Zur eigenen Lebensgeschichte - Leopold von Ranke - E-Book

Zur eigenen Lebensgeschichte E-Book

Leopold von Ranke

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Beschreibung

In 'Zur eigenen Lebensgeschichte' bietet Leopold von Ranke den Lesern einen faszinierenden Einblick in sein eigenes Leben und seine einzigartige Perspektive auf die Welt. Mit seinem prägnanten und detailreichen Schreibstil präsentiert er seine Memoiren als ein Werk der historischen Betrachtung, das ebenso persönlich wie informativ ist. Ranke, als führender Vertreter der Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts, erzählt von seinen Begegnungen mit den großen Persönlichkeiten seiner Zeit und reflektiert über die Bedeutung von Geschichte und Erinnerung. 'Zur eigenen Lebensgeschichte' ist ein literarisches Juwel, das sowohl historisch interessierte Leser als auch Liebhaber autobiografischer Literatur gleichermaßen ansprechen wird. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Seitenzahl: 163

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Leopold von Ranke

Zur eigenen Lebensgeschichte

Einführung, Studien und Kommentare von Sara Sauer
Bereicherte Ausgabe. Autobiographische Aufsätze
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Zur eigenen Lebensgeschichte
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Die vorliegende Werksammlung mit dem Titel „Zur eigenen Lebensgeschichte“ versammelt autobiographische Selbstzeugnisse Leopold von Rankes und führt sie in einer geschlossenen Lektüre zusammen. Im Mittelpunkt stehen Texte, in denen der Historiker seine berufliche Laufbahn, seine Arbeitsweisen und die Bedingungen seines Schreibens bedenkt, ohne eine fortlaufende Lebensgeschichte im erzählerischen Sinn anzustreben. Ziel der Zusammenstellung ist es, die verstreuten Stücke so zu bündeln, dass sie als eigenständiges Ganzes erfahrbar werden: als Selbstverständigung eines Autors über Maßstäbe, Erfahrungen und Prägungen, die sein wissenschaftliches Arbeiten ebenso wie sein Verständnis von Zeit und Geschichte begleitet haben.

Zu den vertretenen Textsorten zählen eine einleitende Vorrede, essayistisch gefasste Aufsätze zur eigenen Lebensbeschreibung sowie vier als „Dictat“ ausgewiesene Niederschriften aus unterschiedlichen Jahren. Diese Stücke variieren in Form, Umfang und Ton, doch verbindet sie ihr autobiographischer Charakter und die Konzentration auf das Reflektieren. Die datierten Diktate vom October 1863, Mai 1869, December 1875 und November 1885 markieren jeweils einen Zeitpunkt der Rückschau. Sie zeigen, wie sich im Abstand der Jahre Perspektiven verschieben, Akzente neu gesetzt werden und Erinnerung im Wechsel von Nähe und Distanz Gestalt gewinnt, ohne sich zur Fiktion zu überformen.

Die Sammlung eröffnet Einblicke in wiederkehrende Themen, die Rankes Selbstdeutung strukturieren: das Verhältnis von persönlicher Lebensspur und allgemeiner Geschichte, die Frage nach Quellen und Gewissheit, das Bewusstsein für Kontingenz, Zufall und Auswahl im erinnernden Erzählen. Sie macht sichtbar, wie sich der Blick auf Ereignisse und Begegnungen unter dem Eindruck wissenschaftlicher Arbeit formt. Dabei bleibt der Text der Erfahrung verpflichtet und sucht, Beobachtungen zu ordnen, statt sie auszuschmücken. Gerade diese Zurückhaltung lässt die Bewegung zwischen individueller Erinnerung und dem Bedürfnis nach übergreifender Einordnung deutlich hervortreten. So entsteht ein Maß an Genauigkeit, das dem Anspruch auf Wahrhaftigkeit verpflichtet ist.

Stilistisch zeichnet sich das Gesamt durch Nüchternheit, Klarheit und eine kontrollierte, sachliche Diktion aus. Ranke bevorzugt die knappe Formulierung und die sorgfältige Abwägung, vermeidet pathetische Selbstinszenierung und vertraut auf die suggestive Kraft genauer Benennung. Die Aufsätze und Diktate zeigen, wie methodische Disziplin und persönliche Reflexion ineinandergreifen: Der Historiker, der Quellen prüft und Stimmen gewichtet, nimmt sich selbst als Gegenstand in vergleichbarer Distanz wahr. Aus dieser Perspektive erwächst ein Ton, der zugleich persönlich und prüfend ist und dem Leser ermöglicht, Denkwege nachzuvollziehen, ohne in die Intimitäten der privaten Sphäre geführt zu werden.

In ihrer Gesamtheit gewinnen die Texte Bedeutung, weil sie eine intellektuelle Biographie in eigenem Recht entwerfen. Sie ergänzen die großen historischen Arbeiten, indem sie zeigen, wie Fragen, Verfahren und Kriterien des Faches in einem individuellen Lebenslauf verankert sind. Wer sich für die Geschichte der Geschichtsschreibung im 19. Jahrhundert interessiert, findet hier eine maßvolle, aus erster Hand vermittelte Perspektive auf Motive und Selbstbilder, die das Fach geprägt haben. Zugleich sprechen die Texte Leserinnen und Leser an, die die Kunst der Selbstbeschreibung schätzen, wenn sie auf Präzision und argumentative Redlichkeit zielt und das Persönliche nicht von der Sache trennt.

Die zeitliche Spannweite der Diktate – von 1863 bis 1885 – verleiht der Sammlung eine innere Dramaturgie, die nicht auf Handlung, sondern auf Perspektivwechsel beruht. Frühere und spätere Notate können nebeneinander gelesen werden; Gemeinsamkeiten und Differenzen zeigen, wie Erinnerung sich verdichtet oder relativiert. Die Vorrede ordnet den Zugang, die Aufsätze bereiten Motive aus, die Diktate akzentuieren sie in komprimierter Form. So entsteht kein linearer Lebensroman, sondern ein Mosaik aus Beobachtungen, in dem Leitfragen wiederkehren und sich im Verlauf der Jahrzehnte sensibel verschieben. Die datierten Stücke geben der Lektüre Haltepunkte, ohne sie auf eine festgelegte Erzählordnung festzulegen.

Diese Edition verfolgt die Absicht, einen verlässlichen Zugang zu Rankes Selbstzeugnissen zu bieten und ihre Eigenart als reflektierte, bewusst begrenzte Lebensbeschreibung zu bewahren. Indem die Stücke in einer nachvollziehbaren Folge präsentiert werden, wird die Einheitlichkeit des Lesens gestärkt, ohne die Eigenständigkeit der einzelnen Texte zu mindern. Die Sammlung lädt dazu ein, die Nähe von Leben und Werk neu zu bedenken und im Spannungsfeld von Erinnerung, Methode und Urteil die Konturen einer wissenschaftlichen Existenz zu erkennen, deren Maßstäbe und Fragen auch heute Anregung und Orientierung geben können. Sie richtet sich an Forschende ebenso wie an eine allgemein interessierte Leserschaft.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Leopold von Rankes Sammlung Zur eigenen Lebensgeschichte bündelt Vorrede, autobiographische Aufsätze und vier späte Diktate aus den Jahren 1863, 1869, 1875 und 1885. Sie entstehen im langen Schatten eines Jahrhunderts, das Ranke (1795–1886) von der napoleonischen Zeit bis ins Kaiserreich erlebte. Geboren in Wiehe, ausgebildet in Leipzig, wirkte er vor allem in Berlin, dem Zentrum preußischer Verwaltung und Wissenschaft. Der Rückblick ist damit gleichermaßen persönliche Bilanz und Zeitdiagnose. Er richtet sich an ein Publikum, das die Autorität des Historikers als Zeugen von Ereignissen und als Gestalter eines wissenschaftlichen Ethos zunehmend anerkannte.

Nach 1815 prägten die Restauration Europas und die preußischen Bildungsreformen die akademische Landschaft, in der Ranke seine Methode formte. Die von Wilhelm von Humboldt konzipierte Berliner Universität bot seit 1810 einen Ort, an dem Forschung und Lehre verbunden wurden. Juristen wie Friedrich Carl von Savigny und Historiker wie Barthold Georg Niebuhr repräsentierten das Programm quellenkritischer Wissenschaft. Ranke übernahm philologische Strenge und staatshistorische Perspektiven, als er ab den 1820er Jahren in Berlin lehrte. Diese institutionelle Matrix erklärt, warum seine Selbstzeugnisse die Einheit von Quellenkritik, Seminarpraxis und Staatsräson betonen und die Autorrolle als dienend, nicht agitatorisch, bestimmen.

Ein zweites Fundament bildet die Öffnung staatlicher Archive seit den 1820er und 1830er Jahren. Ranke reiste nach Wien, Venedig und Rom, um diplomatische Berichte und Kanzleischriftgut auszuwerten; der Zugriff auf venezianische und römische Bestände nährte seine Europaperspektive. Aus dieser Praxis entstand das berühmte Postulat, Geschichte “wie sie eigentlich gewesen” zu schreiben, das auch die autobiographische Haltung prägt: Der Autor inszeniert sich als Beobachter unter Akten. Die wachsende Archivverwaltung Preußens und Österreichs, samt neuen Findmitteln, verlieh seiner Autorität institutionelle Stütze und trug zur zeitgenössischen Anerkennung einer vermeintlich unparteiischen politischen Geschichte bei.

Die Revolutionen von 1848/49 erschütterten Berlin, Frankfurt am Main und Wien und forderten die Stellung der Geschichtsschreibung heraus. Als seit 1841 bestallter preußischer Historiograph und Mitglied der Akademie der Wissenschaften balancierte Ranke zwischen Loyalität zur Monarchie und wissenschaftlicher Nüchternheit. Die Gewalterfahrungen, die Verfassungsdebatten der Paulskirche und die Reaktionsära danach nährten sein Misstrauen gegenüber teleologischen Freiheitsnarrativen. In seinen Lebenszeugnissen klingt diese Skepsis an: Fortschritt erscheint als kontingentes Ergebnis politischer Kräfte, nicht als moralischer Imperativ. Zeitgenössisch gewann er damit Ansehen im konservativen Establishment, während Liberale seine Zurückhaltung gegenüber der Gegenwartspolitik kritisierten deutlich.

Die Diktate der 1860er und 1870er Jahre entstehen vor dem Hintergrund der preußischen Einigungskriege: 1864 gegen Dänemark, 1866 gegen Österreich und 1870/71 gegen Frankreich, mit der Kaiserproklamation am 18. Januar 1871 in Versailles. Otto von Bismarcks Realpolitik strukturierte den neuen Nationalstaat und den öffentlichen Diskurs. In Rankes Rückblicken verfestigt sich daraus eine Staatsperspektive, die Legitimität aus der europäischen Mächteordnung herleitet. Persönliche Stationen erscheinen in Relation zu Berlin als Regierungs- und Wissenszentrum. Das nationale Publikum las seine Selbstdeutung als Bestätigung eines nüchternen, monarchisch fundierten Patriotismus, der die Einheit nicht als Mythos, sondern als historische Konvergenz erklärt.

Die 1870er prägte zudem der Kulturkampf zwischen dem protestantisch dominierten preußisch-deutschen Staat und der katholischen Kirche, angefacht durch das Erste Vatikanische Konzil 1869/70 und die preußische Gesetzgebung. Ranke, lutherisch sozialisiert und bekannt durch Die römischen Päpste, schilderte Konfessionsgeschichte als europäische Macht- und Geistesgeschichte. Diese Perspektive wirkt in der Sammlung nach: Konfession erscheint weniger als persönliche Frömmigkeit denn als strukturierende Kraft politischer Systeme. Zeitgenössisch fand er damit Resonanz in einem Milieu, das nationale Kohäsion über religiöse Loyalitäten stellte, während katholische Kreise seine Gelassenheit gegenüber den Konflikten des Reiches bisweilen als distanzierte Staatsräson lasen.

Parallel professionalisierte sich die Geschichtswissenschaft: historische Seminare wurden Standard, Editionen und Fachzeitschriften wie die 1859 gegründete Historische Zeitschrift (Heinrich von Sybel) verdichteten den Austausch. In Berlin bildeten sich Generationenschichten von Mommsen über Droysen bis Treitschke, die Rankes Autorität anerkannten, aber stärker politisierten. Seine Ernennung in die Akademie, Lehrstühle und Auszeichnungen kulminierten in der Erhebung in den Adelsstand 1865 und bestätigten seine Rolle als königlich-preußischer Historiograph. Diese Anerkennung prägt den Gestus der späten Diktate, auch 1885: Der alte Gelehrte spricht aus dem Zentrum eines etablierten Berufsstands und reflektiert dessen Verantwortung gegenüber Staat, Öffentlichkeit und europäischer Gelehrtenrepublik.

Schließlich wandelten sich Öffentlichkeit und Leserschaft. Mit wachsender Alphabetisierung, politischer Presse und großem Buchmarkt in Leipzig und Berlin entstanden neue Erwartungshorizonte an Wissenschaft und Autorschaft. Ranke adressierte diese Welt, ohne den Ton der Gelehrsamkeit aufzugeben: seine Vorrede und Aufsätze rahmen das Selbst als Funktion eines europäischen Gleichgewichtsdenkens, gespeist aus Reisen, Korrespondenzen und Akademiekontakten in Wien, Rom und Paris. Zeitgenössisch las man darin ein Modell des gelehrten Dieners am Staat. Zugleich bereitete diese Haltung Kritiken vor, die um 1900 eine stärker sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Ausrichtung forderten und Rankes Elitenfokus problematisierten nachhaltig.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Vorrede

Eine knappe, sachliche Rahmung der autobiographischen Notate, die Zweck und Maß der Selbstdarstellung absteckt.

Sie stellt eine nüchterne, ordnende Haltung in Aussicht und markiert Erinnerung als Ergänzung zum historischen Arbeiten.

Aufsätze zur eigenen Lebensbeschreibung

Reflektierende Skizzen des Bildungsgangs und der frühen Antriebe, von persönlichen Erfahrungen zu Arbeitsprinzipien geführt.

Der Ton ist zurückhaltend und systematisch; im Mittelpunkt stehen Formung des historischen Blicks, Selbstprüfung und methodische Disziplin.

Frühe Dictate (Dictat vom October 1863; Dictat vom Mai 1869)

Diktierte Rückblicke aus der Lebensmitte, die berufliche Stationen, geistige Einflüsse und das Spannungsfeld zwischen Person und Amt umreißen.

Programmatisch-nüchtern im Ton, mit Akzenten auf Quellenvertrauen, Maßhalten und der Trennung von persönlicher Erfahrung und allgemeiner Geschichte.

Späte Dictate (Dictat vom December 1875; Dictat vom November 1885)

Späte Selbstzeugnisse, die die Bilanz vertiefen und aus größerer Distanz Werk, Lebensweg und Lernschritte verdichten.

Nachdenklich und ausgeruht im Klang, mit Tendenz zur Zusammenfassung und stillen Korrektur früherer Sichtweisen; leitend bleiben Arbeitsethos, Kontinuität und das Ringen um Objektivität.

Zur eigenen Lebensgeschichte

Hauptinhaltsverzeichnis
Vorrede
Aufsätze zur eigenen Lebensbeschreibung
1. Dictat vom October 1863
2. Dictat vom Mai 1869
3. Dictat vom December 1875
4. Dictat vom November 1885

Vorrede

Inhaltsverzeichnis

Mit dem vorliegenden Doppelbande findet die Ausgabe der sämmtlichen Werke Leopold v. Ranke's ihren Abschluß[1q]. Seine Weltgeschichte dieser Sammlung einzuverleiben, lag nicht in der Absicht des Verewigten. Statt dessen hat sich der Herr Verleger entschlossen, dieselbe in ihrer gegenwärtigen, glänzenderen Ausstattung den Besitzern der Werke zu einem wesentlich ermäßigten Preise anzubieten, worüber die diesem Bande vorgedruckte Geschäftsanzeige nähere Auskunft ertheilt. –

Gerade das weitführende Unternehmen der Weltgeschichte war es, was Ranke daran verhindert hat, der Summe seiner darstellenden Arbeiten Denkwürdigkeiten des eigenen Lebens hinzuzufügen, in denen sich zugleich der allgemeine Gang der Begebenheiten des 19. Jahrhunderts als ein mitempfundenes Stück der universalhistorischen Bewegung wiederspiegeln sollte. Dem fühlbaren Mangel, soweit es angeht, abzuhelfen, ist der Zweck des vorliegenden Bandes.

Er beginnt mit dem, was an autobiographischen Aufzeichnungen wirklich zustande gekommen ist. Die beiden Dictate von 1863 und 1869, von denen das erste bereits dem Publicum mitgetheilt worden1, gewähren einen ziemlich vollständigen Ueberblick über die jugendliche Entwicklung bis zu dem Punkte, wo die eigene historische Thätigkeit des Autors anhebt. Die Aufsätze von 1875 und 1885 wurden je vorm achtzigsten und neunzigsten Geburtstage dictirt, weshalb der letzte vielfach an die früher2 veröffentlichte Festrede anklingt, die er jedoch an Fülle und Bestimmtheit des Inhalts weit übertrifft. Beide setzen die Erzählung der persönlichen Lebensbegegnisse nur dürftig fort, während sie die Beziehungen der Studien und literarischen Productionen des Verfassers zu den Erscheinungen der Zeitgeschichte wenigstens im Grundriß darlegen. Sie erregen das Verlangen nach einer authentischen Ergänzung, welche durch die zweite Abtheilung unseres Bandes, über dreihundert ausgewählter Briefe aus den Jahren 1819–1886, in reichem Maße dargeboten wird.

Auch eine derartige Publication hat Ranke noch selber ins Auge gefaßt3; seine Anweisung, nur solche Briefe dazu auszusuchen, die des Aufbewahrens werth seien, diente bei der Composition der gegenwärtigen Sammlung zur Richtschnur. Was sich etwa doch von an sich geringhaltigeren Stücken darin findet, möge man mit der Absicht entschuldigen, die in den wichtigeren Schreiben berührten Verhältnisse, persönlicher oder sachlicher Natur, in einer gewissen Abrundung vorzuführen; statt lästiger Anmerkungen schien es gerathen, die Texte selbst einander gegenseitig erläutern zu lassen. Über den bedeutenden Eindruck des Ganzen kann kein Streit obwalten. Was Ranke von Johannes Müller sagt4, er habe durch seine Briefe am Ende mehr gewirkt, als durch alle seine Werke, wird sich freilich auf ihn selber glücklicherweise niemals übertragen lassen. Aber auch hier rauscht – um sein schönes Wort zu wiederholen – der ursprüngliche Quell des Geistes uns näher und vernehmlicher; auch in den Briefen Ranke's ist das individuelle Leben leichter zu fassen, um so mehr, als er in seiner Geschichtschreibung das eigene Selbst der gegenständlichen Wahrheit zuliebe geflissentlich zurückgedrängt hat.

Bekannt waren von den 329 hier versammelten Briefen bis jetzt nur die 31 an Carl Geibel gerichteten – eine Auslese aus dessen 1886 als Handschrift gedruckter Publication: aus den Briefen Leopold v. Ranke's an seinen Verleger –; sowie die 3 von Alfred v. Reumont empfangenen, die derselbe seinem Nekrolog auf Ranke5 in zerpflücktem Zustande eingeflochten. Alle übrigen waren bisher ungedruckt und sind – mit verschwindenden Ausnahmen – durch die Bemühung der Hinterbliebenen zusammengebracht worden; wie denn die Briefe an Familienmitglieder, an Zahl 175, mehr als die Hälfte sämmtlicher Stücke ausmachen. Obenan stehen darunter: 73 an den Bruder Heinrich, überaus interessant für die Erkenntniß der inneren Entwicklung des Historikers, zumal des jungen; 65 an die Gemahlin, durch lebendige Schilderung äußerer Begegnisse ausgezeichnet; 25 an den Bruder Ernst, merkwürdig besonders in Bezug auf die höchsten Jahre. Gleich allen diesen wurden den Originalen entnommen: die 35 an den Freund Heinrich Ritter adressirten Schreiben, die Hauptquelle für die Geschichte der großen Studienreise; endlich jene an die drei vornehmsten Schüler – meine Gloire als Lehrer, wie Ranke selber sagt6: 22 an Waitz, 14 an Giesebrecht, 6 an Heinrich v. Sybel. Den Spendern der einen wie der anderen sei auch an dieser Stelle der erkenntlichste Dank dargebracht! Von den übrigen 43 Nummern entstammen die meisten, wie z.B. die anziehenden 12 an König Max, den Concepten oder zurückbehaltenen Abschriften.

Die sechs Abschnitte, in welche die vorliegende Briefsammlung chronologisch zerlegt ist, sind durch äußere Momente von einander geschieden: Berufung an die Universität, Aufbruch gen Süden, Rückkehr, Vermählung, Eintritt in den Wittwerstand; doch entspricht ihnen zugleich eine innere Gliederung, die für den Leser der Werke von Bedeutung ist. In der Frankfurter Periode sehen wir aus dem Hintergrunde philosophischer Ideen und klassischer Studien den Autor der romanisch-germanischen Geschichten hervortreten; die erste Berliner Zeit vergegenwärtigt neben dem Anfänger auf dem Katheder den Verfasser von Fürsten und Völkern; in Wien und Italien legt der Schilderer der serbischen Revolution den Grund zu künftigen Meisterwerken; zwischen Heimkehr und Hochzeit fällt außer der historisch-politischen Zeitschrift und den schulstiftenden historischen Uebungen die Schöpfung der Päpste und der Reformationsgeschichte; der Ehemann ist zugleich der Urheber der preußischen, französischen, englischen Geschichte und des Wallenstein, wie der Begründer der historischen Commission; den Wittwertagen sind die letzten Hauptschriften, vom Ursprung des siebenjährigen Krieges bis zur Weltgeschichte, entsprungen.

Eben für diese spätesten Jahre, wo neben leidenschaftlich erhöhter Arbeitsamkeit der Fluß der brieflichen Kundgebung, wenn nicht spärlicher, doch einförmiger rinnt, thut sich willkommen noch eine andere Quelle der Mittheilung auf. Der vereinsamte Greis7 ergab sich dem Selbstgespräch des Tagebuchs. Auch aus den früheren Perioden fand sich im Nachlasse Ranke's eine Anzahl Hefte vor, die jedoch meist mit wissenschaftlichen Notizen angefüllt sind. Das Wenige, was darin der biographischen Theilnahme entgegenkommt, ist auf den ersten Seiten der dritten Abtheilung unseres Bandes zusammengestellt. Eine verhältnißmäßig reiche Ernte von Tagebuchblättern ließ sich dagegen für die Zeit von 1870–1885 gewinnen. Steht dabei die politische Reflexion im Vordergrunde, so wird man nur desto angenehmer überrascht; denn was an Äußerungen über die großen Vorgänge des 19. Jahrhunderts in anderen Bänden der Werke enthalten ist, reichte doch nirgend bis zu dieser Epoche.

Den Schluß des Bandes bildet eine kleine Nachlese verschiedenen Inhalts, die sich selber rechtfertigen mag. Die Erwiderung auf Leo's Angriff und der Entwurf zur Geschichte der Wissenschaften sind vorlängst gedruckt und wurden bei der Composition des vorigen Doppelbandes, in den sie hineingehört hätten, übersehen8. Die übrigen Nummern wurden erst neuerdings dem handschriftlichen Nachlaß enthoben. Ihre Zahl hätte sich wohl aus den Archiven oder den Registraturen der Behörden um einige weitere Gutachten und Denkschriften vermehren lassen; allein der Herausgeber blieb dem Grundsatze treu, nur solche Stücke in die Werke Ranke's aufzunehmen, welche der Meister selbst durch Aufbewahrung im Entwurf oder in Abschrift einigermaßen entschieden dazu bestimmt hatte.

Und so mag denn dieser, der persönlichen Erscheinung des Verewigten geweihte Band der langen Reihe seiner Werke nachfolgen, wie der dankbare Hervorruf des Dichters die Kette der Scenen einer dramatischen Schaustellung schließt. Ranke selbst berichtet in den Briefen an seine Gemahlin mit unschuldigem Vergnügen als eine artige Schmeichelei die Worte seines Freundes Thiers: que je suis le plus grand historien de l'Allemagne et peutêtre de l'Europe, que je vois les choses présentes en historien9. Aber ernstlicher erfreut sein Herz jener andere Ausruf des Vicemasters vom Trinity College beim Festmahl in Cambridge: we admired him before, but now we see, that he is a good fellow!10 Den ersten Spruch dürfte man seinen sämmtlichen Werken überhaupt, den zweiten diesem Schlußbande zur Aufschrift setzen.

Bonn, im November 1890.

Alfred Dove.

Aufsätze zur eigenen Lebensbeschreibung

Inhaltsverzeichnis

1. Dictat vom October 1863

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Hier in Venedig werde ich ganz besonders an die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens erinnert[2q]. Wie viele Freunde und Gönner, die mir bei meinem ersten und zweiten Aufenthalt freundschaftliche Dienste erwiesen, konnte ich jetzt nur an ihren Gräbern besuchen; andere, die mir nahe standen, sehe ich in eisgrauer Gebrechlichkeit wieder, kaum zu erkennen gegen damals. Wie oft hat uns in den letzten Jahren zu Haus die Nachricht von dem Abscheiden bald des einen, bald des anderen Freundes erschreckt, auf dessen längeres Leben wir mit Sicherheit rechneten. Dann aber ist auch das meiste von dem verschwunden, was das Gedächtniß eines Jeden über ihn selber aufbewahrt; wie wir soeben bei Jacob Grimm erlebten, von dessen Beziehungen und Motiven ich gleich nach seinem Tode die wichtigsten Momente nicht in Erfahrung bringen konnte, die er selber ohne langes Besinnen mit aller Bestimmtheit mitgetheilt hätte. Entschuldigung genug, wenn ich ein paar freie Stunden dazu anwende, um einen Abriß meines Lebenslaufes, wobei mir mein Sohn Otto die Feder leiht, zu Papier zu bringen.

Jahre der Kindheit

Schubert hat in seinem Leben den Eindruck geschildert, den ihm der Anblick der Gegend Thüringens, in der ich geboren wurde, bei dem Besuch meines väterlichen Hauses gemacht hat. Es ist ein Thal, das sich der güldenen Aue anschließt[3q] und häufig zu ihr gerechnet wird, zwischen dem Kyffhäuser und dem Orlas, auf den beiden längeren Seiten von waldbedeckten Anhöhen umgeben, von der Unstrut durchströmt, die sich – denn einst war wohl alles mit Wasser bedeckt – am Fuße des Orlas einen Ausgang gebrochen hat. Seit langen Jahrhunderten aber ist es mit menschlichen Ansiedelungen bedeckt. Die historische Erinnerung reicht – denn das alte thüringische Königreich ist so gut wie vergessen – in die glänzendsten Zeiten der deutschen Geschichte unter dem sächsischen Hause zurück. Einige populäre Erinnerungen, die sich an die Ortsnamen knüpfen, halten Heinrich I. im Gedächtniß. Da ist vor allem das Kloster Memleben, Schöpfung und Sterbestätte der Kaiser, an jenem Durchbruch der Unstrut; die alte Burg Wendelstein, Kloster Roßleben, Kloster Donndorf und die kleine Stadt Wiehe, welche in der Urkunde des 11. Jahrhunderts als eine kaiserliche Veste bezeichnet wird. Hier in Wiehe, in einem von den Vorfahren ererbten Hause, wurde ich am 21. December 1795 geboren. Der Vater gehörte einer Familie an, die wir doch nur bis in die Hälfte des 17. Jahrhunderts genau verfolgen können. Die Vorfahren, die uns bekannt sind, waren alle Geistliche, meist in der Grafschaft Mansfeld.