Der Rabbi und das Böse - Katharina Höftmann - E-Book
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Der Rabbi und das Böse E-Book

Katharina Höftmann

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Beschreibung

Der Priester und der Tod Hochsommer in Tel Aviv. Kommissar Assaf Rosenthal will nur eines: Urlaub machen. Doch dann wird auf einer Friedensdemo in Jaffa vor seinen Augen ein ehrwürdiger Rabbiner von einem Mann im Weihnachtskostüm angegriffen. Wenig später stirbt der Geistliche. Assaf lässt die Sache keine Ruhe, und er findet Ungeheuerliches heraus: Der Rabbi wäre ohnehin bald gestorben. Spuren von Arsen finden sich in seinem Körper. Und er war in dunkle Immobiliengeschäfte im arabischen Teil der Stadt verstrickt. Als dann auch noch Krieg in Israel ausbricht, drohen die Ermittlungen den Kommissar an seine Grenzen zu bringen ... Der zweite Fall von Kommissar Rosenstahl – ein packende Reise mitten in die Gesellschaft des modernen Israels. Von einer deutschen Autorin, die in Tel Aviv lebt.

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Seitenzahl: 357

Veröffentlichungsjahr: 2013

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KATHARINA HÖFTMANN

DER RABBIUND DAS BÖSE

KOMMISSAR ROSENTHAL ERMITTELT IN TEL AVIV

KRIMINALROMAN

Impressum

ISBN 978-3-8412-0655-8

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, September 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Einbandgestaltung capa design, Anke Fesel

unter Verwendung eines Motivs von Chris Keller/bobsairport

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Epilog

Anmerkungen der Autorin

Im Text erwähnte hebräische Worte

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin

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Für meine Mutter

Böses muss mit Bösem enden.

Johann Christoph Friedrich von Schiller

KAPITEL 1

»Seid ihr bereit für den Frieden?«

Assaf Rosenthal rollte mit den Augen. Vor ihm wippte Gili mit ihrer roten Lockenmähne auf und ab. Eben hatte Kobi Rubin die Bühne des Friedenskonzertes im Ehrlich-Park in Jaffa betreten. »Atem muchanim le shalom?« Der Kommissar wusste, dass er mit so einer Frage auf einem Konzert, das von der Organisation Peace Now veranstaltet wurde, rechnen musste. Trotzdem. Wie lächerlich! Bereit für den Frieden? Er war seit seiner Geburt bereit dafür, aber der Frieden, der kam ja doch nicht. Kobi Rubin mit seiner schütteren grauen Matte, die ihm wie ein zerfledderter Besen hinterher wehte, sah aus, als sei er seit Jahrhunderten bereit für den Frieden. Assaf erinnerte sich, dass schon aus dem alten knatternden Küchenradio seiner Mutter die Schlager von Rubin dröhnten. Dann hatte der Alkohol den Sänger für eine Dekade aus dem Verkehr gezogen, und nun stand er wieder hier. Wie Phönix aus der Asche. Bejubelt von jungen und alten Israelis, die sich die Hoffnung und den Willen nach Schalom nicht nehmen lassen wollten. Nicht von Raketen, nicht von Terroranschlägen und schon gar nicht von ihrer eigenen Regierung. Immerhin darauf konnte man sich noch verlassen.

Gili griff nach seiner Hand und rief lachend: »Ich sehe dir an, wie albern du das hier findest.«

»Nein gar nicht, buba«, log er. »Alles gut.« Assafs Blick war nun ganz auf seine Freundin fixiert. Er konnte sich nicht satt sehen an ihren Augen, die in der Sonne grün mit einem leichten Gelbstich schimmerten, und an den vielen Sommersprossen, die wie ein perfektes Bild in ihr Gesicht gekleckst waren. Für diesen Anblick ging er sogar auf Pro-Palästina-Konzerte. Und in all die eigenartigen Kunstausstellungen, in die ihn die Galeristin in den letzten Wochen geschleppt hatte. Er hatte sowieso einen Teil seines sechzehntägigen Jahresurlaubs nehmen müssen, da konnte er auch einen Nachmittag für den Frieden opfern. Und zur Belohnung würden sie in ein paar Stunden in ihrem Zelt am Strand sitzen und Zwiebeln ins Lagerfeuer halten.

Auf der Bühne robbte sich Kobi Rubin an seine sexy Backgroundsängerin heran, die allem Anschein nach vergessen hatte, ein Kleid über ihre Reizwäsche zu ziehen, während er mit brüchiger Stimme ins Mikrofon krächzte. Doch die alten Hits, wie Assaf sie kannte, waren das nicht, die aus dem schwächlichen Stimmorgan des Mannes ertönten. Ein DJ, wahrscheinlich ein orientalischer Jude aus Beersheva oder Aschkelon, hatte die Lieder in einen Techno-Remix gepresst und sie damit des letzten Funkens Charme beraubt. Gegen Bass und Beat und diese Zeiten überhaupt ankämpfend, schrie Rubin in diesem Moment verzweifelt die letzten Zeilen seines Hits, mit dem er einst den Grand Prix gewonnen hatte. Das Publikum tobte, und Assaf ließ sich zwischen ihnen zu einem leichten Wippen hinreißen. Gili pfiff begeistert auf zwei Fingern.

Den Jubel genießerisch wie einen Regen in der Wüste abwartend, stand Kobi Rubin wie sein eigenes Denkmal auf der Bühne. Der Applaus verebbte langsam, und der Altstar wurde ernst und sah nun ganz wie ein Versicherungsvertreter aus: »Leute, ich will euch einen besonderen Menschen vorstellen. Er hat mehr für den Frieden in unserem Land getan als wir alle zusammen. Er engagiert sich beharrlich für ein friedliches, gerechtes Zusammenleben zwischen uns und unseren palästinensischen Brüdern und Schwestern. In schweren Zeiten, in denen unsere Regierung uns auf Hass trimmen will, propagiert er Liebe. Er ist Mitglied der Gruppe ›Rabbiner für Menschenrechte‹ und spiritueller Führer der ›Simchat Tora‹-Gemeinde. Er hat arabische Jugendzentren in Hebron und hier in Jaffa aufgebaut. Einen tosenden Applaus bitte für Rabbiner Zvi Ben Avraham aus New York!«

Assaf streckte sich leicht auf die Zehenspitzen und entdeckte einen weißhaarigen Rabbiner im Publikum, auf dem Kopf trug er einen hohen Fedora-Hut mit nach oben gebogener Krempe. Der bärtige Mann, bekleidet mit einem langen schwarzen Gehrock, die unmenschliche Hitze völlig ignorierend, bahnte sich seinen Weg zur Bühne. Seine Peies, die Schläfenlocken, schwangen mit jedem Schritt im Takt. Die Hände hochgestreckt, winkte er dem begeisterten Publikum zu.

Als Assaf plötzlich Schreie hörte, dachte er noch amüsiert, dass der Rabbi wohl von einigen seiner Jünger wie ein Popstar bejubelt wurde. Dann begriff er, dass etwas nicht stimmte. Der Kommissar streckte sich und hüpfte leicht hoch, um besser sehen zu können. Der Rabbiner war verschwunden, so, als sei er hingefallen. Sicherheitsmänner eilten von allen Richtungen auf die Stelle zu, an der Assaf den älteren Mann vermutete. Das Publikum blickte entsetzt Richtung Bühne. Nun verstanden auch die Menschen um ihn herum, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte. Dann schien die Zeit für einen Moment still zu stehen. Eine Frau schrie, offenbar ohne auch nur einmal Luft zu holen, mit schriller Stimme. Und nur die verschiedenen Klangfarben ihres Schreiens waren ein Anzeichen dafür, dass die Welt sich weiter drehte. Wie in Zeitlupe sah Assaf, dass aus dem Gerangel plötzlich jemand entwich: Verkleidet als Weihnachtsmann flüchtete der Mann durch den Pfad, den die Sicherheitskräfte als Notausgang frei geschoben hatten, dabei umschlängelte er die Muskelpakete geschickt wie ein Slalomläufer. Wäre die Situation nicht so ernst gewesen, hätte es fast lustig ausgesehen, wie der schlanke Weihnachtsmann die gestählten, aber ungelenken Männer einen nach dem anderen hinter sich zurückließ. Kommissar Rosenthal überlegte keine Sekunde und nahm die Verfolgung des fliehenden Weihnachtsmannes auf. Er bahnte sich, laut »Polizei« rufend, den Weg durch die Menge und sah gerade noch, wie der kostümierte Mann um die Ecke der Yefet-Straße in die kleinen Gassen von Jaffas Viertel Ajami verschwand. Assaf sprintete ihm mit angewinkelten Armen hinterher. An der Kurve stieß er fast mit einem Fahrradfahrer zusammen, dessen Fahrradkorb, voll gepackt mit Einkaufstüten, dem Mann die Sicht auf die Straße und den Kommissar versperrt hatte. Assaf strauchelte kurz und folgte dem Weihnachtsmann dann in das Straßengewirr. Er passierte eine Moschee, um die sich gleichmäßig schmale Gänge wie Umarmungen wickelten. Am Ende, genau dort, wo das Minarett begann, führte eine lange, schmale Steintreppe zu der etwas tiefer gelegenen Haivi-Straße. Assaf entdeckte den Flüchtigen, der in diesem Moment die Treppe mit einer gekonnten Bewegung in einem Zug heruntersprang. Dann kletterte der verkleidete Santa Claus die hohe Mauer, welche die enge Straße zur linken Seite begrenzte, scheinbar mühelos, flink wie eine Echse hoch und verschwand hinter ihr. Assaf blieb nicht viel Zeit über die Wendigkeit des Mannes zu staunen. Etwas weniger routiniert, ja im Vergleich zu dem gelenkigen Mann im seltsamen Kostüm geradezu behäbig, lief er die Treppe herunter und erklomm die terracottafarbene Wand ebenfalls. Der Flüchtige war bereits zur Hälfte die schmale, endlos lang erscheinende Straße hinter der Mauer entlanggelaufen. Er drehte sich kurz hektisch um, und Assaf sah, dass er sogar an den Vollbart gedacht hatte, nach dem das Weihnachtsmannkostüm verlangte. In der heißen Augustsonne, die gnadenlos auf Jaffas alte Steine herunterschien, musste der Mann darunter Blut und Wasser schwitzen. Während er die Gasse ebenfalls entlang rannte, überlegte der Kommissar, dass es sich anhand der gelenkigen Bewegungen um einen jüngeren sportlichen Mann handeln musste. Weiter kam er mit seinen Gedanken nicht, denn der Mann hatte nun einen neuen Weg gefunden, ihm zu entkommen. Er hangelte sich pfeilschnell über ein Tor und hüpfte von dort, indem er sich an der Satellitenschüssel hochzog, auf das Dach eines niedrigen Einfamilienhauses. Assaf versuchte es ihm mit einiger Verzögerung gleichzutun, aber ein bedrohlich bellender Schäferhund stellte sich ihm in den Weg.

Als der Kommissar schließlich, nach einigen beruhigenden Worten für den Hund und einem schnellen Satz, ebenfalls auf das Dach gelangte, war der flüchtende Weihnachtsmann längst verschwunden. Assaf legte keuchend die Hände auf seine Knie. Dann stand er auf und sah wie ein Lotse auf Wachposten in alle Richtungen. Hinter ihm bot sich ein geradezu malerisches Bild. Das Mittelmeer strahlte in verführerischem Tiefblau, ein Kirchturm und ein Minarett lagen Seite an Seite in pittoresker Eintracht. Und mittendrin stand der gutaussehende Assaf Rosenthal in seiner schmalen dunkelblauen kurzen Hose, einem bordeauxfarbenen Poloshirt und feinen Wildledermokassins. Das Bild hätte auch – das war die Ironie des Augenblicks – aus einer Modezeitschrift stammen können. Assaf strich sich mit einer schnellen Handbewegung den Schweiß aus dem dunklen Vollbart. Ihm fiel das nah gelegene Parkhaus ein, in dem er manchmal Gilis Wagen parkte. Der Kommissar holte Schwung und landete hart im Vorgarten. Bevor der Schäferhund ihn abermals entdeckte, rannte Assaf bereits die Straße hinunter. Er bog in die Mendes France ein, passierte den Wohnsitz des französischen Botschafters, spurtete durch den Toulouse-Garten und fand sich nun direkt am Meer wieder. Entlang dutzender Baustellen, die vom einzigartigen Bauboom dieser Gegend Jaffas zeugten, gelangte er wenige Minuten später zu dem Parkhaus. Um diese Uhrzeit an einem Freitag war weder in dem Parkhaus noch in der Tankstelle, die sich im Erdgeschoss befand, viel los. Der Kommissar lief durch den niedrigen Eingangsbereich, vorbei an den verwaisten Zapfsäulen. Über ihm hingen rote Metallrohre, die im Falle eines Brandes Wasser über die Tankstelle verteilen sollten. Sie sahen wie eine der abstrakten Kunstinstallationen aus, die Gili so liebte. Das Wärterhäuschen an der Schranke zum Eingang der Garage war leer. Daneben entdeckte Assaf in einem Wassereimer, der dort zur Reinigung der Windschutzschreiben abgestellt worden war, einen Teil der Weihnachtsmannverkleidung: Es handelte sich um den Bart und die Mütze, die der Flüchtige hier entsorgt hatte. Klugerweise hatte der Mann die Sachen ins Wasser geworfen.

Soviel zu möglichen DNA-Spuren, dachte der Kommissar grimmig. Aber immerhin bestand die Chance, dass der Angreifer noch hier war. Und jetzt konnte er sich nicht mehr hinter dem Kunstbart verstecken.

Lautlos eilte Assaf die steile Rampe hoch und gelangte in den ersten Stock der dunklen Hochgarage. Er hielt kurz inne und lauschte angestrengt nach einem Anzeichen dafür, dass der Mann mit seinem Faible für seltsame Kostüme noch hier war. Aber außer einem konstanten Summen, bei dem der Kommissar nicht sicher war, ob es von den Klimaanlagen der Nachbarschaft oder aus seinem erschöpften, schwitzenden Körper kam, konnte er nichts hören. Er stieg über die Treppe in den zweiten Stock des Gebäudes – auch hier konnte er nichts Verdächtiges entdecken. In dem Moment, als er sein iPhone aus der Hose ziehen wollte, um die Kollegen zu informieren, hörte er etwas entfernt ein quietschendes Geräusch, wie es Turnschuhe in Sporthallen machten. Assaf erinnerte sich an den Linoleumboden, über den er kurz zuvor gerannt war. Der Verdächtige musste ein Stockwerk unter ihm sein. Mit einer abrupten Drehung hetzte der Kommissar zurück ins Treppenhaus und rannte die Stufen hinunter. Doch als er unten an der Tankstelle herauskam, sah er nur noch einen knatternden Motorroller von hinten. Auf ihm saß ein schlanker Mann mit blauem Kapuzenpullover, die Kapuze trotz der Hitze weit über den Kopf gestülpt. Auf dem Rücken trug er einen schwarzen Rucksack, dessen Label Assaf auf die Entfernung nicht erkennen konnte. Und ein Nummernschild hatte der Roller nicht.

Assaf versuchte noch, dem Roller zu folgen, aber der Mann war nach wenigen Sekunden hinter einer Ecke verschwunden. Der Kommissar schrie ihm ein paar wüste Verwünschungen hinterher und beendete den Ausbruch mit einem ungestümen Tritt gegen die Bordsteinkante. Dann machte er sich grummelnd auf den Weg zurück in den Park.

Als Assaf zurück zur Bühne kam, hatten sich die wenigen Zuschauer und Demonstranten, die noch geblieben waren, im Park weitflächig verteilt. Von einem der mittlerweile angekommenen Polizisten erfuhr er, dass der Rabbiner schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht worden war. »Der Typ im Weihnachtsmannkostüm hat mehrmals auf den Rabbi eingestochen. Sieht nicht gut aus«, erklärte der Kollege mit hochgezogenen Augenbrauen.

Aber er lebt, dachte Assaf, und damit fiel der Fall nicht in sein Aufgabengebiet. Kommissar Rosenthal berichtete dem Kollegen in kurzen, abgehackten Sätzen von seiner Verfolgungsjagd und zählte die Merkmale auf, die er an dem Flüchtigen ausgemacht hatte. Als der Beamte alles notiert hatte, kehrte Assaf zu Gili zurück, die auf einer Parkbank wartete. Er setzte sich neben sie und umarmte sie behutsam. »Alles okay?«

Sie seufzte und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. »Wer macht denn so was? Das ist doch krank. Einen Rabbi abzustechen.«

Assaf nickte schweigend.

»Ich habe in der Zwischenzeit mit ein paar Leuten gesprochen, die etwas näher an der Bühne standen. Ich habe sie gefragt, ob ihnen noch was aufgefallen ist ...«, sagte sie.

»Walla. Und?«

»Der Rabbiner ist aus der Menge herausgetreten, und kurz bevor er die Treppe zur Bühne erreichte, kam dieser verkleidete Psycho wie aus dem Nichts auf ihn zugestürmt. Ohne ein Wort zu sagen, stach er auf ihn ein und rannte dann weg. Sein Gesicht konnte niemand erkennen, er trug Bart und Mütze, und es ging ja auch alles so schnell. Aber sie meinten, der wäre auf jeden Fall noch ziemlich jung gewesen. Mann, ich fühle mich so an Rabin erinnert.«

Assaf stimmte ihr nachdenklich zu. Jitzhak Rabin war 1995 ebenfalls bei einer Friedensdemo angegriffen worden. Auf dem Weg von der Bühne hatte ein fanatischer, jüdischer Fundamentalist auf ihren Staatschef geschossen, und Rabin war nach Stunden des Bangens eines ganzen Landes schließlich im Krankenhaus verstorben. Der Kommissar erinnerte sich noch heute an die Worte aus Rabins Rede vor dem Angriff: »Diese Regierung hat sich entschieden, dem Frieden eine Chance zu geben – einem Frieden, der die meisten Probleme Israels lösen wird. Der Weg des Friedens ist dem Weg des Krieges vorzuziehen. Und das sage ich als jemand, der 27 Jahre lang ein Mann des Militärs war.« Das Gefühl von Hoffnung und Zuversicht, das Rabin ihnen damals gegeben hatte, konnte Assaf noch heute spüren. Doch sein Tod lag nun fast zwanzig Jahre zurück, und wieder einmal standen sie dem Krieg viel näher als dem Frieden.

Assaf schüttelte die schweren Gedanken ab, indem er von der Bank aufsprang. »Aber der Priester ist nicht Rabin. Er lebt noch. Und er war nicht unsere einzige Hoffnung auf Frieden«, sagte er schließlich pragmatisch, »Komm, wir gehen.« Er zog leicht an Gilis Arm, bis auch sie sich erhob. Er drückte sie fest an sich, und die beiden küssten sich. Doch anders als sonst konnte der Kommissar die Küsse seiner Freundin nicht richtig genießen. Ein Mann war vor seinen Augen fast ermordet worden. Und es ärgerte ihn zu sehr, wie leichtfüßig ihm der Täter davon gelaufen war.

KAPITEL 2

Assaf beobachtete schläfrig, wie das kleine orangene Polyesterstück über ihm im Wind flatterte. Die Sonne war gerade aufgegangen, und sofort war es brüllend heiß in ihrem Zelt. Das kleine Luftloch an der oberen Seite des Zeltes konnte der Demse nichts entgegensetzen, daher zog Assaf mit einer Hand, möglichst leise, da Gili noch zu schlafen schien, den Reißverschluss auf. Zentimeter um Zentimeter bot sich ihm mehr von dem traumhaften Bild, das er so liebte: Das Meer bäumte sich in kleinen ruhigen Morgenbewegungen auf, um dann wie erschöpft in sich zusammenzufallen. Assaf beruhigte das Meeresrauschen so sehr, dass er sich sogar eine Sound Machine als Einschlafhelfer gekauft hatte, die ihn von seinem Nachtschrank aus mit Meerestönen beruhigte. Allerdings hatte er in den letzten Wochen meistens bei Gili übernachtet, und bei ihr in Jaffa gab es diese Geräuschkulisse umsonst.

Das Meer trug eine sanfte Brise in ihr Zelt, und Assaf atmete die salzige Luft tief ein. Er drehte sich vorsichtig und sah ein anderes Bild, das ihm gefiel. Gili schaute ihn mit weit geöffneten Augen an, in ihrem Blick lag eine Mischung aus Neugierde und Spannung auf den kommenden Tag. Assaf freute sich jeden Morgen auf den Moment, wenn sie die Augen öffnete und ihn mit diesem Blick begrüßte. Seit zwei Monaten sahen sie sich nun regelmäßig. Was als One-Night-Stand begonnen hatte, entwickelte sich langsam zu der ernstesten Beziehung, die er seit Hanna hatte. Gili war einfach anders als die Frauen, mit denen Assaf zuvor zusammen gewesen war. Sein Kumpel Jaron bezeichnete sie, nicht ohne eine Spur von Ironie, als »Freigeist«, aber Assaf wusste inzwischen, dass das nur die halbe Wahrheit war. Zwar legte sie nicht viel Wert auf einen traditionellen Lebensstil, so ging ihr die in Israel unter jungen Menschen verbreitete, hektische Suche nach einem Ehepartner völlig ab, aber gleichzeitig hatte sie ein sehr altmodisches Wertesystem. »Ich erwarte keine Treue von dir. Daran glaube ich nicht, schon gar nicht bei dir, aber Loyalität. Loyalität verlange ich«, hatte sie eines Abends, nachdem Assaf eine ganze Woche lang ununterbrochen bei ihr übernachtet hatte und es langsam klar wurde, dass dies mehr als eine Affäre war, dramatisch bei Kerzenschein zu ihm gesagt. Über Assafs Antwort, dass für ihn Treue und Loyalität zusammengehörten, hatte sie erleichtert gelächelt und ihn dann innig umarmt. Auch wenn sie unabhängig und freiheitsliebend war und sehr klare Vorstellungen von ihrem Leben hatte, merkte Assaf doch, dass sie es genoss, all diese Vorstellungen mit jemandem zu teilen. Auch brauchte sie viel mehr Aufmerksamkeit, als sie selbst von sich dachte. Gleichzeitig ließ sie ihm mehr Freiheiten als andere Freundinnen, die er gehabt hatte. Wenn er lange arbeiten musste, merkte sie es oft gar nicht, weil sie selbst bis spät in die Nacht in ihrer Galerie herumwirbelte. Und wenn sie nach Hause kam, drehte sie entspannt auf ihrer Terrasse einen Joint, den sie sich dann teilten. Auch die vielen Frauengeschichten, die er in der Vergangenheit gehabt hatte und die ihnen immer wieder begegneten, wenn sie zusammen ausgingen, schienen Gili nicht zu stören. Dafür packte Assaf oft genug die Eifersucht, wenn sie mal wieder in einer Bar etliche Männer lachend umarmte.

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