Der Notarzt 286 - Alexa Reichel - E-Book

Der Notarzt 286 E-Book

Alexa Reichel

0,0
1,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Dr. Matthias Dornfeld ist in der Frankfurter Sauerbruch-Klinik äußerst beliebt und hoch angesehen. Der attraktive Kinderarzt hat stets ein offenes Ohr für seine kleinen Patienten, ist freundlich zu seinen Kollegen und noch dazu sehr kompetent.

Allerdings weiß so gut wie niemand, dass hinter dem Mediziner eine Vergangenheit liegt, die alles andere als rosig war: Vor knapp zwanzig Jahren bestimmten Drogen und Abhängigkeit seinen Alltag. Es kommt einem Wunder gleich, dass er sich damals selbst aus diesem Sumpf befreit, Medizin studiert und sich ein geregeltes Leben aufgebaut hat.

Trotzdem verspürt Matthias Dornfeld oft eine große Einsamkeit und Leere, denn er lebt allein und hat keine Familie.

Da führt ein schrecklicher Unfall dazu, dass der Arzt in der Notaufnahme die achtzehnjährige Jessica kennenlernt. Die junge Frau erscheint ihm seltsam vertraut, und doch ahnt Dr. Dornfeld nicht einmal, auf welch schicksalhafte Weise er mit Jessica verbunden ist ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 121

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Cover

Impressum

So viel Zeit, die wir verloren haben

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: shutterstock/Monkey Business Images

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-4405-9

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

So viel Zeit, die wir verloren haben

In der Notaufnahme lernt der Arzt seine erwachsene Tochter kennen

Alexa Reichel

Dr. Matthias Dornfeld ist in der Frankfurter Sauerbruch-Klinik äußerst beliebt und hoch angesehen. Der attraktive Kinderarzt hat stets ein offenes Ohr für seine kleinen Patienten, ist freundlich zu seinen Kollegen und noch dazu sehr kompetent.

Allerdings weiß so gut wie niemand, dass hinter dem Mediziner eine Vergangenheit liegt, die alles andere als rosig war: Vor knapp zwanzig Jahren bestimmten Drogen und Abhängigkeit seinen Alltag. Es kommt einem Wunder gleich, dass er sich damals selbst aus diesem Sumpf befreit, Medizin studiert und sich ein geregeltes Leben aufgebaut hat.

Trotzdem verspürt Matthias Dornfeld oft eine große Einsamkeit und Leere, denn er lebt allein und hat keine Familie.

Da führt ein schrecklicher Unfall dazu, dass der Arzt in der Notaufnahme die achtzehnjährige Jessica kennenlernt. Die junge Frau erscheint ihm seltsam vertraut, und doch ahnt Dr. Dornfeld nicht einmal, auf welch schicksalhafte Weise er mit Jessica verbunden ist …

Dr. Peter Kersten beugte sich zu seiner Freundin Lea König hinüber. Seit er ohne Vorankündigung im Kongresszentrum aufgetaucht war, strahlte sie wie ein Honigkuchenpferd. Sie hatte ihm soeben den gewiss hundertsten liebevollen Blick zugeworfen. Dabei vergaß sie ganz, sich auf das Geschehen auf der Bühne zu konzentrieren.

„Du scheinst dich ehrlich zu freuen“, flüsterte Peter gerührt. „Ich sollte dich öfter mal überraschen!“

„Wundert dich das?“

Lea versuchte, leise zu sprechen. Vorne auf dem Podium war mittlerweile eine heftige Diskussion entbrannt. Sie wollte den spannenden Vortrag nicht stören.

„Immerhin hättest du deinen freien Nachmittag ja auch mit einer Zeitung auf der Couch verbringen können!“, sagte sie. „Stattdessen wirfst du dich in Schale und begleitest mich zu einem beruflichen Termin. Danke, Peter. Das weiß ich ehrlich zu schätzen!“

Die Moderatorin des Streitgesprächs auf der Bühne versuchte, zu schlichten.

„Frau Seiler, es ist natürlich eine provokante Aussage, zu behaupten, die Debatte sei scheinheilig. Der Streit über die Legalisierung von sogenannten weichen Drogen wird erfahrungsgemäß sehr emotional geführt. Dennoch wage ich die Behauptung …“

Lea König, hauptberufliche Kinder- und Jugendpsychologin, hatte sich zu einer internationalen Konferenz über neue Entwicklungen in der Suchttherapie angemeldet. Hin und wieder hatte auch sie in ihrer Praxis mit schwer suchtkranken Teenagern zu tun, und das Einstiegsalter sank immer weiter.

Sie hatte sich unglaublich gefreut, als Peter spontan beschlossen hatte, ebenfalls teilzunehmen. Bei dem Vortrag eben war es um die aktuelle Drogenpolitik Deutschlands gegangen.

Eine Konferenzteilnehmerin, deren Mann offenbar schwerer Alkoholiker war, lieferte sich mit dem Hauptredner einen spannenden Schlagabtausch. Sie forderte mehr offenen Dialog über Suchterkrankungen in der Gesellschaft und warf den Politikern vor, das Thema „Alkohol“ bei sämtlichen Debatten auszuklammern.

„Wir denken beim Thema ‚Sucht‘ immer sofort an Drogen wie Heroin, Kokain oder Crystal Meth. Das sind Drogen, mit denen der durchschnittliche Büroangestellte in seinem Leben kaum jemals in Kontakt kommen dürfte. Aber zu Hause hat er einen Schrank mit Eierlikör, Sekt, Wein und dem guten Selbstgebrannten“, ereiferte sich die Kongressteilnehmerin.

Sie schnaubte hörbar.

„Es fehlt in unserer Gesellschaft ein ehrlicher Austausch über Formen der Sucht. Es fehlt eine Diskussion darüber, dass Alkohol die größte Droge überhaupt ist und zahlreiche Männer und Frauen jeden Alters und jeder Schicht davon betroffen sind. Man geht davon aus, dass in Europa zehn bis zwanzig Prozent aller Männer einmal im Leben die Kriterien einer echten Alkoholsucht erfüllen. Bitte, meine lieben Kolleginnen und Kollegen, rechnen Sie diese Zahlen mal hoch. Wir reden hier von Millionen von Süchtigen!“

Die Frau hatte sich in Rage geredet. Dr. Kersten verstand ihren Zorn. Immer wieder wurden in der Notaufnahme schwerstalkoholisierte Patienten eingeliefert. Die Bandbreite reichte dabei vom Obdachlosen bis hin zum Hochschuldirektor.

Vorgestern hatten sie einen alkoholkranken Pfarrer gerade noch reanimieren können. Offenbar hatte er einen kalten Entzug ausprobiert. Zuerst hatte er einen epileptischen Anfall erlitten und war dann in ein lebensgefährliches Delirium tremens gefallen. Keiner aus der Pfarrgemeinde hatte etwas von seiner Sucht bemerkt, und sogar die Pfarrköchin war aus allen Wolken gefallen.

Peter Kersten gab der aufgebrachten Rednerin also recht: Sucht und speziell Alkoholmissbrauch waren ein großes Tabu in der Gesellschaft, und er bewunderte den Mut der Frau, so offen über die schwierige Situation ihrer Familie zu sprechen.

Die Moderatorin beendete das interessante Gespräch mit einem versöhnlichen Fazit, und der Vortragssaal leerte sich langsam.

„Wollen wir noch über das Buffet herfallen?“, fragte Lea augenzwinkernd und griff nach ihrer Aktenmappe.

Peter nickte. „Was für eine Frage!“, erwiderte er grinsend. „Nur wegen der Häppchen bin ich doch überhaupt hierhergekommen!“

Sie reihten sich in die hinausdrängende Menschenschlange ein. Wenige Minuten später fanden sie sich an einem Stehtisch wieder. Ihre Teller bogen sich unter Krabbenspießen, Minifrikadellen, Kürbis-Carpaccio und marinierten Tomaten.

„Wer immer dieses Catering organisiert hat, wird von mir heiliggesprochen!“ Peter biss genießerisch in eine Avocadospalte und lächelte Lea selig zu. Dann entstand plötzlich eine Falte auf seiner Stirn. Hinter seiner Freundin hatte er einen Kollegen aus der Sauerbruch-Klinik entdeckt.

Was wohl Dr. Matthias Dornfeld auf diesem Kongress zu suchen hatte? Der Arzt arbeitete seit eineinhalb Jahren auf der Kinderstation des Krankenhauses. Sein herzlicher Umgang mit den kleinen Patienten und seine medizinischen Fertigkeiten hatten ihm im Haus einen hervorragenden Ruf eingebracht. Dr. Dornfeld galt als einer der besten Kinderärzte der Klinik.

Er hatte nun seinerseits Dr. Kersten entdeckt und kam etwas zögerlich mit seinem Teller zu ihm herübergelaufen.

„Kollege Dr. Kersten! Was für eine Überraschung!“ Er schüttelte Peter Kersten freundlich die Hand. Man konnte eine Spur Unsicherheit in seinen auffallend grünen Augen erkennen.

„Darf ich vorstellen?“, fragte Peter freudig. „Das ist meine Freundin Lea König. Sie ist Psychologin und Teilnehmerin der Konferenz. Ich bin sozusagen nur die aparte Begleitung. Um ehrlich zu sein, bin ich vor allem wegen dieses erstklassigen Buffets dabei. So etwas würde Rohrmoser in der Sauerbruch-Klinik niemals dulden!“

Emil Rohrmoser, der kaufmännische Leiter des Krankenhauses, sparte, wo es nur ging. Beim letzten Kongress in der Sauerbruch-Klinik hatte es Kartoffelsalat aus dem Eimer und trockene Salzbrezeln gegeben.

Lea König und Matthias Dornfeld nickten sich freundlich zu. Peter sah seinen Kollegen neugierig an.

„Sind Sie aus rein beruflichen Gründen hier, Dr. Dornfeld? Oder hat die Aussicht auf Fingerfood Ihr Interesse an der Konferenz beflügelt?“

Der Mediziner wischte sich zögernd über den Mund. Die Frage schien ihm nicht zu gefallen.

„Nun ja …“, stotterte er sichtlich verlegen. „Als Arzt bildet man sich doch ständig fort. Und Sucht ist inzwischen auch auf der Kinderabteilung ein häufiges Thema.“

„Ach, Sie sind Kinderarzt?“ Lea sah ihn begeistert an.

„Ja, das bin ich!“

Dr. Dornfeld nickte. Dann widmete er sich hochkonzentriert den Resten auf seinem Teller. Schließlich räusperte er sich und sah Peter und Lea direkt in die Augen.

„Lassen wir die Scharade!“, sagte er. „Natürlich bin ich nicht aus beruflichen Gründen hier. Mein Interesse ist ausnahmsweise rein privater Natur. Und das, was die Zuhörerin eben gesagt hat, kann ich nur unterschreiben. Es ist absolut fahrlässig, dass unsere Gesellschaft derart unehrlich mit dem Thema ‚Sucht‘ umgeht. Speziell Alkoholsucht ist ein weit verbreitetes Phänomen, und es sind nicht nur die Penner am Bahnhofsvorplatz, die damit zu kämpfen haben.“

„Da sagen Sie was!“, murmelte Peter. „Wollen wir eigentlich nicht alle Du zueinander sagen?“ Er war wenige Jahre älter als der Kollege aus der Kinderabteilung. Also war es an ihm, diesen Vorschlag zu machen.

Dr. Dornfeld nickte. „Matthias!“, stellte er sich lächelnd vor. Die drei schüttelten sich die Hände.

„Während des Studiums habe ich eine Zeitlang ziemlich viel Alkohol getrunken“, gab Lea ehrlich zu.

Die offene und vertrauliche Stimmung machte es einfach, ein solches Geständnis zu äußern.

„Ich trank damals nicht nur zum Spaß, sondern tat es für meine schwachen Nerven. Die Anzahl der Prüfungen wurde irgendwann unüberschaubar. Ein Glas Wein war das perfekte Mittel, um mich selbst zu beruhigen. Aber irgendwann bemerkte ich, dass ich den Alkohol regelrecht brauchte, um gelassen zu werden. Das war ein deutliches Alarmsignal, und zum Glück schaffte ich zeitig den Absprung.“

Peter nickte.

„Eine meiner Mitarbeiterinnen in der Notaufnahme rutschte nach ihrer Scheidung in eine schwere Krise. Statt den nötigen Trauerprozess zuzulassen oder sich therapeutische Hilfe zu suchen, flüchtete sie sich in den Alkohol. Es war die leichteste Methode, einfach alles zu vergessen. Suchtgefahr hängt sicherlich davon ab, wie Menschen mit Schicksalsschlägen oder Stress umgehen können. Wie nennt ihr Therapeuten das noch mal?“

Er blickte zu Lea.

„Wir nennen es ‚Resilienz‘“, sagte Lea. „Darunter versteht man die Fähigkeit, problematische Lebensereignisse unbeschadet überstehen zu können. Es beschreibt die psychische Widerstandsfähigkeit angesichts von Krisen.“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Der eine wird von einer Krise regelrecht aus der Spur katapultiert, er entwickelt Krankheiten, gleitet in eine Sucht ab oder verliert sämtlichen Mut. Ein anderer schafft es, den Schicksalsschlag irgendwie zu meistern und gestärkt daraus hervorzugehen. Er sieht das Licht am Ende des Tunnels und arbeitet sich wacker darauf zu. Warum der eine Mensch eine hohe Resilienz hat und der andere nicht, das ist eben die psychologische Frage.“

„Bei mir war es der frühe Tod meines Vaters, der dazu geführt hat, dass ich drogenabhängig wurde“, platzte Dr. Matthias Dornfeld völlig überraschend mit einem schockierenden Geständnis heraus. „Er war ein begeisterter Kletterer und stürzte während einer alpinen Bergtour ab. Für meine Mutter war es ein Weltuntergang. Mein Vater war die Liebe ihres Lebens, danach fiel sie in eine schwere Depression.“

Er seufzte.

„Wir Kinder waren uns selbst überlassen. Dazu kam der Stress in der Schule. Als mir jemand aus meiner Klasse Cannabis anbot, habe ich dankbar zugegriffen. Ich habe gemerkt, dass die Droge es wirklich schaffte, mich von meinen Sorgen abzulenken.“

Ernst sah er Peter und Lea an.

„Es gab keine Suchtsymptomatik, es war einfach nur entspannend. Doch dann kam ich in Kontakt mit einem Dealer, der härtere Sachen verkaufte. Als meine erste Freundin mit mir Schluss machte, war ich so außer mir, dass er mir riet, es mit Ecstasy zu versuchen. Es half, die Traurigkeit zu vertreiben. Aber es war der Beginn einer schweren Abhängigkeit.“

Gebannt hingen Peter und Lea an Matthias Dornfelds Lippen. Wie war es möglich, dass ein derart gut aussehender, gebildeter und erfolgreicher Arzt eine solche Vergangenheit hatte? Und wie hatte er es aus dem Drogensumpf herausgeschafft?

Der nächste Vortrag begann, und das Buffet leerte sich langsam. Aber keiner von ihnen wollte das Gespräch an diesem Punkt beenden.

„Wie ging deine Geschichte weiter?“, fragte Dr. Kersten völlig fasziniert. Es wunderte ihn immer wieder aufs Neue, dass man Menschen nicht ansah, welche Schicksale sie mit sich herumtrugen.

Matthias Dornfeld räusperte sich.

„Ich brach die Schule ein Jahr vor dem Abitur ab und landete auf der Straße. Über bestimmt zwei Jahre war ich obdachlos. Für meine Familie war ich verloren, sie gaben mich irgendwann auf. Ein Entzug kam für mich gar nicht infrage. Die Droge war mein bester Freund!“

Nun waren sie allein am leer gegessenen Buffet. Matthias Dornfelds warme und sympathische Stimme füllte das Zimmer.

„Doch dann trat etwas in mein Leben, was stärker als jede Droge war: Ich verliebte mich in ein gleichaltriges Mädchen.“

Peter Kersten fasste nach Leas Hand und drückte sie sanft. Auch für ihn hatte die Liebe sein Leben verändert. Zwar nicht in dem Ausmaß, in dem es bei Dr. Dornfeld geschehen war, aber seit er Lea begegnet war, hatte sein Alltag eine andere Färbung erhalten.

„Rebecca lebte seit ihrem zwölften Lebensjahr auf der Straße. Wie viele drogenabhängige junge Frauen war sie zu Hause missbraucht worden und irgendwann geflohen. Als wir uns begegneten, war sie bereits ein körperliches Wrack. Trotzdem hatte ich die Illusion, sie retten zu können.“

Er schwieg, und betreten musterten ihn Lea und Peter.

„Es fällt mir schwer, darüber zu reden“, gab Dr. Dornfeld ehrlich zu. „Aber ich will euch nicht mit einer Geschichte mit offenem Ende entlassen. Es musste ein schwerer Verlust in meinem Leben geschehen, um mich wachzurütteln. Erst als ich wirklich ganz unten war, hatte ich auf einmal die Kraft, mich selbst zu retten.“

Er stockte kurz.

„Nach Rebeccas Drogentod machte ich einen Entzug und zog in ein betreutes Wohnheim. Es war mir über Umwege möglich, das Abitur nachzuholen. Und da ich einen Einserschnitt hatte, bekam ich ein Begabtenstipendium. Ich ging nach München, um dort Medizin zu studieren. Meine Zeit als Assistenzarzt habe ich in Bayern verbracht. Seit eineinhalb Jahren arbeite ich in meiner alten Heimat Frankfurt an der Sauerbruch-Klinik. Mit fast vierzig hatte ich einfach das Bedürfnis, wieder nach Hause zurückzukehren.“

Die Geschichte war unglaublich. Beeindruckt sahen Lea und Peter ihren Gesprächspartner an.

„Zu diesem Lebenslauf kann man dir eigentlich nur gratulieren!“, sagte Peter Kersten voller Ehrfurcht.

Aber Matthias schüttelte heftig den Kopf.

„Nein. Die Drogen haben so viel kaputt gemacht und mir alles genommen. Ich bin nicht stolz auf meine Vergangenheit. Und wenn möglich halte ich mich bedeckt, was meine Biografie betrifft. Deshalb bitte ich euch um Diskretion. Ich will nicht, dass die Kollegen in der Sauerbruch-Klinik von meiner Vergangenheit wissen.“

***

„Jessica? Jessica! Bitte mach auf!“ Beate Riemenschneider stand perfekt geschminkt und in ihrem besten Kostüm vor der Zimmertür ihrer Tochter und klopfte mit einer Mischung aus Sorge und Ungeduld gegen das Holz. Aus dem Zimmer dröhnte laute Musik, und der unverwechselbare Geruch nach Cannabis schlängelte sich durch die Ritzen. Beate schloss kopfschüttelnd die Augen.

Sie klopfte noch einmal, und endlich machte Jessica auf. Sie hatte den Joint nicht einmal versteckt. Er glimmte im Aschenbecher direkt neben ihrem Computer. Auf dem Bildschirm tänzelte eine halbnackte Lady Gaga herum. Beate fragte sich, wann Jessica eigentlich lernte.

„Dein Vater holt mich gleich ab“, sagte Beate. „Ich werde nach dem Termin noch einen Kaffee mit ihm trinken gehen. Auch wenn es ein trauriger Anlass ist, wir wollen nicht am Gericht auseinandergehen.“

Die attraktive Vierzigjährige schluckte trocken. Sie hatte ihren Scheidungstermin lange herbeigesehnt. Nun, da er anstand, wurde ihr doch mulmig zumute. Eine bleierne Einsamkeit legte sich über sie.

Jessica war zu ihrem Bürostuhl zurückgegangen. Mit angezogenen Knien saß sie darauf. Dann hangelte sie mit der Hand nach ihrem Joint und zauberte einen Kringel in die Luft. Provozierend sah sie in die Richtung ihrer Mutter.

Beate platzte nun doch der Kragen. Sie hatte immer versucht, ihrer Tochter nicht nur Mutter zu sein, sondern auch beste Freundin. Sogar während ihrer Pubertät hatte Jessica ihr all ihre Sorgen anvertraut! Oft hatten sie stundenlang gemeinsam dort auf Jessicas Bett gesessen und miteinander geredet.

Aber seit einem Jahr war Jessica wie ausgewechselt. Sie war verschlossen wie eine Auster und teilte sich zu Hause überhaupt nicht mehr mit. Die Trennung der Eltern hatte sie ins Mark getroffen.



Tausende von E-Books und Hörbücher

Ihre Zahl wächst ständig und Sie haben eine Fixpreisgarantie.