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Das neue Erdmännchen-Abenteuer bei den Reichen und Schönen an der Côte d'Azur Keine gute Stimmung im Erdmännchen-Bau: Roxy fühlt sich unterfordert, Rocky versteht die Welt nicht mehr, Häsin Grete braucht bitte mehr Me-Time, und Natalie möchte erst mal keinen Nachwuchs mit Ray. In all diese Beziehungs- und Sinnkrisen platzt ein Anruf von Interpol, und wenig später sind Phil, Rufus und Ray unterwegs zu den Reichen und Schönen an die Côte d'Azur. Denn dort heiratet der Sohn einer zwielichtigen Investmentfonds-Größe eine Frau aus bestem Haus. Zu Gast sein wird auch »Samtpfote«, Kopf eines mexikanischen Drogenimperiums. Um diese irrlichternde Figur dingfest zu machen, wagen Phil & Friends den ganz großen Auftritt … Pierre Durand und Kommissar Dupin bekommen Konkurrenz: Die Erdmännchen erobern Frankreich! »Die putzigen Detektive kommen tierisch gut an und sind längst Kult.« BR24 Kulturnachrichten Rufus und Ray bei dtv: Der Wald ruft Da ist was im Busch Schiffe versenken Jeder Band kann unabhängig von den anderen gelesen werden.
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Seitenzahl: 313
Veröffentlichungsjahr: 2024
Keine gute Stimmung im Erdmännchen-Bau: Roxy fühlt sich unterfordert, Rocky versteht die Welt nicht mehr, Häsin Grete braucht bitte mehr Me-Time, und Natalie möchte erst mal keinen Nachwuchs mit Ray. In all diese Beziehungs- und Sinnkrisen platzt ein Anruf von Interpol, und wenig später sind Phil, Rufus und Ray unterwegs zu den Reichen und Schönen an die Côte d’Azur. Denn dort heiratet der Sohn einer zwielichtigen Investmentfondsgröße eine Frau aus bestem Hause. Zu Gast sein wird auch »Samtpfote«, Kopf eines mexikanischen Drogenimperiums. Um diese irrlichternde Figur dingfest zu machen, mischen sich Phil & Friends unter die illustre Hochzeitsgesellschaft.
Von Moritz Matthies sind bei dtv außerdem erschienen (Erdmännchen-Reihe):
Der Wald ruft
Da ist was im Busch
Schiffe versenken
Moritz Matthies
Ein Erdmännchen-Krimi
Es stimmt was nicht. Ich dämmere noch im Halbschlaf vor mich hin, aber das merke ich trotzdem. Hier stimmt was nicht.
So ein Halbschlaf ist ja eigentlich eine ganz schöne Sache – wenn die Gedanken vor sich hin plätschern und du nicht weißt, ob da jetzt wirklich ein Känguru durch deine Kammer hüpft und warum sich das nicht ständig den Kopf stößt, weil sie doch viel zu niedrig sein müsste. Überhaupt: Wie kommt ein Känguru in deine Kammer? Das Gute am Halbschlaf ist, dass es nicht so wichtig ist, ob es Sinn macht. Lass hüpfen. Hüpf, Känguru, hüpf, und schön mit dem Kopf aufpassen. Wofür ein Halbschlaf hingegen gar nicht zu gebrauchen ist, das ist, wenn man über etwas Bestimmtes nachdenken will. Zum Beispiel darüber, dass hier was nicht stimmt. Und dann hüpft da ständig dieses Känguru durchs Bild, und einen Gedanken wirklich festhalten kannst du vergessen.
Ich stelle also fest, dass ich den Halbschlaf nutze, um darüber nachzudenken, weshalb der Halbschlaf ein unguter Zustand ist, um darüber nachzudenken, was hier nicht stimmt. Ganz schön kompliziert, finde ich, besonders da ich mich ja noch im Halbschlaf befinde. Ein bisschen stolz bin ich trotzdem, wahrscheinlich weil so komplizierte Gedanken sonst eher was für meinen Bruder Rufus sind. Ich krieg davon Kopfschmerzen, er gute Laune. Hüpfen lassen, Ray, dann kommst du vielleicht drauf. Oder es hüpft vorbei.
Ich betrachte also das Känguru, wie es lustig durch meine Kammer hüpft, immer schön von einer Seite zur anderen, hin und her und hin und her. Und hin. Und her. Plötzlich bleibt es stehen, dreht mir seine merkwürdig geformten Nüstern zu, die aus irgendeinem Grund gleichzeitig seine Augen sind, und sagt: »Wieso schläfst du nicht, Ray?«
Und ich setze mich auf und rufe: »Weil hier was nicht stimmt, verdammte Hacke!«
Eine Klaue legt sich auf meine Brust. »Ray?«
Die Stimme kenne ich. Das ist kein Känguru, das ist …
»Ray, alles in Ordnung?«
»… Natalie?«
Ihre Barthaare kitzeln mich am Ohr. »Wen hast du denn erwartet?«
»Da war ein Känguru«, sage ich.
»Wo?«
»Na hier, in meiner Kammer.«
»Interessant.«
Ich atme zweimal tief durch. In der Zwischenzeit hat meine Kammer Gelegenheit, sich vollständig zu materialisieren, und Natalie ebenfalls, und dann bin ich wach.
»Ich glaube, ich hab’s nur geträumt«, sage ich.
»So ein Glück«, antwortet Natalie. »Ich hab schon überlegt, wie wir es wieder aus der Kammer kriegen sollen.«
Jetzt, da ich richtig wach bin und so mittelmäßig geradeaus denken kann, wird mir auch klar, was hier nicht stimmt. Natalie. Sie sitzt neben mir. Und ist ebenfalls wach. Dabei sollten wir beide tief und fest schlafen, denn der Tag hat gar nicht richtig angefangen, und der gesamte Clan pennt noch. Es gibt also keinen Grund, aufzuwachen. Und doch sitzen wir hier und starren in die Dunkelheit.
»Wieso bist’n du schon wach?«, frage ich.
»Weiß auch nicht«, sagt Natalie. »Ich muss die ganze Zeit nachdenken.«
»Das heißt, du bist schon länger wach.«
»Hm-m.«
Klingt nicht gut, finde ich. Da schwingt was mit. Wenn das Weibchen, das erst vor wenigen Tagen endgültig in deine Kammer gezogen ist … Also wenn die nachts neben dir sitzt und nachdenkt, dann stimmt was nicht.
»Willst du mich nicht fragen, worüber ich nachdenke?«, fragt Natalie.
»Ich weiß nicht«, sage ich. »Will ich?«
»Wahrscheinlich nicht. Aber wenn du nicht fragst, sag ich es dir trotzdem. Und mir wäre lieber, du würdest fragen.«
Okay, ich schätze, damit sind meine Chancen, nicht zu fragen, für den Arsch. Mach’s einfach, Ray.
»Worüber denkst du nach?«
»Über uns.«
Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt, Ray. Da schwingt was mit.
»Und jetzt soll ich dich fragen, warum. Richtig?«
»Würde sich anbieten«, sagt Natalie.
In Momenten wie diesen bewundere ich Natalie, ehrlich. Sie macht, dass ich nicht anders kann, als mich immer weiter in die Scheiße zu reiten. Dabei weiß ich ganz genau, dass mit jeder neuen Frage etwas auf mich zukommt, mit dem ich unter Garantie nichts zu tun haben will. Und trotzdem frage ich.
»Warum denkst du über uns nach?«, frage ich.
»Willst du die Wahrheit hören?«
Da, schon wieder. Die Antwort ist, logisch: Auf keinen Fall! Und was sage ich?
»Natürlich!«
»Also gut. Die Wahrheit ist, dass ich Zweifel habe, ob wir die richtige Entscheidung getroffen haben.«
»Hä?«
»Ich frage mich, ob das wirklich Sinn macht.«
»Hä-ää?«
Sie dreht mir den Kopf zu. »Wozu sind wir da, Ray?«
»Wird das jetzt eine Was-ist-der-Sinn-des-Lebens-Nummer?«
»Ich fürchte, das ist es bereits.«
»Wir sind Erdmännchen«, sage ich, »keine Menschen. Wenn es etwas gibt, das wir den Menschen voraushaben, dann dass wir uns nicht ständig nach dem Warum fragen müssen. Wir werden groß, wir finden ein Weibchen …«
»… oder ein Männchen.«
»Ja, logisch. Wir finden ein Weibchen oder ein Männchen oder auch nicht, und dann gründen wir einen Clan oder auch nicht und kriegen Junge oder auch nicht, und irgendwann werden wir alt und sterben oder auch nicht.«
»Wir sterben oder auch nicht?«
»Was weiß ich? Wenn ich bedenke, wie lange Pa jetzt schon nicht stirbt, halte ich alles für möglich.«
»Aber findest du nicht auch, dass das total viel Verantwortung ist? Junge kriegen, sie großziehen. Ich stell mir das total anstrengend vor.«
»Logisch ist das anstrengend. Aber darum geht’s doch gar nicht. Entweder du willst Junge haben oder eben nicht. Und wenn du welche willst und dann auch noch welche kriegst, dann gehört der ganze andere Scheiß logisch mit dazu, die Verantwortung und die Sorge und die Schlaflosigkeit. Normal.«
»Genau darüber denke ich nach …«
Ich könnte nicht sagen, wann, aber offenbar bin ich aufgestanden und wackle jetzt durch meine Kammer wie eben noch das Känguru, immer schön von einer Seite zur anderen.
»Nur, dass ich dich richtig verstehe«, sage ich. »Erst überlegst du einen halben Winter lang, ob du einen Clan mit mir gründen willst, dann überlege ich einen halben Winter lang, ob ich einen Clan mit dir gründen will. Dann überlegen wir noch einen halben Winter gemeinsam. Dann entscheiden wir, dass wir es wollen, du ziehst bei mir ein, und drei Tage oder was später weißt du nicht mehr, ob du das wirklich willst?«
Aus dem Dunkel flüstert Natalie: »Tut mir echt leid, Ray.«
Ich bleibe stehen. Am liebsten würde ich mit dem Hinterbein aufstampfen, aus Protest, aber das wäre voll kindisch. Deshalb mache etwas total Erwachsenes, rufe: »Und mir erst!«, und stampfe aus der Kammer.
Kaum komme ich aus dem Bau, bereue ich meine Entscheidung. Es ist wirklich noch stockfinster. Und kalt. Obwohl der Frühling sich bereits anschleicht, ganz deutlich. Im Zoo wären wir um diese Zeit ins Freigehege gezogen, Sommersaison, fieses Frittenfett, kreischende Schulklassen. Gehen einem voll auf die Eier, diese Rotzgören, aber nach einem halben Jahr in der Geschlossenen vermisst man sie richtig.
Nur mit Mühe kann ich den Umriss des T-72 ausmachen. Das ist der Panzer, der bei der Überschwemmung unserer Savanne plötzlich zutage trat und unserem Clan mit seiner letzten Granate das Leben gerettet hat. Lange Geschichte.
Jedenfalls, während ich den Umriss des Panzers betrachte, denke ich schon wieder, dass etwas nicht stimmt. Diesmal brauche ich allerdings nicht so lange, bis ich darauf komme. Vorne auf der Kanone hockt ein Umriss. Ich mache drei Schritte darauf zu und kneife die Augen zusammen.
»Rocky?«
»Hm«, macht der Umriss.
Yep, ist Rocky.
»Was machst du da?«, frage ich.
Und Achtung, jetzt kommt’s. Rocky, mein großer Bruder, Clanchef und hauptberuflich Hohlbirne, sagt: »Ich denke nach.«
Kann nicht sein«, sage ich.
Okay, ich sag’s nicht wirklich, ich denke es nur. Aber was soll ich auch sonst denken? Ist schließlich noch nie vorgekommen, dass Rocky wirklich nachgedacht hätte. Wenn ihm etwas gegen den Strich geht, haut er so lange drauf, bis es Ruhe gibt. Problem gelöst.
Also frage ich: »Ernsthaft?«
»Sehr ernsthaft.«
Ich stehe unter dem Kanonenrohr und blicke zu ihm auf. Er hat die Knie angezogen und seinen Kopf auf eine Klaue gestützt. Als wäre sein Kopf vor lauter Nachdenken zu schwer geworden.
»Und worüber?«
Rockys Antwort lässt auf sich warten. So lange, dass in der Zwischenzeit der erste Lichtstreifen am Horizont aufscheint und sich über den Wald spannt. Die Hügel und Mulden unserer Savanne nehmen Gestalt an. Falls sich jemand fragt: Nein, wir leben nicht wirklich in der Savanne, ist nur ein ehemaliger NVA-Truppenübungsplatz irgendwo in Brandenburg. Noch längere Geschichte.
Rocky wird von einem Lichtstrahl getroffen und sagt: »Alles. Nichts. Wer weiß das schon?«
Au weia. Rocky denkt nicht nur nach, er denkt über das große Ganze nach. Dafür kann es nur eine Erklärung geben.
»Ist was mit Roxy?«, frage ich.
»Kannst du laut sagen.«
Roxy, um das auch gleich zu klären, ist unsere Schwester aus dem ersten Wurf. Rocky, ich, Roxy und Rufus. Als unser alter Herr damals seinen Erstgeborenen zu seinem Nachfolger bestimmt hat, da hat Rocky nicht nur den Job als Clanchef bekommen, sondern auch gleich noch Roxy als Frau. Ist so bei uns. Wer Clanchef wird, bekommt die älteste Schwester als Frau dazu. Ist nicht mehr zeitgemäß, schon klar, aber früher war es eben noch so. War auch okay, damals, denn Roxys größter Wunsch war immer, irgendwann Frau des Clanchefs zu sein. Allerdings, wenn ich mir jetzt ansehe, wie Rocky da oben hockt, würde ich vermuten, dass sich in der Zwischenzeit etwas geändert hat.
Ich stelle mich so hin, dass sein Blick auf mich fällt. Also ungefähr. Ist schwer zu sagen, wo sein Blick wirklich hinfällt, weil seine Augen so tief in den Höhlen liegen.
»Und was?«, rufe ich.
»Hm?«
»Was passiert ist – mit Roxy.«
»Wenn ich das wüsste.« Rocky wechselt das Vorderbein und legt seinen Kopf auf die andere Klaue. »Sie fragt sich, ob es das jetzt gewesen ist. Ob das einfach immer so weitergeht, jetzt, wo Cindy und Chantal uns nicht mehr brauchen.«
»Und Colin«, erinnere ich ihn an seinen Sohn.
»Hm? Ach ja, den gibt’s ja auch noch. Genau, Colin. Roxy meint, sie würde sich noch nicht alt genug fühlen, um nichts mehr vom Leben zu wollen.« Plötzlich schnellt Rockys Kopf in die Höhe. »Was soll’n das heißen: mehr vom Leben wollen? Und was heißt: sich alt fühlen? Wie geht’n das überhaupt, sich alt fühlen? Ich fühl da nix.«
Ist unklar, ob er noch mitschneidet, dass ich unter ihm stehe. Für jemanden, der sonst Maximum drei oder vier Wörter aneinanderreiht, kommt er jedenfalls ganz schön in Fahrt. »Die Rolle als Frau des Clanchefs würde sie unterfordern, meint sie. Sie sieht da keinen Sinn mehr für sich. Ich würde ja auch meine Aufgabe eher nicht so initiativ angehen. Initiativ? Spinnt die?«
»Und was hast du ihr gesagt?«
Rocky sucht den Boden unter sich ab. »Ah, Ray, du bist’s.«
Womit die Frage beantwortet wäre, ob er mich noch auf dem Schirm hat.
»Was hast du ihr gesagt?«, wiederhole ich meine Frage.
»Na, dass ich der Clanchef bin. Fertig. Reicht doch wohl. Bin ich etwa kein guter Clanchef? Ich meine, hab ich uns nicht hierhergeführt, nachdem wir aus dem Zoo abhauen mussten?«
Nein, denke ich, das waren Rufus und ich.
»Hat keiner gefehlt, soweit ich mich erinnere«, überlegt Rocky weiter. »Alle noch da. Und hab ich uns nicht den neuen Bau klargemacht? Ich meine, wir haben doch hier alles.« Er imitiert Roxys Stimme: »›Ich will mehr vom Leben.‹ Ist das Leben neuerdings ’ne Zitze, an der man nuckelt, oder was? Erleben will sie noch was, sagt sie. Ich meine, wir erleben doch hier jeden Tag irgendwas. Sinn. Sinn. Sinn! Ich grab uns einen Bau, ich mach ihr Junge, und wenn es irgendwo Ärger gibt, dann klär ich das. Für mehr bin ich nicht zu gebrauchen. Der Sinn kann mich mal!«
Ich kann mich täuschen, aber es klingt, als würde er mit den Tränen ringen.
»Ray?«, ruft er plötzlich. »Ray!«
»Hier.«
»Bin ich etwa kein guter Clanchef?« Er steht auf, als würde er den Wald anrufen, breitet die Vorderbeine aus. »Bin ich kein guter Erdmann?!«
Nein, ich täusche mich nicht. Rocky, unser Clanchef, heult. Krasser Scheiß.
Das Bild von Rocky, wie er, während sein Ruf verhallt, mit zuckenden Schultern auf der Kanone steht, als würde er sich gleich in den Abgrund stürzen, wirft mich so sehr aus der Bahn, dass ich mich abwende und lautlos Richtung Wald schleiche. Bevor ich darin verschwinde, drehe ich mich noch mal um. Da sitzt er wieder, Rocky, das stärkste Erdmännchen aller Zeiten, Hammer Fellzeichnung, und stützt den Kopf auf eine Klaue.
Ich überlege: erst Natalie, jetzt Roxy. Da muss es eine Erklärung für geben. Vielleicht eine schräge Sternenkonstellation oder dass die Erde sich heute linksrum dreht oder Aliens ein unterirdisches Magnetfeld aktiviert haben. Irgendwas in der Art. Auf jeden Fall: Wenn es jemanden gibt, der mir darauf eine Antwort geben kann, dann Rufus.
Ich wende mich um und laufe in den Wald. Falls sich jetzt einer fragt, wieso ich nicht in unseren Bau laufe, wenn ich doch zu Rufus will: Nein, so sehr hat mich die Begegnung mit Rocky nicht aus der Bahn geworfen, dass ich nicht mehr wüsste, wo ich bin. Aber es gibt neue Entwicklungen in unserem Wald.
Grete, unsere demokratisch gewählte Oberbeschützerin, hat Junge bekommen, Gideon und Gaylord. Natürlich hat sie die nicht von Rufus bekommen, denn Grete ist Feldhäsin und Rufus, logisch, Erdmännchen. Unterschiedliche Spezies, unterschiedliche Chromosomen. Wie es genau funktioniert, kann ich nicht erklären, aber wenn zwei Spezies unterschiedlich viele Chromosomen haben, dann können sie rammeln, so viel sie wollen, aber Nachwuchs ist nicht zu erwarten. Schade eigentlich, eine Mischung aus Grete und Rufus wäre bestimmt voll knuffig. Na ja, was nicht ist, ist nicht.
Jedenfalls hat sich Grete ihren Kinderwunsch von einem Durchhoppler erfüllen lassen, und jetzt hat sie Gideon und Gaylord. Und weil Rufus’ moralisches Gewissen einfach keine Grenzen kennt und er außerdem hammerdringend von Grete geliebt und bewundert und gebraucht werden will, ist er zu ihr in die Mulde gezogen, gibt jetzt den Patchwork-Daddy und kümmert sich rührend um Gretes Nachwuchs. Und deshalb muss ich, wenn ich zu Rufus will, nicht in den Bau zurück, sondern in den Wald und …
Hm.
Da blitzt was durchs Gebüsch. Etwas, das näher kommt. Und außerdem Schnaufgeräusche von sich gibt. Rätselhaft. Vielleicht ist das der Grund, warum heute so viel nachgedacht wird. Vorsichtshalber schiebe ich mich in das Wurzelgeflecht einer Kiefer und mache mich unsichtbar.
Groß. Was immer da durchs Gebüsch blinkert, ist ganz schön groß. Hinter einem Busch bleibt es stehen, blinker, blinker, und verschnauft. Ich befürchte schon, dass es mich entdeckt hat, da fällt es um. Und zerbricht.
Als Nächstes höre ich eine Stimme sagen: »Alles Wissen ist vergeblich ohne die Arbeit. Und alle Arbeit ist sinnlos ohne die Liebe.«
Ich komme aus meinem Versteck. »Rufus?«
Er zieht im Morgengrauen sein Solarpanel durch den Wald, das macht er. Das heißt, jetzt zieht er es nicht mehr, sondern steht mit hängenden Schultern davor und, tja, sinniert über das Wissen, die Arbeit und die Liebe.
Jetzt muss ich schon wieder was erklären, aber ich mach es kurz, versprochen: Vor ein paar Monaten haben Rufus und ich unseren alten Partner Phil wiedergetroffen, was dazu geführt hat, dass wir wieder als Detektive im Einsatz waren, besser gesagt: als Undercover-Agenten. Kein Witz. Interpol, organisierte Kriminalität, das ganz dicke Brett. Am Ende haben wir den Fall gelöst, und Rufus hatte bei Montgomery, unserer Criminal Intelligence Officerin, einen Wunsch frei. Und was hat er sich wohl gewünscht von all den Dingen, die es auf dieser Welt so zu wünschen gibt? Genau. Ein fucking Solarpanel, das, wenn man es aufklappt, auch bei null Komma fünf Sonnenstunden pro Tag zuverlässig sein Smartphone lädt. Aber ich sollte mich nicht beschweren, denn ich hab mir von Montgomery eine Bluetooth-Box für meinen Club gewünscht, Marshall, voll die Rocknummer. Wummert so krass, dass die Dachsladys ganz von selbst anfangen zu twerken, muss aber alle paar Tage geladen werden. Und womit? Ganz genau.
Ich bin kein Experte, aber wenn ich mir ansehe, was Rufus sich gerade ansieht, dann sieht das für mich so aus, als könnten mein Bruder und ich unsere elektronischen Endgeräte demnächst unabhängig voneinander aufladen. Statt eines großen Klapppanels hat Rufus nämlich jetzt zwei mittelgroße Panels zum Nichtklappen.
»Wo wolltest du denn hin mit dem Ding?«, frage ich.
Rufus’ Schultern verflüssigen sich vollständig. »Nach Hause.«
»Ich dachte, du würdest jetzt bei Grete …«
»Denk mehr nach, Ray, bitte. Ich weiß, dass du dazu in der Lage bist.«
Schwer angeschlagen, mein Bruder. Also bitte, ich tu’s. Denke mehr nach.
»Dein neues Zuhause ist nicht länger dein Zuhause«, folgere ich.
»Na bitte.«
»Und jetzt?«
Rufus stößt einen dieser Seufzer aus, die niemand so hinbekommt wie er. Die ganze Vergeblichkeit des Strebens, eingefangen in einem Seufzer.
»Jetzt«, er ruckelt seinen Klettgurt zurecht, »nehmen wir jeder eine Hälfte meines Panels und tragen es zu unserem Bau.«
»Geht klar«, sage ich.
Kurz darauf stapfen Rufus und ich durch den Wald wie zwei Möbelpacker, die jeder einen Gastrokühlschrank auf dem Rücken tragen. Bis wir in der Savanne ankommen, sagt keiner was, weil wir zu beschäftigt damit sind, die Dinger nicht fallen zu lassen. Wir schleppen sie also mit letzter Kraft den Hügel hinauf – schon von fern sehe ich, dass Rocky noch immer auf der Kanone sitzt – und lehnen sie vorsichtig gegen die Panzerkette.
Rufus blickt nach oben. »Was ist denn unserem Clanchef widerfahren?«
»Er denkt nach.«
»Ernsthaft?«
»Sehr ernsthaft.«
»Interessant«, flüstert Rufus. »Also aus wissenschaftlicher Sicht betrachtet.«
Ich suche mir einen Lichtfleck, halte mein Gesicht in die aufgehende Sonne und schließe die Augen. Frühling, aber so was von. Ich spüre, dass Rufus neben mir steht und vermutlich das Gleiche macht wie ich.
»Willst du’s mir erzählen?«, frag ich.
»Was denn?«
Ich mache seine Stimme nach. »Denk nach, Rufus. Ich weiß, dass du dazu in der Lage bist.«
»Jaja, schon gut. Viel zu erzählen gibt es da ohnehin nicht.« Ich warte auf den berühmten Rufus-Seufzer, doch der bleibt aus. »Grete und ich haben entschieden, dass in der momentanen Situation ihr Bedarf an Besinnungszeit …«
»An was?« Ich stelle fest, dass es ganz schön krass ist, wo überall das Wort »Sinn« drinsteckt, wenn man mal darauf achtet.
»Sie nennt es Me-Time, aber ich würde eher von Besinnungszeit sprechen. Wie dem auch sei: Sie weiß meinen Erziehungseifer, was Gideon und Gaylord betrifft, durchaus zu schätzen, nichtsdestotrotz scheint es bei ihr einen erhöhten Bedarf an Besinnungszeit zu geben, weshalb wir entschieden haben, dass ich vorläufig zurück in unseren Bau ziehe und kurz- und möglicherweise auch mittelfristig nur gelegentlich vorbeischaue und eher rudimentäre Erziehungsaufgaben übernehme.«
Ich blinzle zu ihm rüber. »Fuck.«
Er blinzelt zurück. »Kannst du da einen Zusammenhang herstellen?«
»Sie hat dich abserviert.«
»Diese Formulierung erscheint mir eindeutig zu drastisch. Grete muss sich in ihre neue Rolle als Mutter einfinden, das ist ganz natürlich. Und solange fehlen ihr einfach die emotionalen Kapazitäten, um sich Klarheit darüber zu verschaffen, welche Art von Beziehung wir miteinan-«
»Sie hat dich abserviert, Rufus.«
Da kommt ganz schön lange nichts neben mir. Seufzer? Nein, auch nicht. Nur Stille. Dann bricht Keiler Herrmann durchs Gehölz, ruft Rocky und Rufus und mir einen guten Morgen zu, bekommt von keinem eine Antwort. Ich hebe zum Gruß die Klaue, Herrmann wirft uns noch einen Blick zu, schüttelt den Kopf und verschwindet wieder im Unterholz.
Als Nächstes sagt Rufus: »Fuck.«
Und ich so: »Ja, genau.«
Rocky, den ich auf seiner Kanone schon fast vergessen habe, grummelt: »Willkommen im Club.«
Wären wir nicht drei Erdmännchen, sondern drei Menschen aus einem Western, und würden wir nicht im Sand hocken, sondern an einer Bar sitzen, dann würde uns der Barkeeper jetzt drei Whiskey hinstellen, ohne dass wir sie bestellt hätten. Wir aber schweigen einfach. Scharren ein bisschen im Sand. Ich schätze, manchmal wäre ich gerne ein Mensch in einem Western.
Irgendwann klingelt Rufus’ Handy, und als er es aus der Halterung an seinem Klettgurt befreit, sehe ich, dass Lea anruft, und das ist ganz klar die erste richtig gute Nachricht dieses Tages. Lea ist Phils Tochter. Sie kann uns nicht verstehen, aber sie weiß, dass wir sie verstehen, deshalb ruft sie uns jeden Sonntag an und erzählt uns, wie ihre Woche war.
Statt den Anruf anzunehmen, starrt Rufus das Display an. »Merkwürdig.«
Komplett durch den Wind, der Typ. »Wieso merkwürdig?«, frage ich. »Lea ruft uns doch jeden Sonntag an.«
»Heute ist Mittwoch.«
Ich starre ihn an, sein Smartphone dudelt derweil munter im Ortungsgerät-Klingelton vor sich hin. »Wie kannst du so was wissen?«
»Die Frage lautet wohl eher: Wie kannst du so etwas nicht wissen? Du hast doch eindeu-«
»Ich hab es dir schon Millionentrilliarden Mal gesagt, Rufus: Ich scheiß auf mein Potenzial. Und jetzt geh ran!«
»Hi, Ray, hi, Rufus!« Lea, die wie üblich auf dem Bett in ihrem Zimmer sitzt, winkt in die Kamera. Gleich kommt unter Garantie ihre geistesgestörte Töle angesprungen, sabbert das Display voll und bellt dümmlich ins Handy.
»Wie geht’s euch?«, ruft Lea.
Rufus und ich versuchen uns an einem Thumbs-up und wackeln rum wie blöde, um zu demonstrieren, dass wir voll gut drauf sind, weil wir ganz sicher nicht wollen, dass die Sinnkrise im Wald auch noch Lea runterzieht. Leider sind wir mit unserem Versuch, Lea nicht runterzuziehen, ein bisschen spät dran. Sie ist schon runtergezogen.
Rufus und ich werfen uns einen Blick zu, dann tippt mein Bruder eine Whatsapp und schickt sie ab. Swish.
Lea liest sie, blickt zur Tür, um zu checken, dass niemand sie hört, kommt ganz nah ans Display und sagt: »Ich glaub, mit Papa stimmt was nicht.«
Leider dauert es eine Weile, bevor wir erfahren, was mit Phil nicht stimmt, denn in diesem Moment wird die Tür zu Leas Zimmer aufgestoßen, und ich schwöre, ich höre das alberne Schlackern von Susies Ohren, bevor sie gleich auf das Bett springt und das Display bespeichelt.
Lea versucht, sie vom Smartphone fernzuhalten. »Lass das, du albernes Ding!«
Zu spät. Susie hat uns gesehen, schlackert euphorisch mit den Ohren und bellt: »Sie sind wieder da. Da! Wieder da, wieder da! Fressen möchte ich euch, so süß seid ihr. Fressen!« Sie fährt ihre Schlabberzunge aus und versucht, uns vom Display zu lecken. »Wie heißt ihr noch mal?«
Jeden Sonntag das gleiche Spiel. Rufus sagt, eine Woche sei für einen Cockerspaniel einfach zu lang, um sich so etwas Kompliziertes wie zum Beispiel einen Namen zu merken. Wie sich gerade herausstellt, reicht für Susie bereits die Spanne von Sonntag bis Mittwoch, um sich etwas nicht zu merken. Hat biologische Ursachen und hängt offenbar mit der Rasse zusammen. Rufus hat mir erklärt, dass Spaniel die ersten Hunde waren, die auf bestimmte Merkmale hin gezüchtet wurden, weil irgendein französischer König vor tausend Jahren ausgerechnet ihre Wabbelohren schick fand. Dabei machen die überhaupt keinen Sinn, außer dass man sie super mit Kletten bewerfen kann, die Susie dann nicht mehr herausbekommt, egal, wie krass sie den Kopf schüttelt oder sich auf dem Boden wälzt. Um es mit Rufus zu sagen: Keine Hunderasse hatte die Chance, länger zu degenerieren als der Spaniel. Dumm gelaufen, kann ich da nur sagen.
Statt ihr zu antworten, winke ich in die Kamera. »Hi, Susie!«
Der Hund bleibt in der Bewegung stecken. Das macht Susie oft, wenn eine Information sie überfordert. Ihr Name zum Beispiel. Sieht dann so aus, als wäre die Verbindung abgerissen.
»Das bin ich! Ich bin Susie!« Vor Freude springt sie mal wieder im Kreis, als wäre sie selbst ihre beste Freundin. Was vielleicht sogar stimmt. »Ich bin Susie, Susie!« Im Vorbeispringen fällt ihr Blick auf das Display, und sofort ist ihre Aufmerksamkeit wieder ganz von uns in Anspruch genommen. »Wer seid ihr noch mal?«
Mal sehen. Wir waren schon Dick und Doof, Tim und Struppi, Asterix und Obelix … »Wir sind Obst und Gemüse«, sage ich.
Rufus neben mir zischt: »Wie du das jeden Sonntag erträgst, ist mir ein Rätsel.«
»Heute ist Mittwoch«, zische ich zurück.
Susie überlegt derweil, wie toll sie das finden soll, dass wir Obst und Gemüse sind. Da ihr Gehirn keine Antwort ausspuckt, fängt sie wieder an, im Kreis zu springen. »Ich bin Susie! Ich bin ein Hund! Ich bin Susie, der Hund!«
»Hey, Susie!«, rufe ich.
Freeze. »Wer, ich?«
»Allmächtiger, steh mir bei«, nuschelt Rufus.
»Genau!«, rufe ich Susie zu. »Sag mal: Kannst du auch andersrum springen?«
Susies Gehirn ist kurz davor, in Rauch aufzugehen. »Weiß nicht.«
»Versuch mal!«
Ihre Pfoten tapsen hilflos auf dem Bett herum. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, sie macht gerade ihre ersten Schritte. Sie wirkt komplett verunsichert. »Ich bin Susie. Ich bin ein Hund. Ich bin Susie, der Hund.« Das scheint sie vorübergehend zu beruhigen. Bis ihr etwas einfällt. Sie blickt verzweifelt Rufus und mich an. »Wie geht springen noch mal?«
»Mach einfach so wie vorher«, sage ich.
Susie betrachtet ihre Pfoten, als sähe sie sie zum ersten Mal, schlackert mit den Ohren, starrt auf ihre Pfoten. Nichts. Kein Eintrag. »Ich bin Susie«, sagt sie zu sich selbst. Sehr langsam legt sie sich hin, dreht sich auf die Seite und wimmert: »Ich bin Susie. Susie, der Hund. Ich bin ein Hund.«
»Ich muss dich beglückwünschen«, schnalzt Rufus. »Du scheinst tatsächlich eine Möglichkeit gefunden zu haben, ihr Resthirn zu deaktivieren.«
Plötzlich habe ich ein schlechtes Gewissen. »Und was, wenn da wirklich was kaputtgegangen ist?«
»Was denn?«, fragt Rufus nur.
Zum Glück wischt Lea in diesem Moment mit dem Ärmel Susies Gesabber von ihrem Smartphone. Danach ist das Bild wieder klar, und Lea sieht uns traurig an.
»Was habt ihr denn mit der gemacht?«, fragt sie.
Ich versuche, so auszusehen, als könnte ich kein Wässerchen trüben, Rufus zieht derweil mit seinem Hinterlauf einen perfekten Halbkreis in den Sand. Schließlich schreibt er Lea die nächste Whatsapp.
»Ach ja«, sagt Lea, »wegen Papa. Der ist irgendwie voll komisch drauf. Gestern beim Frühstück hat er die ganze Zeit nur auf seinen Teller geglotzt. Als ich dann aus der Schule zurückkam, saß er immer noch da.«
Ich blicke hoch zu Rocky, der unverändert auf dem Kanonenrohr hockt.
»Klingt nach Ehekrise«, flüstere ich Rufus zu.
»Mama hat gesagt«, fährt Lea fort, »er ist ins Büro gefahren, aber nach einer Stunde wieder da gewesen. Sie hat dann mit einem Kollegen von Papa telefoniert, der ihr erzählt hat, dass Papa vor der Tür zu seinem Büro stand und es nicht geschafft hat, sie aufzumachen. Also nicht, weil sie abgeschlossen gewesen wäre oder so, sondern weil … Als wäre die Klinke elektrisch oder so. Jedenfalls hat er es nicht geschafft, sie runterzudrücken. Sie haben ihn dann wieder nach Hause geschickt. Jetzt liegt er im Bett und steht nicht auf.«
Rufus tippt sich mit zwei Krallen ans Kinn. »Ein nicht überwindbar wirkender Bereich des Alltags …«, überlegt er. »Klingt nach Erschöpfungsdepression.«
»Wovon soll der denn erschöpft sein?«, frage ich.
»Das lässt sich nicht objektiv messen. Es kommt auf das subjektive Empfinden an. Selbst der langweiligste Job der Welt kann dich erschöpfen – zum Beispiel bei fehlender Anerkennung durch das soziale Umfeld oder fehlender Sinnhaftigkeit.«
»Fehlende Sinnhaftigkeit«, wiederhole ich und lenke meinen Blick zurück zu Rocky, der nicht so aussieht, als hätte er vor, von dem Rohr noch einmal runterzukommen. Anschließend betrachte ich Lea, die sich wirklich Sorgen um Phil zu machen scheint.
»Schreib ihr doch«, schlage ich vor, »ob sie uns nicht mit Phil besuchen kommen will. Ein bisschen Frühlingswaldluft hat noch keinem geschadet.«
»Soziale Kontakte stärken …« Rufus beginnt zu tippen. »Ein vielversprechender Therapieansatz.«
Swish.
Als Lea die Whatsapp liest, hellt sich augenblicklich ihr Gesicht auf. »Au ja, das mach ich. Wenn ich ihm sage, dass ich euch besuchen fahren will, dann steht er bestimmt auf.«
Zum Abschied winkt sie in die Kamera, leider wird dadurch auch Susie aus ihrer Lethargie gerissen.
Vollkommen unmotiviert springt sie auf die Beine, sieht das Handy und bellt: »Euch kenn ich! Wer seid ihr noch mal?« Sie kann auch wieder im Kreis springen, schade eigentlich. »Ich bin Susie!«, brüllt sie. »Susie! Ich bin ein Hund!!«
Mechanisch beugt sich Rufus vor und drückt den Anruf weg. Als das Display schwarz wird, sagt er: »Ich fürchte, du hast dich überschätzt. Da gibt es nichts kaputtzumachen.«
Wie aufs Stichwort hören wir jemanden rufen: »So, Mister Clanchef, würde es Ihnen etwas ausmachen, Ihrer Frau zu erklären, was Sie da oben treiben?«
Roxy steht unter dem Kanonenrohr, als würde jede Granate einfach an ihr abprallen, und blickt zu ihrem Mann empor.
»Ich denke nach«, antwortet Rocky.
»Ah, und worüber?«
»Das ist die Frage.«
»Wie bitte?« Roxy stemmt ihre Klauen in die Hüften. »Schön, schön. Wenn du damit fertig bist, wäre ich dankbar, du könntest dich dazu herablassen, wieder in den Bau zu kommen. Du wirst nämlich gebraucht.«
»Werde ich?«, fragt Rocky.
»Großer Gott.« Roxy macht eine Bewegung, als wollte sie einen Mückenschwarm verscheuchen, wirft uns ein »Geht das auf eure Kappe?« zu und verschwindet wieder im Bau.
Rufus stößt mich an. »Hast du das gehört?«
»Blieb mir ja nichts anderes übrig.«
Vor Begeisterung vergisst mein kleiner Bruder, dass Grete ihn kurz- bis mittelfristig abserviert hat und sein Solarpanel im Arsch ist.
»Rocky fragt sich, worüber er nachdenkt.«
»Krasser Scheiß«, sage ich.
»Das ist ein Quantensprung!«
»Wenn du meinst.«
Ich entscheide mich, nicht zurück in den Bau zu gehen. Das Gespräch mit Natalie hängt mir noch in den Knochen. Kurz überlege ich, ob es vielleicht auch mich erwischt hat und ich die Klinke nicht drücken kann wegen dem, was mich dahinter erwartet. Wie Phil. Ich weiß ja nicht, wie schnell so eine Erschöpfungsdepression zuschlägt. Dazu müsste ich Rufus befragen, aber der ist im Panzer verschwunden und sucht nach geeignetem Werkzeug, um sein Solarpanel zu flicken. Außerdem will ich ihn im Moment sowieso lieber nichts fragen. Denn kaum war das Telefonat mit Lea beendet und Roxy im Bau verschwunden, strebten Rufus’ Schultern wieder bedenklich dem Boden zu, weil ihm einfiel, dass Grete ihn abserviert hat. In diesem Zustand kannst du ihn nicht mal nach der Zahl zwischen eins und drei fragen, ohne mit einer Belehrung bestraft zu werden. Ist seine Art, sich dafür zu rächen, dass er so viel schlauer sein muss als der Rest der Welt.
Ich nehme mir also Rufus’ vielversprechenden Therapieansatz zu Herzen und stärke meine sozialen Kontakte, indem ich bei meinen Freunden im Acapulco vorbeischaue. Manchmal, wenn mich die Wehmut überkommt und ich an den Zoo zurückdenke – an die erleuchteten Züge, wenn sie nachts durch den Bahnhof gerauscht sind, oder wie der Mond sich im Dach von Elsas Gehege gespiegelt hat –, dann muss ich mir nur klarmachen, dass ich niemals so tolle Freunde gefunden hätte, wenn wir nicht hätten fliehen müssen und hier im Wald gestrandet wären. Und dann geht es wieder.
Auf der Wiese bei den Spaßbecken ist noch nicht viel los. Außer ein paar dünnbeinigen Igeln, die sich nach Monaten zum ersten Mal wieder mit verkniffenen Augen ins Freie wagen und zaghaft ihre Pfoten ins Wasser strecken, lässt sich niemand blicken. Allerdings, als ich hinter dem Wasserfall die Steine zum Acapulco hochsteige, höre ich bereits sanfte Gitarrenklänge. Die Chill-out-Playlist, wie ich sofort erkenne, in bester Marshall-Qualität.
In der großen Dancehall ist keine Sau, die Klänge kommen aus dem hinteren Teil, wo die Darkrooms sind. Und die Musik ist nicht das Einzige. Der Geruch, der mir aus dem Dunkel entgegenströmt, verrät mir, dass Eddie, Bernie, Freddie und die anderen seit Tagen vor sich hin muffeln und keine Pfote vor die Tür gesetzt haben. Wenn Waschbären nur halb so gut riechen könnten wie Erdmännchen, dann würden denen die Synapsen durchbrennen bei ihrem Eigengeruch.
Ich stelle mich in den Durchgang. Sehen kann ich nichts, weil der Darkroom nicht umsonst seinen Namen hat, aber ich kann riechen, wie sie mal wieder fermentieren, Shabby und Abigail, Olivia und Alina und, logisch, Bernie, Eddie und Freddie.
»Ich störe euch nur ungern«, rufe ich ins Dunkel, »aber draußen ist Frühling!«
»Ray!«, antworten mindestens drei Stimmen gleichzeitig, und dann rieche ich, wie der Fellhaufen in Bewegung gerät. Wenig später stehen Freddie, Bernie und Eddie vor mir, und wir hauen uns zur Begrüßung gegenseitig auf die Nasen, was jedes Mal Hölle wehtut, aber was soll ich machen? Freunde sind Freunde.
»Ich muss mit euch reden«, sage ich. »Aber zuerst springt jeder von euch einmal durch den Wasserfall.«
»Und was ist mit dir?«, fragt Freddie.
»Bin ich ein Waschbär?«, frage ich zurück.
»Ich spring nur, wenn du auch springst«, sagt Bernie.
»Das ist albern«, erwidere ich. »Euch wird nicht kalt. Ich frier mir dadrin die Eier ab.«
»Nicht unsere Schuld«, sagt Bernie.
Leise fängt Eddie zu brummen an: »Ray. Ray. Ray. Ray …«
»Ich hol mir eine Lungenentzündung oder sonst was, wenn ich da reinspringe«, sage ich.
Abigail und Olivia stimmen mit ein: »Ray. Ray. Ray …«
»Kommt schon«, wehre ich ab, »das könnt ihr nicht ver-«
»Zeig’s uns!« Das war Alina.
»Ja«, ruft Olivia, »lass dich nicht so bitten!«
Und dann stehen sie alle vor mir, rufen: »Ray, Ray, Ray, Ray!«, und ich muss sagen, das tut echt gut.
»Also schön!«, rufe ich zurück. »Aber danach will ich jede und jeden von euch durch den Wasserfall springen sehen.«
»Schwöre«, sagt Shabby.
Gemeinsam gehen wir durch den großen Saal vor zum Eingang, und ich bin ein bisschen nervös, denn ich hab es seit Monaten nicht gemacht. Aber mit Unterstützung meiner Freunde wird’s schon klappen. Ich trete also an die Kante, drehe mich mit dem Rücken zum Wasserfall und stelle mich so hin, dass nur noch die Krallen meiner Hinterbeine den Boden berühren. Ein Chor aus »Ray, Ray, Ray«-Rufen bläst mich an, ich gehe in die Knie, schließe meine Ohren, atme tief ein und mache das, was kein anderes Tier im Wald kann: einen Rückwärtssalto durch den Wasserfall und rein ins Spaßbecken.
Leider sterbe ich dort.
Zumindest setzt mein Herz aus.
Ganz schön lange.
Ist. Das. Kalt.
Dann setzt mein Herz doch wieder ein, und ich erinnere mich daran, was in so einer Situation zu tun ist.
Atmen.
Schwimmen.
»Fuck!«, rufe ich, und im nächsten Moment fliegen erst Alina, Olivia und Abigail und dann Freddie, Bernie und Eddie durch den Wasserfall und über mich hinweg.
»Du hast es geschworen!«, rufe ich, und Shabby, von dem ich weiß, dass er hinter dem Wasserfall steht, kichert: »Ich weiß.«
»Los!«
»Ich mach ja.«
Es dauert noch ein paar Sekunden, ich hab mich bereits auf einen der Steine gerettet, die das Spaßbecken begrenzen, da plumpst schließlich auch Shabby durch den Wasserfall und klatscht unter Jubelrufen mit Arschbombe ins Becken.
Später sitze ich mit Bernie, Freddie und Abigail auf den Steinen, die sich schon ein klitzekleines bisschen aufgewärmt haben, während Eddie, Olivia und Alina noch im Becken planschen. Nur Shabby ist hinten an dem Hügel zugange, von dem oben der Wasserfall herabstürzt. Er hat, als er aus dem Becken kam, einen Tennisball gefunden, der offenbar im Gebüsch überwintert hat und genauso schlaff aussieht wie Shabby selbst, weshalb Shabby in ihm wohl einen Seelenverwandten vermutet. Jedenfalls rollt er seinen neu gefundenen Freund jetzt geduldig den Hügel rauf, schafft es aber immer nur bis fast nach oben, dann rollt der Tennisball wieder runter und Shabby hinterher. Inzwischen habe ich aufgehört zu bibbern.
Wie gewöhnlich rekelt Alina sich auf einem der Steine, als würde auf der anderen Seite ein Paparazzo im Gebüsch hocken. »Was wolltest du denn?«, fragt sie. Und meint mich.
»Hm?«, mache ich.
»Vorhin hast du gesagt, du müsstest mit uns reden.«
Im Hintergrund rollt Shabby wieder den Ball den Hügel hinauf. »Diesmal schaff ich’s!«, kichert er.
Alina stützt ihren Kopf auf eine Pfote und fixiert mich. »Und?«
»Nicht so wichtig«, versichere ich und genieße einfach nur, in Gesellschaft meiner Freunde zu sein.
Wie zu erwarten, verliert Shabby auch diesmal den Ball, der am Fuß des Hügels aus dem Gebüsch kullert, dicht gefolgt von Shabby. Er liest ihn auf, hält ihn hoch, ruft: »Oder auch nicht!«, und versucht es erneut.
»Lass dich nicht schon wieder bitten«, schaltet sich Olivia ein. »Das langweilt.«
»Von mir aus«, sage ich. »Also: Habt ihr das auch manchmal, dass ihr euch nach dem Sinn fragt?«
Freddie ist der Erste, dem eine Antwort einfällt: »WasnfürnSinn?«
Ich versuche zu erklären, was ich selbst nicht genau greifen kann: »Na, der Sinn halt. Wieso es euch gibt.«
Eddie spuckt eine Wasserfontäne in meine Richtung. »Ich bin ein Waschbär!«
Auch eine Antwort, denke ich.
Im Hintergrund, wer hätte es gedacht, rollt ein Tennisball auf den Rasen, dann bricht Shabby aus dem Unterholz und verkündet: »Ich bin ein glücklicher Waschbär!«
Hm.
»Wart mal, Shabby!«, rufe ich.
Shabby liest den Ball auf und kommt rübergewackelt. »Was’n?«
Ich versuche, mich zu konzentrieren. »Kannst du mir erklären, warum du glücklich bist?«
»Na ja …« Shabby lässt den Ball von einer Pfote in die andere hüpfen. Ich bin sicher, wenn er versuchen würde, das absichtlich zu machen, könnte er es nicht. »Ich bin ein Waschbär. Und als der Waschbär, der ich bin, mach ich so Waschbärzeug: Ich chille, ich wühle im Müll, ich mach mit Olivia rum, ich schlafe, ich spring durch den Wasserfall, ich …«
»Du furzt«, sagt Abigail.
»Und wie«, bestätigt Shabby. »Furzen ist geil. Danach fühlt man sich immer irgendwie leichter.«
»Furzen macht dich glücklich?«, frage ich.