Das Enneagramm unserer Beziehungen - Maria-Anne Gallen - E-Book

Das Enneagramm unserer Beziehungen E-Book

Maria-Anne Gallen

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Beschreibung

Das Enneagramm: kein modisches Zauberwort aus der Psycho-Kiste, sondern ein traditionsreiches Modell neun grundlegender menschlicher Charaktermuster, die hier im Kontext der Humanistischen Psychologie neu interpretiert werden. Unsere Wahrnehmung, unser Denken, Fühlen und Verhalten folgen einem dieser Muster - nicht immer, aber öfter, als wir ahnen (und uns lieb ist). Auf welche Weise wir in wichtigen Beziehungen mit den Wechselwirkungen verschiedener "seelischer Strickmuster" in Berührung kommen, davon handelt dieses Buch. Und davon, wie wir mit den Spielregeln, die uns die Charaktermuster zu diktieren scheinen, bewusster umgehen können, um unser Leben und unsere Beziehungen befriedigender zu gestalten.

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Seitenzahl: 423

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Maria-Anne Gallen • Hans Neidhardt

Das Enneagramm unserer Beziehungen

Verwicklungen, Wechselwirkungen, Entwicklungen

 

 

 

Über dieses Buch

Das Enneagramm: kein modisches Zauberwort aus der Psycho-Kiste, sondern ein traditionsreiches Modell neun grundlegender menschlicher Charaktermuster, die hier im Kontext der Humanistischen Psychologie neu interpretiert werden. Unsere Wahrnehmung, unser Denken, Fühlen und Verhalten folgen einem dieser Muster – nicht immer, aber öfter, als wir ahnen (und uns lieb ist). Auf welche Weise wir in wichtigen Beziehungen mit den Wechselwirkungen verschiedener «seelischer Strickmuster» in Berührung kommen, davon handelt dieses Buch. Und davon, wie wir mit den Spielregeln, die uns die Charaktermuster zu diktieren scheinen, bewusster umgehen können, um unser Leben und unsere Beziehungen befriedigender zu gestalten.

Vita

Maria-Anne Gallen, geboren 1958 in München, verheiratet, zwei Töchter. Diplompsychologin, Klinische Psychologin/Psychotherapeutin BDP. Ausbildungen in Verhaltenstherapie, personenzentrierter Psychotherapie, Focusing-Körpertherapie. www.gallen-praxis.de

 

Hans Neidhardt, geboren 1952, Diplompsychologe, Klinischer Psychologe/Psychotherapeut BDP. Studium der Psychologie in Würzburg, danach neun Jahre Leitung einer Telefonseelsorgestelle. Seit 1987 in eigener Praxis als Psychotherapeut und Supervisor tätig. www.hans-neidhardt.de

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, März 2023

Copyright © 1994 by Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Redaktion Claudia Preuschoft

Covergestaltung Büro Hamburg

ISBN 978-3-644-01216-5

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Inhaltsübersicht

Vorwort

Das Enneagramm und das Enneagramm unserer Beziehungen

1 Das Enneagramm

Charaktermuster: Unsere Wahrnehmungs-, Denk-, Fühl- und Verhaltensstile

Die Neuner-Figur: Ein Modell wird besichtigt

Erster Durchgang: Die drei existentiellen Grundbedürfnisse, die drei Grundenergien und ihre Verformungen

Zweiter Durchgang: Emotionale Muster und Aufmerksamkeitsorganisation – das Enneagramm der neun «Leidenschaften» (das Ur-Enneagramm)

Dritter Durchgang: Bewegungen innerhalb des Modells

Vierter Durchgang: Individualität und Muster

Sinn und Unsinn von Modellen: Wider das Schubladendenken

Charaktermuster: Beziehungsstile

2 Verwicklungstendenzen

Die Aspekte

Entwurf eines Szenarios

Die Beziehung zu sich selbst: Selbstbild

Kontaktverhalten

Sehnsucht und Verletzungspunkt in persönlichen Beziehungen

Verhalten und Erleben in hierarchischen Beziehungen

Was andere stört: Die Fallen in Beziehungen

Was andere bekommen: Die Stärken in Beziehungen

Was darunter liegt: Die Not und die kreative Not-Lösung

Die Selbstverstrickungsspirale

Das Muster EINS

Das Szenario des Herrn EINS

Kommentar zum Szenario von EINS

Die Selbstbeziehung: Zorn gegen sich selbst

Kontaktverhalten: Selbstkontrolle und Wahrung der Grenzen

Die Sehnsucht, loslassen zu können, und die Angst vor Mißhandlung und Kritik

Die hierarchische Beziehung: «Keiner steht über mir» – «Ich führe euch auf den richtigen Weg»

Was andere stört: Die Fallen in Beziehungen

Was andere bekommen: Die Stärken in Beziehungen

Was darunter liegt: Die Not und die kreative Not-Lösung

Die Selbstverstrickungsspirale

Das Muster ZWEI

Das Szenario der Frau ZWEI

Kommentar zum Szenario von ZWEI

Die Selbstbeziehung: Abhängigkeit des Selbstwertgefühls von anderen

Kontaktverhalten: Sich nützlich und unentbehrlich machen

Die Sehnsucht nach Wertschätzung und die Angst vor Zurückweisung

Die hierarchische Beziehung: «Ich mache mich unentbehrlich» und «Ich sorge gut für euch alle»

Was andere stört: Die Fallen in Beziehungen

Was andere bekommen: Die Stärken in Beziehungen

Was darunter liegt: Die Not und die kreative Not-Lösung

Die Selbstverstrickungsspirale

Das Muster DREI

Das Szenario des Herrn DREI

Kommentar zum Szenario von DREI

Die Selbstbeziehung: Aufrechterhaltung des eigenen Image

Kontaktverhalten: Gut ankommen durch Selbstdarstellung

Die Sehnsucht nach Anerkennung und die Angst zu versagen

Die hierarchische Beziehung: «Ich steige auf» und «Ich bin kompetent»

Was andere stört: Die Fallen in Beziehungen

Was andere bekommen: Die Stärken in Beziehungen

Was darunter liegt: Die Not und die kreative Not-Lösung

Die Selbstverstrickungsspirale

Das Muster VIER

Das Szenario der Frau VIER

Kommentar zum Szenario von VIER

Die Selbstbeziehung: Suche nach sich selbst

Kontaktverhalten: Auffallen und andere anziehen

Die Sehnsucht, erkannt zu werden, und die Angst vor Mißinterpretation

Die hierarchische Beziehung: «Ich passe mich nicht an» und «Ich bestimme den Stil»

Was andere stört: Die Fallen in Beziehungen

Was andere bekommen: Die Stärken in Beziehungen

Was darunter liegt: Die Not und die kreative Not-Lösung

Die Selbstverstrickungsspirale

Das Muster FÜNF

Das Szenario des Herrn FÜNF

Kommentar zum Szenario von FÜNF

Die Selbstbeziehung: Distanzierte Selbstbeobachtung

Kontaktverhalten: Auf Distanz gehen

Die Sehnsucht nach Kontakt und die Angst vor Verletzung der Privatsphäre

Die hierarchische Beziehung: «Stört mich nicht» und «Ich bin der Kopf des Ganzen»

Was andere stört: Die Fallen in Beziehungen

Was andere bekommen: Die Stärken in Beziehungen

Was darunter liegt: Die Not und die kreative Not-Lösung

Die Selbstverstrickungsspirale

Das Muster SECHS

Das Szenario der Frau SECHS

Kommentar zum Szenario von SECHS

Die Selbstbeziehung: Zweifel an sich selbst

Kontaktverhalten: Sicherheitsbedürfnis und Vorsicht

Die Sehnsucht, vertrauen zu können, und die Angst vor Verrat

Die hierarchische Beziehung: «Ich ordne mich unter»/«Ich rebelliere» und «Ich bin hier der Chef»

Was andere stört: Die Fallen in Beziehungen

Was andere bekommen: Die Stärken in Beziehungen

Was darunter liegt: Die Not und die kreative Not-Lösung

Die Selbstverstrickungsspirale

Das Muster SIEBEN

Das Szenario der Frau SIEBEN

Kommentar zum Szenario von SIEBEN

Die Selbstbeziehung: Sich selbst verwöhnen und Unangenehmes vermeiden

Kontaktverhalten: Geselligkeit und innere Zurückhaltung

Die Sehnsucht, sich tief einlassen zu können, und die Verletzung, wenn keiner die Tiefe bemerkt

Die hierarchische Beziehung: «Ich lasse mich nicht einengen» und «Macht mir keine Schwierigkeiten»

Was andere stört: Die Fallen in Beziehungen

Was andere bekommen: Die Stärken in Beziehungen

Was darunter liegt: Die Not und die kreative Not-Lösung

Die Selbstverstrickungsspirale

Das Muster ACHT

Das Szenario des Herrn ACHT

Kommentar zum Szenario von ACHT

Die Selbstbeziehung: Übersteigertes Selbstbewußtsein durch Leugnung von Schwäche

Kontaktverhalten: Den starken Arm bieten oder die Faust zeigen

Die Sehnsucht, klein sein zu können, und die Angst vor unfairer Behandlung

Die hierarchische Beziehung: Angriff auf die Autorität und Schutz für die Abhängigen

Was andere stört: Die Fallen in Beziehungen

Was andere bekommen: Die Stärken in Beziehungen

Was darunter liegt: Die Not und die kreative Not-Lösung

Die Selbstverstrickungsspirale

Das Muster NEUN

Das Szenario der Frau NEUN

Der Kommentar zum Szenario von NEUN

Die Selbstbeziehung: Sich unwichtig machen

Kontaktverhalten: Auf andere eingehen

Die Sehnsucht nach Eigenständigkeit und die Angst, übergangen zu werden

Die hierarchische Beziehung: In Ruhe gelassen werden wollen

Was andere stört: Die Fallen in Beziehungen

Was andere bekommen: Die Stärken in Beziehungen

Was darunter liegt: Die Not und die kreative Not-Lösung

Die Selbstverstrickungsspirale

3 Entwicklungen I

Den «Schlüssel» finden

Holzwege und Sackgassen

Das «Aussteigen» aus dem Muster

Der «innere Beobachter»

Die Wirkungen der absichtslos-akzeptierend-aufmerksamen Selbstbeobachtung

Der «innere Beobachter» und die Selbstverstrickungsspirale

Die innere Arbeit mit dem Trostpunkt

Der Weg zum «inneren Kind»

Ausblick: Persönliche Entwicklung und Beziehungen

4 Wechselspiele und Beziehungsmuster

Interaktion: Das Wechselspiel der Muster

Noch einmal: Sinn und Unsinn von Modellen

Die individuelle Perspektive: Selbstverstrickung und Beziehung zu anderen

Projektion: Die «gefärbte Brille»

Übertragung: Der «unsichtbare Dritte im Bunde»

Die systemische Perspektive: Wechselwirkungen und Beziehungsmuster

Wechselwirkungen

Das Beziehungsmuster

Abschließende Thesen und Ausblick

5 Wechselwirkungen

Überblick über die Beziehungsaspekte der neun Muster

Die drei Bauchenergie-Muster im Überblick: ACHT, NEUN, EINS

Die drei Herzenergie-Muster im Überblick:ZWEI, DREI, VIER

Die drei Kopfenergie-Muster im Überblick: FÜNF, SECHS, SIEBEN

Beziehungen zu Personen am Trost- und Streßpunkt

Das innere Dreieck: DREI – SECHS – NEUN – DREI

Die Linien: EINS – SIEBEN – FÜNF – ACHT – ZWEI – VIER – EINS

Die Vervollständigung des Panoramas

Bauchenergie-Muster und Bauchenergie-Muster

Bauchenergie-Muster und Herzenergie-Muster

Bauchenergie-Muster und Kopfenergie-Muster

Herzenergie-Muster und Herzenergie-Muster

Herzenergie-Muster und Kopfenergie-Muster

Kopfenergie-Muster und Kopfenergie-Muster

6 Entwicklungen II

Empathische Suchhaltung zu zweit: Die «inneren Beobachter im Dialog»

Entwicklungen im Beziehungswechselspiel

Der «Schlüssel im Beziehungsgebüsch»

Das Zurücknehmen und das Zurückgeben der Projektionen

Die Begegnung mit meinem/deinem «inneren Kind»

Die drei Grundenergien im Wechselspiel: Ein Entwicklungsmodell für Beziehungen

Jenseits der Muster: Transformation der «Leidenschaften»

Stichwörter

Stil

Überlebensstrategie

Die drei Zentren

Aufmerksamkeitsstile

Die Leidenschaften

Querverbindungen zur neueren psychologischen Theoriebildung und Therapiepraxis

Ähnlichkeiten und Unterschiede

Wechsel des Bezugspunkts

Nicht-Identifizierung

Projektion

Übertragung

Gegenübertragung

Interpunktion von Ereignisfolgen

Literaturverzeichnis

Vorwort

Beziehungsspiele

 

DU und ICH, wir spielen ein Spiel.

DU spielst es nach deinen Regeln, ICH spiele es nach meinen Regeln.

DU kennst deine Regeln nicht, ICH kenne meine Regeln nicht. Und doch bestimmen die Regeln, was gespielt wird.

Wenn dir das Spiel nicht mehr gefällt und mir das Spiel nicht mehr gefällt …

… dann sollten wir vielleicht einmal kurz das Spiel unterbrechen, uns zusammensetzen und uns unsere Regeln anschauen.

DU kannst mir viel über meine Regeln sagen.

ICH kann dir viel über deine Regeln sagen.

Und WIR können uns entscheiden, das Spiel anders zu spielen, wenn wir unser Regelwerk besser kennen.

Dieser kleine Text, den ich vor drei Jahren geschrieben habe, stand ganz am Anfang der Idee zu dem vorliegenden Buch.

Seit ich im Rahmen meiner Focusing-Körpertherapie-Ausbildung auf dieses unbewußte «Regelwerk» gestoßen war, das wir Psychologen Charaktermuster nennen, habe ich nicht mehr aufgehört, dieses Regelwerk und seine Wirkungsweise an mir selbst und an anderen Menschen zu studieren. Eine Haupttriebfeder dabei war, Personen, mit denen ich in einer persönlichen Beziehung stand, besser zu verstehen und dieses Verständnis zu nutzen, um die Beziehung zu verbessern und Entwicklungen zu ermöglichen.

Damals ging ich noch aus von dem klassischen Reichianischen Charaktermodell und seinen Weiterentwicklungen durch verschiedene Therapieschulen. Als mich dann mein Kollege Hans Neidhardt auf das Enneagramm brachte, war ich sofort davon begeistert.

Besonders gefällt mir, daß dieses Charaktermodell seinen Schwerpunkt in der Beschreibung «normaler» Charakterphänomene hat und psycho-spirituelle Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigt. Es ist nicht einseitig psychopathologisch orientiert, wie andere Modelle, die aus der Beobachtung und Beschreibung von Therapiepatienten entstanden sind.

Schon bald führte die Begeisterung zu einer gemeinsamen Arbeit, und wir begannen, Enneagramm-Workshops abzuhalten. Seitdem hat uns beide die Idee nicht mehr verlassen, das, was wir an Erfahrungen und Wissen in dieser Arbeit erworben haben, niederzuschreiben. Hans habe ich es zu verdanken, daß aus dieser miteinander entwickelten Idee auch wirklich ein gemeinsames Projekt wurde.

Dank sagen möchte ich an dieser Stelle auch meiner Familie (Mike, Teresa und Jenny), daß sie mir den Freiraum und die Ruhe geschaffen haben, die ich zum Schreiben brauchte. Meinem Ausbilder und Focusing-Lehrer, Dr. Johannes Wiltschko, danke ich dafür, daß er mir sein Wissen zum Thema «Charakter» vermittelt und in vielen fruchtbaren Gesprächen eine Weiterentwicklung ermöglicht hat. All denen sei Dank, die sich die Arbeit machten, das Manuskript zu lesen, und durch ihre Rückmeldungen zur Verbesserung beigetragen haben. Zuletzt möchte ich mich noch bei den Personen bedanken, die mir als «Anschauungsmaterial» gedient haben und mich Einblicke in ihre «innere Welt» nehmen ließen.

Maria-Anne Gallen

 

Meine erste Berührung mit dem Enneagramm: eine Tagung, durchgeführt von dem Verlag, der «Das Enneagramm – die neun Gesichter der Seele»[1] herausbringen wird. Überwiegend in Vortragsform wird den Teilnehmern und Teilnehmerinnen die Neuner-Figur präsentiert. Meine Reaktionen sind zwiespältig. Die schon Informierten kommen mir vor wie Leute, die nur neun Witze kennen und auf Zuruf einer Nummer zu lachen beginnen, und das befremdet mich. Andererseits ahne ich, daß dieses alte Modell etwas «hat», das meine Erfahrungen und Kenntnisse über das Phänomen «Charaktermuster» entscheidend verändern könnte, die aus einem ganz anderen Theoriekontext stammen (die tiefenpsychologische Charakterlehre von Wilhelm Reich und ihre Weiterentwicklung durch Alexander Lowen[2] und Ron Kurtz[3]). Meine erste Reaktion ist daher interessiert, aber auch distanziert.

Meine zweite Berührung mit dem Enneagramm ist eher eine Berührung des Enneagramms mit mir. Ich studiere, um mir ein vollständiges Bild zu verschaffen, in einem Buch jenes Enneagramm-Muster, von dem ich bisher der Meinung war, persönlich damit kaum etwas «am Hut» zu haben. Und entdecke in einer faszinierend erschreckenden Intensität plötzlich den «roten Faden» meiner Biographie. Ich finde «mich» da auf eine Art und Weise beschrieben, wie ich es trotz vieler Jahre Eigentherapie und Selbsterfahrung schlichtweg nicht für möglich gehalten hätte. Dieser «Blick in den Spiegel» läßt mich einerseits aufatmen («Ich kann aufhören, mir etwas über mich vorzumachen»), gibt mir andererseits aber das ernste Gefühl, daß es jetzt «noch einmal richtig losgeht» auf meinem persönlichen Entwicklungsweg.

Als ich dann einige Monate später während der «Focusing-Sommerschule» mit Maria-Anne Gallen über meine Entdeckungen spreche und sie Ähnliches zu berichten weiß, entsteht daraus die Idee einer gemeinsamen Workshoparbeit. Uns beide beschäftigt die Frage: Wie lassen sich unsere persönlichen und fachlichen Grundhaltungen, Überzeugungen und Werte (innere Achtsamkeit, empathisches Verstehen, Sensibilität für Beziehungsphänomene) mit der Tradition des Enneagramms verbinden? Und wie können wir das anderen vermitteln? Aus den gemeinsamen Workshoperfahrungen entsteht dann die Idee für dieses Buch.

Je länger ich mit dem Enneagramm arbeite, desto mehr habe ich den Eindruck, keineswegs «fertig» zu sein mit diesem Modell. Im Gegenteil: Jede Workshopteilnehmerin, jeder Workshopteilnehmer erzählt seine ganz persönliche Geschichte zu ihrem/seinem Muster, und es bestätigt sich, was Carl Rogers einmal gesagt hat: «Das Persönlichste ist das Allgemeinste.»[4] Diese Erfahrung stellt sich immer dann ein, wenn wir durch die hautnahe Beschäftigung mit den beschränkenden, schmerzenden und verzerrenden Aspekten unserer Charaktermuster das Staunen wieder lernen über das, was für uns als Menschen «neben», «hinter» und «unter» den Voreingenommenheiten unserer Muster an Erlebens- und damit Beziehungsqualitäten möglich ist. Insofern liegen mir die «Entwicklungskapitel» dieses Buchs besonders am Herzen.

Mein aufrichtiger Dank geht an die Mitautorin und Kollegin (ohne Dein konsequentes Bestehen auf Genauigkeit hätte ich mich wohl in der Welt der Metaphern und Allegorien verirrt), meine Familie (ohne Euer Loslassen hätte ich mich noch mehr mit schlechtem Gewissen plagen müssen), Dietrich Koller (von Deiner «kriegerischen Art» lerne ich gern), die Frauen von der Communität « Casteller Ring», in deren Atmosphäre bei meinen Schreibklausuren viele Seiten dieses Buchs unangestrengt gedeihen konnten. Und an Herrn Dr. Müller vom Verlag – danke für die wohlwollende, tatkräftige und kritische Unterstützung bei der Realisierung.

Hans Neidhardt

 

Man könnte den Entstehungsprozeß dieses Buchs beschreiben unter der Überschrift: «Eins plus eins ist mehr als zwei» (siehe Kapitel 4). Die Kapitel 2 und 5 stammen aus der Feder (dem Computer) von Maria-Anne Gallen, die restlichen Kapitel wurden von Hans Neidhardt verfaßt. Wir haben bewußt darauf verzichtet, unsere jeweiligen sprachlichen Eigenheiten einzuebnen, die dürfen getrost bemerkt werden. Das Ganze ist jedoch ein Produkt gemeinsamer, zum Teil auch kämpferischer Diskussionen. Durch dieses «Ringen um Verstehen» im Zusammenhang mit diesem Buch haben unsere gemeinsame Arbeit und unsere Freundschaft ein neues Element hinzugewonnen.

Unser gemeinsamer Dank geht an all diejenigen «Enneagramm-Experten und Expertinnen» aus unseren Workshops sowie aus dem Freundes- und Kollegenkreis, die das Manuskript kritisch gesichtet und uns mit zum Teil verblüffenden Erfahrungsberichten versorgt haben. Uns ist bewußt, daß Euer Engagement für unser Projekt mit einem Freiexemplar nicht abzugelten ist.

Maria-Anne Gallen, Hans Neidhardt

1Das Enneagramm

Neun Charaktermuster und ein Modell

Welche psychologischen Phänomene mit dem Wort «Charaktermuster» gemeint sind (Wahrnehmungs-, Denk-, Fühl- und Verhaltensstile).

Wie das Enneagramm konstruiert ist, und auf welche Art und Weise es neun verschiedene Charaktermuster erfaßt und sie zueinander in Beziehung setzt (die « Neuner-Figur»).

Wie man mit diesem Modell unserer Meinung nach sinnvoll arbeiten kann, was wir für wenig sinnvoll halten und warum («Sinn und Unsinn von Modellen»).

Wie man individuelle Charaktermuster immer auch als Stile des Kontaktverhaltens und -erlebens auffassen kann («Charaktermuster als Beziehungsstil»).

Charaktermuster: Unsere Wahrnehmungs-, Denk-, Fühl- und Verhaltensstile

Beginnen wir mit einem kleinen Gedankenspiel. Stellen Sie sich bitte folgende Situation vor: Sie haben sich vor einer Woche für den heutigen Abend, 20 Uhr, mit K verabredet, und zwar bei sich zu Hause. Sie haben Essen und Getränke vorbereitet. Es ist inzwischen 21.30 Uhr, und K ist bis jetzt nicht gekommen, hat aber auch nicht abgesagt.

Was würden Sie in dieser Situation «spontan» denken, empfinden und (am liebsten) tun?

Vielleicht notieren Sie sich, was Ihnen dazu einfällt, bevor Sie die folgenden Beispiele lesen. Wir haben diese Beispiele frei erfunden, um zu zeigen, wie verschieden die «spontanen» Reaktionen auf ein und dieselbe Situation ausfallen können.

Achten Sie beim Durchlesen bitte gleichzeitig auf Ihre eigenen inneren Reaktionen auf diese Beispiele. Zwischen «Wie kann man nur?!» und «Das könnte glatt von mir sein!» werden Sie vermutlich ganz verschiedene Gedanken, Gefühle und Verhaltenstendenzen bei sich beobachten können (nach dem Motto: «Am liebsten würde ich jetzt …»).

A hatte schon den ganzen Tag über dieses abendliche Treffen gut vorbereitet. Die Wohnung ist geputzt, das Essen sorgfältig vorbereitet und zubereitet. Alles lief nach einem genauen Zeitplan ab. A hatte sich extra für eine kalte Vorspeise entschieden, damit die warme Hauptspeise bis ca. 20.30 Uhr bei milder Hitze zu Ende köcheln konnte. Ab 19.45 Uhr war A zunehmend von einer leisen Sorge befallen worden, ob K denn auch pünktlich sein würde. Diese Sorge hat sich jetzt zu einem ätzenden Ärger ausgewachsen, und A macht sich Vorwürfe: «Warum habe ich nicht deutlicher darauf bestanden, daß K pünktlich kommt oder rechtzeitig absagt?»

Auch B hatte sich bei der Vorbereitung viel Mühe gegeben: ein Bild ins Regal gestellt, das K vor langer Zeit geschenkt hatte, in einem Buch gelesen, das K gefällt, die Musik ausgewählt, die Ks Geschmack entspricht. Das verdorbene Essen macht B weniger Kummer als die Frage, was K wohl passiert sein könnte. B hat inzwischen versucht, verschiedene Leute anzurufen, um sich nach K zu erkundigen.

C hat ziemlich zu «kauen» an der «Beleidigung», die seinem Empfinden nach in dem unentschuldigten Nicht-Erscheinen von K steckt. Es wäre für C sehr wichtig gewesen, anläßlich dieses abendlichen Treffens ein paar interessante berufliche Projekte durchzusprechen. Und da K in Verbindung zu einigen wichtigen Leuten steht, hat sich C von diesem Abend versprochen, diese Beziehungen für sich nutzen zu können. C empfindet es als beleidigend, sitzengelassen zu werden, wo man doch zum gegenseitigen Nutzen kooperieren könnte! Daraus wird nun wohl nichts, und C überlegt, wie sich die neuen Projekte auch ohne K realisieren lassen.

Aus den Stereoboxen erklingt nun schon zum zweiten Mal «La Mer» von Claude Debussy. Damals, vor gut drei Jahren, waren K und D hier zusammen auf dem Sofa gelegen und hatten nicht nur in impressionistischer Musik geschwelgt. Die Erinnerungen an damals sind ganz lebendig, und D fühlt sich wie umflort von einem schmerzlich-schönen, liebevoll-traurigen Stimmungsschleier. Es hätte so schön werden können mit K an diesem Abend: die Kerzen, der Duft aus der Aromalampe, «La Mer» und so weiter. Schließlich ist doch klar, daß man nichts mehr voneinander will, da könnte man doch …

E sitzt um 21.30 Uhr im Schaukelstuhl und hat sich völlig in eine geologische Fachzeitschrift vertieft. E ist eher erleichtert, daß K offensichtlich nicht kommt, denn E mag solche Abende eigentlich nicht und hatte die Einladung deshalb auch schon ein paarmal verschoben. Der Käse ist längst wieder in Alufolie verpackt. K ist über dem Lesen der Fachzeitschrift eigentlich schon vergessen. Interessante Gesteinsformationen, die da in einem abgelegenen Tal in den Anden entdeckt wurden, passen gar nicht so recht in das Bild, das man sich von der Entstehung der Anden macht. Ist das nun ein Beweis für die Außenseitertheorie von Prof. X oder nicht?

F fühlt sich leider wieder mal bestätigt. Da war doch schon dieses kleine Zögern in der Stimme, als K am Telefon zusagte. Hat K nicht sogar so was wie «mal sehen» gesagt? Ja, K war nur zu höflich und zu feige, um deutlich mitzuteilen: «Ich habe keine Lust zu kommen.» Natürlich, das ist wie immer. K drückt sich vor klaren Aussagen, ist einfach feige, und dadurch wird K zu einer unzuverlässigen Person! Das war nun aber bestimmt das letzte Mal, daß F einen Versuch unternommen hat, sich mit K zu treffen, nachdem es in der Vergangenheit zwischen ihnen beiden eigentlich immer so abgelaufen war. «Große Worte und nix dahinter», urteilt F abschließend über K.

«Das ist wirklich schade und auch ein bißchen ärgerlich», denkt G. Schon den ganzen Tag hatte sich G ausgemalt, wie anregend dieser Abend mit K werden würde. Nun gut: Der alte Bordeaux schmeckt auch ohne K ganz vorzüglich. Und im Spätprogramm kommt «Purple Rose of Cairo» von und mit Woody Allen. Dieser Film wird G ganz gewiß gefallen. Inzwischen hat G außerdem mit L telefoniert, um sich für übermorgen zum Abendessen zu verabreden.

H wollte sich eigentlich mit K lieber in einer Kneipe treffen und denkt grimmig: «Das mache ich nie wieder, daß ich zustimme, wenn K sich bei mir einlädt; so eine verdammte Unverschämtheit, mich hier sitzenzulassen!» H hat sich längst entschlossen, K bei nächster Gelegenheit sofort zur Rede zu stellen. «So was kannst du mit mir nicht machen», denkt H und nimmt noch einen kräftigen Schluck.

Unser letzter Protagonist, Person I, hat sich mehr oder weniger ziellos mit verschiedenen Dingen beschäftigt, ein bißchen getrunken, ein bißchen geknabbert. I liegt jetzt auf dem Sofa, und während Lieutenant Stone auf den Straßen von San Francisco einem Drogendealer nachjagt (auf dem anderen Programm ist Tennis), döst I vor sich hin und findet das alles gar nicht so schlimm. K hat ganz bestimmt gute Gründe, heute abend nicht zu erscheinen. Bestimmt wird sich alles aufklären.

Wahrscheinlich haben Sie sich oft schon darüber gewundert, wie unterschiedlich verschiedene Menschen Ihrer Umgebung auf ein und dieselbe Situation reagieren. Da, wo einer sich lauthals empört, zuckt ein anderer nur die Achseln. Jemand fühlt sich verletzt oder persönlich angegriffen, wo Sie selbst nur eine Lappalie erkennen können. Da redet jemand ununterbrochen, ohne allzu viel zu sagen, ein anderer schweigt lange und sagt dann plötzlich etwas Bedeutsames. Und so weiter.

Wenn solche persönlichen Eigenheiten und Reaktionsweisen immer wieder und mit einer gewissen Beständigkeit zutage treten, dann schreiben wir sie dem «Charakter« der betreffenden Person zu.

«Charakter» … das ist ein durchaus schwieriges und klärungsbedürftiges Wort – zumal im Deutschen. Wenn wir sagen: Jemand hat «Charakter», dann meinen wir damit eine Person mit einem festen Willen, einer gewissen Prinzipientreue und Konsequenz. Entsprechend halten wir Leute für «charakterlos», die ihr Fähnchen nach dem Wind hängen, für die der Zweck alle Mittel heiligt und so weiter. In diesem umgangssprachlich-wertenden Sinn verwenden wir diesen Begriff hier nicht.

In der psychologischen Fachsprache finden sich dann im Zusammenhang mit «Charakter» Bezeichnungen wie «zyklothymer/schizothymer Konstitutionstyp»[1] oder «oral», «anal», «phallisch», «masochistisch», «schizoid», «narzißtisch», «passiv-feminin», «psychopathisch»[2]. Auch solche wissenschaftlichen, diagnostizierenden Wörter benutzen wir nicht. Das Enneagramm beschreibt unsere ganz alltäglichen, menschlich-allzumenschlichen inneren und äußeren Reaktionsgewohnheiten. Es benutzt dafür die Alltagssprache, die nah an den Phänomenen selbst ist, und verwendet zur Unterscheidung schlicht die Zahlen von EINS bis NEUN. Allerdings lassen sich die Enneagramm-Charaktermuster sowohl bis in den «dunklen» Bereich der Psychopathologie als auch in den «hellen» Bereich der sogenannten höheren (transpersonalen) Bewußtseinszustände hinein aufzeigen. Wir bleiben hier weitgehend in der Grauzone unserer Alltäglichkeit und finden es spannend genug, diesen Bereich mit Hilfe des Enneagramms etwas zu durchleuchten.

 

Gehen wir zu unserem einleitenden Gedankenspiel zurück. Haben Sie an der einen oder anderen Stelle, vielleicht schmunzelnd, gedacht: «Das könnte typisch für mich sein?» Oder: « Na, das ist typisch für X.» Übrigens: Ob Sie sich beim Lesen mehr mit sich selber oder mehr mit anderen Personen beschäftigt haben – auch das könnte «typisch» für Sie sein.

Wenn wir sagen: Das ist mal wieder typisch, dann meinen wir doch: «Ja …, so oder so ähnlich denke ich, empfinde ich, verhalte ich mich eigentlich ganz oft. Und ganz oft habe ich den Eindruck, auch gar nicht anders zu können. Da gibt es so etwas wie eine Konstante in meinen innerseelischen Aktionen und Reaktionen und in meinem nach außen sichtbaren Verhalten. So oder so ähnlich passiert mir das immer wieder. Gewisse Gefühle stellen sich offenbar spontan ein, andere kenne ich kaum.» Zum Beispiel ärgern sich manche Menschen sehr schnell, andere eher selten. All dies sind Hinweise darauf, daß es da offenbar so etwas wie ein seelisches Strickmuster gibt, das unser Erleben und Verhalten in gewisser Weise steuert. Deshalb verwenden wir hier das Wort «Charaktermuster».

Unter «Charaktermuster» verstehen wir

einen bestimmten Stil[3] des Wahrnehmens, Denkens, Fühlens und Verhaltens,

der uns zur Gewohnheit geworden ist und uns deshalb «normal» vorkommt,

der weitgehend automatisiert ist, uns daher nicht oder nur teilweise bewußt ist und den wir nicht willentlich oder absichtlich benutzen («Ich kann eben nun mal nicht aus meiner Haut», sagen wir dann),

von dem wir nicht mehr so genau wissen, wie und unter welchen Umständen wir ihn uns angewöhnt haben.

Bei dem Wortbild vom «Strickmuster» denkt man unwillkürlich an Wolle, Stricknadeln, eine Vorlage und die Anfertigung eines Pullovers. Nach ein und demselben Muster (zum Beispiel «zwei rechts, zwei links») können Sie Hunderte von Pullovern stricken, die alle sehr individuell und sehr verschieden aussehen, wenn Sie Farbwahl, Wollqualität und Nadelstärke entsprechend variieren. Das gemeinsame Strickmuster ist nicht unbedingt auf den ersten Blick zu erkennen. Auch wenn der Vergleich – wie alle Vergleiche – etwas hinkt: Mit den menschlichen Charaktermustern verhält es sich ganz ähnlich. Äußerlich völlig verschieden wirkende Menschen können doch nach demselben Muster «funktionieren», auch wenn das nicht unbedingt auf den ersten Blick zu erkennen ist, weil die psychologische «Farbgebung» zu verschieden ist.

Natürlich ist es kein Zufall, daß wir in unserem Beispiel neun Protagonisten auf die Bühne unserer Fantasieszene gebeten haben. Das Enneagramm beschreibt neun Charaktermuster. Neunerlei Besonderheiten, Stärken, Einseitigkeiten, Anfälligkeiten in der Art und Weise, wie wir unsere Umgebung wahrnehmen, wie wir denken, fühlen, agieren und reagieren (neun Stile).

Dieses Musterhafte, Gleichförmige, Gewohnheitsmäßige an unserem Erleben und Verhalten ist natürlich nicht vom Himmel gefallen. Irgendwie und irgendwann muß dieser «Charakterpullover» ja angefertigt worden sein. Wenn wir beginnen, das Automatisierte in unseren inneren und äußeren Aktionen und Reaktionen aufmerksamer wahrzunehmen, wenn wir lernen, sich wiederholende kritische Situationen in unserem Leben achtsam zu bedenken und nicht mehr mit dem Satz abzutun: «Das kann ja auch nur mir passieren», das heißt, wenn wir dieses bislang unbemerkte «Funktionieren» des eigenen Charaktermusters ins Bewußtsein holen, dann finden wir auch den Zugang zu seiner Entstehungsgeschichte. Unsere These ist: Das «kleine Kind von damals»[4], das jeder und jede von uns einmal war, hat das Charaktermuster gewissermaßen «erfunden», und zwar als Not-Lösung und (Über-) Lebensstrategie. Insofern ist der Vergleich mit dem Pullover ganz hilfreich: Das Charaktermuster ist eine Art Schutz vor widrigen Umständen[5].

Das Charaktermuster ist die «Antwort» des Kindes auf eine von ihm erlebte Not. Und insofern eine kreative Eigenleistung zum Zweck des psychischen Überlebens, für die das Kind alle Hochachtung und Wertschätzung verdient.

Aldous Huxley[6] hat einmal gesagt: «Das, was du bist, hängt von drei Faktoren ab – von deinem Erbe, von deiner Umgebung und davon, was du in freier Wahl aus deinem Erbe und deiner Umgebung gemacht hast.» Wir halten das für eine prinzipiell wichtige Aussage. Unsere biologische Basisausstattung ist kein blindes Schicksal, das uns seinen Stempel aufdrückt – «angeborene Charaktermuster», wie es zum Beispiel die deutsche Psychologie zu Zeiten des Nationalsozialismus postulierte und nachzuweisen suchte (Stichwort: der «geborene Verbrecher»), gibt es nicht. Andererseits sind die biologischen «Mitbringsel» auch nicht völlig ohne Belang: Reizempfindlichkeit, Aktivitätsniveau, nicht zuletzt das Geschlecht – all das sind mitgebrachte biologische Gegebenheiten, die psychische Entwicklungsprozesse erleichtern oder erschweren[7].

Ebensowenig sind die Lebensumstände, in die ein Kind hineingeboren wird, einseitig für die «Prägung» des Charakters verantwortlich zu machen. Ein Kind ist kein passives, beliebig formbares «Etwas» – Produkt und Opfer elterlicher Dressur und der Lebensumstände. Die Lebenssituation, in die es hineingeboren wird, fordert ihm von Anfang an kreative Anpassungsleistungen ab. Aber natürlich ist auch das heranwachsende Kind keineswegs in der Lage, allem und jedem seinen eigenen Stempel aufzudrücken.

An diesen drei Bedingungen der psychischen Entwicklung – biologische Ausstattung, Einflüsse der Umgebung, aktive «Eigenleistung» des Kindes – interessiert uns im Zusammenhang mit der Entstehung des Charaktermusters die Eigenleistung des Kindes in besonderer Weise. An der bei Hobby- wie Fachpsychologen gleichermaßen beliebten « Elternschelte» möchten wir uns also nicht beteiligen. Freilich muß das, was das Kind damals an den familiären und sonstigen Lebensumständen als schädlich, entwicklungshemmend, verletzend und «böse» empfunden hat, auch so genannt werden dürfen. Aber es bleiben unserer Beobachtung nach einfach zu viele Menschen noch als Erwachsene im Ressentiment gegen die «Täter» von damals hängen – und damit gleichzeitig in der Identifikation mit dem «Opfer», das sie als Kinder zweifellos auch waren. Aus dem nicht sehr entwicklungsfördernden Täter-Opfer-Kreislauf können wir herauskommen, wenn wir statt dessen erkennen und anerkennen können: Ja, dieses Kind, das ich damals war, fühlte sich wirklich in Not (und dabei ist es nicht mehr wichtig, wie diese Not «objektiv» beschaffen war – «objektiv» und «wirklich» war für das Kind, wie es die Situation erlebte). Ja, dieses Kind, das ich war, hat auf «intelligente» Art und Weise Mechanismen und Strategien «erfunden», um diese Not zu meistern. Ja, so habe ich mir damals selbst geholfen.

Dieses «Erfinden» darf man sich nun nicht so vorstellen wie bei den Erwachsenen, wenn sie sich etwas ausdenken. Ein Kind agiert und reagiert intuitiv von seinem (organismischen) Erleben her, es ahmt nach, probiert aus und erlebt, was «funktioniert» und was nicht.

Das Charaktermuster schützt und hilft und ist – vom «Kind in Not» aus gesehen – wirklich (über-)lebensnotwendig. Den Erwachsenen heute aber engt es auch ein, trübt den Blick, läßt gewissen Erfahrungen keinen Spielraum. So wird ein handfester Krach, der die Luft reinigen und Standpunkte klären helfen könnte, etwa deshalb vermieden, weil die «Schmeichelstrategie» des «Kindes von damals» auch heute noch wirksam ist. In der Familie dieses Kindes stand die Selbstbehauptung zur Durchsetzung eigener Wünsche wahrscheinlich nicht hoch in Kurs. Oder auch deshalb, weil eine nicht bewußte « Friedfertigkeitsstrategie» des «Kindes von damals» hier Regie führt. Vielleicht hat dieses Kind zu viele gewalttätige Auseinandersetzungen mit ansehen müssen, so daß es sich entschloß, lieber unauffällig und ausgleichend zu agieren.

So kann die Not-Lösung von damals zur Not von heute werden.

Das Charaktermuster soll vor einer Wiederholung der Kindheits-Not schützen, und das tut es auch in gewisser Weise. Gleichzeitig wird die erwachsene Person auf das gewohnte Erleben und Verhalten reduziert, kann nicht mehr frisch und unbefangen auf eine Situation reagieren, vermeidet dadurch Erfahrungen, die nicht ins Muster passen und die korrigierend wirken könnten.

Die tiefen Bedürfnisse, die in der Not des Kindes von damals nicht angemessen beantwortet wurden, sind natürlich immer noch da (sich sicher und zugehörig fühlen, gesehen und geliebt werden, eine eigenständige Person sein dürfen und so weiter). Je starrer das Charaktermuster am Rande des Bewußtseins im Erwachsenenleben seine ursprüngliche Schutzfunktion ausübt, desto kräftiger verlangen auch diese Bedürfnisse nach Befriedigung. Damit steigt natürlich das Risiko, erneut verletzt zu werden, um so intensiver werden die Schutzvorkehrungen des Charaktermusters, die wiederum verhindern, daß das ursprüngliche Bedürfnis befriedigt wird. Und so weiter. Dieser « Selbstverstrickungsspirale» werden wir in verschiedenen Variationen in den folgenden Kapiteln immer wieder begegnen: Das Charaktermuster dient dem Selbstschutz, vereitelt aber unglücklicherweise gleichzeitig, daß man bekommt, was man zutiefst bräuchte. So wird ungewollt die ursprüngliche Not reproduziert.

Ein Beispiel (die Geschichte ist authentisch, Namens- und Ortsangaben wurden geändert):

Franz M., 34, ist evangelischer Pfarrer in einer hessischen Kleinstadt. Er ist ein sympathisch wirkender, belesener und beredter junger Mann, außerordentlich beliebt in seiner Kirchengemeinde, da er «für jeden das richtige Wort zum richtigen Zeitpunkt hat» (so ein Kirchenvorsteher bei der von der Gemeinde organisierten Feier seines 30. Geburtstags). Wenn nur seine Frau nicht wäre, die sich, mehr als den Kleinstädtern lieb ist, zunehmend von den Gemeindeaktivitäten fernhält. Sie ist Spanierin; Franz hatte sie vor mehr als 10 Jahren während eines Urlaubs in ihrer Heimat kennengelernt und noch vor Abschluß seines theologischen Examens nach Deutschland geholt und geheiratet. Seit er seine berufliche Laufbahn begonnen hat, war es zwischen den beiden immer wieder zu heftigen Eifersuchtsszenen gekommen. Sie hatte ihm vorgeworfen, er würde sie vernachlässigen, reagierte schließlich mit heftigen Angstzuständen und Suiziddrohungen. Er sieht inzwischen keinen anderen Ausweg mehr außer einer Scheidung. Nur – was werden die Leute in der Gemeinde sagen, wenn das private Scheitern ihres beliebten Pastors offenkundig wird? Und wie wird die Kirchenleitung sich verhalten, die in solchen Fällen recht zügig mit seelsorgerlich begründeter Strafversetzung zu reagieren pflegt?

In dieser verzweifelten Lage kommt er zum psychotherapeutischen Erstgespräch und nimmt dafür sogar 200 km Anfahrt in Kauf. Die Gesprächsatmosphäre ist etwas eigenartig: Einerseits ist seine Verzweiflung wirklich nachvollziehbar, andererseits macht er einen durchaus «souveränen» Eindruck. Er schildert sein Dilemma flüssig und lächelt viel dabei, so daß leicht der Eindruck entstehen könnte, das alles sei eigentlich gar nicht so schlimm und mit der richtigen Strategie schon in den Griff zu bekommen. Er läßt durchblicken, daß er in Sachen «seelsorgerlich-therapeutische Gesprächsführung» schon einige Kurse besucht habe und erkundigt sich genau nach der Ausbildung des Therapeuten.

Der Stil des Wahrnehmens, Denkens, Fühlens und Verhaltens:

Der Eindruck, den er auf andere macht, scheint ihm gewohnheitsmäßig wichtiger zu sein als die eigene Innenwelt und ihr – authentischer – Ausdruck. Er kommuniziert stark wirkungsorientiert. Er scheint den Therapeuten zu fragen: Bist du kompetent? Und er vermittelt dabei unausgesprochen die Botschaft: Bitte beachte, wie miserabel ich mich derzeit fühle, aber erkenne bitte auch an, wie gut und erfolgreich ich sonst bin.

Die Motive, die dem Automatisierten, Gewohnheitsmäßigen (und daher nicht Bewußten) in seinem Verhalten zugrunde liegen:

Abgesehen davon, daß das Berufsfeld eines Pastors ein ganz hervorragender Nährboden für ein solches Charaktermuster ist: Franz scheint kein Bewußtsein davon zu haben, wie stark er aus der Anerkennung und Bewunderung seiner Umgebung die Nahrung für sein Selbstwertgefühl bezieht und wie sehr er persönlich darauf angewiesen ist. Ist an dieser Stelle vielleicht auch sein Anteil am Scheitern seiner Ehe zu suchen? Auf vorsichtiges Nachfragen in diese Richtung reagiert er mit Unverständnis.

Die Not des Kindes und die Not-Lösung (die Erfindung des Charaktermusters): Nach einigen psychotherapeutischen Gesprächen kommt zaghaft das «Kind in Not» zum Vorschein:

Die Mutter hatte einen Liebhaber, den sie zwar vor ihrem Mann, nicht jedoch vor ihrem einzigen Sohn versteckte. Der kleine Franz ist als Fünfjähriger schon ein «Geheimnisträger» und heimlicher Verbündeter der Mutter, die im übrigen für ihren Sohn nur wenig Zeit und Gefühl erübrigen kann. Franz bewältigt diese Situation dadurch, daß er von Anfang an Klassenbester ist. Damit kann er vor allem dem ehrgeizigen Vater eine Freude machen, den er natürlich nicht verlieren möchte und dem gegenüber er ein schlechtes Gewissen hat. Die Ehe der Eltern wird unter dramatischen Umständen geschieden, als Franz neun Jahre alt ist. Die Mutter versucht, alle Kontakte des Sohns zum Vater zu unterbinden. Franz führt daraufhin ein «Doppelleben», denn er trifft sich nun heimlich mit dem Vater.

(Die «Not»: «Beachtung und Liebe gibt es für mich in dieser Lage nur, wenn ich den Schein wahre, geschickt zwischen den Eltern jongliere und ansonsten außerhalb der Familie durch gute Leistungen auffalle.»)

Seine schulischen Leistungen lassen nach, und erfühlt sich immer mehr als «der Verlierer in dem ganzen Scheißspiel». Nach mittelmäßigem Abitur beginnt er ein Theologiestudium in einer anderen Stadt und ist nach kurzer Zeit einer der brillantesten und beliebtesten Studenten, hat eine Freundin, die später seine Frau wird, um die ihn viele beneiden.

Die unbewußte Wiederholung des Not-Themas und die Vereitelung des eigentlichen Zentralbedürfnisses:

Das unbewußte Leitmotiv in Franz’ Charaktermuster könnte heißen: «Ich fühle mich nicht um meiner selbst willen geliebt, sondern benutzt. Also versuche ich wenigstens, durch ein erfolgreiches Image Bewunderung zu erzielen.»

Das Zentralbedürfnis, sich geliebt fühlen können ohne eine Leistung dafür zu erbringen, bleibt und wird um so weniger gefühlt, je stärker die Image-Orientierung (im Zusammenhang mit dem Berufseinstieg) zunimmt. Die Frau, die ihn liebt und verehrt, fühlt sich der Konkurrenz durch die vielen anderen, natürlich auch weiblichen Bewunderer nicht mehr gewachsen und kämpft um ihn auf eine Art und Weise, die ihn noch mehr vertreibt. Am Ende findet er sich wieder in dem alten Dilemma, und zwar in verschärfter Form: «Ich fühle mich nicht um meiner selbst willen geliebt, sondern benutzt.»

Nicht jede Lebensgeschichte enthält so viel Tragisches und Dramatisches. Aber beim genauen Hinsehen lassen sich für alle Charaktermuster solche Phänomene aufzeigen. Das Modell des Enneagramms ist in der Lage, uns dafür den Blick zu schärfen, weil es uns auf Dinge aufmerksam macht, die uns normalerweise entgehen, weil sie völlig automatisch geworden sind.

Sehen wir uns dieses Modell nun einmal näher an.

Die Neuner-Figur: Ein Modell wird besichtigt

Das Enneagramm-Symbol setzt sich zusammen aus einem gleichseitigen Dreieck in der Mitte und einem unregelmäßigen Hexagramm. So kommen neun Punkte zustande, die auf einem Kreis abgebildet werden. Jeder dieser Punkte symbolisiert ein Charaktermuster und ist durch die Verbindungslinien auf spezifische Weise mit zwei anderen Punkten verknüpft. Die neun Punkte sind im Uhrzeigersinn durchnumeriert, der Punkt NEUN (das Muster NEUN) steht an der Spitze des gleichseitigen Dreiecks:

Sie können sich das Symbol gut einprägen, wenn Sie es ein paarmal selber zeichnen. Die Punkte 3 – 6 – 9 bilden das innere Dreieck, das Hexagramm ergibt sich aus der Zahlenfolge 1 – 4 – 2 – 8 – 5 – 7.

Bei der Besichtigung des Modells werden wir vier Runden drehen:

Erster Besichtigungsdurchgang: Die drei existentiellen Grundbedürfnisse, die drei Grundenergien und ihre speziellen Verformungen in drei mal drei Charaktermustern.

Zweiter Besichtigungsdurchgang: Emotionale Muster und Aufmerksamkeitsorganisation – das Enneagramm der «Leidenschaften» (das Ur-Enneagramm).

Dritter Besichtigungsdurchgang: Bewegungen innerhalb des Modells, Veränderungen der «Aggregatzustände» der neun Charaktermuster.

Vierter Besichtigungsdurchgang: Individualität und Muster

Erster Durchgang: Die drei existentiellen Grundbedürfnisse, die drei Grundenergien und ihre Verformungen

Das Enneagramm-Modell ist um drei zentrale Bedürfnisse herum konstruiert. Ihre angemessene Befriedigung ist für eine gesunde menschliche Entwicklung außerordentlich wichtig, und keines dieser Bedürfnisse ist «besser» oder «wertvoller» als die beiden anderen. Das Enneagramm behauptet nun: Eines dieser drei Bedürfnisse ist in besonderer Weise in der Vergangenheit für das heranwachsende Kind zum «Problem» geworden. Aus diesem «Problem» heraus wurde das jeweilige Charaktermuster als Not-Lösung entwickelt.

Diese drei existentiellen Grundbedürfnisse[1] sind:

Das Autonomie-Bedürfnis: Ein klares Ich-Gefühl haben. Sich behaupten. Sich durchsetzen. Sich wehren gegen Übergriffe auf das eigene «Territorium». Vitale Bewegungsimpulse verspüren und leben. Mit instinktiven Reaktionen «aus dem Bauch» spontan auf die äußere Situation antworten. Dieses Bedürfnis scheint zu fragen: «Wer bin ich – wer bist du? Was ist mein mir zustehender Raum – was ist dein Raum?»

Das Bedürfnis nach Beziehung (Liebe): Sich geliebt fühlen und lieben. Freundschaft, Fürsorge, Mitmenschlichkeit pflegen. Gegenseitiges Verstehen und «guter Kontakt» sind wichtig. Die Zugehörigkeit zur Familie, zu einer Gruppe wird betont. Dieses «Herzens»-Bedürfnis scheint zu fragen: «Mit wem bin ich wie in Beziehung – wie ist unser Kontakt?»

Das Bedürfnis nach Orientierung und Sicherheit: Sich sicher fühlen an dem Ort, wo man ist. Sich auskennen. Die Dinge überblicken. Klarheit und Verläßlichkeit sind wichtig. Wache Sinne, um «Witterung aufzunehmen». Dieses Bedürfnis scheint zu fragen: «Wo bin ich hier eigentlich? Ist es hier sicher für mich?»

 

Das Enneagramm ordnet diesen drei existentiellen Bedürfnissen drei Grundenergien zu:

Bauchenergie umfaßt diejenigen vitalen, «instinktiven» Impulse, die unser «Revier» behaupten helfen, wie Zorn. Auch die Sexualität gehört in diesen Bereich.

Herzenergie sind all diejenigen emotionalen Qualitäten, die Beziehungen zu anderen Menschen stiften und durch die wir uns mit anderen verbunden fühlen, also «Liebe» im weitesten Sinn.

Kopfenergie bezeichnet die Wahrnehmungs- und Denkfunktionen, die wir benötigen, um uns zu orientieren und um sicher zu sein.

 

Stellen wir uns kurz eine Idealperson vor, die auf die Situation bezogen jedes dieser drei Grundbedürfnisse bewußt wahrnehmen kann und über alle psychischen Kräfte (Grundenergien) verfügt, um das jeweilige Grundbedürfnis zu befriedigen. Diese Person könnte nachdrücklich aus dem Bauch heraus «nein» oder «ja» sagen, sich eindeutig verhalten und würde sich so als ein starkes eigenständiges Ich präsentieren. Sie hätte einen klaren Kopf, würde den Überblick behalten und könnte – falls Gefahr im Verzug ist – sich sehr schnell entscheiden, ob es sinnvoll ist, zu kämpfen, zu fliehen oder zu verhandeln. Und diese Idealperson würde unkompliziert mit offenem Herzen auf andere Menschen zugehen und in liebevoller Beziehung zu ihnen stehen, ohne eigene oder fremde Grenzen zu verletzen. Die drei Grundbedürfnisse und die ihnen zugeordneten Grundenergien wären in einer Art «Fließgleichgewicht» ausbalanciert. Unsere Idealperson hätte ihre Aufmerksamkeit frei zur Verfügung, um angemessen auf jede nur denkbare Situation zu reagieren.

Das ist Utopie. Denn in diesem Fließgleichgewicht herrscht eine Konfliktspannung zwischen den drei Grundbedürfnissen. Das Autonomiebedürfnis (die Bauchenergie) steht in einem gewissen Gegensatz zu den beiden anderen Bedürfnissen. Das Bedürfnis nach Sicherheit und Orientierung (die Kopfenergie) «verträgt» sich nicht automatisch mit den Bedürfnissen nach Herzensbindung (und der damit verbundenen Verletzlichkeit der Liebesgefühle) und nach vitaler Selbstbehauptung, die aus dem Bauch kommt. Herzenswünsche geraten unweigerlich in ein Spannungsverhältnis zu den Autonomiebedürfnissen des «Bauchs» und den Orientierungsbedürfnissen des «Kopfs». Das Enneagramm-Symbol, so könnte man sagen, ist aufgespannt zwischen den drei existentiellen Bedürfnissen nach Autonomie, Liebe und Sicherheit.

Das Enneagramm beschreibt, auf welche Art und Weise dieses spannungsreiche Fließgleichgewicht im Zuge der Ich-Entwicklung eine «Schlagseite» bekommen hat: In einem der drei zentralen Bereiche ist die «existentielle Not» am größten gewesen. Dort hat sich so etwas wie eine unbewußte «Überzeugung» festgesetzt, eine Grundannahme, «wie die Welt (für mich) ist».

Die «Schlagseite» beim Bedürfnis nach Autonomie –

«MEINE AUTONOMIE IST HIER NICHT SELBSTVERSTÄNDLICH GARANTIERT» –

bewirkt ein existentielles Grundproblem, das zu tun hat mit Macht, Kontrolle und Zorn (Selbstbehauptung).

Die «Schlagseite» beim Bedürfnis nach Beziehung und Liebe –

«ICH FÜHLE MICH HIER NICHT GUT EMOTIONAL VERSORGT UND GELIEBT» –

bewirkt ein existentielles Grundproblem, das zu tun hat mit dem Selbstwertgefühl, Angst vor Ablehnung und Zurückweisung, Schmerz und Trauer.

Die «Schlagseite» beim Bedürfnis nach Sicherheit und Orientierung –

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