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Till Raether

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Beschreibung

Hauptkommissar Adam Danowski ist geliefert, seine Lage ist so bescheiden wie noch nie. Eigentlich hat seine Abteilung einen Erfolg zu verzeichnen: Der Fleetmörder ist gefasst, ein Serientäter, der seine Leichen Anfang der 1990er-Jahre in den Hamburger Alsterfleeten versteckt hat. Ein fulminanter Ermittlungsdurchbruch. Aber sein Chef sitzt Danowski im Nacken: Kienbaum, scharf auf den Posten als Polizeipräsident, will seine Cold-Case-Zahlen pushen. Und Danowski soll ihm helfen. Es gibt einen Fall, der wunderbar ins Profil des Fleetmörders passen würde, findet Kienbaum. Eine Frau, in den Neunzigern verschwunden, nie aufgetaucht. Einen weiteren Mord könnte man diesem Täter doch sicher noch unterschieben. Danowski hat keine Wahl, denn Kienbaum hat ihn in der Hand. Er weiß etwas, für das Danowski in den Knast gehen könnte. Es gibt nur eine Möglichkeit, Kienbaum loszuwerden: Danowski muss die verschwundene Frau finden.  Seine Suche führt ihn auf eine Insel, auf der ein einziges Haus steht. Und während Himmel und Meer im Sturm aufeinanderkrachen, steht Danowski vor der gefährlichsten Herausforderung seiner Polizei-Karriere ...

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Seitenzahl: 324

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Till Raether

Danowski: Sturmkehre

Kriminalroman

 

 

 

Über dieses Buch

Danowskis letzter Fall: eine Ermittlung, die ihn ans Ende der Welt bringt

 

Hauptkommissar Adam Danowski ist geliefert, seine Lage ist so bescheiden wie noch nie. Eigentlich hat seine Abteilung einen Erfolg zu verzeichnen: Der Fleetmörder ist gefasst, ein Serientäter, der seine Leichen Anfang der Neunziger in den Hamburger Alsterfleeten versteckt hat. Aber sein Chef sitzt Danowski im Nacken: Kienbaum, scharf auf den Posten als Polizeipräsident, will seine Cold-Case-Zahlen pushen. Und Danowski soll ihm helfen. Es gibt einen Fall, der gut ins Profil des Fleetmörders passen würde, findet Kienbaum. Eine Frau, in den Neunzigerjahren verschwunden, nie aufgetaucht. Einen weiteren Mord könnte man diesem Täter doch sicher noch unterschieben.

Danowski hat keine Wahl, Kienbaum hat ihn in der Hand. Er weiß etwas, für das Danowski in den Knast gehen könnte. Es gibt nur eine Möglichkeit, Kienbaum loszuwerden: Danowski muss die verschwundene Frau finden.

Seine Suche führt ihn auf eine Insel, auf der ein einziges Haus steht. Und während Himmel und Meer im Sturm aufeinanderkrachen, steht Danowski vor der gefährlichsten Herausforderung seiner Polizeikarriere …

Vita

Till Raether, geboren 1969 in Koblenz, arbeitet als freier Autor in Hamburg, u.a. für das SZ-Magazin. Er wuchs in Berlin auf, besuchte die Deutsche Journalistenschule in München, studierte Amerikanistik und Geschichte in Berlin und New Orleans und war stellvertretender Chefredakteur von Brigitte. Sein Sachbuch «Bin ich schon depressiv, oder ist das noch das Leben?» stand 2021 wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Seine Romane «Treibland» und «Unter Wasser» wurden 2015 und 2019 für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert, alle Bände um den hypersensiblen Hauptkommissar Danowski begeisterten Presse und Leser. Band 2, «Blutapfel», wurde vom ZDF mit Milan Peschel in der Hauptrolle verfilmt, weitere Danowski-Fernsehkrimis sind in Vorbereitung. Till Raether ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, März 2024

Copyright © 2024 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

Copyright © 2024 by Till Raether

Redaktion Katharina Rottenbacher

Covergestaltung Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Coverabbildung Shutterstock

ISBN 978-3-644-01723-8

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Sturmkehre, die:

Moment relativer Windstille, bevor ein Sturm seine Richtung wechselt;

durch Dünen oder Deichbau dauerhaft windgeschützter und von See her nicht einsehbarer Bereich einer Meeres-Insel.

Gunnar Bjerre, Das Nordsee-Lexikon, 1976

Die Hauptpersonen

Adam Danowski

will die Polizei verlassen.

Leslie Danowski

will ihren Mann verlassen.

Martha Danowski

kann sich auf niemanden verlassen.

Stella Danowski

hat Deutschland verlassen.

Markus Kienbaum

verlässt sich nur auf sich selbst.

Leander Schüringsen

verlässt Kuba.

Marie Kolossa

ist gestorben, aber für wen?

Jutta Stern

weigert sich zu sterben.

Tammes Skov

weigert sich, sterben zu lassen.

Andreas «Finzi» Finzel

spielt Vater.

Meta Jurkschat

spielt Mutter.

RA Jakisch

spielt nicht mit.

Herbst 2014

Kienbaum sagt Kiez, Kienbaum sagt immer Kiez.

Kiez.

Kiez.

Kiez.

 

Mit jedem Quietschen der Rückenmaschine hörte Markus Kienbaum das höhnische Wort seines Kollegen Adam Danowski: Kiez. Kienbaum überwachte sein Training in der Spiegelwand des etwas abgerockten Studios «Fit PRO 3000», nicht die beste Adresse, die Rahlstedt zu bieten hatte. Und im Präsidium hätte er kostenlos trainieren können. Aber nach einer Niederlage im Einsatz war er gerne allein. Und inzwischen hatte er schon zwei Niederlagen eingesammelt gegen den

hypersensiblen

chaotischen

unzuverlässigen

Kollegen Danowski. In Gedanken zischte er diese Attribute aus, während er sich den breiten Metallgriff ins fast ebenso breite Kreuz zog. Als Gegengift gegen das

Kiez

Kiez

Kiez.

Es deprimierte Kienbaum, im Spiegel zu sehen, wie er das Gesicht zusammenkniff. Er senkte den Blick und konzentrierte sich auf das Knallen der Gewichte am Ende des Seilzugs, wenn sie wieder zurück auf ihren Stapel fielen. Freies Krafttraining war besser, aber solche Tipps gab einem zum Glück keiner im «Fit PRO 3000». Kienbaum schätzte die Monotonie der Maschinen. Weil er währenddessen seine Gedanken kreisen lassen konnte wie jemand, der nicht aufhörte, eine wunde Stelle im Mund immer wieder mit der Zunge zu berühren.

«Kienbaum sagt immer Kiez.»

Den Satz hatte Kienbaum vor einer Woche gehört, als sie den Toten im Elbtunnel gefunden hatten. Ein Autofahrer, erschossen im Stau auf der A7. Kienbaum hatte gehört, wie der Kollege diesen Satz zur Kollegin Jurkschat sagte, in Sichtweite der Leiche, vor einem halben Dutzend Leuten aus der Einsatzgruppe, oder einem Dutzend. Mit so einem ganz spezifischen Unterton, ermüdet und herablassend zugleich. Als wäre es eine allgemein akzeptierte Lächerlichkeit, dass Markus Kienbaum immer zuerst an das organisierte Verbrechen auf Sankt Pauli und an rivalisierende Kiez-Banden dachte, wenn es in Hamburg einen besonders spektakulären Fall gab. Als wäre es allgemein bekannt, dass Kienbaum dringend in die Ermittlungseinheit Organisierte Kriminalität wollte, weil ihm die Welt der Mordbereitschaften beim LKA zu klein war. All die einsamen Toten in den Sozialwohnungen. Das erinnerte ihn zu sehr an früher. Okay. Das war jetzt nicht das, worüber Danowski sich lustig machte. Das war immerhin noch

Pri

vat

sa

che.

 

Kienbaum setzte ab, seine Handflächen brannten angenehm vom geriffelten Griff der breiten Zugstange. Er wischte sich mit dem Handtuchende über die Stirn und verzog im Schutz des Frottees noch einmal so richtig tief das Gesicht.

Er hatte den ganzen Einsatz Richtung Banden und organisiertes Verbrechen gelenkt, das war richtig, aber die Tötung im Elbtunnel passte auch einfach in allen Details zu einer Hinrichtung, wie sie in diesen Kreisen geplant und ausgeführt wurde. Das übertriebene Luxusfahrzeug, die Kaltblütigkeit und Spurlosigkeit und die Tatsache, dass ein ungarischer Bandenchef das exakt gleiche Auto fuhr wie ihr Mordopfer. Wegen dieser These hatte Behling, der Chef, ihn zum Einsatzleiter gemacht.

Und dann hatten sie durch den von ihm geplanten Einsatz tatsächlich einen Bandenkonflikt provoziert und waren in ein Kreuzfeuer in Hamburg-Harburg geraten, im Gewerbegebiet, und es war ein Wunder, dass es keine toten oder verletzten Polizisten gegeben hatte.

Kienbaum sagt immer Kiez. Danowski hatte also recht behalten: Kienbaum hatte einen Fehler gemacht, weil er immer zuerst an das dachte, was er schon zu wissen glaubte.

Er behielt das Gesicht noch einen Moment im Handtuch, das nach Lenor Frühlingsfrisch roch, weil Kienbaum seine Lederjacken und Handtücher weich bevorzugte.

Und vielleicht auch seine Beweisführung. Er biss ins Handtuch.

Die Chefin vom Chef hatte Kienbaum von der Einsatzleitung abgezogen. Jetzt plante Adam Danowski die Ermittlung im Elbtunnelfall. Hypersensibel, chaotisch, unzuverlässig. Das Schlimme war, dass Danowski damit bisher keine Misserfolge hatte. Und noch schlimmer: Jetzt gab Adam Danowski ihm, Markus Kienbaum, Anweisungen.

Kienbaum ließ das Handtuch sinken.

Zwei Jugendliche liefen durchs Bild und nickten ihm zu. Er reagierte nicht. Sie knallten sich Gewichtscheiben auf die Kurzhanteln und lachten über irgendwas, vielleicht ihn. Es war mitten in der Nacht. Das «Fit PRO 3000» hatte durchgehend geöffnet. Ein weiterer Vorteil. Man musste nicht nach Hause.

Heute hatte Danowski sie in die Rettungsschächte und Kriechgänge geführt, die sich entlang des Elbtunnels und seiner Treppenaufgänge durch die Erde fraßen. In einem Kabelschacht steckte ein Tatverdächtiger fest, mit dem Kopf nach unten. Kienbaum war vorgeprescht, um den Mann rauszuholen, wobei, von Preschen konnte keine Rede sein. Man ging da gebückt, dann im Entengang, dann gekauert, am Ende musste man kriechen. Und er war zu breit. Keine Chance, die Scharte mit dem Kiez auszuwetzen. Der Einzige, der bei ihnen für den Kabelschacht schmal genug war: natürlich Adam Danowski, die halbe Portion.

Kienbaum konnte sehen, wie zuwider das Danowski war. Klar, dass der zu allem Überfluss auch noch klaustrophobisch war. Aber, das musste man Danowski lassen: Er war reingegangen. Gekrochen. Er hatte den Verdächtigen zu fassen bekommen, der kaum noch atmete, festgesteckt unter der Erde, der bizarrste Suizidversuch, der Kienbaum in zwanzig Jahren untergekommen war.

Und dann war Danowski auch noch stecken geblieben. Der Sicherheitschef vom Elbtunnel und die Leute von der Feuerwehr hatten Kienbaum ein Seil gegeben. Das sollte er Danowski um die Fußgelenke binden, damit sie ihn rausziehen konnten.

Ein absolut sinnvoller Plan.

Und Kienbaum kam trotz seiner breiten Schultern genau so tief in den Kabelschacht, dass er Danowskis Füße mit der Schlinge erreichen konnte.

Aber.

Was wäre, hatte er in diesem Moment gedacht, tief unter der Erde, womöglich unterm Fluss, man verlor ja die Orientierung hier unten: Was wäre, wenn er jetzt einfach nicht traf mit der Schlinge? Wenn er sich Mühe gab und noch mal Mühe gab, aber eben nicht genug, und dann müsste er wieder raus, und jemand anders würde es versuchen, aber: Bis dahin wäre endlich Schluss mit Adam Danowski?

Markus Kienbaum wusste nicht mehr, wie lange er diesen Gedanken nachgehangen hatte im Kriechtunnel, im Arsch der Welt. Eine Sekunde? Eine halbe Minute?

Die Gedanken waren fast unwiderstehlich gewesen. Aber eben nur fast. Am Ende brauchte er nur einen Versuch, um Danowski mit dem Rettungsseil zu fixieren, sodass sie seinen Kollegen und den Tatverdächtigen aus dem Kabelschacht ziehen konnten.

Immerhin war Kienbaum dadurch am Ende doch ein bisschen der Held.

Er sah auf und blickte voller Abneigung in sein eigenes Gesicht. Er hasste das Immerhin im Satz und sein Bedürfnis, der Held zu sein.

1. Kapitel

«Wie war dein Tag?»

Adam Danowski betrachtete sein Abendbrot. Das Brettchen, den Käse, die Gurkenscheiben, das Vollkornbrot. Streichfett am Messer. Im Hintergrund Bereitschaftsdienst.

Nicht so gut, weil Kienbaum mich erpresst. Also, eigentlich wie immer. Seit Kienbaum mich erpresst.

«Kommst du mit Kienbaum langsam besser klar?»

Er hob den Blick. Wie prachtvoll und schön seine Frau war. Mit der Falte zwischen den Augenbrauen, dem grauen Haar. Mit diesem Gesicht, in das er länger und öfter und lieber geschaut hatte als in sein eigenes, in fast jedes andere, alles andere. Er fragte sich, wo Leslie immer noch die Geduld hernahm.

Martha fragte mit vollem Mund: «Kann ich hoch?» Dann stand sie auf, die Airpods wieder in den Ohren, und stellte ihr Geschirr auf die Spülmaschine. Stella, ihre große Schwester, war vor einem halben Jahr ausgezogen. Vielleicht kam Danowski mit seiner Zerschlagenheit deshalb immer noch zu Hause durch, vielleicht schöpfte Leslie deshalb keinen Verdacht, denn es lag ja nahe, dass es daran lag: trauriger Vater, halb leeres Nest. Eine weitere Phase.

«Das wird, mit Kienbaum», sagte er. «Man kann sich seinen Chef ja nicht aussuchen. Also, Freunde werden wir nicht mehr.» Weil Kienbaum was über mich weiß, das ich dir nie erzählt habe, Leslie.

Und

zwar

Folgendes.

Aber ab diesem Punkt war seine Fantasie, die sich sonst für nichts zu schade war, so eine dermaßene Versagerin: Sie konnte einfach nicht ausmalen, wie es wäre, jetzt seiner Frau die Wahrheit zu sagen.

«Apropos Freunde», sagte Leslie, während Marthas Schritte auf der Treppe nach oben verschwanden. Stille.

Freunde? Danowski spürte eine Wut in sich aufsteigen, für die Leslie nicht die richtige Empfängerin war. Die Wut ging gegen alle und gegen ihn selbst. Aber das Zweite war eh klar, und das Erste war sinnlos, denn alle waren nicht da, nur Leslie.

Er stöhnte. Hoffnungslos, aber es klang genervt.

«Wollen wir Meta und Finzi nicht mal wieder einladen?» Leslies Geduld war vielleicht sogar eher eine Machtdemonstration.

«Das ist einfach schwierig für mich», sagte Danowski, aber in einem Tonfall, als wäre er prinzipiell offen für die Idee. Oder als würden seine alten Kollegen sich überhaupt mit ihm treffen wollen. «Ich meine, wir arbeiten den ganzen Tag zusammen. Und dann noch abends … Nee, im Moment nicht.»

«Das hat dich früher auch nicht gestört. Im Gegenteil, ihr habt hier gesessen, und ich hab mir stundenlang angehört, wer wen tot in welchem Keller gefunden hat, wer was in der Task Force macht, die ganzen Job-Geschichten.»

Ja, früher haben die beiden mich auch nicht gehasst. Das war was anderes, verstehst du? Der Hass erschwert dieses ganze Mal-wieder-einladen-Ding. Ach, warum die mich hassen? Hm. Ach, hab ich dir das nie erzählt? Pass auf. Irre Geschichte, eigentlich. Also, im September vorigen Jahres …

«Früher war es auch nicht so stressig», sagte Danowski. «Hast du schon mal von Work-Life-Balance gehört?»

Vor den Fenstern war es dunkelgrau, fast schwarz. Er freute sich auf den Morgen, auf das Herbstlaub im Garten, die flache, harte Sonne über den Hafencontainern. Seit er seine Frau belog und keine Freunde mehr hatte, freute er sich an den Zeichen der Jahreszeiten, weil: Irgendwas brauchte man. Selbstmitleid allein war nicht genug.

«Kienbaum macht Druck wegen der Altfälle», fuhr er fort. Es war erholsam, zwischendurch die Wahrheit zu sagen. «Er hat irgendeine Ansage bekommen von der Polizeipräsidentin. Wenn er eine bestimmte Anzahl von Altfällen aufklären kann und das PR-mäßig gut rüberbringt, dann … Also, ich weiß nicht, wie konkret das ist. Aber theoretisch ist alles für ihn drin. Zwischenstation zur obersten Leitungsebene.»

Es war verstörend, wenn er merkte, dass er wie ein Verdächtiger sprach: Möglichst lange unverfängliche Wahrheit ausschmücken, damit die Lügen und die Lücken nicht so auffielen.

«Ich weiß», sagte Leslie. «Das hast du mir schon erzählt. Aber …»

«Im Grunde spielt er Meta und Finzi und mich gegeneinander aus», sagte Danowski. «Das ist belastend.»

Also, genauer gesagt: Er zwingt mich zu tun, was er sagt. Weil er mich sonst anzeigt. Weil ich voriges Jahr einer Täterin geholfen habe, ein Tötungsdelikt zu verschleiern. Seitdem erpresst er mich. Leslie, hörst du mich? Ich dachte immer, du kannst Gedanken lesen. Ich bräuchte jetzt wirklich einen Menschen, der mich versteht, ohne dass ich ein Wort sagen muss.

Seine Frau trank ihren Tee aus. Sie sah auf ihre Armbanduhr, und er kannte sie so lange, dass er wusste: Sie fragte sich, ob sie noch Zeit hatte, sich vorm Elternabend die Zähne zu putzen. Und er sah, wie sie sich dagegen entschied, sie hatte die Hand schon in der Umhängetasche, wo die Kaugummis in ihrer Dose klapperten, und sie sagte: «Ich denke, dass wir uns trennen sollten.»

Danowski wunderte sich, dass sein Abendbrot immer noch so aussah wie vor vier, fünf Minuten. «Was?», das hörte er mehr, als dass er es sagte.

«Ich finde, du solltest ausziehen und dir überlegen, was eigentlich los ist, und das ist dann entweder der Beginn unseres Trennungsjahres, oder vielleicht fällt dir ja auch noch was ein.»

«Was soll mir denn einfallen?»

«Keine Ahnung», sagte Leslie. «Irgendein Grund, warum wir zusammenbleiben sollten.»

2. Kapitel

Danowski saß auf dem Sofa, als wäre es eine Wucherung seines Körpers, die er sich dringend entfernen lassen musste. Es war zu früh, um ins Bett zu gehen. Wie würde das aussehen, der Vater verkriecht sich im Bett. Er musste den Moment abpassen, bevor Leslie vom Elternabend zurückkam und nachdem Martha ins Bett gegangen war. Er konnte nicht vor seiner Tochter schlafen gehen, aber er wollte seiner Frau heute auch nicht noch mal begegnen. Er hatte keine Antwort auf die Frage, warum sie zusammenbleiben sollten. Er hatte aber auch noch nicht angefangen, sich eine zu überlegen. Danowski starrte auf den Fernseher, als liefe er. Sein Telefon schnarrte.

«Adam?» Kienbaum hatte auch nach Danowskis Sündenfall nicht versucht, sich etwas anderes anzugewöhnen als den etwas zu freundlichen, etwas zu verbindlichen Ton, in dem er seit Jahren mit ihm sprach. Er war, seit er Danowski in der Hand hatte, einfach dabei geblieben. Woraus Danowski schloss, dass Kienbaum ihn womöglich schon immer in der Hand gehabt hatte.

«Was ist.»

«Haben Meta und Finzi dich nicht verständigt?»

«Worüber?»

«Der Zugriff steht jetzt unmittelbar bevor.»

Danowski rieb sich die Stirn. «Ich war vielleicht nicht zu erreichen.» Niemand hatte es versucht, aber zu erreichen war er auch nicht gewesen.

«Schüringsen. An der Altonaer Privatadresse, wir sind da in voller Besetzung, SEK ist in Bereitschaft. Wäre gut für die Moral der Truppe, wenn du dabei bist. Geschlossenes Bild abgeben, Teamgeist. Also, einfach aus Prinzip.»

Danowski schaute auf die Uhr. Er hatte in den letzten Monaten so lange auf die vergilbte Ermittlungsakte Schüringsen, Leander, gestarrt, dass er die Privatadresse des Mordverdächtigen auswendig kannte: Amundsenstraße 9 in Altona-Altstadt, zwischen Fischmarkt und Königstraße. Er konnte es sich vorstellen: Die Leute von Kienbaums Mordbereitschaft in geparkten Autos oder in der Kneipe nebenan, vielleicht vorm Gemüsehändler an der Ecke. Knöpfe im Ohr, dusselige Wollmützen, Bomberjacken, um statt wie fünfzig wie fünfundvierzig auszusehen. Die Transporter vom SEK weiter unten auf der Breiten Straße, damit sie Leander Schüringsen nicht gleich auffielen, wenn er nach Hause kam. Trotz seines Selbstmitleids wusste Danowski genau, dass er um diese Tageszeit in sechzehn, siebzehn Minuten vor Ort sein konnte. Er musste sich nur die bequeme Hose aus- und die unbequeme wieder anziehen und seine Schuhe finden. Und seine Dienstwaffe und die Kraft, vom Sofa aufzustehen. Klar, dass Finzi und Meta ihn nicht angerufen hatten.

Die frische Luft tat ihm gut, Herbstfaust in die Fresse. Das Auto rollte wie von selbst zur A7, erst im Elbtunnel merkte er, dass er großen Hunger hatte. Nicht zu ändern, er war fast da. Er parkte auf der Palmaille in einer Baustellenabsperrung. Kurz nach halb neun, vermutlich würde Schüringsen entweder jeden Moment oder erst um Viertel nach elf nach Hause kommen. Seine Minijob-Schicht im Rewe am Bahnhof ging bis zwanzig oder dreiundzwanzig Uhr, je nachdem.

Danowski lief die Struenseestraße hoch, vorm Frischemarkt nickten ihm zwei Kollegen zu, die ihn ganz normal nicht mochten, von früher her, als er noch die Hypersensibylle gewesen war oder der Depri-Danowski. Er fand es eigentlich ganz schön, alte Feinde. Das hatte was Vertrautes, wie eine hässliche Jacke, an die man sich im Laufe der Jahre gewöhnt hatte, weil sie einen ja trotzdem warm hielt. Keine Spur von Schüringsen.

Am Anfang der Amundsenstraße, unter der über Fahrbahn und Bürgersteig gestreckten Mietshausüberbauung, stand ein Zivil-Opel, in dem Danowski die vertrauten Silhouetten von Meta Jurkschat und Andreas Finzel erkannte, genannt Finzi. Seine alten Partner, mit beiden hatte er jeweils zu zweit und mal auch zu dritt Fälle gelöst, sie waren Freunde noch aus der Zeit, bevor Finzi und Meta ein Paar wurden. Bis Danowski sie im September vor einem Jahr mit in diese Sache gezogen hatte, in diese große Unehrlichkeit, das Verderben. Für Meta war Ehrlichkeit das Wichtigste, darum konnte sie das Danowski nicht verzeihen. Für Finzi war Meta das Wichtigste, darum war es bei ihm genauso.

Einen Moment überlegte Danowski, am Auto vorbeizulaufen. Aber der Anblick seiner ehemaligen Freunde war unwiderstehlich für ihn. Auch wenn er wusste, dass er sich ihnen nur mit einer ganz forschen, sarkastischen Art würde nähern können, durch und durch hilflos und aufgesetzt. Es war neben Ausweichen die einzige Sprache, die er noch konnte.

Danowski zog die Kapuze hoch und öffnete die Hintertür auf der Gehwegseite, ohne vorher an die Scheibe zu klopfen. Er konnte nicht verhindern, dass er ein wenig stöhnte, als er sich in die Polster sinken ließ. Er war über fünfzig.

«Zu dritt im Auto ist immer schlecht», sagte Finzi.

«Schüringsen kommt sowieso immer von der anderen Seite», sagte Danowski. «Der geht immer noch zum Kiosk an der Königstraße und holt sich ein Astra und eine Schachtel Moods mit Vanille-Aroma.»

«Stimmt», sagte Meta. «Aber trotzdem.»

«Ihr seht auf zweihundert Meter sowieso aus wie ein auf der mittleren Ebene gefangenes Beamtenpärchen mit nicht mehr so guten Kontakten zur neuen Generation von Fuhrpark-Dispatchern», sagte Danowski. «Da kommt es auf eine Person mehr oder weniger auch nicht an.»

«Willst du dich aussprechen?», fragte Finzi, und es klang einfach nur noch bitter.

«Warum nicht?»

«Kein Bedarf», sagte Meta. «Nicht heute. Mach uns das nicht kaputt.»

Danowski lehnte sich zur Seite, bis man seinen Kopf von Weitem nicht mehr durch die Opelfenster sehen konnte. Teils, um Finzi und Meta mit ihren professionellen Einwänden entgegenzukommen, teils, weil er müde war. «Warum ist der Zugriff heute? Schüringsen ist doch seit sechs Wochen wieder in Hamburg.»

«Olpenitz hat ewig gebraucht für den Haftbefehl», sagte Finzi. «Dann kam der Wisch heute Nachmittag. Warum setzt du dich nicht zu Kienbaum? Der erzählt dir das gern ganz ausführlich. Ihr habt doch eh so ein spezielles Verhältnis.»

«Weißt du, Finzi», sagte Danowski, «dieser konventionelle Sarkasmus steht dir nicht. Das passt nicht zu dir. Sag doch, dass ich rübergehen und Kienbaum sein schwieliges Glied lutschen soll.»

«Homofeindlich», sagte Meta.

«Lutsch, was du willst», sagte Finzi.

Dann waren sie wieder in dieser zähen Atmosphäre ihrer erkalteten Freundschaft, wie Erbsen in gestockter Sauce. Danowski sah auf die Straße und überlegte, ob er aussteigen und sich zu den anderen Kollegen in die Kneipe neben Schüringsens Erdgeschosswohnung setzen sollte.

«Das wäre früher mal eine große Sache gewesen», sagte Finzi. «Den Fleetmörder schnappen. Nach dreißig Jahren. Durch richtig gute Polizeiarbeit. Von Meta und mir. Aber fühlt sich irgendwie nicht so an, Adam. Wegen dir. Weil du uns alle in diese Scheiße geritten hast.»

«Wieso?» Danowski war nach Aufbegehren. «Im Gegensatz zu mir könnt ihr doch so tun, als wäre nichts. Gelingt euch doch ganz gut.»

Meta drehte sich zu ihm um, als wollte sie ihm Apfelschnitze reichen oder ihm eine knallen. «Du hast das alles vergiftet.»

Danowski nickte, wie man Schläge abwehrte. «Kann sein.»

Finzi schnaubte.

Es war still im Auto.

«Habt ihr gut gemacht», sagte Danowski nach einer Weile. «Mit Schüringsen. Den in Kuba zu finden. Und dann zurück nach Hamburg zu locken. Mit dieser Erbschaftsgeschichte. Also, dass der die geglaubt hat.»

«Lob mich nie wieder», sagte Meta und starrte über die Motorhaube.

«Der war einfach bereit», sagte Finzi, der nicht widerstehen konnte, doch ein bisschen zu fachsimpeln. Falls er je wieder an die beiden rankam, dann über Finzi, dachte Danowski. «Ich glaub auch nicht, dass von dem heute Abend viel zu erwarten ist. An Gegenwehr. Der will erzählen, wie es war und was er alles gemacht hat. Der will endlich in Ruhe in Deutschland in den Knast, Zugang zum Gesundheitssystem, schön ein paar Interviews geben.»

Meta öffnete ihr Fenster einen Spalt, als stänke es im Auto.

«Das war ja vor meiner Zeit», sagte Danowski. «Wie die Leichen damals bei Niedrigwasser aus den Fleeten aufgetaucht sind wie Treibgut oder alte Bojen. Mitten in der Stadt.»

«Alles war entweder vor oder nach deiner Zeit», sagte Meta kryptisch.

«Leslie will, dass wir uns trennen», sagte Danowski.

Finzi legte die Hände aufs Lenkrad, statt was zu sagen.

«Endlich», sagte Meta. Danowski lächelte ein bisschen in seinem dunklen Teil der Rückbank. Er hörte an Metas Stimme, dass ihr die Grausamkeit nicht lag, und dass sie erschrocken darüber war, wie es ihr herausgerutscht war. Einerseits tröstete es ihn, andererseits war es atemberaubend, wie die Abneigung gegen ihn jemanden wie Meta trieb, gegen ihre Natur zu handeln.

Nach einer Weile reichte es ihm. Er sagte: «Man sieht sich», und stieg aus. Schüringsen war nicht im Anmarsch, sonst hätten die Kollegen an der Peripherie das längst durchgegeben. Zugriff beim Rewe ging nicht, weil es erstens keine Garantie gab, dass Schüringsen nicht bewaffnet war und sich wehren würde, und weil zweitens niemand die Handy-Videos von der Festnahme im Internet sehen wollte.

Danowski steckte die Hände in die Jackentasche und lief die Straße hinab. Er nickte Kienbaum zu, der allein in einem VW Caddy saß und sich sogar eine Art Handwerkerjoppe angezogen hatte. Kienbaum lächelte, als hätte er mal wieder gewonnen, und zeigte dabei ausdrücklich nicht einladend auf seinen Beifahrersitz.

Danowski näherte sich der Kneipentür, spürte aber mit jedem Schritt, dass er nicht reingehen konnte. Er wusste ungefähr, wer von den Kollegen dort saß, und er hatte nicht die Kraft, die Wartezeit bis zu Schüringsens Eintreffen mit der Parodie von Kneipengesprächen zu überbrücken.

Er ging weiter, als hätte er ein Ziel. Er mochte, wie die Straßen in diesem Viertel abwärts gingen, zur Elbe. Er dachte daran, wie er vor Jahren mal mit den Mädchen am Nikolausmorgen von Bahrenfeld zum Fischmarkt gefahren war, Sturmflut, er wollte ihnen die Überschwemmung zeigen. Und Leslie sollte noch ein bisschen schlafen, fünf, halb sechs war das gewesen, Stella und Martha aufgeregt wegen der Stiefel, Stella vielleicht in der ersten Klasse, Martha Kindergarten. Und mit der Sturmflut hatte er sie weglocken können. Autos, die im Elbwasser dümpelten, ihre blinkenden Scheinwerfer Signale aus der versunkenen Welt. Er vermisste die Mädchen so sehr, dass er fast in die Knie ging.

Windig, Laubgeruch. Zigarettenatmosphäre. Drinnen-Wetter. Alle, die jetzt noch draußen waren, waren unterwegs oder hatten keinen Ort. Danowski ging zwanzig Meter von der Ampel über die fast autoleere Hauptverkehrsstraße und dann die Treppe runter zum Fischmarkt. Die Elbe war dunkel, als würde da das Bild aufhören. Auf einer Bank saß ein alter Mann. Danowski seufzte und setzte sich daneben.

Der Alte drehte sich zu ihm und roch nach Vanille. «Oha», sagte er nach einer Weile. «Der Pestbulle.»

Danowski runzelte die Stirn. «Das ist nun wirklich lange her.»

«Alles ist lange her.»

«Na ja. Also …»

«Das war ja damals überall im Fernsehen.» Der Alte lachte kurz. «Ich konnte auch nicht aufhören, im Internet immer weiter Hamburg Journal zu gucken. Da auf der Insel. Eigentlich ein Segen, mit dem Internet. Mediathek. Wenn das mal lief und bei Jorge ein Platz frei war. Aber man kommt auch nie übers Heimweh hinweg.»

«Hm», sagte Danowski und verfluchte sein Glück. Das würde noch richtig Ärger geben.

«Wie war denn das damals? Auf diesem Pestschiff? Da so alleine zu ermitteln?» Der Alte war in Plauderlaune.

«Na ja», sagte Danowski, «es ging eher darum, einfach am Leben zu bleiben.»

Der Alte nickte. «Das kenne ich.»

«Leander Schüringsen, ich verhafte Sie wegen Mordverdachts in mehreren Fällen.»

«Ich weiß. Ich hab die Autos schon gesehen. Ich dachte, ich warte noch einen Moment. Nach dreißig Jahren kommt’s darauf auch nicht mehr an.»

«Bitte strecken Sie die Hände aus und machen Sie ansonsten keine Bewegung.»

«Haben Sie denn einen Haftbefehl?»

«Können Ihnen die Kollegen gleich zeigen. Ich persönlich habe den jetzt nicht in der Tasche.»

«Macht ja nichts.»

«Ja.»

«Mordverdacht in wie vielen Fällen?»

«Was würden Sie denn sagen?»

«Das erzähle ich mal in Ruhe. Das muss ich mir auch erst mal wieder ins Gedächtnis rufen. Wie das war. Mit meinen Leuten.»

«Die Kollegen Finzel und Jurkschat sind darauf eingestellt.»

«Ach», Schüringsen wirkte enttäuscht. «Und Sie?»

Danowski war erschöpft. Pestbulle. Ein Täter, der sich lieber mit jemandem unterhalten wollte, den er schon aus dem Fernsehen kannte. D-Prominenz.

«Ich hab größere Fische auf dem Grill», sagte Danowski, zog den Kabelbinder um Schüringsens Handgelenke fest und hatte keine Ahnung, wovon er redete.

3. Kapitel

Anfang der Neunziger

Plön ist schön, noch schöner ist es ohne die Plöner.

Sie sitzt am See, immer noch sommerlich, aber diesig um diese Uhrzeit. Kurz bevor die Kinder aus der Schule kommen und der Mann nach Hause. Wenn sie nicht ganz genau hinsieht, ist das andere Seeufer weg, und der See wird ein Meer.

Natürlich liebt sie die Kinder. Wie kann er sagen, es wäre nicht so. Nur, weil sie gern allein ist. Sie sucht und sucht, aber sie findet nicht die richtige Sprache dafür: dass sie allein sein will, und zwar ohne ihn. Aber sie will ihn nicht verletzen, darum kann sie nicht sagen: Ich möchte dich nicht mehr sehen, dein Anblick erdrückt mich, deine Berührungen lösen mich auf. Ich will, dass wir uns trennen. Darum sagt sie: Weißt du, ich bin eben gern allein. Ich bin gern unterwegs. Den Kopf freikriegen.

Sie steht auf und wundert sich darüber. Irgendein innerer Alarm, der ihr sagt, dass sie nicht den ganzen Tag hier sitzen kann. Sie würde sich so gern das Gegenteil beweisen.

Sie möchte schreien, aber wenn es ihr so geht, wird meist nur ein Heulen daraus. Zum Glück ist niemand in der Nähe. Nicht, weil es ihr peinlich wäre, wie sie schluchzt und dass die Tränen ihr den Hals hinunterlaufen, kalt im Wind. Sie möchte nur wirklich keine Hilfe angeboten bekommen. Ihr kann niemand helfen, darauf ist sie stolz. Zumindest das möchte sie behalten.

Sie geht durch den winzigen Fußgängertunnel zwischen dem Seeufer und der Altstadt: ein Meter neunzig hoch, nicht viel breiter, schon von Weitem sieht sie, dass ein Mann in diesem Tunnel steht. Etwas jünger als sie, kein Alki, aber auch kein Tourist. Die Touristen erkennt man daran, dass sie nie allein auftauchen. Er schaut in ihre Richtung und hört nicht damit auf.

Sie wischt sich die Tränen mit den Handballen weg, nach außen, fast bis zu den Ohren. Sie zwingt ihren Atem, mit dem Zittern aufzuhören. Andererseits ist sie froh, wenn sie weint. Weil dann für Momente alles klar ist.

Sie geht schneller, um schneller an ihm vorbei zu sein, aber das bedeutet erst mal auch, dass sie schneller bei ihm ist, eine richtige Überwindung kostet sie das. Sie will einfach nur ihre Ruhe haben, aber das ist von allen Dingen offenbar am meisten verlangt, zu viel, zu viel.

Sie geht an ihm vorbei und fragt sich, ob sie einander kennen, denn er mustert sie, bis sie schon fast nicht mehr zu sehen ist, das spürt sie im Rücken. Ein Schulvater, unterwegs in der Kreisstadt wie sie, durchschnaufen am See? Der dann später rumerzählt, dass es bei ihr zu Hause ja wohl nicht zum Besten stehen kann, so wie sie aussah? Aber sie hat sein Gesicht zu kurz gesehen, sie erinnert eigentlich nur seinen Blick.

Oder ein Mann, der einfach gern andere weinen sieht.

4. Kapitel

Kienbaum schob ein paar Aktendeckel auf seinem Schreibtisch hin und her, wie ein Hütchenspieler.

«Schöne Scheiße, Adam.»

«Was kann ich dafür.» Als er morgens aufgestanden war, hatte Leslie bereits das Haus verlassen. Er machte Martha ein Schulbrot, das sie liegen ließ, und sah in den Garten, bis es Zeit war.

«Na ja, warum irrst du durch die Gegend, wenn die ausdrückliche Ansage ist, der Zugriff findet am Wohnsitz statt.»

«Wenn ich nicht zum Fischmarkt gegangen wäre, wer weiß, was Schüringsen dann gemacht hätte. Sich ins Wasser gestürzt. Die Fähre nach Helgoland genommen.»

«Quatsch. Schüringsen ist nach Deutschland gekommen, um zu reden. Der ist alt und einsam.»

«Leute ändern ihre Meinung und ihre Pläne im letzten Moment.»

«Jedenfalls hast du Meta und Finzi alles versaut. Und allen anderen, die sich auf ein bisschen Action gefreut haben, den Abend verdorben. Du hast dir deinen Ruf als Spielverderber ja über Jahre hart erarbeitet, Adam. Also, nicht bei mir. Ich weiß, dass du kein Spielverderber bist.»

Während er das sagte, schob Kienbaum einen Aktendeckel zur Tischkante, der unbeschriftet war. Danowski sah das Ding langsam auf sich zukommen wie ein Containerschiff, wenn man am Elbufer stand, kaum wahrnehmbare Geschwindigkeit, und dann verdeckte es einem plötzlich den ganzen Horizont, die ganze Welt.

«Weißt du, was da drin ist?», fragte Kienbaum und zog die Schultern zurück, als wären sie noch so breit wie früher. Ein Tic, der einem zeigte, dass ihm etwas gerade sehr wichtig war, unangenehm oder angenehm. Früher war Kienbaum komplett austrainiert gewesen, breiter als zwei Danowskis. Aber seit seiner Bandscheiben-OP vor ein paar Jahren war er ein bisschen zusammengeschnurrt. Nur diese spezifische Bewegung war geblieben.

«Ganz schön theatralisch», sagte Danowski, und ihm wurde schlecht.

Kienbaum nahm die Akte wieder, öffnete den Deckel und fingerte ein bisschen durch die losen Blätter. «Obduktionsbericht», sagte er und hielt die erste Seite des entsprechenden Dokuments in die Höhe, sodass die Körperskizze des Toten zu sehen war. Danowski runzelte die Stirn gegen seinen leichten Brechreiz. «Zeugenaussage», sagte Kienbaum und schob ihm das nächste Dokument über den Tisch. Danowski konnte nicht anders, als die Finger danach auszustrecken und es sich anzuschauen, berufliche Deformation nach dreißig Jahren Akten.

Der Kollege, den Danowski in der Kurklinik getroffen hatte, und wie er Danowski nachts hatte zum Meer gehen sehen, erst mit einem aufgeblasenen Stand-up-Paddleboard, dann, etwas später, mit etwas anderem, aber da war es schon zu spät gewesen und der Kollege vielleicht auch schon ein bisschen eingenickt. Immerhin war der Zeuge ehrlich und hatte nicht so getan, als hätte er Danowski mit der Leiche gesehen.

«Ach so», sagte Kienbaum. «Das meinte ich gar nicht.» Er zog Danowski die Zeugenaussage mit einem Papierschnalzen aus der Hand und legte sie wieder in die Akte. Danowski lehnte sich zurück und merkte, dass es ging mit dem Würgen, wenn er so ruhig wie möglich weiteratmete. Die Sachlage war seit einem Jahr klar, aber jetzt hatte er zum ersten Mal die Unterlagen gesehen, von denen Kienbaum bisher nur einmal gesprochen hatte: am Telefon, als Danowski dachte, er hätte die Kurklinik, seine Mitwirkung am Nachspiel der Tötung von Frank Teschner und seine Polizeilaufbahn endlich hinter sich. Im Laufe des vergangenen Jahres hatte Kienbaum nur noch Andeutungen darüber gemacht. Über den Obduktionsbericht, aus dem hervorging, dass Frank Teschner nicht beim Schwimmen an Entkräftung gestorben war, sondern im Kur-Appartement, das er mit seiner Frau teilte, und dass sein Leichnam nach seinem Tod über eine längere Strecke erst über den Strand und dann aufs Wasser befördert worden war, auf einem Paddel-Brett. Danowski hatte die Kringel auf der Menschenskizze gut erkennen können: Druckhämatome, Abschürfungen. Und dann die Zeugenaussage von Holm, einem Kurgast aus Danowskis Psychogruppe, der Danowski damit in Verbindung brachte. Genug Unterlagen, um strafrechtlich zu verfolgen und zu belegen, dass Hauptkommissar Adam Danowski einer Frau geholfen hatte, die Leiche des Mannes, den sie umgebracht hatte, ins Meer zu bringen.

«Ich wollte dir eigentlich das hier zeigen», sagte Kienbaum, und zum zweiten Mal griff Danowski mit Beamtenreflex nach dem Pappdeckel, diesmal eine andere Akte. Einen Moment fragte er sich, welches seiner Verbrechen aus der Vergangenheit sich ihm nun offenbaren würde. Es gab keines, aber Schuldgefühle hatte er ja auch schon gehabt, bevor es einen Grund gab, insofern durfte man sich nie zu sicher sein.

Stattdessen eine Vermisstenanzeige, das Foto einer Frau um die vierzig, dann, weil man immer automatisch zu den Bildern vorblätterte, weiter hinten drei Aufnahmen eines blutigen T-Shirts und eines blutigen Pullovers. Schnitt und Design der Kleidungsstücke mit dieser verzweifelt fröhlichen Melancholie der Neunzigerjahre.

«Marie Kolossa», sagte Kienbaum, als könnte Danowski nicht lesen. «1990 als vermisst gemeldet, nie wieder aufgetaucht.»

Beneidenswert, dachte Danowski düster.

«Letzte Spur: ihre Oberbekleidungsstücke mit Blutspuren, gefunden an der Autobahnraststätte Brokenlande im Toilettenmüll, von einer Reinigungskraft. Am 20. September 1990. Danach nichts mehr.»

Danowski studierte das Gesicht der Frau, aber er fand nichts, woran seine Fantasie sich festhalten konnte. Das lag entweder an seiner Fantasie oder daran, dass die Frau aussah wie Tausende andere Frauen ihres Alters Anfang der Neunziger. Straßenköterblond, hatte seine Mutter diese Haarfarbe genannt. Der Teint blass, etwas ungesund, aber gut, das war ein Automatenfoto, vergrößert auf zehn mal fünfzehn. Trockene Lippen, ein Schneidezahn etwas dunkler, abgestorben. Damals durfte man noch lächeln fürs Ausweisfoto. Knastzähne, dachte Danowski.

«Hm», machte er. «Ich weiß, wer zu dieser Zeit in der Gegend war.»

«Du hattest mal einen guten Ruf», sagte Kienbaum anerkennend. «Manchmal verstehe ich, warum das so war.»

«Ich hab sehr viel Zeit mit der Schüringsen-Akte verbracht», sagte Danowski. «Hier ist ja sonst nichts los.»

«Ja, nee», sagte Kienbaum. «Das Einzige, was hier los ist, ist, dass wir die Altfälle abarbeiten, an denen alle anderen gescheitert sind. Dieser Heckmeck um die Cold-Case-Unit vor ein paar Jahren war das größte Geschenk, das sie uns hätten machen können. Erst die Riesen-PR und dann so gut wie keine Erfolge, da ist der Knalleffekt jetzt umso größer, wenn wir richtig, richtig abliefern.»

«Ich höre immer wir», sagte Danowski.

«Ich und mein Team», sagte Kienbaum. «Also, Finzi, Meta, die Omis, Jürgen, Kragic und …», er hob den Aktendeckel mit den Ermittlungsunterlagen, die er der Staatsanwaltschaft vorenthielt, obwohl oder weil daraus Vernichtendes über Adam Danowski zu lesen war, «… du.»

«Oh mein Gott», sagte Danowski, weil ihm gerade etwas so richtig klar wurde.

«Genau», sagte Kienbaum. «Schüringsen hat, glaube ich, Lust zu erzählen. Er war einfach so lange in Kuba und hat da in einer Bodega gehockt und kein Spanisch gelernt und Zigarre geraucht und Mojito getrunken, dass es jetzt geradezu aus ihm raussprudeln wird. Ich denke, er möchte vielleicht noch ein bisschen was gestehen. Also, da ist noch Luft nach oben.»

«Nur weil er laut Timeline im Spätsommer 1990 in Norddeutschland war und im November sein nächstes Opfer im Michaelis-Fleet abgelegt hat, heißt das ja nicht, dass er im September 1990 an der Raststätte Brokenlande in Schleswig-Holstein diese Marie Kolossa …»

«Nein, natürlich nicht. Dafür braucht es einen erfahrenen Ermittler, um das aus ihm …», Kienbaum machte eine undefinierbare, aber, wie Danowski fand, widerliche Geste mit den Fingern beider Hände, «… herauszukitzeln.»

«Du hast mir ja gerade eine beeindruckende Liste von erfahrenen Ermittlerinnen und Ermittlern aufgezählt», sagte Danowski.

«Ja», sagte Kienbaum. «Aber Schüringsen kennt dich aus dem Fernsehen, und irgendwie hat er einen Narren an dir gefressen.» Er hielt kurz inne, und Danowski merkte, dass er eigentlich nicht weitererzählen wollte. «Und Finzi hat nichts rausbekommen, und Meta weigert sich», sagte Kienbaum dann doch. «Das heißt, freie Bahn für dich. Du hast den Fall ja sowieso schon an dich gerissen, wenn man so will. Das war schließlich deine Festnahme.»

«Wie gesagt», sagte Danowski.

«Also», sagte Kienbaum, wieder oder immer noch aufgeräumtester Stimmung, «ab in die JVA.»

«Ich fahr erst mal nach Brokenlande und mach mir ein Bild», sagte Danowski, um Zeit zu gewinnen. Und um sich zu wehren, indem er den Anschein echter, sorgfältiger, langsamer Polizeiarbeit erweckte. An einen tatrelevanten Ort fahren. Sich umschauen. Ein Gefühl für die Situation zu bekommen. Wie früher. Vor allem aber: Endlich allein sein, weg von Kienbaum.

Er nahm die Vermisstenakte Kolossa, Marie, von Kienbaums Schreibtisch. Einen Moment hatte er die Vision, er würde die andere Akte greifen. Seine eigene Vermisstenakte, wenn man so wollte. Seine Gewissensvermisstenakte. Aber Kienbaum lächelte, als würde er so was ahnen, und schob die Akte über Danowskis Schuld in eine mittlere Schublade, die er mit ziemlich großer Geste abschloss. «Brokenlande? Nach über dreißig Jahren?»

Danowski zuckte die Achseln. «Würden wir doch sonst auch machen.» Eine kleine Kunstpause, um zu zeigen, dass er noch nicht völlig abgestorben war. «Lass uns wenigstens so tun, als würden wir traditionelle Polizeiarbeit machen.»

 

Als er wieder auf dem Gang stand, vibrierte sein Telefon.

 

Wann kommst du nach Hause

 

Außerhalb der Schule verzichtete Leslie auf Satzzeichen.

«Weiß ich nicht», schrieb er wahrheitsgemäß, aber sobald er die Nachricht abgeschickt hatte, war ihm klar: Etwas offener, diplomatischer wäre besser gewesen. Kurz nachdenken. Sich überlegen, worauf sie wohl hinauswollte, was anbieten. Aber er wusste es ja wirklich nicht. Er musste erst mal seine Gedanken ordnen und sich überlegen, was er jetzt mit dieser Anweisung von Kienbaum machte.

«Leslie mobil schreibt …», stand in der kleinen Dachzeile von Whatsapp.

Eine Weile starrte Danowski aufs Display, aber es kam keine Nachricht von Leslie.

So kann das auch nicht weitergehen, dachte er, aber mehr dachte er auch nicht.

 

Vor vielen Jahren hatte sich jemand die Mühe gemacht, ein kurzes Dossier über die Opfer von Schüringsen anzufertigen. Zwei DIN-A