür hochwertiger flüssiger Teer am besten geeignet.)

»Hm«, machte der König, der die Bemerkung nicht amüsant fand. »Nun, ich muss einen Feldzug planen, irgendwo auf diesem kleinen Bild. Kannst du hier irgendwo die Große Stadt der Surapp erkennen? Fluch und Fäulnis, ich frage mich, ob mein Augenlicht nachlässt. Aber wie kann das sein? In der Ferne kann ich immer noch alles erkennen. Sonst wäre ich ein schlechter Feldherr.

Jedenfalls setzen die Surapp mir zu. Bauen eine eigene Stadt! Das dortige Gestein hat eine schlechte Qualität, aber seit zwei Generationen brechen sie in den Schwarzen Bergen Granit und schaffen ihn mit Booten den Anderen Fluss hinunter. Seit zwei Generationen ohne Unterlass! Womit sie große Tatkraft unter Beweis stellen, denke ich, aber wir dürfen das wohl nicht zulassen. Es sei denn, unser Königreich verleibt sich Surapp ein.« Bei der Vorstellung lächelte er. »Dann hätten wir zwei Städte: eine östlich vom Großen Fluss, die andere westlich vom Anderen Fluss. Das wäre doch eine gute Sache, oder? Dem Ganzen wäre eine gewisse Symmetrie zu eigen, und es würde landlose Söhne ermuntern, die dazwischen liegende Küste zu kolonisieren. Dann würde das fleißige Surapp mir dienen, anstatt dass ich Pickel am Hintern davon bekomme.«

Die Idee schien ihm zu gefallen. Eine Weile dachte er darüber nach. Dann stellten sich anscheinend störende Gedanken ein; seine zufriedene Miene verflüchtigte sich. »Aber wir müssten etwas wegen ihrer Sprache unternehmen, was meinst du? Ich konnte diese Mistkerle noch nie verstehen.«

»So schwer ist das gar nicht«, sagte Manuah, vielleicht ein wenig voreilig. Die Sprache des Königreichs wies mehr Ähnlichkeit mit der von Surapp auf als die Gesichter von Manuahs Söhnen miteinander. Segelte man zwei Wochen gen Westen, dorthin, wo das Große Meer schmaler wurde und schließlich endete, traf man auf eine Reihe von Siedlungen am Ufer eines Flusses, und deren Sprache war noch eigentümlicher – eher ein Cousin als ein Bruder ihrer eigenen Sprache. Und ein weiterer, ganz anderer Cousin lebte zwei Wochen mit dem Segelboot im Südosten, an einem wiederum anderen Fluss, und wenngleich Manuah noch niemals weiter nach Osten gesegelt war, hatte er von anderen, noch ferneren Ländern mit einer noch fremdartigeren Sprache gehört. Hätte Sraddah die erlernen müssen, hätte er wahrhaft Grund zum Klagen gehabt. Und wenn man fünfzehn Tage lang den Großen Fluss hinaufsegelte, vorbei an Shipar und Erituak, traf man auf Orchideenpflanzer und Wilde, deren Sprache überhaupt keine Ähnlichkeit mehr hatte mit allem Bekannten. Im Vergleich damit war die Surapp-Sprache ein Klacks. »Hauptsächlich ist es eine Frage der Betonung.«

»Aber weshalb sollte ich derenSprache erlernen? Was würde mir das nützen? Überlassen sie sie mir als Tribut? Nein, wenn sie in unser Königreich aufgenommen werden, müssen wir alle dieselbe Sprache sprechen. Der Eroberer entscheidet, aber alle haben den Nutzen. Verstehst du? Das heißt, groß zu denken! Werden meine Ururenkel nicht eines Tages über die ganze Welt herrschen?«

»Das vermag ich nicht zu sagen, Majestät«, sagte Manuah. Er versuchte sich nach Möglichkeit aus der Politik herauszuhalten, doch er war schon häufig in der Großen Siedlung der Surapp gewesen – sie war nur knapp zwei Tagesreisen entfernt! – und betrachtete deren Bewohner als Freunde. Wenn Sraddah seine Soldaten dorthin schickte, hoffte er, dass die Surapp sich ergeben würden, anstatt zu kämpfen. Wenn sie Widerstand leisteten, würde Sraddah sie einfach alle töten und ihre Häuser zerstören, womit niemandem gedient wäre. Trotzdem wäre das immer noch besser als die Vernichtungskriege, welche die Wilden ständig führten. Dabei hatte niemand etwas zu gewinnen, und die Hälfte der Beteiligten überlebte nicht einmal, während man als Sraddahs Gegner immerhin die Möglichkeit hatte zu kapitulieren.

»Nun«, sagte der König versonnen, »das hätte mich auch überrascht. Deshalb haben meine Vorfahren Leuten wie dir auch die Scheiße aus dem Leib gestampft, hab ich recht?«

»Auch davon weiß ich nichts«, sagte Manuah mit einem Anflug von Gereiztheit. Und du auch nicht, Majestät. Sraddahs Ahnen waren größer und kräftiger, doch Manuahs Vorfahren waren klüger gewesen, und er vermutete, dass sie einfach keinen Sinn darin gesehen hatten zu kämpfen. Na gut, sollen sie ruhig herrschen. Wir mehren weiter unseren Reichtum.

»Nun denn«, sagte Sraddah, legte den Papyrusbogen auf den Besprechungstisch und beschwerte ihn mit einem Kupfermesser. »Was hat dich hergeführt, Manuah? Dein Mitarbeiter sagte, es sei wichtig.«

»Das ist es, ja. Ich habe bereits mit dir darüber gesprochen, doch es bereitet mir immer größere Sorge: Das Wasser steigt im Hafen, im Meer und in den Flüssen. Der Anstieg seit der Zeit unserer Großväter entspricht der Höhe eines Hauses. Wenn es so weitergeht, wird es in die Stadt strömen. Da wir auf dem flachen Land leben, an drei Seiten von Wasser umgeben, ist das eine ungünstige Situation.«

»Aber gut für Boote, würde ich meinen.« Sraddah schaute einen Moment lang nachdenklich drein, dann wechselte er das Thema. »Wo wir gerade davon sprechen, wie viele Boote hast du? Du persönlich?«

»Sechs. Das siebte befindet sich im Bau.«

»Sieh an. Beeindruckend, Hafenmeister. Hat je ein Mensch mehr besessen?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

»Und wie viele Soldaten könnte eines dieser Boote tragen?«

»Mit kompletter Besatzung? Das weiß ich nicht, möglicherweise zwölf Mann. Wenn Soldaten die Besatzung stellen würden und man auf die Mitnahme von Fracht verzichtet, vielleicht zwei Mal zwölf, allerhöchstens. Aber Majestät …«

»Und sieben Mal zwölf, das macht … wie viel?«

»Etwas mehr als sechzig, Majestät«, warf der Schreiber ein und machte sich mit dem Holzkohlestift eine Notiz auf dem Brett. »Und sieben Mal zwei Mal zwölf wären fast drei Mal sechzig.«

An diesem Punkt hielt Harv Leonel selbstgefällig inne, denn die Frage, wer diese Leute waren, beschäftigte ihn mehr und mehr. Von älteren Hochkulturen schienen sie keine Kenntnis zu haben, weshalb sie (vorausgesetzt, das entsprach der Wahrheit) vor den Sumerern leben mussten. Was keinen Sinn ergab, denn das Königreich war zwar kleiner als Sumer, aber technisch recht hoch entwickelt. Mit ein paar Dingen aber kannten sie sich nicht gut aus, nämlich Mathematik, Schrift und Kartografie. Er hatte die Schriftzeichen an den Außenwänden gesehen, und jetzt sah er die Notizen auf dem Brett, und da er mit Manuah Hasis’ Augen darauf blickte, verstand er auch, was darauf geschrieben war. Viel war es nicht: ein paar Zahlen und ein paar Dutzend piktografische Worte, und die Zahlen größer zwölf waren unhandliche Vielfache von sechzig. Diese Leute wussten anscheinend nicht so recht, was sie da eigentlich taten, und wenngleich Harv kein Experte war, hatte er den Eindruck, dass dieser Mischmasch keiner Schriftsprache ähnelte, die er kannte. Für ihn sah das aus wie etwas, das Sechsjährige sich ausgedacht hatten.

Aber was folgte daraus? Er vermisste auch noch andere Dinge; zum Beispiel hatte er keine Gegenstände aus Bronze gesehen, nur solche aus Kupfer, Gold und Zinn. Dabei hatten damals die Metalle auf der Erdoberfläche gelegen; um sie zu nutzen, bedurfte es keines Bergbaus und keiner metallurgischen Kenntnisse – man brauchte bloß Hitze und einen Hammer. Und jetzt, da er darüber nachdachte, wurde ihm bewusst, dass er auch keine Pferde, Esel oder Karren gesehen hatte, überhaupt nichts mit Rädern. Das aber würde bedeuten … das würde bedeuten, dass er sich im Neolithikum befand – in der Steinzeit, mindestens achttausend Jahre in der Vergangenheit.

Er verspürte jähe Panik, als ihm bewusst wurde, dass dies nicht hätte passieren dürfen. Er schrieb lediglich Muster in seinen Hippocampus, so als sprayte er Graffiti an eine Wand. Oder etwa nicht? Und dann war er schon wieder weg, bevor er sich seine Frage beantworten konnte.

»Genau«, sagte der König. »Wie ich schon sagte: Boote haben keinen militärischen Nutzen. Wenn der größte Bootsmann des Königreichs lediglich drei Mal sechzig Soldaten befördern kann, wie soll ich dann die Hälfte von sechzig Mal sechzig Soldaten transportieren, die ich brauche, um Surapp zu erobern? Wie viele Boote würde ich brauchen?«

Er blickte den Schreiber an, der schluckte und sagte: »Äh, mindestens zwölf und sechzig, glaube ich.«

Sraddah nickte. »Das ist grotesk, so viele Boote gibt es im ganzen Königreich nicht. Siehst du? Boote taugen fürs Fischen und zum Transport wertvoller Güter.«

»Majestät«, unterbrach ihn Manuah, »ich bin gekommen, um über das steigende Wasser zu sprechen. Das ist vielleicht gut für die Boote, aber schlecht für die Gehöfte und die Häuser. Und die Menschen.«

»Oh, ich verstehe«, sagte der König, entweder nachdenklich oder herablassend. »Du sprichst von einer möglichen Überschwemmung. Und bist du dir sicher, dass das Wasser steigt? Verschwendest du nicht bloß meine Zeit?« Er überlegte einen Moment, dann sagte er: »Was soll ich deiner Meinung nach gegen die Naturgewalten unternehmen? Mehr Opfer darbringen? Ich glaube, darüber solltest du mit deinem Bruder sprechen.«

Manuah zeigte in die Richtung des Hafens und deutete mit den Händen imaginäre Bauten an. »Ich habe an etwas Greifbares gedacht, Majestät. Wir könnten die Wellenbrecher erhöhen und neue zwischen den Inseln vor dem Hafen bauen. Natürlich außerhalb der Bootsrouten.«

»Und weshalb sollten wir das tun? Weißt du, wie viel ein Steinblock kostet? So viel wie eine Ziege, und für ein solches Vorhaben würdest du eine Menge Blöcke brauchen.«

»Ja. Mehr Steinblöcke, als bereits vorhanden sind. Ich schätze deren Zahl auf über sechzig mal sechzig.«

»So. Das ist eine ganze Menge, Cousin. Und Wasser findet einen Weg durch alle Lücken, oder etwa nicht?«

»Das tut es. Aber Wellen lassen sich brechen und Sturmfluten abwehren. Ich habe fürchterliche Stürme erlebt, und wenn ein solcher uns unmittelbar träfe … Stell dir vor, das Wasser sei eine angreifende Armee. Bessere Wälle würden Die Stadt davor schützen.«

»Hm«, machte der König und ließ sich das durch den Kopf gehen.

»Wenn du Surapp einnimmst, könntest du Steinblöcke als Tribut verlangen.«

»Steinblöcke? Ist das dein Ernst?«

»Ja, und in der Zwischenzeit hauen wir unsere eigenen Blöcke. Wir könnten billige Steine verwenden; es muss ja nicht schön aussehen.«

Um ihn noch mehr anzuspornen und weil der König ein passionierter Vogeljäger war, sagte Manuah: »Wenn eine Ente im Wasser schwimmt, kann sie leicht entkommen. Man kann sie mit einem Stein töten, bevor sie davonfliegt. Majestät, wir gleichen hier schwimmenden Enten, die das Hinterteil in die Luft recken.«

»Hm«, machte Sraddah, noch nachdenklicher als zuvor. Dann aber war der Damm gebrochen, und er sagte: »Du hast mir viel Stoff zum Nachdenken gegeben, aber ich muss eine wirkliche Invasion planen. Komm ein andermal wieder.«

Manuah reagiert enttäuscht. »Ist das dein Ernst? Ein andermal? Cousin, wann bist du eigentlich nicht mit militärischen Angelegenheiten beschäftigt?«

Sraddah kicherte wie ein Kind. »Militärische Angelegenheiten sind das Fundament des Landes. Meine Vorfahren haben sich keine Gedanken um den Hafen gemacht, sie haben diese Aufgabe deinen Vorfahren übertragen. Also solltest du vielleicht dankbar sein, dass ich dich überhaupt empfangen habe.«

Manuahs Blut geriet in Wallung. Der König war kein schlechter Mensch, nicht einmal (soweit Manuah das beurteilen konnte) ein schlechter König. Die Steuern hatte er während seiner Regentschaft nicht angehoben, und trotz der großen Bedeutung, die er militärischen Dingen beimaß, ging es im Königreich weitgehend friedlich zu. Manchmal aber war er auf beiden Ohren taub – die Götter waren seine Zeugen.

Seufzend musterte Sraddah Manuah und sagte: »Cousin, wenn die Krone mich eines gelehrt hat, dann dass unsere Mittel begrenzt sind. Wie viele Ziegen könnte die Stadt aufbringen, um die Steinmetze zu nähren, was glaubst du? Wie viel können wir den Flusssiedlungen wegnehmen oder den Hirten in den Hügeln? Im Moment nähren unsere Bürger die Steinmetze, Steinblock für Steinblock, mit denen sie ihre Häuser und Gartenmauern errichten, und das ist gut so. Alle sind beschäftigt und zufrieden.«

»So lange, bis sie ertrinken.«

Darüber musste Sraddah lachen. »Ertrinken, ach ja? Ich habe großen Respekt vor dir, Hafenmeister, und du darfst mich in zwei Jahren gerne an diese Unterhaltung erinnern, dann greifen wir das Thema wieder auf. Die Surapp werden befriedet werden, das Königreich wird wachsen, und ich werde über mehr Zeit und größere Mittel verfügen. Bis dahin nutze die Mittel, die dir zur Verfügung stehen, so gut es geht, und in zwei Jahren meldest du dich erneut. Einverstanden?«

Manuah konnte nachvollziehen, dass dies von Sraddahs Standpunkt aus betrachtet eine vernünftige Entscheidung war. Er hatte die Existenz des Problems weder anerkannt noch geleugnet, doch er hatte Manuah zur Kenntnis genommen und ihm vage Vollmachten verliehen. Vermutlich ging er davon aus, dass er nie wieder von dem Thema hören würde.

»Möge der nächste Monat freundlich zu dir sein«, sagte Manuah resigniert. Er blickte wieder zum kleinen Prinzen, der mit seinen Zinnsoldaten spielte und hin und wieder einen gedämpften Schrei ausstieß, wenn einer von ihnen ein grausiges Ende nahm, und Manuah nahm es als gutes Zeichen, dass der Junge über eine lebhafte Vorstellungskraft verfügte. Sein eigener Vater hatte ihn als Kind bisweilen in den Palast mitgenommen, wenn er hier zu tun hatte, und auch Sraddah hatte gern gespielt, doch dabei war es immer um Holzmesser, Speere aus Weidenruten und Schilde aus Korbgeflecht oder Bogen und Pfeile mit stumpfen Spitzen gegangen. Oder sie hatten mit den Fäusten gekämpft; mehr als einmal hatte er sich ein blaues Auge, schmerzende Eier, Schnittwunden und Schrammen an Knöcheln und Knien eingehandelt, die ihm der zwei Jahre ältere Prinz triumphierend zugefügt hatte. Sraddah hatte nie eine besondere Neigung gezeigt, seinen Verstand zu gebrauchen. Dass er ein so tüchtiger Kriegsherr war, rührte wohl daher, dass seine Gegner noch träger im Kopf waren als er, dass sie verzagten angesichts der wilden Attacken des Königs und der unbedingten Ergebenheit (gepaart mit Wildheit) seiner Soldaten. Es war ja so viel einfacher, sich zu ergeben und mit einem gerechten Frieden abzufinden! Trotzdem würde es nicht schaden, wenn eines Tages ein Denker auf dem Königsstuhl sitzen sollte.

»Nicht lockerlassen, Raddiah«, sagte er zum Prinzen. »Du hast sie fast eingekesselt.«

Damit fand er sich mit seiner Entlassung ab, verneigte sich vor dem König und ließ sich hinausgeleiten.

1.3