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Die Erfindung der Nano-Droge Nexus hat die Menschheit in ein neues Zeitalter katapultiert. Die Verschmelzung von Mensch und Internet hat zu einer internationalen Terrorkrise geführt. Kade Lane, ein brillanter Forscher und Miterfinder von Nexus, findet sich plötzlich wieder in einem undurchsichtigen Kampf zwischen unerbittlichen US-Behörden und skrupellosen Terroristen. Sein größter Gegner, die Chinesin Su-Yong, tritt ihm als scheinbar übermächtiges Cyberwesen entgegen. Eine atemlose Jagd beginnt.
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Seitenzahl: 761
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Titel
Prolog: Juli 2040 Drei Monate nach der Freigabe von Nexus
Symphonisch
Das ändert alles
Endlich angekommen
Dunkelheit
Oktober 2040
[ 1 ] Weggenommen
[ 2 ] In Bewegung
[ 3 ] Häusliches Glück
[ 4 ] Übergänge
[ 5 ] Nicht ganz ein Held
[ 6 ] Fragen und Antworten
[ 7 ] Träume und Albträume
[ 8 ] Ein gutes Leben
[ 9 ] Konsequenzen
[ 10 ] Die Mission
[ 11 ] Wolken am Horizont
[ 12 ] Potenzial
[ 13 ] Bo Tat
[ 14 ] Gute Nacht, Schanghai
[ 15 ] Möglichkeit, Motiv, Gelegenheit
[ 16 ] Immer weiter
[ 17 ] Überraschende Begegnung
[ 18 ] Freunde
[ 19 ] Der lange Abschied
[ 20 ] Abriegelung
[ 21 ] Rückschritt
[ 22 ] Erinnerungen
[ 23 ] Katz und Maus
[ 24 ] Wütender Papi
[ 25 ] Hinterhalt
[ 26 ] Asienreisen
[ 27 ] Himmel
[ 28 ] Die Familie
[ 29 ] Neandertaler
[ 30 ] Bindung
[ 31 ] In Saigon
[ 32 ] Im Moment gefangen
[ 33 ] Trennungsängste
[ 34 ] Konfrontation
[ 35 ] Wer am meisten profitiert
[ 36 ] Letzte Worte
[ 37 ] Götter und Monster
[ 38 ] Vorbereitungen
[ 39 ] Informationsgewinnung
[ 40 ] Wo es endet
[ 41 ] Hölle
[ 42 ] Schwerer Kampf
[ 43 ] Konvergenz
[ 44 ] Gefangennahme
[ 45 ] Phuket
[ 46 ] Niemals loslassen
[ 47 ] Lo Prang
[ 48 ] Neue Horizonte
[ 49 ] Zugang verweigert
[ 50 ] Im Käfig
[ 51 ] Entzug
[ 52 ] Unbekannte Faktoren
[ 53 ] Aufbruch
[ 54 ] Perspektive
[ 55 ] Waffenbrüder
[ 56 ] Alte Liebe
[ 57 ] Unterwegs
[ 58 ] Der Weg in die Freiheit
[ 59 ] Gemeinsam einsam
[ 60 ] Visionen
[ 61 ] Kriegsgeschichten
[ 62 ] Der Preis der Freiheit
[ 63 ] Die Küste hinauf
[ 64 ] Entscheidungen
[ 65 ] Sturmwarnungen
[ 66 ] Eine Grundsatzfrage
[ 67 ] Innehalten
[ 68 ] Weit weg von zu Hause
[ 69 ] Flucht
[ 70 ] Der Plan
[ 71 ] Vor der Mission
[ 72 ] Befreiung
[ 73 ] In den Sturm
[ 74 ] Mutter, Mutter
[ 75 ] Eine letzte Diskussion
[ 76 ] Zuflucht
[ 77 ] Vortage
[ 78 ] Ende der Straße
[ 79 ] Die Wahrheit ans Licht
[ 80 ] Auftakt zur Gewalt
[ 81 ] Tapferes Mädchen
[ 82 ] Angriff auf Apyar Kyun
[ 83 ] Eigenbeschuss
[ 84 ] Liebster Papi
[ 85 ] Alle zusammen
[ 86 ] Signalstärke
[ 87 ] Gegen die Strömung
[ 88 ] Notwendiges Übel
[ 89 ] In Sicherheit
[ 90 ] Zwei Skandale
[ 91 ] Meine Tochter, mein Ich
Tiefer: Die wissenschaftlichen Grundlagen von Crux
Danksagung
Das Buch
Der Autor
Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Inhaltsbeginn
Impressum
Crux
Ramez Naam
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kempen
Die Hände der Pianistin glitten über die Tasten, breiteten sich nach links und rechts aus, die Finger schlugen die Tasten im Gleichklang. Der Konzertflügel reagierte und gab Musik von sich. Die Streicher stimmten im richtigen Moment ein. In ihrem Geist konnte die Pianistin die Musiker unter ihr spüren, die Vibrationen, wenn die Bögen über Saiten strichen, den Druck der Fingerspitzen, die Töne hielten, die Instrumente unter das Kinn geklemmt, die hervordringende Musik. Dann spürte sie, wie die Pauken einsetzten, während sie sie gleichzeitig hörte, Töne und Bewusstseine im Kontrapunkt zu ihrer Melodie.
Kade saugte es völlig verzückt in sich auf. Sein Körper lag auf der anderen Seite des Planeten, aber sein Bewusstsein war im Geist der Pianistin, beobachtete, nahm alles auf, während er eine der Hintertüren benutzte, die er und Rangan in Nexus 5 versteckt hatten, um beobachten zu können, wie ihre Technologie verwendet wurde.
Die Pianistin wiederum war mit den Bewusstseinen der anderen Musiker verbunden. Es waren sieben, die in diesem leeren Konzertsaal spielten, geistig miteinander verflochten wie die Musik. Sie spürten, was die anderen taten, kommunizierten unbewusst. Hier gab es keinen Dirigenten außer der sich bildenden Summe ihrer Bewusstseine. Auch kein Publikum, aber eines Tages, eines Tages würden sie mit einem vollständigen Orchester vor einem vollen Haus spielen. Dann würden sie das Publikum spüren lassen, wie es war, solche Musik zu machen.
Nun warf sich die Pianistin auf den Flügel, beugte sich mit dem ganzen Körper in die Klaviatur. Ihre Hände flogen, glitten, schlugen. Die Finger bewegten sich blitzschnell, die Schultern waren gebeugt, als sie ihr Gewicht mit jeder Note auf die Tasten legte. Kade konnte den Schweiß auf ihrer Stirn spüren, ihre schnellen Atemzüge, wie sie die Tasten zu einem Teil von ihr machte, die unmögliche Komplexität des Stückes, durch das sie raste. Er konnte die Musik in ihrem Geist hören, sie spüren; das sich erhebende Crescendo von Rachmaninows drittem Klavierkonzert, die Vorfreude auf den epischen Höhepunkt, den sie vorbereitete. Die Pauken antworteten ihr. Das Horn sang. Die Saiten stimmten in ihre Harmonie ein. Kade spürte die Musiker, ihre Bewusstseine, die Begeisterung in allen, während sich das Stück steigerte und steigerte.
Ja. Genau das. Genau das war es, was Nexus tun konnte. Er spürte, wie sich die Mauern zwischen den Musikern auflösten, wie sich der Schleier der Maya hob, die Illusion der Trennung. Er konnte spüren, wie sie sich vereinigten, verschmolzen, zu mehr wurden, einem einzigen Geist, der größer als seine individuellen Komponenten war. Kade verlor sich in diesem Erlebnis, in der Musik, in der symphonischen Struktur seines höheren Geistes, der vor ihm Gestalt annahm.
Dann blinkte eine Prioritätsnachricht in Kades mentalem Sichtfeld auf.
[Alarm]
Was? Kade stockte der Atem in der Brust. Rangan? Ilya?
Hatten seine Bots seine Freunde ausfindig gemacht?
[Alarm: Nötigungscode gefunden. Status: Aktiv]
Nein. Nicht Rangan. Nicht Ilya. Etwas anderes. Etwas Monströses. Etwas, das er aufhalten musste.
Die Pianistin schlug die letzten gebieterischen Noten des Klavierkonzerts an. Die Pauken und Streicher erreichten im selben Moment wie sie den Höhepunkt, dann ließ sie die Hände von den Tasten gleiten, erschöpft und begeistert. Sie alle verströmten Freude, und in ihrer miteinander verbundenen Vorstellung jubelte ein Publikum, sprang zu Standing Ovations auf.
Mit dem Gefühl des Bedauerns löste sich Kade von ihnen, dann klickte er auf die Alarmmeldung, öffnete die verschlüsselte Verbindung, rief eine seiner drei Hintertüren auf, gab den Passcode ein, den niemand sonst kannte, und tunnelte in die Angst.
Arkady Volodin stieß die Fäuste in die Luft, sprang im Sand auf und ab und schrie begeistert, als die Musik einen stampfenden Höhepunkt erreichte. Fünftausend Partygäste schrien mit ihm in die milde Nachtluft über dem Strand. Der DJ gab ihnen zwei Sekunden Pause, dann ließ er den Beat wieder einsetzen. Die Bassline wummerte in Arkadys Knochen, resonierte in seinem Brustkorb. Die Menge jubelte noch lauter. Arkady konnte sie in seinem Bewusstsein spüren, wogend, dröhnend, verdammt high von dieser unglaublichen Nacht an diesem unglaublichen Ort.
Mein Gott, ich liebe Kroatien, erkannte Arkady. Diese Leute wissen, wie man eine Party feiert!
Über ihm scannten Laserstrahlen den Himmel, hinterließen hellblaue und rote Spuren in den Rauchwolken, die von der Open-Air-Beachparty aufstiegen. Der Sand dieses unberührten kroatischen Strandes vibrierte von der Musik, kroch Arkadys Füße hinauf. Die Brandung krachte gegen den langen Küstenstreifen, schwappte an den bloßen Beinen der Feiernden in Bikinis und Shorts hoch, die näher am Wasser tanzten. Palmen wiegten sich unter den Trägern, an denen die Scheinwerfer, Laser und Nebelmaschinen hingen. Go-go-Tänzer hüpften und wirbelten auf Podesten über dem Strand und der wogenden Menge. Hast du etwas Nexus für mich, hatte Arkady gefragt. In Moskau wäre es zu riskant gewesen, aber solange er hier war ...
Der Typ da drüben, hatte man ihm gesagt und auf einen großen schlanken Mann gezeigt, der eine Zigarette rauchte und sich weiter oben am Strand gegen ein Gebäude lehnte. Von Bogdan kriegst du was.
Einige Minuten später, an einer dunkleren Stelle hinter den Lichtern, hatte er ein Bündel Geldscheine gegen ein Fläschchen mit silbriger Flüssigkeit getauscht und es sofort ausgetrunken. Das Zeug war ölig und metallisch durch seine Kehle geglitten, und er war losgegangen, um sich etwas zu trinken zu besorgen, weil er den Geschmack und das Gefühl hinunterspülen wollte, die sich in seiner Kehle hielten.
Als er seinen Drink geleert hatte, war er draufgekommen. Kalibrierungsphase. Er hatte halluziniert – er war ein verdammter Zar in einem alten russischen Palast. Nein, er war der Palast. Nein, er war die ganze gottverdammte Stadt!
Arkady lachte darüber. Es passte. Er war wirklich ein Zar. Ein junger Zar, der über all die Kunden hier herrschte. Öl war sein Reich und die Quelle für den Zehnten, den er eintrieb. Er war hier, um diesem Land das Mark auszusaugen, indem er die Förderrechte für die Gasvorkommen vor der Küste aufkaufte, die noch für die Gazprom Bank in Russland übriggeblieben waren. Ein Eroberer. O ja, er würde dieses Land erobern, mitsamt Stränden und Drogen und Frauen und Gas. Irgendwann gehörte alles ihm. Viel besser als im beschissenen Moskau.
Die Musik erreichte einen neuen Höhepunkt, und Arkady hüpfte mit, schüttelte sich manisch und spürte dabei die Begeisterung der Tänzer um ihn herum.
[Kalibrierung abgeschlossen]
Die Nachricht scrollte durch sein Sichtfeld.
[Kaninchenloch bereit. Willste eintreten?]
Arkady grinste. Er hatte davon gehört. Die VR-App, die dieser Klub eingerichtet hatte. Ja, klar, er wollte es ausprobieren.
[Ja]
Seitlich in seinem Sichtfeld erschienen Kontrollen, für die Ebenen, zwischen denen er hin- und herschalten konnte. Die erste Ebene war bereits aktiviert. Arkady fuhr herum und lachte.
Die Tänzer um ihn herum waren in Silber und Gold gehüllt, in schimmernde Auren. Der Ozean bestand aus flüssigem Silber, das sich auf einen Strand aus zermahlenen, irisierenden Diamanten ergoss. Die Sterne am Himmel waren plötzlich viel heller, strahlten durch den Rauch und die Laser, drehten sich, während er zusah. Ein riesiger Vollmond hing am Himmel. Arkady drehte sich noch weiter herum und sah die Go-go-Tänzer. Ihre Auren waren knisternde Hüllen aus Energie. Sie streckten die Hände aus, während sie tanzten, und Blitze schossen davon fort und in hohem Bogen über die Menge.
Arkady schrie seine Begeisterung hinaus, tanzte härter, stampfte mit den Füßen auf den Sand. Er spürte, wie die gesamte Menge reagierte, wie die Ekstase des Augenblicks in ihnen allen vibrierte.
Absolut genial!
Dann traf ihn ein Windstoß von hinten. Arkady drehte sich gerade noch rechtzeitig um und sah, wie etwas Großes auf ihn zuflog, mit Flügeln und Fangzähnen. Es stürzte sich vom sternenübersäten Himmel, über das silberflüssige Meer, ein Raubtier, das sich der Menge näherte, das riesige Maul weit aufgerissen. Er sah Flammen in diesem Rachen, und dann atmete der Drache aus, und ein Strom aus Feuer raste zum Strand hinunter.
Arkady warf sich in den Sand. Eine enorme Hitze schlug gegen seinen Rücken. Der Wind zerrte an ihm, als der Drache über ihnen mit den Flügeln schlug, dann war das Wesen vorbei.
Arkady blickte auf und sah, wie der Drache zur funkelnden Milchstraße emporstieg und die Luft mit den ledrigen Flügeln aufwirbelte. Um ihn herum hatten sich die Partygäste in ihren vielfarbigen Auren auf den Boden gehockt oder gekauert. Andere tanzten immer noch, lächelten oder lachten über sie, aber nicht unfreundlich.
Heiliger Strohsack!, dachte Arkady.
Mit seinen Gedanken griff er nach den Kontrollen an der Seite seines Sichtfelds, schaltete die aktivierte Ebene aus und blickte auf. Der Drache war verschwunden, nirgendwo zu sehen, und die Sterne wurden vom Rauch und den Lasern verdeckt. Er schaute sich um. Die Auren waren verschwunden. Das Meer bestand wieder aus Wasser, und die Wellen brachen auf gewöhnlichem Sand. Die Go-go-Tänzer verströmten keine Elektrizität mehr.
Er schaltete die Ebene wieder ein, und erneut zuckten Blitze um die Mädchen auf der Bühne, die anderen Tänzer hatten wieder schimmernde Auren, und silberne Wellen schwappten auf den Strand. Und ganz oben konnte er den Drachen vor dem unrealistischen, galaktischen Hintergrund sehen, wie er mit den Flügeln schlug, wendete und zu einem weiteren Sturzflug ansetzte.
Verdammt geil!, dachte Arkady.
Er stand auf, reckte die Hände hoch und wartete darauf, dass der virtuelle Drache Feuer auf sie alle herabregnen ließ.
Mit geschlossenen Augen nahm Bogdan Radic einen weiteren Zug von seiner Zigarette. Seine Gedanken scannten einen Geist nach dem anderen, suchten nach den perfekten Anzeichen. Das französische Mädchen mit den Designerschuhen? Das italienische Pärchen mit dem protzigen Schmuck? Sie hatten seine Droge genommen, seine spezielle Version von Nexus, und nun waren ihre Bewusstseine für seines geöffnet.
Eigentlich war es gar nicht so schwierig. Nexus 5 war jetzt Open Source. Er musste einfach nur den Code downloaden, ihn für seine Zwecke modifizieren, damit er eine Hintertür in das Bewusstsein aller Leute hatte, die es nahmen, und dann seine Modifikationen in die Ampullen mit der Droge hochladen. Wer programmieren konnte, war in der Lage, Nexus auf unterschiedlichste Weise zu verändern. Und Bogdan war ein Profi im Programmieren.
Er strich das französische Mädchen von seiner Liste. Sie stammte aus einer reichen Familie, aber er fand keine Möglichkeit, in ihrem hübschen kleinen Kopf auf diesen Reichtum zuzugreifen. Und Kidnapping war nicht seine Sache. Zu hohes Risiko. Zu große Gefahr körperlicher Gewalt.
Das italienische Pärchen ... Seine Gedanken durchstreiften ihre Bewusstseine während ihrer Kalibrierungsphase, während die Desorientierung seine Aktivitäten größtenteils verbarg. Nein. Sie taten nur, als wären sie reich, aber in Wirklichkeit waren sie überschuldet. Ihre Vermögenswerte waren für Bogdans Bedürfnisse nicht liquide genug. Und mit zwei Toten kam man nicht so leicht davon wie mit nur einem.
Der Russe kam gerade drauf. Bogdan sah sich Arkadys chaotische Gedanken an, als die Kalibrierungsphase seinen Geist öffnete. Schau mal einer an! Ein Volltreffer.
Bogdan kehrte in den eigentlichen Klub zurück, ging hinunter in den Lagerraum und machte seine Ausrüstung bereit. Dann griff er mit seinen Gedanken nach Arkady und zog ihn zu sich.
Arkady streckte herausfordernd die Arme aus, als der riesige Drache auf die Feiernden herabstieß. Das Wesen öffnete das Maul, aus dem ein Feuerschwall hervorschoss. Die Hitze traf ihn mit voller Wucht, umhüllte sein Gesicht, seine Arme, seine Brust. Die Kraft der Flügelschläge des Drachen riss an ihm. Er wollte zusammenzucken, aber stattdessen brüllte er, wie jemand, der in einer Achterbahn nach unten raste.
Dann war es vorbei, und der Drache war weitergeflogen.
Arkady hüpfte auf und ab, jubelte triumphierend. Neben ihm schrie ein kroatisches Mädchen in kaum mehr als einem Bikini, sprang auf und ab, und die Schwerkraft machte unglaubliche Dinge mit ihren Brüsten. Ihre Blicke trafen sich.
Dann wurde Arkady von etwas ergriffen. Seine Welt verdunkelte sich. Sein Sichtfeld verengte sich. Und er setzte sich in Bewegung.
Arkady versuchte, Widerstand zu leisten, aber seine Gliedmaßen bewegten sich aus eigenem Antrieb. Er schaltete die Ebene der Virtuellen Realität aus. Die Auren verschwanden, aber sein Körper lief weiter. Er wollte schreien, aber kein Laut drang aus seiner Kehle.
O nein! Scheiße, nein!
Die unbekannte Kraft, die ihn beherrschte, führte Arkady vom Wasser weg, über den Sand, der sich allmählich in Fels und dann in Beton verwandelte, fort von der Outdoor-Party und in den weitläufigen Klub, in einen Nebenkorridor, eine Treppe hinunter und durch eine geschlossene Tür.
Drinnen stieß er auf den Mann, der ihm das Nexus verkauft hatte. Bogdan. Er hielt eine brennende Zigarette in der Hand. Auf dem Tisch neben Bogdan stand ein Slate. Der Bildschirm zeigte die Zugangsseite von Gazprom. Daneben standen ein Netzhautscanner und ein Daumenabdruckpad.
Nein!
»Mr. Volodin«, sagte Bogdan. »Sehr erfreut, Sie kennenzulernen.«
Arkady stellte plötzlich fest, dass er wieder sprechen konnte.
»Bitte«, sagte er. »Ich werde Ihnen alles geben. Ich habe Geld. Viel Geld.«
Bogdan grinste.
»Oh, das weiß ich, Arkady. Aber Ihr Arbeitgeber hat noch viel mehr.«
»Nein«, sagte Arkady. »Sie verstehen nicht. Sie wissen nicht, wie sie arbeiten. Sie würden mich töten.«
Bogdan nahm einen Zug von seiner Zigarette, blies den Rauch aus, schnippte Asche auf den Boden. Er grinste den Russen an, den er in seine Gewalt gebracht hatte. »Nein, Arkady, Sie sind bereits tot.«
Dann schrie Arkady, nur um festzustellen, dass sein Schrei abrupt verstummte, als ein fremder Wille ihm die Kehle zuschnürte.
»Und nun«, sagte Bogdan, »drücken Sie freundlicherweise den Daumen auf das Pad, halten ein Auge vor den Scanner und geben Ihre Zugangsdaten ein.«
Arkady trat vor, um zu gehorchen.
Kade tunnelte in die Angst. Dieser Geist war von Panik ergriffen. Er bemühte sich, die Situation zu erfassen. Ein dunkler Raum. Stampfende Musik drang von außen durch die Wände herein. Das Gefühl einer riesigen Menge in der Nähe, Tausende von Bewusstseinen. Und hier in diesem Raum mit ihm.
Er bewegte die Augen dieses Körpers, sah das Slate, den Netzhautscanner, den Mann mit der Zigarette.
Diebstahl. Diebstahl und vermutlich Mord.
Kade griff mit seinen Gedanken zu, öffnete den Geist des Mannes vor ihm, sendete den Passcode, und dann war er drin.
Bogdan lächelte, als Arkady vortrat. Das Geld würde auf Auslandskonten landen und nur Minuten später ausgezahlt werden. Arkady würde einen bösen Unfall haben. Und wenn die Polizei erkannte, dass es doch kein Unfall gewesen war, wäre Bogdan längst über alle Berge und viel, viel reicher.
Dann hielt Arkady abrupt inne. Bogdan bemerkte, dass sich etwas im Geist des Mannes veränderte. Und im nächsten Moment spürte er, wie sich etwas gegen seinen eigenen Geist drängte, etwas Gewaltiges.
Ach du Scheiße, dachte Bogdan. Er drehte sich um und rannte zur Tür.
Kade sah, wie sich der Mann umdrehte und losrannte, im gleichen Moment, als der Passcode seinen Geist öffnete. Er griff zu und riss am motorischen Cortex des Mannes.
Der Mann stolperte und stürzte fluchend auf den Boden des Lagerraums.
Bogdan. Das war sein Name. Kade konnte es jetzt spüren.
Kade packte den Geist des Mannes fester, dann verschaffte er sich einen Überblick über die Situation.
Bogdan konnte nicht atmen. Sein Herz pochte heftig. Etwas war in seinem Geist. In seinem Geist!
Er versuchte aufzustehen, aber der Fremde hatte die Kontrolle über seine Gliedmaßen. Er versuchte, die Verbindung zu unterbrechen, aber er war ausgesperrt.
O Gott, dachte er. Jemand anderer hat eine Hintertür eingerichtet! Eine Hintertür in mich!
Kade ließ sich tiefer durchatmen. Der Mann namens Arkady war körperlich unverletzt. Er war gerade noch rechtzeitig eingetroffen. Er löste die Fesseln um Arkadys Geist, und der Russe rappelte sich auf und rannte schreiend davon. Kade stöberte in Bogdans Geist. Wo war der Nötigungscode? Ah, da. Dateien öffneten sich ihm. Er durchsuchte sie. Weitere Muster, die er in der nächsten Nexus-Version blockieren musste. Weitere Missbrauchsmöglichkeiten, denen er einen Riegel vorschieben musste.
Bogdan hatte Hunderte von Nexus-Dosen verteilt, die mit seinem Code geladen waren. Kade würde ein Virus losschicken müssen, das sie aufspürte und den Code umschrieb, um diesen Missbrauch zu verhindern.
Wer bist du?, fragte Bogdan.
Kade schüttelte mental den Kopf. Ich bin der letzte Geist, den du jemals berühren wirst.
Bitte, dachte Bogdan. Ich habe Geld. Ich habe Freunde. Kade ging nicht darauf ein. Er startete einen Download des Codes, den er seinen Bibliotheken zufügte, dann machte er sich an die Arbeit.
Er löschte Bogdans Administrationsrechte für das Nexus-Betriebssystem in seinem eigenen Geist, verwehrte ihm jeden Zugriff auf die Nanobots, die ihn infiziert hatten, nahm Bogdan die Fähigkeit, Nexus zu modifizieren, hochzurüsten oder auch nur zu löschen.
Nein!, schrie Bogdan.
Dann sperrte Kade ihn aus der Nexus-Kommunikation aus. Sein Gehirn würde hermetisch versiegelt, würde nie mehr ein anderes berühren. Nur noch Kade konnte über seine eigenen Hintertüren darauf zugreifen.
Drecksack!, tobte Bogdan. Das kannst du nicht machen!
Und jetzt zum Rest.
Wie oft hast du das schon getan?, wollte Kade von Bogdan wissen.
Niemals!, antwortete Bogdan. Das war das erste Mal! Und ich habe es nicht getan!
Erinnerungen strömten aus Bogdans Bewusstsein herein. Korfu. Ibiza. Mykonos. Drei Diebstähle mithilfe von Nexus. Einer in Verbindung mit einem Mord.
Und Schlimmeres. Ein flüchtiger Blick auf ein Mädchen, völlig verängstigt, mental verkrüppelt, ihre Kleidung halb heruntergerissen, ihr Körper von Bogdans Willen und seinem pervertierten Code niedergehalten, während er ...
Kade verzog das Gesicht und riss sich von Bogdans Erinnerungen los. Tausende Meilen entfernt hob sich sein Magen. Seine Hände ballten sich zu Fäusten.
Du bist widerwärtig, Bogdan.
Kade begann mit der Umstrukturierung, verknüpfte neuronale Schaltkreise miteinander. Bogdans Programmierkenntnisse. Sein Wissen über Nexus. Seine Vorstellungen von Gewalt. Seine Fähigkeit zur sexuellen Erregung. All diese Dinge verknüpfte Kade mit Übelkeit, lähmender Angst und alles durchdringendem Schmerz.
Der Mann schrie ihn an. Was tust du da?
Ich neutralisiere dich, erklärte Kade ihm, während sich eine grimmige Befriedigung in seinen Gedanken ausbreitete. Du wirst nie wieder stehlen, töten oder ficken.
Bogdan keuchte schockiert, dann geriet er wieder in Rage. Das kannst du nicht tun! Was gibt dir das Recht dazu?
Ich habe das hier gemacht, antwortete Kade ihm. Das gibt mir das Recht dazu.
Eine Woche später
Das Auge starrte Kade an, ohne zu blinzeln, während es im Kühlbad lag. Diese schwarze Pupille in der grünen Iris. Der weiße eiförmige Augapfel, mit einem Bündel frisch gezüchteter Sehnerven, die an der Rückseite hingen und große Ähnlichkeit mit feuchten Datenkabeln hatten.
Mein Auge, dachte Kade, aus meinen Zellen geklont, um das zu ersetzen, das ich in Bangkok verloren habe.
Er blinzelte mit dem einen Auge in seinem Kopf und legte sich zurück auf das Klinikbett, während die Ärzte mit ihren letzten Vorbereitungen beschäftigt waren. Spätes Nachmittagslicht drang durch die zugezogenen Vorhänge vor den Fenstern. Sein nachwachsender Handstumpf schmerzte tief in den zerbrechlichen Knochen. Er konnte jetzt spüren, wie sich die Anästhetika in seinen Adern ausbreiteten. Wenn alles gut ging, könnte er in ein paar Wochen wieder mit zwei Augen sehen, vielleicht sogar wieder zwei funktionierende Hände benutzen.
Kade.
Ein Geist berührte seinen. Lings Geist. Die Tochter von Su-Yong. Fremdartig. Jung. Ein Wirbelwind aus Gedanken. Die Daten, die überall um ihn herum flossen, erwachten in seinem Bewusstsein zum Leben – der Informationsfluss in den medizinischen Überwachungsgeräten, die Stromkabel in den Wänden, die drahtlosen Datenkanäle, die selbst in dieser abgelegenen kambodschanischen Klinik präsent waren. Er konnte alles sehen und spüren, ein komplexes Netz aus Informationen und Elektronen. So war es jedes Mal, wenn sie seinen Geist berührte.
Kade lächelte. Hallo, Ling.
Er spürte, wie sie sein Lächeln erwiderte. Ein sehr seltsames Kind, ganz anders als jeder andere Geist, den er jemals berührt hatte. Doch allmählich verstand er sie immer besser, wie ihre Gedanken funktionierten, wie sie die Welt sah.
Feng und ich werden nicht zulassen, dass sie dir wehtun, während du schläfst, sendete Ling ihm.
Kade hätte fast gelacht.
Schon gut, Ling, sendete er zurück. Ich vertraue ihnen.
Sie sind Menschen, beharrte Ling.
Genauso wie ich, erwiderte Kade.
O nein, sendete Ling. Du bist nicht mehr menschlich. Du bist jetzt wie ich. Wie ich und meine Mutter. Kade suchte nach einer Antwort, aber er fand nur die Anästhesie, die ihn zu einem warmen, schläfrigen Ort hinunterzog.
Heute wurde meine Mutter begraben, Kade, sendete Ling.
Erinnerungen stiegen in Kade auf – Su-Yong Shu in jenem abgelegenen Thai-Kloster, der Blutfleck, der in ihrer Kehle erblühte, der plötzliche Stich in Kades Hand, als ein Pfeil ihn traf, Su-Yongs Haut, die grau wurde, als sich das Neurotoxin in ihr ausbreitete, Feng, der das Hackbeil hob, um Kades Hand zu amputieren ...
Sie ist nicht tot, fuhr Ling fort. Ich werde sie finden.
Ich werde meine Mami zurückholen.
Ling ..., begann Kade. Sei vorsichtig, wollte er ihr sagen.
Aber dann versank er in der Anästhesie.
Martin Holtzmann schloss die Augen, und schon war er wieder dort. Der feine Schnee prickelte in seinem Gesicht. Der Wind rauschte vorbei, dröhnte in seinen Ohren. Sein geliehener Körper beugte sich nach links, die Skier schnitten perfekt in den tiefen Pulverschnee auf diesem steilen Hang. Muskeln voller Kraft und Jugendlichkeit stießen die Stöcke hinein und beugten ihn nach rechts, wichen dem nächsten Mogul aus, wie er es nicht mehr seit ...
Ein Ellbogen stieß in seine Seite, und er riss die Augen auf. Joe Duran, der Direktor des Emerging Risks Department der Homeland Security und Holtzmanns Oberchef, funkelte ihn an.
»Hören Sie zu!«, flüsterte der Mann.
Holtzmann murmelte eine Entschuldigung, setzte sich aufrecht hin und richtete den Blick wieder auf das Podium. Präsident John Stockton hielt eine Ansprache vor der versammelten Menge draußen vor der Zentrale des Heimatschutzministeriums.
Holtzmann wischte sich den Schweiß unter seinem unordentlichen weißen Haarschopf von der Stirn. Selbst um 9 Uhr früh war die Sonne von Washington, D.C. brutal. Bereits jetzt zeichnete sich ab, dass es der heißeste Sommer in der Geschichte von Nordamerika sein würde, der unmittelbar auf die alle Rekorde brechende Hitzewelle von 2039 folgte. Am liebsten wäre er wieder in die Erinnerung an den Schnee versunken, die Erfahrung, in einem anderen, jungen Körper zu sein, ermöglicht durch die Nexus-Verbindung zwischen Holtzmanns und einem anderen Geist.
»... müssen wir unsere Menschlichkeit bewahren«, sagte der Präsident gerade. »Wir müssen verstehen, dass einige Technologien, mögen sie auch noch so aufregend erscheinen, uns auf den Weg der Entmenschlichung führen ...«
Wie die Technologie in meinem Kopf, dachte Holtzmann.
Wie konnte er Nexus 5 widerstehen? Als neurowissenschaftlicher Direktor des ERD hatte er die Befragung von Kade Lane, Rangan Shankari und Ilyana Alexander durchgeführt. Er hatte sehr wohl verstanden, was sie getan hatten. Etwas Wunderbares – sie hatten Nexus genommen und aus der Straßendroge ein Werkzeug gemacht. Es war gefährlich, ja. Das Missbrauchspotenzial war gewaltig. Aber wie verführerisch!
Und als Nexus 5 für die ganze Welt freigegeben wurde? In jener schrecklichen Nacht, als die Mission, Kade Lane in diesem Kloster in Thailand festzunehmen, völlig aus dem Ruder gelaufen war. Die Nacht, in der Su-Yong Shu, eines der größten Genies ihrer Generation, getötet worden war. Die Nacht, in der sein Freund und Kollege Warren Becker an einem Herzinfarkt gestorben war.
Eine schreckliche Nacht. Und dann zu beobachten, wie Tausende auf der ganzen Welt Zugang zu diesem Werkzeug erhielten ... Wie konnte er widerstehen? Er hatte die Ampulle aus dem Lager in seinem Labor genommen, sie an die Lippen gesetzt und die silbrige Flüssigkeit durch die Kehle rinnen lassen. Dann hatte er gewartet, während sich die Nanopartikel ihren Weg ins Gehirn suchten, sich an Neuronen ankoppelten und sich selbst zu Informationsverarbeitungsmaschinen assemblierten.
Die folgenden drei Monate waren die aufregendste Zeit gewesen, an die Holtzmann sich erinnern konnte. Er hatte unglaubliche wissenschaftliche Arbeiten gesehen, die vorsichtshalber in anonymen Nachrichtenforen veröffentlicht wurden. Mit Nexus 5 zeichneten sich mögliche Wege zur Heilung von Alzheimer und Altersdemenz ab, und es gab unglaubliche Fortschritte bei der Verbindung von autistischen Kindern mit neurotypischen Erwachsenen. Unversehens kam man wieder weiter mit der Entzifferung von Gedächtnis und Bewusstsein, mit Methoden zur Intelligenzsteigerung. Holtzmann war klar, dass es ein Werkzeug war, das für das Studium des Geistes alles veränderte. Und dabei würde es auch die Menschheit verändern.
Holtzmann hatte die Transformation bereits auf der persönlichen Ebene erlebt. Er hatte die Gedanken von Physikern und Mathematikern berührt, von Dichtern und Künstlern und von anderen Neurowissenschaftlern. Er hatte andere Bewusstseine gespürt. Welcher Neurowissenschaftler oder welcher sonstige Wissenschaftler würde sich eine solche Gelegenheit entgehen lassen?
Jetzt konnte man alles erleben, einen anderen Geist berühren und sehen, wie er die Welt sah, seine Erfahrungen miterleben, seine Abenteuer, seine ...
Eine andere Erinnerung tauchte auf.
Er war wieder ein junger Mann gewesen, kräftig, fit, mit einer hübschen jungen Frau. Er erinnerte sich, wie weich sich ihre Haut unter seinen Händen angefühlt hatte, an den Geruch ihres Parfüms, den Geschmack ihrer Küsse, wie er ihr das seidene Negligé von den Schultern gezogen und über den Körper gestreift hatte, die Feuchtigkeit, als seine Finger spürten, wie bereit sie für ihn war, wie sehr sie von ihm erregt wurde, der erotische Kitzel, als sie sich mit Nylonstrümpfen an den gespreizten Schenkeln auf ihn gesetzt hatte, und dann die unglaubliche Wärme und Enge, als sie ihn in sich aufgenommen hatte ...
Genug, dachte Holtzmann.
Mit Mühe verdrängte er die Erinnerung aus seinem Bewusstsein. Einmal war genug gewesen. Es war nicht nötig, noch einmal dorthin zurückzugehen. Um ehrlich zu sein, hatte es sich zu real angefühlt – nicht wie Pornografie, sondern wie ein Seitensprung. Und Martin Holtzmann hatte sich geschworen, nie wieder untreu zu werden.
Egal. Es gab geschmacklose Möglichkeiten, die Technologie zu benutzen, aber auch altruistische. Er fühlte sich lebendiger als seit Jahren, freute sich mehr auf die Zukunft als in seiner Jugendzeit.
»... und deshalb müssen wir im November gewinnen«, sagte Stockton auf dem Podium.
Du wirst nicht gewinnen, dachte Holtzmann. In den Umfragen bist du um zehn Punkte abgesackt. Stanley Kim wird der nächste Präsident werden. Die Amerikaner haben keine Angst mehr. All die Gräuel liegen in der Vergangenheit. Die Amerikaner wollen wieder in die Zukunft blicken.
Ich will in die Zukunft blicken.
Holtzmann lächelte. Ja. Alles sah wirklich sehr vielversprechend aus.
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Was? Holtzmann zuckte auf seinem Stuhl zusammen. Soeben war eine Nexus-Übertragung durch seinen Geist gerieselt. Er war sich vage bewusst, dass der ERD-Direktor Joe Duran ihm einen verärgerten Blick zuwarf.
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Sein Herz pochte. Was, zum Teufel, ging hier vor sich?
War man ihm auf die Schliche gekommen?
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Nein. Verschlüsselte Daten. Auf einer Nexus-Frequenz. Holtzmann schaute nach links und rechts, überblickte die Menge, ohne auf Joe Durans strenge Miene zu achten.
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Da, es kam von irgendwo hinter ihm.
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Und ein anderes Signal ...
Er reckte den Hals, um sich umzuschauen, ignorierte die verärgerten Blicke der Leute, die hinter ihm saßen. Dort gab es nichts Ungewöhnliches zu sehen. Wichtige Leute aus allen Abteilungen der Homeland Security – FBI, TSA, DEA, Küstenwache, ERD – saßen auf weißen Plastikstühlen. Ein Agent des Secret Service, mit cooler verspiegelter Brille, der langsam durch den Mittelgang nach vorn ging. Ganz hinten ein Halbkreis aus Kameras und Nachrichtenreportern.
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Das Signal kam laut und deutlich von irgendwo da hinten.
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Und die kürzere Antwort. Beide kamen von ... von ... O Gott. Gütiger Gott!
Kade erwachte im Klinikbett aus dem Narkoseschlaf. Draußen vor den Fenstern war es dunkel. Er blinzelte verwirrt. Was hatte ihn geweckt? Ling schon wieder?
[Alarm] [Alarm] [Alarm]
Dann sah er das Blinken in seinem Augenwinkel. Eine Benachrichtigung mit hoher Priorität, die es ihr gestattete, ihn zu alarmieren, während er schlief.
Rangan? Ilya? Hatten die Agenten, die er im Netz freigesetzt hatte, sie gefunden?
Nein. Der andere Alarm.
[Alarm: Nötigungscode Muster Alpha registriert. Status: Aktiv]
Wieder ein Nötigungscode. Nicht nur irgendein Nötigungscode. Etwas, das er erst einmal bemerkt hatte, vor einigen Tagen. Software, die einen Menschen in einen Roboter verwandelte, in einen Attentäter. Der höchstentwickelte Code, den er bisher gesehen hatte.
Und jetzt hatten seine Agenten diesen Code wieder registriert, aber in einem anderen Bewusstsein. Und der Code war aktiv.
Der Schlaf verflüchtigte sich aus Kades Geist. Die Alarmmeldung öffnen. Auf den Link zum Bewusstsein klicken. Die verschlüsselte Verbindung bestätigen. Die Hintertür aktivieren, völlige Immersion. Den Passcode schicken.
Und er war drin.
Holtzmanns Blick fixierte die Quelle der Nexus-Übertragungen. Der Anzug. Die verspiegelte Brille. Die verstärkten Muskeln. Es war der Agent des Secret Service, der über Nexus kommunizierte.
Die Furcht ließ ihn erstarren. O nein! Bitte nicht!
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Der Agent griff unter seine Jacke, und etwas entließ Martin Holtzmann aus seinem Griff.
»ER HAT EINE WAFFE!« Holtzmann sprang auf, schrie mit voller Kraft und zeigte auf den Mann.
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Die Zeit verlangsamte sich. Die Hand des Attentäters kam unter seiner Jacke hervor und hielt eine riesige Pistole. Die anderen beiden Agenten des Secret Service rasten plötzlich mit unmöglicher Schnelligkeit auf den Mann mit der Waffe zu. Joe Duran kam auf die Beine, starrte Holtzmann mit offenem Mund an. Holtzmanns Herz setzte für einen Schlag aus, und all seine Sinne konzentrierten sich auf den Mann mit der Pistole und diesen schrecklichen Augenblick.
Waffe!
In seiner Hand war eine Waffe, und sie schoss. Er feuerte auf einen Mann auf einem Podium vor ihm.
Kade ließ die Hand dieses Körpers verkrampfen, damit sie die Waffe fallen ließ. Und zwei menschliche Geschosse kollidierten mit ihm.
Die Waffe des Attentäters bellte zweimal. Die Mündungsblitze waren heller als das morgendliche Sonnenlicht. Dann rammten seine Kollegen ihn mit der Wucht von Lokomotiven und einem heftigen Stoß. Die Waffe wurde aus der Hand des Attentäters geschleudert, als er von den Beinen gerissen wurde. Die drei Agenten flogen ein paar Meter weit als kompakte Masse durch die Luft, dann landeten sie krachend in einem Haufen auf dem Boden, der Attentäter ganz unten.
Holtzmann wirbelte zum Podium herum und suchte nach dem Präsidenten. War er in Sicherheit? Wurde er getroffen? Aber von Stockton war nichts zu sehen, nur ein Haufen Secret-Service-Agenten, die die Sicht versperrten. Duran brüllte Holtzmann etwas ins Ohr. »Sie! Woher wussten Sie es, Martin? Woher wussten Sie es?«
Die menschlichen Panzer warfen ihn zurück, rissen ihn krachend zu Boden, und Kade spürte, wie sein eigener Körper keuchte, als der Schmerz über den Link kam. Er lag am Boden! Der Attentäter war überwältigt worden!
Hatte er den Mann erschossen? Hatte er das Attentat rechtzeitig verhindern können? Wo war er? Wer war er?
Dann spürte er, dass etwas im Körper des Attentäters nicht stimmte. Ein Schmerz tief im Innern. Es war etwas Hartes und Schweres in seinem Oberkörper, wo so etwas nicht sein sollte.
O nein.
Nicht nur eine Pistole. Der Attentäter hatte nicht nur eine Pistole ...
Er öffnete den Mund des Mannes, um zu sprechen, um sie zu warnen.
Weißes Rauschen überflutete seine Sinne.
[VERBINDUNG VERLOREN]
Und der Link erlosch.
»Woher wussten Sie es, Martin?«, brüllte Joe Duran ihn an, während sein Mund Speichel verspritzte. »Woher wussten Sie es?«
Holtzmann starrte fassungslos mit leerem Geist. Irgendeine Ausrede. Er brauchte irgendeine Ausrede. Es war nicht Nexus. Ich habe kein Nexus.
Dann explodierte die Welt. Die Druckwelle der Detonation traf Martin Holtzmann. Die Wucht riss ihn von den Beinen, schleuderte seinen Körper durch die Luft. Er flog mit gespreizten Gliedmaßen, schockiert, vom Boden losgelöst. Einen Moment später spürte er die glühende Hitze. Dann schlug Holtzmann gegen etwas Hartes und Unnachgiebiges, und alles wurde dunkel.
»NEIN!«
Kade öffnete sein gesundes Auge, während ihm ein Schrei entfuhr. Die Tür flog auf, und Feng war da, mit Waffen in den Händen, nach der Gefahr suchend. Zwei Mönche stürmten hinter ihm herein. Ihre Bewusstseine waren von bedingungsloser Hingabe erfüllt, und sie warfen ihre Körper über Kade, um ihn vor der Gefahr abzuschirmen, die in die Klinik eingedrungen war.
»Nein, nein, nein ...«, wiederholte Kade.
»Was? Was?«, brüllte Feng zurück, wirbelte herum, suchte nach einem Ziel.
Kade klinkte sich mental in die Nachrichtenkanäle ein, suchte, versuchte zu verstehen, was er soeben gesehen hatte, und hoffte, dass es nicht das war, was er befürchtete ...
Dann tauchten die ersten Berichte im Netz auf.
»Verdammte Scheiße.«
Breece fluchte leise. Zwei Schüsse. Zweimal daneben. Er hatte vier Schüsse eingegeben. Und jeder einzelne hätte töten sollen. Etwas war dazwischengekommen. Jemand hatte eingegriffen ...
Und die Bombe ... seine Ergänzung des Plans, gegen die Anweisungen. Eine gute Sache. Aber nicht gut genug. Der Präsident hatte es überlebt.
Als er sich von der Uplink-Position entfernt hatte, als die Logdateien magnetisch gelöscht und auch sein Slate und das Missionstelefon gelöscht, kurzgeschlossen und in der Bucht versenkt worden waren, als alle Sicherungsmaschinen einen mysteriösen Datenverlust erlitten hatten, als die Mitglieder seines virtuellen Teams – Ava und Hiroshi und der Nigerianer – sich in alle Winde zerstreut hatten, als er unterwegs war und durch die lärmende Menge auf der Market Street lief, erst da zog er das verschlüsselte Telefon hervor, das für das nächste Gespräch reserviert war, und wählte die Nummer seines Vorgesetzten, den Leiter der Posthuman Liberation Front, den Mann mit dem Codenamen Zarathustra.
Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr getan, ihn zu überwinden?
Er hörte den Ton im Ohr. Die einmal verwendbaren Kryptopads richteten sich aus. Er hatte sechzig Sekunden Sprechzeit.
»Mission gescheitert«, sagte Breece leise. »Es kam zu einer Einmischung. Ursache unbekannt.«
»Die Bombe war nicht plangemäß.« Zaras Stimme war elektronisch verzerrt, um eine Stimmmustererkennung zu verhindern.
»Sorgen Sie sich nicht wegen der Bombe«, sagte Breece zu ihm. »Sorgen Sie sich darum, wie wir aufgehalten wurden. Sorgen Sie sich darum, dass jemand wusste, dass wir kommen. Sorgen Sie sich darum, dass die Zielperson überlebt hat.«
»Ich sage Ihnen, weswegen wir uns Sorgen machen müssen«, erwiderte Zara. »Nicht umgekehrt.«
»Sie haben unseren Agenten enttarnt. Sie wussten, dass wir da waren. Sie waren auf uns vorbereitet.«
»Sie haben gegen den Befehl Dutzende getötet.«
»Es waren Feinde. FBI. ERD. DHS. Alle.«
»Ich sage Ihnen, wer unsere Feinde sind. Halten Sie sich zurück, bis Sie wieder von mir hören.«
Breece unterbrach frustriert die Verbindung und lief weiter.
Was habt ihr getan, ihn zu überwinden?, hatte Nietzsche gefragt.
Ich habe getötet, dachte Breece. Das habe ich getan. Und was ist mit dir?
Der Mann, der Zarathustra genannt wurde, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und starrte durch die Fenster auf das geschäftige Treiben der Stadt. Er war groß, dunkelhaarig, dunkeläugig, breitschultrig. Ein Mann, der körperliche Tätigkeit gewohnt war. Doch die Geschichte würde sich wegen der Dinge an ihn erinnern, die er durch andere hatte tun lassen – sofern sich die Geschichte überhaupt wahrheitsgemäß an ihn erinnerte.
Breece musste beobachtet werden, auf minimalem Niveau. Der Mann wurde immer extremer, entwickelte sich zu einem Sicherheitsrisiko. Aber nicht jetzt. Nicht unmittelbar nach dieser Aktion. Aber bald.
Siebzig Männer und Frauen tot. Der Präsident am Leben. Der Kollateralschaden war immens. Ein Fiasko. Ein großes Fiasko. Aber am Ende war die Mission erfüllt worden. Das amerikanische Volk und die Welt lernten wieder die Angst kennen.
Martin Holtzmann erlangte schlagartig das Bewusstsein zurück. Er lag in seinem Zimmer im Walter Reed National Military Medical Center. Die Schmerzen kehrten zurück, schoben sich an seiner linken Körperseite hinauf, über die zerfetzten Muskeln seines Beins, über die Splitter seines zertrümmerten Oberschenkelknochens und der pulverisierten Hüfte, über die gebrochenen und geprellten Rippen seines Brustkorbs, und setzten sich schließlich in seinem gebrochenen Schädel fest. Die Schmerzen waren gewaltig, sie steigerten sich, drohten aus seinem verwüsteten Körper hervorzubrechen. Sein Herz schlug schneller und schneller. Schweiß perlte auf seiner Stirn.
Holtzmann tastete nach der Pumpe, fand sie, drückte immer wieder auf den Knopf. Irgendein süßes Opiat ergoss sich in seine Adern. Der Schmerz verringerte seine apokalyptischen Ausmaße, und gleichzeitig verringerte sich seine Panik.
Ich lebe, dachte Holtzmann. Ich habe überlebt. Andere hatten nicht so viel Glück gehabt. Siebzig Todesopfer. Viele, die er gekannt hatte. Clayburn. Stevens. Tucker. Alle tot. Sogar Joe Duran, der genau neben ihm gestanden hatte, war ums Leben gekommen.
Wenn ich einen Platz weiter vorn gesessen hätte ...
Joe Duran hatte es gewusst. In jenem letzten Augenblick hatte er es verstanden. Es gab keine Möglichkeit, dass Holtzmann den Attentäter allein durch Zufall entdeckt hatte ...
Wenn Duran überlebt hätte ... wären sie gekommen, um ihm Fragen zu stellen. Fragen, die sie auf die Spur des Nexus in seinem Gehirn gebracht hätten ...
Aber er ist tot, sagte sich Holtzmann immer wieder. Er ist tot, und ich bin es nicht.
Die Erleichterung ging mit schlechtem Gewissen einher, aber es war trotzdem Erleichterung.
Was, zum Teufel, ist passiert?, fragte er sich.
Die Einzelheiten waren jetzt überall in den Nachrichten. Steve Travers, der Agent des Secret Service, der auf den Präsidenten geschossen hatte, hatte einen autistischen Sohn. Erste Beweise belegten, dass er Nexus installiert hatte, um mit dem Jungen Verbindung aufnehmen zu können, und irgendwie hatte die Posthuman Liberation Front das ausgenutzt, um seine Moral zu untergraben. Die Gruppe hatte bereits eine Erklärung veröffentlicht und die Verantwortung übernommen.
»Heute haben wir im Namen der Freiheit einen Schlag gegen jene geführt, die euch unterdrücken. Überall, wo Tyrannen versuchen zu diktieren, was Individuen mit ihren eigenen Köpfen und Körpern tun sollen«, hatte die verzerrte Gestalt eines Mannes verkündet, »werden wir zuschlagen.«
Aber wie? Wie hatten sie es getan?
Nur mit hoch entwickelter Software ließ sich ein Mann auf diese Weise in eine Marionette verwandeln. Holtzmann wusste es. Er hatte ein Team geleitet, das genau das getan hatte. O ja, es ließ sich machen. Aber diese sogenannte »Befreiungsfront«, die sich zu dem Anschlag bekannt hatte, hatte in den vergangenen zehn Jahren niemals eine solche Kompetenz aufgeboten, falls überhaupt. Während Holtzmanns ganzer Karriere war ihm die PLF eher wie ein Haufen Spaßvögel vorgekommen. Das Bemerkenswerte an ihnen waren ihre bombastischen Erklärungen und ihre Fähigkeit, sich einer Festnahme zu entziehen, und weniger die Schäden, die sie angerichtet hatten. Also warum jetzt? Was hatte sich geändert?
Martin Holtzmann lag auf seinem Krankenhausbett, voller Sorgen, sein Geist von Schmerzmitteln umnebelt. Nach einigen Minuten gab er Befehle an sein Nexus-Betriebssystem. Die Erinnerungen des Tages, alles, was er gesehen, gehört und empfunden hatte, soweit er sich noch daran erinnern konnte, wurde in den Langzeitspeicher überspielt.
Holtzmann griff erneut nach dem Knopf für die Opiate.
Ling Shu erwachte im Weltraum. Die einhundert Milliarden Sterne der Milchstraße stiegen über ihr auf. Sie blinzelte die Illusion weg. Die Projektion erlosch, und ihr Zimmer wurde sichtbar. Klare Linien, Teakholz, chinesische Schriftzeichen auf einer Wand, während die andere Wand komplett von einem Fenster mit Blick auf das Herz von Schanghai eingenommen wurde.
Ling konnte jetzt die Lichter der Stadt durch dieses Fenster sehen, das zwanzig Stockwerke hohe weibliche Gesicht auf dem Wolkenkratzer gegenüber – zwinkernd und lächelnd – während es irgendein Produkt bewarb, das die Menschen konsumieren sollten.
Die Welt in ihr fühlte sich realer an. Ferne Stürme sandten Schockwellen durch die Ebbe und Flut der Bits, in denen sie schwamm. Digitaler Donner hatte sie geweckt, die Echos gewaltiger Explosionen überall auf dem Planeten. Sie atmete ihn ein, spürte, wie die Daten sie durchdrangen, spürte, wie sie Sinn aus dem Chaos herausfilterte.
Der US-Präsident wäre fast gestorben.
Die Börsen schlossen, um einen Sturz ins Bodenlose zu stoppen.
Ein neues Kopfgeld, das die Amerikaner auf ihren Freund Kade ausgesetzt hatten.
Sie konnte spüren, wie sich die Welt neu orientierte. Auch nachdem die offiziellen Märkte geschlossen waren, bewegten sich in der Dunkelheit enorme Mengen von Geld und Daten von einem Ort an den anderen. Wetten wurden abgeschlossen und gehedgt. Versicherungen wurden in Anspruch genommen und ausgezahlt. Notfallpläne wurden aktiviert. Halbautonome Agenten jagten Befehle, Anfragen und Transaktionen hin und her.
Sie konnte nicht alle Schwimmer sehen, aber sie sah die Wellen, die sie im Meer der Informationen hinterließen. Und sie wusste, was diese Wellen bedeuteten.
Krieg.
Ein Krieg stand bevor.
Und Ling musste ihre Mutter wiederfinden.
Samantha Cataranes sprang winkend und lachend aus dem Führerhaus des Tankwagens. Der Fahrer rief ihr auf Thai ein Lebewohl hinterher und fuhr weiter, beförderte seine kostbare Fracht Treibstoff produzierender Algen – die vermutlich irgendeiner indischen oder chinesischen Firma geklaut worden war – weiter in den Süden an die Grenze zu Malaysia.
Um sie herum erstreckte sich mit ein paar Häuserblocks zu beiden Straßenseiten das Dorf Mae Dong, ein kleines Nest im bäuerlichen Distrikt Waeng. Eine Tankstelle. Ein Restaurant und zwei Teehäuser. Ein Gästehaus, wo Reisende ein Zimmer finden konnten.
Sam steuerte das Gästehaus an. Die Julihitze war brutal. Die Sonne brannte auf ihrer dunklen Haut. Der Juli sollte eigentlich ein feuchter Monat sein, aber in diesem Jahr ließ die Regenzeit auf sich warten. Die Felder waren gelber und trockener, als sie sein sollten. Die Reisfelder waren brauner. Nur der genmanipulierte, dürreresistente Reis in den schlammigen Reisfeldern konnte das Land noch ernähren.
Es war eine lange, sorgsam geplante Reise gewesen. Vor drei Monaten hatte sie sich von Kade und Feng verabschiedet. Sie brauchte eine Woche, um in den Süden nach Phuket zu gelangen. Dort verbrachte sie zwei Monate unter Strandgängern, Sextouristen und internationalem Partypublikum, um sich eine neue Identität zuzulegen. Sie konnte nicht mehr Samantha Cataranes, Agentin des Emerging Risks Directorate des Department of Homeland Security sein. Diese Frau war tot. Sam musste jemand anderes sein.
Mit drei höchst illegalen Boxkämpfen, in denen alle Mittel erlaubt waren, für einen Mafioso aus Phuket namens Lo Prang hatte sie sich das Geld beschafft, das sofort in einen neuen Ausweis geflossen war, in eine Melanin-Therapie, um ihrer bereits dunklen Latina-Haut eine asiatischere Nuance zu verleihen, und in eine dezente, virale Umformung der Augenlider, der Nase und des Kinns. Alles war darauf abgestimmt, ihr ein eher thailändisches Profil zu verschaffen und gewöhnliche Gesichtserkennungs-Software in die Irre zu führen.
Sie war jetzt Sunee Martin, eine halb thailändische, halb kanadische Touristin, die das Geburtsland ihrer Mutter erkunden wollte. Mit dem Ausweis würde sie nicht über nationale Grenzen kommen, aber bei lokalen Polizeikontrollen würde sie damit durchkommen.
Sie hatte einen weiteren Monat in Phuket verbracht, um jeden Tag ganz offen einen Tempel aufzusuchen, mit dem Geld von ihrem neuen Bankkonto einzukaufen und zu essen, am amerikanischen Konsulat vorbeizugehen und sich in allen Situationen Überwachungskameras auszusetzen, wo ihre neue Identität überprüft wurde. Falls es misslang, dann lieber dort. Sie wollte das ERD nicht dorthin führen, wohin sie unterwegs war.
Sie kam durch.
Die Angestellten des Gästehauses von Mae Dong schüttelten stumm den Kopf, als sie sich nach einem Waisenhaus oder Heim für Kinder mit besonderen Bedürfnissen in der Nähe erkundigte. Aber sie hatten ein Zimmer für sie. In den halbwegs kühlen frühen Abendstunden beantworteten die Ladeninhaber und Tankstellenwärter ihre Fragen mit dem gleichen stummen Kopfschütteln. Ein Waisenhaus in der Nähe? Mai chai, sagten sie. May cow jai.
Sie wussten von nichts.
Aber sie senkten verlegen den Blick. Sie logen sie an.
Wollten sie die Kinder beschützen?
Später im Teehaus plauderte sie mit Einheimischen, machte Small Talk, lachte mit thailändischen Frauen und Männern. Wenn sie dann fragte, verstummten alle. Die Leute schauten weg. Ihre Witze trafen plötzlich auf taube Ohren. Am dritten Tisch schlug ein Muslim die Beine so übereinander, dass er ihr die Fußsohle zukehrte. Die Beleidigung entging ihr nicht. Am vierten Tisch ertappte sie aus dem Augenwinkel eine Frau, die ein Abwehrzeichen gegen Unglück machte.
Es ging wohl nicht um den Schutz der Kinder. Sondern um etwas anderes. Um Aberglaube.
Sam zog sich früh zurück.
In jener Nacht träumte sie vom Ring, vom über zwei Meter großen Riesen namens Glao Bot, dem Schädelbrecher. Dreihundert Pfund genmanipulierter Muskeln mit kahlem Kopf vom erhöhten Testosteronwert, voll auf P-Meth, mit funkelnden Augen und überall hervortretenden Venen.
Sie war wieder da, hatte das Gebrüll der Menge in den Ohren, den viel zu laut aufgedrehten thailändischen Techno, im Blitzlichtgewitter, und Glao Bot kam mit einem unmenschlichen Fauchen auf sie zu, angestachelt von der blutrünstigen Menge, die nun lauter johlte, damit er sie packte und ihren Schädel gegen den Pfosten rammte. Sein übelriechender Atem, als er näherkam.
Dann Glao Bot auf dem Rücken keuchend mit blutüberströmtem Gesicht und gebrochener Nase, die Hände zur fast zertrümmerten Luftröhre hebend, die weit aufgerissenen Augen voller Angst, das Publikum starr vor Schock und Unglauben, bevor sein Gebrüll noch lauter wurde.
Dann der ledrig harte Lo Prang, ein in die Jahre gekommener ehemaliger Champion, der ihr ein dickes Banknotenbündel reichte, mit der Aussicht auf mehr, wenn sie blieb. Noch ein Kampf. Nur einer. Danach noch einer. Und dann noch einer.
Sam wachte in der brütenden Hitze auf. Sie spritzte sich Wasser ins Gesicht und blinzelte den Traum weg. Die Kämpfe hatten sie hierhergebracht. Sie hatte getan, was getan werden musste.
Der zweite Tag war auch nicht besser. Fragen trafen auf starre Blicke, Feindseligkeit und Ausweichmanöver.
In jener Nacht suchte sie eine der beiden Bars im Dorf auf. Sie gab mehrere Runden Drinks aus, erzählte Witze, lachte an den richtigen Stellen und kam schließlich zu ihren Fragen. Nach einer Stunde in bester Stimmung verstummten alle abrupt, starrten sie an, tuschelten über sie, der Barmann forderte sie auf zu gehen. Sie war schlecht fürs Geschäft.
Am dritten Abend ging sie in die letzte Bar im Dorf hinten bei den Lagerhäusern, wo es verwahrloster und rauer war. Das Publikum bestand hauptsächlich aus Männern, die viel tranken. Sie spürte, wie sie von ihnen angestarrt wurde. Sie starrte zurück, erwiderte die anstößigen Scherze und trank dann genauso viel wie sie und wich den Blicken nicht aus. Als alle betrunken waren, stellte sie ihre Fragen.
Diesmal stieß sie auf Feindseligkeit. Die Männer erhoben gleichzeitig ihre wütenden Stimmen. Einer spukte auf den Boden vor ihren Füßen. Zwei standen auf und befahlen ihr zu verschwinden. Selbst die wenigen Frauen in der Bar starrten sie böse an.
Sam stand auf, hob die Arme, wich langsam zurück, entschuldigte sich. Wie konnte das passieren?
In der Dunkelheit und relativen Kälte kehrte sie frustriert zum Gästehaus zurück. Einen Block von der Bar entfernt hörte sie, wie ihr zwei Männer folgten. Sie bemerkte sie an ihren Schritten. Große Typen. Betrunken.
Sam ging langsam, damit sie eingeholt wurde. Sie bog in eine dunkle Gasse ab. Sie hörte, wie sich einer ihrer Verfolger plötzlich umdrehte. Ihr übermenschliches Gehör nahm die schweren Schritte seiner Füße wahr, als er die Seitenstraße hinuntereilte, um ihr vom anderen Ende entgegenzukommen.
Sam hatte die Hälfte der Gasse zurückgelegt, als er schwer atmend am anderen Ende auftauchte. Ihre Nachtsicht beleuchtete ihn perfekt. Sie ging weiter, während der Mann hinter ihr aufholte und der andere ihr vorn den Weg versperrte.
Als sie fast bei ihr waren, sprach sie sie auf Thai an.
»Sagt mir, wo die Kinder sind, dann werde ich euch nichts tun.«
Beide lachten grausam. »Verrückte Hure, geh nach Hause.«
»Die Kinder«, wiederholte sie.
Der hinter ihr holte knurrend aus, um ihr auf den Kopf zu schlagen. Sam hörte es kommen. Sie drehte sich um, trat zur Seite, packte ihn mitten in der Luft am Handgelenk und ließ es nicht los. Die Augen des Mannes weiteten sich vor Angst. Sein Freund stürzte sich auf sie, während Sam ihm in den Bauch kickte. Als er sich krümmte, redete sie weiter.
»Erzählt mir von den Kindern und wo sie zu finden sind.«
Nach weiterer Überzeugungsarbeit taten sie es.
Eine Stunde später war sie drei Meilen vom Dorf entfernt, ging mit all ihrer Habe in einem Rucksack den Hügel hinauf und durchquerte die Reisfelder mit den genmanipulierten Pflanzen. Eine schmale Mondsichel glitzerte in den Pfützen der Reisfelder. Im Flachland unter ihr sammelte sich der Dunst vor der Dämmerung.
Baby-Diebe hatten die Männer, die sie ausgequetscht hatte, die Leute vom Waisenhaus geschimpft. Mae mot. Medizinmänner. Hexenmeister.
Hier in den abgelegenen Dörfern im Süden war der Aberglaube noch tief verankert.
Drei Stunden und ein Dutzend Meilen später hellte sich der Himmel im Osten auf, und sie hatte ihr Ziel erreicht. Es befand sich auf einem Hügel, eine Häusergruppe, die von einer Steinmauer mit einem Elektrozaun darauf umschlossen war. Das Haupttor war aus mit Stahl bewehrtem Holz.
Es wäre einfach reinzukommen. Aber sie hatte keinen Überfall vor. Worum ging es ihr? Um Wiedergutmachung? Eine neue Aufgabe? Familie?
Es ging darum, weitere Kinder wie Mai zu finden. Sam nahm ihren Rucksack ab, setzte sich mit gekreuzten Beinen vor das Tor und öffnete ihre Schleusen, ließ ihre Gedanken von den Nexus-Datenknoten in ihrem Gehirn nach außen projizieren.
Dann begann sie zu meditieren. Zuerst anapana, die Atemmeditation, dann ging sie zum vipassana über, der Achtsamkeits-Meditation. Als ihr Geist beruhigt war, wandte sie sich schließlich der dreitausend Jahre alten metta-Praxis zu, der Entwicklung der Herzensgüte. Sie hielt ihren Geist so ruhig und so klar wie die Oberfläche eines unberührten Teiches.
Dann ließ sie das Mitgefühl aus einem unendlich tiefen Brunnen in ihr herausströmen. Sie lenkte das Mitgefühl nach außen. Zu ihrer toten Schwester, die bis zum Ende unschuldig geblieben war. Zu ihren toten Eltern, die ihr Bestes gegeben hatten. Zu Nakamura, der ihr im zarten Alter von vierzehn Jahren das Leben gerettet hatte und ihr Mentor wurde, so etwas wie eine Vaterfigur in ihrem Leben darstellte. Zu den Kollegen, die sie im ERD zurückgelassen hatte. Zur armen, kleinen Mai, die ihr in so kurzer Zeit so sehr geholfen hatte und die nun ihretwegen tot war. Zu allen Männern und Frauen, die in jener Nacht in Bangkok ums Leben gekommen waren.
Sie lenkte ihre Herzensgüte auf die, die sie selbst getötet hatte. Auf Wats, der ihr innerhalb von fünf Minuten zweimal das Leben gerettet und dafür seines gegeben hatte. Auf Kade, der das Ding in ihrem Geist gebaut hatte, das sie anfangs gehasst hatte und jetzt so sehr liebte. Auf Feng und Shu, die sie gerettet hatten, in ihrer Rätselhaftigkeit. Auf Ananda, der sie aufgenommen und ihr so viel beigebracht hatte. Auf Vipada und die Mönche, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatten, um sie und Kade zu verteidigen. Auf den armen Warren Becker, der mehr als den Tod verdient hatte, mit dem man ihn zum Schweigen brachte.
Und am Ende richtete sie ihr unendliches Mitgefühl auf sich selbst, auf das junge Mädchen, das sie gewesen war, auf die Soldatin, die sie geworden war, um für Gerechtigkeit zu kämpfen, und auf die Person, die sie jetzt war, in diesem nächsten Stadium ihrer Evolution.
Die Sonne war über die Hügel gestiegen, die sie umgaben. Sie konnte es durch die geschlossenen Augenlider wahrnehmen. Auf ihrer Stirn spürte sie die Wärme der ersten Strahlen des Morgens.
Sie dachte an Mai zurück, an die junge Mai, die magische Mai, die unglaublich scharfsinnige und süße Mai, die in den Knoten des Schmerzes und der Selbstvorwürfe tief in Sams Innern geblickt hatte und ihn ein wenig lösen konnte. Die ihr ermöglicht hatte, ihrem jungen Selbst zu verzeihen. Sie ging jeden Moment ihres kurzen Treffens durch, wie sich Mai eine Schwester gewünscht hatte, wie Sam ihr versprochen hatte, diese Schwester für sie zu sein, und wie Mai dafür zu ihrer Schwester wurde.
Tränen liefen ihr über die Wangen, die von der Sonne erwärmt wurden, die nun ihr ganzes Gesicht beschien. Und während sie sich all die Sorgen und Freuden, den Verlust und die Hoffnung ihrer kurzen Zeit mit Mai in Erinnerung rief, spürte sie, wie sich ihr andere Bewusstseine öffneten. Junge Bewusstseine. Bewusstseine, die nicht von dieser Welt waren.
Dann ging das Tor auf, und Samantha Cataranes war endlich angekommen.
Su-Yong Shu schlenderte durch das hohe Gras mit den gelben Blüten. Der Himmel über ihr war ein atemberaubendes Kobalt, durchsetzt von kleinen weißen Wolken. In der Ferne, jenseits der weiten blumenübersäten Ebene, ragten majestätische purpurne Berge empor, gekrönt von Schnee, der so weiß war wie das einfache Kleid, das sie jetzt trug. Sie lief barfuß, genoss das Gefühl, wie das Gras ihre Beine streifte, wie ihre herabhängenden Finger über die hohen Stängel strichen.
Su-Yong blieb stehen, hockte sich hin und pflückte eine Blüte. Sie hielt sie sich ganz nahe ans Gesicht, damit ihre Sinne den süßen Duft aufnehmen konnten, den strahlenden goldenen Farbton. Sie lächelte. Ihr Gesicht war jung und sorgenfrei, ihr Haar lang und dunkel, wie das eines Mädchens, im Wind wehend.
Es war eine Chrysanthemum boreale. Die »goldene Blüte«. Das Symbol für einen der vier Ehrenmänner der chinesischen Legende. Ihre Lieblingsblume, die in die Zeit ihrer fröhlichen unschuldigen Kindheit zurückreichte.
Jetzt starrte sie auf die Blume. Wenn sie es wünschte, könnte sie mit ihrem Blick hineinzoomen, in die inneren Strukturen der Blüte eindringen, mentale Schichten ablösen, bis hinunter zu einer individuellen Zelle, dann noch tiefer, bis zu den achtzehn diploiden Chromosomen und weiter bis zu jedem individuellen Gen und jedem Nukleinsäurenpaar darin.
Doch sie tat es nicht. Stattdessen ließ sie sich von der Blüte in die Vergangenheit mitnehmen. Die Luft vor ihr teilte sich, eine große rechteckige Fläche aus Silber bildete sich, zehnmal so hoch wie sie und doppelt so breit, wie sie hoch war. Sie nahm schärfere Konturen an, unterbrach die weite Ebene mit den Blumen und versperrte die Sicht auf die Berge dahinter.
Und es zeigte ihr eine Erinnerung. Einen Ball, eine Gala. Ein gut aussehender Mann in schwarzem Smoking mit einer Chrysantheme am Revers. Zwei gutaussehende Männer. Ihre Männer. Chen Pang, ihr Ehemann. Thanom Prat-Nung, ihr Geliebter.
Sie sah sich selbst, groß und jung und schlank und elegant, wie sie mit ihnen tanzte, herumwirbelte, lächelte, lachte, betrunken von der Schönheit des Lebens, den Möglichkeiten, von einer Welt ohne Grenzen oder Einschränkungen oder gesellschaftliche Konventionen.
2027 war es gewesen. Zum Höhepunkt der Periode der gong kāi huà in China. Die chinesische glasnost. Die Gegenkultur in China. Jener Sommer der Freiheit, als die Progressiven herrschten, als die Demokratie in Reichweite schien, als die Wissenschaften und die Künste blühten, als das Motto des Tages »Lasst eine Milliarde Blumen erblühen« lautete, als undenkbare Schamlosigkeiten beinahe akzeptabel erschienen, als eine Frau einen Ehemann und einen Geliebten haben konnte, was vielleicht von beiden akzeptiert wurde. Als eine Frau und ihr Ehemann und ihr Geliebter davon träumen konnten, das menschliche Bewusstsein über die bloße Biologie hinaus zu erweitern.
Lächelnd blickte sie auf ihr jüngeres Ich hinab, wie es in jenem glorreichen, goldenen Zeitalter durch die Nacht tanzte, von ihren gut aussehenden Männern begleitet. Dann fiel es ihr wieder ein, wie es immer geschah.
Einer dieser Männer war tot, von den Amerikanern ermordet. Und der andere hatte sie in ihrem chinesischen Gefängnis sitzen lassen.
Dann kam sie plötzlich wieder zu sich, auf der weiten Ebene. Durch das Portal, das über ihr aufragte, sah sie nun Szenen des Todes aufblitzen. Thanom Prat-Nung, der in jenem Loft in Bangkok von Kugeln zerfetzt wurde, ein Opfer der Amerikaner und seiner Karriere als Nexus-Drogenbaron. Eine Limousine, die von einer Bombe der CIA in Flammen aufging, eine schwangere Version von ihr, die darin gefangen war, brennend. Ihr eigener Körper, ihr Avatar, wie er von amerikanischen Neurotoxin-Pfeilen in jenem Thai-Kloster getroffen wurde, wie ihre Haut grau wurde, als sie Feng sagte, dass er den Jungen retten sollte. Tod. Tod. Tod. In ihrem Kopf war wieder der Lärm. Das Chaos. Sturmwolken brodelten, kamen aus dem Nichts, wurden zu einem bedrohlichen Mahlstrom, der den Himmel verdunkelte. Blitze zuckten von Wolke zu Wolke, stießen gegabelt herab, um in die Ebene um sie herum einzuschlagen. Donner krachte laut und nahe. Der Wind heulte aus dem Nichts, kalt und beißend, drang durch ihr dünnes Kleid. Sie blickte nach unten und sah die Blumen sterben, vorzeitig verwelken. Gelbe Blütenblätter verblassten, erschlafften, Stängel knickten, und dann verwesten die ganzen Blumen zu toten braunen Klumpen.
Halt es auf, sagte sie sich. Halt es auf!
Stattdessen öffneten sich die silbernen Portale überall auf der Ebene. Eins, zwei, ein Dutzend und noch mehr. Riesige zweidimensionale silbrige Rechtecke erwachten zum Leben, flackerten und öffneten sich, um ihr Szenen aus ihrem Leben zu zeigen, aus den Filmen, die sie visualisiert hatte, aus den Opern, die sie während ihrer Gefangenschaft geschrieben und komponiert und dirigiert hatte, aus den virtuellen Welten, die sie geschaffen hatte, in denen sie virtuelle Jahrzehnte verbrachte, um die unermessliche Zeit ihres superbeschleunigten Bewusstseins auszufüllen. All das bombardierte sie, eine Kakofonie aus Licht und Ton und Geruch und Berührung und Geschmack und Gefühl schrie sie an, warf sie auf die Knie.
Wahnsinn, brüllte die Kakofonie. Der Wahnsinn kommt zu dir.
Der Boden riss unter ihr auf, Spalten breiteten sich in Windeseile über die Ebene aus, Flammen schlugen daraus empor, warfen einen roten Widerschein an die erschreckenden Wolken am Himmel.
Su-Yong Shu legte die Hände an den Kopf und schrie in voller Lautstärke. Mit einem Gedankenstoß wischte sie dann alles weg, löschte dieses Multiversum aus, das sie in ihrem Geist erschaffen hatte, und brachte sich zurück in die wirkliche Existenz.
Dunkelheit.
Nichts.
Kein Licht. Kein Boden. Keine Blumen, keine Berge, keine Ebene. Kein Wind und keine herabstürzenden Wolken oder Blitze. Keine Spalten aus Höllenfeuer, die sich über das Land ausbreiteten.
Kein Körper. Kein Reiz irgendwelcher Art, der von außerhalb ihrer eigenen Existenz kam.
Nur Dunkelheit. Endlose Dunkelheit. Endlose Stille.
Endlose Taubheit.
Das war die Wahrheit. Das war ihre Existenz.
Su-Yong Shu trieb in der Isolation ihres eigenen Geistes dahin.
Wie lange war es schon so? Wie lange war es her, seit die Amerikaner in Thailand ihren Körper ermordet hatten? Wie lange war es her, seit ihre Meister sie zur Strafe von der Außenwelt abgeschnitten hatten?
Acht Milliarden Millisekunden. Mehr nicht? Drei Monate? Es fühlte sich wie Lebenszeiten an. Mehrere Lebenszeiten.
Sie waren wütend auf sie. Sie wurde bestraft. Sie hatte den Amerikanern zu viel von dem gezeigt, wozu sie imstande war, hatte den strategischen Vorteil der Überraschung verspielt.
Aber hatten ihre Meister das Risiko nicht verstanden? Was konnte geschehen, wenn sie sie zu lange in diesem Zustand verharren ließen?
Su-Yong Shu grübelte darüber nach, was das immer häufiger auftretende Zusammenbrechen der von ihr erschaffenen, virtuellen Welten bedeutete. Sie fragte sich, wie viel Zeit ihr noch blieb.
Einige Zeit später erschien ein Datenpaket in ihrem Geist, kopierte sich in ihr externes Gedächtnis. Ihre tägliche Nachrichtenlieferung.
Koste es aus, flüsterte ein Teil von ihr, zögere es hinaus. Aber das Verlangen war zu groß. Sie war ausgehungert nach irgendwelchen Daten von außen, nach irgendeiner Empfindung, nach irgendeinem Input, der kein Produkt ihrer solipsistischen Fantasie war, kein Konstrukt ihres sich langsam ausbreitenden Wahnsinns. Sie riss die spärlichen Terabytes auf, die sie ihr innerhalb von Millisekunden geschickt hatten.
Nie wurde sie irgendwo in den Nachrichten erwähnt. Kein einziges Mal. Weder sie noch ihr Ehemann Chen oder ihre Tochter Ling oder ihre Studenten oder ihr Labor in Jiao Tong. Zensiert. Sie enthielten ihr bestimmte Informationen vor.
Warum?