9,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 9,99 €
Fassungslosigkeit. Mitgefühl. Erst später ein benebelter Freudenrausch. Selbst die Sieger wussten nicht, wie sie ihren Triumph über die erfolgreichste Nationalmannschaft der Geschichte bewältigen sollten. Was war mit der Seleção, was war mit den südamerikanischen Ballvirtuosen geschehen? Christian Eichler saß an diesem denkwürdigen 8. Juli 2014 auf der Tribüne des Mineirão-Stadions, sprach unmittelbar nach Abpfiff mit deutschen Spielern. Seine Erzählung der kuriosen 90 Minuten bettet er ein in das Bild zweier sich schneidender Kurven: die der aufstrebenden deutschen und die der einem überholten Fußball verhafteten brasilianischen Mannschaft. Ein Buch für die Liebhaber des schönen Spiels, die damit – doch noch – in die Verlängerung gehen können.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 322
Veröffentlichungsjahr: 2015
Christian Eichler
7:1 – Das Jahrhundertspiel
Als der brasilianische Mythos zerbrach und Deutschlands vierter Stern aufging
Knaur e-books
Fassungslosigkeit. Mitgefühl. Erst später ein benebelter Freudenrausch. Selbst die Sieger wussten nicht, wie sie ihren Triumph über die erfolgreichste Nationalmannschaft der Geschichte bewältigen sollten. Was war mit der Seleção, was war mit den südamerikanischen Ballvirtuosen geschehen? Christian Eichler saß an diesem denkwürdigen 8. Juli 2014 auf der Tribüne des Mineirão-Stadions, sprach unmittelbar nach Abpfiff mit deutschen Spielern. Seine Erzählung der kuriosen 90 Minuten bettet er ein in das Bild zweier sich schneidender Kurven: die der aufstrebenden deutschen und die der einem überholten Fußball verhafteten brasilianischen Mannschaft. Ein Buch für die Liebhaber des schönen Spiels, die damit – doch noch – in die Verlängerung gehen können.
Meist braucht man viele Worte, um ein Fußballspiel von anderen zu unterscheiden. Für dieses genügen zwei Zahlen und ein Doppelpunkt: 7:1
Eigentlich reicht sogar ein einziges Wort.
Siebeneins.
Noch in hundert Jahren, solange ein paar Augenzeugen der neunzig Minuten von Belo Horizonte leben oder andere, denen sie davon erzählt haben – noch im 22. Jahrhundert werden diese beiden Zahlen ausreichen, um zu wissen, worum es geht.
Ein Spiel wie kein anderes. Eines, das die Beteiligten und Zuschauenden überraschte, überforderte, überrumpelte. Sich in ihren Köpfen festsetzte.
Und auch: ein Spiel, in dem sich die großen Entwicklungslinien des Fußballs kreuzten. Die des archaischen und des modernen Fußballs. Die des emotionalen und des rationalen Fußballs.
Die deutsche Linie war die eines Fußballs, der sich in Europa im vergangenen Jahrzehnt als dynamische Raumgestaltung im Kollektiv, als vernetztes Gesamtkunstwerk neu erfand. Ein moderner, rationaler Fußball.
Die brasilianische Linie war die eines Fußballs, der dem altvertrauten Modell verhaftet geblieben war, einem Fußball des Gottvertrauens. Genauer: des Vertrauens in die Fußballgötter in Gelbgrün. Ein archaischer, emotionaler Fußball. Die Brasilianer setzten auf die Inspiration des Einzelnen, die Deutschen auf die Inspiration aller, genannt: Organisation.
Der Schnittpunkt zweier Entwicklungslinien also liegt mitten in diesem Spiel und im Leben zweier Nationen. Es schneiden sich die Linien des brasilianischen Fußballs, absteigend ins Debakel, und des deutschen Fußballs, aufsteigend zum vierten Stern.
Man kann diesen Schnittpunkt exakt terminieren, es ist die 29. Minute, in der Sami Khedira das 5:0 schießt. Die Minute, in der Deutschland in der Torstatistik der Weltmeisterschaften Brasilien erstmals an der Spitze ablöst. 221:220 hieß es in diesem Moment. Doch der Tag war noch lange nicht zu Ende.
Und als er zu Ende war, feierten die deutschen Spieler ihre Leistung noch nicht als das, was sie war, eine Jahrhundertleistung des Fußballs. Sie hatten fünf Tage später noch eine weitere, dringlichere Aufgabe, das Finale gegen Argentinien.
Erst danach fiel die Spannung ab. Erst dann konnte auch ihnen deutlich werden, was man im berauschten Deutschland schon nach dem Halbfinale, ja schon währenddessen so erlebt hatte: dass das Siebeneins das Vermächtnis dieses Teams und dieser WM bleiben würde.
Es gibt andere unvergessliche Spiele deutscher Mannschaften, Spiele, die Teil des kollektiven Gedächtnisses wurden, der deutschen DNA.
Das 3:2 im Regen von Bern 1954, als Rahn aus dem Hintergrund schießen musste und schoss.
Das 2:4 gegen England 1966, das einzige Spiel, das eine ganz eigene Form von Tor erfand, das Wembley-Tor.
Das 3:1 sechs Jahre später, gleiches Stadion, gleicher Gegner, nur dass diesmal Netzer aus der Tiefe des Raumes kam.
Dazwischen das 3:4 in Mexikos Mittagshitze 1970, als ausgerechnet Schnellinger traf und Beckenbauer mit Armschlinge in größter Grandezza den verwundeten Feldherrn gab – was am Ende gegen die Italiener, wie immer, auch nicht half.
Und dann all die anderen Dramen und Verlängerungen und Elfmeterschießen, die Wasser- und Hitze- und Nervenschlachten. Alle hatten sie diesem Siebeneins etwas voraus: eine filmreife Dramaturgie, eine Handlung mit Wendungen, mit Aufstieg und Niedergang, Niedergang und Aufstieg binnen neunzig oder hundertzwanzig Minuten.
All dies hatte das WM-Halbfinale Brasilien gegen Deutschland nicht. Es war schon nach 29 Minuten entschieden. Und doch ragt dieses Spiel heraus, überragt es vielleicht alle – weil es jede herkömmliche Dramaturgie hinter sich ließ und damit auch die bekannten Muster des Verhaltens bei Spielern und Zuschauern.
Ein Spiel wie keines, das man je sah. Und, in Anbetracht dessen, dass es vierundachtzig WM-Jahre brauchte, um ein solches Spiel zu produzieren: eines, wie man es aller realistischen Erwartung nach nicht noch einmal sehen wird.
Es war kein »Whodunit«, kein Krimi, dessen Aufklärung erst in den letzten Minuten serviert wird. Tat und Täter am Tatort Belo Horizonte kannte jeder schon nach wenigen Minuten. Und doch ließ es keinen mehr los.
Denen, die das Spiel verfolgten, war bald klar, dass sie einem Klassiker beim Werden zuschauten. Einem Meisterwerk der modernen Kunst des Fußballs. Seine Schöpfer waren danach noch keine Weltmeister. Joachim Löw und seine Spieler mussten darauf noch fünf Tage warten. Der Rest von Deutschland aber war es schon an diesem Abend: gefühlter Weltmeister.
Und während man es erlebte und noch lange nicht begriff, während man es sah und vergeblich das Unfassbare fassen, das Irreale realisieren wollte – schon währenddessen ahnte man als Betrachter, dass es einer jener Ich-weiß-noch-wo-ich-war-Momente war, wie sie sonst, vom Mauerfall abgesehen, fast immer mit tragischen Weltereignissen verbunden sind. So wie am selben Abend bei den Brasilianern.
Nach den neunzig magischen Minuten von Belo Horizonte war die Fußballwelt eine andere. Die Gefühlswelt zweier Nationen auch. Dieses Buch beschreibt sie, die zugleich ins Extrem verdichtete und ins Äußerste gedehnte Zeitspanne eines einmaligen Fußballspiels. Neunzig Minuten, die in dem Moment, in dem sie endeten, längst ein Eigenleben begonnen hatten. Hier ist es aufgeschrieben, das Eigenleben des Siebeneins.
Die Biographie eines Fußballspiels.
8. Juli 2014.
Um 16.58 Uhr, Ortszeit Belo Horizonte, »Schöner Horizont«, und an diesem Tag laut Lokalzeitung »die Hauptstadt der Welt«, stehen die zweiundzwanzig Akteure des Spiels Nummer einundsechzig der Fußballweltmeisterschaft 2014 bereit. Je elf auf ihrer Seite des Platzes, auf der Stelle trippelnd, umherblickend, mit sehr unterschiedlichem Ausdruck. Hulk wirft Augen und Hände zum Himmel, als gehe er zu einem Gottesdienst. Bastian Schweinsteiger lächelt, als freue er sich auf einen Junggesellenabend.
Der Ball liegt auf dem Mittelpunkt des Spielfeldes, das in diesem Moment der Mittelpunkt des Planeten Fußball ist. Es wird, um als eines der großen Spiele der Geschichte zu gelten, so wenig Zeit benötigen wie kein Jahrhundertspiel zuvor. Nur dreißig Minuten.
Doch die FIFA hat ihre eigene Zeitregie, damit bei einem der über zweihundert zahlenden TV-Sender um keinen Preis ein verkaufter Werbespot nicht gesendet werden kann – nur weil ein Spiel ein paar Sekunden zu früh angepfiffen wird. So wartet Miroslav Klose, den Fuß neben dem Ball, fast zwei Minuten lang, ohne dass etwas geschieht.
Dann senkt ein FIFA-Mann am Spielfeldrand, wie eine Holzfigur in einer Weihnachtskrippe aus dem Erzgebirge, die erhobene Hand. Es ist das Zeichen für seinen eigenen Feierabend. Und für den Arbeitsbeginn von Schiedsrichter Marco Rodríguez.
Auch die Spätschicht bei Volkswagen in Wolfsburg hat gerade Feierabend. Die Nachtschicht muss aber noch nicht antreten. Sie hat bis Spielschluss frei bekommen, damit die Arbeiter Fußball schauen können wie der Rest des Landes. Für mindestens zwei Stunden werden die Bänder stillstehen.
Der Produktionsrückstand dürfte rasch wieder aufgeholt werden. Der englische Zoologe und Verhaltensforscher Desmond Morris stellte schon Anfang der achtziger Jahre fest, dass die messbare Produktivität von Fabrikarbeitern nach einem Erfolg ihrer Lieblingsmannschaft größer ist.
Morris hat noch viel mehr über dieses Spiel herausgefunden. In seinem Buch »Das Spiel – Faszination und Ritual des Fußballs« zeigt er anschaulich, dass eine Fußballmannschaft wie ein frühgeschichtlicher Jagdverband funktioniert. Fußball: eine rituelle Jagd, ein Zusammenspiel von Beute machenden Herdenmenschen, eine Fortsetzung stammesgeschichtlicher Riten.
Der brasilianische und der deutsche Jagdverband bekommen nun das Signal für ihren Schichtbeginn.
17.00 Uhr.
Anpfiff.
Klose tippt den Ball zu Thomas Müller und hat schon damit den ersten WM-Rekord des Abends aufgestellt. In diesem Moment ist er der erste Spieler der Welt, der in vier WM-Halbfinals auf dem Platz stand. 2002 gegen Südkorea, 2006 gegen Italien, 2010 gegen Spanien, 2014 gegen Brasilien.
Für Bundestrainer Joachim Löw ist es das dritte Halbfinale, eins hat er als Assistenztrainer begleitet, zwei als Chef. Den Spielbeginn erlebt er stehend, mit lässig verschränkten Armen, die Ärmel faltenfrei hochgekrempelt. Der brasilianische Trainer Luis Felipe Scolari, ebenfalls in seinem dritten WM-Halbfinale nach dem gewonnenen mit Brasilien 2002 und dem verlorenen mit Portugal 2006, erlebt ihn sitzend auf der Bank, ein wenig wie der mürrische Rentner, der er eine Woche später sein wird.
Das Duell beginnt, es ist auch ein Trainerduell. Ein sehr ungleiches. Felipão, der große Felipe, und Jogi, der kleine Joachim. Der Weltmeister von 2002 und der, der immer noch keinen Titel gewonnen hat. Ein Trainer in der Vergrößerungsform, einer in der Verkleinerungsform.
Kurz vor dem Spiel gab es eine Umarmung von Scolari, wie immer im weiten blauen Trainingsanorak über dem weißen Poloshirt, für Löw, wie immer deutlich eleganter, schwarzes Hemd, graue Hose, beides eng anliegend. Scolari hat deutlich mehr Innigkeit in die Umarmung investiert. Er hat Löw sogar den Kopf getätschelt. Dazu gab es eine blaue Geschenktüte, mit der Löw, der ungewollten Nähe entkommen, zur deutschen Bank ging. In der Tüte ist ein Trikot der Seleção. Es wird nicht das einzige brasilianische Geschenk des Abends bleiben.
Deutschland hat den Ball, Klose auf Müller, Müller auf Schweinsteiger, man sucht die nötige Sicherheit, die erst einmal nur neun Sekunden anhält. Dann spielt Boateng den Ball in die Füße seines alten Bayern-Kollegen Luiz Gustavo, dessen neuen Siebziger-Jahre-Schnurrbart er vor der Partie noch frotzelnd bewundert hat.
Die übliche Startnervosität? Oder echtes Lampenfieber? Brasilien scheint die deutschen Nerven von der ersten Sekunde an entschlossen auf die Probe stellen zu wollen – was auch ein beliebtes Mittel ist, um von eigener Nervosität abzulenken. Auch sich selbst. Die Seleção jedenfalls stürzt sich nach Scolaris Umarmungsstrategie fürs Erste in eine Überfalltaktik. Sie kommt jetzt über den rechten Flügel. Schweinsteiger muss gegen Fernandinho zur Ecke klären.
Die erste brasilianische Ecke nach zweiundvierzig Sekunden, das geht ja gut los. Eckbälle herzugeben war bisher kein guter Plan für Brasiliens Gegner bei der WM 2014. In beiden K.-o.-Spielen vorher, gegen Chile und Kolumbien, war Brasilien jeweils nach einer frühen Ecke in Führung gegangen.
Die Ecke kommt herein – und wird mühelos abgewehrt.
Ein erstes gutes Gefühl für die Abwehr, man ist wach. Aber Löws Team ist noch nicht recht in Tritt. Der erste Ansatz eines Konters endet in der eigenen Hälfte, weil Mesut Özil stolpert. Brasilien drängt, wieder über rechts. Das Stadion kocht. Wird es eine Abwehrschlacht für Deutschland?
Brasilien gegen Deutschland, es ist ein mythisches Fußballduell. Und eines, das an diesem Abend rasend schnell neue Mythen produzieren wird.
Eigentlich hat es das schon vor Anpfiff getan, in Gestalt von Neymar. Zur Folklore des Fußballs gehört der alte, tröstliche Glaube an die Überlegenheit des Teams über den Solisten, an die Kraft des Kollektivs; und daran, dass dessen Zusammenhalt durch den Verlust eines Einzelnen noch zunimmt, selbst wenn er der Beste ist, ja gerade dann. Dafür gab es viele Beispiele, wie 1962, als Brasilien seinen zweiten WM-Titel ohne den in der Vorrunde verletzten Pelé gewann. Daran will die Seleção an diesem Dienstagabend anknüpfen.
Doch hat die Fußballnation Brasilien sich diesmal viel schwerer getan als damals, den Verlust zu verwinden. Sie hat sich nach Neymars schwerer Verletzung in eine medial multiplizierte Hysterie gesteigert. Der nächtliche Hubschrauberflug des Patienten in die Klinik wurde live vom staatlichen Fernsehen übertragen. Seine Ansprache vor einer Handkamera am Morgen danach rührte, millionenfach geklickt, das ganze Land zu Tränen. Und die Röntgenaufnahme seines Lendenwirbels, am Punkt der Fraktur mit einem Pfeil hervorgehoben, wurde, von einem TV-Sender verbreitet, für viele Brasilianer das Bild der WM.
Es ist derselbe Bruch, der wenige Stunden nach dem frenetisch gefeierten 2:1-Sieg gegen Kolumbien durch die Stimmung auf den Straßen, in den Lokalen, in den Wohnvierteln Brasiliens ging. Dabei hatte sich Brasilien im Viertelfinale erstmals bei dieser WM in eine überschäumende Siegeserwartung hineingesteigert – bis das Knie des Kolumbianers Juan Zúñiga, der sagte, er habe »nur sein Land verteidigen« wollen, im Sprung nach dem Ball den unteren Teil des Rückens von Neymar traf. Es fällte den Helden wie einen Baum, er schrie vor Schmerz.
Brasilien stellte sich danach die bange Frage: Wer kann Neymar ersetzen? Einen überragend guten Zweiundzwanzigährigen, der seit vier Jahren in jedem Länderspiel in Brasiliens Startelf gestanden hat. Achtunddreißig Mal in Folge, Rekord in der Geschichte des brasilianischen Nationalteams. Der dabei siebenundzwanzig Tore schoss. Und bei der WM, bis zu seinem Ausfall, für die spielerische Inspiration der Seleção zuständig war. Und auch für ihren letzten Rest an Lockerheit.
Wer kann Neymar ersetzen? Scolari weiß es offenbar auch nicht, deshalb hat er das alte Musketier-Motto ausgegeben, einer für alle, alle für einen: »Jeder muss heute ein bisschen Neymar sein.« Das passt in den hyperemotionalen Ton rund um die Seleção, der bei der WM an das Pathos der in Brasilien populären evangelikalen Fernsehprediger erinnert hat.
Das Fußballvolk hält sich daran fest. Tausende im Stadion tragen Neymar-Papiermasken. Sie haben sie von einer eigens eingerichteten Website heruntergeladen oder aus der Titelseite der Sportzeitung »Lance« ausgeschnitten.
Der echte Neymar ist nicht im Stadion. Er ist nicht transportfähig und verfolgt das Spiel daheim in Guarujá an der Küste von São Paulo. Im Fernseher sieht er dort tausendfach sich selbst. Die Masken dürften ihn an eine bizarre Episode seiner Karriere erinnern.
Mit neunzehn Jahren dribbelte er in einem Spiel der Copa Libertadores, des südamerikanischen Pendants zur Champions League, die komplette Abwehr des chilenischen Klubs Colo-Colo aus und schoss das 3:0 für den FC Santos. Zum Jubeln rannte er in die Fankurve, wo viele Anhänger ebenfalls eine Neymar-Maske trugen. Eine war über den Zaun gefallen, lag auf dem Boden, Neymar hob sie auf, klemmte sie sich vors Gesicht und tanzte ausgelassen.
Nur der Schiedsrichter fand das nicht lustig. Er zeigte Neymar die Gelbe Karte. Und weil er schon eine hatte, bedeutete das Gelb-Rot. So ist Neymar der einzige Spieler, der vom Platz flog, weil er eine Maske von sich selbst trug.
Auch in Belo Horizonte liegt an diesem Abend, hinter Tausenden Neymar-Gesichtern, etwas Irrationales in der Luft. »Das Ambiente im Estádio Mineirão«, schreibt später die Zeitschrift »11 Freunde«, »ähnelt dem Gottesdienst einer durchgeknallten Guru-Sekte.«
Brasilien hat nicht zu wenig Neymar, es hat zu viel davon. Schon beim Eintreffen im Stadion trugen die Spieler und ihr Trainer nach Verlassen des Mannschaftsbusses, der erst nach einer endlosen Prozession durch ein Spalier von Zehntausenden das Stadion erreicht hatte, Baseball-Kappen mit der Aufschrift »Força Neymar«. Bis auf Dante, er trug nur sein breites Lächeln.
(Interessanterweise verbietet einer der sechzehn Punkte aus dem Verhaltenskodex der Seleção, den Scolaris Nachfolger Carlos Dunga drei Monate später festlegen wird, den Nationalspielern neben dem Tragen von Ohrringen und Flip-Flops auch das von Baseball-Kappen.)
Vor der Hymne reckt David Luiz, der Kapitän, gemeinsam mit Torwart Julio César das gelbe Trikot mit der Nummer zehn und dem Schriftzug »Neymar jr.« zum Himmel. Fast so, als wäre der Superstar schon ein toter Heiliger. Und nicht ein Einkommensmillionär mit zeitweiliger Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung.
Auf deutscher Seite ist man die Aufgabe naturgemäß etwas sachlicher angegangen. Man hat die Aufwühlung der Gegenseite aber bemerkt und ist gewarnt. Schließlich mahnt die Fußballgeschichte und mahnt Torsten Frings kurz vor Spielbeginn im ZDF-Interview, »wie oft Mannschaften nach solchen Verlusten über sich hinausgewachsen sind«. Das Gegenteil passiert in solchen Situationen aber mindestens genauso oft, wie Frings aus eigener Erfahrung weiß.
Ihn, damals in großer Form im defensiven Mittelfeld, kostete die Verwicklung in die Handgemenge mit den unterlegenen Argentiniern nach dem WM-Viertelfinale 2006 in Berlin die Teilnahme am Halbfinale – so wie Michael Ballack vier Jahre zuvor das Finale wegen einer Gelben Karte gegen Südkorea verpasste und Thomas Müller vier Jahre danach das Halbfinale wegen einer Gelben Karte gegen Argentinien.
Dreimal in einem Jahrzehnt hatte Deutschland jeweils seinen bis dahin formstärksten WM-Spieler zwar nicht durch Verletzung, aber durch eine Sperre ausgerechnet vor dem schwersten Duell verloren. Und verlor dann ohne sie jeweils gegen den späteren Weltmeister, 2002 gegen Brasilien, 2006 gegen Italien, 2010 gegen Spanien.
Am 8. Juli 2014 ist Deutschland mal von diesem Pech verschont. Es ist bei den Brasilianern gelandet.
Wer soll Neymar ersetzen? Diese Personalentscheidung hat Scolari lange geheim gehalten, sogar vor den eigenen Leuten. Er lässt nicht, wie erwartet, Paulinho oder Willian, sondern Bernard als Neymar-Double antreten. Und der hätte tatsächlich allen Grund, in dieser Rolle über sich hinauszuwachsen. Bernard ist nur 1,65 Meter groß.
In den ersten fünf Turnierspielen haben die Brasilianer ihr Heil in Härte gesucht. Ihr physischer, oft ruppiger Stil äußerte sich im Viertelfinale in einunddreißig geahndeten (und zahllosen übersehenen) Fouls gegen die technisch besseren Kolumbianer – die irgendwann, weil der spanische Schiedsrichter Carlos Velasco sie nicht vor den Brasilianern schützte, mit gleicher Münze zurückzahlten. So wurde Neymars Lendenwirbel auch zum Kollateralschaden der eigenen Strategie. Zu ihrer knochenharten Spielweise scheint es aber nun gegen Deutschland, ohne Neymar, erst recht keine Alternative zu geben.
Doch erst einmal sind es nur die Deutschen, die foul spielen. Schweinsteiger bringt Gustavo knapp vor dem Strafraum zu Fall. Kein Pfiff. Der Ball landet bei Marcelo, der aus achtzehn Metern scharf schießt. Einen Meter vorbei am deutschen Tor.
Noch fehlt beiderseits die kreative Präzision im Mittelfeld. Noch sind es deshalb nervöse Verteidiger, die den Spielaufbau betreiben müssen. Sie setzen auf Länge. Boateng schlägt den Ball siebzig Meter weit ins Leere.
Wo der Ball landet, ist im Bildausschnitt des internationalen Fernsehsignals kein einziges deutsches Trikot zu entdecken – das extra für die WM entworfene Auswärtstrikot, dessen rot-schwarze Streifen an das Outfit von Flamengo erinnern, dem populärsten brasilianischen Verein.
»Riesenanfangsphase der Brasilianer«, sagt Alexander Bleick, der das Spiel im Doppelpass mit Jens-Jörg Rieck im ARD-Rundfunk in voller Länge live durchkommentiert. Die beiden Reporter klingen pessimistisch. »Die Deutschen wirken nervös«, sagt Bleick. »Die Körpersprache gefällt mir nicht.«
Luiz macht es in der Gegenrichtung etwas besser als Boateng. Ebenfalls ein langer Diagonalschlag aus der eigenen Hälfte, allerdings zum eigenen Mann, Hulk am linken Flügel. Die deutsche Abwehr hat zu tun.
Die brasilianische noch nicht, zu ihrem Glück. Es fehlt nicht nur Neymar, es fehlt auch Thiago Silva, der Kapitän und Abwehrchef, einer der besten Verteidiger der Welt. Neunzig Prozent angekommene Pässe, siebzig Prozent gewonnene Zweikämpfe – seine Turnierbilanz bis dahin, die ihn zum wichtigsten Wächter des brasilianischen Strafraums machte. Doch ausgerechnet weit weg vom eigenen Tor, im gegnerischen Strafraum, hat er sich gegen Kolumbien »das dümmste Gelb der WM« geholt (so die »Bild«-Zeitung): für ein Foul am kolumbianischen Torwart David Ospina, als der gerade zum Abschlag ansetzte.
Vergeblich hat der brasilianische Verband versucht, die Sperre per Protest abzuwenden. Nun muss Thiago sich das Spiel der Spiele von außen anschauen. Mit umgedrehter Neymar-Kappe sitzt er wie ein nervöser Tourist auf der Tribüne.
Das letzte Spiel, in dem weder Thiago noch Neymar für Brasilien auf dem Platz gestanden haben, liegt vier Jahre zurück – das WM-Viertelfinale 2010 in Port Elizabeth. Brasilien verlor es gegen die Niederlande 1:2. Damals war Neymar noch zu jung, um für die WM nominiert zu werden. Und Thiago nur Ersatzmann.
2014 aber waren sie die Pfeiler des brasilianischen Spiels. Keine halbe Stunde nach Anpfiff wird man wissen, wie brüchig das Gebäude ohne sie ist. Und eine bittere Ahnung wird zur Gewissheit geworden sein für die Fans der Seleção: Nur zwei ihrer Spieler wären gut genug, um auch für Deutschland spielen zu können. Leider spielen sie an diesem Tag nicht mal für Brasilien.
Hulk bringt den Ball vom linken Flügel scharf vors deutsche Tor. Bernard spurtet ihm von der rechten Seite entgegen. Torwart Manuel Neuer fängt die flache Hereingabe vor dem kleinen Außenstürmer ab.
Bernards Nominierung war ein Überraschungserfolg für Scolari. Ein Publikumserfolg ebenso. Bernard stammt aus Belo Horizonte, dem Ort des Halbfinals, und hat mit dem lokalen Klub Atlético Mineiro 2013 die Copa Libertadores gewonnen. Danach war auch Borussia Dortmund an der Verpflichtung des damals Zwanzigjährigen interessiert. Doch Schachtjor Donezk, der Klub des ukrainischen Oligarchen Rinat Achmetow, bot deutlich mehr – fünfundzwanzig Millionen Euro Transfersumme.
Nun, gegen Deutschland, ist der Publikumsliebling ins alte Heimstadion zurückgekehrt. Die Fans jubeln, als sein Name verkündet wird. Bei den eigenen Mitspielern soll der Jubel weniger groß gewesen sein. Wenige Tage nach dem Spiel wird der britische »Telegraph« eine sogenannte »Inside Story« veröffentlichen über das, »was schiefging für Brasilien«. Demnach änderte Scolari um elf Uhr morgens, sechs Stunden vor Anpfiff gegen Deutschland, Taktik und Aufstellung.
Trainiert hatte man in den drei Tagen zwischen Viertel- und Halbfinale mit drei lauf- und kampfstarken Abräumern im Mittelfeld, Luiz Gustavo, Fernandinho und Paulinho. Es schien eine logische Maßnahme als physisches Gegengewicht zum deutschen Zentrum Kroos, Khedira, Schweinsteiger.
Dann aber, so der »Telegraph«, entschied sich Scolari, anstelle von Paulinho den kleinen Bernard zu nominieren, der die rechte Angriffsseite übernahm, während Hulk von dort auf die linke, die Neymar-Seite wechselte – eine Formation, die der Zeitung zufolge im Training nicht ein einziges Mal geübt worden war.
Gerade aber beim Feintuning der Laufwege, das für ein frühes Attackieren des Gegners, ein Pressing in dessen Hälfte, nötig ist, bei diesem Balanceakt, den Ballführenden weit vorn unter Druck zu setzen, ohne dabei, durch fehlerhafte Staffelung nach hinten, selbst verletzlich zu werden – gerade bei dieser kompliziertesten Choreographie des modernen Fußballs ist es unerlässlich, einander gut zu kennen und die Abläufe so oft wie möglich miteinander geübt zu haben.
Die Brasilianer beginnen erst jetzt, seit 17 Uhr in Belo Horizonte, das in der aktuellen Besetzung zu üben. Lernen im Ernstfall, ein Pressing-Praktikum im wichtigsten Spiel ihrer Karriere.
Sie stürzen nach vorn, rennen, pressen wie wild. Die Deutschen finden nun erstmals die Lücken, die ihnen das bietet.
In der deutschen Hälfte, knapp vor der Mittellinie, führt das brasilianische Pressing trotz sehr hoher, zu hoher Personalverdichtung, drei Spieler auf engem Raum, nicht zum Ballgewinn. Sondern zu einem deutschen Einwurf – der, schnell ausgeführt, nun den ungedeckten Khedira im Rücken der vorgerückten Attackierer findet. Khedira hat Platz, rennt los, spielt in die Spitze zu Klose. Das Mittelfeld hat man ohne Gegenwehr, ohne Tempoverlust durchquert. Schon in diesem Moment wäre eines der vielen scheinbar ganz einfach herausgespielten deutschen Tore möglich gewesen.
Ganz einfach deshalb, weil die Brasilianer auch in ihrer eigenen Hälfte ohne Gespür für Abstände zueinander und räumliche Absicherung den Gegner wild attackieren. Ließe Klose den Ball in diesem Moment gleich auf den völlig ungedeckten rechten Flügel prallen, der losspurtende Müller könnte frei aufs Tor zulaufen. Doch der Mittelstürmer bringt den Ball nicht rasch genug unter Kontrolle. Und bleibt so an Luiz und Dante hängen.
Eine vertane Chance. Und doch ist die Szene wie ein Türöffner. Sie zeigt den Deutschen: Wir haben nur ganz leicht angeklopft – schon steht sie sperrangelweit offen.
Allerdings hat es sich im Fußball schon oft gerächt, nicht durch offene Türen zu gehen. In keinem anderen Sport hat ein unterlegener, ein schlechterer Gegner eine so große Chance, mit einem Sieg davonzukommen. Weil die meisten Partien durch nur ein oder zwei Tore entschieden werden. Weil es so viele Wege gibt, ein Tor nicht zu erzielen. Und so viele Wege, ein Spiel zu verlieren, selbst wenn man alles, was man planen kann, richtig gemacht hat.
Denn dieses wunderbar wahnwitzige Spiel namens Fußball, dessen wichtigste Regeln immer noch die sind, die vor über hundertfünfzig Jahren im rauchigen Winkel eines viktorianischen Pubs in London von elf Gentlemen in sechs Sitzungen debattiert und dekretiert wurden, kann auch im technologisch hochgerüsteten 21. Jahrhundert die großen Taktikdenker und Leistungsplaner mit seiner schieren Zufallslastigkeit immer noch an den Rand des Wahnsinns treiben. Die »Laws of the game«, der bis heute gültige Kanon des Fußball, machen dieses herrlich altmodisch-zeitlose Spiel so irrsinnig schwierig für die, die Siege liefern müssen.
Der Bundestrainer kann noch nicht ahnen, wie einmalig anders das an diesem milden Spätnachmittag sein wird. Ja, wie federleicht ein unfassbar großer Sieg fallen kann. Deshalb blickt er in diesem Moment grimmig drein, verdrossen über die vergebene Konterchance.
Radioreporter Bleick beobachtet: »Joachim Löw ist gar nicht zufrieden, tigert auf und ab, schaut dem Treiben des Spiels in dieser Anfangsphase mit besorgter Miene zu.«
Auch der größte Experte kann nicht vorhersagen, welche Eigendynamik ein Fußballspiel entwickeln kann. Welche Kraft die Emotionalität entfaltet, die ihm innewohnt. Ein Gegentor zur falschen Zeit, ein Gegner, der plötzlich jede Angst ablegt und furchterregend wird – all das kann jederzeit passieren. Und auch den besten Matchplan über den Haufen werfen.
»Wenn wir da rausgehen, werden alle gegen uns sein«, hat Löw der Mannschaft in seiner kurzen, energischen Kabinenansprache vor dem Spiel eingeschärft. »Wir werden zusammenstehen. Wenn einer einen Fehler macht, bauen wir ihn auf. Wir denken wie Gewinner. Wir fighten, bis wir in Rio sind.«
Noch wirkt Brasilien unberechenbar an diesem Dienstag, das Team ebenso wie das Publikum. Während des packenden Sieges gegen Kolumbien in Fortaleza schien der Funke zwischen Volk und Fußballern übergesprungen zu sein, und das nicht nur bei der gemeinsam geschmetterten Nationalhymne. Die rohe Energie, mit der die Seleção die bis dahin spielstärkste Mannschaft des Turniers attackierte und aus der Balance warf, übertrug sich wie ein elektrischer Impuls aufs Publikum. Er kam zehntausendfach verstärkt zurück aufs Spielfeld. Solch einen Effekt, weiß Löw, muss er mit seinen Leuten nun unbedingt vermeiden.
Der Himmel ist klar, zweiundzwanzig Grad, einundfünfzig Prozent Luftfeuchtigkeit. Dazu der laut Teammanager Oliver Bierhoff »beste Rasen, den wir bisher bei der WM hatten«. Der perfekte Rahmen für flotten Fußball. Das Halbfinale Brasilien gegen Deutschland erlebt die angenehmsten klimatischen Bedingungen der ganzen WM in Brasilien – einem Land, dessen Hitze und Luftfeuchtigkeit von den meisten Teilnehmern, vor allem aus Europa, gefürchtet worden war.
Viele der Befürchtungen sind wahr geworden. Die Italiener und Engländer, die im tropischen Manaus spielen mussten, schieden in der Vorrunde aus – so wie überhaupt jede Mannschaft, die in der Millionenstadt im Amazonasdschungel spielen musste, ihr folgendes Spiel, egal wo es stattfand, verlor. Während Italien alle drei Vorrundenpartien in der nördlichen Hitze zu bestreiten hatte und ausschied, war Argentinien der große Wettergünstling – ohne ein einziges Spiel im heißen Norden Brasiliens, bis zum Finale.
Die Deutschen haben sich vor der WM auf Hitze vorbereitet, sie dann aber nur beim Auftaktspiel gegen Portugal in Salvador und beim Viertelfinale gegen Frankreich in Rio, beide in glühender Mittagssonne, erlebt. Dazwischen lagen ein Abendspiel gegen Ghana im schwülen, aber abendlichen Fortaleza, eine Regenschlacht gegen die USA im überschwemmten Recife und ein herbstlich kühler Kick gegen Algerien im südlichsten und kältesten Ort der WM, in Porto Alegre.
Generell gilt seit je für einen, der Weltmeister werden will, dass er jedes Wetter mögen muss. Es ist eine deutsche Stärke. Während etwa Engländer traditionell bei Hitzeschlachten einknicken (wie 1970 beim 2:3 nach 2:0-Führung im Viertelfinale gegen Deutschland in der mexikanischen Mittagssonne von León), haben sich die Deutschen auf dem Weg zu ihren bisherigen WM-Erfolgen von Wind und Wetter nie beeindrucken lassen.
Fünf Minuten vorbei nun im abendlich milden Belo, und Deutschland nimmt das Feuer aus dem brasilianischen Spiel. Mats Hummels, im glühend heißen Viertelfinale gegen Frankreich der Siegtorschütze und beste Spieler, klärt kühl gegen Maicon, der sich durch die Mitte zu drängeln versucht und an zwei Deutschen vorbeigekommen ist, aber nicht am dritten.
Brasiliens Spielaufbau hängt traditionell stark von beiden Außenverteidigern ab. Das war schon 1958 so, im ersten brasilianischen Weltmeisterteam, mit Djalma Santos und Nilton Santos, laut Henshaws »Encyclopedia of World Soccer« (1979) »die großartigste offensive Verteidigerkombination der Geschichte«. Das war immer noch so, als die Seleção zum fünften und bisher letzten Mal Weltmeister wurde, 2002 unter Scolari. Sie besaß mit Cafú und Roberto Carlos eines der besten und offensivsten Außenverteidigerpaare der Fußballhistorie.
Auch Maicon und vor allem Marcelo agieren oft wie Außenstürmer – wenn man sie lässt. Maicon, Triple-Gewinner mit Inter Mailand 2010, danach nie wieder in der Form von damals, ist von Scolari eigentlich als Back-up für Dani Alves nominiert worden. Er hat dann aber bereits gegen Kolumbien den Job des Barça-Stars übernommen, der lieber angreift als verteidigt. Maicon ist in seinem Rollenverständnis etwas defensiver und vorsichtiger, was Scolaris Spielidee gegen Deutschland offenbar entgegenkommt.
Umso mehr versucht Marcelo, sich ins Spiel einzuschalten. Der krausköpfige Linksverteidiger ist ein Mann mit einer Mission. Vor dem Spiel gegen Deutschland betrauerte er den Tod seines Großvaters. Er entschied sich jedoch, bei der Mannschaft zu bleiben und nicht zur Beerdigung zu fahren. Ein Bild des alten VW Käfer, mit dem Opa Pedro den kleinen Marcelo täglich zum Training des Klubs Fluminense in Rio fuhr, ist auf seinen Arm tätowiert.
Marcelo könnte als Erster seit Roberto Carlos 2002, sein Vorgänger auf dieser Position, im selben Jahr Champions League und WM gewinnen. Außer ihm kann das nur noch Sami Khedira, sein deutscher Kollege von Real Madrid. Vor dem Spiel haben der Brasilianer und der Deutsche, fünfeinhalb Wochen zuvor Sieger im Champions-League-Finale gegen Atlético Madrid, sich lang und innig umarmt.
Marcelo oder Khedira? Von Minute zu Minute wächst die Ahnung: Der Deutsche wird das Rennen machen. Es wird sein Spiel. Bei Real ist Khedira einer derjenigen, die im Ensemble der offensiven Superstars den Laden zusammenhalten und das Besondere den dafür teuer eingekauften Flair-Spielern überlassen. Im deutschen Team ist er der Mann, der alles kann. Und alles tut. Khedira ist der Beschleuniger im Zentrum, die Drehscheibe im Umschaltspiel.
Vor allem ist Khedira ein Gegengift für jede Hektik. Er wirkt stets kühl und geistesgegenwärtig. Während die Brasilianer ihre Hymne vor dem Spiel mit enthemmter Hingabe sangen, Arm in Arm, mit bebenden Lippen und kollektiver Ekstase, die an Rituale einer Massensekte erinnerte, ist Khedira bei der deutschen Hymne stumm und unbewegt geblieben.
Er sang nicht mit bei »Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland«. Genau wie Jérôme Boateng und Mesut Özil. Auch ihre Lippen bewegten sich nicht. Früher hätte eine Verweigerung des Mitsingens öffentliche Diskussionen ausgelöst. Nun zweifelt niemand mehr am Patriotismus, an der Zugehörigkeit dieser multikulturellen Deutschen an einer gefühlten Gemeinschaft mit den Landsleuten daheim.
Dazu müssen sie kein falsches Pathos vorspielen. Warum auch soll jemand von Vaterland singen, wenn es nicht sein Vaterland ist, nur seine Heimat? Özils Vater kommt aus der Türkei, Boatengs Vater aus Ghana, Khediras Vater aus Tunesien.
Den Erfolg der Integration, der Normalisierung von ethnischer Vielfalt in Nation und Nationalelf, wird auch Joachim Gauck vier Monate später bei der Verleihung des »Silbernen Lorberblatts« an die Weltmeistermannschaft im Schloss Bellevue hervorheben. Die »großartige Botschaft« dieser Mannschaft, so der Bundespräsident, sei der interne Zusammenhalt, »die ganz selbstverständliche Spiegelung der Einwanderungsgesellschaft«.
Anderswo wurde Fußball-Deutschland schon vor dem WM-Titel darum beneidet. »Für mich ist Deutschland ein Vorbild für eine Nationalelf, die sich zu ändern weiß und experimentiert, um mit der Zeit Schritt zu halten«, sagte Cesare Prandelli, bis zum Vorrunden-Aus gegen Uruguay Italiens Nationaltrainer. Der deutsche Fußball habe »neue Wege beschritten und es gewagt, innovativen Fußball zu spielen. Einen wichtigen Beitrag dazu haben Spieler mit multikulturellem Hintergrund geleistet. Das ist die Zukunft. Neues darf nicht erschrecken, sondern muss Neugierde wecken«, sagte Prandelli. »Wir Italiener haben damit leider größere Schwierigkeiten.«
An diesem großen Tag jedenfalls, im Halbfinale von Belo, ist es ein Vorteil für die Deutschen, anders als die überemotionalen Brasilianer die Freiheit zu haben, nicht singen zu müssen. Und einen Khedira zu haben.
Er leitet nun den bisher besten Angriff ein. Im Spielzentrum lässt er mit einem feinen Gesamtkunstwerk aus Ballannahme, Drehung, Ballmitnahme und Beschleunigung Oscar und Fernandinho aussteigen und öffnet das Spiel auf Müller am rechten Flügel. Müller lässt eine Hereingabe auf Özil folgen, der im Strafraum noch einmal quer legt auf den durchgestarteten Khedira.
Khedira nimmt den Ball direkt, per Dropkick. Trifft den Ball perfekt. Für einen Wimpernschlag scheint sein Schuss unhaltbar auf dem Weg ins Tor. Aber dann prallt er ab, geblockt von der linken Gesäßhälfte von Kroos. Vom eigenen Mann, dem kommenden Kollegen bei Real, dessen Wechsel aus München nach Madrid kurz vor dem Spiel konkret geworden ist.
»Da reißt er die Hände vors Gesicht«, beschreibt die aufstöhnende Stimme im Radio Khediras Reaktion, »und sagt, der wär doch reingegangen!«
Der erste deutsche Torschuss. Das Einzige, was die Brasilianer noch rettet, ist ein deutscher Hintern.
Eigentlich hat das deutsche Team 2014 alles, was sich ein Trainer wünschen kann. Nur von einem hat es zu wenig, es ist etwas, wovon Brasilien zu viel hat: Außenverteidiger.
Aus diesem Grund kam es zu der Idee von Joachim Löw, die in der Heimat am kontroversesten debattiert wurde: der Idee, mit einer Abwehrkette aus vier Innenverteidigern zu spielen. Also zwei Innen- als Außenverteidiger aufzustellen. Innenverteidiger sind meist groß und kopfballstark, Außenverteidiger klein und laufstark. Kann es gutgehen, das zu ignorieren?
Die öffentliche Meinung ist von Beginn an gespalten. Vor allem bei namhaften Kollegen aber findet Löw Zustimmung.
José Mourinho, der Großmeister der dunklen Fußballkünste, vor allem des Betonierens von Abwehrreihen, adelte Löw als einen von seinem Schlag, indem er dessen Vier-Innenverteidiger-Idee lobte. Dadurch sei die deutsche Elf »hervorragend aufgestellt, weil alle sofort immer die Lücken schließen«, so Mourinho. »Die Deutschen werden keine Räume zulassen. Dort wird man die Jungs nicht knacken können«.
»Ein super Signal« fand die Idee mit den vier Innenverteidigern Boateng, Mertesacker, Hummels und Höwedes auch der frühere Mainzer Trainer Thomas Tuchel. Löws Signal, das er daraus las: »Ich, der Trainer, will hier gewinnen, ich will diesmal den Titel. Wenn nötig, dann mit dieser Abwehr.« Tuchel sagt das allerdings erst später, als die Sache schon gut gelaufen ist. Und räumt ein, dass er spontan gedacht habe: »Gut, ein Kopfballtor wird gegen Deutschland ab jetzt nicht mehr fallen.« Es fiel dann aber gleich im zweiten Spiel, beim 2:2 gegen Ghana.
Vermutlich stimmt beides: dass die Entscheidung Löws für die vier Innenverteidiger einen neuen Sinn für Pragmatismus beim Bundestrainer zeigte. Dass sie aber auch aus der Not geboren war, der Not, dass Deutschland nach den Zeiten eines Berti Vogts und Andreas Brehme keinen Außenverteidiger von Weltklasse mehr hervorbrachte – keinen außer Philipp Lahm. Der aber brillierte beim FC Bayern in der WM-Saison im Mittelfeld und schlüpfte danach auch im Nationalteam in diese Rolle.
Erst das Spiel gegen Algerien, in dem das Innenverteidiger-Modell gegen schnelle Konterspieler an seine Grenzen stieß und nur noch vom Torwart-Libero Manuel Neuer zusammengehalten wurde, hat Löw zur Umkehr gezwungen – und zu Lahms dauerhafter Rückkehr auf die rechte Abwehrseite. Seitdem spielt er dort.
Doch einer ist geblieben: Benedikt Höwedes, im Verein, bei Schalke 04, im Abwehrzentrum aktiv, im WM-Team aber auf der linken Seite platziert. Ein rechtsfüßiger Innenverteidiger als linksseitiger Außenverteidiger, es ist der maximale Widerspruch zu den gängigen Prinzipien der Arbeitsteilung in einem Fußballteam.
Aber genau diese Position, die des linken Außenverteidigers, wird am Ende die einzige eines Feldspielers im deutschen Team sein, die von der ersten bis zur letzten WM-Minute vom selben Mann ausgefüllt wurde. Von Benedikt Höwedes, dem von innen nach außen, von rechts auf links gewendeten Helden der Improvisation.
Das Prinzip Höwedes, es steht für eine alte deutsche Stärke: einer für alles. Einer, dem Experten das Talent absprachen, in einem Weltmeisterteam zu spielen. Der aber das für seine Aufgabe wichtigste Talent mitbrachte: zu wissen, was nötig ist, dieses Nötige zu tun und keinen Millimeter von einem Posten preiszugeben, den man zu verteidigen hat.
So wurde Höwedes der unwahrscheinlichste deutsche WM