A Ship Of Bones And Teeth - Karina Halle - E-Book

A Ship Of Bones And Teeth E-Book

Karina Halle

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Beschreibung

"Was, wenn es der kleinen Meerjungfrau bei ihrem Auserwählten nicht so gut geht, wie es in den Geschichten beschrieben wird?" Prinzessin Maren ist eine Frau mit einem Geheimnis. Mit sechzehn verkaufte sie ihre Seele an die Meerhexe Edonia und gab ein Leben unter Wasser im Austausch für die Liebe von Prinz Aerik an Land auf. Doch nach einem Jahrzehnt des Missbrauchs und des Elends durch den Prinzen, will Maren nichts anderes, als ihn und ihre königliche Rolle hinter sich zu lassen und Edonia zu finden, um den Zauber umzukehren. Doch bei einer Übersee-Reise werden sie und der Prinz von einer Bande berüchtigter Piraten unter der Führung des furchterregenden Kapitäns Ramsay »Bones« Battista als Geisel genommen. Maren kennt die üblen Geschichten über den berüchtigten Piraten– nicht nur, dass sein Schiff angeblich von den Verdammten heimgesucht wird, sondern auch, dass keine Gefangenen je überleben. Der Kapitän hat ebenfalls noch eine Rechnung mit der Meerhexe offen. Mit etwas Glück könnte Maren ihr altes Leben zurückbekommen, auch wenn der Kapitän es in seinen bösartigen Händen hält. Ramsay ahnt nicht, dass Marens Gier nach Rache und ihr Blutdurst seinem in nichts nachstehen. Maren verfällt der dunklen Natur des Piraten derweil immer mehr, während sie herausfindet, dass Ramsay ein Geheimnis hat, das tödlicher ist als ihr eigenes.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Hinweis
Epigraph
Playlist
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
ENDE
Nachwort
Danksagung
Über die Autorin

Karina Halle

 

A Ship Of Bones And Teeth

Nightwind

(Band 1)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Übersetzt von Lara Gathmann

 

Karina Halle ist Drehbuchautorin, ehemalige Musik- und Reisejournalistin und Bestsellerautorin der New York Times, des Wall Street Journals und der USA Today mit den Titeln River of Shadows, The Royals Next Door und Black Sunshine sowie Autorin von siebzig weiteren wilden und romantischen Büchern, die von leichten und sexy Liebesromanen über Horror/Paranormal-Romance bis hin zu Dark Fantasy reichen. Überflüssig zu erwähnen, dass sie für jedes Genre, das du magst, wahrscheinlich einen Liebesroman geschrieben hat.

Wenn sie nicht gerade auf Reisen ist, verbringen sie und ihr Mann ihre Zeit in einem hundertzwanzig Jahre alten Haus in Victoria, BC, in dem es möglicherweise spukt, auf ihrem Segelboot Norfinn und in ihrem Condo in Los Angeles.

 

A SHIP OF BONES AND TEETH

Nightwind

(Band 1)

 

 

Copyright © 2023 Original version by Karina Halle

Copyright © 2025 German translation by VAJONA Verlag GmbH

 

Published in agreement with the author,

c/o BAROR INTERNATIONAL, INC., Armonk, New York, U.S.A.

 

Übersetzung: Lara Gathmann

Korrektorat: Désirée Kläschen und Susann Chemnitzer

Umschlaggestaltung: Stefanie Saw und VAJONA Verlag GmbH

Satz: VAJONA Verlag GmbH, Oelsnitz

 

VAJONA Verlag GmbH

Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3

08606 Oelsnitz

Für meinen Vater Sven, den Wikingersegler, der mir die Liebe zum Meer eingeflößt hat. Wir passen für dich gut auf dein Schiff auf.

 

An meine Mutter Tuuli – deren Name auf Finnisch Wind bedeutet–: Danke, dass du der Wind in meinen Segeln bist.

 

Und an Scott, natürlich und wie immer.

Du bist mein Reallife-Piratenkapitän.

Hinweis

 

Hallo, liebe Leserin, lieber Leser! Wenn du darüber nachdenkst, dieses Buch zu lesen, gibt es ein paar Dinge, die du wissen solltest, bevor du diese Entscheidung triffst.

Zum einen habe ich zwar viel recherchiert und mein Bestes getan, um Aspekte des Piratenlebens, alte Schiffe, nautische Begriffe usw. so genau wie möglich wiederzugeben, aber im Sinne der Fantasie habe ich mir hier und da ein paar Freiheiten genommen.

Zweitens, und das ist ein wichtiger Punkt, ist dies ein Dark Romance-Buch. Lass mich das noch erklären: Wenn du Dark Romance-Bücher kennst, ist dieses Buch für dich wahrscheinlich nur ›düster‹ – also mach dir keine Hoffnungen auf etwas komplett Gestörtes.

Allerdings muss das gesagt werden, denn wenn man dieses Buch in die Hand nimmt und denkt, es sei wie Die kleine Meerjungfrau oder Fluch der Karibik mit ein bisschen jugendfreiem Spice oder einer gesunden Liebesgeschichte, dann erwartet einen ein böses Erwachen. A Ship of Bones & Teeth ist sehr erwachsen und enthält eine Menge Sex, Fluchen und eine Liebesgeschichte, die von manchen als ›ungesund‹ angesehen werden könnte. Tatsächlich gibt es einige Dinge, vor denen ich dich besonders warnen muss …

Das Buch enthält die folgenden Trigger: physische und emotionale häusliche Gewalt, Selbstmordgedanken, Tod eines geliebten Menschen, Blut, sinnlose Gewalt, Hexerei, zweifelhafter Konsens innerhalb einer ungleichen Machtdynamik, einen Held, der sehr besitzergreifend, rücksichtslos und grob mit der Heldin umgeht – er brandmarkt sie mit einem heißen Eisen – und ihre Romanze könnte möglicherweise als ›toxisch‹ bezeichnet werden – noch mal, er ist ein Pirat und sie ein Monster, expliziter Dirty Talk und Charaktere, die allesamt moralisch sehr grau und im Allgemeinen fehlerhaft sind, natürlich gibt es Mord, Folter, blasphemische Flüche und unflätige Sprache, Machtmissbrauch und grafische Sexszenen, die Spanking, Seile, Fesseln, Knebel, Entführer-und-Gefangene-Situationen und den Primal Kink enthalten, einige könnten dieses Buch sogar als ›Dark Fantasy Porn‹ belächeln.

Ich will den sexuellen Inhalt hier nicht überbewerten, weil er wirklich nicht die Grundlage des Buches ist, aber ich weiß, dass viele Leute empfindlich auf überflüssige Sexszenen, Dark Romance-Themen und besitzergreifende männliche Charaktere reagieren, also muss ich sicherstellen, dass das hier alles klar aufgezählt wird, damit du genau weißt, worauf du dich einlässt, wenn du dieses Buch liest.

ALSO …, wenn dich irgendetwas davon stört oder triggert, schlage ich vor, dass du ASOBAT nicht liest. Ich meine es ernst. Bitte lies dieses Buch nicht. Mir liegt deine geistige Gesundheit am Herzen und ich möchte außerdem, dass du Bücher liest, die dir gefallen, und nicht solche, die entweder ein Gefühl des Leids bei dir auslösen oder dich die Augen verdrehen lassen. Das Leben ist zu kurz, um ein Buch zu lesen, von dem du weißt, dass es dir nicht gefallen wird.

ABER …, wenn du mit all dem einverstanden bist .. komm an Bord, yo-ho! Du bist im Begriff, auf der Nightwind die Segel zu setzen.

Epigraph

 

First we stand up, then we fall down

We have to move forward, before we drown

Depeche Mode

 

I descend from grace in arms of undertow

I will take my place in the great below

Nine Inch Nails

Playlist

 

Die komplette Playlist findet ihr auf meinem Spotify-Account. In der Zwischenzeit sind hier einige Lieder aus der Playlist:

 

»The Kraken« – Hans Zimmer

»Supernaturally« – Nick Cave and the Bad Seeds

»Mermaids« – Florence and the Machine

»Before We Drown« – Depeche Mode

»Hoist the Colors« – Colm R. McGuiness

»Vivien« – (+++) Crosses

»I am not a woman, I’m a god« – Halsey

»With Teeth« – Nine Inch Nails

»Diamond Eyes« – Deftones

»Always You« - Depeche Mode

»A Drowning« – How to Destroy Angels

»Hurricane« – Halsey

»Gods and Monsters« – Lana Del Rey

»Mermaids« – Hans Zimmer

»La Mer« – Nine Inch Nails

Prolog

Maren

 

In der Nacht, in der ich beschloss, meine Seele zu verkaufen, war kein Mond am Himmel zu sehen. Das Wasser war so dunkel wie Tintenfischtinte und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich Angst. Es war, als ob mir endlich klar wurde, was ich nicht nur im Begriff war, zu tun, sondern was ich bereits getan hatte.

Vor einem Monat hatte ich meine Familie, ohne zu zögern, zurückgelassen. Mit meinem Hai Nill als einzigem Begleiter kehrte ich meinen Schwestern, meinem Vater und seinem Reich den Rücken und schwamm einer anderen Zukunft entgegen. Ich war schon immer rücksichtslos und impulsiv gewesen, hatte mehr als das gewöhnliche Leben in den Tiefen von Limonos gewollt, aber so etwas Unüberlegtes und Gefährliches hatte ich noch nie getan. Ich hatte mein Zuhause noch nie verlassen.

Es ist nicht so, dass ich es nicht schon angedeutet hätte. Wie oft hatte ich mich mit Asherah durch die hoch aufragenden grünen Halme des Seetangwaldes treiben lassen und davon gesprochen, dass ich einfach nur wegwollte, oder war mit Larimar durch die Korallengärten geschwommen und hatte mir gewünscht, dass mein Leben mehr wäre als das, was mein Vater für mich vorgesehen hatte. Aber meine Schwestern hörten nie auf mich, ich war die Jüngste und wurde immer leicht abgewiesen. Eine Prinzessin nur dem Namen nach, nie Königin, nie mit eigener Macht.

Und so ging ich eines Tages fort. Ich begann, die Küste entlang nach Süden zu schwimmen, ließ das Meer und das Königreich hinter mir und schwamm in noch wärmere, tiefere und dunklere Gewässer. Nill schwamm mit mir, mein treuer Beschützer seit meiner Geburt, der nie infrage stellte, was ich tat.

Irgendwann wurde ich müde und schickte Nill an die Oberfläche, um zu sehen, ob es sicher war, einen Blick herauszuwerfen. Als er mir versicherte, dass es sicher sei, schwamm ich nach oben und durchbrach die Wellen.

Eine völlig neue Welt erwartete mich. Statt der trockenen und felsigen Landschaft, die Limonos umgab, war hier alles üppig und grün, mit Papageien, die von den Bäumen flogen und krächzten, während sie flogen. Der Himmel war nicht so strahlend blau wie zu Hause, aber die großen dunklen Wolken, die über die umliegenden, dicht bewachsenen Berggipfel zogen, waren dramatisch und gefährlich.

Und am Strand stand der schönste Mann, den ich je gesehen hatte.

Natürlich hatte ich schon früher Männer gesehen. Bevor meine Mutter verschwunden war, hatte sie sie oft in die Tiefen von Limonos hinuntergebracht und uns ihre Organe angeboten. Asherah, die Erstgeborene, bekam das Herz, Larimar die Leber und ich bekam gewöhnlich eine Niere. Ich hatte mir schon immer ein Männerherz gewünscht, aber meine Mutter hatte gesagt, ich müsse es mir verdienen. Ich hatte nie die Gelegenheit bekommen, sie zu fragen, wie ich es mir verdienen könnte, denn meine Mutter wurde eines Nachts von Matrosen aus dem Wasser gezogen und nie wieder gesehen.

Der erste Instinkt einer Syrene ist es, Menschen in den Tod zu locken. Wir verführen, ertränken und essen sie, denn ihr Körper liefert uns genug Kraft und Nährstoffe, um uns monatelang zu versorgen. Sie sind eine seltene, aber sehr begehrte Delikatesse. Aber ich hatte noch nie einen Mann gejagt, und obwohl mein erster Instinkt beim Anblick dieses Mannes eigentlich darin hätte bestehen sollen, ihn zu verführen, um ihn zu vernichten, wollte ich ihn einfach nur verführen. Ich war erst sechzehn, kaum erwachsen, und sein Anblick hatte etwas in meinem Inneren bewirkt. Er weckte Gefühle in mir, von denen ich zuvor nie zu träumen gewagt hatte. Ich war auf eine andere, verlockendere Weise hungrig.

Ich war so eine verdammte Närrin gewesen.

In Sekundenschnelle war ich ihm verfallen, von der Lust verschlungen, und dieser Mann wurde zu meiner Obsession. Ich verbrachte meine Tage damit, mich hinter den Felsen im seichten Wasser zu verstecken und ihn auszuspionieren, während Nill hinter mir in den Gewässern kreiste. Der Mensch war mit einer Gruppe von Leuten unterwegs, die sich um jedes seiner Bedürfnisse kümmerten. Nachts schlief er in einem Zelt am Strand, dessen weißes Tuch wie die Segel eines Schiffes aussah, und eine Reihe von Frauen verschwand darin, deren lautes Stöhnen meinen Körper vor Verlangen und Neid schmerzen ließ. Tagsüber faulenzte er im Sand und unterhielt die Gäste, die sich mit feinem Essen vollstopften. Ich wollte alles probieren, was sie aßen, musste mich aber mit den Muscheln, Krabben und Seegurken begnügen, die in den seichten Gewässern um mich herum lebten.

Damals sprach ich kein Englisch, aber irgendwann verstand ich, dass sie ihn mit »Prinz Aerik« ansprachen.

Was ich verstand, war, dass er unbedingt mir gehören musste. Etwas, das ich endlich mein Eigen nennen konnte. Mein ganzes Leben lang hatte ich mich so zerrissen und einsam gefühlt, mein Vater freundlich, aber streng und distanziert, meine Schwestern das Licht seines Lebens, nachdem Mutter verschwunden war. Aber ich, ich hatte nur Nill, und das war’s. Niemand schaute in meine Richtung oder fragte sich, wie es mir ging. Ich war nur die dritte Schwester, die zu viel Platz im Meer einnahm. Selbst die anderen Syren im Königreich ignorierten mich. Obwohl ich in meiner eigenen Familie ein Niemand war, war ich auch zu anders und zu königlich, als dass sich jemand außerhalb der königlichen Kreise mit mir anfreunden wollte.

Und so dachte ich törichterweise, dass ich, wenn ich diesen Menschen, diesen Prinz Aerik, dazu bringen könnte, mein zu werden, nicht allein sein müsste. Aber er lebte an Land und würde nie mehr als ein paar Minuten unter der Meeresoberfläche überleben. Er würde nie ein Teil meiner Welt sein.

Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass ich ein Teil seiner Welt werden musste.

Als Kind wurde ich vor den Meerhexen gewarnt, Wesen, die über Magie verfügten, die es ihnen ermöglichte, sich nach Belieben zu verwandeln und sowohl über als auch unter Wasser zu leben. Und während die Menschen die Syren fürchteten, fürchteten wir Syren die Meerhexen. Sie hatten die Fähigkeit, uns Wünsche zu erfüllen, doch jedes ihrer Geschenke hatte seinen Preis.

Aber ich war jung, eigensinnig und unbesonnen. Ich wollte Abenteuer, ich wollte sehen, wie das Leben über dem Meer ist, ich wollte mehr werden, als ich war. Ich wollte Liebe.

Und so machte ich mich daran, eine Meerhexe herbeizurufen. Meine Schwestern hatten mir gesagt, dass sie glänzende Dinge als Opfergaben mögen und auf meinen Syrenruf reagieren würden. Ich verbrachte den Abend damit, herumzuspringen und Dinge zu finden, die mir ins Auge fielen – bunte Korallen in satten Rot-, Orange- und Gelbtönen, winzige violette Seesterne, seltene leuchtend azurblaue Algen und Perlen, die ich aus den widerstrebenden Mäulern von Austern lockte.

Nachdem ich diese glänzenden Stücke des Meeres gesammelt hatte, schwamm ich hinunter zu einer Schlucht mit Felswänden und Korallen, die sich um mich herum erhoben, einem Ort mit fantastischer Akustik. Dann begann ich zu singen.

Soweit ich wusste, gab es kein bestimmtes Lied, das die Meerhexen herbeirief, es waren unsere Stimmen im Allgemeinen, die sie zu uns locken konnten. Alle Syren hatten bezaubernde und schöne Singstimmen, und meine war keine Ausnahme. Ich sang allerdings nicht gerne, weil ich dann im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand – es sei denn eine meiner Schwestern sang, dann hörte mich niemand.

Aber ich sang. Ich sang für die Meerhexe, ich sang davon, dass ich ein Geschäft machen wollte, dass ich ein Leben an Land wollte, dass ich das Herz eines Mannes gewinnen wollte, und nach einer gefühlten Ewigkeit begann Nill, schützende Kreise um mich zu ziehen, was bedeutete, dass eine Meerhexe kam.

Das Erste, was erschien, waren die Tentakel – riesige, schlängelnde Stränge mit Saugnäpfen und runzliger lila Haut. Sie gehörten nicht zur Meerhexe, sondern zu einem der Kraken, den riesigen Seeungeheuern, die die Hexen kontrollierten.

Der Rest des Kraken war in den trüben blauen Tiefen des Ozeans verborgen, aber ich konnte schwach kleine leuchtend gelbe Augen ausmachen.

Dann kam Edonia auf zwei Beinen über den Meeresboden auf mich zu, völlig nackt.

Sie war umwerfend. Ich hatte gehört, dass Meerhexen hässliche Weiber seien, aber das war ganz und gar nicht der Fall. Sie war zart und blass, mit langen, wallenden weißen Haaren, die sich wie Seeschlangen um ihren Kopf bewegten. Sie sah menschlich aus, und ich war sofort neidisch auf sie.

»Sweetheart«, sagte sie zu mir, ihre Stimme war melodisch, aber leise. »Sag mir, was dich bedrückt.«

Ich war so verblüfft von ihr, dass ich nicht sprechen konnte.

»Du hast eine Meerhexe um Hilfe gebeten, nicht wahr?«

Ich nickte und sie kam näher. Nill wollte sich zwischen uns bewegen, aber bevor ich ihm sagen konnte, er solle zurückbleiben, peitschte ein Tentakel auf ihn zu und packte ihn. Nill schrie auf, ein scharfer Laut, den nur wenige Kreaturen hören konnten, und der Kraken schlang sich um seine Mitte und drückte ihn fest an sich.

»Nein, stopp!« Ich schrie auf. »Tu ihm nicht weh!«

Edonia grinste mich an und plötzlich schien ihre ganze Schönheit zu verschwinden. Sie mochte hübsch sein, aber sie war kalt und rücksichtslos, und ich wusste sofort, dass ich ihr nicht trauen konnte. »Eine Vorsichtsmaßnahme. Je nachdem, wie die Sache ausgeht, werde ich ihn freilassen. Andernfalls …«

Ich verstand die Drohung. Ich hatte sie um einen Gefallen gebeten und jetzt hatte sie die Kontrolle.

»Sag mir, was du willst, Sweetheart«, sagte sie gelangweilt. »Damit wir den Deal schnell machen können. Ich habe nicht die ganze Nacht Zeit.«

Einen Moment lang hatte ich sogar vergessen, warum ich sie gerufen hatte, was mich dazu brachte, so etwas Leichtsinniges zu tun, wie eine Meerhexe zu beschwören. Aber dann erinnerte ich mich. Die Sehnsucht in mir, das Bedürfnis, zu jemandem und irgendwohin zu gehören, war zu stark, um es zu ignorieren.

»Ich habe einen Mann am Ufer gesehen«, sagte ich, als sich ihre wachsamen roten Augen verengten. »Sein Name ist Prinz Aerik. Ich möchte ein Mensch werden und ich möchte, dass er sich in mich verliebt. Kannst du mir helfen?«

Sie gluckste vergnügt. »O Honey. Ja, das kann ich. Aber alles, was ich tue, hat seinen Preis.«

Ich drehte mich zu den glänzenden Stücken des Meeres um, die ich gesammelt hatte, gerade als die Tentakel des Kraken hervorschoss und sie alle wegfegte. Die ganze Mühe umsonst.

»Du denkst, das reicht?« Edonia lachte. »So naiv. Sag mir, wie alt bist du?«

»Sechzehn«, schaffte ich es, zu sagen.

»Sechzehn. So jung. Und du glaubst, du weißt in so einem Alter, was Liebe ist?«

Dazu sagte ich nichts.

Sie musterte mich einen Moment lang. »Aber ich kann sehen, dass es vielleicht die Liebe ist, die dir zu Hause fehlt, die dich wirklich kränkt. Ein Gefühl des Unmuts. Das Gefühl, nicht dazuzugehören. Ja?«

Ich nickte. Ich schaute zu Nill hinüber, um mich zu vergewissern, dass der Kraken ihn nicht verletzte, aber plötzlich war Edonia bei mir, ihre scharfen Fingernägel an meinem Kinn, und zwang mich, ihr in die Augen zu sehen.

»Ich sag dir was«, sagte sie. Ich verlor mich im wirbelnden Rot ihrer Augen, wie eine Koralle in einem Strudel. »Ich werde dir geben, was du dir wünschst, solange ich im Gegenzug etwas von dir bekomme.«

Die Tatsache, dass sie mir meinen Wunsch erfüllen konnte, ließ mein Herz vor Freude und den Möglichkeiten hüpfen, so sehr, dass ich dachte, kein Preis wäre zu hoch, um ihn zu zahlen.

»Was möchtest du?«

»Deine Stimme«, sagte sie schlicht.

»Meine Stimme?«

»Sie ist wunderschön«, sagte sie mit einem Anflug von Verachtung. »Wir alle wissen, dass die Syren die Fähigkeit haben, Männer mit ihrem Gesang ins Meer zu locken. Ich würde gerne die Chance haben, dasselbe zu tun. Die Kraken sind wunderbare Haustiere, aber es fehlt ihnen an Finesse. Sie wissen, wie man tötet, verstümmelt und zerstört, aber sie wissen nicht, wie man lockt.«

»Aber du bist eine Hexe. Das kannst du doch sicher bereits mit Männern machen.«

»Nicht alle Männer sind gleich«, sagte sie schroff. »Manche Männer sind resistent gegen den Charme einer Hexe. Deine Stimme wäre nicht einfach nur eine Sache zum Hören. Ich werde deine Zunge brauchen.«

»Meine Zunge!«, rief ich aus.

»Die Zunge einer Meerjungfrau ist eine fehlende Zutat aus meinem Buch der Magie.«

»Dann nimm meinen Schwanz, wenn du mir Beine gibst«, protestierte ich.

»Oh, den werde ich auch nehmen. Jetzt hör mal zu, meine Süße, denn du hast nur eine Chance, dich zu entscheiden. Mit meinem Zauberspruch werde ich dir Beine geben. Ich nehme dir deine Kiemen, deine Klauen, deine Reißzähne und deine Kraft und mache dich zu einer schönen Frau. Und du wirst deinen Prinzen finden und ihn zu deinem Eigen machen, wenn du es wünschst. Aber du wirst nicht mehr in der Lage sein, jemals wieder eine Syrene zu werden. Du wirst nicht mehr im Meer leben können. Du wirst durch und durch ein Mensch sein. Du wirst keine dreihundert Jahre leben, sondern vielleicht sechzig, wenn du Glück hast.« Sie hielt inne und grub ihren Nagel tiefer in meine Haut. »Bist du immer noch interessiert?«

Ich hätte Nein sagen sollen. Warum habe ich nicht Nein gesagt?

Aber stattdessen sagte ich: »Und das ist nicht genug an Preis, den ich zahlen muss?«

Ihre Augen wurden kalt. »Du willst ein Mensch werden und diese Welt erleben? Du willst die Liebe des Prinzen oder von wem auch immer? Dann musst du wissen, dass die Welt der Menschen nicht gleichwertig mit der Welt der Syren ist. Nein, sie ist mehr wert. Die Menschenwelt ist eine, in der du dein eigenes Schicksal bestimmen kannst. In der du entscheiden kannst, die Person zu sein, die du, und nur du, zu werden beschließt. Als Mensch kannst du tun, was du willst, sein, wer du willst. Du wirst eine Frau sein und eine Frau hat die ganze Macht da oben. Die Welt wird dir gehören und du kannst sie dir nehmen. Alles, was du dir wünschst, wirst du auch bekommen.«

Sie wusste genau, was sie sagen musste. Sie log durch ihre spitzen Zähne.

»Alles, was ich dafür verlange, ist deine Zunge«, fügte sie achselzuckend hinzu und nahm ihre Finger von meinem Kinn. »Wenn du Glück hast, wird es für dich keinen großen Unterschied machen. Der Mensch ist anpassungsfähig.«

Wenn sie es so ausdrückte, schien der Preis nicht so hoch zu sein.

»Aber ich werde meinen Vater und meine Schwestern nie wiedersehen«, klagte ich.

»Du bist von ihnen weggeschwommen, oder nicht? Du bist aus einem bestimmten Grund gegangen. Du hast deine Entscheidung schon vor dieser Nacht getroffen. Außerdem wird dich nichts davon abhalten, eines Tages mit einem Boot zu deinem alten Königreich zu fahren. Vielleicht statten sie dir einen Besuch ab. Die Welt ist deine Auster und du bist die Perle, meine Süße.«

Vielleicht würde es nicht das Ende sein müssen. Vielleicht würde ich wirklich ein Boot nehmen können, fahren, bis es über Limonos war, und wenn ich untertauchen würde, wenn auch nur für eine Minute, würde ich sie vielleicht sehen und ihnen sagen können, dass es mir gut ging.

»Okay«, sagte ich. »Ich werde es tun. Aber zuerst möchte ich, dass du Nill gehen lässt.«

Edonia sah den Kraken an und grinste. Der Kraken drückte so fest zu, dass Nills schwarze Augen hervorzutreten begannen, und ich schrie.

Dann brach einer von Nills vielen Zähnen heraus und sank spiralförmig auf den Meeresboden.

»Lass ihn frei«, befahl Edonia dem Kraken widerwillig.

Der Tentakel löste sich und Nill schwamm schnell davon, in Richtung Limonos. Ich hatte keinen Zweifel daran, dass er meinem Vater erzählen würde, was ich getan hatte.

Edonia ging zu dem heruntergefallenen Zahn hinüber und hob ihn auf, dann kam sie zu mir zurück und legte ihn in meine Handfläche.

»Hier. Als Erinnerung daran, wer du einmal warst. Wann immer du dein Leben da oben bereust, kannst du dich daran erinnern, dass der einzige Freund, den du je hattest, ein verdammter Hai war.«

»Warte. Warum sollte ich mein Leben oben bereuen?«, fragte ich und geriet in Panik.

Aber Edonia sagte nichts mehr. Stattdessen grinste sie, ein höchst bösartiges Lächeln, das mich immer noch in meinen Träumen verfolgt, und griff nach einem Messer, das sie aus dem Nichts gezaubert zu haben schien.

Der Tentakel, der Nill festgehalten hatte, schoss hervor und wickelte sich um mich, das Ende hielt meinen Mund offen.

Ich schrie.

Dann nahm Edonia meine Zunge zwischen ihre Finger und strich mit der scharfen Klinge darüber, bis mein Kopf vor Schmerz explodierte und sich das Wasser mit meinem Blut füllte.

Die Schreie stoppten.

 

Kapitel 1

Maren

Zehn Jahre später

 

»Bitte sehr, Prinzessin«, sagt Daphne, meine Hofdame, als sie mit meinem Haar fertig ist. »Hübsch wie immer. Bereit für alle Männer des Königs, würde ich sagen.«

Ich betrachte mich im Spiegel, sehe mein Spiegelbild und sehe es gleichzeitig doch nicht, bringe ein steifes Lächeln zustande. »Danke, Daphne«, sage ich leise und fahre mit den Fingern zu Nills Zahn, der an einer zierlichen Silberkette hängt. Ich werde ihn gleich abnehmen, denn ich weiß, wie wütend Aerik wird, wenn er ihn an mir sieht.

»Ich wünschte, es wäre nicht so grau und dunkel hier drin, damit wir einen besseren Blick auf Euch werfen könnten«, sagt sie mit einem Schniefen und sieht sich in meinen Gemächern um. »Nur das Feuer und ein paar Laternen sollen den ganzen Raum erhellen. Ich nehme an, nicht alle königlichen Paläste sind gleich, nicht wahr? Dieser hier ist nicht wie der zu Hause, Eure Hoheit.«

Prinz Ferdinands Palast ist vielleicht nicht so prächtig wie der, den Aerik und ich auf Vemmetofte bewohnen, aber dieser Ort liegt auf der anderen Seite der Welt, und nicht nur das, der Prinz wohnt die meiste Zeit nicht einmal hier. Aerik und Ferdinand haben viel zu viel gemeinsam, beide verbringen ihre Jahre damit, in der Welt herumzureisen und Geld zu verschwenden, anstatt irgendetwas mit ihren zukünftigen Familien zu tun zu haben, außer nach mehr Geld zu fragen.

Ferdinand verbringt ein paar Monate im Jahr hier in Butuan, den Rest der Zeit ist er in verschiedenen Ecken des Reiches von König Philipp V, seinem Vater, unterwegs. Aerik und ich sind auf unserem königlichen Schiff, der Elephanten, unterwegs und unsere Reisen sind sich nicht allzu unähnlich. Der einzige Unterschied besteht darin, dass wir in diesem Jahr auf Befehl unseres Königs – Prinz Aeriks Vater, Friedrich IV – zu Hause erwartet werden. Ich hatte erwartet, dass wir unsere Reise um den Globus fortsetzen und den Passatwinden über den Ozean zu den Kolonien folgen würden, aber die Pflicht rief schließlich nach meinem Mann und damit auch nach mir.

Zu sagen, dass ich enttäuscht bin, wäre eine Untertreibung. Ich hatte gehofft, dass ich, wenn das Schiff auf der anderen Seite des mächtigen Ozeans Land erreicht, den Weg nach Hause finden könnte, auch wenn es für mich als Mensch sinnlos wäre. Dennoch verbrachte ich Tage und Nächte damit, davon zu träumen, über Bord zu springen und in die Tiefe zu schwimmen, bis ich das Königreich Limonos erreiche. Selbst wenn ich nur so lange untertauchen könnte, wie es meine Lungen zuließen, will ich nur einen Blick auf meinen Vater und meine Schwestern werfen. Eine Chance haben, ihnen zu sagen, dass es mir leidtut, dass ich einen schweren Fehler begangen habe und dass ich sie liebe und alles tun würde, um bei ihnen zu sein.

Zumindest könnte ich Edonia finden und sie dazu bringen, den Bann rückgängig zu machen. Und wenn sie das nicht täte, wäre ich bereit, sie zu töten. Oh, ich hatte mir in den letzten zehn Jahren oft vorgestellt, sie zu töten, vor allem nach einem Streit mit Aerik, als ich mich hilflos und von meinen eigenen Fehlentscheidungen niedergestreckt fühlte. Ich stellte mir vor, wie es wäre, wieder Krallen und rasiermesserscharfe Zähne zu haben, sie in ihrer Halsschlagader zu versenken und ihre hübsche Kehle herauszureißen, während sich das Wasser vor Blut verfärbt.

»Geht es Euch gut, Prinzessin?«, fragt Daphne, während sie mich ansieht. »Ihr seht ein wenig errötet aus. Schwer zu sagen in so einem schummrigen Raum«, fügt sie mit einem leichten Grummeln hinzu.

»Mir geht es gut.« Ich räuspere mich und konzentriere mich auf mein Gesicht im Spiegel, erlaube mir endlich, einen Blick auf mein Spiegelbild zu werfen. Ich hasse Spiegel, hasse die Leere, die ich immer in meinen Augen sehe. Als ich noch eine Syrene war, habe ich meine Reflexion oft in zerbrochenen Spiegeln und Glas bewundert, das meine Schwestern aus Schiffswracks geborgen hatten, aber ich sehe überhaupt nicht mehr so aus wie früher. Früher hatten meine Augen ein leuchtendes Blau, das je nach meiner Stimmung vom blassen Türkis seichter Untiefen bis zur leuchtenden Farbe von glühendem Plankton reichte.

Jetzt sind sie nur noch der Schatten des endlosen Meeres und die Frau, die mich anschaut, ist jemand, den ich nicht wiedererkenne, schon gar nicht, wenn mein Haar in Locken an meinem Oberkopf hochgesteckt ist. Das ist der aktuelle Trend unter den Damen, aber ich würde mein Haar lieber offen tragen wie Wellen aus Tinte, würde mein steifes Mieder an meiner Taille lieber etwas lockern. Es fühlt sich völlig falsch an, etwas zu tragen, dass aus Walknochen angefertigt wird, Tiere, die ich als Freunde betrachtet habe.

Das Einzige, was mir von meinem alten Ich geblieben ist, sind die verblassten Abdrücke meiner Kiemen, drei schwache Linien auf beiden Seiten meines Halses, so schwach, dass man sie nur bei bestimmtem Licht sehen kann. Ein Symbol für mein Leben unter Wasser, bevor ich es eingetauscht habe.

»Na, seht Ihr nicht trotzdem hübsch aus?«, murmelt Daphne, während sie ein paar Haarsträhnen auf meinem Kopf zurechtrückt. »Ein schöner Anblick für Eure letzte Nacht an Land. Ich habe keinen Zweifel, dass die Prinzen einander vermissen werden, wenn wir wieder in See stechen.«

Bei dem Gedanken dreht sich mir der Magen um. Aerik wird Ferdinand vermissen, einen verwandten Geist in der Ausschweifung, und vielleicht noch mehr. Er wird die Freiheit vermissen, die ihm das Schiff gegeben hat. Die meiste Zeit der Reise war er freundlicher zu mir, weniger gewalttätig und kritisch. Er ist nur glücklich, wenn er auf Entdeckungsreise ist, wenn er weit weg ist von den wachsamen Augen seiner Familie, und ich mache mir Sorgen, was die Rückkehr nach Hause mit seiner Stimmung machen wird.

Wirf dich vom Schiff, sage ich mir. Lass dich von den Meeren beanspruchen. Es ist besser, zu ertrinken und zu sterben, als mit diesem Mann und dem Mann, zu dem er wieder werden wird, zu leben.

Ich schlucke schwer und reibe den Haifischzahn zwischen meinen Fingern. »Daphne«, sage ich leise. »Hast du in deiner Jugend jemals etwas getan, das so unüberlegt war, dass du es seitdem bereust?«

Daphne blinzelt mich im Spiegel an. Sie ist meine Hofdame, seit ich den Prinzen geheiratet habe, sie ist mit mir durch dick und dünn gegangen und hat die dunkelsten Geheimnisse für sich behalten. Sicherlich mehr, um den Prinzen zu schützen als mich, da sie ihn nur in einem schlechten Licht erscheinen lassen würden, aber sie ist mir trotzdem am nächsten. Und doch gibt es eine Distanz zwischen uns, eine Freundschaft, die sich nie wirklich vertiefen kann, weil ich eine königliche Figur bin und ein Leben auf Lügen aufgebaut habe.

»Oh, das scheint mir eine schwierige Frage zu sein«, sagt sie und summt einen Moment lang zu einer Melodie in ihrem Kopf. »Darüber muss ich vielleicht ein bisschen nachdenken. Vielleicht habe ich als Kind meinem Bruder zu Weihnachten ein paar Süßigkeiten, Lakritz, gestohlen. Ich habe es ihm nie erzählt.« Sie legt eine Hand auf ihre Brust. »Bitte denkt nicht schlecht von mir.«

Ich schenke ihr ein kurzes Lächeln. »Das werde ich nie, Daphne.« Ich hätte mir denken können, dass es etwas so Unbedeutendes ist. Sie würde es nie verstehen. Ich glaube nicht, dass das irgendjemand auf dieser Welt könnte.

»Und wenn ich nicht zu kühn bin, darf ich Euch das Gleiche fragen?«, sagt sie.

Ich versteife mich.

»Ich bedauere viele Dinge«, sage ich vorsichtig. Da Daphne gesehen hat, wie meine Ehe in die Brüche gegangen ist, muss sie nicht groß darüber nachdenken, was ich bereuen könnte. »Es ist schwer, ein Leben zu führen, ohne sich zu fragen, was wäre, wenn, nicht wahr?« Ein Leben, das eine Lüge ist. Meine ganze Geschichte ist eine Lüge, eine, die ich mir selbst und anderen so oft erzählt habe, dass ich sie fast zu glauben begonnen habe. Vor zehn Jahren wachte ich an den Strand gespült auf, an dem sich Aerik aufhielt. Sein Diener Hodges fand mich völlig nackt, blutverschmiert und unfähig, zu sprechen. Nicht nur, weil mir die Zunge herausgeschnitten worden war und ich immer noch an meinem eigenen Blut erstickte, sondern auch wegen des Traumas, das ich erlitten hatte. An Land zu sein, Beine zu haben, Luft in unzureichend genutzte Lungen zu atmen – ich wusste innerhalb von Sekunden nach dem Aufwachen, dass ich den größten Fehler meines Lebens gemacht hatte.

Das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich mich so sehr bemühe, meinen Fehler zu etwas zu machen, das sich lohnt, auch wenn das mit so vielen Kosten verbunden ist.

Aber ich schweife ab. Aerik sah mich in Hodges Armen und aufgrund von Edonias Zauber konnte ich Aerik verzaubern, obwohl ich nicht sprechen konnte. Oder vielleicht waren es nicht der Zauber oder mein Charme, die ihn für mich gewannen, sondern die Tatsache, dass ich schön, nackt und stumm war. Etwas, mit dem er einerseits vor der Welt angeben und das er andererseits nach seinen Launen manipulieren konnte.

Erst viel später, als ich Englisch verstehen und schreiben lernte, konnte ich Aerik und den anderen die Geschichte erzählen, die ich lange in meinem Kopf erdacht hatte. Ich war aus einem fernen Land namens Limonos von Piraten entführt worden, die mir die Zunge herausgeschnitten und mich über Bord geworfen hatten, um mich dem Tod zu überlassen. Da die Piraten schon damals die Meere und Schifffahrtsrouten terrorisierten, war meine Geschichte durchaus glaubhaft und der größte Teil der Welt bestand aus fernen Ländern, von denen noch nie jemand gehört hatte. Wie sonst hätte man das erklären können? Nach dem, was ich erfahren hatte, wurden Syren Meerjungfrauen genannt und waren der Stoff, aus dem Mythen und Legenden gemacht waren, Dinge, an die nur die verkrusteten alten Seeleute zu glauben schienen. Sie hätten mich für verrückt erklärt, wenn ich ihnen die Wahrheit darüber gesagt hätte, woher ich stammte.

Es stellte sich heraus, dass ich bald an die Grenzen des Möglichen stoßen würde. Innerhalb des einen Jahres, in dem ich nicht mehr sprechen konnte, begann meine Zunge nachzuwachsen. Sie regenerierte sich langsam, so wie der Schwanz einer Syrene, wenn er abgeschnitten worden war, bis ich eines Tages wieder sprechen konnte. Als wir den Kontinent erreichten, hielt mich Aeriks Arzt für ein Wunder und ich konnte ohne einen einzigen Makel in die königliche Familie aufgenommen werden. Edonia mag mir meine Stimme genommen haben, aber sie hat nicht verhindert, dass sie zurückkam.

»All das Grübeln wird Euch nicht viel bringen, außer Kummer, sage ich«, klagt Daphne. »Es ist besser, das Los zu akzeptieren, das Gott Euch gegeben hat.« Sie hält inne und schenkt mir ein mitleidiges Lächeln, das ihre runden roten Wangen füllt. »Egal, wie hart es ist.«

Und doch habe ich es in den letzten zehn Jahren immer nur akzeptiert. Ich will es nicht mehr hinnehmen. Ich will mich wehren, mir meinen Weg in die Freiheit erkämpfen. Aber diese Welt über den Meeren ist grausam zu Frauen, egal, welchen Rang sie haben, und es ist eine Welt, die nicht die meine ist. Ich werde nie zu den Menschen passen, denn im Grunde meines Herzens bin ich keiner.

Aber ich bin auch keine Syrene. Ich existiere einfach in diesem Raum zwischen den Welten und gehöre nirgendwo hin. Meine Seele treibt dahin.

Alles nur, weil ich Edonias Lügen geglaubt habe.

Plötzlich schwingt die Tür hinter uns auf und im Spiegel sehe ich Aerik in den Raum stolpern.

»Da bist du ja«, sagt er zu mir, undeutlich im Ton, die schwarze Perücke schief. Offensichtlich betrunken. Mein Puls beginnt zu rasen, pulsiert in meinen Adern, meine Hand fährt über Nills Zahn und umklammert ihn fest. »Meine Schlangenzunge«, sagt er mit einem Schnauben. Er sieht Daphne mit einem verächtlichen Kopfschütteln an. »Geh jetzt, ich muss mit meiner Frau reden.« Bitte verlass mich nicht, denke ich und mein Herz sinkt, als ich Daphne aus dem Zimmer huschen sehe. Ich kann schon jetzt nicht mehr atmen.

»Du kommst zu spät«, sagt er, bleibt ein paar Meter entfernt stehen und schaut mich im Spiegel an. »Ferdinand und ich haben schon eine Flasche getrunken und auf dich gewartet. Das Essen wird kalt.«

Verdammt.

»Mir wurde gesagt, dass das Abendessen um sieben Uhr stattfindet«, sage ich und versuche, meine Stimme ruhig und gelassen, aber unterwürfig zu halten. Ich schenke ihm das sanfteste Lächeln, das ich aufbringen kann, und entspanne meinen Blick, damit es nicht so aussieht, als würde ich ihn herausfordern.

»Ich bezweifle sehr, dass man dir das gesagt hat«, sagt er spöttisch. »Man hat dir die richtige Zeit genannt, aber dein erbsengroßes Gehirn konnte es nicht erfassen, nicht wahr?«

Mein Lächeln schwankt leicht und ich falte meine Hände demütig in meinem Schoß. Er ist bereits wieder zu dem verbitterten Mann geworden, der er war. »Mein Fehler. Wenn es dir recht ist, bin ich jetzt bereit.«

Er sieht mich stirnrunzelnd im Spiegel an, sein Blick wandert zu meiner Brust. Bevor ich meine Halskette verdecken kann, schießt seine Hand hervor und greift nach dem Haifischzahn.

»Was habe ich dir über dieses widerliche Ding gesagt?«, sagt er und zieht sie mir ruckartig vom Hals, wobei die Kette reißt. »Ich habe dir gesagt, du sollst es nicht tragen, so etwas würde ein Wilder tragen, nicht eine verdammte Prinzessin.«

Ich schreie entsetzt auf, drehe mich um und versuche, ihm die Kette zu entreißen. Meine Finger krümmen sich um seine Hände und versuchen, seine Finger zu öffnen. »Nein, bitte nicht, du weißt, dass sie etwas Besonderes für mich ist, du weißt, dass es alles ist, was ich von zu Hause habe, ich –«

»Oh, halt den Mund«, sagt er und ich weiß, dass er mir in ein paar Sekunden die Rückhand geben wird. Der Knall klingt wie Dynamit, mein Gesicht wird zurückgeschleudert und geht durch den Schlag seiner Hand in Flammen auf, aber wenn das alles ist, was er mit mir macht, dann nehme ich es hin.

Aber dann stürmt er zum Kamin und wirft die Kette hinein und ich schreie, taumle aus dem Sessel und renne unbeholfen zum Feuer, um sie zu retten.

Er hält mich zurück, sein Atem ist heiß und riecht nach Alkohol.

»Du weißt, dass ich dich viel lieber mochte, als du noch nicht sprechen konntest«, flüstert er, beugt sich vor und das Feuer spiegelt sich in seinen dunklen Augen, schwarz wie die Sünde. »Noch besser, als du kaum laufen konntest. Ja, ich glaube, da mochte ich dich noch viel lieber.«

Mit einem Grunzen tritt er gegen mein linkes Schienbein und ich schreie auf, als mein Bein unter mir wegknickt und ich zu Boden sacke. Er weiß, wie schwach meine Beine von Natur aus sind und nimmt sie sich immer als Erstes zum Ziel.

Er tritt mir mit seinem Stiefel fest in die Seite und ich rolle mich zu einem Ball zusammen, um mich weiter zu schützen. »Morgen früh stechen wir in See«, sagt er und ich bin zu ängstlich, um etwas zu sagen. Ich falte einfach die Arme über den Kopf, das Kinn an die Brust gepresst, und liege zu seinen Füßen. Die Scham sitzt tief.

»Ich wollte, dass meine letzte Nacht hier eine gute ist.« Seine Stimme klingt jetzt wehmütig, aber ich traue mich nicht, meine Deckung fallen zu lassen. »An meine Zeit mit Ferdinand werde ich nur schöne Erinnerungen haben. Das ist es, was du nicht verstehst, meine Maren. Du bist zu dumm, um zu verstehen, wie es ist, ein Mann wie ich zu sein. Wenn einem die Welt zu Füßen liegt und sie einem dann weggenommen wird. Niemals das sein zu dürfen, wonach man sich sehnt.«

Ich höre, wie er sich umdreht und seufzt, und erst als der Boden von seinen Schritten leicht bebt, hebe ich den Kopf.

»Mach dir nicht die Mühe, zum Essen zu kommen«, sagt er, ohne sich umzudrehen. »So wie du aussiehst, könntest du auch ein paar Mahlzeiten ausfallen lassen.«

Seine Beleidigung macht mir nichts aus. Ich ziehe es vor, dass er mich abstoßend findet.

Ich warte, bis er weg ist, dann stehe ich auf, mein Bein schmerzt, ist aber stabil, und laufe zum Feuer hinüber. Die Halskette liegt auf einem Holzscheit, der Zahn ist schwarz. Ich nehme den Schürhaken und fische sie heraus, lasse sie auf den Holzboden fallen, von wo ein leichtes Zischen von der Hitze ertönt.

Das Metall der Kette scheint nicht geschmolzen zu sein und der Zahn ist verkohlt, aber unversehrt.

Die einzige Erinnerung daran, wer ich wirklich bin, bleibt mir noch.

Kapitel 2

Maren

 

Die Sonne brennt unerbittlich und die Luft, die nach Salz, Teer und Weihrauch riecht, wird im Laufe des Vormittags immer dicker und feuchter. Die schwache Brise, die die Palmenwedel kräuselt, scheint uns unten am Hafen nicht zu erreichen, und die Dinge laufen bereits hinter dem Zeitplan, die Besatzung und unsere königliche Truppe sind von der Hitze genervt.

Aerik ist besonders mürrisch. Er hat rote Augen und ist blass von den gestrigen Feierlichkeiten mit Ferdinand, der ebenfalls hier ist, um uns aus dem Hafen von Butuan City zu verabschieden. Ich bin meinem Mann aus dem Weg gegangen, so gut ich konnte. Ich habe Glück, dass er gestern Abend keine Spuren an mir hinterlassen hat, aber selbst wenn er es getan hätte, würden alle wegschauen, wie sie es immer tun.

»Also gut, lasst uns losfahren, um Himmels willen«, sagt Aerik mit einem finsteren Blick, schiebt sich an mir vorbei und betritt den Steg, der zum Schiff führt. Es ist einen Monat her, dass ich das letzte Mal einen Fuß auf die Elephanten gesetzt habe, ein Schiff der Linie, die der Monarchie gehört, und das Aerik für seine Abenteuer geliehen wurde. So sehr ich es auch liebe, auf See zu sein, und so sehr ich die Größe des Schiffes mag, die das Leben auf ihm recht angenehm macht, die Vorstellung, für so lange Zeit auf so begrenztem Raum zu leben, lässt meine Handflächen feucht werden.

Sein Diener Hodges folgt ihm, zusammen mit dem Koch und dem Rest der Truppe sowie einigen Mitgliedern der Besatzung, die ebenfalls etwas mitgenommen aussehen. Ihr etwa einmonatiger Aufenthalt an Land scheint sie zum Trinken verleitet zu haben.

»Immer ein bisschen chaotisch, wenn wir ablegen, nicht wahr, Eure Hoheit?«, sagt Daphne, hält einen Sonnenschirm über mich, um mich vor den Sonnenstrahlen zu schützen, und nimmt meinen Arm, als wir den Steg entlang auf das breite Deck des Schiffes gehen. »Obwohl mir der Anblick dieser Wolken nicht gefällt.«

Ich folge ihrer Blickrichtung und sehe in der Ferne eine Masse dunkler Wolken über den grünen Gipfeln der nächstgelegenen Inseln schweben.

»Wir sollten es schaffen«, sage ich. »Das ist im Norden, wir fahren nach Westen zum Sulu-Meer.«

»Habt Ihr es nicht gehört?«, fragt sie. »Die Pläne wurden geändert. Wir machen einen Zwischenstopp in Manila, um Vorräte zu beschaffen. Also nach Norden.«

»Manila?«, wiederhole ich. Eine Welle der Hoffnung erwärmt meine Brust. Selbst mit Wind in den Segeln und einer ruhigen See wird es mindestens eine Woche dauern, bis dieses Schiff Manila erreicht, aber sobald wir dort sind, werden wir an Land gehen. Es besteht die Möglichkeit, dass ich mich davonschleichen und in der Stadt verlieren kann. Ich könnte entkommen. Ein Teil von mir fragt sich, ob Aerik nach mir suchen würde. Er hasst mich, so viel weiß ich, aber selbst nach all den Jahren kann ich nicht sagen, ob er mich trotzdem braucht.

»Ja«, sagt Daphne. »Ich denke, es wird ein schöner, langsamer Beginn der Reise. Kommt jetzt mit, wir müssen Eure Koffer in eure Räume bringen.«

Wir gehen hinunter zu den Offiziersquartieren, wo wir wohnen werden, die Diener bringen die Kisten mit all meinen Habseligkeiten hinterher. Ganz unten in einer Truhe, in einem Seidenbeutel, ist Nills Zahn vergraben. Ich bestehe gegenüber Daphne und den Dienern darauf, dass ich alles selbst wegräumen werde, aber in Wahrheit muss ich nur das richtige Versteck für die Halskette suchen.

Glücklicherweise muss ich mir die Koje nicht mit Aerik teilen, der die Kabine neben mir bezieht, was bedeutet, dass mir ein wenig Privatsphäre zugestanden wird. Ich beschließe, die Kette unter der dünnen Matratze zu verstecken und zu hoffen, dass er sie nicht findet.

Ich wische mir den Schweiß von der Stirn, mein Untershirt klebt bereits an meiner Haut, während die Temperatur unter Deck weiter steigt. Ich wünschte, ich könnte nach oben gehen, um die Brise zu spüren und zu sehen, wie wir ablegen, aber ich weiß, dass Aerik sagen würde, ich sei im Weg. Also bleibe ich unten und räume meine Sachen weg, bis mir der Schweiß die Brust und die Arme herunterläuft, dann lege ich mich wieder aufs Bett.

Ich muss eingeschlafen sein, denn im nächsten Moment erzittert mein Zimmer und Regen und Wellen peitschen gegen das Fenster. Ich setze mich auf, die Luft riecht nicht mehr nach Harz und Schweiß, sondern nach frischer Seeluft und der köstlichen Elektrizität, die ein Sturm mit sich bringt.

Ich richte mein Kleid und mein Haar, dann verlasse ich meine Kajüte und gehe schnell an Deck, vorbei an der Mannschaft und den Dienern, die sich vor mir verbeugen, bis ein Regenschauer mein Gesicht trifft.

»Eure Hoheit, es ist nicht sicher für Euch, hier oben zu sein«, sagt Miguel, ein Mitglied der Besatzung, als ich an Deck komme.

Aber ich höre nicht einmal zu. Ich habe das Gefühl, dass etwas zum Leben erwacht. Die Mannschaft ruft sich gegenseitig zu, die Segel zu richten, und um mich herum herrscht Chaos, aber ich bin begeistert. Der Regen ist warm, der Wind wirbelt mein Haar durcheinander und ich ertappe mich dabei, wie ich lächle, während ich meinen Kopf gen Himmel richte, der sich immer mehr verdunkelt. Die Dämmerung ist hereingebrochen, vertieft durch die geschwärzten Wolken über mir, und als ich nach Westen blicke, sehe ich das letzte Licht eines orangefarbenen Sonnenuntergangs sich um die Silhouette der nächstgelegenen Inseln legen.

»Ihr solltet wirklich wieder nach unten gehen, Ma’am«, sagt Miguel und greift mich am Ellbogen. »Das ist kein Ort für eine Frau, schon gar nicht für eine Prinzessin.«

Ich sehe ihn an, der Regen läuft mir über das Gesicht. »Wo ist Aerik?«

»Er ist vernünftig und bleibt unten.«

»Niemand hat je behauptet, dass ich vernünftig sei, nicht wahr, Miguel?«, sage ich und spüre, wie meine Lebensgeister zurückkehren. Ich löse mich von ihm und gehe vorsichtig über das Deck – egal, wie viele Jahre ich schon Beine habe, das Gehen war für mich schon immer ein Problem und ich hinke leicht, was ich nicht verbergen kann. Ich gehe bis zum Vorderdeck, wo Ivan, unser Quartiermeister, mit dem Lotsen steht, einem Einheimischen, den sie angeheuert haben, um sich nachts in der Gegend zurechtzufinden.

»Euer Hoheit«, sagt Ivan überrascht zu mir. »Ihr solltet …«

»Ja, runtergehen, so hat man mir gesagt«, sage ich. »Ich wollte nur etwas frische Luft schnappen.«

»In den kommenden Monaten werden wir viel Zeit für frische Luft haben«, sagt er und schüttelt seinen Hut aus, bevor er ihn wieder aufsetzt. »Aber ein Sturm ist nicht die beste Gelegenheit dafür.«

»Wie schlimm wird es noch werden?«, frage ich und schaue vor uns hinaus. Nachts zu segeln, besonders zwischen Inseln, wo es viele Riffe und Gefahren gibt, ist immer ein riskantes Unterfangen. Wenn dann noch ein Sturm hinzukommt, kann es schwierig werden.

»Sollte nicht allzu schlimm sein«, sagt er. »Wir ziehen drunter hindurch, es zieht drüber hinweg.«

Ich halte mich an der Reling fest, während das Schiff durch die Wellen schneidet, und ich wünsche mir plötzlich, hier oben allein zu sein. Nur ich und das Meer und meine Gedanken. Es fühlt sich an, als würde meine Seele zur Oberfläche des Wassers gezogen werden.

Ich blicke auf die fernen Lichter, die die Küste auf der anderen Seite der dunklen Wellen säumen, Feuer und Laternen der Menschen, die auf diesen Inseln leben. Ich frage mich, wie ihr Leben aussieht, ob sie irgendwelche Sorgen haben. Ob ich mein Leben gegen das ihre eintauschen könnte.

Ich blinzle, meine Augen versuchen, sich an das Spiel aus Licht und Dunkelheit zu gewöhnen. Einige der Lichter beginnen sich zu bewegen, als würden sie sich von der Insel lösen.

Dann, im letzten körnigen Licht der Dämmerung, kommen ein riesiger Mast und Segel in Sicht und ich erkenne, dass es tatsächlich ein Schiff ist. Ein großes Schiff, das direkt auf uns zu gleitet. Ich runzle die Stirn und versuche herauszufinden, wie es möglich ist, dass es sich uns nähert, wenn man bedenkt, dass es aus dieser Richtung überhaupt keinen Wind in den Segeln haben sollte. Und doch hat es ihn.

Das Schiff beginnt vor meinen Augen zu verschwinden.

Nach und nach erlöschen die Lichter, bis ich es kaum noch sehen kann.

»Da ist ein Schiff«, sage ich überrascht und zeige in die Richtung. »Ich habe ein Schiff gesehen.«

»Wo?«, fragt Ivan, und sowohl er als auch der Lotse kommen an meine Seite und starren in die Dunkelheit.

»Es war da. Dann wurde es einfach dunkel, als ob alle Laternen nacheinander erloschen wären.« Ich schaue zu ihnen hinüber. »Warum sollte es das tun? Wollen sie nicht, dass wir sie sehen?«

Die Augen des Lotsen werden groß und er schüttelt ängstlich den Kopf. »Nein«, sagt er mit schwerem Akzent. »Nein. Nein, das kann nicht sein, nicht jetzt.«

»Was?«, fragt Ivan unwirsch. »Sag schon, wer ist es?«

»Es sind … die Brethren of the Blood.«

Ich tausche einen Blick mit Ivan. »Die Brethren of the Blood?«, wiederhole ich. »Du meinst Piraten?«

»Ja, Piraten!«, ruft der Lotse.

Ivan schluckt schwer und wirft mir einen strengen Blick zu. »Prinzessin, ich bestehe darauf, dass Ihr sofort wieder ins Haus geht. Sagt dem Prinzen, er solle die Wertsachen verstecken, und versteckt Euch selbst.«

»Aber die Brethren sind doch nur ein Märchen, oder nicht wahr?«, frage ich. »Sie sind nicht wirklich ein Schiff der Untoten und Verdammten.«

»Was auch immer sie sein mögen, Prinzessin, sie sind ganz sicher Piraten«, sagt er schroff. Sein Blick schweift über meine Schulter, sein Kiefer verspannt sich. »Und jetzt los!«

Er packt mich am Arm und schubst mich praktisch zur Treppe, dann schreit er den Rest der Mannschaft an. »Piraten! Piraten gesichtet, Geisterschiff an Backbord! Alle Mann an Deck! Holt den Kapitän!«

Alle Personen an Deck geraten in Panik und schreien, rennen hin und her, und ihre Energie ist ansteckend. Ich rutsche fast die Treppe hinunter und über das Deck und versuche, ihnen nicht im Weg zu sein, bis ich unter Deck bin.

»Aerik!«, rufe ich den Korridor entlang. »Wo ist Aerik!?«

»Was soll das verdammte Geschrei?«, fragt Aerik, der aus der Kombüse kommt und sich den Mund mit einem Tuch abwischt.

»Piraten!«, sage ich. »Ivan hat gesagt, wir sollen uns und unsere Wertsachen verstecken.«

Er runzelt die Stirn. »Piraten? Bist du sicher?«

»Ja, ja, ich habe sie selbst gesehen. Sie segelten in unsere Richtung und dann gingen alle ihre Lichter aus, als sie sich näherten.«

»Piraten greifen so nicht in der Nacht an.«

»Der Lotse sagt, es seien die Brethren of the Blood«.

Er schnaubt. »Ein Märchen ist alles, was sie sind, direkt von den Gebrüdern Grimm.«

»Das habe ich auch gedacht.« Aber ich habe die Angst in Ivans Augen und in denen des Lotsen gesehen. Die Brethren waren angeblich eine Mannschaft bösartiger Piraten, von denen es hieß, sie seien untot und ihr Schiff sei in den Eingeweiden der Hölle gebaut worden. Es gibt zahllose Geschichten über ihre Angriffe auf die spanische Galeonenflotte, die in Manila ein- und ausläuft, wobei die Schiffe geplündert, Schätze geraubt und alle an Bord entweder dem Tod überlassen oder entführt worden seien. Ihr Anführer ist Kapitän Ramsay »Bones« Battista, ein Mann, der als so böse gilt, dass selbst der Teufel ihn nicht haben wolle.

»Märchen hin oder her, sie könnten an Bord kommen«, füge ich ängstlich hinzu.

Aerik öffnet den Mund, um etwas zu sagen, wahrscheinlich etwas Unfreundliches, dann gibt es einen lauten Knall, der meine Ohren zu sprengen scheint, und ich werde zu Boden geschleudert.

»Kanonenfeuer!«, schreit jemand von oben, während ich versuche, mich auf die Ellbogen zu stützen. Aerik lehnt an der Wand und macht keine Anstalten, mir auf die Beine zu helfen.

»Was um Himmels willen ist hier los?«, ruft Daphne, als sie aus ihrem Zimmer kommt. »Prinzessin Maren!«

Sie kommt herüber und hilft mir auf.

»Piraten«, sage ich und halte ihre Arme fest. »Wir müssen uns verstecken.«

»Erinnert Euch daran, wo der Kapitän gesagt hat, dass wir hin sollen«, sagt Daphne schnell. »Unten in den Segelfrachtraum.«

Sie fängt an, mich und Aerik zu den Stufen zu ziehen, die zu den unteren Decks führen, aber ich kann mich gerade losreißen, als eine weitere Kanone in die Seite des Schiffes feuert und diesmal bis in die Kombüse durchschlägt, wo die Menschen entsetzt aufschreien und Holzsplitter wie Schrapnelle fliegen.

Ich werde gegen die Wand geschleudert, schaffe es aber, das Gleichgewicht wiederzuerlangen, und renne zu meiner Kabine.

»Wo wollt Ihr hin?«, ruft Daphne mir hinterher. »Kommt zurück!«

»Verschwende dein Leben nicht an sie«, höre ich Aerik zu ihr sagen. »Du bist zuerst mir verpflichtet.«

»Geh! Versteck dich! Ich komme nach!«, schreie ich, das Schiff bebt erneut, diesmal feuern Kanonen von unserer Seite. Ich schaffe es bis zu meiner Kabine, werfe die Matratze auf meinem Bett zurück und greife nach dem Beutel mit Nills Zahn. Mit zitternden Händen nehme ich schnell die Kette heraus und binde sie um den Strapsgurt meines Mieders. Ich mache mich auf den Weg zurück zur Tür, als ich weitere Schreie höre, diesmal vom Oberdeck, und mit einem mulmigen Gefühl des Grauens stelle ich fest, dass die Piraten an Bord gekommen sind.

Ich könnte mit Aerik und Daphne und den verbliebenen königlichen Dienern in den Segelraum hinuntergehen, mich unter einer Gussabdeckung verstecken und hoffen, dass die Piraten mich nicht finden. Vielleicht wären wir drei die Einzigen, die auf dem Schiff am Leben bleiben.

Aber der Gedanke daran ist fast so schlimm wie der, dass Piraten, vor allem ein notorisch böser Mann wie Kapitän Bones, uns hier gnadenlos töten oder uns an Bord ihres Schiffes mitnehmen werden, um uns zu foltern. Und ich bin sicher, was mich erwartet, ist viel, viel schlimmer, als ich es mir vorstellen kann.

Ich ziehe die Halskette aus meinem Mieder. Meine Finger legen sich um den Haifischzahn, ich führe ihn an meine bebenden Lippen und küsse ihn. »Gib mir Kraft, Nill«, sage ich leise.

Dann stecke ich ihn wieder ein, drehe mich um und greife nach dem Stuhl in der Ecke der Kabine. Ich hebe ihn hoch, halte ihn über meinen Kopf und werfe ihn mit einem Schrei gegen das Fenster.

Der Stuhl zerschmettert das Glas, Regen und Meerwasser spritzen hinein. Ich taste mich vorsichtig am Boden entlang, weiche den Scherben aus und greife dann nach dem Ende meines Kleides, dessen Unterrock mir genügend Polsterung bietet, als ich ihn um meine Faust wickle. Ich schlage die restlichen scharfen Scherben aus dem Rahmen, bis es relativ sicher ist, und strecke dann meinen Oberkörper aus dem Fenster. Ein paar verirrte Splitter stechen in meine Haut, aber ich schaffe es, sie zu ignorieren.

Über den Wind, den Regen und die Wellen hinweg höre ich Plätschern, Menschen, die fallen oder über Bord springen, und gelegentlich Schreie oder Rufe nach Gott und Gnade. Als ich auf die Wasseroberfläche hinunterblicke, die nur von der einsamen Laterne am Achterkastell beleuchtet wird, wird mir klar, dass die Elephanten sich nicht mehr bewegt. Die Piraten müssen die Segel und den Mast heruntergenommen haben, um das Schiff außer Gefecht zu setzen. Wenn ich springe, muss ich so schnell wie möglich zum Ufer schwimmen, damit ich nicht entdeckt werde. Die Piraten wissen vielleicht nicht einmal, dass es mich gibt, es sei denn, sie haben unser Schiff absichtlich angegriffen.

Ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken.

Ich ziehe den Rest meines Körpers nach oben und winde mich durch das Fenster, dann drehe ich mich um, lasse mich langsam und vorsichtig herunter, sodass ich über dem Meer baumle und mich mit den Händen so fest wie möglich am Fenstersims halte.

Ich schließe meine Augen und atme tief ein.

Lieber riskiere ich es, ans Ufer zu schwimmen und dabei zu ertrinken, als auch nur eine Minute mit dem zu verbringen, was die Männer auf diesem Schiff mit mir vorhaben.

Und das gilt auch für meinen Mann.

Ich lasse los.

Ich falle durch die Luft, mein Kleid flattert um mich herum, während ich meinen Körper vom Boot wegdrehe, um nicht gegen das Ruder zu stoßen.

Das Wasser trifft mich wie ein Schlag ins Gesicht.

Und alles wird dunkel und sehr, sehr kalt.

Kapitel 3

Ramsay

 

»Das sind Dänen, Kapitän«, sagt mein Bootsmann Crazy Eyes, als er zu mir herüberkommt und das Fernrohr einklappt. »Sieht aus wie ein Marineschiff der dänisch-norwegischen Linie, ein großes Schiff, aber es ist ein bisschen ruhiger, als es sein sollte.«

Ich schaue mich um, meine Augen suchen die Gewässer vor und hinter dem Schiff ab, das heute Abend zufällig unseren Weg kreuzte. »Für ein vermeintliches Linienschiff scheint es sonst niemanden in Reihe zu geben. Ich wette, sie sind leichte Beute.«

»Glaubst du, sie haben etwas Wertvolles an Bord?«, fragt der Bootsmann.

Ich zucke mit den Schultern und schenke ihm ein ermutigendes Lächeln. »Das müssen wir herausfinden, nicht wahr, Bootsmann?«

Er lacht und schaut wieder durch das Fernrohr, während ich das Steuer so drehe, dass die Nightwind näher an das geheimnisvolle Schiff herankommt. Sie ist wirklich eine Schönheit und ich kann jetzt mit eigenen Augen sehen, dass sie nicht die Besatzung eines in Betrieb befindlichen Marineschiffs hat. Entweder transportieren sie wertvolle Fracht oder wertvolle Menschen.

»Was meinen Sie, Kapitän?«, fragt Sam, während sie die Treppe zu mir aufs Vorderdeck hinaufläuft. »Sollen wir uns zurückhalten?«

Ich werfe ihr einen lauwarmen Blick zu. Es kommt nicht oft vor, dass Sam Zurückhaltung übt. »Ich denke, wir werden die Wikinger höflich bitten, uns alles, was sie haben, zu übergeben – und anschließend sich selbst.«

Sie schnaubt. Ich bin recht höflich, aber erst nachdem ich ein paar Kehlen aufgeschlitzt habe.

»Meinst du, das ist die Elephanten?«, fragt sie. »Du hast davon gehört, das Schiff, auf dem der dänische Prinz und die Prinzessin sind. Sie wurden auf ihrer Reise durch diese Gewässer gesichtet. Es könnte ihr Schiff sein.«

»Ein Prinz und eine Prinzessin?«, fragt Crazy Eyes. Er sieht erfreut aus. »Vielleicht haben sie Schätze, die wir uns nicht einmal vorstellen können. Eine Krone, die ich mir auf den Kopf setzen könnte!«

»Möglicherweise«, überlege ich. In all den Jahren, die ich nun schon auf hoher See unterwegs war, hatte ich noch nie ein königliches Schiff abgefangen. Auf unserer üblichen Route über den Pazifik hatten wir nur spanische Galeonen und gelegentlich chinesische Dschunken überholt. »Vielleicht haben sie Juwelen und Kronen an Bord. Oder etwas Wertvolleres als das.«

»Das da wäre?«, fragt er.

»Sich selbst«.

Sam gibt mir einen Klaps auf den Arm. »Vorsichtig, Bones. Wir brauchen nicht mehr Leute an Bord zu bringen als sonst. Nach einer Weile fangen sie an, zu stinken.«

Ich werfe meiner Matrosin noch einen schiefen Blick zu. »Meine liebe Schwägerin, das wären echte Geiseln. Nicht die, die man wegwirft, sondern die, die man für Lösegeld und Verhandlungen festhalten kann. Für Geld. Denkst du nicht, dass der König von Dänemark seinen Sohn und seine Schwiegertochter zurückhaben will? Er müsste einen hohen Preis zahlen, wohlgemerkt.«

»Das ist also eine echte Entführungsaktion«, sagt sie seufzend. »Du weißt, ich hasse es, mich zurückhalten zu müssen.«

»Du schaffst das schon.« Ich räuspere mich und schaue über das Schiff zu meiner Mannschaft, die auf meine Anweisungen wartet.

»Hört mal her, Jungs«, dröhnte ich. Sam hat schon vor langer Zeit aufgehört, mit den Augen zu rollen, wenn sie Junge genannt wird. »Für heute Abend haben wir einen etwas anderen Ansatz. Das hübsche Schiff da ist zu haben und es ist ein Schiff der dänischen Marine. Wenn die Dame hier recht hat, befinden sich ein Prinz und eine Prinzessin an Bord.«

»Ooooh«, ruft die Crew lachend.

»Und ich bin der Meinung, dass sie lebendig mehr wert sind als tot. Sicher, wir nehmen ihre Beute, wenn sie welche haben, und wir werden unser Bestes mit einigen ihrer Besatzung tun, aber wenn wir das königliche Paar an Bord nehmen, will ich nicht, dass ihnen ein Haar gekrümmt wird. Nun ja. Es sei denn, der Prinz trägt eine dieser Perücken. Dann könnt ihr die über Bord werfen.« Ich sehe zu Sterling McCoy hinunter. »Bereite am besten die Zelle für sie vor.«

Er nickt vom Achterdeck aus und klappert mit den Kerkerschlüsseln an seiner Seite.

»Still und geduldig, Jungs«, sage ich zur Besatzung und halte meine Hände fest am Steuerrad. »Wir sollten in der Lage sein, dieses Schiff mit geschlossenen Augen zu erobern.« Ich werfe einen Blick auf den Griechen am Besanmast, der wie ein Affe über mir hängt. »Drakos, hol den Besan ein. Sobald wir in der Nähe sind, will ich, dass du und Lothar euch an Bord schwingt. Nehmt ihnen Mast und Takelage ab. In der Dunkelheit werden sie euch nicht einmal kommen sehen.«

Drakos grinst mich an und nickt. Er ist immer ein fröhlicher Kerl, aber Nächte wie diese lassen ihn aufleuchten wie das Feuerwerk, das wir über Malakka gesehen haben.

»Deck vorne und hinten räumen!«, brüllt Thane und stürmt mit den Händen auf dem Rücken durch die Mitte des Decks. »Hammocks hoch und Kisten runter!«

»Bringt die Handfeuerwaffen auf das Achterdeck und jeder Mann auf seinen Posten«, füge ich hinzu, wobei ich darauf achte, dass meine Stimme lauter ist als die meines Bruders. Er ist zwar der Quartiermeister, aber ich bin der Kapitän und er scheint die beiden oft zu verwechseln. Es ist auch nicht hilfreich, dass die Besatzung eher auf ihn als auf mich hört. »Und macht die Lichter aus. Es wird Zeit, dass wir abtauchen!«

Ein kleiner Aufschrei der Begeisterung ertönt, gefolgt von der Stille, die wir brauchen, wenn wir uns verdunkeln. Henry und Lucas, zwei unserer Schiffsjungen, rennen herum und löschen alle Lichter auf der Nightwind, bis ich weiß, dass wir für das andere Schiff unsichtbar sind. Aber das andere Schiff ist für uns nicht unsichtbar.

»Die Flagge hissen?«, fragt Cruz, mein Erster Offizier.

»Aye. Sie werden sie im Dunkeln nicht sehen, aber ich mag diese Formalität.«

»Hisst die Flagge!«, schreit Cruz, und Sam beginnt, die rote Flagge mit dem weißen Totenkopf den Mast hochzuziehen.