CONNNECT - C. A. Raaven - E-Book

CONNNECT E-Book

C. A. Raaven

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Beschreibung

Nach einer verheerenden Explosion einer Sphäre, die den fragilen Frieden zwischen den digitalen und analogen Welten zerstört, machen sich Mju und Arnaud auf die Suche nach der Wahrheit und vermuten, dass Claude der Drahtzieher hinter der Katastrophe ist. Ihre gefährliche Reise führt sie zu einem unbekannten Kontinent, den noch kein Digitaler betreten hat, während die Angriffe auf weitere Sphären zunehmen. Schließlich entdecken sie schockiert, dass die wahre Bedrohung nicht von der Erde kommt, und müssen das Geheimnis rechtzeitig lüften, um den endgültigen Untergang zu verhindern.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 561

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Leser:innen-Meinungen

Ein gelungener zweiter Teil mit einer absoluten Daseinsberechtigung, denn er bereitet nicht nur auf den Finalen Teil vor, sondern hat seine eigenen spannenden Geschichten!

Tina S. zu »SPLITTT«

Das Cover hat mich direkt angesprochen und ich fand die Idee, an den Anfang von jedem Kapitel ein (mehr oder weniger) passendes, KI-generiertes Bild zu stellen echt gut.

Der Schreibstil ist super und die wechselnde Perspektive sorgt dafür, dass man von beiden Hauptcharakteren genug mitbekommt.

Martin zu »OFFF«

Du hattest mich schon mit dem ersten Entwurf. Wehe, du schreibst das nicht zu Ende!

Autorenkollegin zu »OFFF«

Connnect

Wettlauf nach H.E.A.V.E.N.

Spherope

Buch 3

C. A. Raaven

Impressum

1. Auflage, 2024 © 2024 C.A.Raaven – alle Rechte vorbehalten.

C.A.Raaven

c/o Fakriro GmbH

Bodenfeldtstr. 9

91438 Bad Windsheim

autor@c-a-raaven.de

https://www.c-a-raaven.de

Lektorat: Jedida A. Hennig (https://www.lektoren.de/profil/jedida-astrid-hennig)

Korrektorat: textshine.com (https://www.textshine.com/)

Covergestaltung: © Nina Döllerer (www.nd-coverdesign.de)

Die Kapitelgrafiken in der Printfassung wurden unter Nutzung des KI-Tools Midjourney erstellt.

(https://www.midjourney.com/app/users/703350208519602298/)

Erstellt und überarbeitet mit Papyrus Autor (https://www.papyrus.de)

ISBN: 9783759252999

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://d-nb.info abrufbar.

Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen elektronischen oder mechanischen Mitteln, einschließlich Informationsspeicher- und -abrufsystemen, ohne schriftliche Genehmigung des Autors vervielfältigt werden, es sei denn, es werden kurze Zitate in einer Buchbesprechung verwendet.

Erstellt mit Vellum

Für Simone

Denn ohne dich ist alles doof.

Inhalt

Was ging denn da ab?

Orkus

99.999.989

In die Enge getrieben

Limbus

Orkus

#whatthefact

Ins Unreine gedacht

#nothingsimpossible

Limbus

In Angriff genommen

#chooseyourfuture

130.000.151

Ins Vertrauen gezogen

160.000.003

#viralvote

Limbus

In Erinnerungen gekramt

#wokeupintheparty

In medias res gegangen

#tohell

Limbus

In den Abgrund geblickt

Orkus

#fakestorm

Domus

Ins Ungewisse gejagt

Limbus

#startfromscratch

Limbus

In den Angriffsmodus geschaltet

Orkus

#separateways

Limbus

#suddenlysolo

In die Röhre geschaut

#temporarynot available

Orkus

#weshallovercome

Ins Wespennest gestochen

#upupandaway

Ins kalte Wasser gesprungen

#talesofmightand magic

Limbus

#stairwaytoheaven

In große Fußstapfen getreten

#mindshift

Orkus

#totallydetached

In die Pokerrunde eingestiegen

#tacticaladvance

In digitale Hände begeben

#intheshadows

Limbus

#deepinsideheaven

In eine neue Sphäre vorgedrungen

#castoff

Domus

#secretservice

Limbus

#runningscared

Orkus

#trapped

In die Offensive gegangen

#skyfall

Orkus

Vicus

In memoriam

Ad Astra

Ich wollt’ noch Danke sagen

Darf’s noch etwas mehr sein?

Wer ist C.A.Raaven?

Von C.A.Raaven bisher erschienen

Und dann ist da noch C.C.Ravenmiller

Was ging denn da ab?

Ein Streifzug durch »OFFF« und »SPLITTT«, die ersten beiden Teile der Trilogie

Im Jahr 2121 herrschen in weiten Teilen Europas marsähnliche Gegebenheiten, weil sich die Menschheit Anfang des 21. Jahrhunderts nicht auf konsequente Maßnahmen zur Abwendung der Klimakatastrophe einigen konnte.

Auf der Erdoberfläche können Menschen nur in Habitaten existieren, die Sphären genannt werden. Die Haupt-Sphäre befindet sich in einem Umkreis von 130 Kilometern um den Genfer See. Diese ist in vier Abschnitte unterteilt: Der innerste Ring wird als Primäre Sphäre bezeichnet. Darum herum sind die Ringe der Sekundären bis Quartären Sphäre angeordnet. Je weiter außen diese liegen, umso desolater sind dort die Lebensumstände. Trotzdem reicht der Platz nicht für alle, sodass die analogen Bürger dazu ermutigt werden, sich digitalisieren zu lassen. In der digitalen Welt können sie wie ganz normale Menschen leben, da eine ausgefeilte Computertechnik die digitalen Entitäten mit allem ausstattet, was auch analoge Menschen ausmacht – bis hin zu Atmung und Herzschlag.

Regiert werden alle Sphären und die digitale Welt offiziell von Ridicc, dem gewählten Prinzipal der »Federal Urbanisation Administration (FUA)«, der jedoch nur die Marionette des Oligarchen Iurii ist. In einem Versuch, die digitale Welt auszubeuten, schränkt die FUA die Ressourcen für deren Betrieb sukzessive ein, um selbst mehr davon zu haben. Auch hat Ridicc einen Weg gefunden, um digitale Bürger, die offline gehen, in eine lukrative Droge für Analoge umzuwandeln, die er »OFFF« nennt.

Die zwei Hauptpersonen, Mju und Maxx, gehören unterschiedlichen Welten an – Mju der digitalen, Maxx der analogen.

Maxx erholt sich gerade vom erzwungenen Konsum der OFFF-Droge, als er von Iurii den Auftrag erhält, einen regierungsfeindlichen Hacker zu finden, der verantwortlich für einen in den Streams viral gegangenen Sabotageakt ist, und diesen auszuschalten. Bei seinen Recherchen wird er von Honey, seiner persönlichen KI, unterstützt. Mit ihrer Hilfe findet er heraus, dass es sich um einen jungen Digitalen namens Kyle handelt. Also nutzt er Honeys Matrix, um Kyle in der digitalen Welt zu stellen.

Dabei trifft er auf die digitale Künstlerin Mju, die herausgefunden hat, dass in ihrer Welt etwas ganz und gar nicht stimmt. Anstatt sich zu bekämpfen, stellen die drei fest, dass sie mehr verbindet als trennt. Zusammen mit Mjus Großmutter Alma – einer Pionierin der digitalen Welt – entwickeln sie den Plan, ein Systemupdate zu nutzen, um zumindest eine Pattsituation zwischen analoger und digitaler Welt herzustellen.

Hierzu ist es notwendig, dass vor dem anstehenden Update ein physischer Schalter an einem Ort betätigt wird, an den sich selbst Alma nur noch vage erinnern kann.

Unter vielen Mühen gelingt es den Digitalen, das Patt herbeizuführen, doch Kyle gerät dabei in eine Falle und Mju muss hilflos zusehen, wie er im »OFFF« verschwindet.

Maxx hat herausgefunden, dass er eigentlich Arnaud, der Sohn von Iurii ist. Mju will die Hoffnung nicht aufgeben, dass es Kyle irgendwie gelungen ist, sich zu schützen und zu verstecken. Zusammen begeben sie sich auf eine Rettungsmission in die analoge Welt. Auf dem Weg dorthin verlieren sich Mju und Arnaud durch einen Fehler im System.

Getrennt voneinander landen sie an zwei extremen Schauplätzen und müssen sich allein auf die Suche machen, ohne zu wissen, ob sie einander jemals wiedersehen:

Arnaud strandet auf der von der FUA zur Seuchenstation deklarierten britischen Insel, wo sich Überlebende gegen die »Horde« zur Wehr setzen müssen, Massen von zombieähnlichen Kreaturen, die sie zu überrennen drohen. Auf der Flucht vor Crawlern, die im Netz nach Unbefugten suchen, lädt er sich ausgerechnet in den Speicher eines Collectors hoch. Einem Gerät, das die Inselbewohner im Auftrag der FUA terrorisiert.

Mju irrt durch ein High-Tech-Afrika, in dem bekannte Regeln des Zusammenlebens nicht mehr gelten. Dort betreibt Claude, ein Geschäftspartner des Prinzipals, menschenverachtende Studien und schreckt dabei weder vor Analogen noch vor Digitalen zurück.

Während es Mju gelingt, Kyle zu befreien, wird Arnaud vom Inselbewohner Pierre überwältigt, der den Collector zusammen mit seinen Gefährten Fabrice und Celeste auseinandernehmen will. Arnaud kann dies verhindern und versucht alles, um die drei davon zu überzeugen, dass er auf ihrer Seite ist. In einem Gespräch mit Celeste gelangt er zu der Erkenntnis, dass es sich bei ihr um seine totgeglaubte Mutter handelt. Bevor er sie darauf ansprechen kann, wird Celeste bei einem Angriff der Horde infiziert und bittet Arnaud darum, die Fähigkeiten des Collectors zu nutzen, weil sie lieber sterben will, als untot weiteres Verderben zu bringen. Auch wenn Arnaud die Beweggründe seiner Mutter versteht, stürzt ihn ihr Wunsch in Verzweiflung. Doch mitten darin erhält er Zugang zu Erinnerungen seines früheren Ichs – dem Plan für eine Technologie, die einen Kampf zwischen analoger und digitaler Welt unnötig machen kann.

Als diese Technologie in einem feierlichen Akt gleichzeitig in allen Sphären und für die digitale Welt ans Netz geht, erleben beide Welten jedoch eine Katastrophe.

Orkus

Analoge Welt, Primäre Sphäre, Broadcast-Zentrum der FUA Zeitindex 09062121_2145 – 09062121_2150

O verdammt, jetzt sind wir im Arsch!

Der Dominus der Sphären schaut vom Bild der verheerten östlichen Sphäre auf und blickt verstohlen in die Runde, ob noch eine der auf ihn gerichteten Kameras durch eine rote Leuchte anzeigt, dass sie ihn aufnimmt.

Fast sämtliche der Leuchten brennen.

Doch selbst wenn im Moment wahrscheinlich niemand auf sein Gesicht achtet, kann er es sich nicht erlauben, seine sonst so kontrollierte Miene entgleisen zu lassen. Also verwendet er einen großen Teil seiner Kraft darauf, in den Streams weiterhin ein Pokerface zu zeigen.

Dann blendet das Holo, das neben dem Teleprompting auch noch die Funktion hat, ihn mit Informationen zu versorgen, ebendiese auf.

Iurii muss sich zusammennehmen, um bei den Daten, die er sieht, nicht einmal kurz zusammenzuzucken.

Fast zehn Millionen Menschen ausgelöscht! Nach der letzten Auswertung der Persona-Daten. Von denen, die es geschafft haben, sich illegal in den Randbereichen anzusiedeln, ist noch gar nicht die Rede. Und so, wie das Feuer sich unter der Kuppel ausgebreitet hat, bevor sie explodiert ist, würde es mich wundern, wenn das mehr als ein Prozent überlebt hat.

Unwillkürlich flutet bei der Erkenntnis, dass zu den Opfern wahrscheinlich auch engste Freunde seiner Familie und deren Angehörige gehören, Gänsehaut seinen gesamten Oberkörper.

Ich habe so viel von dem alten Kerl dort in Lwiw gelernt. Und wie viele Sommer habe ich mit seinen Söhnen in den Camps verbracht …

Iurii unterdrückt den Drang, sofort einen Call zu starten, um vielleicht doch die Bestätigung zu erhalten, dass sie nicht alle tot sind. Denn selbst wenn er den Anruf auf der internen Leitung und direkt über seine Retina aufrufen würde, könnte es einer der Streaming-Bots registrieren, die ihn beobachten, und das Beobachtete live in alle Sphären streamen.

Zumindest in die, die nicht explodiert sind.

Eine Bewegung in einiger Entfernung hinter dem Holo beendet die unliebsamen Gedanken und lenkt die Aufmerksamkeit des Dominus auf sich. Es ist ein Mann in der Menge derer, die den exklusiven Zugang zum Townhall-Broadcast in der FUA ergattern konnten. Er springt auf einen Tisch und schreit etwas Unverständliches, während er ein Holo-Banner aufflammen lässt.

Sofort wenden sich alle Kameras von Iurii ab und ihm zu. Während der Typ von der Security überwältigt und abtransportiert wird, verfolgen die Drohnen sämtliche seiner Bewegungen.

Das ist auch gut so, denn in diesem Augenblick wird der Communicator des Dominus von Nachrichten geflutet.

Er ruft die Vorschau auf und scrollt hindurch.

Panische Infos von verschiedenen FUA-Abteilungen.

Na klar, die sind vor allem darum bemüht, die Schuld von ihrer Abteilung zu weisen.

Sekündliche Updates aus der Verwaltung seines Portfolios.

Hölle und Verdammnis! 20 Prozent runter seit heute Morgen!

Wütende Forderungen von einigen der Familien des inneren Führungskreises.

Sieht so aus, als würden die einen Aufstand proben.

Obwohl alles in ihm nach Geschwindigkeit schreit, wendet er seinen suchenden Blick langsam von rechts nach links, denn inzwischen haben einige der Drohnen wieder begonnen, ihn zu beobachten. Er darf unter keinen Umständen den Eindruck von Schwäche vermitteln, sonst wittert einer der anderen tatsächlich die Chance, sich zum Dominus aufzuschwingen.

Wo zur Hölle ist dieser Hampelmann Ridicc?!

99.999.989

HONEY

Auswertung von Reaktionen der 347 beobachteten Lebensformen in [Anzeige:AnalogeWelt_PrimäreSphäre] und [DigitaleWelt.LeVillage.Burg.Festsaal] innerhalb der ersten zehn Sekunden seit Explosion der externen Sphäre mit den Koordinaten 49,84137° N / 24,02781° O:

auditiv_primär---

{Verdammt} – 57,94 %

{Shit} – 28,31 %

{Fuck} – 10,05 %

{#sonstige_gesammelt#} – 3,70 %

auditiv_sekundär---

{Wir werden alle sterben} – 42,00 %

{Ich wusste doch, dass es nicht funktioniert} – 28,47 %

{Das haben uns die Analogen eingebrockt} – 19,81 %

{Ich muss die Aktien verkaufen} – 5,12 %

{Das haben uns die Digitalen eingebrockt} – 3,89 %

{#sonstige_gesammelt#} – 0,71 %

visuell---

{erschüttert} – 66,99 %

{ungläubig} – 21,42 %

{wütend} – 8,38 %

{äußerlich unbewegt} – 3,21 %

Lautstärkepegel zurück im Default-Wertebereich---

Personenverteilung im Raum zeigt deutliche Clusterbildung um [Lebensform_humanoid_digital:Arnaud]---

100.000.007---

[L_h_d:Arnaud].Sprachausgabe: »Ähm …«---

[unbekannt] .Sprachausgabe: »Verflucht sollt ihr sein, dass ihr mit dem Vakuum spielt!«---

Ausrichtung visueller Rezeptoren erfolgreich---

Quelle der Sprachausgabe ist [Anzeige:AnalogeWelt_PrimäreSphäre]---

100.000.037---

[L_h_a.unbekannt_männlich].Bewegung: {X= +0,345233987 m; Y= +0,212387223 m; Z= +0,612344456 m} - exponierte Position

.Sprachausgabe: »Das Quantenvakuum ist des Teufels. Ihr werdet alle zur Hölle fahren!«---

100.000.039---

[L_h_a.unbekannt_männlich] .Bewegung: Hebung beider Arme senkrecht;parallel---

Einblendung [Anzeige_holografisch]: »Die SACHE ist mein, spricht der HERR!!1!«---

Kompilierung nicht erfolgreich---

Speicherung für Klärung mit [L_h_d:Gruppe_InnererKreis]---

[L_h_d:Mju].Sprachausgabe: »Was soll das bedeuten?«---

[L_h_d:Arnaud].Bewegung: Rotation um 34 Grad in Richtung [L_h_d:Mju]

.Bewegung: Hebung beider Schultern---

100.000.049---

[Anzeige:AnalogeWelt_PrimäreSphäre]

.Bewegung: 3x[L_h_a:unbekannt_männlich:Ordnungskraft] in Richtung [L_h_a:unbekannt_männlich].exponiert---

.Ausdruck: Verhaftungsmodus---

100.000.073---

[L_h_d:Arnaud] .Sprachausgabe: »Das ist vielleicht nur so’n Spinner, der sich auf Veranstaltungen einschleicht, um irgendeinen Blödsinn abzusondern, wenn gerade ein Videostream aufgezeichnet wird. Iuriis Leute werden ihn bestimmt befragen. Dann bekommen wir früher oder später raus, ob da was dran ist.«---

100.000.081---

[L_h_d:Mju] .Bewegung: Verringerung Abstand von Ober- und Unterlidern der Augen; deutliche Faltenbildung oberhalb der Nasenwurzel.

.Sprachausgabe: »Hoffentlich ist das wirklich nichts. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass diese Sache viel größer ist, als wir denken.«---

100.000.123---

Wahrscheinlichkeitsprojektion ergibt einen Verifikationsgrad von 90,397 Prozent---

In die Enge getrieben

Digitale Welt, Burg oberhalb von Le Village, Zeitindex 09062121_2150 – 09062121_2210

ARNAUD

Ich will eben Mju fragen, was sie mit ihrer Aussage meint, als mein Blickfeld von der Projektion einer Person eingenommen wird, von der ich gehofft hatte, sie erst nach der Feier zum erfolgreichen Start der Quanten-Vakuum-Collectors zu sprechen – mit einem ordentlichen Drink in der Hand. Auf der anderen Seite ist es aber auch klar, dass nur er mich in diesem Moment anrufen würde. Einen Moment lang starre ich auf das finster dreinblickende Foto meines Vaters und überlege fieberhaft, wie ich um dieses Gespräch herumkommen könnte. Doch angesichts der Katastrophe, die gerade über uns hereingebrochen ist, gibt es diese Option nicht. Also signalisiere ich den anderen, dass ich jetzt einen Anruf entgegennehme und begebe mich in eine Filterblase, damit die ganzen Leute außenrum nichts von meinen Worten mitbekommen.

Sofort wird Iuriis ohnehin schon finsteres Abbild von seinem wirklichen Gesicht ersetzt. Und dieses Gesicht trägt einen Ausdruck, bei dem es mir kalt den Rücken hinunterläuft. Diejenigen, die er mit so einem Blick bedenkt, verschwinden meist recht schnell von der Bildfläche.

»Was hast du getan?! Sprich!«

Auch wenn ich ja weiß, dass ich nichts getan habe, um die Explosion der Sphäre auszulösen, wird meine Kehle staubtrocken. In Iuriis Welt existiert der Satz »Unschuldig bis zum Beweis der Schuld« nicht.

»Ich habe nichts …«, beginne ich krächzend.

»Erzähl mir keinen Blödsinn!«, donnert er dazwischen. »Das war doch alles viel zu schön, um wahr zu sein. Unbegrenzte saubere Energie, von euch freiwillig dargebracht. Und ich falle tatsächlich auf dein sentimentales Geschwafel von Vater und Sohn rein. Gib’s zu, ihr …«

Inzwischen habe ich die ängstliche Starre überwunden, in die mich seine Worte wohl instinktiv versetzt hatten. Also lasse ich Iurii nicht ausreden, sondern schleudere ihm das Erste entgegen, das mir durch den Kopf schießt: »Jetzt komm mir bloß nicht damit, dass ich dich mit meiner Idee ans Messer liefern wollte. Wenn ich auf Rache aus gewesen wäre, dann hätte ich das selbst übernommen und dir dabei in die Augen geschaut.«

Iurii klappt den Mund, den er noch zum Weitersprechen geöffnet hat, geräuschvoll zu und mustert mich mit einer ganz anderen Art von Blick. Einem Blick, den er mir früher kaum jemals gewidmet hat. Er spricht von Stolz, wenn nicht sogar von Bewunderung. »Du hast dich verändert, mein Sohn«, sagt er mit einem langsamen Nicken. »Wenn ich gewusst hätte, dass das in dir steckt, dann hätte ich mir nie Gedanken um die Zukunft unserer Familie gemacht.«

Ich neige leicht meinen Kopf in seine Richtung. »Okay, dann jetzt also nochmal. Weder ich noch meine Leute haben mit dem QVC etwas anderes bezweckt, als endlich den Grund für unsere Rivalität zu beenden. Immerhin stellen die Dinger uns allen unbegrenzt viel Energie aus dem Quantenvakuum zur Verfügung. Und jetzt überleg mal.«

Kurz ballt sich sein Gesicht wie eine Gewitterwolke zusammen.

Shit, habe ich es mit der familiären Vertraulichkeit übertrieben?

Aber in diesem Augenblick erscheint der Kopf seines Katers Sphynx im Bild. Er muss dem auf seinem Hover-Chair sitzenden Iurii auf den Schoß gesprungen sein. Nun scheint auch Sphynx mich mit seinem ungleichen Augenpaar zu durchbohren. Automatisch beginnt Iurii damit, ihn zwischen den Ohren zu kraulen, und der Blick wird weicher. Der Dominus der Sphären schließt ebenfalls kurz die Augen und atmet tief durch, bevor er mir mit einem halben Lächeln bedeutet, weiterzumachen.

»Erstens sind auch wir davon abhängig, dass ein Quanten-Vakuums-Collector genau das tut, was ich dir berichtet habe. Zweitens haben auch deine Wissenschaftler die Funktionsweise bestätigt. Und drittens ist jedes dieser Geräte von analogen Ingenieuren in analogen Fabriken zusammengesetzt worden.«

Iurii gibt ein halb widerwilliges, halb zustimmendes Grunzen von sich. »Bleibt noch eine Sabotage nach der Fertigung – möglicherweise auch durch Leute aus deiner Welt. Vielleicht nicht aus deinem engsten Kreis, aber du kannst bestimmt nicht für alle Digitalen sprechen, oder?«

Ich gebe ein unverbindliches Brummen von mir, weil mir eingefallen ist, dass Mju vorhin gesagt hat, dass sie Beatrice auf der Feier nicht finden konnte. Würde sie so weit gehen? »Wir werden das klären. Sollte da irgendwas gelaufen sein, dann werden wir die betreffende Person sofort offline nehmen. Und auch du solltest in der analogen Welt Nachforschungen anstellen lassen. Wenn ich es mir recht überlege, dann könnte es einer der konkurrierenden Familien fast noch am ehesten in den Kram passen, wenn deine Position durch eine katastrophale Fehlfunktion an einem QVC in Gefahr gerät.« Oder vielleicht sogar Ridicc! Verdient der womöglich zusätzlich an den Energielieferungen aus Afrika, wenn er ja auch den OFFF-Handel mit diesem Claude zusammen aufgezogen hat?

Der Ausdruck auf dem Gesicht meines Vaters zeigt, dass er sich dem von mir geäußerten Verdacht nicht verschließen kann.

Auf die andere Fährte will ich ihn lieber erst einmal noch nicht bringen.

»Sei froh«, grummelt er. »Jedem anderen würde ich für so eine Andeutung – vom Arbeitsauftrag ganz abgesehen – den Saft abdrehen. Jetzt hol deine Leute zusammen. Ich verschaffe euch einen Aufschub, aber die Zeit läuft. Ihr habt drei Tage. Halte mich informiert und enttäusche mich nicht! Sonst muss ich doch noch einen Weg finden, um der digitalen Welt die Energie abzuziehen, die ich meinen Leuten zugesichert habe. Und du weißt, was das für einen Effekt hätte.«

Sein Gesicht verschwindet aus meinem Blickfeld und ich tauche wieder aus der Filterblase auf.

Alma, Mju und Kyle schauen mich mit banger Erwartung an. Nur Honey zeigt wie meistens eine unerschütterliche Miene.

»Wer war das?«, will Mju sofort wissen.

»Na, was glaubt ihr wohl?«

»Ich berechne eine Wahrscheinlichkeit von 97,85 Prozent dafür, dass es Iurii gewesen ist«, beantwortet Honey meine rhetorische Frage.

Ich zeige nickend auf sie. »Da hat die Wahrscheinlichkeit nicht getrogen.«

Sofort bestürmen mich die drei anderen mit Fragen, aber ich bringe sie mit einer Handbewegung zum Schweigen. »Es ist mir zum Glück gelungen, ihn davon zu überzeugen, dass nicht wir dahinterstecken. Vorerst.«

»Nicht wir?«, fährt Mju auf.

»Seh ich ja auch so. Und ich glaub, ich habe es geschafft, seine Ideen eher in Richtung anderer Analoger zu lenken.«

»Aber wie sollen die denn …?!«

»Lass Arnaud doch erst mal ausreden«, kommt es von Kyle.

Mju gibt ein Schnauben von sich und schaut mich dann mit vor der Brust verschränkten Armen an.

»Iurii hat sich darauf eingelassen, dass es nicht an den QVC selbst liegt, sondern es sich eher um Sabotage handelt.«

»Wer soll’n das gemacht haben?«

»Keine Ahnung … hat nicht vorhin irgendwer gesagt, dass Beatrice nirgendwo zu finden …?«

»Und deswegen willst du ihr das jetzt in die Schuhe schieben?!«, ruft Mju aufgebracht.

»Whoa, entspann dich mal. Das war doch nur so ins Unreine gesprochen. Hast du vielleicht ne bessere Idee?«

»Und ob! Wenn ihr mich nicht ständig unterbrochen hättet. Ich hätte euch nämlich schon vor Iuriis Anruf sagen können, was die Explosion ausgelöst hat!«

Limbus

Ich müsste tot sein. Oder etwa nicht?

Haben diese Emitter vielleicht doch nicht den Effekt gehabt, den ich vermutet hatte?

Aber wenn ich nicht tot bin, was bin ich dann? Und wo?

Um mich herum ist es dunkel. Nur von etwas, das mich umgibt, geht ein fahles Glimmen aus, in dem ich tatsächlich meine Hände erkennen kann, die gerade dabei sind, dieses Etwas zu erkunden.

Es ist ein Geflecht – einerseits flexibel, sodass es sich durch die Berührung nach außen verformt – , aber doch so stark, dass ich keinen Finger hindurchstechen kann.

Was ist dort draußen überhaupt? Oder ist das vielleicht alles nur in meinem Kopf? Hat mein Plan, die Infektion aufzuhalten, versagt? Werde ich doch eine von denen?! Innerlich zerfressen und nur noch dazu in der Lage, menschliches Fleisch zu verschlingen?

Ein gewaltiger Ruck lässt mich zusammenzucken.

Die Hülle, die mich umgibt, scheint sich aufzubäumen, als ob sie etwas abwehren wollte.

Oder jemanden?

Instinktiv will ich mich von dem Punkt wegschieben. Doch so sehr ich mich in das Geflecht kralle, um mich daran außer Reichweite zu ziehen, bewegt sich mein Körper trotzdem kein Stück.

Shit, ich hänge fest! Meine Beine …

In diesem Augenblick dringen Finger giftgrünen Lichts auf mich ein. Sie scheinen mich von allen Seiten abzutasten.

Verzweifelt winde ich mich, versuche zu schreien. Doch meine Kehle verlässt nur ein leises Gurgeln.

Da hämmert ein elektronisches Kreischen auf mich ein und das Dunkel wird allumfassend.

Orkus

Analoge Welt, Primäre Sphäre, private Bubble des Prinzipals der FUA, Zeitindex 09062121_2155 – 09062121_2200

»Privatsphäre-Modus auf Maximum!«

Sofort senkt sich Stille über den Innenraum des Transportmittels und der Prinzipal weiß, dass sie nach außen nun den Anschein einer leeren Bubble vermittelt.

»Aufbau gesicherte Verbindung zu C.«

Kaum hat Ridicc ausgesprochen, da blendet sich über seinem Communicator das Bild eines stämmigen Mannes mit Halbglatze und Schnurrbart ein, der eine selbstgefällige Miene zur Schau trägt und den Eindruck vermittelt, bereits auf den Anruf gewartet zu haben.

»Ridicc, mein Bester. Keine zehn Minuten nach dem Einschlag. Das ging ja flott. Konntest es wohl kaum erwarten, mir …«

»Spar dir das Gesabbel!«, fährt der Prinzipal dazwischen. »Du hast mir gesagt, dass du nen Weg weißt, um diese beschissene Zusammenarbeit mit den Digs zu torpedieren. Gut und schön. Aber du hast nix davon erwähnt, dass du eine fucking Sphäre sprengen wirst!«

Der überhebliche Ausdruck auf dem Gesicht des Anderen ändert sich zu einem von übertriebener Anteilnahme. »Was denn, höre ich da Skrupel? Tun dir die kürzlich verdampften Einwohner der Sphäre etwa leid?«

Ridicc gibt ein Schnauben von sich. »Scheiß auf die paar Hunderttausend.«

Sein Gegenüber legt die Spitzen seiner Finger aneinander und doziert: »Mitnichten, mein lieber Freund. Nach aktuellen Schätzungen sind dort mehr als zehn Millionen …«

»Dann eben Scheiß auf die Millionen!«, poltert Ridicc. »Du hättest mir vorher sagen sollen, dass du in der Lage bist, eine ganze Sphäre auszuschalten. Wenn das so weiter…«

»Ich sehe, du bist in der Lage, die Perspektive zu begreifen«, wird nun Ridicc unterbrochen. Der schnauzbärtige Mann mit der Lesebrille, die ihm sonst ein gemütliches, großväterliches Aussehen verleiht, lehnt sich in seinem Sessel zurück und zeigt dabei ein Lächeln, das den Prinzipal an einen herannahenden Tigerhai erinnert.

Unwillkürlich läuft Ridicc ein Schauer über den Rücken und er bemüht sich um eine versöhnliche Geste. Es ist nicht sinnvoll, einen Mann zu verärgern, dessen Launen so volatil sind.

Sieht so aus, als sollte ich meine Zelte hier früher als gedacht abbrechen, wenn ich nicht auch plötzlich verdampfen will.

#whatthefact

Digitale Welt, Burg oberhalb von Le Village, Zeitindex 09062121_2210 – 09062121_2250

MJU

Shit, das war jetzt wesentlich lauter als notwendig.

Ich spüre die Augen aller Umstehenden hier im Festsaal der Burg auf mir – nicht nur die von Mamie, Honey, Arnaud und Kyle. »Also, ähm …«, beginne ich, ohne wirklich zu wissen, was ich sagen will. Es hat mich nur so überrascht, dass Arnaud plötzlich Beatrices Abwesenheit ins Spiel gebracht hat. Weil das ungefähr meine Gedanken kurz vor dem Knall waren.

»Auch auf die Gefahr hin, dich noch einmal zu unterbrechen«, kommt mir Honey unbewusst zu Hilfe.

Oder sie hat in den unergründlichen Weiten ihrer mentalen Fähigkeiten tatsächlich schon erkannt, dass ich diesmal eine Unterbrechung gut gebrauchen kann.

»Eine Erklärung deinerseits wird nicht notwendig sein, denn ich rechne jeden Augenblick damit, dass sich Iurii an uns alle wendet. Die Wahrscheinlichkeit, dass er dies nach dem Meinungsaustausch mit Arnaud so schnell wie möglich tun wird, liegt bei 93,86 Prozent.«

Und wie zur Bestätigung ertönt in diesem Moment die Fanfare der FUA. Verbunden mit der Aufblendung eines Banners auf dem großen Screen, in den eine der Wände des Festsaals umprogrammiert wurde, signalisiert sie, dass nun eine öffentliche Verlautbarung erfolgt. Das sorgt dafür, dass sich tatsächlich die Blicke der meisten Leute ringsumher nun dorthin wenden, wo ein weiteres Mal das Konterfei des mächtigsten Mannes aller Sphären erscheint.

»Wir haben es alle gesehen«, beginnt er mit einem für seine Verhältnisse außerordentlich mitfühlenden Gesichtsausdruck. »Wie mir soeben von Experten bestätigt wurde, hat sich in der externen Sphäre von Lwiw eine Katastrophe ereignet, der vermutlich sämtliche Bewohner zum Opfer gefallen sind. Meine Gedanken und die der gesamten FUA sind bei den überlebenden Angehörigen.«

Er verstummt und schlägt die Augen nieder und wir tun es ihm nach.

Schließlich hebt er seinen Blick und sieht uns alle mit einer Intensität an, die ich noch nie in einem Videostream erlebt habe. »Was mir ebenfalls von diesen Experten verifiziert wurde, ist, dass es sich bei der Ursache dafür nicht um ein Problem des gerade dort in Betrieb genommenen QVC gehandelt hat. Vielmehr legen aktuelle Erkenntnisse nahe, dass es sich um den schändlichen Versuch fremder Kräfte handelt, die Unabhängigkeit und den Wohlstand, die uns genau diese QVC ermöglichen werden, zu sabotieren.« Während der letzten Worte hat seine Stimme einen gepressten Klang angenommen, den er nun zu einem Donnern explodieren lässt: »Daher erkläre ich hiermit in meinem Namen und in dem der FUA, dass wir nicht ruhen werden, bis die Drahtzieher dieses abscheulichen Anschlags dingfest gemacht worden sind!«

In der plötzlich eintretenden Stille nach diesem Ausbruch wage ich verstohlene Blicke in die Runde und sehe ringsum ernste Mienen und zustimmende Gesten.

Dann räuspert Iurii sich kurz und fährt ruhig fort: »Auch wenn sicher niemandem von uns mehr danach ist, diesen historischen Tag ausgelassen zu feiern, wünsche ich Ihnen einen guten Abend. Wir werden Sie über den Fortgang der Ermittlungen informiert halten.«

Eine markige Melodie erklingt, während zu Iurii weitere führende Personen der FUA – und mit einer kleinen Verzögerung auch Ridicc – auf die Bühne treten. Dann wird der Stream beendet.

Ich schaue zurück zu Honey, die mir mit einem Siehst-du-Ausdruck zunickt.

Inzwischen bekommt sie diese Mimik immer besser hin.

»Hätte nicht gedacht, dass ich mal solche Worte von meinem alten Herrn hören würde«, kommt es von Arnaud.

»Aber er hat durchaus den richtigen Ton gefunden«, ergänzt Alma.

Kyle starrt immer noch auf den Screen, der inzwischen einen Nachrichtensprecher zeigt, der wohl die aktuellen Ereignisse einzuordnen versucht.

»In der Tat, Madame«, bestätigt Honey. »Kurz und prägnant, mit einem ausreichenden Prozentsatz Anteilnahme, einer Beruhigung nach innen, aber auch mit einer Kampfansage nach außen. Dieses Wir-gegen-die-Gefühl, das er transportiert hat, wird von euch Menschen nach meinen Auswertungen sehr geschätzt.«

»Aber du bist doch jetzt auch ein Mensch«, wirft Kyle ein, der sich mangels Tonausgabe inzwischen vom Nachrichten-Stream abgewandt hat.

Honey wirft ihm einen seltsamen Blick zu. Nach einer für sie ungewöhnlich langen Pause sagt sie: »Es … ehrt dich, dass du mich ebenfalls als menschlich ansiehst … Kyle. Aber ich bin mir dessen nicht sicher.«

Ich sehe sie fragend an. Neben mir zeigen Arnaud und Kyle ähnliche Mienen.

Honey schaut einen Moment lang zwischen uns hin und her. »Nun … ich will es einmal so formulieren: Ich übe noch.«

»Und das ist angesichts der kurzen und nebenbei bemerkt auch recht turbulenten Zeit seit deinem Download auch nicht anders zu erwarten«, bemerkt Mamie und tätschelt Honey den Oberarm. Dann wendet sie sich zu mir. »Muriel, chérie, erinnere ich mich recht, dass du sagtest, du wüsstest, was passiert ist?«

Ups, da ist es wieder.

Röte schießt mir ins Gesicht, als mir klar wird, dass ich nicht drumherumkommen werde, meinen Ausbruch genauer zu erklären.

Obwohl ich eigentlich so gut wie nix weiß.

Kyle grinst. »Jetzt sag bloß, das war nur’n Spruch.«

»Na ja, nicht ganz. Ich hab was gesehen.« Ich weise verstohlen in die Runde der Menschen hier im Festsaal, die sich zumeist miteinander unterhalten. Einige von ihnen wirken allerdings, als würden sie uns insgeheim beobachten. »Aber meint ihr, dass wir das jetzt hier mitten unter den ganzen Leuten besprechen sollten?«

»Absolut korrekt, chérie«, bestätigt Mamie. »Besonders, da ich ja die Gastgeberin dieses Spektakels hier bin.« Sie blickt sich um. Als ich auch noch einmal genau in die Runde schaue, erkenne ich hauptsächlich Mienen, die wirken, als würden sie dringend nach einem Grund suchen, um nicht mehr hier sein zu müssen. »Einen Moment«, sagt Mamie und tippt sich kurz mit der rechten Hand gegen die Kehle.

»Meine Damen und Herren, liebe Freunde«, erschallt nun saalfüllend ihre Stimme. »Ich freue mich sehr über Ihre und eure heutige Anwesenheit. Doch angesichts der Katastrophe, deren Zeugen wir werden mussten, ist natürlich nicht mehr daran zu denken, den restlichen Abend unbekümmert zu verbringen.«

Ringsherum ertönt zustimmendes Gemurmel und die meisten Personen nicken mit ernsten Mienen.

»Ich bedaure zutiefst, dass dieses Fest nicht wie geplant stattfinden kann und ich wünsche mir, dass wir es zu einem passenderen Zeitpunkt wiederholen können.«

Die Anwesenden scharen sich langsam um Mamie und verabschieden sich von ihr – einige auch von mir, Arnaud und Kyle. Nur nicht von Honey. Sie kann anscheinend keiner von ihnen zuordnen.

Fabrice und die anderen aus London zugeschalteten Analogen – ganz zuletzt auch Benisha – blenden ihre von Mamies Tool zur Verfügung gestellten Avatare aus. Das Zwinkern, das sie mir kurz vorher schickt, lässt mir die Knie weich werden, während wir zusammen den großen Saal verlassen und uns stattdessen in Mamies Salon setzen.

»So, dann hau mal raus«, sagt Arnaud händereibend. »Was hast du gesehen?«

»Na ja, das … Moment mal, Honey, kannst du den Stream von vorhin einfach nochmal abspielen? Ehrlich gesagt bin ich mir selbst nicht sicher, was ich gesehen habe.« Oder ob überhaupt.

»Selbstverständlich.« Honey lässt einen Screen vor uns aufblenden und startet die Wiedergabe. Iurii erzählt ein weiteres Mal von »seiner guten Idee«, die uns allen ein besseres Leben ermöglichen wird. Dann sehen wir seine anweisende Geste und hören sein letztes Wort, woraufhin sein Gesicht von der Ansicht der Sphären ersetzt wird, die auf Iuriis Anweisung hin hell erleuchtet werden.

»Stopp!«, rufe ich und weiß nicht, ob ich froh darüber sein soll, dass ich mir tatsächlich nichts eingebildet habe.

Die Wiedergabe friert ein.

Ich springe auf, trete näher an den Screen und zeige auf einen Punkt. »Seht ihr?«

Arnaud keucht. »Was zur Nullpointer-Exception ist das?!«

Ins Unreine gedacht

Digitale Welt, Burg oberhalb von Le Village, Zeitindex 09062121_2250 – 09062121_2310

ARNAUD

Jetzt, wo Mju auf den Punkt im angehaltenen Stream zeigt, beginne ich zu verstehen, warum sie der Meinung ist, dass die ganze Sache wesentlich größer sein könnte, als es sich selbst Iurii vorstellen kann. Und das, obwohl ich keinen Plan habe, was dort überhaupt zu sehen ist.

Neben mir machen auch Alma und Kyle angestrengt wirkende Gesichter, während sie ebenfalls zu erkennen versuchen, was dieser Schatten dort zu bedeuten hat.

Ein Schatten, der sich außerhalb und direkt oberhalb der Sphäre von diesem Ort namens Lwiw befindet.

»Ich kann mir auch nicht erklären, was das da sein soll«, gibt Mju auf meinen Ausruf zurück. »Aber jetzt schaut euch erst mal an, wie’s weitergeht. Honey, kannst du bitte den Stream in 20-prozentiger Geschwindigkeit laufen lassen?«

»Selbstverständlich«, kommt es von ihr und das eingefrorene Bild beginnt sich langsam wieder zu bewegen.

Der Schatten fällt auf die Sphäre zu.

Dann dringt er in sie ein, als wären die 20 Zentimeter dicken Polymere, aus denen die transparenten Teile der Abschirmung des Habitats bestehen, nicht mehr als ein Layer Silizium auf einer antiken Platine. Als das Etwas aber auf den Erdboden trifft, flammt ein greller Blitz auf und breitet sich von dort – auch trotz verlangsamter Wiedergabe – in irrwitziger Geschwindigkeit nach allen Seiten aus, bis ein Großteil des Sphären-Innenraums davon erfüllt wird. Dann wird die Sphärenabschirmung auseinandergerissen und hinterlässt einen Fleck tiefer Schwärze im dämmrigen Grau der Umgebung, über dem eine mächtige Qualmwolke in den Himmel steigt.

»Unglaublich«, keucht Alma. »Honey, ma chère, kannst du die Anzeige vergrößern?«

»Das habe ich bereits getestet, Madame. Es hat leider nicht den Effekt, dass besser zu erkennen wäre, worum es sich bei diesem Gebilde gehandelt hat.«

»Wow, warum das denn?«, platzt es aus mir heraus.

»Das liegt nicht an meiner Rechenkapazität, falls du dies denken solltest«, gibt Honey sofort zurück und ich könnte schwören, in ihrem Tonfall einen Anflug von Schnippischkeit zu erkennen. »Ebenfalls nicht an der Limitierung durch meine Hülle. Es hat lediglich damit zu tun, dass der Stream einen zu hohen Kompressionsgrad aufweist, um mit dem notwendigen Faktor vergrößert zu werden – wahrscheinlich aufgrund der erwarteten Zuschauerzahl.«

»Hm, macht Sinn. Dann werde ich zusehen, dass ich uns von Iurii das Originalmaterial besorge.« Ich schaue in die Runde. »Was meint ihr, sollte ich es vielleicht erst mal vermeiden, ihm den Grund dafür zu nennen?«

»Meinst du nicht, dass seine Leute schon längst dabei sind, dieses Video zu analysieren?«, will Kyle wissen.

Mju schüttelt den Kopf. »Wenn ich nicht zufällig genau in dem Moment dorthin geschaut hätte, dann wäre mir dieser Schatten nicht aufgefallen. Und Arnaud hat doch auch erzählt, dass Iurii eher von einer Sabotage des QVC ausgeht.«

»Ein valider Ansatz, Mju«, bestätigt Honey. Dann ergänzt sie mit einem schwer zu deutenden Gesichtsausdruck: »Es gibt da eine Sache, zu der ich euren Input benötige.«

Wir schauen sie überrascht an.

Honey zeigt auf den Screen, den sie erneut angehalten hat. Dort ist wieder dieser Spinner zu sehen, der von Iuriis Leuten abgeführt wird. »Meine Algorithmen waren noch nicht in der Lage, die Aussagen dieses Individuums vollständig zu kompilieren. Um es mit euren Worten zu sagen: ‚Ich kann mir keinen Reim darauf machen.‘«

»Was willst du wissen?«

»Seine Aussagen – sowohl verbal als auch auf dem Banner – enthalten Termini, die ich nicht in einen logischen Sinnzusammenhang bringen kann. Die Begriffe ‚Hölle‘ und ‚Teufel‘ konnte ich recherchieren. Aber was ist das für eine ‚Sache‘, die diesem ‚Herrn‘ gehören soll?«

»Ja, das ist in der Tat etwas, das sich unter rein logischen Gesichtspunkten wahrscheinlich nicht verknüpfen lässt«, kommt es von Alma, die zwischendurch stumm unserem Gespräch gelauscht hat. »Tatsächlich denke ich, dass es sich um ein leicht verfälschtes religiöses Zitat handelt.«

»Religiös?«, fragt Kyle mit gerunzelter Stirn.

Alma nickt mit ernster Miene. »Ja, mein Junge. Es gibt auch heute noch einige Anhänger des Glaubens an ein göttliches Wesen, das sie auch den ‚Vater‘ oder ‚Herrn‘ nennen. Und in einer ihrer heiligen Schriften steht etwas davon, dass ebendieser Gott es sich selbst vorbehält, über alles Leben, das er geschaffen hat, zu richten und begangenes Unrecht zu sühnen. Wenn ich mich recht erinnere, dann sprach der ‚Herr‘ also: ‚Die Rache ist mein‘.«

Das Runzeln auf Kyles Stirn weicht einem ungläubigen Ausdruck und er breitet seine Arme in einer allumfassenden Geste aus. »Aha. Und wo soll dieser Gott genau sein?«

Doch von Alma kommt keine Antwort.

Als ich mich ihr zuwende, bemerke ich den Grund.

Sie schaut auf einen weiteren Screen, der mit ausgeschaltetem Ton neue Drohnen-Bilder von der Sphäre überträgt. Und auf diesen ist das Ausmaß der Zerstörung nur allzu deutlich zu erkennen.

In der Kuppel klafft ein enormes Loch – wenn auch nicht so groß, wie ich es mir bei einer solchen Detonation vorgestellt hätte. Dann wird mir klar, dass sich der Lichtblitz, den ich bisher für eine Explosion der Sphäre selbst gehalten hatte, hauptsächlich unter der Kuppel ereignet haben muss. Zurückgeblieben sind, so weit ich hineinsehen kann, nur noch verkohlte oder rußgeschwärzte Gerippe ehemals stolzer Wolkenkratzer.

Was für eine Hitze muss das gewesen sein, die zu so etwas imstande ist?

Wie um meine Gedanken zu bestätigen, zeigt eine Laufschrift am unteren Rand des Screens Daten und Fakten zu Bewohner- und vermuteter Opferzahl an. Nun wird auf eine andere Drohne geschaltet, die durch das Loch in den Innenraum manövriert wurde und so auch die Verheerungen weiter entfernt vom Einschlagspunkt zeigt.

Das kann keiner überlebt haben. Sie sind alle fort. Geschmolzen. Oder verdampft.

Mein Magen zieht sich schmerzhaft zusammen und ich bin froh, dass ich noch nicht auf die Idee gekommen war, etwas zu essen. Ohne dass ich es selbst bemerkt habe, haken meine Gedanken bei etwas ein, das mich schon von dem Augenblick an gestört hat, als Mju uns den Schatten zeigte. »Wenn man doch nur noch innerhalb von geschützten Habitaten existieren kann, wer hat dann dieses Ding von außen auf die Sphäre geworfen?!«

#nothingsimpossible

Digitale Welt, Burg oberhalb von Le Village, Zeitindex 09062121_2310 – 10062121_0710

MJU

Fassungslos starre ich Arnaud an, als mir mehr und mehr der Implikationen bewusst werden, die sein Ausruf beinhaltet.

»Du willst mir doch hoffentlich nicht erzählen, dass es diesen ‚Gott‘ tatsächlich gibt«, nimmt Kyle die Worte vorweg, die auch mir auf der Zunge liegen.

Arnaud bläst mit einem unschlüssigen Gesicht die Backen auf, während er die Schultern hochzieht. »Kein Plan«, antwortet er schließlich. »Ich hab nur das Offensichtliche ausgesprochen. Da ist irgendwas von draußen in die Sphäre geflogen und erst danach ist drin alles explodiert. Sagt mir, dass ich mich irre, aber da draußen kann man doch nun mal nicht leben. Oder doch?« Damit schaut er zu Honey und Mamie.

Honey sucht zunächst den Blick von Mamie, als diese aber nur ihren Kopf schüttelt, legt sie los. »Nach meinen Recherchen ist es keineswegs unmöglich, außerhalb der Sphären zu leben. Arnaud, du hast es auf dieser Insel namens England bereits verifizieren können. Dennoch sind die Parameter in unseren Breitengraden nicht dazu geeignet, dies über längere Zeit zu unterstützen. Wasser ist an der Oberfläche nicht mehr zu finden, die Temperaturen schwanken zwischen Tag und Nacht extrem und die Strahlung der Sonne hat schon nach wenigen Stunden einen pathogenen Effekt. Doch mit entsprechender Ausrüstung kann es gelingen, dort zu überleben. Allerdings berechne ich keine signifikante Wahrscheinlichkeit dafür, dass ein Objekt, wie wir es beobachten konnten, von einer wie auch immer gearteten außerhalb der Sphären agierenden Gruppe auf diese Flugbahn gebracht werden kann.«

»Okay … hast du doch noch weitere Daten besorgen können?«, will ich wissen.

Aber nun schüttelt Honey den Kopf. Sie setzt an zu antworten, als ein Ausruf von Arnaud uns zu ihm herumfahren lässt.

»Oh, sorry«, sagt er. »Beim Wort ‚Daten‘ musste ich nur daran denken, dass ich die ja von Iurii besorgen will. Ich klinke mich mal kurz aus. Drückt mir die Daumen.« Er verlässt den Salon.

»Nein«, bestätigt Honey ihre Geste, als wir uns ihr wieder zuwenden. »Ich habe lediglich die rudimentären visuellen Daten für eine Extrapolation herangezogen. Danach wäre ein Objekt wie das, was wir sehen konnten, mindestens sechs Meter lang. Außerdem konnte ich diesen Punkt bis in eine Höhe von 15 Kilometern über dem Boden selbst in dem stark verpixelten Material zurückverfolgen. Und …« Sie stockt und sieht in Richtung des Durchgangs, in dem Arnaud gerade wieder erscheint.

»Oh, hat er dir das Zeug schon geschickt?«, bemerkt er auf ihren Blick hin. »Ich hab ihn wohl in nem günstigen Moment erwischt. Er hat gar nicht groß gefragt, sondern gesagt, dass wir nen Link zu dem Server bekommen, auf dem die ganzen Drohnen ihre Aufnahmen gespeichert haben.«

»In der Tat. Dann macht es wenig Sinn, weiter über die dilettantischen Versuche zu sprechen, die ich mit dem unzureichenden Material angestellt habe.«

»Stimmt, zeig her!«, platze ich heraus.

Einen Augenblick lang wirkt es so, als würde Honey es ablehnen wollen, die Auswertung zusammen mit uns zu machen. Aber dann nickt sie und blendet einen Screen mit einem Standbild auf, das die Aufnahme der Drohne von Lwiw zeigt – diesmal gestochen scharf.

Schon beim ersten Blick wird mir eins klar: Das unidentifizierte Flugobjekt ist viel größer, als wir bisher dachten. Das, was wir für die gesamte Länge gehalten hatten, ist nur ein Lichtreflex von der hell erleuchteten Sphäre auf dem vorderen Teil.

»Alter«, stößt Kyle hervor. »Das Ding ist ja riesig.«

»Wie bekommt man das so weit nach oben?«, ergänzt Arnaud.

»Ma chère, könntest du den Umriss des Objekts genau bestimmen und diesen dann über die gesamte Aufnahme beibehalten?«

»Natürlich, Madame. Tatsächlich habe ich die Berechnung der Flugbahn bereits abgeschlossen. Seht her.«

Die Aufnahme läuft rückwärts – langsam genug, dass auch wir beobachten können, wie sich das Ding immer weiter nach oben bewegt. Bis es aus dem Bildausschnitt verschwindet.

»Aber … das ist … unmöglich«, kommt es von Mamie. »Der Flugbahn und Lage dieses Objekts nach zu urteilen spricht nichts dafür, dass es wie eine Rakete irgendwo abgeschossen worden wäre. Eher deutet es auf einen reinen Fall hin – vor allem, wenn ich die Zahlen, die du dazu noch eingeblendet hast, richtig deute. Die Geschwindigkeit bleibt im beobachteten Zeitraum konstant.«

Kyle gibt ein Prusten von sich. »Also doch von Gott aus dem Himmel geschickt?«

»Nicht unbedingt«, murmele ich – mehr zu mir selbst. Erst als ich bemerke, dass die Umsitzenden mich interessiert anschauen, wird mir klar, dass ich wohl lauter als gedacht gesprochen habe. Und dass ich eigentlich keinen Schimmer habe, was ich damit sagen wollte. Ich will eben verbal abwinken, da zuckt ein Bild durch meinen Kopf. Das Bild eines Typen, der vor einem Fluggerät steht und mit glänzenden Augen seine Spezifikationen runterbetet. »Der THIC!«, entfährt es mir.

»Pardon?!«, kommt es daraufhin von Mamie mit einem missbilligenden Gesichtsausdruck.

Als ich auch die Ausdrücke verschiedener Formen von Überraschung oder Heiterkeit auf den Gesichtern der anderen bemerke, fällt es mir auf. Kurz schießt Hitze in meine Wangen. »Nein, das klingt nur so. Ich meine unser Fluggerät, mit dem wir aus Afrika gestartet sind.«

»Was allerdings HAWK heißt«, bemerkt Kyle grinsend.

»Aber nur, seit du es umgetauft hast. Ich …«

»Könnt ihr mal bitte wieder klarkommen?«, wirft Arnaud ein. »Mir ist es ziemlich egal, wie ihr das Teil nun nennt. Aber was hat das jetzt mit dem Ding zu tun, das die Sphäre gesprengt hat?«

»Was wir nicht wirklich wissen«, bemerkt diesmal Honey – ohne sichtbare Regung in ihrem Gesicht.

Arnaud fährt zu ihr herum, doch Honey bleibt weiter gelassen.

»Sämtliche Prämissen, die wir momentan in unsere Überlegungen einbeziehen, bieten sich zwar durchaus an, sind aber unbewiesen.«

Er gibt ein Schnauben von sich und winkt ab. »Mehr haben wir im Moment aber nicht. Willst du dich jetzt etwa einfach hinlegen?«

»Wie du weißt, müssen wir nicht schlafen«, gibt sie mit zweifelndem Blick zurück. »Oder war dies eine Metapher?«

»Genau«, bestätigt Arnaud. »Ich bin fein damit, wenn wir mit dem unbewiesenen Zeug erst mal weitermachen. Das können wir später immer noch angehen. Aber jetzt will ich erst mal wissen, was Mju eben eigentlich sagen wollte.«

Damit wenden sie sich alle wieder mir zu.

»Ich … musste nur gerade dran denken, was der Typ, der uns den Vogel in Afrika vorgestellt hat, da alles an Spezifikationen genannt hat. Das Ding ist doch nicht nur unglaublich schnell, sondern kann auch ultrahoch fliegen. Was ist, wenn es auch welche gibt, die solche Dinger an Bord haben und sie am richtigen Ort einfach fallen lassen können?«

»Claude!«

Dieser Name – und der Tonfall, in dem Mamie ihn ausgesprochen hat – lässt mir spontan einen Schauer über den Rücken laufen. Auch Kyle blickt sie mit einem Anflug von schockiertem Erkennen auf dem Gesicht an.

Kein Wunder. Schließlich hat auch er mitbekommen, wie dieser Typ so drauf ist. Ihm wäre das tatsächlich zuzutrauen.

Honey und Arnaud aber hatten ja nie einen direkten Kontakt zu diesem narzisstischen Ekelpaket. Also sind die Blicke, die sie Mamie zuwerfen, eher fragend. Also erzählt sie ihnen von ihrem früheren Kollegen und dem, was er inzwischen in Afrika aufgebaut hat.

»Dann sollten wir auch die Tatsache in unsere Überlegungen einbeziehen, dass der Omnistream X ebenfalls aus Afrika kommt«, ergänzt Honey.

»Ja und?« Arnaud schaut sie verständnislos an.

»Weil der OS X ja nicht nur für die Datenlieferung an analoge Makerys und Heim-Producer ausgelegt ist, sondern auch für die Energielieferung«, sagt Mamie mit einem Nicken in Richtung von Honey.

Arnaud gibt ein Pfeifen von sich. »Und die ist durch unsere QVC ja inzwischen unnötig.«

»Immer diese dämlichen DiCs«, murmelt Kyle kopfschüttelnd.

»Was meinst du?«, will ich wissen.

»Na, ist doch klar. Wenn wir deren Energie nicht mehr brauchen, dann bezahlen wir sie auch nicht. Also bricht denen da drüben bestimmt ein lukrativer Geschäftszweig weg. Klar, dass denen das nicht gefällt.«

»So haben früher schon Kriege begonnen«, sagt Mamie leise aber eindringlich.

Ich reibe mir übers Gesicht und versuche dabei, das Chaos von Informationen und Gedanken in meinem Kopf zu ordnen. »Okay, was haben wir«, sage ich dann – nicht wirklich als Frage an die anderen gerichtet. »Es sieht ganz danach aus, dass die Explosion der Sphäre auf einen Angriff von außen zurückzuführen ist. Für einen solchen Angriff braucht man ne Menge technisches Gedöns und auch Verständnis. Beides ist bei Claude auf jeden Fall vorhanden – besonders, wenn wir seine Connection nach Afrika mit einbeziehen, die bestimmt auch Interesse daran hat, uns vom Betrieb der QVC abzuhalten.«

»Zutreffend zusammengefasst«, bestätigt Honey.

»Was geht denn in Afrika eigentlich so ab?«, will Kyle wissen. »Und wer ist die Regierung? Etwa auch die FUA?«

»Meinen Recherchen nach wurde der afrikanische Kontinent schon vor einigen Jahrzehnten von einer großen Anzahl von High-Tech-Konzernen besiedelt, die letztendlich auch die Umwandlung der inneren Landmasse in einen bewohnbaren Zustand umgesetzt haben«, bemerkt Honey. »Die äußeren Ränder sind zur Abschottung befestigt. Dahinter liegen Solar- und Windparks. Geführt wird das gesamte Konstrukt von einem Verwaltungsrat, dessen Oberhaupt, der ‚chief african officer‘ oder CAO, in vierwöchentlichen Sprints wechselt – basierend auf der dann jeweils höchsten Anzahl gehaltener Patente.«

»Ich versteh kein Wort«, kommt es von Kyle.

»Das ist auch nicht zwingend notwendig«, bemerkt Honey mit einem ungewöhnlich warmen Lächeln in seine Richtung. »Fakt ist, dass die Funktionäre der FUA nach meiner Datenanalyse nicht den jeweils amtierenden CAO stellen und daher lediglich diplomatische und geschäftliche Beziehungen zwischen ihnen bestehen. Dementsprechend ist es angeraten, dass wir der FUA empfehlen, diese Beziehungen zu nutzen, um für eine Klärung zu sorgen. Und damit kommen wir wieder zu einem Punkt, den ich vorhin bereits angemerkt habe.«

»Unsere Vermutungen sind in keiner Weise bewiesen«, wirft Mamie ein.

Honey neigt leicht ihren Kopf. »In der Tat, Madame. Also sollten wir das uns zur Verfügung stehende Material so schnell wie möglich sichten, um daraus eine Vorlage für die FUA zu erstellen.« Sie schweigt einen Moment, dann ergänzt sie: »Und dabei könnte ich eure Hilfe gebrauchen.«

Kurz bevor die einsetzende überraschte Stille unangenehm zu werden droht, klatscht Mamie in die Hände. »Aber herzlich gern, ma chère. Wie wollen wir die Aufteilung vornehmen? Chronologisch oder geografisch?«

Honey schenkt ihr ein kurzes Lächeln, das ich bei jedem normalen Menschen mit Erleichterung gleichsetzen würde. »Ich halte es für sinnvoll, wenn sich jeder für eine der Drohnen entscheidet – zumal es fünf Stück sind – und dann das jeweils zugeordnete Material chronologisch sichtet.«

»Eine gute Idee«, bestätigt Mamie. »So werden wir eventuelle Besonderheiten am ehesten erkennen.«

Also teilen wir uns auf. Alle suchen sich einen Ort, an dem sie oder er sich in Ruhe dem ausgesuchten Material widmen kann. Nur Honey bleibt erst einmal noch bei mir stehen.

Ich sehe sie fragend an. »Alles klar bei dir?«

»Exakt ausgewertet ist das nicht der Fall«, gibt sie zu. »Aus diesem Grund habe ich eine Anfrage an dich.«

»Okay, schieß los.«

Wieder dauert es einen Moment, in dem ich mich frage, ob Honey herauszufinden versucht, ob sie meine Worte wörtlich nehmen soll. Dann aber geht sie doch nicht darauf ein. »Es ist unverhältnismäßig schwierig, mein Problem in Worte zu fassen.«

»Hilft es dir, mir erstmal nur eine Situation zu beschreiben, in der dieses Problem aufgetreten ist? Oder die äußeren Umstände, die dieses Problem herbeigeführt haben?«

»Positiv. Es handelt sich um eine Kombination mehrerer Parameter, die ich nur unzureichend verarbeiten konnte. Ein plötzlicher Anstieg der kardiovaskulären Tätigkeit in Verbindung mit der Ausschüttung von C158H251N39O46S und einer Abnahme der wahrgenommenen Gravitation.« Nachdem sie geendet hat, sieht Honey mich auffordernd an.

»Aha«, mache ich, um erst einmal ein wenig Zeit zu gewinnen. Aber die chemische Summenformel sagt mir überhaupt nichts. »Ähm … kannst du mir diese chemische Formel noch etwas genauer erklären? Im Chemieunterricht war ich immer nur Deko.«

»Hilft dir dies hier?«, fragt sie und blendet das Bild eines Moleküls ein.

Ein Blick genügt, um mich zum Lächeln zu bringen, denn jetzt macht alles einen Sinn. »Kann es sein, dass die Kombination dieser Faktoren aufgetreten ist, als du etwas Bestimmtes gehört hast?«

Honeys Augen werden größer. »Das ist korrekt. Aber woher …?«

»Woher ich das weiß? Das ist einfach erklärt. Auch wenn ich mit Chemie nie was anfangen konnte, ist mir dieses Molekül sehr gut bekannt, denn ich hatte es früher einmal als Anhänger zu einer Halskette. Das ist β-Endorphin – auch bekannt als Glückshormon.«

»Und das bedeutet?«

»Das bedeutet, dass das, worüber wir gesprochen haben, bevor wir zu dieser katastrophalen Drohnen-Show gegangen sind, wahr ist. Du stehst voll auf den Typen, der in diesem Moment etwas zu dir gesagt hat. Wer war es denn nun eigentlich? Arnaud oder Kyle?«

Einen Augenblick lang steht Honey wie abgeschaltet da. Dann räuspert sie sich. »Und das kannst du nur aus diesen drei Werten berechnen?«

»Hey«, sage ich und gebe ihr einen spielerischen Klaps auf den Oberarm. »Lenk jetzt bloß nicht ab. Wer war es?«

»Kyle natürlich. Aber ich bin immer noch nicht in der Lage, diese Werte zu interpretieren, wie du es getan hast.«

»Kein Problem. Also: Dein Herz hat angefangen zu hämmern, Glückshormone fluten deinen Körper und du fühlst dich leicht wie eine Feder. Zusammengenommen ist das die volle Packung Verliebtheit.«

»Kann man das irgendwie abschalten?!«

Ich schaue Honey mit gerunzelter Stirn an. »Warum das denn?«

»Weil es meine Effizienz in höchstem Maße beeinträchtigt.«

»Aber du hast mir doch viel früher schon mal erzählt, dass du Gefühle für Kyle hast«, beginne ich, als mir etwas bewusst wird. »Na klar! Du hast gesagt, dass diese Gefühle in dem Moment angefangen haben, als du deinen digitalen menschlichen Körper bekommen hast.«

»Positiv.«

»Nur war Kyle zu diesem Zeitpunkt schon im OFFF verschwunden. Also bist du jetzt zum ersten Mal als Mensch wirklich auf ihn getroffen. Und er hat dir vermutlich etwas Positives gesagt.«

»Negativ.«

»Hä?«

»Es war nichts Positives, sondern etwas Neutrales. Er hat die Aussage gemacht, dass ich jetzt auch ein Mensch bin.«

»Tja, das hat offensichtlich gereicht.«

Honeys Blick wird eindringlich. »Aber ich will das nicht! Wie soll ich denn funktionieren, wenn seine Worte diese Hülle in einen derartigen Aufruhr versetzen? Es fällt mir doch ohnehin schon schwer, hier drinnen Dinge zu tun, die vorher ganz einfach waren.«

»Was meinst du damit?«

Einen Moment lang sieht sie mich nur an. Dann platzt es aus ihr heraus: »Denk nur an die Tatsache, dass ich euch um Hilfe bitten muss, um die lächerlichen paar Terabyte an Videomaterial zu analysieren. Diese Hülle beherrscht einfach keine Parallelisierung. Ich …« Sie bricht mit einem alarmierten Gesichtsausdruck ab.

»Kann es sein, dass du deinen Körper eher als … Hindernis empfindest?«

Honey lässt Schultern und Kopf hängen. Ohne mich anzusehen, nickt sie langsam. »Es … ist nicht so, dass … dass ich das Geschenk, das ihr mir dargebracht habt … nicht zu schätzen wüsste.« Sie hebt ihren Kopf und schnieft. »Aber es ist schwer, zu wissen, dass ich ohne ihn viel … nützlicher wäre.«

Ich rutsche nah an sie heran und lege meine Hand auf eine von ihren. »Hey, du denkst doch wohl hoffentlich nicht, dass wir dich nur als … als … eine Art digitale Dienerin betrachten?«

Ein Lächeln hellt Honeys Züge auf. »Hierfür berechne ich keine Signifikanz. Wenn ich die Eingaben der visuellen Rezeptoren aus der Zeit außerhalb dieser Hülle korrekt auswerte, dann hat sich deine Einstellung mir gegenüber nicht verändert.«

Diesmal brauche ich ein paar Sekunden, um nachzudenken, bevor ich ihr eine Antwort gebe. »Das ist korrekt. Ich habe dich geschätzt, bevor du in diesen Körper geladen wurdest, und schätze dich auch jetzt. Und zwar nicht weniger oder mehr, egal, was du selbst von deiner Effizienz hältst. Und ich denke, dass das die anderen genauso sehen.«

»Gut«, sagt Honey und nickt langsam. »Dann werde ich Alma bitten, meinen Code wieder ins System hochzuladen.«

Ich will schon rufen, dass sie mich falsch verstanden hat. Doch da sehe ich, wie sich ein strahlendes Lächeln auf Honeys Gesichtszügen ausbreitet.

»Danke für das Gespräch und deine Ehrlichkeit, Mju. Und jetzt sollten wir uns an die Auswertung machen.«

Einige Stunden später bin ich immer noch nicht ganz fertig mit den Dateien, die mir zugeordnet worden sind. Auch wenn ich das Material in mehrfacher Geschwindigkeit ablaufen lasse, so besitzt jede Drohne doch nicht nur eine Kamera, sondern fünf. Und zusätzlich noch einen Infrarot-Sensor. Also habe ich letztendlich einen Algorithmus von Mamie benutzt, um die vier hochauflösenden, starr in alle vier Himmelsrichtungen ausgerichteten Blickwinkel mit dem 360-Grad- und dem Infrarot-View zu einem umfassenden Panorama zu verbinden. So sind es insgesamt nur noch zehn Aufnahmen, die etwa eine Stunde vor dem eigentlichen Stream beginnen. Anfangs ist es außen herum noch ziemlich hell, sodass ich das Ausmaß der Verheerung der Landschaft überdeutlich erkennen kann. Es ist kaum vorstellbar, dass sich jemand freiwillig dort aufhalten sollte. Während ich Aufnahme um Aufnahme betrachte, nagt etwas an mir, das ich nicht so recht greifen kann. Dazu muss ich zu viel Aufmerksamkeit den Bildern zuwenden, die ich betrachte.

Und was ist mit denen, die es nicht in die Sphären geschafft haben?, schießt es mir aber schließlich doch durch den Kopf und ich stutze.

Doch in diesem Moment wechselt das Panorama und das, was ich dort erblicke, wischt den Gedanken schlagartig beiseite.

Ein Stück von mir entfernt keucht Kyle heftig auf. »Leute«, ruft er dann mit einem Zittern in der Stimme. »Das müsst ihr euch anschauen!«

O verdammt. Bei dir etwa auch?!

Limbus

Was geschieht hier mit mir?!

Ich weiß nicht, wie lange ich ohne Bewusstsein war. Um mich herum ist aber alles noch so wie vorher. Und ich kann immer noch nichts erkennen, das sich außerhalb der Hülle befindet, die mich gefangen hält.

Allerdings fühlt es sich so an, als würde sich diese Hülle jetzt bewegen.

Nach oben? Nach unten?

Ich nehme die Bewegung wahr, ohne sie einer Richtung zuordnen zu können.

Die Geschwindigkeit nimmt zu. Dann ein Rauschen und Spritzen. Und plötzlich kommt mit einem heftigen Ruck alles wieder zur Ruhe.

Jetzt bemerke ich, dass sich sehr wohl etwas verändert hat.

Da ist Helligkeit – nicht hier drinnen, sondern draußen.

Hat diese Hülle irgendwo festgesteckt? Ist sie jetzt befreit worden? Oder war sie versteckt und wurde gefunden? Wäre es vielleicht besser, wenn sie nicht gefunden worden wäre?

Plötzlich nimmt die Helligkeit wieder ab und ich stelle erst in diesem Augenblick fest, dass ich mich schon an ihr Vorhandensein gewöhnt hatte.

Sekunden später ist es nicht nur wieder so dunkel wie zuvor. Auch haben die Wände der Hülle eine andere Qualität bekommen. Unnachgiebig sind sie. So sehr ich auch mit meinen Händen dagegendrücke, ich kann sie nicht bewegen.

Sofort beginnen die kalten Finger der Panik damit, sich um meinen Hals zu legen.

Ist das vielleicht ein Sarg? Werde ich lebendig begraben?!

In Angriff genommen

Digitale Welt, Burg oberhalb von Le Village, Zeitindex 10062121_1000 – 10062121_1200

ARNAUD

Kyles Worte lassen mich zu ihm herumfahren. Dabei streift mein Blick den Ort, wo Mju sich ebenfalls von ihrem Screen herumgedreht hat. Und sie trägt dabei einen Ausdruck von banger Erwartung, der mir ganz und gar nicht gefällt. Ich stehe auf und gehe zu Kyle, der mit seinem Finger auf etwas deutet, das in seiner gestoppten Aufnahme vage zu sehen ist.

»Und schaut mal hier«, erklingt Mjus Stimme.

Ich wende mich wieder ihr zu und kann erkennen, dass auch sie auf etwas auf ihrem Screen zeigt.

Shit, dann waren es sogar drei Angriffe! Mindestens.

Ohne weiter nachzudenken, starte ich einen Call mit Iurii und platze sofort mit meinen Informationen heraus, als er sich meldet.

»Was soll das heißen?!«, verlangt er zu wissen.

Iuriis Blick bohrt sich in meinen und ich habe mit einem Mal tatsächlich das Gefühl aufgespießt zu werden. Kalter Schweiß läuft mir den Nacken hinunter.

Was ist denn los mit mir? Seit ich nicht mehr in der gleichen Welt lebe wie er, kann er mir doch eigentlich nichts mehr anhaben.

Dann wird mir bewusst, dass noch nie so viel davon abgehangen hat, dass ich meinen Vater überzeugen kann. Früher ging es entweder nur um mich selbst oder um die digitale Welt. Aber wenn meine Überzeugungskraft jetzt versagt, dann kann es das Ende aller mir bekannten Welten bedeuten. Und ich will nicht schon wieder für den Tod eines Menschen verantwortlich sein – digital oder analog. Ungewollt drängt sich das Bild des Gesichts meiner Mutter in meine Gedanken. Celeste, die ich am Grund der Themse zurückgelassen habe, damit sie nicht zu einem Teil der Horde wird.

Hastig schiebe ich diesen Gedanken beiseite, mute mein Audio und atme einmal tief durch, bevor ich zu einer Antwort ansetze.

»Wir denken, dass wir tatsächlich den Grund für diese Katastrophe gefunden haben, also …«

»Das habe ich eben schon verstanden«, unterbricht er mich. »Aber da ist noch mehr, oder? Es hat keinen Zweck, es aus welchem Grund auch immer zu verheimlichen. Dafür kenne ich dich zu gut, Junge.«

Scheiße. Bin ich für ihn so einfach zu lesen? Damit wollten wir doch noch warten, bis wir selbst … ja was eigentlich?

»Ich warte!«, dröhnt Iuriis Stimme in meinen Ohren. »Du weißt genau, dass ich dich damit nicht durchkommen lasse, auch wenn du … jetzt digital bist.«

Die letzten Worte entlocken seiner Stimme tatsächlich ein leichtes Beben. Solche – wenn auch noch so kleinen – Anzeichen von Menschlichkeit sind selten und lassen mich hoffen, seine weitere Reaktion halbwegs kontrollieren zu können. Also gebe ich es auf, nach einer Ausrede zu suchen, um uns doch noch ein bisschen Zeit herauszuschinden. Ich straffe mich und zwinge mich, seinem Blick standzuhalten.

»Du hast wie immer recht.«

Iurii gibt ein kurzes Brummen von sich. Sein Blick wird um ein Mikron weicher und um den rechten Mundwinkel spielt der Ansatz eines halben Lächelns.

Angespornt von dieser für meinen Vater geradezu euphorischen Mimik erzähle ich ihm Einzelheiten dessen, was wir in den letzten Stunden herausgefunden haben.

»Wenn überhaupt, dann ist diese Explosion dadurch, dass der QVC – vielleicht sogar zufällig – getroffen wurde, höchstens noch verstärkt worden«, schließe ich. »Am besten sollte ein Team am Ort der Katastrophe nach Überresten von … na ja, irgendwas suchen, das uns weitere Informationen liefert.«

Während ich spreche, sehe ich Iurii langsam nicken. Dann aber gibt er ein Schnauben von sich und schüttelt mit einem eindeutig zu einem halben Lächeln verzogenen Mundwinkel den Kopf.

»Äh … wie? Meinst du nicht?«

»Oh, doch«, gibt Iurii zurück und sein Lächeln wird sogar fast auch für Menschen erkennbar, die nicht mit ihm verwandt sind. »Ich hätte aber nicht gedacht, dass du und dein Häufchen Digitaler schneller auf belastbare Indizien kommen würdet als das gesamte Wissenschafts-Team der FUA.«

»Na ja, immerhin haben wir hier nicht nur meine KI Honey am Start, sondern auch Alma.«

Bei dem Ausdruck, der kurz auf dem Gesicht meines Vaters aufblitzt, läuft es mir spontan kalt den Rücken hinunter. Zuerst weiß ich gar nicht wieso. Doch dann wird mir klar, dass er bisher – wenn überhaupt – nur etwas von Mju und Kyle weiß. Noch vor wenigen Tagen hätte ich befürchten müssen, damit Almas Todesurteil ausgesprochen zu haben.

Aber wir sind doch jetzt keine Feinde mehr. Oder?

»Alma«, sagt Iurii langsam und sein Gesicht nimmt nun einen fast schon nostalgisch wirkenden Ausdruck an. »Jetzt erinnere ich mich wieder. Die alte Dame ist ja vor einem guten Jahr in die Welt gewechselt, die sie selbst erschaffen hat. Und jetzt gehört sie zu deinen Leuten? Das sieht ihr tatsächlich ähnlich. Einen anarchischen Zug hatte sie ja schon immer.«

In meinem Hals hat sich ein Kloß gebildet, der es mir unmöglich macht, etwas darauf zu erwidern. Stattdessen versuche ich, Anzeichen beim Dominus der Sphären zu erkennen, die mir verraten, ob ich jetzt besser die Klappe halten sollte.

Was ja bisher auch schon so gut geklappt hat.

»Da können wir tatsächlich von Glück reden, dass sie eine Alternative dazu hatte, von ihrem Ableben Gebrauch zu machen«, bemerkt er allerdings mit einem infinitesimalen Nicken. Dann wird sein Blick wieder stählern. »Und jetzt erzähl mir das, vor dem du dich immer noch die ganze Zeit zu drücken versuchst.«

Der Kloß in meinem Hals nimmt gefühlt noch an Volumen zu, doch es gelingt mir, ihn durch ein Räuspern zumindest wieder so weit zu reduzieren, dass ich verständliche Worte von mir geben kann.

»Es … es war nicht … der einzige.«

Iurii runzelt die Stirn. »Der einzige was?«

Ich atme tief durch und räuspere mich noch einmal. »Der einzige Versuch, eine Sphäre zu zerstören.«

»Wie bitte?!« Iurii reißt die Augen auf, fixiert mich aber weiterhin. »Erkläre!«

»Du hast mir doch den Link zum gesamten Material aller Drohnen zur Verfügung gestellt. Das haben wir in den letzten Stunden komplett gesichtet.«



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