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Als jüngster CEO seiner Firma hat David beruflich mehr erreicht als andere in ihrem ganzen Leben. Aber heute ist nicht sein Tag. Erst gibt es Ärger auf der Arbeit, dann geht ihm auf dem Weg in die Berge das Benzin aus. Das Handy? Liegt im Büro. Auf der Suche nach einer Tankstelle nimmt David eine Abkürzung durch den Wald – ohne zu ahnen, dass dieser Weg zum größten Abenteuer seines Lebens wird. Er verirrt sich und stößt auf die Hütte der geheimnisvollen Frau Jumma. Dort beginnt das eigentliche Abenteuer: Er findet vier Türen, die ihn in verschiedene Welten führen. Jede offenbart eine neue Wahrheit oder Einsicht, die das Potenzial hat, sein Leben von Grund auf zu verändern. Wird David die richtige Wahl treffen?
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eBook: © 2025 GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, Grillparzerstraße 12, 81675 München
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ISBN 978-3-8338-9742-9
1. Auflage 2025
GuU 8-9742 04_2025_01
DIE BÜCHERMENSCHEN HINTER DEM PROJEKT
Projektleitung: Johanna Müller, Anja Schmidt
Lektorat: Karla Seedorf
Bildredaktion: Simone Hoffmann
Covergestaltung: ki 36 Editorial Design München, Anika Neudert
eBook-Herstellung: Liliana Hahn
BILDNACHWEIS
Fotos: Shutterstock
Syndication: Bildagentur Image Professionals GmbH, Tumblingerstr. 32, 80337 München, www.imageprofessionals.com
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Das Buch zeigt, dass es im Leben wirklich nie zu spät ist, noch mal den Reset-Button zu drücken und ganz von vorne anzufangen. Los geht's!
Eva Dotterweich, Verlagsleitung
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Die Gedanken, Methoden und Anregungen in diesem Buch stellen die Meinung bzw. Erfahrung des Verfassers dar. Sie wurden vom Autor nach bestem Wissen erstellt und mit größtmöglicher Sorgfalt geprüft. Sie bieten jedoch keinen Ersatz für persönlichen kompetenten medizinischen Rat. Jede Leserin, jeder Leser ist für das eigene Tun und Lassen auch weiterhin selbstverantwortlich. Weder Autoren noch Verlag können für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den im Buch gegebenen praktischen Hinweisen resultieren, eine Haftung übernehmen.
ZU DEN AUTOREN
Aljoscha Longwurde 1961 in Bonn geboren, studierte in Toronto und München und schloss allerlei Studien ab, unter anderem Psychologie, Linguistik, Philosophie, Anglistik und Musikpädagogik, und wurde Lehrer mehrerer Kampfkunstarten. Seit 1989 lebt er als freier Schriftsteller, Komponist und Dozent in München und Nanning (China).
Ronald Schweppe wurde 1962 in Lausanne geboren. Er studierte Musik am Richard-Strauss-Konservatorium in München und spielte in verschiedenen Orchestern Kontrabass. Er ist Gründungs- und Ensemblemitglied der Kammeroper München und lebt heute als freier Schriftsteller, Musiker und Meditationslehrer mit seiner Familie in München.
Weitere Bücher der Autoren:
Gelassenheit für Anfänger | GULoslassen: Mein Übungsbuch | GUDer Panda und das Geheimnis der Gelassenheit | HEYNEAffen im Kopf | mvg VerlagBesuche Long und Schweppe auf:
„
Ich bin ein Mann der Zahlen, der Fakten, der Vernunft. Ich glaube an das, was ich sehen und anfassen kann.
Und doch … Ich muss zugeben, dass ich in den letzten Tagen im Wald Dinge erlebt habe, die ich nicht erklären kann.
Den grauen Wanderer, das mysteriöse Mädchen, die wundersame Heilung meiner Verletzungen.
Ich fange an, an meiner bisherigen Einstellung zu zweifeln.
“
Der Schatten der Berge schleicht sich ins Tal zurück und lässt die Sonne den Bergwald streicheln. Immer tiefer sinkt das Licht und flutet das Tal.
Die Vögel erwarten den Tag schon lange und beginnen mit dem Morgenkonzert, noch bevor die ersten Strahlen der Sonne den Wald berühren. Auch auf der Wiese, vor dem Waldrand, erklingt die Morgenmusik der Grillen und Heuschrecken. Im Hintergrund summen die ersten Bienen, Wespen, Libellen und Mücken.
Tief aus dem Wald dringen leise, ferne, geheimnisvolle Waldgeräusche; vielleicht das Fallen eines Zapfens, das Rascheln kleiner Tiere im Unterholz, vielleicht sogar das Fallen eines morschen Stammes, der nach jahrelangem Warten endlich dem Drang in die Tiefe nachgibt. Und unter allem leise das Rauschen der Morgenbrise im Geäst, sich streichelnde und reibende Nadeln und Blätter. Jedes Streicheln und Reiben für sich unhörbar, doch die abermillionenfache Unhörbarkeit leiht allen eine Stimme, leise, doch alles durchdringend.
Und nun, aus der Tiefe kommend, immer häufiger das Knacken eines zertretenen Astes. Dieses Geräusch nähert sich dem Waldrand. Und dann tritt aus dem Wald ein Mensch, in zerrissener Kleidung, etwas wirrem Haar und mit stoppeligem Bart. Seine Augen strahlen. Mit einem Lächeln auf den Lippen tritt er aus dem Wald hinaus auf die sonnengetränkte Wiese.
Ich muss hier raus, dachte ich. Am Dienstag hatte ich die Nase gestrichen voll. Meine sogenannten Chefs setzten mir Zielvorgaben für die Umsätze, und ich musste mich mit faulen und unfähigen Angestellten herumärgern. Als jüngster CEO der Firma nahmen mich die älteren Abteilungsleiter nicht ernst. Sie nervten mich damit, meine Anordnungen zu hinterfragen. Dabei gehörten die längst ins Altenheim. Und waren zweifellos neidisch. Wer hatte schon seinen eigenen Parkplatz direkt vor dem Büro? Wer konnte seinen Porsche Cayenne darauf parken? Ich, und nicht sie.
Ich war 32 und erfolgreich. Die Karriereleiter war ich schnell und problemlos hinaufgestiegen. Vielleicht wäre ich bald das jüngste Vorstandsmitglied – und stand jetzt kurz davor zu explodieren. Gleich am Morgen hatte ich Jenny, meine Sekretärin, angebrüllt. Statt ihren Job zu machen, fing sie an zu weinen, woraufhin ich erst recht wütend wurde. Obwohl ich ihr am liebsten den Hals umgedreht hätte – verdient hätte sie es –, stürmte ich aus dem Büro ins nächste Starbucks.
Ich hatte meinen zweiten Cappuccino gerade ausgetrunken, als sich plötzlich eine bleierne Schwere auf meinen Brustkorb legte. Was war das? Hatte ich vielleicht einen kleinen Herzinfarkt? So was sollte es ja angeblich bei jungen, erfolgreichen Managern öfter mal geben. Das hätte mir noch gefehlt. Ich fühlte meinen Puls. 92. War das genug für einen Herzinfarkt? Ich sah in meinem iPhone schnell bei Wikipedia nach. Starke Schmerzen? Fehlanzeige. Ängstlich? Nein. Schweißausbrüche? Auch nicht gerade. Gut, wenigstens das blieb mir erspart. Vorerst. Ich hatte wieder das Gefühl, ein Luftballon zu sein, in den jemand unbedingt noch einen weiteren Liter Luft blasen will. Wenn alles so weiterging wie bisher, würde mich der Stress irgendwann doch noch einmal unter die Erde bringen. »Karoshi« nennen die Japaner das. Tod durch Überarbeiten.
Verflixt, diese Gedanken brachten mich auch nicht weiter. Ich konnte ja nicht einfach meinen Job hinschmeißen und mich auf einer Jacht in der Karibik sonnen. So gut war mein Gehalt dann auch wieder nicht. Noch nicht!
Okay – ich war gestresst. Aber ändern konnte ich das sowieso nicht. Vielleicht brauchte ich ja nur eine kurze Atempause. Wie spät? 10 Uhr. Ich rief Jenny an und cancelte alle Termine für heute. Ich hätte auswärts zu tun. Das stimmte sogar; auch wenn ich eigentlich erst übermorgen in London sein musste.
Spontan beschloss ich, in die Berge zu fahren. Von München aus war das nur eine Stunde, wenn die Autobahn frei war. Einfach mal ein bisschen frische Luft tanken. Vielleicht in einem netten Café an einem Waldsee einen Cappuccino schlürfen …
Ich stieg in meinen Porsche, wählte Glenn Goulds »Goldberg-Variationen« als Inspirationsmusik und brauste los. Fünfzehn Minuten später war ich schon auf der Autobahn München-Salzburg. Über mir der klare, blaue Sommerhimmel, in der Ferne das Alpenpanorama. Genau der richtige Tag für eine kleine Pause. Dachte ich.
Ich wusste nicht genau, wohin ich eigentlich wollte. Klar, irgendwo in die Berge. Aber wohin genau? Kitzbühel? Eineinhalb Stunden. Nein, da war ich schon zu oft gewesen. Am nächsten Rastplatz hielt ich an, um auf dem Navi zu suchen. Ein Fensterchen mit dem hilfreichen Hinweis: »Fatal Error« erschien auf dem Touchscreen.
Nur gut, dass das Gerät fest eingebaut war. Sonst hätte ich es wohl einfach herausgerissen und aus dem Fenster geworfen. Ich tobte eine Weile hinter dem Lenkrad, und erst als ein älterer Herr besorgt an die Fensterscheibe klopfte und fragte, ob er mir helfen könne, gelang es mir, mich ein wenig zu beruhigen. Ich machte eine OK-Geste und hörte damit auf, meinen Kopf gegen das Lenkrad zu schlagen.
Verflixt. Meine Nerven waren offenbar wirklich ganz schön dünn. Dass ich gleich so ausflippen musste. Und dabei vergessen hatte, dass ich mein iPhone ja genauso gut als Navi verwenden konnte. Apropos iPhone: Erstaunlich, dass mich nun schon eine halbe Stunde lang niemand mehr angerufen oder angemailt hatte.
So erstaunlich andererseits auch wieder nicht, wie ich bald feststellen musste. Denn das Handy war weder in meiner Jackentasche noch im Handschuhfach. Das wäre jetzt eine gute Gelegenheit, noch mal so richtig auszurasten, dachte ich. Stattdessen lachte ich hysterisch, als mir einfiel, dass ich das Ding im Starbucks hatte liegen lassen.
Ich musste sofort zurück.
Also wieder in die Gegenrichtung? Nein! Auf keinen Fall! Jetzt meldete sich mein Starrsinn. Ich hatte mir vorgenommen, in die Berge zu fahren. Vielleicht gehörten das verflixte Navi und das vergessene Handy ja zu einer richtigen Auszeit dazu? Vielleicht war das alles ein Zeichen. Ohne mein Smartphone fühlte ich mich, als hätte man mir einen Teil meines Gehirns herausgeschnitten – doch seltsamerweise war ich auch erleichtert. Vielleicht war genau der richtige Teil herausgeschnitten worden. Ich würde mich von meinem Vorhaben jedenfalls nicht abbringen lassen.
Ich fuhr weiter. Ohne Smartphone, ohne Plan, ohne Navi, den Bergen entgegen.
Der Blick auf den Chiemsee und die Alpen im Hintergrund ließen mich fast glauben, dass ich in ein Bilderbuch geraten sei – 3D und bewegt. Die Landschaft schien an mir vorbeizugleiten, während ich in meinem Auto wie in einem Kinosessel saß. Alles um mich herum war in Bewegung: ein kreisender Vogel, ein Wölkchen, das am Himmel trieb, Blätter, die im Wind tanzten – und in der Ferne winzige Kühe auf einer saftigen Weide … Ein perfekt gedrehter Film.
Ich riss das Lenkrad gerade noch rechtzeitig herum, um nicht im Graben zu landen. War ich kurz eingenickt? Für einen Moment war mir die Welt tatsächlich wie ein Zeichentrickfilm erschienen. Ich packte das Lenkrad fester und konzentrierte mich auf die Straße.
Vielleicht sollte ich endlich runter von der Autobahn. Ein wenig das Landleben bewundern, anstatt hier wie in Trance weiterzurasen. Dann würde ich wenigstens nicht mit Tempo 240 im Straßengraben landen. Oder gar in Salzburg.
Bei Siegsdorf fuhr ich ab. Der nächste Wegweiser zeigte nach Ruhpolding. Spontan bog ich nach links ab.
Am Anfang meines Studiums hatte ich noch viel Musik gemacht. Mit meinem Studienfreund Jörg; der kam, soweit ich mich erinnerte, aus Ruhpolding. Nächtelang hatte ich mit ihm am Computer und Keyboard gesessen. Wir hatten kannenweise Kaffee in uns reingeschüttet und Songs ausgetüftelt. Wir waren gar nicht so übel. Sogar einen Plattenvertrag hätten wir bekommen. Vielleicht wären wir Stars geworden. Doch noch vor meinen Abschlussprüfungen kam dann das Angebot von Becker & Klaus, mit einem Einstiegsgehalt, das ich einfach nicht ablehnen konnte. Und von da an war die Firma mein Leben. Es war wirklich an der Zeit, dass ich einmal ein paar Stunden ohne die Arbeit im Kopf verbrachte.
Inzwischen war ich schon durch Ruhpolding hindurch und es ging weiter in die Berge hinein. Ich fühlte mich wie ein Abenteurer auf Entdeckungsreise. Ohne Navi, ohne Straßenkarte, ohne Smartphone und ganz auf mich allein gestellt – das fühlte sich überraschend gut an.
Ich ging ein wenig vom Gas und öffnete Fenster und Schiebedach. Puuh. Beinahe wurde mir übel vom Geruch der jauchegedüngten Felder. Ich verkniff es mir, die Fenster hochzufahren. Das hätte jetzt ohnehin nichts mehr gebracht. Vielleicht gewöhnte ich mich ja noch an den Landduft. Eigentlich roch es gar nicht so furchtbar schlimm. Der Landgeruch gehörte eben zum Abenteuer dazu.
Es war kurz nach elf. Ich hatte keinen Schimmer mehr, wo ich eigentlich war, keine Ahnung, wo es hingehen sollte, und fühlte mich sauwohl. Der mp3-Player spielte Griegs »Peer Gynt«. Die warme Luft, fast ohne Jauchegeruch, wehte mir um die Ohren, das Bergpanorama, die Wälder und der Duft von wilden Blumenwiesen ließen mein Herz kraftvoller schlagen. Jetzt spürte ich, dass mir schon lange etwas gefehlt hatte – ich, der Stadtmensch, vermisste offenbar die Natur. Ich hätte schon längst einmal eine kleine Pause gebraucht. Es war wirklich eine gute Idee gewesen, heute in die Berge zu fahren.
Und in die Berge fuhr ich. Ich hatte gar nicht darauf geachtet, wo ich abbog, und war mehr denn je unterwegs in einem unbekannten Land. Die Straße stieg immer steiler an und wand sich in engen Serpentinen. Ich beschloss, im nächsten Café anzuhalten; selbst, wenn es nur ein Bauerncafé mit Schlagsahne auf dem Cappuccino war. Gerne auch ohne Bergsee. Ich meinte mich zu erinnern, vor der letzten Abzweigung ein Hinweisschild »Alm-Café« oder so ähnlich gesehen zu haben. Allmählich bekam ich wirklich Hunger. Die Landluft. Vielleicht auch das Frühstück, das ich nicht gegessen hatte.
Zu dumm, dass das Navi nicht funktionierte. Doch ich konnte mich gar nicht mehr so aufregen wie zuvor. Dafür ging es mir zu gut. Die Bergluft wehte mir frischen Wind ins Gehirn. Die Abenteuerlust pumpte mir eine angenehme Dosis Adrenalin ins Blut, die Landschaft schien immer bunter zu werden und die Sonne wärmte mich durch das offene Schiebedach. Als die Straße in ein Wäldchen eintauchte, wurde es schlagartig kühler. Doch auch diese Kühle genoss ich, zusammen mit dem erdigen Duft des Waldes. Vielleicht sollte ich einen kleinen Waldspaziergang machen. Der Wald öffnete sich auf eine Lichtung mit einer derart farbenprächtigen Blumenwiese, dass mir der Atem stockte. Unwillkürlich ging ich vom Gas und fuhr nur noch im Schritttempo. Jetzt hörte ich auch deutlich das Zirpen von Heuschrecken und das Summen der Insekten auf einer Sommerwiese.
Ein Café war hier zwar nicht, doch es war ein wunderschöner Ort zum Ausruhen. Vielleicht sollte ich einfach mal anhalten und mich, nur so aus Abenteuerlust, in die Wiese legen. Essen könnte ich ja später.
In diesem Moment stotterte der Motor, und der Porsche gab seinen Geist auf. Habe ich Idiot vergessen zu tanken? Nein, das kann eigentlich nicht sein. Lässt mich die teure Karre etwa gerade jetzt im Stich? Keine Ahnung, ich bin doch kein Automechaniker …
Es dauerte einen Moment, bis mir meine Lage klar wurde. Da stand ich nun mitten im Nirgendwo – ohne Handy, ohne Navi, ohne Menschen. Gestrandet wie Robinson. Ich schüttelte fassungslos den Kopf. Das Gefühl, neben mir zu stehen, wurde immer stärker. Das durfte doch wohl nicht wahr sein! Dieser Tag war wie verhext. Immerhin wirkte die Bergluft offenbar beruhigend. Ich ärgerte mich jedenfalls nicht besonders. Was soll’s, dachte ich. Ich wollte ja ohnehin hier eine Pause machen, und jetzt wurde die Pause eben ein wenig länger. Gehörte alles zum Abenteuer.
Dann fiel mir wieder das Hinweisschild ein, das ich an der letzten Abzweigung gesehen zu haben glaubte: »Alm-Café«. War das fünf Kilometer her? Oder drei? Und war ich überhaupt in die Richtung gefahren?
Ich dachte alles noch einmal durch. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich dem Schild gefolgt und dann vielleicht noch zwei Kilometer weiter gefahren war. Wenn ich mal pessimistisch war und das Schild fünf Kilometer angezeigt hatte, hieße das, dass jetzt maximal drei übrig wären. Wenn ich stramm marschierte, konnte ich das in einer halben Stunde schaffen. Und vielleicht stieß ich vorher ja sogar noch auf eine Tankstelle mit einem Mechaniker.
Ich ließ den Wagen am Straßenrand stehen, sperrte zu und machte mich auf den Weg. Schon nach ein paar Schritten wurde es unangenehm warm. Ich hätte mich natürlich auch erst einmal auf die Wiese legen können. Das hatte ich doch ursprünglich vorgehabt.
Nein!, rief das Gewissen oder irgend so eine andere lästige Stimme in mir. Faulenzen kannst du nach der Arbeit!
Ich musste der Stimme folgen, ich konnte nicht anders, obwohl ich es eigentlich gar nicht wollte. Komisch, dass mein Gewissen genau wie mein Vater klang. »Nur wer etwas leistet, hat sich sein Brot verdient.« Nur wenn ich jetzt erst einmal das Café oder eine Tankstelle finden würde und weiterfahren könnte, hätte ich es mir verdient, nicht weiterzufahren – es war absurd.
Nun, andererseits zwang mich niemand, in dieser Hitze die Straße entlangzutraben. Wenn ich über die Wiese und durch den Wald dahinter ging, müsste ich eigentlich wieder auf die Straße stoßen. Im Wald war es bestimmt angenehmer, und die Abkürzung wäre enorm.
Und so stapfte ich durch die Wiese. Es wimmelte vor Insekten. Hoffentlich krochen die mir nicht in die Hose. Ich schritt etwas schneller voran, dem Waldrand entgegen. Der Wald empfing mich mit einer kühlen Brise. Und es wimmelte auch nicht mehr so zu meinen Füßen. Es gab kein Dornengestrüpp, das mich aufhielt. Kein dichtes Unterholz, keine umgestürzten Bäume, keine Brennnesseln – das schien ein ziemlich zahmer Wald zu sein. Ich orientierte mich noch einmal und warf einen Blick zurück auf die sonnengetränkte, wilde, bunte Wiese. Eigentlich ein paradiesischer Ort. Mein Wagen stand mitten im Paradies. Und ich ging in den dunklen Wald.
Andererseits war der Wald eigentlich überhaupt nicht dunkel. Und er war auch nicht das Gegenteil vom Paradies. Vielmehr war die angenehme Kühle genau das, was mir jetzt guttat.
Nun nur ein Stücken die sanfte Böschung hoch, dann müsste eigentlich wieder die Straße kommen. Und vermutlich konnte ich dann noch eine weitere Abkürzung nehmen. Ich atmete tief ein. Das war hier ja der reinste Luftkurort …
Aus dem Augenwinkel sah ich eine Bewegung. Ob es hier wohl wilde Tiere gab? Bären vielleicht sogar? Vor Jahren hatte ich mal etwas von einem streunenden Bären gehört, der dann erschossen werden musste. Bloß nicht! Gegen einen Bären hätte ich keine Chance. Aber sicher war es nur ein Reh. Oder eine optische Täuschung?
Eine gebeugte Gestalt in einem braunen Umhang erschien zwischen den Bäumen. Als Kind hatte ich mal »Das steinerne Herz« gelesen – ein gruseliges Märchen, in dem schaurige Waldgeister vorkamen. Einen Augenblick lang war mir, als wäre ich auf geheimnisvolle Weise in diese Märchenwelt geraten. Der märchenhafte Augenblick währte jedoch nur kurz, denn plötzlich blitzte ein Messer in der Hand der Gestalt auf.
»Hallo«, sagte der Pilzmann.
Ich fühlte mich wie ein überdrehter Vollidiot – wie konnte ich nur einen harmlosen Spinner für ein bedrohliches Monster halten? Ich hatte zwar noch nie verstanden, warum Leute stundenlang im Wald herumkrochen, nur um ein paar Pilze aufzuspüren, die es in jedem Feinkostgeschäft gab; und zwar ohne Schnecken, Würmer, Maden und Rehkacke. Und ohne Gift. Aber Monster waren sie deshalb ja nicht gerade. Vielleicht war ich schon etwas dehydriert und mein Gehirn funktionierte nicht mehr einwandfrei … Höchste Zeit, dass ich die Tankstelle oder das Café fand. Ich riss mich zusammen und hoffte beschämt, dass mir der Mann meinen Schreck nicht angesehen hatte.
»Guten Morgen«, sagte ich locker. Zumindest sollte es locker klingen. »Wie laufen die Geschäfte?«
Der Pilzmann sah mich fragend an.
»Ich meine: Haben Sie schon viel gefunden?«
Er lächelte mich an und hielt mir stolz seinen Korb unter die Nase. Mich gruselte es schon beim ersten Hinsehen. Der Korb war bereits halb voll; Pilze in den unterschiedlichsten Farben und Formen – aber jeder einzelne, soweit ich sehen konnte, mit Schnecken- und Wurmspuren. Und an allen hafteten Dreck und Tannennadeln.
»Toll«, sagte ich. »Sind Sie auch sicher, dass man die alle essen kann?«
Er sah mich amüsiert an. »Sie sind wohl nicht viel im Wald, oder?«
»Nein«, räumte ich ein. »Zu wenig Zeit. Und ehrlich gesagt, ich wüsste auch nicht, warum. Die frische Luft ist ja ganz schön, aber mit Pilzen kenne ich mich sowieso nicht aus, und viel los ist hier auch nicht gerade.«
Der Pilzmann lachte.
»Da täuschen Sie sich aber gewaltig!«, sagte er. »Im Wald ist mehr los als in der Stadt.«
Anscheinend tickte er nicht ganz richtig. Aber er hatte ja ein Messer in der Hand, also war ich vorsichtig und murmelte nur: »Ach ja?«
Er legte das Messer in seinen Korb und machte eine ausholende Geste. »Ja, alles im Wald lebt – der ganze Wald ist in gewisser Weise ein Lebewesen.«
Mein Verdacht, dass der Mann nicht alle Tassen im Schrank hatte, verstärkte sich immer mehr. Doch als ich ihn skeptisch ansah, schien mir, dass seine leuchtenden Augen nicht Wahnsinn, sondern Begeisterung ausstrahlten. Er wurde mir langsam sympathisch. Und je länger ich so darüber nachdachte, desto mehr erkannte ich, dass er schon irgendwie recht hatte. Immerhin standen ja überall Bäume herum; und wenn man Bäume als Lebewesen und nicht, wie ein vernünftiger Mensch, als nachwachsenden Rohstoff betrachtete … Jedenfalls hatte er mich ein wenig neugierig gemacht.
»Sie müssen nur die Augen aufmachen«, fuhr er fort. »Dann sehen Sie es. Und wenn Sie nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Herzen sehen, werden Sie aus dem Staunen nicht mehr herauskommen!«
Mit dem Herzen sehen? Nun, ich las zwar nicht gern, außer die Wirtschaftsnachrichten, doch den Spruch kannte sogar ich. Eine Freundin hatte mir vor Kurzem eine Kitschkarte geschenkt, auf der stand: »Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.« Mir kam der Spruch sehr esoterisch und ein wenig schwülstig vor. Was sollte das denn heißen, »mit dem Herzen sehen«?