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Im Hannoveraner Naturkundemuseum wird eine Mitarbeiterin der paläontologischen Abteilung ermordet. Der Mörder hinterlässt eine seltsame Nachricht, die nicht nur die ermittelnde Kommissarin Alina Gerdes vor ein Rätsel stellt. Ein Freund der Ermordeten holt Privatdetektiv Jonas Harder ins Boot. Seltsame Ergebnisse bei der DNA-Analyse der Toten verstärken die Ahnung, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht. Was haben Drachen und Dinosaurier mit dem Fall zu tun? Jonas, Alina und ihre Mitstreiter sehen sich unvermittelt unbekannten Gefahren gegenüber. Plötzlich sind Geheimdienste mit im Spiel und sie müssen feststellen, dass sie in eine weltumspannende Verschwörung hineingeraten sind. Tankred Kiesmanns dritter Roman vereint Kriminalroman und Fantasy-Thriller in einem Werk. Stellen Sie sich darauf ein, nach der Lektüre dieses Buches Drachen, Dinosaurier und Reptilien aller Art mit anderen Augen zu sehen.
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Seitenzahl: 226
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Wenn es heute Drachen geben würde, würden sie unter Naturschutz stehen?
inspiriert von Waltraud Puzicha
BUCH 1: GIFT
Der Killer
Die Kommissarin
Der Nerd
Der Detektiv
Die rechte Hand
Die Para-Agentin
Der Detektiv
Die Kommissarin
Der Nerd
Der Detektiv
BUCH 2: LÜGEN
Der Killer
Die Para-Agentin
Der Detektiv
Die rechte Hand
Die Para-Agentin
Der Nerd
Der Drache
Der Detektiv
Der Nerd
Der Professor
Die Para-Agentin
Der Detektiv
BUCH 3: HOCHMUT
Die rechte Hand
Die Para-Agentin
Die rechte Hand
Der Nerd
Die Kommissarin
Der Detektiv
Die Para-Agentin
Die Kommissarin
Der Nerd
Der Nerd
Epilog 1
Epilog 2
Ein Giftmord ist die vorsätzliche Tötung einer Person durch die Anwendung einer giftigen Substanz.
Der Mann mit der schwarzen Strumpfmaske wartete. Warten war das, was er am besten konnte. Er hatte die meiste Zeit seines Lebens mit Warten verbracht. Als Kind hatte er darauf gewartet, dass seine versoffene Mutter ihn von der Schule abholte und dass sein Vater viel zu spät von der Arbeit nach Hause kam, um ihm eine Tracht Prügel zu verabreichen.
Das Warten auf Unheil war zu seiner Passion geworden. Früher kam das Unheil zu ihm. Heute war er es selbst, der das Unheil brachte.
Der Mann lächelte. Es war so einfach gewesen, die Sicherheitsvorkehrungen auszutricksen. Nur einmal für einen kleinen Augenblick während des Öffnungsschlusses brauchte er auf der Toilette zu verschwinden, den Kontrollgang des drögen Wachpersonals abzuwarten und dann durch eine kurz zuvor präparierte Tür vom öffentlichen Bereich des Museums in den Labortrakt zu schlüpfen. Das war die ganze Schwierigkeit. Ein Naturkundemuseum war kein Kunstmuseum. Niemand schien zu erwarten, dass hier jemand ernsthaft plante, irgendwelche Schätze zu entwenden.
Tatsächlich lag das auch nicht in seiner Absicht. Er interessierte sich nur für die Frau, die sich wie so oft noch bis spätabends in ihrem Labor verschanzte, um alte Knochen zu sortieren und für weiterführende Untersuchungen vorzubereiten.
Der Mann lächelte erneut, als er sich vorstellte, was er mit ihr anstellen würde. Vorsichtig tastete er nach der Spritze. Sie war schon fertig aufgezogen. Er musste nur warten, bis sie von ihrem Abendessen zurückkam.
Warten war das, was er am besten konnte.
„KOK Krause!“
Alina benutzte den schneidenden Befehlston ihrer Stimme als Ventil. Sie hatte noch nicht einmal Zeit gefunden, sich ihren Morgenkaffee von der Maschine zu holen, als das Telefon schon das erste Mal klingelte. Ein Mord am frühen Morgen war immer der denkbar schlechteste Start in den Tag. Und es war Saschas Pech, dass sie ihre üble Laune so gut an ihm auslassen konnte.
Sascha kannte sie. Wenn sie auf diese Art durch das Büro schrie, dann hieß das meistens Außeneinsatz. Er war wie üblich schon eine Stunde vor ihr am Arbeitsplatz und hatte sich um diese Uhrzeit bereits in die anstehenden Aufgaben eingefunden, wichtige Emails gecheckt und überprüft, ob Berichte aus den Laboren oder von den Technikern vorlagen. Sie beneidete ihn dafür, dass er ein so fröhlicher Morgenmensch war. Alina selbst war zumindest bis zum ersten Kaffee nicht zu gebrauchen, und das hieß heute, dass sie wahrscheinlich bis zum Mittag schlechte Laune haben würde.
Sascha schnellte aus seinem Bürostuhl, griff sich seine Jacke und hatte nur zwei Sekunden später vor ihrem Schreibtisch Aufstellung genommen.
Alina starrte immer noch auf das Telefon. Es wäre schön, dem Apparat die Schuld geben zu können, dass ihr Morgenkaffee nun ausfallen würde. Sie unterdrückte den Impuls, auf das Telefon einzuschlagen, denn sie wusste selbstverständlich auch, dass es nur der Überträger der schlechten Nachricht war. Der eigentliche Schuldige war derjenige, der diese Laborassistentin umgebracht hatte. Nach ihm würden sie jetzt suchen müssen. Ohne Mord kein Anruf, und ein Mord passierte nur mit einem Mörder, es war eine ganz simple Kausalkette. Leider fiel das Vorenthalten von Kaffee nicht unter die allgemein gültigen Straftatbestände. Alina hätte nichts dagegen gehabt, einen solchen Umstand in den Rang eines Kapitalverbrechens zu erheben. Zumindest eine Strafverschärfung für den Mörder wäre vollends angebracht.
Sie seufzte.
„Was gibt’s, Boss?“ Sascha grinste.
Alina furchte die Stirn. „Wir haben einen Mord. Im Naturkundemuseum. Ich fahre.“ Schwerfällig erhob sie sich von ihrem Platz und griff in die Tasche ihrer dicken Jacke, die sie noch gar nicht ausgezogen hatte. Der Autoschlüssel klimperte in ihrer Hand.
„Weiß die Spurensicherung schon Bescheid?“, fragte Sascha.
„Nein“, antwortete Alina kopfschüttelnd, „die rufst du vom Auto aus an.“
„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass so etwas in meinem Haus einmal passieren würde.“ Alina musterte den Museumsleiter von der Seite, als sie die fahl beleuchteten Flure der nicht-öffentlichen Bereiche entlangeilten. Karl Meiler entsprach zumindest optisch dem Klischee eines ehrwürdigen Professors. Mit seinen weißen Haaren, seinem gepflegten Vollbart und dem altmodischen braunen Anzug gab er das klassische Bild eines etwas verstaubten Gelehrten ab. Kontrastiert wurde dieser Eindruck von den fahrigen Bewegungen seiner Hände, mit denen er sich wiederholt durch die Haare fuhr und an seiner schwarzen Fliege nestelte. Seine Unruhe war aber augenscheinlich der ungewöhnlichen Situation geschuldet. Seine Stimme klang unüberhörbar nervös.
Sie bogen um die Ecke des Flurs. Vor einer schweren Metalltür, die den Durchgang zu einem weiteren Gebäudetrakt bildete, stand eine Gruppe von Leuten, die sich mit besorgten Mienen unterhielten.
„Ist dahinter der fragliche Labortrakt?“, fragte Alina.
Meiler nickte.
„Wer befindet sich alles in dem Trakt?“
Meiler schluckte. „Im Labor wartet Frau Dr. Gudrun Halstenberg. Sie ist die wissenschaftliche Koordinatorin für den Bereich Erdgeschichte und Paläontologie. Sie hat die Leiche gefunden. Weiterhin habe ich Herrn Baumeister dazu gebeten. Er war heute der Nachtwächter vom Dienst. Und natürlich das Opfer ...“ Meiler räusperte sich. „Die Tote, Frau Kringer.“
„Sonst niemand?“
Meiler schüttelte den Kopf.
„Gut“, stellte Alina mit einem Blick auf die Personengruppe vor der Durchgangstür fest. „Sorgen Sie dafür, dass das so bleibt. Lassen Sie alles unberührt und stellen Sie sicher, dass die Spurensicherung gleich Zugang erhält. Die Kollegen müssten in einer Viertelstunde ankommen.“
Meiler nickte. Die Menschen vor der Tür wichen zurück, als er mit zitternden Fingern die Brandschutztür aufschloss und die beiden Kommissare hindurchwinkte.
Der Flur hinter der schwergängigen Metalltür war kurz. Auf der rechten Seite erkannte Alina drei Türen, auf der linken nur zwei.
„Links ist das große Labor mit zwei Zugängen“, erklärte Meiler, „rechts hinten ist das Büro von Frau Dr. Halstenberg und Frau Kringer. In der Mitte befindet sich ein Büro für Herrn Grote und temporäre Mitarbeiter, also Praktikanten oder Gäste von anderen wissenschaftlichen Instituten. Und hier vorn ist die Werkstatt.“
„Wer ist Herr Grote?“
„Er ist Präparator und Musterbauer. Er gestaltet die Exponate nach den Vorgaben der Wissenschaftler und hält sie in Schuss.“
„Wo ist er?“
„Er hat Urlaub und kommt erst nächste Woche wieder.“
„Also gut. Gehen wir ins Labor.“
Das Labor war hell erleuchtet. Zusätzlich zu dem Tageslicht, welches durch die Reihe von Oberlichtfenstern an der gegenüberliegenden Wand hereinfiel, gaben die mit Leuchtstoffröhren vollgepackten Rasterleuchten an der Decke ein grelles Licht ab.
Unter den Fenstern standen auf schweren Tischen diverse Analysegeräte, Mikroskope und Rechner mit Bildschirmen. Die flurseitige Wand war mit mehreren hellen Laborschränken bestückt, einige davon mit Glastüren, hinter denen kleinere Gerätschaften, Werkzeuge, Gefäße und auch Chemikalien zu erkennen waren.
An der linken Stirnwand war ein Abzug eingebaut, dessen Arbeitsfläche mit einem Schiebefenster vom Rest des Raums abgetrennt werden konnte. In der Mitte des Labors erstreckte sich eine Doppelreihe von dunkelrot gefliesten Arbeitstischen, auf denen hauptsächlich flache, in sich gefächerte Plastikwannen aufgereiht waren. In diese Fächer waren fein säuberlich etliche Knochen und Knochenfragmente unterschiedlicher Größe einsortiert. Zwischen den Wannen lagen vereinzelt beschriebene Zettel und Notizbücher. Auf jeder Seite der Tischreihe standen zwei Bürostühle. Hinten im Labor unter der Fensterbank gewahrte Alina sofort die Tote, die mit zurückgelegtem Kopf auf ihrem Stuhl saß. Vorn neben dem Abzug, in möglichst großem Abstand zur Toten, saß eine Frau und wartete. Alina schätzte sie auf etwa fünfzig Jahre. An ihrer Seite stand ein junger Mann in einer blauen Museumsuniform.
Beide wandten sich zu Meiler und den Kommissaren um, als diese das Labor betraten. Alina bemerkte sofort die Anspannung der Frau, die mit bleichem Gesicht und zusammengepressten Lippen einen furchtsamen Eindruck erweckte. Der Mann schaute die Neuankömmlinge mit großen Augen an. Alinas Menschenkenntnis sagte ihr, dass er die ganze Sache aktuell eher als aufregend und als spannendes Abenteuer wahrnahm. Sie verkniff sich ein säuerliches Lächeln und setzte eine neutrale Miene auf. Die Frau erhob sich aus ihrem Stuhl.
Nachdem Meiler sie als Dr. Halstenberg und den Mann als Nachtwächter Baumeister vorgestellt hatte, kam Alina sofort zur Sache.
„Drei Fragen vorneweg, bevor wir starten. Frau Halstenberg, Sie haben die Leiche gefunden?“
Die Angesprochene nickte.
„Herr Baumeister, Sie haben während der Nacht nichts Auffälliges bemerkt?“
„Nein“, antwortete der Nachtwächter.
„Und Sie haben nichts angefasst?“
Beide schüttelten den Kopf.
Alina nickte. „Gut. Herr Krause und ich werden uns jetzt kurz die Leiche anschauen, bis die Spurensicherung kommt. Für diese Zeit möchten wir Sie bitten, sich in Ihr Büro zurückzuziehen. Sascha, hast du die Handschuhe dabei?“
Sascha blickte schuldbewusst zu Boden. „Es musste heute Morgen schnell gehen, da habe ich in der Eile wohl verge...“
„Wir können gern aushelfen. Wir sind schließlich ein Labor“, fiel ihm Dr. Halstenberg ins Wort. Sie trat neben den Abzug und zupfte ein paar Latexhandschuhe aus dem dort bereitgestellten Spender.
Alina bedankte sich, als sie die Handschuhe aus den leicht zitternden Händen der Wissenschaftlerin in Empfang nahm und überstreifte. Irgendeine Angst war da in den grünen Augen der Frau, deren Ursprung Alina unbedingt auf den Grund gehen musste.
Als die drei Museumsmitarbeiter das Labor verlassen wollten, klingelte ein Handy. Meiler stockte. Er nahm den Anruf an und hörte kurz zu. Dann nickte er und sagte knapp: „Ich komme.“
Nachdem er sein Telefon wieder in seiner Hemdtasche verstaut hatte, schaute er Alina an. „Ihre Kollegen sind angekommen. Ich werde sie abholen und herbringen.“
„Bestens“, meinte Alina.
Sascha war bereits neben der Toten in die Hocke gegangen und nahm die Szenerie in Augenschein. Auch Alina beschränkte sich zunächst nur auf die Beobachtung. Die Arme der Toten waren hinter der Lehne des Drehstuhls gefesselt. Die Unterschenkel waren unter den Sitz geklemmt, wobei die nach hinten ragenden Füße mit den Handgelenken zusammengebunden waren. Realisiert war das mit Unmengen von Paketklebeband, unter dem sich jedoch die Konturen von Kabelbindern abzeichneten. Der Kopf war nach hinten geneigt, die langen blonden Haare der Frau hingen lose herunter. Der Laborkittel war geöffnet, die geblümte Bluse war aufgerissen und legte den Blick auf den Oberkörper frei. Der Büstenhalter wirkte jedoch unangetastet. Bis auf die Fesseln und zwei derangierte Knöpfe an der Bluse waren keine offensichtlichen Hinweise auf Gewalteinwirkung zu entdecken.
Auf der Haut oberhalb der Brüste war mit grüner Farbe und kalligrafischer Schrift ein Spruch in lateinischer Sprache gepinselt. „Etiam dracones morituri sunt“, las Sascha vor. Er sah Alina fragend an.
„Was heißt das?“
Alina zuckte mit den Schultern. „Wenn mich meine Schullateinkenntnisse nicht gänzlich im Stich gelassen haben, heißt das soviel wie: Sogar Drachen müssen sterben.“
Sascha runzelte die Stirn. „Ich höre die Worte, aber was bedeuten sie?“
„Das werden wir später herausfinden. Mir stellt sich die viel dringendere Frage, wie sie gestorben ist.“
Sascha deutete auf eine Stelle am Hals, nur wenig oberhalb des rechten Schlüsselbeinansatzes. Alina beugte sich vor und erkannte nun auch die kleine Einstichstelle.
„Sieht nach einer Giftspritze aus“, meinte Sascha. „Bei der Obduktion wird wohl ein kompletter Tox-Scan fällig.“
Alina nickte grimmig. „Okay, wir teilen uns jetzt auf. Du weist die Spusi-Kollegen ein und nimmst so viel Eindrücke wie möglich mit. Gibt es Fingerabdrücke auf dem Paketband? Hat das Opfer noch etwas in den Taschen? Finden wir Hinweise auf den Tischen? Selbst wenn hier alles ziemlich aufgeräumt aussieht, aber die Notizzettel und -bücher sind definitiv einen Blick wert. Ich gehe ins Büro von Frau Dr. Halstenberg hinüber und mache zwischenzeitlich eine Erstbefragung.“
Dr. Halstenberg hatte sich hinter ihren Schreibtisch gesetzt. Baumeister hatte den Platz hinter Kringers etwas kleinerem Schreibtisch eingenommen. Beide sahen Alina erwartungsvoll entgegen. Die Kommissarin zog sich einen einfachen Stuhl von der Wand und platzierte sich so neben das Tischensemble, dass sie die zwei Mitarbeiter des Museums gleichzeitig im Blick hatte.
Alina schaute die beiden abwechselnd an. Immer noch meinte sie, diese unbestimmte Angst in Halstenbergs Mienenspiel zu entdecken. Sie beschloss, dass sie die Wissenschaftlerin unter vier Augen sprechen wollte und wandte sich zuerst Baumeister zu.
„Also, Herr Baumeister. Sie hatten heute die Nachtwache. Was können Sie berichten?“
Der blonde Mann zuckte die Achseln. „Nicht viel. Ich habe gestern Abend nach Schließung des Museums wie üblich die Haupteingänge kontrolliert und mich dann in meinen Raum zurückgezogen. Danach habe ich nichts mehr bemerkt.“
„Machen Sie nachts keine weiteren Rundgänge?“
„Das ist nicht vorgesehen“, meinte Baumeister kopfschüttelnd. „Ich bin allein und soll die Videoüberwachung im Auge behalten.“
„Die Labore werden überwacht?“
„Nein, eine vollständige Überwachung ist zu teuer. Ich habe das schon mal vorgeschlagen. Es gibt nur am Haupteingang, dem Personaleingang und an vier ausgewählten Exponaten im Museumsbereich Kameras. Letztere eigentlich eher für den Regelbetrieb, um zu beobachten, ob die Besucher nichts Unbefugtes anstellen. An Einbrecher denken wir hier weniger. Wir haben hier schließlich keine Kunstschätze.“
Alina verzog das Gesicht. Es sah nicht so aus, als ob sie aus der Kameraüberwachung wichtige Erkenntnisse generieren konnte. „Wie kontrollieren Sie nach Museumsschluss, ob alle Besucher das Gebäude verlassen haben?“
Baumeister hob etwas hilflos die Schultern. „Die Schließung wird jeweils eine halbe Stunde und fünf Minuten vorher durchgesagt. Ansonsten sind die Putzfrauen angehalten, nach Leuten Ausschau zu halten, die den Absprung verpasst haben. Die Putzkolonnen starten etwa mit der ersten Durchsage ihre Arbeit. Und sie würden Leute ansprechen, die sich beispielsweise noch auf den Toiletten aufhalten.“
Alina kramte einen kleinen Notizblock und Kugelschreiber aus ihrer Jacke. Sie mussten die Putzfrauen befragen.
„Wieviel Leute arbeiten nach Besuchsende noch in den nicht-öffentlichen Bereichen?“
„Im Museum arbeiten laut meiner Mitarbeiterliste insgesamt knapp hundertfünfzig Leute. Vierzig im Service und öffentlichen Bereich. Der Rest etwa zur Hälfte in der Verwaltung und in den wissenschaftlich-technischen Abteilungen. Nach Museumsschließung gibt es etwa zehn Kandidaten, die gern noch länger arbeiten. Frau Kringer gehörte dazu. Auch Frau Dr. Halstenberg geht häufig später.“
Baumeister warf der Wissenschaftlerin einen um Bestätigung bittenden Blick zu.
Alina kritzelte die Information in ihren Block.
„Danke, Herr Baumeister. Darf ich Sie bitten, zurück ins Labor zur Spurensicherung zu gehen? Herr Krause soll Ihnen einen Kollegen mitgeben, dem Sie bitte eine Kopie der Überwachungsaufzeichnungen anfertigen. Außerdem nennen Sie Herrn Krause bitte die Mitarbeiter, die typischerweise länger arbeiten. Ich möchte nun gern mit Frau Dr. Halstenberg allein sprechen.“
Der junge Nachtwächter blickte etwas unsicher drein. Offensichtlich hatte er sich von der Befragung deutlich mehr Nervenkitzel erhofft. Schließlich stand er auf und verabschiedete sich, begleitet von einem aufmunternden Nicken Alinas.
„Nun, Frau Dr. Halstenberg“, wandte sich Alina der anderen Frau zu, „was können Sie mir zum Hergang erzählen? Wann haben Sie das Gebäude gestern verlassen?“
Die Angesprochene strich sich mit einer fahrigen Handbewegung über ihre braune Kurzhaarfrisur. Die wenigen grauen Strähnen verliehen der Wissenschaftlerin ein edles Aussehen. Sie strahlte eine natürliche Eleganz aus, die auch unter der offenkundigen Nervosität nicht verloren ging.
„Ich bin um halb sieben gegangen, tatsächlich zusammen mit Frau Kringer. Wir waren kurz im Schnellimbiss um die Ecke. Sie wollte danach noch einmal zurück ins Labor. Es war etwa viertel nach sieben, als wir das Lokal verließen und uns trennten.“
Alina schrieb mit. „Und heute Morgen?“
„Ich kam wie gewöhnlich um etwa acht Uhr ins Büro. Ich habe meinen Rechner hochgefahren und habe mir sofort den Laborkittel angezogen, weil ich nachschauen wollte, was Gisela – Frau Kringer – gestern noch erledigen konnte. Als ich die Labortür öffnete und das Licht angemacht habe, habe ich sie entdeckt. Sie können sich meinen Schock vorstellen.“ Halstenberg redete leise. Ihre Stimme zitterte leicht.
„Das Licht war aus?“
Halstenberg zögerte kurz, nickte dann aber energisch. „Ja, ich habe es angemacht.“
Alina notierte sich das.
„Und Sie haben uns sofort kontaktiert?“
Halstenberg schluckte. „Nun, ich habe sicher ein paar Minuten gebraucht, um mich zu sortieren. Ich muss zugeben, dass ich zuerst Herrn Meiler Bescheid gegeben habe. Der hat dann umgehend die Polizei gerufen.“
„Ist Ihnen auf dem Weg ins Büro etwas aufgefallen? War etwas anders als sonst?“
Die Wissenschaftlerin überlegte kurz, schüttelte dann aber den Kopf.
„Was war Frau Kringer für eine Frau? War sie beliebt? Können Sie sich vorstellen, dass sie Feinde hatte?“
„Wir haben ab und zu auch mal privat etwas unternommen. Gisela war Single. Meines Wissens hat sie kaum Freunde gehabt. Ich könnte Ihnen ein oder zwei Namen nennen. Auf der Arbeit haben wir nur mit wenig anderen Museumsmitarbeitern zu tun. Sie war fleißig, gewissenhaft und anerkannt. Ich habe nie mitbekommen, dass es irgendwelche Animositäten zwischen ihr und jemand anderem gegeben hätte.“
„Mit wem hat sie zusammengearbeitet?“
„Hauptsächlich mit mir. Ich bin ihre Chefin. Dann natürlich mit Herrn Grote und mit Frau Hansen aus dem Controlling, mit der wir immer um die Geldmittel kämpfen müssen. Ansonsten hat sie viel Kontakte zu externen Partnern, von Universitäten und wissenschaftlichen Instituten, auch im Ausland.“
„Können Sie eine Liste mit Namen erstellen?“
Halstenberg nickte.
„Wissen Sie, ob Frau Kringer Familie hatte? Eltern? Geschwister?“
„Soweit ich weiß, war sie Vollwaise und Einzelkind.“
Alina widmete sich wieder ihrem Notizblock.
„Wissen Sie, ob Frau Kringer aus Hannover stammt?“
Halstenberg wurde etwas blasser. Alina runzelte die Stirn. Was war an der Frage so besonders? „Nein, sie ist nicht von hier. Soweit ich mich erinnere, hat sie mal erwähnt, dass sie in Kassel aufgewachsen ist. Hier im Museum arbeitet sie seit sechs Jahren.“
„Woran arbeiten Sie?“
„Wir sind so etwas wie der verlängerte Arm von paläontologischen und geologischen Archäologen. Bei uns laufen viele Ausgrabungsbefunde auf, die wir weiteren Analysen unterziehen. Manche Tests machen wir selbst, manche vergeben wir nach extern. Wir sind spezialisiert auf die Dinosaurier-Gruppe der Ceratopsidae.“
Alina zog die Augenbrauen zusammen.
„Kennen Sie den Triceratops? Der Dinosaurier mit diesem riesigen Nackenschild und den drei mächtigen Hörnern?“, entgegnete Halstenberg auf den fragenden Blick der Kommissarin. „Das ist der prominenteste Vertreter dieser Gruppe.“
Alina erinnerte sich an bunte Bücher aus ihrer Kindheit. Der Name Triceratops sagte ihr etwas.
„Das heißt, Sie arbeiten nicht an brisanten Dingen, aus denen man Biowaffen machen kann, und Sie lassen die Dinos auch nicht gentechnisch wieder auferstehen?“
Der irritierte Blick ihres Gegenübers machte Alina deutlich, dass ihr Witz nicht gezündet hatte. Eifrig beugte sie sich wieder über ihre Notizen.
„Hm, Dinosaurier also. Haben Sie den Schriftzug auf Frau Kringers Brust gesehen und gelesen?“
Halstenberg nickte.
„Und Sie können ihn übersetzen?“
„Sogar Drachen sind dem Tod geweiht“, flüsterte die Wissenschaftlerin. Sie faltete ihre Hände zusammen und verkrampfte sie ineinander. Weiß traten die Fingerknöchel hervor. Ein deutliches Zeichen für Alina, dass sie nachzuhaken hatte.
„Können Sie damit etwas anfangen? Für Uneingeweihte sind Drachen und Dinosaurier doch etwas ziemlich Ähnliches. Gibt es Personen oder Gruppierungen, die ihre Arbeit nicht mögen?“
Beim Wort ‚Uneingeweihte‘ zuckte Halstenberg regelrecht zusammen. Mit der Antwort ließ sie sich Zeit. Sie wählte jedes Wort mit Bedacht.
„Hier in Deutschland eigentlich nicht. Aber wir arbeiten auch im Auftrag von Ausgrabungen in den USA und Kanada. Dort gibt es viele Evangelikale und Kreationisten. Die glauben zwar, dass Dinosaurier auf der Arche Noah waren, aber sie glauben uns nicht, dass diese Tiere schon vor über hundert Millionen Jahren gelebt haben.“
Alina dachte nach. „Sogar Drachen sind dem Tod geweiht“, wiederholte sie. „Nach allem, was ich so weiß, bringe ich den Satz nicht mit einer kreationistischen Glaubensdoktrin zur Deckung. Warum werden die Dinosaurier nicht direkt benannt?“
Halstenberg schaute auf ihre Hände. Sie löste sie voneinander und strich sie vorsichtig über ihre Oberschenkel. „Sie haben mich nach Leuten gefragt, die unsere Arbeit nicht mögen. Das ist alles, was mir dazu einfällt.“ Sie hob ihren Kopf und blickte Alina fest in die Augen. Die Furcht und die Zweifel waren verschwunden. Alina schaute in ein selbstbewusstes Gesicht. Die grünen Augen blitzten. Die schmale Nase hatte Halstenberg leicht in die Höhe gereckt. Alina wurde das Gefühl nicht los, eine Chance verpasst zu haben. Sie klappte die letzte Seite ihres Notizblocks auf. In einem kleinen Einsteckfach hatte sie immer ein paar Visitenkarten dabei. Sie entnahm eine Karte und reichte sie der Wissenschaftlerin.
„Für den Moment reichen mir Ihre Aussagen. Bitte halten Sie sich zur Verfügung und melden Sie sich, falls Ihnen noch etwas einfällt. Ich schaue noch einmal kurz ins Labor rüber, was die Kollegen von der Spurensicherung so alles finden.“
Hagen schaute hinter seinem Monitor hervor und sah fragend zu seinem Boss herüber, der nachdenklich auf einen Brief in seiner Hand starrte. „Ist was, Chef? Du schaust relativ fassungslos aus.“
Jonas schrak hoch und schaute seinen IT-Spezialisten verwirrt an. Dann nickte er bestätigend. „Du erinnerst dich an Herrn Riebenau?“
Hagen runzelte die Stirn. „Der Geschäftsmann aus Blankenese mit der angeblich untreuen Ehefrau?“
„Genau der. Er hat mir einen Abschiedsbrief geschrieben.“
„Abschiedsbrief? Hat er sich umgebracht?“
Jonas zögerte. „Hm, irgendwie schon. Die Geschichte ist kompliziert. Er beichtet mir, dass er als junger Mann die Halbschwester seiner Frau vergewaltigt hat. Die hat dann irgendwann Selbstmord begangen. Seine jetzige Frau hat sich daraufhin sein Vertrauen erschlichen und ihn geheiratet. Und ich hatte dir doch erzählt, dass sie über ihren Bruder an Rizin gekommen ist.“
Hagen erinnerte sich. „Genau, ich sollte herausfinden, ob sie ihn zufällig kennengelernt hatte oder ihn vorher schon ausspioniert hatte. Zweiteres war der Fall.“
„Sie hat ihn schleichend vergiftet. Er ist dahintergekommen, aber statt sie rauszuwerfen, hat er sie um die tödliche Dosis gebeten. Er konnte mit der Schuld nicht mehr leben.“
Hagen riss die Augen auf. „Musst du das nicht der Polizei melden?“
„Eigentlich schon. Aber er bittet mich, nichts zu unternehmen. Er schreibt, wenn ich das hier lese, ist er schon tot, und es wäre seine freiwillige Entscheidung gewesen.“
„Aber seine Frau wollte ihn ermorden, und sie hat ihm schließlich ohne sein Wissen Gift verabreicht.“
Jonas zuckte mit den Schultern. „Aber die tödliche Dosis wollte er am Ende selbst. Es ist also ein begleiteter Suizid. Kannst du mal nachschauen, ob er die Rechnung bezahlt hat?“
Hagen wandte sich wieder seinem Monitor zu und ließ die Finger über die Tastatur fliegen. Blitzschnell hatte er das Online-Banking der Detektei aufgerufen.
„Hat er“, verkündete er. „Das Geld ist vor zwei Tagen eingegangen.“
Jonas seufzte. „Dann wirbeln wir lieber keinen Staub auf.“
Hagen runzelte die Stirn. „Wie du meinst.“
Sein Handy brummte. Das Display zeigte eine Nachricht von Gudrun an. ‚Kannst du reden? Vid-Call, sicherer Server. Es ist dringend!!!!‘
Mit leichter Besorgnis ließ sich Hagen tiefer in seinen Stuhl gleiten und überlegte. Vier Ausrufezeichen waren ganz und gar nicht Gudruns Stil. Es musste in der Tat etwas Wichtiges oder Unangenehmes passiert sein. Er fasste sich an die Schläfen. Kopfschmerzen kündigten sich an. Ein sicheres Zeichen für Probleme.
„Chef?“
„Was gibt’s?“
„Ich verschwinde mal kurz im Kundenzimmer. Habe gerade eine private Nachricht bekommen.“
„Etwas Schlimmes?“
„Weiß ich noch nicht. Werde ich jetzt herausfinden.“
„Okay.“
Hagen erhob sich, antwortete Gudrun mit fliegenden Fingern, dass er in drei Minuten so weit sei, und ging in den Nebenraum, der etwas stilvoller als das Büro eingerichtet war, weil Jonas hier seine Kunden zu empfangen pflegte.
Hagen schloss die Tür, sah sich kurz um und stellte sich in die am weitesten entfernte Ecke. Vorsichtshalber zog er noch den Flipchart als Schutzschild vor sich, damit sein Boss ihn nicht versehentlich belauschen konnte.
Dann aktivierte er die Videokonferenz an seinem Smartphone. Gudrun wartete schon auf ihn. Sie war extrem blass. Hagens Magen krampfte sich zusammen. Er ahnte Unheil.
„Hallo Gudrun. Du siehst nicht gerade gut aus.“
Gudrun presste die Lippen zusammen. „Nicht gut ist heillos untertrieben. Wir haben ein Riesenproblem.“
„Was ist passiert?“
„Gisela ist tot. Ermordet.“
Hagen wurde schwindelig. Er stützte sich an der Wand, um sein Gleichgewicht zu halten. Gisela ermordet? Wie konnte das sein?
„Ich habe sie heute Morgen gefunden“, fuhr Gudrun fort. „Die Polizei war schon da und sie stellen Fragen.“
Hagen atmete tief durch. Er versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Auch er hatte Fragen. „Was für Fragen? Die Polizei ist dafür da, Fragen zu stellen. Hast du eine Idee, wer sie ermordet haben könnte?“
Gudrun schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung. Aber der Mörder hat eine Botschaft zurückgelassen. Und das führt zu Fragen bei der Polizei.“
„Was für eine Botschaft?“
„Er hat auf Giselas Brust einen lateinischen Spruch gemalt. Etiam dracones morituri sunt. Das heißt so viel wie: Auch Drachen sind dem Tod geweiht. Und die Polizei hat nach einer Verbindung zwischen Dinosauriern und Drachen gefragt.“
In Hagens Kopf schlugen die Gedanken Purzelbäume. „Langsam, bitte. Der Mörder hat eine Drachenbotschaft hinterlassen?“
Gudrun nickte. „Ja. Ich habe ein Bild von Gisela gemacht. Schau her.“ Gudrun hielt ihr Handy-Display in die Laptop-Kamera.
Mit Schaudern erkannte Hagen die tote Gisela und entzifferte den Spruch in grüner Farbe auf ihrer Brust. Er holte tief Luft.
„Das heißt, die Polizei hat auf Basis dieses Spruchs nachgefragt?“
„Genau“, bestätigte Gudrun.
„Das heißt aber auch, sie wissen von nichts.“
„Wahrscheinlich nicht. Aber wenn sie Fantasie haben, dann ...“
„Vergiss es“, beschwichtigte Hagen, „man braucht schon sehr viel Fantasie. Und das haben sie nicht. Sie sind der Logik verpflichtet.“
Gudrun ließ die Schultern hängen.
„Was mir Sorgen macht, ist der Mörder“, hakte Hagen nach. „Wer kann das sein? Wieviel weiß er?“
„Zumindest weiß er mehr als nur Fragmente. Was ich noch nicht erzählt habe, und was auch die Polizei nicht weiß, ist, dass er mir auch eine Nachricht hinterlassen hat.“
„Noch eine Nachricht?“, fragte Hagen.
„Ja.“ Gudrun faltete einen ockergelben Zettel auseinander und hielt ihn dicht vor die Kamera. Die Buchstaben waren in derselben Kalligrafie gehalten wie auf Giselas Leiche und auch die grüne Farbe war dieselbe.
„G.H.“, las Hagen, „Tu es dein... deinde ...? Was soll das heißen? G.H. bist offensichtlich du, aber was sollst du tun?“
„Du bist ein Idiot“, antwortete Gudrun mit einem spöttischen Lächeln, welches sie plötzlich nicht mehr ganz so sorgenvoll aussehen ließ. Dann wurde ihre Miene wieder ernst. „Das ist auch Latein. Tu es deinde heißt schlicht und ergreifend: Du bist die Nächste.“
Hagen ächzte. Das musste er erst einmal verdauen.
„Scheiße.“
Gudrun zeigte ein gequältes Lächeln. „Ich kann dir nur zustimmen.“
„Und was sollen wir jetzt machen?“
„Ich denke, wir sollten die Anderen informieren und nachfragen, ob sie auch bedroht worden sind. Da ich der Polizei nicht von der Drohung erzählt habe, habe ich mir überlegt, ob wir deinen Chef fragen könnten, ob er uns helfen kann?“
„Meinst du als Ermittler oder als Personenschützer?“
Gudrun hob die Schultern. „Beides vielleicht?“
Hagen kraulte sich das Kinn und überlegte fieberhaft.
„Zweiteres ist nicht so sein Ding, das könnte ich machen. Die Auftragslage ist gerade mau, also könnten wir nach Hannover kommen. Aber hast du Geld, um ihn zu bezahlen? Und vor allen anderen Dingen, wie tief beziehen wir ihn ein?“
Gudrun nickte. „Geld bekommen wir hin. Vielleicht macht er wegen dir ja einen Freundschaftspreis. Zur Informationstiefe: So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Und denk beim Thema Personenschutz bitte daran, dass du auch eine potenzielle Zielscheibe bist.“
„Ich rede mit ihm und melde mich.“