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Volker Ullrich

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Beschreibung

Die neue große Hitler-Biographie für unsere Zeit Wäre der größte Zivilisationsbruch in der Geschichte – der Vernichtungskrieg in Osteuropa und der Mord an den europäischen Juden – ohne Hitler denkbar gewesen? Mit souveräner Kennerschaft und auf der Basis neuer Quellen zeigt der Zeithistoriker Volker Ullrich, in welchem Ausmaß der Diktator den Charakter der Kriegführung und die Entwicklung zum Holocaust bestimmt hat. Deutlich wird: Die monströsen Verbrechen waren nur möglich, weil Hitler sich bis zuletzt auf die Kooperation der Generalität und breiter Teile der Gesellschaft verlassen konnte. In seiner meisterhaften Biographie gelingt es Volker Ullrich überzeugend, die Persönlichkeit Hitlers greifbar zu machen. Erst so wird erkennbar, wie all das geschehen konnte – und welchen Platz der Diktator in der Geschichte einnimmt. Eine glänzend geschriebene Darstellung auf dem letzten Stand der Forschung, die unser Bild von Hitler für lange Zeit maßgeblich prägen wird. Der viel beachtete erste Band behandelt die Jahre des Aufstiegs bis 1939. Der zweite Band zeichnet die Jahre des Untergangs nach – von der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs bis zum apokalyptischen Finale 1945.

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Seitenzahl: 1607

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Volker Ullrich

Adolf Hitler

Die Jahre des Untergangs 1939-1945 Biographie

 

 

Über dieses Buch

 

 

Die neue große Hitler-Biographie für unsere Zeit

Wäre der größte Zivilisationsbruch in der Geschichte – der Vernichtungskrieg in Osteuropa und der Mord an den europäischen Juden – ohne Hitler denkbar gewesen? Mit souveräner Kennerschaft und auf der Basis neuer Quellen zeigt der Zeithistoriker Volker Ullrich, in welchem Ausmaß der Diktator den Charakter der Kriegführung und die Entwicklung zum Holocaust bestimmt hat. Deutlich wird: Die monströsen Verbrechen waren nur möglich, weil Hitler sich bis zuletzt auf die Kooperation der Generalität und breiter Teile der Gesellschaft verlassen konnte.

In seiner meisterhaften Biographie gelingt es Volker Ullrich überzeugend, die Persönlichkeit Hitlers greifbar zu machen. Erst so wird erkennbar, wie all das geschehen konnte – und welchen Platz der Diktator in der Geschichte einnimmt.

Eine glänzend geschriebene Darstellung auf dem letzten Stand der Forschung, die unser Bild von Hitler für lange Zeit maßgeblich prägen wird.

Der viel beachtete erste Band behandelt die Jahre des Aufstiegs bis 1939. Der zweite Band zeichnet die Jahre des Untergangs nach – von der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs bis zum apokalyptischen Finale 1945.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2018 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: kreuzerdesign Agentur für Konzeption und Gestaltung

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-490389-7

 

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Inhalt

Einleitung

1 Die Entfesselung des Zweiten Weltkriegs

2 Polen 1939/40 – Auftakt zum Vernichtungskrieg

3 Entscheidung im Westen?

4 Strategisches Patt

5 Unternehmen »Barbarossa«

6 Kriegswende 1941/42

7 Der Weg in den Holocaust

8 Stalingrad oder Der Kampf ums Öl

9 Totaler Krieg und Volksgemeinschaft

10 In der Defensive

11 Unternehmen »Overlord« und Operation »Bagration«

12 Die Berghof-Gesellschaft im Krieg

13 Der 20. Juli 1944 und seine Folgen

14 Letztes Aufbäumen

15 Der Verfall eines Diktators

16 Die Inszenierung des Untergangs

17 Das Ende im Bunker

18 Hitlers Platz in der Geschichte – eine Bilanz

Karten

Quellen und Literatur

1 Quellen

1.1 Unveröffentlichte Quellen

1.2 Gedruckte Quellen

2. Tagebücher, Briefe, Erinnerungen

3. Literatur

Abbildungsnachweis

Dank

Einleitung

Der erste Band dieser Hitler-Biographie, der 2013 erschien, behandelt die »Jahre des Aufstiegs«. Darin wird geschildert, wie der unbekannte Gefreite des Ersten Weltkriegs sich in den zwanziger Jahren zum unbestrittenen »Führer« der völkisch-nationalen Rechten in Deutschland emporarbeitete, im Januar 1933 im Bündnis mit den konservativen Eliten an die Schalthebel der Macht gelangte und sich nach Errichtung seiner Diktatur Schritt für Schritt des Versailler Vertrages entledigte, um anschließend den Übergang von der Revisions- zur Expansionspolitik zu vollziehen. Der Band endet mit dem unter großem Pomp begangenen 50. Geburtstag Hitlers am 20. April 1939. Damals schien seine schwindelerregende Laufbahn unaufhaltbar zu sein, doch tatsächlich hatte, wie scharfblickende Zeitgenossen erkannten, der Abstieg bereits begonnen, kündigte sich die Nemesis an.

Der zweite Band nun beschäftigt sich mit den »Jahren des Untergangs«. Er umfasst die kurze Zeitspanne von sechs Jahren – von der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs im Sommer 1939 bis zum Selbstmord des Diktators im Bunker der Reichskanzlei im Frühjahr 1945. Zu Recht ist gesagt worden, dass Hitler und der Nationalsozialismus mit diesem Krieg »gleichsam zu sich selbst« gefunden hätten.[1] In ihm verdichtete sich, wie in einem Brennspiegel, die kriminelle Dynamik des NS-Regimes und des Mannes an seiner Spitze. Erst der Krieg bot Hitler die Möglichkeit, seine ideologischen Obsessionen und die daraus resultierenden verbrecherischen Ziele zu verwirklichen: zum einen die Eroberung von »Lebensraum im Osten« als Basis für eine Vormachtstellung in Europa und später der Welt; zum anderen die »Entfernung« der Juden aus Deutschland und, wenn möglich, aus ganz Europa. Allerdings hätten, wie gezeigt werden wird, diese Ziele nicht bis ins Stadium der Realisierung geführt werden können, wenn Hitler nicht willige Helfer in fast allen Institutionen des NS-Staates und aus weiten Teilen der deutschen Gesellschaft zur Seite gestanden hätten.

 

Im Krieg begegnet uns Hitler in einer neuen Rolle – der des Feldherrn. Spätestens mit dem unerwartet schnellen Sieg über Frankreich im Mai und Juni 1940 übte er die Funktion des Obersten Befehlshabers nicht nur nominell, sondern auch faktisch aus. In zunehmendem Maße beanspruchte er, bei der Planung und Durchführung der militärischen Operationen sich die letzte Entscheidung vorzubehalten und den Einfluss der professionellen Militärs im Generalstab zurückzudrängen. Den größten Teil seiner Zeit und Arbeitskraft widmete er den militärischen Lagebesprechungen in seinen wechselnden Hauptquartieren. Parteiführer und Reichskanzler war er gewissermaßen »nur noch im Nebenberuf«.[2] Das bedeutet aber auch, dass der militärischen Geschichte des Zweiten Weltkriegs in diesem Buch ein angemessener Platz eingeräumt werden muss. Das zehnbändige, vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg herausgegebene Werk »Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg« bietet dafür eine unverzichtbare Grundlage.[3]

In ihren nach 1945 erschienenen Memoiren haben die deutschen Generäle jede Schuld an der militärischen Niederlage von sich gewiesen. Der Krieg, so behaupteten sie, hätte gewonnen werden können, wenn ihnen der »Dilettant« Hitler nicht ins Handwerk gepfuscht hätte. Als einer der ersten Kronzeugen trat der ehemalige Generalsstabschef Franz Halder auf. Ihn hatten die Amerikaner bereits im Sommer 1946 für die deutsche Abteilung der »Historical Division« engagiert – in der Absicht, sich die Erfahrungen der Wehrmachtgeneralität in der kommenden Auseinandersetzung mit der Sowjetunion zunutze zu machen. In einer 1949 veröffentlichten Broschüre sprach Halder Hitler alle militärischen Führungsqualitäten ab: Er sei »kein soldatischer Führer im deutschen Sinne« und »erst recht kein Feldherr« gewesen. Sein dämonischer Wille habe die Grenzen des militärisch Möglichen immer wieder missachtet und so die Katastrophe herbeigeführt.[4] Diese Erzählung vom realitätsfernen, militärisch in jeder Hinsicht inkompetenten Diktator hatte, wie unschwer zu erkennen ist, eine entlastende Funktion. Denn indem man Hitler zum alleinigen Sündenbock für alle Fehlschläge stempelte, musste über den eigenen Anteil nicht mehr gesprochen werden.

Wie die meisten hohen Funktionsträger des NS-Staates stilisierten sich auch die Generäle zu Opfern Hitlers, die sich seinen Befehlen nicht hätten widersetzen können. Für die Verbrechen im Krieg gegen Polen und die Sowjetunion trügen die Einsatzgruppen Himmlers und Heydrichs die Verantwortung; die Wehrmachtführung und die ihr unterstellten Verbände hätten damit nichts zu tun gehabt. Erst die beiden Wehrmachtausstellungen des Hamburger Instituts für Sozialforschung von 1995 und 2001 haben der Legende von der »sauberen Wehrmacht«, die in der Nachkriegszeit ersonnen und hartnäckig über Jahrzehnte gepflegt wurde, endgültig den Boden entzogen.[5] Im Gefolge der heftigen Debatten, die vor allem durch die erste Ausstellung ausgelöst wurden, ist eine Reihe historischer Untersuchungen erschienen, welche die Beteiligung zahlreicher Wehrmachteinheiten an den Massenverbrechen des Nationalsozialismus zweifelsfrei belegt haben.[6] Der Charakter des Unternehmens »Barbarossa« als eines in der Geschichte bislang beispiellosen rassenideologischen Eroberungs- und Vernichtungskrieges ist seither in der Forschung nicht mehr strittig, auch wenn diese Erkenntnis noch längst nicht in dem Maße ins historische Bewusstsein der Bundesrepublik und ihrer politischen Repräsentanten eingegangen ist, wie es im Interesse einer friedlichen Zukunft auf dem Kontinent wünschenswert wäre.

Für unsere Darstellung ergibt sich aus dem Gesagten die Notwendigkeit, dem Verhältnis zwischen Hitler und der Wehrmachtelite besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Wie übte der oberste Kriegsherr seine militärische Führungsrolle aus, und auf welche Weise war der Generalstab an seinen strategischen Entscheidungen beteiligt? Inwieweit stimmten die Generäle mit Hitlers verbrecherischen Zielen überein, und welche Initiativen entwickelten sie, um sie zu befördern oder womöglich zu behindern? Gab es in den Beziehungen zwischen dem Diktator und den führenden Militärs im Laufe des Krieges Veränderungen, und, wenn ja, wodurch wurden sie bewirkt?

 

Im Mittelpunkt dieses Bandes steht die von den Nationalsozialisten so genannte »Endlösung der Judenfrage«, der Massenmord an den europäischen Juden – ein einzigartiges Menschheitsverbrechen, weil, wie Eberhard Jäckel im »Historikerstreit« des Jahres 1986 ausgeführt hat, »noch nie zuvor ein Staat mit der Autorität seines verantwortlichen Führers beschlossen und angekündigt hatte, eine bestimmte Menschengruppe einschließlich der Alten, der Frauen, der Kinder und der Säuglinge möglichst restlos zu töten, und diesen Beschluß mit allen nur möglichen Machtmitteln in die Tat umsetzte«.[7]

Die Forschungen über den Holocaust gehörten auch noch Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eher zu den vernachlässigten Themen der Geschichtswissenschaft, und es ist kein Zufall, dass ihm Joachim Fest in seiner gefeierten Hitler-Biographie aus dem Jahr 1973 nur wenige Seiten widmete.[8] Erst seit den 1990er Jahren, auch im Zusammenhang mit der verspäteten Rezeption des Grundlagenwerks von Raul Hilberg »The Destruction of the European Jews« von 1961, hat sich die Holocaust-Forschung als bedeutsamer Zweig etabliert, und seither steht das Gedenken an das Menschheitsverbrechen auch im Zentrum der deutschen wie der internationalen Erinnerungskultur.[9]

Die Literatur zum Holocaust ist inzwischen kaum noch überschaubar, und mit der auf insgesamt sechzehn Bände angelegten Dokumentation »Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945« ist 2008 ein ehrgeiziges Editionsprojekt begonnen worden, das einen umfassenden Blick auf alle beteiligten europäischen Länder ermöglicht.[10] Vor allem zwei Ergebnisse verdanken wir den neuen Forschungen: 1. Der Kreis der deutschen und österreichischen Täter war viel größer, als lange Zeit angenommen wurde. Mittlerweile geht man von einer Zahl von mindestens 200000 bis 250000 aus. Dazu kommen noch einmal Millionen von Nutznießern und Profiteuren des Judenmords. 2. Es gab keinen schriftlichen Befehl Hitlers, der gleichsam als Initialzündung den Vernichtungsprozess in Gang setzte. Vielmehr entwickelte sich das Mordgeschehen in einem komplexen Wechselspiel zwischen der Zentrale in Berlin und den an der Peripherie des deutschen Herrschaftsbereichs operierenden Einheiten von SS, Polizei und Wehrmacht. Dabei rücken auch die Kollaborateure vor allem in den besetzten Ländern Osteuropas verstärkt ins Blickfeld.

So richtig es aber einerseits ist, die Perspektive nicht auf Hitler und die unmittelbaren Exekutoren seiner Wahnideen, Himmler und Heydrich, zu begrenzen, so falsch wäre es andererseits, die forcierende und legitimierende Rolle des Diktators als Zentrum des Entscheidungsprozesses zu bagatellisieren. Diese Darstellung macht es sich daher zur Aufgabe, den spezifischen Anteil Hitlers an der »Endlösung« möglichst genau zu bestimmen, indem gezeigt wird, wann, wie und mit welchen Resultaten er jeweils in den Prozess der Vernichtung eingegriffen und ihn vorangetrieben hat.

 

Damit wird der Ansatz wiederaufgenommen, der bereits dem ersten Band zugrunde gelegt wurde. Der Fokus liegt auf der Persönlichkeit Hitlers, da ohne die verhängnisvolle Rolle, die er spielte, weder der Verlauf des Krieges noch der Weg in den Holocaust hinreichend beschrieben und erklärt werden können. Deshalb ist es unabdingbar, den Abgründen seines Charakters – jenen Komplexen, Obsessionen und mörderischen Antriebskräften – nachzuspüren, die sein Denken und Handeln bestimmten.

 

So wie die Forschungen zu den Tätern immer stärker in eine Geschichte der europäischen Gesellschaften des Zweiten Weltkriegs eingebettet worden sind, so lässt sich auch eine Biographie Hitlers nicht ohne Verknüpfung mit der Gesellschaftsgeschichte des »Dritten Reiches« schreiben. Gerade im Krieg waren die Nationalsozialisten auf die erhöhte Mobilisierung aller relevanten Gruppen angewiesen. Der gesellschaftliche Kontext muss also intensiv einbezogen werden. Durchgängig wird daher danach gefragt, wie die Bevölkerung auf die Entwicklung des Kriegsgeschehens reagierte und welche Auswirkungen das auf die Akzeptanz des Regimes und die Popularität seines »Führers« hatte.

Eine wichtige Quelle stellen in diesem Zusammenhang die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS »Meldungen aus dem Reich« dar, die dem Anspruch, Partei- und Staatsführung ein ungeschminktes Bild von der Stimmung im Lande zu liefern, überraschend weitgehend entsprochen haben.[11] Darüber hinaus bemüht sich auch der zweite Band, wie schon der erste, ein möglichst breites Spektrum von zeitgenössischen Stimmen zu versammeln. Dazu zählen auf der einen Seite Bewunderer und Anhänger Hitlers – an erster Stelle Propagandaminister Joseph Goebbels, dessen umfangreiches Tagebuch als ein Schlüsseldokument nicht nur zur Biographie Hitlers, sondern zur NS-Herrschaft überhaupt gelten kann,[12] aber auch »kleine Leute« wie die junge Germanistikstudentin Lore Walb, die wie Millionen anderer Deutscher dem »Führer« bis zuletzt gläubiges Vertrauen entgegenbrachte.[13]

Auf der anderen Seite kommen auch Hitler-Gegner ausgiebig zu Wort – darunter der Schriftsteller Thomas Mann, der die Ereignisse von seinem Exil in den Vereinigten Staaten aus verfolgte und kommentierte, der Romanist Victor Klemperer, der in einem »Judenhaus« in Dresden die Schreckensjahre überlebte, oder der ehemalige Krupp-Direktor Wilhelm Muehlon, der bereits im Ersten Weltkrieg, angeekelt vom Hurrapatriotismus im spätwilhelminischen Deutschland, in die Schweiz emigriert war.[14]

Ein Zeugnis von ganz ungewöhnlichem Rang stellen die Tagebücher Friedrich Kellners aus den Kriegsjahren dar, die 2011 publiziert wurden.[15] Der in der hessischen Kleinstadt Laubach lebende Justizinspektor verfolgte mit wachem Sinn die Berichterstattung in der nationalsozialistischen Presse. Zugleich hielt er fest, was er zufällig hörte oder was ihm von Bekannten zugetragen wurde. Seine Aufzeichnungen belegen, dass es auch für einen Normalbürger in der Provinz möglich war, die Verlogenheit der NS-Propaganda zu durchschauen und sich ein Bild von den Euthanasie-Morden in den psychiatrischen Anstalten und den Massenexekutionen in den besetzten Gebieten Osteuropas zu machen.

Für die Sicht ausländischer Beobachter stellt die von Frank Bajohr und Christoph Strupp herausgegebene Sammlung von Diplomaten-Berichten wertvolles Material zur Verfügung.[16] Herangezogen wurden auch die aufschlussreichen Aufzeichnungen Iwan Maiskis, des sowjetischen Botschafters in London, die der israelische Historiker Gabriel Gorodetsky in russischen Archiven entdeckt hat und die seit 2016 auch in einer deutschen Ausgabe vorliegen.[17] Das Ganze ergibt ein Kaleidoskop von Einstellungen und Haltungen, von Deutungen und Fehlwahrnehmungen, aber auch von verblüffend zutreffenden Einschätzungen dessen, was unter der Herrschaft Hitlers in den Kriegsjahren geschah.

 

Die Darstellung orientiert sich an der Chronologie, doch wird sie gelegentlich durch systematisch-analytische Teile unterbrochen. So wird im Kapitel »Totaler Krieg und Volksgemeinschaft« der Frage nachgegangen, in welchem Ausmaß es Hitler und seinen Paladinen gelang, auch noch im Zeichen der sich ankündigenden militärischen Niederlage, eines intensivierten Bombenkriegs und zunehmender Mangelwirtschaft Massenloyalität zu mobilisieren.

Im Kapitel »Der Verfall eines Diktators« wird zusammenfassend erörtert, ob und welche Veränderungen in Hitlers Persönlichkeit im Verlauf des Krieges zu konstatieren sind. Dabei wird die Annahme zugrundegelegt, dass der entscheidende Wendepunkt der militärischen Lage nicht, wie oft zu lesen ist, mit der Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad Ende Januar/Anfang Februar 1943, sondern bereits mit dem Scheitern des Unternehmens »Barbarossa« im Herbst und Winter 1941 erreicht war. Wie wirkten sich die militärischen Rückschläge auf das Selbstbild und die physische und mentale Verfassung des erfolgsverwöhnten Diktators aus? Wie erklärt sich, dass er, obwohl er zunehmend den öffentlichen Auftritt mied und für die »Volksgenossen und Volksgenossinnen« zu einer unsichtbaren Gestalt wurde, seinen Herrschaftsanspruch aufrechterhalten und sich keine Gegenmacht herausbilden konnte?

Der Abschnitt »Die Berghof-Gesellschaft im Krieg« knüpft an die Ausführungen im ersten Band an. Man könnte dagegen einwenden, dass angesichts der Ungeheuerlichkeit der Verbrechen jede Annäherung an den »privaten Hitler« überflüssig, wenn nicht gänzlich unangebracht sei. Dem Einwand kann man mit dem Argument begegnen, dass von einer scharfen Trennung zwischen der privaten und der politisch-militärischen Sphäre bei Hitler nicht die Rede sein kann. Vielmehr waren beide Bereiche auf ungewöhnliche Weise miteinander verschränkt. Am sinnfälligsten wird das in seiner Alpenresidenz, dem Berghof. Hier versuchte der Diktator, im Kreis seiner Vertrauten auch noch in den Kriegsjahren einen Rest von Privatleben aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig aber fanden hier während seiner Anwesenheit die militärischen Lagebesprechungen statt, wurden hier grundlegende Entscheidungen der Kriegführung und Vernichtungspolitik getroffen. So enthüllt ein Blick auf die Welt des Obersalzbergs auch, wie fließend die Grenze zwischen Scheinidylle und verbrecherischer Wirklichkeit war.

Die letzten Kapitel widmen sich dem apokalyptischen Finale des »Dritten Reiches«. Gezeigt werden soll, wie bewusst Hitler seinen Untergang in Szene setzte und auf welche mythischen Bilder und Vorbilder er zurückgriff. Die Entwicklung an den Fronten wird wiederum verknüpft mit der inneren Geschichte der letzten Monate. Wie konnte das NS-Regime trotz aussichtsloser Lage den Krieg bis zum bitteren Ende fortsetzen, und warum waren große Teile der deutschen Bevölkerung bereit, ihm darin zu folgen?

Das Ende in der Wahnwelt des Tiefbunkers unter der Reichskanzlei ist – von Hugh R. Trevor-Roper bis Joachim Fest – oft beschrieben worden.[18] Tatsächlich stellt die Dramatik der Ereignisse für jeden Biographen einen besonderen Reiz dar. Allerdings gilt es, zwischen dem wirklichen Geschehen und den vielen legendenhaften Ausschmückungen der Nachkriegszeit streng zu unterscheiden. Das abschließende Kapitel unternimmt den Versuch, eine Bilanz des »Falles Hitler« zu ziehen und seinen Platz in der Geschichte zu verorten.

 

»Wenn man sich auch dagegen sträubt, immer wieder muß man sich mit Adolf Hitler beschäftigen«, notierte Friedrich Kellner im Dezember 1942 in sein Tagebuch.[19] Daran hat sich bis heute, über sieben Jahrzehnte nach dem Selbstmord des Diktators, im Grunde wenig geändert. Hitler gilt als der Inbegriff des Bösen, und die unter seiner Herrschaft verübten monströsen Verbrechen verlangen immer aufs Neue nach Erklärungen. So reißt der Strom der Neuerscheinungen nicht ab, und für jeden Biographen wird es zunehmend schwieriger, den Überblick zu behalten. Seit dem Erscheinen des ersten Bandes dieser Biographie gab es zwei Publikationen, auf die bereits an dieser Stelle etwas näher eingegangen werden soll.

Peter Longerichs Biographie rückt Hitler wieder ins Zentrum der Analyse nationalsozialistischer Herrschaft.[20] Er porträtiert den Diktator als einen starken, außerordentlich durchsetzungsfähigen Politiker. Seine einzigartige Stellung habe, so die in dezidierter Wendung gegen die Interpretationen von Ian Kershaw, Hans-Ulrich Wehler und Ludolf Herbst formulierte Zentralthese, nicht auf charismatisch begründeter Zustimmung, sondern auf den Machtmitteln der Diktatur beruht, durch deren extensive Anwendung sich ihm eine beispiellose Handlungsautonomie eröffnet habe. In allen wichtigen Politikbereichen habe Hitler die Zügel in der Hand gehalten und sich auch intensiv um das Tagesgeschäft gekümmert.

Gegen diese Deutung lässt sich zweierlei einwenden: 1. Nicht zu bezweifeln ist, dass der Diktator nach der Ausschaltung aller Gegenkräfte 1933/34 über eine immense Machtfülle verfügte. Dennoch sollte die Rolle seiner Satrapen, die ihm »entgegenarbeiteten« (Ian Kershaw), nicht unterschätzt werden. Hitlers eigentümlicher »mündlicher« Führungsstil beschränkte sich, wie im ersten Band ausgeführt wurde, häufig auf flüchtig hingeworfene Bemerkungen, die von seinen eilfertigen Untergebenen aufgegriffen und in »Führerbefehle« umgemünzt wurden. Um die Detailfragen wollte und musste er sich nicht immer kümmern. 2. In Longerichs Bild vom omnipotenten Diktator, der nach Belieben schalten und walten konnte, bleibt die Gesellschaft des »Dritten Reiches« merkwürdig unterbelichtet. Hitlers Macht beruhte ja keineswegs nur auf den repressiven Instrumenten der Diktatur, sondern auch darauf, dass große Teile der deutschen Bevölkerung bereitwillig dem Messias Gefolgschaft leisteten, der ihre Wünsche und Sehnsüchte zu erfüllen schien. Longerich hält die »Volksgemeinschaft« für ein reines Propagandaprodukt und unterschätzt die Anziehungskraft, die gerade die darin liegende Verheißung ausübte. Überhaupt ist er geneigt, das Maß an Zustimmung zum NS-Regime und vor allem zum »Führer« selbst geringer zu veranschlagen, als es tatsächlich war.

Eine in mancher Beziehung originelle und innovative Studie hat Wolfram Pyta vorgelegt.[21] Er beschreibt Hitler als einen Politiker und Feldherrn, der ohne seine künstlerischen Aspirationen nicht verstanden werden kann. Pytas interdisziplinär angelegter, wirkungsästhetische Kategorien einbeziehender Ansatz trägt sehr weit, wenn es darum geht, die unerhörte Resonanz von Hitlers öffentlichen Auftritten zu erklären. Das Problem beginnt da, wo der Autor seine Befunde generalisierend auf das gesamte Feld der Politik überträgt und den Performance-Star als »Künstler-Politiker« einführt. In dieser Rolle sah sich Hitler selbst, und es gehörte zu seinem sorgfältig gepflegten Image, sich eben als ein solcher zu inszenieren. Tatsächlich aber betrieb er das Geschäft der Politik nicht im Stil eines Künstlers, sondern als ein robuster, taktisch gerissener, rücksichtslos brutaler Machtmensch. Die Gefahr liegt also nahe, Hitlers Selbstmystifizierung auf den Leim zu gehen, wenn man seinem Selbstverständnis zu weitgehend folgt und es nicht deutlich abgrenzt von seinem tatsächlichen Handeln. Das gilt auch für Hitlers Rolle als Feldherr. Das vermeintliche »Genie«, das er in den Augen seiner Entourage nach den ersten militärischen Erfolgen darstellte, war eine Zuschreibung, die der Diktator in sein Selbstbild integrierte und zur Legitimierung seines militärischen Führungsmonopols benutzte. Mit der Wirklichkeit seiner Kriegführung hatte dies freilich wenig zu tun.

 

Ende Dezember 2015 liefen die beim Freistaat Bayern liegenden Urheberrechte an Hitlers »Mein Kampf« aus. Das war für das Münchner Institut für Zeitgeschichte Anlass, eine historisch-kritische Edition dieser Hass- und Hetzschrift zu erarbeiten – ein ambitioniertes Unternehmen, das insgesamt als gelungen bezeichnet werden kann.[22] Wir können nun deutlicher als bisher erkennen, wo die ideengeschichtlichen Wurzeln von Hitlers ideologischen Obsessionen lagen und aus welchen dubiosen Quellen – vornehmlich der völkisch-rassistischen Traktatliteratur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts – er geschöpft hat. Ein weiterer Erkenntnisgewinn liegt in der Aufdeckung der vielen Lügen, Halbwahrheiten und Auslassungen, welche die autobiographischen Passagen des Machwerks kennzeichnen. Darüber hinaus haben die Herausgeber in über 3500 Fußnoten sachliche Fehler und falsche Behauptungen Hitlers richtiggestellt – ein riesiger Pool von Informationen, aus dem sich die künftige Forschung bedienen kann.

Obwohl nach landläufiger Meinung über Hitler alles gesagt und alles Wesentliche zutage gefördert ist, tauchen doch immer wieder überraschend neue Quellen auf. Das gilt zum Beispiel für die privaten Tagebücher Alfred Rosenbergs, des Chefideologen der NSDAP und späteren Reichsministers für die besetzten Ostgebiete. Einer der US-Ankläger bei den Nürnberger Prozessen, Robert M.W. Kempner, hatte sie mit in die Vereinigten Staaten genommen; nach seinem Tod verschwanden sie aus seinem Nachlass und wurden erst 2013 wieder ausfindig gemacht. Zwei Jahre später erschienen sie in einer von Jürgen Matthäus und Frank Bajohr kommentierten Ausgabe.[23] Ihre Bedeutung erschließt sich allein schon aus der Tatsache, dass außer Propagandaminister Goebbels kein anderer hochrangiger NS-Funktionär Tagebücher hinterlassen hat. Auch wenn Rosenbergs Aufzeichnungen bei weitem nicht an den Umfang und die Informationsdichte der Goebbels-Notate heranreichen – oft brachte er wochen- oder monatelang nichts zu Papier –, bieten sie doch wertvolle Einblicke in das NS-Herrschaftssystem und die permanenten Machtkämpfe an der Spitze.

Im Juni 2010 bot ein Fürther Auktionshaus die Personalakte Hitlers aus seiner Haftzeit in Landsberg 1923/24 an, die lange Zeit als verschollen galt. Im Namen des Freistaats Bayern wurde das Konvolut beschlagnahmt und 2015 von Peter Fleischmann, dem Leiter des Staatsarchivs Nürnberg, in einer mustergültigen Edition herausgegeben.[24] Sie enthält unter anderem die Korrespondenzen, die über den prominenten Häftling entstanden sind, konfiszierte Briefe an Hitler sowie umfassende Angaben zu den über 300 Besuchern, die dem gescheiterten Putschisten ihre Aufwartung machten. Die eigentliche Überraschung freilich findet sich in einem kurzen Eintrag im »Aufnahme-Buch« der Haftanstalt: Wenige Stunden nach der Einlieferung am 11. November 1923 untersuchte der Anstaltsarzt Josef Brinsteiner Hitler und stellte einen »rechtsseitigen Kryptorchismus« fest. Das heißt: Ein Hoden war bei ihm während der embryonalen Entwicklung oder im Säuglingsalter nicht in den Hodensack gewandert, sondern im Hodenleiter steckengeblieben. Damit wären endgültig alle Gerüchte hinfällig, die besagt hatten, Hitler habe bei seiner Verletzung an der Westfront 1916 einen Hoden verloren. Gleichzeitig aber muss auch die Annahme, Hitlers Geschlechtsorgane seien völlig normal entwickelt gewesen, von der auch ich noch im ersten Band ausgegangen war, korrigiert werden. Über die Auswirkung der nun bekanntgewordenen Anomalie lässt sich nur spekulieren: Vermutlich erklärt sie Hitlers Scheu vor Entblößung, und vielleicht liegt hier auch eine Ursache für sein schwieriges Verhältnis zu Frauen. Sehr wahrscheinlich ist, dass sie die Minderwertigkeitsgefühle, an denen Hitler ohnehin seit seinem doppelten Scheitern am Linzer Realgymnasium und an der Wiener Kunstakademie litt, verstärkt hat.

 

Auch für diesen Band wurde das gedruckte Quellenmaterial ergänzt durch umfangreiche Recherchen vor allem im Bundesarchiv Koblenz, im Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg, im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde und im Institut für Zeitgeschichte in München. Insbesondere interessierten mich die Nachlässe wichtiger Protagonisten des NS-Staates sowie der führenden Militärs, mit denen Hitler die meiste Zeit der ihm noch verbliebenen sechs Jahre verbrachte. Da der Diktator noch kurz vor seinem Selbstmord alle persönlichen Dokumente vernichten ließ, versprechen die Hinterlassenschaften von Männern seiner Umgebung am ehesten neue Aufschlüsse.

Insgesamt acht Jahre habe ich mich mit dem »widrigen Gegenstand« (Golo Mann) beschäftigt – ein auch psychisch belastendes Unterfangen. Die Erleichterung, mich nun anderen, erfreulicheren Themen zuwenden zu können, mischt sich mit dem Wunsch, dass der zweite Band wie der erste ein interessiertes Publikum finden möge.

1Die Entfesselung des Zweiten Weltkriegs

»Ich habe das Chaos in Deutschland überwunden, die Ordnung wiederhergestellt, die Produktion auf allen Gebieten unserer nationalen Wirtschaft ungeheuer gehoben (…)«, zog Hitler am 28. April 1939, nur wenige Tage nach seinem 50. Geburtstag, vor dem Reichstag Bilanz seiner sechsjährigen Herrschaft, und er fuhr fort: »Um den Bedrohungen durch eine andere Welt vorzubeugen, habe ich das deutsche Volk nicht nur politisch geeint, sondern auch militärisch aufgerüstet, und ich habe weiter versucht, jenen Vertrag Blatt um Blatt zu beseitigen, der in seinen 448 Artikeln die gemeinste Vergewaltigung enthält, die jemals Völkern und Menschen zugemutet worden ist. Ich habe die uns 1919 geraubten Provinzen dem Reich wieder zurückgegeben, (…) ich habe die tausendjährige historische Einheit des deutschen Lebensraumes wiederhergestellt, und ich habe (…) mich bemüht, dieses alles zu tun, ohne Blut zu vergießen und ohne meinem Volk oder anderen daher das Leid des Krieges zuzufügen. Ich habe dies (…) als ein noch vor 21 Jahren unbekannter Arbeiter und Soldat meines Volkes, aus meiner eigenen Kraft geschaffen und kann daher vor der Geschichte es in Anspruch nehmen, zu jenen Menschen gerechnet zu werden, die das Höchste leisteten, was von einem einzelnen billiger- und gerechterweise verlangt werden kann.«[1]

Was der Diktator selbstredend verschwieg, war die Kehrseite dieser scheinbar makellosen Erfolgsbilanz. Ja, er hatte »Ordnung« geschaffen – aber nur mit Hilfe eines ausgefeilten Repressions- und Terrorsystems, von dem die ehemaligen politischen Gegner, Kommunisten und Sozialdemokraten, oppositionelle katholische Priester und protestantische Pastoren, als »asozial« stigmatisierte Randgruppen der Gesellschaft, vor allem aber die gänzlich entrechtete und drangsalierte jüdische Minderheit betroffen waren. Mit dem von Hitler befohlenen Novemberpogrom 1938 hatte sich das »Dritte Reich« endgültig aus dem Kreis der zivilisierten Nationen verabschiedet. Die Arbeitslosigkeit war in der Tat in überraschend kurzer Zeit beseitigt, die Aufrüstung enorm beschleunigt worden – aber nur auf Kosten einer abenteuerlich unsoliden Finanzpolitik, die langfristig desaströse Folgen zeitigen musste. Die Bestimmungen des Versailler Vertrages waren Zug um Zug revidiert worden – aber nur, weil die Westmächte sich immer wieder von Hitlers Friedensbeteuerungen hatten täuschen lassen und sich zu schwach fühlten, um ihm entschiedenen Widerstand entgegenzusetzen. Mit der Einverleibung der sogenannten Rest-Tschechei Mitte März 1939, die den definitiven Bruch des Münchner Abkommens bedeutete, hatte der Diktator freilich auch in der Außenpolitik unwiderruflich eine Grenzlinie überschritten und jedes Vertrauenskapital verspielt.

Wenn Hitler sich selbst dafür feierte, die »tausendjährige historische Einheit des deutschen Lebensraums wiederhergestellt« zu haben, vergaß er selbstverständlich zu erwähnen, dass sein unverrückbares Ziel der Eroberung von »Lebensraum« sich weit über das »Großdeutsche Reich« hinaus auf Osteuropa erstrecken und durch einen fest ins Auge gefassten rassenideologischen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion realisiert werden sollte. Schließlich: Der Diktator hatte das, was er als Erfolge reklamierte, keineswegs nur aus »eigener Kraft« bewerkstelligt; er hatte bei allen seinen Unternehmungen Helfer aus allen Institutionen und in allen gesellschaftlichen Schichten gefunden, die ihm bereitwillig zugearbeitet hatten, nicht selten sogar mit eigenen Initiativen vorausgeeilt waren.

In seinen »Anmerkungen zu Hitler« von 1978 hat Sebastian Haffner die These vertreten, dass auf dem Höhepunkt der allgemeinen Führergläubigkeit im Jahr 1938 »wohl mehr als neunzig Prozent aller Deutschen« Hitler-Anhänger gewesen seien.[2] Das dürfte zwar eine Übertreibung sein; aber dass der »Führer« sich besonders nach dem »Anschluss« Österreichs einer überwältigenden Zustimmung der deutschen Bevölkerung erfreute, kann wohl kaum bestritten werden. Wäre Hitler damals einem Attentat zum Opfer gefallen, hat Joachim Fest bemerkt, hätten nur wenige gezögert, »ihn einen der größten Staatsmänner der Deutschen, vielleicht den Vollender ihrer Geschichte zu nennen«.[3] Man kann derartige kontrafaktische Gedankenspiele noch weiterführen: Was wäre geschehen, wenn sich Hitler im Frühjahr 1939 – nach seinen letzten außenpolitischen Coups, der Angliederung des tschechischen Rumpfstaates und des Memellandes – dazu entschlossen hätte, einen Kurswechsel vorzunehmen und sich mit dem erreichten Gewinn zufriedenzugeben?

Solche Spekulationen sind jedoch gänzlich müßig, weil, wie im ersten Band ausgeführt wurde, ein Haltmachen, gar eine Umkehr auf dem eingeschlagenen Weg in den Krieg dem gewaltsamen Bewegungsgesetz seines Regimes, aber auch der Natur seiner Persönlichkeit widersprochen hätte. »Wie ein elektrischer Hochspannungskondensator, der sich nach jedem Kraftstoß langsam wieder auflädt, um dann, wenn die Zündspannung erreicht ist, sich plötzlich in einem neuen Blitzschlag zu entladen, so erschien mir in jenem schicksalentscheidenden Jahr 1939 Hitler«, erinnerte sich Reichspressechef Otto Dietrich. »Er war wie ein Roulettespieler im Gewinn, der nicht aufhören kann, weil er glaubt, das System zu besitzen, mit dem er alles Verlorene wieder hereinholen und die Bank sprengen kann.«[4] Tatsächlich hatte Hitler unmittelbar nach der Münchner Konferenz vom 29./30. September 1938, deren Ergebnis er als Niederlage interpretierte, weil er um den gewünschten Krieg mit der Tschechoslowakei und damit um die Inbesitznahme des ganzen Landes gebracht worden war, bereits das nächste Ziel seiner Aggressionspolitik ins Auge gefasst: Polen, das Land, mit dem er im Januar 1934 zur Überraschung vieler einen Nichtangriffspakt geschlossen hatte.

 

Kaum hatte der britische Premierminister Neville Chamberlain am Vormittag des 30. September 1938 Hitlers Privatwohnung in der Münchner Prinzregentenstraße verlassen, um mit der gemeinsam unterzeichneten Erklärung, künftig alle Streitfragen friedlich regeln zu wollen, nach London zurückzufliegen, gab der Diktator seinen militärischen Adjutanten Rudolf Schmundt und Gerhard Engel zu verstehen, dass er sich an das gegebene Wort nicht gebunden fühle. »Die Lösung der umstrittenen Fragen mit Polen laufe ihm nicht weg«, erklärte er, doch: »Zur gegebenen Zeit würde er die Polen schon sturmreif schießen, dazu würde er die nunmehr bewährten Mittel anwenden.«[5] Die »bewährten Mittel« – das war eine Kombination von Lockung, Täuschung und Erpressung bis hin zur offenen Kriegsdrohung.

Zunächst versuchte man auf diplomatischem Wege, Polen den deutschen Wünschen gegenüber gefügig zu machen. Am 24. Oktober 1938 lud Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop den polnischen Botschafter Jozef Lipski ins Grand Hotel nach Berchtesgaden ein und schlug ihm eine »Generalbereinigung« aller zwischen den beiden Ländern bestehenden Reibungspunkte vor. Im Einzelnen verlangte er die Rückkehr der Freien Stadt Danzig in das Deutsche Reich und die Zustimmung Warschaus zum Bau einer exterritorialen Eisenbahn- und Autobahnstrecke nach Ostpreußen durch den polnischen »Korridor«. Außerdem sollte Polen dem gegen die Sowjetunion gerichteten Antikominternpakt von 1936 beitreten. Im Gegenzug versprach die deutsche Seite, die Grenzen des polnischen Staates zu garantieren und den Nichtangriffspakt von 1934 »um zehn bis fünfundzwanzig Jahre« zu verlängern.[6]

Obwohl die dreistündige Unterredung in freundschaftlichem Ton verlaufen war, ließ sich die polnische Regierung nicht täuschen. In Warschau erkannte man klar, dass die deutschen Vorschläge nur den Anfang einer Offensive darstellten, die darauf abzielte, Polen in Abhängigkeit vom Deutschen Reich zu bringen und es auf eine gemeinsame Frontstellung gegen die Sowjetunion festzulegen. In seiner Antwort vom 19. November wies der polnische Außenminister Jozef Beck das Verlangen nach Eingliederung Danzigs in das Reich zurück; allenfalls könne man darüber nachdenken, das Völkerbundstatut durch einen deutsch-polnischen Vertrag zu ersetzen, wobei aber der Charakter Danzigs als Freistaat und die Zollunion mit Polen erhalten bleiben müsse. Auf die Frage einer exterritorialen Verbindung durch den Korridor ging Beck nicht ein; allerdings ließ Lipski, der Ribbentrop die polnische Antwortnote überbrachte, als seine persönliche Meinung durchblicken, dass hier ein Kompromiss gefunden werden könne.[7] Als ein unmissverständliches Zeichen seiner Absicht, auch weiterhin eine unabhängige Stellung zwischen den beiden mächtigen Nachbarn im Westen und Osten zu behaupten, verlängerte Polen am 27. November den im Juli 1932 abgeschlossenen Nichtangriffspakt mit Moskau.

Hitler war über die unerwartete Zurückweisung seines Angebots erbost und befahl am 24. November dem Oberkommando der Wehrmacht (OKW), Vorbereitungen zu treffen für »eine handstreichartige Besetzung von Danzig«. Allerdings wollte er zu diesem Zeitpunkt noch keinen Krieg mit Polen auslösen, sondern eine »politisch günstige Lage« für ein blitzartiges Manöver ausnutzen.[8] Am 5. Januar 1939 empfing der Diktator den polnischen Außenminister zu einer längeren Aussprache auf dem Berghof und konfrontierte ihn wiederum mit dem bekannten Forderungskatalog vom Oktober 1938. Zwar erklärte er, dass »ein starkes Polen für Deutschland einfach eine Notwendigkeit« sei, bekräftigte aber zugleich den deutschen Anspruch auf Danzig: »Danzig ist deutsch, wird stets deutsch bleiben und wird früher oder später zu Deutschland kommen.« Beck reagierte ausweichend – er wolle sich das Problem gern einmal in Ruhe überlegen –, verwies jedoch auf die öffentliche Meinung in Polen, die in dieser Frage sehr reizbar sei und ihm wenig Verhandlungsspielraum lasse. In dem Gespräch mit Ribbentrop am folgenden Tag in München blieb er bei seiner in der Form verbindlichen, in der Sache aber deutlich ablehnenden Haltung. Und auch von seinem zweitägigen Gegenbesuch in Warschau Ende Januar musste der deutsche Außenminister mit leeren Händen zurückkehren.[9]

 

Dennoch vermied Hitler in seiner Reichstagsrede vom 30. Januar 1939 alle aggressiven Töne gegen Polen. Vielmehr bezeichnete er den fünf Jahre zuvor geschlossenen Nichtangriffspakt als eine »wahrhaft erlösende Abmachung« und pries die »deutsch-polnische Freundschaft« als »eine der beruhigenden Erscheinungen des europäischen politischen Lebens«.[10] Für den Diktator stand in den ersten Monaten des Jahres 1939 nicht die künftige Auseinandersetzung mit dem östlichen Nachbarn im Vordergrund, sondern die Frage, wie er sich doch noch des tschechischen Rumpfstaats bemächtigen könne, dessen Unversehrtheit er im Münchner Abkommen garantiert hatte. Nach einem Mittagessen in der Reichskanzlei Anfang Februar 1939 notierte Propagandaminister Goebbels: »Der Führer spricht jetzt fast nur noch über Außenpolitik. Er wälzt wieder neue Pläne. Eine napoleonische Natur!«[11] Dass der Diktator nach seinem Handstreich gegen Prag am 15. März als nächstes Ziel Polen ins Visier nehmen würde, das war einsichtigen Beobachtern klar. Allgemein werde vermutet, berichtete der polnische Generalkonsul in Leipzig an Botschafter Lipski, dass Hitler nach dem Anschluss des Memelgebiets »zur Regulierung der Ansprüche an Polen übergehen müsse, in erster Linie zur Übernahme Danzigs und des ›Korridors‹«. Bei der Lösung dieser Fragen würde er bei der deutschen Bevölkerung »auf Verständnis und Anerkennung stoßen«.[12]

Am 21. März bestellte Ribbentrop den polnischen Botschafter in die Wilhelmstraße und legte ihm noch einmal, diesmal allerdings in geradezu ultimativer Form, die deutschen Forderungen vom Oktober 1938 und Januar 1939 vor. Hitler, so gab er zu verstehen, sei über die Haltung der polnischen Regierung »verwundert«; es komme nun darauf an, »daß er nicht den Eindruck erhalte, daß Polen einfach nicht wolle«.[13] Für Warschau war damit klargestellt, dass dem Land ein ähnliches Schicksal drohte wie der Tschechoslowakei. Gebe man den deutschen Forderungen nach, würde Berlin unweigerlich mit neuen kommen, und was eine von Hitler gegebene Garantie der Grenzen wert sei, habe man ja nun hinreichend im Falle Prags studieren können. Am 24. März erklärte Außenminister Beck vor seinen Mitarbeitern, Deutschland habe »seine Berechenbarkeit verloren«. Man dürfe Hitler nicht nachgeben, sondern müsse ihm mit Entschlossenheit entgegentreten und signalisieren, dass man notfalls auch kämpfen werde.[14] Auch Graf Jan Szembek, Staatssekretär im polnischen Außenministerium, hielt in seinem Tagebuch fest: »Meiner Meinung nach müssen wir den Deutschen jetzt die Zähne zeigen.«[15]

Am 26. März kehrte Lipski nach Berlin zurück und überreichte Ribbentrop ein Memorandum der polnischen Regierung, in dem die deutschen Vorschläge rundweg abgelehnt wurden. In höflicher, doch unmissverständlicher Form ließ Beck zudem ausrichten, dass er Ribbentrops Einladung zu einem Besuch nach Berlin gern folgen werde, allerdings müsse er diplomatisch sorgfältig vorbereitet werden. Keineswegs wollte der polnische Außenminister einem jener brutalen Erpressungsmanöver ausgeliefert sein, wie sie der österreichische Kanzler Schuschnigg im Februar 1938 und der tschechische Staatspräsident Hacha im März 1939 erlebt hatten. Ribbentrop reagierte äußerst schroff: Wenn die Dinge sich so weiterentwickelten wie bisher, könne »in Kürze eine ernste Situation entstehen«. Unverhüllt drohte er damit, Deutschland würde »eine Verletzung des Danziger Hoheitsgebietes durch polnische Truppen« als Angriff auf seine Reichsgrenze betrachten und entsprechend beantworten.[16] Daraufhin berief Beck den deutschen Botschafter in Warschau, Hans Adolf von Moltke, am Abend des 28. März ins polnische Außenministerium und erklärte ihm, Polen seinerseits würde den casus belli darin sehen, »wenn deutscherseits ein Versuch unternommen würde, das Statut der Freien Stadt einseitig abzuändern«. Polen sei weiterhin an Verhandlungen interessiert, aber ihm dränge sich immer mehr der Eindruck auf, dass man an einem »Wendepunkt der deutsch-polnischen Beziehungen« angelangt sei.[17]

Hitler war in diesen Tagen noch unschlüssig, wie er auf die abwartende Haltung Polens reagieren sollte. Am Abend des 24. März, nach der Rückkehr aus dem ans Reich angeschlossenen Memelgebiet, sprach er mit Goebbels über seine künftigen Pläne: »Der Führer grübelt über die Lösung der Frage Danzig nach. Er will es bei Polen mit etwas Druck versuchen und hofft, daß es darauf reagiert.« In diesem Sinne äußerte sich Hitler auch am Mittagstisch in der Reichskanzlei am folgenden Tag: »Polen hat sich noch nicht entschieden wegen Danzig, aber unser Druck wird verstärkt. Wir hoffen, zum Ziele zu kommen.«[18] Dem Oberbefehlshaber des Heeres, Walther von Brauchitsch, eröffnete Hitler, er beabsichtige zurzeit noch nicht, die »Danziger Frage« gewaltsam zu lösen, weil er Polen nicht »in die Arme Englands treiben« wolle. Allerdings könne »in naher Zukunft« unter »besonders günstigen politischen Voraussetzungen« eine Situation eintreten, die eine Lösung der »polnischen Frage« insgesamt notwendig erscheinen lasse. Auf diesen Fall sollte sich die Wehrmacht nun generalstabsmäßig vorbereiten. »Polen soll dann so niedergeschlagen werden, daß es in den nächsten Jahrzehnten als politischer Faktor nicht mehr in Rechnung gestellt werden brauchte.«[19] Noch am späten Abend des 25. März reiste Hitler nach München und Berchtesgaden ab, um ein paar Tage auszuspannen. Er war also nicht in Berlin, als Botschafter Lipski die definitive polnische Absage überbrachte, doch dürfte ihn Ribbentrop umgehend darüber informiert haben. Wie er darauf reagierte, lässt sich dem Tagebuch von Goebbels entnehmen, der nach einem Telefongespräch mit dem »Führer« am 27. März notierte: »Polen macht noch große Schwierigkeiten. Die Polacken sind und bleiben natürlich unsere Feinde, wenngleich sie uns aus Eigennutz in der Vergangenheit manchen Dienst getan haben.«[20]

 

Am 30. März kehrte Hitler nach Berlin zurück und nahm umgehend Gespräche mit dem Außenminister auf. »Eine gewisse Spannung lag in der Luft«, erinnerte sich Adjutant Nicolaus von Below.[21] Einen Tag später trat eine Wende ein, mit der der Diktator nicht gerechnet hatte: Chamberlain gab vor dem britischen Unterhaus eine Garantieerklärung für Polens Unabhängigkeit ab. Sollte diese ernsthaft bedroht sein, werde die britische Regierung der polnischen Regierung jede in ihrer Macht stehende Unterstützung zuteilwerden lassen. Dieser Erklärung schloss sich auch die französische Regierung an. Damit war klargestellt: Ein deutscher Angriff auf Polen würde Krieg mit den Westmächten bedeuten. (Am 13. April wurde eine entsprechende Garantie auch auf Rumänien und Griechenland ausgedehnt.) In London hatte man nach dem eklatanten Bruch des Münchner Abkommens endlich begriffen, dass Hitler mit den Mitteln der Beschwichtigung, des appeasement, nicht von seinem Kriegskurs abzubringen war. »Das Hauptziel unserer Garantie an Polen«, fasste der Unterstaatssekretär im Foreign Office, Alexander Cadogan, als Motiv für den Richtungswechsel zusammen, »besteht darin, Deutschland von weiteren Aggressionsakten abzuschrecken.«[22] Anfang April reiste der polnische Außenminister Beck nach London. Anschließend wurde bekanntgegeben, die beiden Länder hätten vereinbart, einen Beistandspakt abzuschließen. Das werde Hitler »für den Augenblick zum Halten bringen, denn Gewalt ist etwas, das er versteht und respektiert«, zeigte sich der amerikanische Korrespondent in Berlin, William Shirer, überzeugt.[23]

Hitler erfuhr von der britischen Garantieerklärung für Polen am Abend des 31. März, als er in seinem Sonderzug saß, der ihn nach Wilhelmshaven brachte. Dort sollte am Vormittag des 1. April der Stapellauf der »Tirpitz« stattfinden, des zweiten großen Schlachtschiffs nach der »Bismarck«. In seiner Rede bei einer Massenkundgebung auf dem Rathausmarkt am Nachmittag ging er bereits auf die neue Entwicklung ein. Großbritannien, behauptete er, betreibe wie vor 1914 eine »Einkreisungspolitik« gegen das Deutsche Reich. Er drohte damit, im Gegenzug das Flottenabkommen von 1935 aufzukündigen, und er richtete eine unmissverständliche Warnung an die »Trabantenstaaten« – gemeint war natürlich vor allem Polen: Wer für die Westmächte »die Kastanien aus dem Feuer zu holen« bereit sei, müsse darauf gefasst sein, »daß er sich dabei die Finger verbrennt«.[24] »Einkreisung« – damit hatte Hitler das Stichwort geliefert, das Goebbels sogleich aufgriff und in den folgenden Wochen zum zentralen Thema der antibritischen Propaganda machte. Analog zur Situation vor 1914 sollte damit Bedrohungsangst geschürt und schon im Voraus die Schuld an einem eventuell ausbrechenden Krieg der englischen Regierung zugewiesen werden.[25]

Noch am Abend des 1. April ging Hitler an Bord des gerade in Dienst gestellten KdF-Kreuzfahrtschiffes »Robert Ley«, das zu einer mehrtägigen Jungfernfahrt in See stach. Er gab sich leger im Kreis der Urlauber, ließ sich bereitwillig fotografieren und genoss die Begeisterung und Verehrung, die ihm von allen Seiten entgegenschlug. Am Mittag des 4. April legte die »Robert Ley« im Hamburger Hafen an. Hitler fuhr zum Bahnhof Dammtor und reiste im Sonderzug nach Berlin, wo er allerdings nur für ein paar Stunden Station machte, um anschließend zu einem längeren Aufenthalt auf dem Obersalzberg aufzubrechen.[26]

Am 3. April, noch während der KdF-Fahrt, hatte der Diktator das Oberkommando der Wehrmacht angewiesen, die Vorbereitungen für einen Angriff auf Polen, den »Fall Weiß«, so einzurichten, »daß die Durchführung ab 1.9.1939 jederzeit möglich ist«.[27] Am 11. April, einen Tag nach Ostern, unterzeichnete Hitler auf dem Berghof die »Weisung für einheitliche Kriegsvorbereitung der Wehrmacht für 1939/40«. In dem Abschnitt, der den »Fall Weiß« betraf, hieß es zwar einleitend, Deutschland wolle weiterhin »Störungen« im Verhältnis zu Polen vermeiden. Sollte der östliche Nachbar jedoch »eine das Reich bedrohliche Haltung« einnehmen, so könne ungeachtet des noch gültigen Nichtangriffspakts »eine endgültige Abrechnung« notwendig werden: »Das Ziel ist es dann, die polnische Wehrkraft zu zerschlagen und eine den Bedürfnissen der Landesverteidigung entsprechende Lage im Osten zu schaffen. Der Freistaat Danzig wird spätestens mit Beginn des Konfliktes als deutsches Reichsgebiet erklärt. Die politische Führung sieht es als ihre Aufgabe an, Polen in diesem Fall womöglich zu isolieren, d.h. den Krieg auf Polen zu beschränken.« Der Wehrmacht wurde aufgetragen, die polnische Armee zu vernichten. Dazu sei »ein überraschender Angriffstermin anzustreben und vorzubereiten«.[28] Offensichtlich wollte Hitler, wie es dann auch geschah, Polen überfallen, ohne ihm förmlich den Krieg erklärt zu haben.

Hatte die Generalität im Jahr zuvor im Hinblick auf Hitlers Kriegspläne gegen die Tschechoslowakei noch deutliche Reserven erkennen lassen, so war davon jetzt nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil: In einer Ansprache vor höheren Offizieren in der zweiten Aprilhälfte stellte sich Generalstabschef Franz Halder rückhaltlos hinter die »hervorragende, (…) instinktsichere Politik des Führers«. Polen sei aufgrund der technischen Rückständigkeit seiner Armeen und der schlechten Ausbildung seiner Soldaten »kein ernstzunehmender Gegner«, und die Wehrmacht habe dafür zu sorgen, dass es »auf dem schnellsten Wege« vernichtend geschlagen werde. »Wir müssen in spätestens drei Wochen mit Polen fertig sein, ja, möglichst schon in 14 Tagen.« In diesem Fall glaubte Halder, auch das Risiko eines Eingreifens Englands und Frankreichs in Kauf nehmen zu können.[29] Die alten antipolnischen Ressentiments der nationalkonservativen deutschen Militärelite machten sich hier wieder bemerkbar; ein Krieg gegen den verhassten östlichen Nachbarn war gewissermaßen die Traumkonstellation. Diesmal musste Hitler nicht befürchten, dass ihm die Befehlshaber des Heeres Schwierigkeiten bereiten könnten.

 

Erst am 18. April fand sich Hitler wieder in der Reichshauptstadt ein, die ganz im Zeichen der Vorbereitung auf seinen 50. Geburtstag stand. Trotz des dichtgedrängten Programms empfing er am Vorabend den rumänischen Außenminister Grigore Gafencu zu einer zweistündigen Audienz und machte seinem Groll über die britische Garantieerklärung an Polen Luft: Wenn England den Krieg wolle, so solle es ihn bekommen. »Aber das wird kein leichter Krieg werden, wie es sich ihn vorstellt, (…) es wird ein Zerstörungskrieg werden, wie keine Phantasie ihn sich ausmalen kann.«[30] Hitlers Tage nach den Geburtstagsfeierlichkeiten waren ausgefüllt mit der Arbeit an einer Reichstagsrede, mit der er auf eine Botschaft des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt antworten wollte.[31]

In Washington war man alarmiert über den deutschen »Griff nach Prag« am 15. März und die Besetzung Albaniens durch Italien drei Wochen später. Am 14. April richtete Roosevelt an Hitler und Mussolini einen Appell, zu einer Politik friedlicher Ziele und Methoden zurückzukehren und wieder an Verhandlungen über eine Abrüstung teilzunehmen. Namentlich führte er 31 Staaten nicht nur in Europa, sondern auch im Nahen und Mittleren Osten auf und verlangte von der deutschen und italienischen Regierung die Zusicherung, dass sie keinen dieser Staaten angreifen wollten.[32] Hitler empfand das als eine Zumutung – »ein dummdreister neuer Wilson-Schwindel«, empörte er sich gegenüber Goebbels[33] – und nutzte in seiner zweieinhalbstündigen Rede im Reichstag am 28. April die Gelegenheit, um Hohn und Spott über den amerikanischen Präsidenten auszugießen. Er habe bei jedem einzelnen der genannten Staaten nachgefragt, ob sie sich von Deutschland bedroht fühlten, die Antwort sei »eine durchgehend negative, zum Teil schroff ablehnende« gewesen. Einige Staaten hätten allerdings nicht gefragt werden können, »weil sie sich – wie zum Beispiel Syrien – zur Zeit nicht im Besitz ihrer Freiheit befinden, sondern von den militärischen Kräften demokratischer Staaten besetzt gehalten und damit rechtlos gemacht sind«.[34]

Marianne von Weizsäcker, die Frau des Staatssekretärs im Auswärtigen Amt Ernst von Weizsäcker, war beeindruckt. Besonders mit den auf den Versailler Vertrag zielenden Passagen der Rede habe ihr Hitler »aus dem Herzen gesprochen«: »Was man damals fühlte, das wurde heute gesagt«, schrieb sie in einem Brief.[35] »Hitler war heute wieder ein großartiger Schauspieler«, musste aber auch William Shirer widerwillig konstatieren, der den Auftritt von der Reportertribüne aus verfolgte. Seinen Sarkasmus habe der Redner mit »meisterlicher Attitüde (…) bis zur letzten ironischen Nuance« ausgespielt. Die Abgeordneten quittierten die Ausführungen mit brüllender Zustimmung.[36] Doch Hitler beschränkte sich nicht darauf, Roosevelt lächerlich zu machen. Zugleich gab er bekannt, dass er mit sofortiger Wirkung das deutsch-britische Flottenabkommen und den deutsch-polnischen Nichtangriffspakt gekündigt habe. Wie üblich wies der Diktator, die Tatsachen dreist verdrehend, die Schuld der Gegenseite zu: Durch seine Deutschland gegenüber betriebene »Politik der Einkreisung« habe Großbritannien die Grundlage des gegenseitigen Vertrauens zerstört, und auch Polen habe sich, indem es sich Großbritannien gegenüber zum Beistand verpflichtete, das Abkommen von 1934 einseitig verletzt. In Warschau reagierte man auf die neuerliche Provokation aus Berlin mit Zurückhaltung. In einer großen Rede vor dem Parlament bekräftigte Außenminister Beck die Entschlossenheit seiner Regierung, sich den deutschen Pressionen nicht zu beugen: »Den Begriff des Friedens um jeden Preis kennen wir Polen nicht. Im Leben der Menschen, der Völker und der Staaten gibt es nur ein Gut, das keinen Preis hat: die Ehre!«[37]

Die Aufkündigung der beiden Verträge mit England und Polen erhöhte die Spannungen in Europa schlagartig. »Jetzt beginnt die obligate Krise wieder«, notierte Goebbels. »Wir werden sie natürlich über kurz oder lang gewinnen. Aber diesmal haben die Westmächte keinen leichten Rückzug.«[38] Seine ursprüngliche Absicht, Polen durch Verhandlungen den deutschen Wünschen gefügig zu machen und es auf den Status eines Satelliten herabzudrücken, hatte Hitler inzwischen aufgegeben. Er setzte nun ganz auf die militärische Karte. »Die Polen müssen bei nächster Gelegenheit etwas auf die Schnauze kriegen«, gab der Propagandaminister die Meinung seines »Führers« wieder. »Warschau wird einmal da enden, wo Prag geendet hat.«[39] Um den für Spätsommer geplanten Angriff auf Polen diplomatisch abzusichern, bemühte sich die deutsche Politik um eine Intensivierung der Beziehungen zu Italien. Zwar war Hitler wütend darüber, dass ihn Mussolini vor dem Überfall auf Albanien am 7. April nicht konsultiert hatte, und bezeichnete die Aktion als »ein Nachäffen« seines eigenen Handstreichs gegen Prag. Aber er äußerte auch Verständnis für die Haltung des »Duce«, denn er habe ihn ja auch nicht um Rat gefragt. »Wenn man den schwatzhaften Italienern etwas erzähle, könne man es auch gleich in die Tagespresse bringen.«[40]

 

Ungeachtet solcher abschätzigen Urteile drängte Berlin nun auf die Erweiterung der politischen »Achse« zu einem Militärbündnis. Zu entsprechenden Sondierungen hielt sich Göring am 15. und 16. April in Rom auf. Dabei schlug er im ersten Gespräch mit Mussolini und dem italienischen Außenminister Galeazzo Ciano einen so aggressiven Ton gegen Polen und England an, dass die Italiener den Eindruck gewannen, die Deutschen wollten schon in Kürze einen Krieg vom Zaune brechen. Allerdings ruderte Göring am nächsten Tag etwas zurück und betonte, Hitler habe ihm »sagen lassen, daß er gegen Polen nichts plane«. Trotzdem hielt es Mussolini für angebracht, darauf hinzuweisen, dass die Achsenmächte noch zwei bis drei Jahre benötigten, »um in einen allgemeinen Konflikt gut gerüstet und mit Aussicht auf einen Sieg eintreten zu können«.[41] Besorgt über die deutschen Absichten zeigte sich auch der italienische Botschafter in Berlin, Bernardo Attolico: Hitler, so warnte er am 18. April, sei nach der Ablehnung der deutschen Vorschläge durch Polen »in jenen sphinxhaften Zustand eingetreten (…), der jedem seiner Überfälle vorangeht«. Rom müsse, da bei einem Schlag gegen Polen eine britisch-französische Intervention drohe, dafür sorgen, dass es diesmal nicht wieder vor ein fait accompli gestellt werde.[42]

Während einer Aussprache mit Ciano am 6. Mai in Mailand suchte Ribbentrop die italienischen Besorgnisse zu zerstreuen. Er sei sich sicher, dass, wenn in einigen Monaten die »polnische Frage« spruchreif werde, kein Engländer und kein Franzose für Polen marschieren werde. Ciano gab noch einmal zu Protokoll, dass Italien eine Friedensperiode von drei Jahren benötige. Zur Überraschung der deutschen Delegation sprach sich Mussolini am Abend des 6. Mai doch dafür aus, das Militärbündnis mit Deutschland umgehend abzuschließen.[43] Am 22. Mai unterzeichneten Ciano und Ribbentrop im Empfangssaal der Neuen Reichskanzlei den deutsch-italienischen Freundschafts- und Bündnisvertrag, bald »Stahlpakt« genannt. Er war zunächst auf zehn Jahre befristet und sah nicht nur ständige enge Konsultationen vor, sondern auch eine gegenseitige militärische Beistandspflicht für den Fall, dass eine der beiden Mächte »in kriegerische Verwicklungen mit einer anderen Macht oder mit anderen Mächten gerät«.[44] Hitler wohnte der Zeremonie bei. Ciano fand ihn »ein wenig gealtert«. »Die Augen sind etwas dunkler umrandet. Er schläft wenig, immer weniger«, hörte er aus Kreisen der Entourage.[45]

Freilich konnte auch das glanzvolle Fest, das Ribbentrop am Abend in seiner Dahlemer Villa für die italienische Delegation ausrichtete, nicht verdecken, dass die Achsenpartner tiefes Misstrauen gegen die Absichten der jeweils anderen Seite hegten. Während für Ciano der Militärpakt »richtiges Dynamit« enthielt, weil die Beistandspflicht nicht auf den Verteidigungsfall beschränkt war, sondern auch für eine deutsche Aggression galt, drückte Goebbels seine Skepsis über den Wert des Vertrages in der lakonischen Bemerkung aus: »Hoffentlich halten die Italiener ihn auch.«[46] Wie sich bald herausstellen sollte, waren solche Zweifel durchaus berechtigt.

 

Aber auch Mussolini hatte allen Grund, über die nächsten Schritte Hitlers beunruhigt zu sein. Denn kaum war Ciano am Vormittag des 23. Mai aus Berlin abgereist, versammelte der Diktator in seinem Arbeitszimmer in der Neuen Reichskanzlei die Oberbefehlshaber von Heer, Marine und Luftwaffe und ihre Stabschefs, um sie über die politische Gesamtlage, so wie sie sich ihm darstellte, zu unterrichten. Dabei bekräftigte er den in der Weisung vom 11. April niedergelegten Entschluss, »bei der ersten passenden Gelegenheit Polen anzugreifen«, ließ aber zugleich keinen Zweifel daran, dass dieser Krieg nur die Ausgangsbasis schaffen sollte zur Verwirklichung seiner weiter reichenden Pläne. In dem von seinem Wehrmachtadjutanten Schmundt angefertigten Protokoll liest sich diese Passage so: »Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht. Es handelt sich für uns um die Erweiterung des Lebensraumes im Osten und die Sicherstellung der Ernährung, sowie die Lösung des Baltikum-Problems.« Hitler bezeichnete es als notwendig, »Polen zu isolieren«, weil es »nicht zu einer gleichzeitigen Auseinandersetzung mit dem Westen (…) kommen« dürfe. Allerdings räumte er selbst ein, dass sich der deutsch-polnische Konflikt unter Umständen nicht lokalisieren ließe und es zu einer Intervention Englands und Frankreichs kommen könne. In diesem Fall sei es »besser, den Westen anzufallen und dabei Polen zugleich zu erledigen«. Grundsätzlich bezweifelte Hitler die Möglichkeit eines friedlichen Ausgleichs mit dem Inselreich: »England sieht in unserer Entwicklung die Fundierung einer Hegemonie, die England entkräften würde. England ist daher unser Feind, und die Auseinandersetzung mit England geht auf Leben und Tod.«

Hitler stimmte die Spitzenvertreter der Wehrmacht auf ein langes Ringen ein, ja er sprach, sofern die Aufzeichnung Schmundts seine Äußerungen richtig wiedergibt, sogar von einem »Krieg von 10 bis 15jähriger Dauer«. Als eine entscheidende Voraussetzung für den Erfolg nannte er die Geheimhaltung. »Auch Italien oder Japan gegenüber muß die Zielsetzung geheim bleiben.« Die Tinte unter dem wenige Stunden zuvor unterzeichneten »Stahlpakt« war also kaum trocken, da gab Hitler bereits zu verstehen, dass er sich an die vereinbarte Informations- und Konsultationspflicht nicht gebunden fühlte. Der einzige Teilnehmer der Besprechung, der nach Hitler das Wort ergriff, war offenbar Göring. Er wollte wissen, für welchen Zeitpunkt sich die drei Wehrmachtteile auf die große Auseinandersetzung einzurichten hätten. Die Antwort – die Rüstungsprogramme seien »auf 1943 bzw. 1944 abzustellen« – dürfte die anwesenden Militärs einigermaßen beruhigt haben. Hatte Hitler nicht auch in der Besprechung vom 5. November 1937 dasselbe Datum genannt? Bis dahin konnte noch viel geschehen. Wer allerdings noch gezweifelt haben mochte, ob es Hitler mit seinen Kriegsabsichten gegen Polen ernst sei, der sah sich nun eines Besseren belehrt. Unmissverständlich machte der Reichskanzler deutlich, dass er im Falle Polens nicht mehr mit einer »Wiederholung der Tschechei«, also einer Aggression ohne Krieg, rechne. »Weitere Erfolge können ohne Blutvergießen nicht mehr errungen werden.«[47]

 

Während so hinter den Kulissen die operativen Vorbereitungen für den »Fall Weiß« weiterliefen, suchte Hitler der Öffentlichkeit Normalität vorzutäuschen. Die Sommermonate über verbrachte er die meiste Zeit auf dem Obersalzberg und ließ sich nur gelegentlich in der Reichshauptstadt blicken – so anlässlich des Staatsbesuchs des jugoslawischen Prinzregentenpaars vom 1. bis 4. Juni oder des Empfangs der nach dem Ende des spanischen Bürgerkriegs zurückgekehrten Legion Condor am 6. Juni.[48] Danach absolvierte er ein umfangreiches Reiseprogramm. Am 7. Juni informierte er sich über die Fortschritte der Bauarbeiten zum Volkswagenwerk bei Fallersleben. Drei Tage später traf er in Wien ein, um an der »Reichstheaterwoche« teilzunehmen. Er besuchte die Festaufführung von Richard Strauss’ Oper mit dem beziehungsreichen Titel »Friedenstag« und gab anschließend einen großen Empfang für die Künstler. Am nächsten Tag sah man ihn im Burgtheater. »Hier hat er seine großen Theatererlebnisse gehabt«, bemerkte Goebbels. »Und jetzt jubelt ihm die ganze Stadt zu.«[49] Bevor er am 12. Juni nach Linz aufbrach, um dort mit dem Gauleiter August Eigruber seine Pläne für den Ausbau der Stadt zu besprechen, stattete er dem Grab seiner Nichte Geli Raubal auf dem Wiener Zentralfriedhof einen Besuch ab. Auf dem Wege von Linz nach Berchtesgaden machte Hitler in den Orten seiner Kindheit halt: in Hafeld, wohin sein Vater nach seiner Pensionierung 1895 gezogen war, und in Fischlham, wo das kleine Schulhaus mit dem einen Klassenraum noch vollkommen unverändert geblieben war.[50] Seiner Umgebung schien es, als lebte er in diesen Tagen ganz in der Vergangenheit.

Doch der Eindruck täuschte: Auch auf dem Berghof kreisten seine Gedanken – neben den Plänen für seine Monumentalbauten – unaufhörlich um den bevorstehenden Krieg gegen Polen. Als Goebbels Hitler am 20. Juni in seiner Alpenresidenz aufsuchte, kam der Diktator gleich zur Sache: »Polen wird zuerst Widerstand leisten, dann bei der ersten Niederlage jämmerlich zusammenbrechen.« In nur vierzehn Tagen, so meinte er, könne der Feldzug beendet sein, und England werde sein Garantieversprechen für Polens Unabhängigkeit nicht einlösen. »London wird Warschau im Stich lassen. Es blufft nur. Hat zuviel andere Sorgen.«[51] Ob Hitler tatsächlich an seine »Bluff«-Theorie glaubte oder ob er sich dem Propagandaminister nur betont optimistisch zeigen wollte, ist schwer zu entscheiden. In der Besprechung mit den ranghöchsten Militärs am 23. Mai hatte er ein Eingreifen der Westmächte nicht ausgeschlossen, mochte er es auch noch für wenig wahrscheinlich halten.

Am 3. Juli besuchte Hitler den Erprobungsflugplatz der Luftwaffe Rechlin am Müritzsee und ließ sich hier die neuesten technischen Entwicklungen vorführen. Am Abend des 4. Juli verbreitete er vor dem vertrauten Kreis seiner Entourage in der Reichskanzlei wiederum Zuversicht: »Unsere Befestigungen sind phantastisch. Unser Kriegspotential wächst von Tag zu Tag. Unsere Defensivwaffen sind vor allem viel besser als die der Gegner. Das ist eine angenehme Folge von Versailles. Jedenfalls steht alles auf das Beste.«[52] Nachdem er am 5. Juli einen Empfang für den bulgarischen Ministerpräsidenten Georgi Ivanov Kiosseiwanoff gegeben hatte, flog Hitler bereits einen Tag später nach München, diesmal mit der neuen viermotorigen »Condor«, die nicht nur geräumiger war, sondern auch 100 km/h schneller flog als die Ju 52. Während des folgenden einwöchigen Aufenthalts auf dem Obersalzberg beschäftigte er sich eingehend mit dem Operationsplan des Heeres für den Feldzug gegen Polen.[53] Um seine Absichten vor der deutschen und internationalen Öffentlichkeit zu tarnen, ließ er am 10. Juli bekanntgeben, dass der jährliche Nürnberger Parteitag im September wie üblich stattfinden sollte – unter dem zynischen Motto »Reichsparteitag des Friedens«. Ebenso liefen die Vorbereitungen weiter für einen am 27. August am Tannenberg-Denkmal geplanten Staatsakt aus Anlass des 25. Jahrestags der Schlacht.[54]

Wie in den beiden Jahren zuvor nahm Hitler auch an den Veranstaltungen zum »Tag der deutschen Kunst« in München teil. Am Abend des 14. Juli gab er im Führerbau einen großen Künstlerempfang, zu dem außer den führenden Vertretern aus Partei, Staat und Wehrmacht auch eine italienische Delegation unter Leitung des Ministers für Volksaufklärung, Dino Alfieri, erschien. »Festliches berauschendes Bild! Es wird sehr nett und stimmungsvoll. Der Führer ist bester Laune«, notierte Goebbels.[55] Sogar für die Jahrestagung der Reichskammer der Bildenden Künste im Festsaal des Deutschen Museums tags darauf nahm sich der Diktator Zeit, und zur Eröffnung der 3. Großen Deutschen Kunstausstellung am 16. Juli im Haus der deutschen Kunst hielt er eine Rede, in der er die »Reinigung« der deutschen Kultur von den verderblichen Einflüssen der Moderne pries: »Der ganze Schwindelbetrieb einer dekadenten oder krankhaften, verlogenen Modekunst ist hinweggefegt.«[56] Der Festzug am Nachmittag stand unter keinem guten Stern: Es regnete in Strömen, was die Stimmung sichtlich trübte. »Hitler sei sehr schlechter Laune gewesen – seinen Regenmantel habe er seiner ›Freundin‹ Fräulein Braun hinübergeschickt«, erfuhr Ulrich von Hassell, der ehemalige deutsche Botschafter in Rom, von den Bruckmanns, den frühen Hitler-Förderern, deren Begeisterung für ihren einstigen Schützling inzwischen deutlich abgekühlt war.[57]

Am Morgen des 17. Juli gab Hitler ein Frühstück für Alfieri in seiner Münchner Privatwohnung, um sich danach wieder auf den Obersalzberg zurückzuziehen. Eine Woche später brach er zu seinem traditionellen Besuch der Bayreuther Festspiele auf. Bei der Eröffnungsvorstellung am Abend des 25. Juli trug er nicht wie sonst den Frack oder Smoking, sondern die Parteiuniform – für aufmerksame Beobachter ein Zeichen dafür, dass sich ungewöhnliche Dinge ankündigten. Tatsächlich blieb die Politik auch in Bayreuth nicht ausgespart. Auf Einladung von Pressechef Otto Dietrich war der Verleger der »Sunday Times«, Lord James Kemsley, angereist, um die Modalitäten eines Artikelaustausches zwischen deutschen und englischen Zeitungen zu besprechen. Hitler gab sich während der Unterredung in der Siegfriedvilla betont reserviert und wiederholte monoton, die Aufrechterhaltung des Friedens in Europa hänge allein von England ab. Dem britischen Botschafter Nevile Henderson, der am 29. Juli nach Bayreuth kam, gewährte er nicht einmal eine Audienz.[58] Dafür durften sich Unity Mitford und ihre Schwester Diana, die Frau des britischen Faschistenführers Oswald Mosley, während der Festspiele der Aufmerksamkeit Hitlers erfreuen. Während eines Essens bei Winifred Wagner äußerte sich Lady Mitford sehr entschieden dahin, England sei aufgrund seiner unzureichenden Rüstungen noch gar nicht in der Lage, einen Krieg zu führen. Das sei Musik in den Ohren des »Führers« gewesen, glaubte Adjutant Engel aus Hitlers Reaktion schließen zu können.[59] Möglicherweise sah sich der Diktator in seiner Meinung bestärkt, die englische Regierung würde nur »bluffen« und im entscheidenden Augenblick doch vor der Kriegsdrohung zurückweichen.

 

In den folgenden drei Wochen hielt sich Hitler ununterbrochen auf dem Obersalzberg auf. Während er Normalität demonstrierte und gegenüber den Westmächten eine »Taktik des Schweigens«[60] verfolgte, sorgte Goebbels dafür, dass die Propaganda den Konflikt mit Polen am Köcheln hielt. Unaufhörlich berichtete die Presse über angebliche polnische Ausschreitungen gegen die deutsche Minderheit. Und wie in der Sudetenkrise ein Jahr zuvor wurden immer wieder Zwischenfälle inszeniert, um die Polen zu Gegenreaktionen zu provozieren, die dann mit großem Getöse ausgeschlachtet werden konnten. »In Polen haben wir nun den ersten Toten«, frohlockte der Propagandaminister bereits Mitte Mai 1939. »Das geht alles seinen gesetzmäßigen Gang.«[61] Am 7. August bestellte Hitler den Gauleiter von Danzig, Albert Forster, auf den Obersalzberg und teilte ihm mit, er sei, was Polen betreffe, »an den letzten Grenzen der Geduld« angelangt. Nach seiner Rückkehr heizte Forster auf einer Kundgebung auf dem Langen Markt am 10. August die Stimmung an: Polen solle sich darüber im Klaren sein, dass Danzig »nicht allein und verlassen« sei, sondern dass »das Großdeutsche Reich, unser Mutterland, und unser Führer Adolf Hitler« fest an seiner Seite stünden.[62]

Am 11. August ließ Hitler den Hohen Kommissar des Völkerbunds in Danzig, Carl Jacob Burckhardt, mit einer seiner Privatmaschinen nach Salzburg fliegen. Er empfing den Schweizer Diplomaten und Historiker in dem oberhalb des Berghofs gelegenen großen Teehaus, dem »Adlerhorst«, und eröffnete ihm ohne Umschweife, beim »kleinsten Zwischenfall« werde er »Polen ohne Warnung zerschmettern«. Auf den Einwurf Burckhardts, das werde einen »allgemeinen Krieg« nach sich ziehen, rief Hitler erregt aus: »Dann soll es eben sein.« Wenn er Krieg zu führen habe, dann »lieber heute als morgen«. Und am Ende der Unterredung, so jedenfalls hat es der Völkerbundkommissar in seinem 20 Jahre später geschriebe-nen Erinnerungsbuch überliefert, bekräftigte er: »Ich bluffe nicht. Wenn das Geringste in Danzig geschieht oder unseren Minderheiten geschieht, werde ich hart zuschlagen.«[63]