Die Quantum-Mission - Drew Murray - E-Book
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Die Quantum-Mission E-Book

Drew Murray

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Beschreibung

Wird er das Entführungsopfer rechtzeitig finden? Oder wiederholt sich die Vergangenheit auf schreckliche Weise?

Special Agent Will Parker ist beim FBI, um der Allgemeinheit zu dienen. Doch als seine Vorgesetzten ihm einen undurchsichtigen Partner zur Seite stellen und einen Mordfall zuteilen, der im Zusammenhang mit seiner Vergangenheit steht, wird er misstrauisch. Immerhin war Parker früher CEO seines eigenen IT-Konzerns, und das Mordopfer wollte den bahnbrechenden Prototyp eines Quantencomputers verkaufen, der seiner Firma gehört. Während die Ermittlungen immer undurchschaubarer werden und sogar ausländische Agenten mitmischen, muss sich Parker entscheiden, wem seine Loyalität gehört: seiner Firma oder dem FBI. Da wird die Tochter des Mordopfers entführt, und für Parker wiederholt sich die Vergangenheit. Denn er ging zum FBI, weil er den Tod einer jungen Frau nicht verhindert hatte. Diesmal wird er nicht versagen!

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Seitenzahl: 444

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Buch

Special Agent Will Parker ist beim FBI, um der Allgemeinheit zu dienen. Doch als seine Vorgesetzten ihm einen undurchsichtigen Partner zur Seite stellen und einen Mordfall zuteilen, der im Zusammenhang mit seiner Vergangenheit steht, wird er misstrauisch. Immerhin war Parker früher CEO seines eigenen IT-Konzerns, und das Mordopfer wollte den bahnbrechenden Prototyp eines Quantencomputers verkaufen, der seiner Firma gehört. Während die Ermittlungen immer undurchschaubarer werden und sogar ausländische Agenten mitmischen, muss sich Parker entscheiden, wem seine Loyalität gehört: seiner Firma oder dem FBI. Da wird die Tochter des Mordopfers entführt, und für Parker wiederholt sich die Vergangenheit. Denn er ging zum FBI, weil er den Tod einer jungen Frau nicht verhindert hatte. Diesmal wird er nicht versagen!

Autor

Drew Murray wuchs in Ontario, Kanada, auf. Nach Jahren in der Technologie-Branche widmet er sich nun ganz dem Unterrichten und schreiben. Er ist ein großer Fan von Comic Conventions, Escape Rooms und Brettspielen. Er lebt mit seiner Familie in London, Ontario.

Besuchen Sie uns auch auf www.instagram.com/blanvalet.verlag und www.facebook.com/blanvalet.

DREW MURRAY

DIE

QUANTUM

MISSION

THRILLER

Aus dem Englischen

von Wolfgang Thon

Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel

»Broken Genius« bei Oceanview Publishing, Longboat Key.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright der Originalausgabe © 2020 by Drew Murray

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2021 by Blanvalet

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Peter Thannisch

Umschlaggestaltung und -motiv: © Johannes Frick

unter Verwendung von Motiven von iStock.com

(© Lorado, © Amguy)

HK · Herstellung: sam

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN 978-3-641-26759-9V001

www.blanvalet.de

Für Christine

1

10. März 2011

In der Nacht, in der ich nach Japan fliegen sollte, ahnte ich nicht, wie wenig Zeit ich vor meiner persönlichen Apokalypse noch haben sollte. Hätte ich es gewusst, hätte ich eines anders gemacht. Es ist die eine Sache, die mich nachts aufweckt, die Zähne so fest zusammengebissen, dass sie fast zu splittern drohen. Das eine, mit dem ich meine Hände mit Blut besudelt und mein Konto mit einem Tod belastet habe. Das eine, das mich nicht loslässt.

Ein Fehler, den ich gemacht habe.

Schon klar, ich weiß, wir alle machen Fehler und so weiter. Aber ich normalerweise nicht. Ich habe meine erste Firma gegründet, bevor ich Auto fahren konnte. Die Firma, die mich aber wirklich berühmt gemacht hat, die weltweit bekannt wurde, kam später. Sie heißt CastorNet und wurde schon vor dem Börsengang auf über eine Milliarde Dollar geschätzt. Eine solche Firma ist nicht mehr ganz so selten wie früher, aber die Leute merken immer noch auf, wenn sie von einem Zwanzigjährigen geleitet wird.

Doch das reichte mir nicht. Ich wollte einen Platz in den Geschichtsbüchern. Darum wollte ich in dieser Nacht nach Japan fliegen, um einen Deal abzuschließen, der meinen Namen in eine Reihe mit denen von Jobs, Gates und Zuckerberg setzen würde.

Später, wenn alles über die Bühne gegangen war, würde ich in meinem Privatjet eine Flasche Cristal köpfen. Gerade aber nippte ich stattdessen an einem faden grünen Smoothie und hockte mit einem langhaarigen, bärtigen Kerl im Dunkeln vor einem Computerbildschirm, während ich versuchte, mir das FBI vom Hals zu schaffen, ohne alles zu vermasseln.

»Die Schadsoftware wurde implementiert und geht jetzt online«, sagte der haarige Bursche. Der helle Monitor beleuchtete seinen zerzausten Bart und verlieh ihm in der dämmrigen Kabine ein unheimliches Profil. »Was willst du den Leuten von Fukushima Semiconductor sagen, warum du nicht dort auftauchst, um die Übernahme abzuschließen?«

Jack Walton. Meine rechte Hand und mein ältester Freund. Ein brillanter Programmierer, aber wie schon der legendäre Wozniak hatte auch er keinen Sinn fürs Geschäft. Der Aufbau von CastorNet war allein mein Werk. Und er war der Einzige, dem ich diese Sache anvertrauen konnte, denn auch wenn wir es in Absprache mit dem FBI taten, wenn etwas davon durchsickerte, wäre das ein Desaster.

»Ich schaffe es schon noch rechtzeitig dorthin, um den Deal abzuschließen. Ich nehme den Jet, wenn wir hier fertig sind. Ich hab nur keine Zeit, im Hotel einzuchecken, deshalb muss ich am Flughafen duschen.«

»Ein wahrhaft heroisches Opfer, wenn man bedenkt, dass dich dieser Deal zum Milliardär machen wird«, meinte Jack, dem der Widerwille in meinem Tonfall aufgefallen war. »Aber zunächst mal – wer auch immer dieser Kerl ist, wir müssen ihn finden.«

»Werden wir. Sobald dieser FBI-Typ … Wie heißt er noch gleich? Salazar irgendwas …«

»Burke.« Jack verdrehte die Augen. »Special Agent in Charge Salazar Burke.«

»Wie auch immer.« Ich machte eine abfällige Handbewegung. »Danach machen wir mit Fukushima weiter, während Burke die Lorbeeren für unser Genie einheimst.«

Der Mann von der L.-A.-Außendienststelle des FBI war mit einem Problem vor unserer Tür aufgetaucht. Dieser kranke Drecksack Bruce Sterling hatte ein Mädchen namens Kate Mason aus ihrem Bett im College gekidnappt. Laut FBI hatte er schon andere Mädchen entführt, die alle tot aufgefunden worden waren. Und jedes Mal hatte er die Perversitäten, die er ihnen antat, live gestreamt, und dafür hatte er unsere Software benutzt. Noch hatten die Medien keinen Wind davon bekommen, aber das konnte sich jederzeit ändern.

Die negative Presse wäre schlimm für uns gewesen, aber ich war sicher, dass Ace Prior, unser Betriebsmanager, die Sache unter Kontrolle bekommen konnte. Er kann gut mit Kameras und bleibt stets gelassen.

Burke hatte mir und Jack Fotos von Sterlings früheren Opfern gezeigt. Es ist leicht, sich moralisch überlegen zu geben, wenn es nur um Ideale geht, um Wörter auf einer Seite oder um eine Firmenphilosophie. Aber wenn man Dinge sieht, wie Burke sie uns gezeigt hat, verändert dich das. Es trifft dich auf einer weit tieferen Ebene als dem Intellekt. Es zielt direkt in den Teil deines Gehirns, der sich von einem pelzigen kleinen Säugetier weiterentwickelt hat, dessen einziger Antrieb es war, die Angriffe von Raubtieren zu überleben.

Burke erklärte uns, dass er Sterling finden müsse, bevor er all diese Dinge auch Kate antat. Wer Kate war oder woher sie kam, spielte für mich keine Rolle. Sieht man, dass jemandem so etwas Grauenvolles angetan wird, will man helfen. Das heißt aber nicht, dass man gleich alles wegwirft, was man in jahrelanger Arbeit aufgebaut hat. CastorNets kostbarste Produkte waren sichere private Nachrichten und ebenso sicheres Livevideostreaming. Wenn also jemand herausfand, was Jack und ich für das FBI taten, waren wir erledigt.

»Will, der Marketing-Push von Privacy startet morgen.« Jack zupfte an seinem Bart. »Bist du sicher, dass nicht herauskommt, dass wir eine Hintertür …«

»Nenn es nicht Hintertür!«

»Wie soll ich es dann nennen?«

»Falltür.«

»Es reicht nicht, dass du es einfach umbenennst, Will. Es ist …«

»In derselben Minute, in der diese Sache hier vorbei ist, löschen wir die Falltür«, unterbrach ich ihn und überprüfte die Zeit auf meinem iPhone. »Schmuggel den Patch in ein wichtiges Update und schick ihn morgen raus.«

»Schick mir den Patch, dann pack ich ihn in die Warteschleife.«

»Du hast ihn schon. Er liegt im selben Verzeichnis wie die Änderung der Schadsoftware.«

Das ist der Grund, warum ich vor Ort sein musste. Um sicherzugehen, dass die Sache wirklich erledigt wurde. Entwickler, selbst so brillante wie Jack, brauchen Führung.

»Ich hab ihn nicht«, antwortete Jack. »Du hast selbst die Veränderung an der Software vorgenommen.«

In meinem Magen bildete sich ein Knoten.

Bei dem letzten Push auf Version 1.0 hatten wir die erste Betaversion in einem Programmiermarathon fertiggestellt. Damals hatten viele meiner Mitarbeiter von zu Hause aus gearbeitet, denn Jack hatte mich davon überzeugt, dass es ihnen dann leichter fallen würde, vierundzwanzig Stunden durchzuarbeiten. Ich war der Meinung gewesen, dass es die Leute nur leichter ablenken würde.

Also hatte ich eine Routine in unsere Software implementiert, um die Entwickler zu beobachten. Sie schoss mittels Webcam ein Foto und versah es mit der Botschaft: »Lass dich nicht ablenken. Geh zurück an die Arbeit!«, zusammen mit dem präzisen, aktuellen Aufenthaltsort der betreffenden Person.

Ich fand das damals komisch. Jack nannte es demotivierend. Wie auch immer. Es hatte funktioniert.

Und jetzt benutzten wir diese App, um Sterlings Position zu bestimmen, die wir dann ans FBI weitergeben würden. Eine schnelle Veränderung des Codes sollte verhindern, dass die Message auf Sterlings Bildschirm aufpoppte, denn dann würde er natürlich sofort wissen, dass jemand ihn gefunden hatte. Was würde er Kate dann wohl antun? Und wem würde er alles von unserer »Falltür« erzählen?

»Ich hab die Veränderung nicht vorgenommen.« Ich schluckte schwer. Jack würde mir bestimmt gleich sagen, dass er mich missverstanden habe und alles in Ordnung sei. »Ich war den ganzen Tag mit dem Fukushima-Deal beschäftigt. Du hast die Veränderung an der Schadsoftware vorgenommen.«

»Ich weiß genau, was ich gemacht hab, Will, und ich habe nichts am Programm verändert. Es ist dein Trojaner, nicht meiner. Das hab ich dir gesagt, nach dem täglichen Stand-up-Meeting.«

»Aber du hast den Code getestet!«

»Es gab keinen Test!« Jack tippte wie verrückt, um den Code aufzurufen. »Warum sollten wir deinen Code prüfen? Du bist ein Genie. Du hasst es, wenn ich deine Codes checke.«

Ein gutes Argument. Und vollkommen wahr.

»Dann änder ihn jetzt«, sagte ich und beugte mich über seine Schulter. »Schnell!«

»Bin schon dabei.« Er tippte so hart auf die Tastatur, dass die leere Dose Red Bull auf dem Tisch klapperte. Auf dem Bildschirm tauchte plötzlich ein Schwarm aus Text und Zahlen im Editor auf. »Okay, das ist der Code – wohin muss ich?«

Ich schob Jacks Stuhl zur Seite. »Ich mach es selbst. Ruf du Burke an. Sag ihm, wir brauchen mehr Zeit.«

Jeden Moment konnte Sterling die Falltür auslösen, und nur Sekunden später würde die Botschaft auf seinem Bildschirm aufpoppen. Die Fotos von Sterlings Opfern zuckten in einer stakkatoartigen Slideshow an meinem inneren Auge vorbei, während ich den Code überflog. Ich würde nur eine Minute brauchen, um die Pop-up-Message zu unterdrücken und dann das Update auf Sterlings Computer zu schicken. Das war zwar brachial, aber es würde funktionieren.

Ich erinnere mich an jede App, die ich jemals geschrieben habe, und auch diese bildete keine Ausnahme.

Meine Finger flogen über die Tasten, ich fand das Message-Modul und begann damit, es auszukommentieren.

Bevor ich jedoch fertig war, hörte ich das unverwechselbare Trillern. Es war ein spezieller Klingelton, den ich auf meinem Handy eingerichtet hatte. Er informierte mich, dass ich wieder einen lustigen Webcam-Shot von einem Praktikanten erhalten hatte. Nur war es diesmal kein Praktikant und ganz sicher alles andere als lustig.

Meine Finger erstarrten eine Sekunde über der Tastatur, während mein Verstand die Möglichkeit beschwor, dass ich das Trillern vielleicht gar nicht gehört hatte.

»Ist es gerade passiert?«, fragte Jack von der anderen Seite des Schreibtischs. Er hatte sein Handy in der Hand, und seine Frage zerstörte meine hoffnungsvolle Illusion.

Ich stieß mich von der Workstation zurück, und der Knoten in meinem Bauch löste eine Welle von Übelkeit aus. Ich zog mein iPhone heraus. Ich hatte eine Botschaft erhalten.

Das Foto zeigte einen Raum, der aussah wie das nicht ausgebaute Kellergeschoss eines alten Hauses. Vor einer Betonmauer stand ein leerer Stuhl, und am oberen Rand des Bildes waren gerade noch die Deckenbalken auszumachen. In der Ecke war die Box mit der »Geh zurück an die Arbeit!«-Botschaft, mit IP-Adresse und der genauen Position auf einer Karte. Die App hatte funktioniert.

Aber ohne die Änderung, an der ich gerade so fieberhaft gearbeitet hatte, stand dieselbe Botschaft, auf die ich jetzt blickte, auch auf Sterlings Bildschirm.

»Was machen wir jetzt?« Jacks haariges Gesicht war blass geworden. Im bläulichen Licht des Monitors sah er aus wie eine Leiche.

»Ist das stumm geschaltet?« Ich deutete flüsternd auf das Telefon in seiner Hand.

»Klar«, sagte Jack.

»Sicher?«

»Ja!«

»Dann machen wir nichts.«

»Was?« Jack starrte mich zweifelnd an.

»Was können wir denn tun? In dem Moment, in dem Sterling den Computer betätigt, verschwindet die Botschaft, und keiner wird jemals etwas erfahren.«

»Ist das dein Ernst, Will? Was ist mit dem Mädchen?«

»Schick Burke dorthin!« Ich gab ihm mein iPhone mit den Koordinaten der Position.

»Und wenn sie es nicht rechtzeitig schaffen?«

»Sag ihnen, sie sollen sich beeilen!«

Burke hatte den Anruf offenbar angenommen, denn Jack fing plötzlich an, sehr schnell zu reden.

Ich rief die Livestreamkonsole auf und tippte Sterlings ID ein. Er war online, aber inaktiv. Vielleicht hatte er seinen Computer hochgefahren und war weggegangen.

Ein roter Button wechselte auf Grün und zerstörte alle meine Hoffnungen. Er lud einen Livefeed hoch.

Meine Finger schwebten über der Maus. Ich wollte aufstehen, einfach davonlaufen, doch das tat ich nicht. Ich musste das alles irgendwie unter Kontrolle bekommen. Ich brauchte nur Zeit, das war alles.

»Burke sagt, ein Einsatzkommando der örtlichen Polizei ist auf dem Weg«, erklärte Jack. »Aber es wird ein paar Minuten dauern.«

Ich klickte den Button an. Der Videostream wurde geladen. Der Stuhl vor Sterlings Computer war immer noch leer.

»Ist das live?« Jack war um den Schreibtisch herumgeflitzt, hinter mich getreten, blickte mir über die Schulter. »Können wir was hören?«

Ich streckte die Hand aus und drehte die Lautstärke der teuren Referenz-Aktivlautsprecher an, die ich für jede Workstation im Büro spendiert hatte; das gab es nicht mal bei Facebook. Wir hörten das Geräusch eines Ventilators. Es wurde perfekt wiedergegeben, aber es war nur ein Hintergrundgeräusch.

»Siehst du, er ist nicht mal da.« Ich klatschte in die Hände. »Wenn der Stream per Autostart aktiviert wurde, ist die Message vielleicht schon verschwunden.«

Ich versuchte, meine Atmung zu kontrollieren. Ich hatte Ähnliches schon häufiger erlebt, hatte am Rand einer Katastrophe gestanden, aber letztendlich war ich immer noch davongekommen, und es gab keinen Grund, dass es diesmal anders sein würde.

Jack und ich starrten schweigend auf den Bildschirm. Eine Minute. Zwei. Zehn. Wir beobachteten, wie die Minuten auf der Zeitangabe in der Ecke des Bildschirms heruntertickten. Wo blieb das verdammte Einsatzkommando?

Dann hörten wir ein neues Geräusch. Ein dumpfes Schaben, etwas wurde über den Boden gezerrt, und Metall kreischte auf Beton; die teuren Lautsprecher gaben es perfekt wieder.

Eine Person trat rückwärts ins Bild. Ein großer Kerl in einem Golfhemd mit Schweißflecken unter den Achseln. Er wirkte ungepflegt, dreckig. Ich verzog angewidert das Gesicht.

Der Mann drehte sich um und trat zurück, womit er den Blick auf einen anderen Stuhl freigab. Der war aus Metall. Und der war nicht leer. Ich erkannte Kate Mason aufgrund der Fotos. Sie war gefesselt und geknebelt, und ihre Augen waren so groß wie Golfbälle, drohten ihr fast aus dem Kopf zu springen. Ihre Brust hob und senkte sich schnell, so panisch atmete sie. Sie zerrte an dem Seil, mit dem sie an den Stuhl gefesselt war. Solche Seile kannte ich. Es war ein mehrlagiges Seil aus einer Kletterhalle.

»Sag Burke, er soll sich beeilen!«, schrie ich. Meine Stimme brach.

Die Tür hinter uns wurde geöffnet, und ein großer, dürrer Mann steckte den Kopf in den Raum. Ace Prior.

»Will, ich glaube, du musst die Nachrichten anmachen. Es geht um Japan.« Seine Stimme hatte einen beschwörenden Unterton, aber dafür hatte ich gerade keine Zeit.

»Jetzt nicht!«, schrien Jack und ich unisono.

Ace hob seine Hand und verschwand.

Jack nahm wieder das Telefon und flehte Burke an, sich zu beeilen. Auf dem Bildschirm zog Sterling den leeren Stuhl ins Bild und setzte sich darauf. Dann schlang er seinen Arm um Kates Schultern wie ein großer Bruder. Nein, dafür war es zu intim. Wie ein Freund. Es lief mir eiskalt über den Rücken, und ich rutschte auf meinem Stuhl hin und her.

»Das Einsatzkommando braucht noch eine Minute«, erklärte Jack. »Sie gehen gerade in Position.«

Bruce Sterlings dreckige Visage verzerrte sich zu einem Grinsen, das überraschend weiße und perfekte Zähne zeigte. Ich mahlte mit dem Kiefer und zuckte vor dem Bildschirm zurück. Etwas an diesem Grinsen löste in mir den Drang aus, den faden grünen Smoothie auszukotzen.

Bitte beeilt euch, wiederholte ich unaufhörlich in meinem Kopf. Noch war Zeit. Natürlich war Zeit! Das Einsatzkommando war schließlich vor Ort, verflucht! Was hielt sie so lange auf?

Sterling beugte sich zur Kamera vor, blickte direkt in die Linse, und sein Blick durchbohrte selbst aus tausend Meilen Entfernung meine Seele. Er räusperte sich und leckte sich die Lippen, wie ein Raubtier, das sich auf ein Festmahl freute.

»Ich bin nicht abgelenkt«, sagte er und zwinkerte. »Gehen wir wieder an die Arbeit.«

Geh wieder an die Arbeit! Die Message. Er hatte sie gesehen! Die Zeit war abgelaufen.

»Sag ihnen, sie sollen zuschlagen!«, schrie ich Jack zu. »Jetzt! Sie müssen sofort handeln!«

Sterling lehnte sich zurück, umarmte Kate wieder auf diese intime Weise. »Also, was meinst du, Kate? Bist du mein Opus? Mein letztes Meisterstück? Warum treten wir nicht mit einem Crescendo ab?« Seine Augen funkelten vor Erregung.

Er hob die Hand. Sie hielt ein langes, brutal wirkendes Küchenmesser. Er beugte sich vor und liebkoste Kates blassen, makellosen Hals, drückte ihr die Klinge an die Brust, die sich weiterhin hastig hob und senkte.

Ich schlug die Hände vors Gesicht, konnte aber nicht anders, als zwischen meinen Fingern hindurchzulinsen.

»Sie gehen jetzt rein!«, rief Jack. »Sie gehen rein!«

Ich hörte aus diesen blöden teuren Lautsprechern ein entferntes Krachen, dem das dumpfe Knallen von Schüssen folgte. Aber das Messer blitzte noch einmal auf, und es war zu spät.

»Mein Gott!«, stöhnte Jack hinter mir.

Ich schrie. Ich weiß, dass ich geschrien habe, aber bis zum heutigen Tag kann ich mich nicht daran erinnern, was. Vielleicht war es nur ein wildes, schmerzerfülltes Heulen, keine Worte, nur der Ausdruck der Gefühle, die mich in diesem Augenblick überschwemmten. Aber ich weiß noch, dass es laut war. Ich hatte einen dummen Anfängerfehler gemacht, weil ich den Code nicht überprüft hatte. Und deshalb musste ich jetzt zusehen, wie eine junge Frau ihren letzten Atemzug tat. Und all das Blut, so viel Blut.

Die Tür zu Jacks Büro wurde erneut geöffnet. »Will. Jack. Ihr müsst euch das ansehen!«

Es war wieder Ace. Er wirkte aufgeregt. Trotz seines äußerlich so ruhigen Verhaltens hatte Ace eine sture Art. Es war allgemein bekannt, dass er sich oft genug schlicht weigerte, ein Nein als Antwort zu akzeptieren. Und seinen verschränkten Armen nach schien es eines dieser Male zu sein.

»Nicht jetzt!«, keuchte ich.

Jack war zu sehr damit beschäftigt, in seine Handfläche zu schluchzen, um überhaupt etwas hervorbringen zu können.

»Doch, genau jetzt!«, sagte Ace. »Du sagtest doch, Fukushima Semi läge direkt neben dem Kernkraftwerk, richtig?«

»Was?« Ich konnte einfach nicht geistig umschalten, um zu kapieren, wovon er da redete.

»Vor Japan gab es ein Erdbeben«, fuhr Ace unbeirrt fort.

»Ja, und? Die gibt es dort dauernd.« Aus den Referenzlautsprechern drangen weitere Schüsse und gedämpfte Schreie, als das Einsatzkommando den Raum stürmte. Ich streckte die Hand aus und drehte die Lautstärke herunter.

»Spielt ihr da etwa Videospiele?« Ace hob fassungslos die Hände.

»Nein!«, presste ich durch die Zähne hervor.

»Also … dieses Erdbeben hat einen Tsunami ausgelöst«, erklärte Ace. »Einen ziemlich großen. Und der hat gerade das Fukushima-Daiichi-Kernkraftwerk getroffen. Im Reaktor gibt es eine Kernschmelze.«

Ich schnappte mir den Mülleimer unter Jacks Schreibtisch gerade noch so rechtzeitig, um damit die grüne Smoothie-Kotze aufzufangen.

Ace ging rückwärts aus dem Zimmer. Sein Job war erledigt. Er hatte die Botschaft überbracht.

Während ich würgend nach Luft rang, wurden mir zwei Sachen mit absoluter Gewissheit klar: Erstens würde ich niemals diese Bilder von dem, was Sterling getan hatte, aus dem Kopf bekommen. Und zweitens würde mein Name niemals neben Jobs, Gates und Zuckerberg stehen.

2

Gegenwart

Ein Klingelton dringt aus einem Lautsprecher auf der Kommode und hallt von den hohen Glaswänden wider. Das Signal der Achtsamkeits-App erinnert mich an einen Tempel in Okinawa und verjagt erneut die Dämonen, die mich im Schlaf heimsuchen.

Ich atme langsam und gleichmäßig. Ein. Aus. So wie ich es gelernt habe. Ich rufe mir den Geruch von Zypressen und Weihrauch in Erinnerung, das Gefühl von Bambus unter meinen nackten Füßen, den salzigen Geschmack der Seeluft. Dann schiebe ich mit jedem Atemzug die Erinnerungen beiseite, eine nach der anderen, bis nur noch meine Atmung übrig ist.

Ruhe breitet sich in jedem Winkel meines Geistes und meines Körpers aus. Meine Schultern entspannen sich, der Schlag meines Herzens wird langsamer. Die Gedanken an Bruce Sterling und Fukushima werden zurückkommen, das tun sie immer, aber einstweilen herrscht Friede.

Mein Handy vibriert in meinem Schoß und zerstört die Ruhe.

Ich öffne die Augen. Der Raum ist dunkel, und der Mond spiegelt sich auf dem Ozean. Gedämpftes Licht fällt durch die deckenhohen Glasfenster rund um mein Schlafzimmer. Die Zeitangabe auf dem Handy sagt, dass es zu spät für den Abend und zu früh für den Morgen ist.

Es ist die Nummer des FBI-Hauptquartiers in Washington. Ich wische den Button zur Seite und nehme den Anruf an.

Siebeneinhalb Minuten später bin ich geduscht und angezogen, und ich habe mir diesen niedlichen Reiserucksack, den ich von Kickstarter bekommen habe, auf den Rücken geschnallt. Als ich hinaus in die Nacht trete, umhüllt mich eine warme südkalifornische Brise, die vom Pazifik her kommt. Die großen Eichentüren schließen sich hinter mir mit einem befriedigenden Knacken des Magnetschlosses. Auf meiner Auffahrt wartet bereits ein Wagen des FBI.

»Nette Hütte.« Der Fahrer blickt an der ultramodernen Ansammlung von Beton und Glaskästen hoch. Ein junger Kerl. Weißes Hemd, schwarze Krawatte. Eindeutig ein Mitarbeiter des FBI. »Wem gehört sie?«

»Mir.« Ich werfe meinen Rucksack auf den Rücksitz und steige vorn ein.

»Moment mal, mir hat man erzählt, Sie wären Agent.«

»Special Agent.«

»Verflucht, die Gehaltsstufe für Special Agents ist offensichtlich echt eine andere«, bemerkt er, dann lenkt er den Wagen die lange Auffahrt hinab.

Solche Kommentare höre ich nicht zum ersten Mal. Und das hier wird auch nicht das letzte Mal sein. Ich habe vielleicht Silicon Valley den Rücken gekehrt, aber nicht dem Komfort, den ich mir dort angewöhnt habe.

Nach dem Vorfall mit Sterling brauchte ich eine Veränderung. Ich habe sehr lange nur genommen und musste danach einfach etwas geben. Mein Geld verschenken? Keine Chance. Mir gehört immer noch ein sehr großer Teil von CastorNet, aber geleitet wird die Firma jetzt von jemand anderem.

Eine sehr verschlungene Straße hat mich dorthin geführt, wo ich jetzt bin, und ich gebe dem FBI etwas weit Wertvolleres als Geld: meine Zeit und meine Talente.

Theoretisch arbeite ich in der Abteilung für Cyberkriminalität, aber letztlich werde ich bei jedem größeren Fall gerufen, der eine technische Komponente hat.

Doch selbst für mich ist ein Weckruf des Stellvertretenden Direktors Burke mitten in der Nacht, gefolgt von einem Flug in einem FBI-Jet, höchst ungewöhnlich. Und ich steh auf höchst ungewöhnlich.

»Große Sache?«, erkundigt sich der Fahrer.

»Mord.« Ich belasse es dabei.

Dieser Fall stinkt nach Prominenz, aber Burke wollte nicht sagen, worum genau es geht. Nur so viel, dass die Sache oberste Priorität hat und extrem heikel ist. Ich solle einfach ins Flugzeug steigen. Ein anderer Agent würde mich am Zielort abholen. Wie ich Burke kenne, ein höherer FBI-Beamter, der das Sagen haben wird.

Burke lässt mich nicht gern allein arbeiten. Das verstehe ich. Das FBI hat das Prinzip von Struktur und Prozedere zur Kunstform erhoben, und Burke ist ein Produkt dieses Umfelds. Da ist es ganz natürlich, dass wir hinsichtlich meiner Vorgehensweise meist nicht einer Meinung sind. Ich nenne sie effizient, während er mein Verhalten als undiszipliniert bezeichnet. Was ihn aber wirklich nervt, ist, dass ich damit immer wieder Erfolge erziele.

Es herrscht zu dieser Nachtzeit selbst in L. A. nur wenig Verkehr. Aber irgendwo dort draußen in der Dunkelheit ist jemand ermordet worden. Wer? Burke hat es nicht gesagt, doch um wen auch immer es sich handelt, es geht um mehr als um Mord. Dass mich der Stellvertretende Direktor mitten in der Nacht in ein Flugzeug des FBI setzt und dafür zehn verschiedene Protokolle überspringt, lässt darauf schließen, dass Politik mit im Spiel ist.

Wie auch immer, ich werde es bald genug erfahren. Bis dahin ruhe ich mich aus.

Stunden später, als die Sonne gerade über den Horizont klettert, landet das Flugzeug auf einem mittelgroßen Flughafen. Die Gulfstream war okay. Ich selbst hatte eine etwas schickere, aber schon klar, die Regierung ist bescheiden, und luxuriöse Ausstattung oder nicht, ich weiß, was eine Flugstunde kostet. Jemandem ist es wirklich wichtig, dass ich jetzt hier bin.

Das Flugzeug rollt in einen Hangar weit weg vom Terminal. Ich sehe Zäune, Lagerhäuser ohne Schilder oder Beschriftung. Keine Bäume. Dicke grüne Gräser wachsen in den Ritzen von Betondecke und Asphalt. Als die Kabinentür geöffnet wird, atme ich tief feuchte, aber keineswegs brütend heiße Luft ein. Meine Welt sind New York und Kalifornien. Das hier ist keins von beiden, sondern irgendwas dazwischen.

Wieder wartet ein Wagen auf mich, diesmal ein Dodge Charger. Grau. Mit einer Beule an der hinteren rechten Ecke. Kennzeichen von Indiana. Keine verdeckten LEDs im Grill oder am Dachhimmel, also ist er nicht vom FBI. Ein Mietwagen.

Daneben steht ein großer, gut gebauter Afroamerikaner. Den Rücken hat er stocksteif durchgedrückt, der Schlips flattert im Wind. Thomas Decker.

»Will Parker, wie er leibt und lebt«, begrüßt er mich mit einem Lächeln, mit dem Autoverkäufer suggerieren: Du kannst mir vertrauen.

»Decker. Wie hat man Sie aus New York rausgelockt?«

»Ich liebe das Landleben«, erwidert er und drückt meine Hand so fest, dass ich meine Finger ausschüttle, als er loslässt. »Wie läuft’s in L. A.?«

»Ist immer noch nicht im Ozean versunken.«

»Ist ja noch Zeit.« Er öffnet den Kofferraum des Charger. »Geben Sie mir Ihren Rucksack.«

Während er meinen Kickstarter-Bag im Kofferraum verstaut, rufe ich mir ins Gedächtnis, was ich über Decker weiß. Geboren in Chicago, aufgewachsen in New York City. Footballfan. Ist Anhänger der Chicago Bears, ansonsten ein echter New Yorker. Nach der Highschool Militär. Anschließend College mit GI-Stipendium. Danach FBI. Soweit ich gehört hatte, zuletzt tätig als Special Agent im New Yorker Büro, Abteilung Spionageabwehr. So jemanden erwartet man nicht gerade in Indiana.

»Worum geht’s?«, erkundige ich mich. »Weshalb bin ich hier?«

»Um dem Gesetz Gültigkeit zu verschaffen und der Gerechtigkeit zu dienen.«

Ach ja, und er ist auch ein ziemlicher Korinthenkacker.

Wir steigen in den Charger, und ich werfe einen sehnsüchtigen Blick zurück auf die Gulfstream. Sie fährt bereits wieder die Turbinen hoch. Ich werde wohl eine Weile bleiben.

»Burke sagte, es hätte einen Mord gegeben.«

»Korrekt.« Decker tritt aufs Gas, und der Charger lässt dröhnend den Hangar hinter sich. »Das Opfer ist weiß, männlich, vierzig Jahre alt. Souvenirverkäufer auf irgend ’ner Comic Con, die dieses Wochenende hier stattfindet.«

Eine Comic Convention? Süß. Ich frage mich, wie wohl die Gästeliste aussieht. Selbst kleine Messen ziehen sich heutzutage irgendwelche halbwegs anständigen TV-Talente an Land. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass ich hier eine Weile festsitze.

»Die Security hat die Leiche um vier Uhr dreißig heute Morgen in einem der Waschräume entdeckt«, fährt Decker fort. »Jemand hat dem Mann den Schädel eingeschlagen. Überall Blut. Die Todesursache ist offenbar stumpfe Gewalteinwirkung gegen den Kopf, aber wir warten noch auf die Bestätigung durch den Autopsiebericht. Der sollte bis Mittag da sein.«

Bis Mittag? Die Sache ist eindeutig politisch. Selbst in L. A. dauern Autopsien länger. Irgendjemand hat in diesem Fall richtig Dampf gemacht.

»Zeugen?«

»Nein. Es ist irgendwann in der Nacht passiert, als das Convention Center schon geschlossen hatte.«

»Und man hat ihn erst heute Morgen um halb fünf gefunden?«

»Die Security macht alle paar Stunden ihre Runde, aber hauptsächlich schlendern sie durch die Gegend.« Decker schüttelt missmutig den Kopf.

»Nun gut, einem Messeverkäufer wird irgendwann mitten in der Nacht der Schädel eingeschlagen. Warum ist das ein Fall für die Bundespolizei?« Ich lehne mich auf dem Sitz zurück und setze eine Maui-Jim-Sonnenbrille auf, während der Charger auf den Highway fährt. Ich laufe immer noch auf L.-A.-Zeit, und in L. A. ist es noch früh.

In der folgenden Pause wählt Decker seine Worte sehr genau. Da haben wir sie, die Nebelwand. Diese Jungs von der Spionageabwehr sind alle gleich. Hüllen alles, was sie tun, in Geheimnistuerei. Selbst vor anderen Agenten desselben Vereins. Er wird mir nur das sagen, was ich seiner Meinung nach wissen muss.

»Der Kerl hinter dieser Messe ist ein prominenter Geschäftsmann und gehört zur hiesigen Society. Als die örtliche Polizei die Veranstaltung dichtmachen wollte, ist er fast ausgeflippt und hat ein paar Anrufe getätigt.«

»Müssen aber ziemlich teure Anrufe gewesen sein, wenn er damit einen Stellvertretenden Direktor des FBI aus dem Bett holen kann.«

Wir fahren eine Weile schweigend weiter, während sich Decker auf den Verkehr konzentriert. Schließlich verlässt er den Freeway und steuert den Wagen durch belebte Straßen. An einer roten Ampel hält er an.

»Wer ist dieser Kerl?«, bohre ich weiter. »Welche Beziehungen hat er?«

»Soweit ich weiß, ist er mit dem Generalbundesanwalt auf die Highschool gegangen.«

Wir spielen also Schoßhunde für irgendeinen alten Teeniekumpel des Generalbundesanwalts? Wo ist der Haken? Wofür braucht man in diesem Fall mein Techniktalent? Und Decker? Falls der Tote kein Spion war, gibt es keinen triftigen Grund für seine Anwesenheit. Er sagt mir nicht alles.

»Warum übernimmt die hiesige Außendienststelle nicht den Fall?«, frage ich.

Decker wirft mir einen Blick zu, versucht mich abzuchecken, aber meine Augen sind hinter den spiegelnden blauen Maui-Jim-Linsen verborgen. Es wird grün, und er gibt Gas.

Decker fährt hart und zügig. Vermutlich hat er sich das in Übersee angewöhnt, und man konnte es ihm während seines Warrior-Transition-Trainings nicht rausprogrammieren.

»Okay, also ist er ein Schwergewicht.« Ich bohre weiter. »Warum das FBI? Warum ich? Warum Sie? Sie sind doch immer noch bei der Spionageabwehr, richtig?«

»Das könnte ich Ihnen verraten, aber danach müsste ich Sie umbringen.« Er feixt und beobachtet mich aus dem Augenwinkel.

»Nun kommen Sie schon, Decker. Ein New Yorker Agent von der Spionageabwehr und ein Agent der Spec-Ops-Abteilung Cyberkriminalität L. A. … Weil jemand ’nem Kerl bei einer Nerdmesse den Schädel eingeschlagen hat?«

Decker sagt kein Wort mehr, während er auf die Anfahrtsschleife eines Hotels in der Innenstadt einbiegt.

»Wir fahren nicht zum Tatort?« Ich runzle die Stirn.

»Das ist er.«

»Sie sagten, das Opfer wäre im Convention Center ermordet worden.«

»Es gibt einen zweiten Tatort, und der ist hier«, erklärt Decker, steigt aus und drückt dem Valet die Autoschlüssel in die Hand.

Ich verdrehe die Augen und folge ihm. Bei ihm bekommt man nie das ganze Bild, sondern nur Puzzlestücke. Es ist zum Kotzen.

3

In der Lobby nimmt Decker gleich Kurs auf die Aufzüge. Das Hotel ist überraschend luxuriös, mit einem Mahagoni-Empfangstresen und glänzenden Marmorböden, und das Foyer, in dem ein paar Leute herumsitzen und auf das warten, worauf Hotelgäste eben so warten, ist stilvoll möbliert. Ein Ständerschild lädt mich zu einem Besuch der Kaffeebar ein und verspricht mir den besten Kona-Kaffee.

Das ist durchaus verlockend, also biege ich in Richtung Kaffeebar ab.

»Parker, wohin wollen Sie?« Ich kann fast hören, wie Decker die Augen verdreht.

»Treibstoff!«

Er folgt mir in eine abgeschmackte Klitsche mit Tiki-Statuen und holzgetäfelten Wänden, alles im Hawaiistil. Na ja, immerhin die richtige Insel für Kona-Kaffee.

»Sie sollten noch etwas wissen«, sagt Decker.

»Zum Beispiel, warum Agenten der Spionageabwehr und der Cyberkriminalität einen Mordfall untersuchen sollen und nicht ein Agent aus der Abteilung Gewaltverbrechen?«

»Es steckt noch mehr dahinter.«

»Da wette ich drauf.«

Am Tresen gibt es keine Schlange. Ein Mädchen hat ihr Handy vor der Nase und bedeutet uns mit erhobenem Zeigefinger zu warten. Teenager. Keine Tätowierungen oder Piercings. Sie dreht sich leicht weg und scrollt etwas vom unteren Rand des Bildschirms hoch.

»Jagen Sie hier?« Ich ziehe mein Handy hervor. »Irgendwas Seltenes?«

»Nein, nur Taubsis.« Sie blickt kurz zu mir auf. »Aber das ist schon okay. Ich versuche ein Tauboga zu entwickeln, also schnapp ich mir Taubsis, wenn welche reinspazieren.«

»Tauben?« Decker sieht sich um. »Ich sehe hier keine Vögel.«

»Pokémon, Decker.« Ich winke mit meinem Handy.

»Ich dachte, Sie wollten einen Kaffee?«

Das Mädchen schiebt seufzend ihr Smartphone in die Gesäßtasche. »Was kann ich Ihnen bringen?«

»Peaberry«, antworte ich. »Den größten, den Sie haben.«

Sie sieht mich ausdruckslos an.

»Kaffee«, erkläre ich. »Von Hawaii. Kona?«

»Ach so, den haben wir nicht«, antwortet sie. »Aber wir haben einen Tropical Blend. Ist so ziemlich dasselbe.«

Ziemlich dasselbe? So viel dazu. Ich bin mir jetzt sicher, dass der Besitzer dieser Kaffeebar niemals an der Westküste von Hawaii gewesen ist.

»Kaffee ist Kaffee«, mischt sich Decker ein. »Und alles ist besser als die Brühe, die ich in Kandahar trinken musste. Wir nehmen zwei.«

»Sie bringen mich um, Decker.«

Mit den Kaffeebechern gehen wir zu einem Tisch an einem Fenster, von dem aus wir auf die Straße blicken können. Niemand ist in der Nähe. Es ist sonnig und warm.

»Das Hotelzimmer des Opfers ist oben«, sagt Decker. »Die hiesige Polizei hat es schon unter die Lupe genommen, nachdem sie mit dem Tatort fertig waren.«

»Was haben sie gefunden?«

»Letztes Jahr ist ein neues Landesrecht in Kraft getreten. Alle Tatorte müssen auf Spuren nach MVWs abgeklopft werden.«

»Massenvernichtungswaffen? Ernsthaft? Hier?«

Die Polizei sucht nicht mal in New York oder L. A. ohne einen triftigen Grund nach Massenvernichtungswaffen. Was zum Teufel könnten sie hier gefunden haben? Ich hoffe, nichts Biologisches. Krass, ich hab plötzlich keine Lust mehr, hochzufahren.

Ich nehme einen Schluck Tropical Blend. Wider Erwarten ist er tatsächlich trinkbar. Womöglich bin ich auch einfach nur verzweifelt.

»Vielleicht sind ihre hiesigen Detektoren ja Schrott«, fährt Decker fort, »aber angeblich hatten sie einen Treffer bei einem leeren Koffer. Er war radioaktiv.«

Der Becher Tropical Blend verhungert auf dem Weg zu meinen Lippen in der Luft. »Radioaktiv?«

»Die Strahlungssignatur passt nicht zu Waffen, aber sie ist identifizierbar. Der Messwert deutet auf ein Objekt hin, das der Strahlung bei dem Atomunfall 2011 in Fukushima-Daiichi in Japan ausgesetzt war.«

Ich stelle den Becher so hastig auf den Tisch, dass der heiße Kaffee über den Rand schwappt. Ich registriere die schmerzhaft heiße Flüssigkeit auf meiner Hand kaum. Decker kann unmöglich andeuten wollen, was ich vermute. Das ist einfach nicht möglich.

Ich schließe kurz die Augen und werde in die Nacht des Tsunami zurückversetzt. Ich erinnere mich daran, wie uns Ace die Nachricht überbracht hat. Und ich erinnere mich auch an Sterlings erwartungsvolles Grinsen, als er Kate Mason das Messer an die Kehle hielt. Die Meldungen »nukleare Katastrophe« und »Kernschmelze« liefen bei CNN unter den Bildern der Zerstörung. Mein Magen verkrampft sich genauso wie damals.

»Jetzt sind Sie wohl plötzlich bei der Sache, stimmt’s?« Decker lächelt.

Dieser manipulative Schweinehund. Er genießt es. Er weiß genau, dass der Deal mit Fukushima Semi in jener Nacht geplatzt ist und dass ich mich kurz danach aus CastorNet zurückgezogen habe. Er weiß, dass mir das wichtig ist, und jetzt sorgt er dafür, dass ich weiß, wer hier das Sagen hat.

Aber er weiß nichts von dem Rest der Nacht. Dass ich damals zusehen musste, wie jemand wegen meines Fehlers starb.

Ebenso wenig weiß Decker, dass ich anschließend nach Fukushima geflogen bin und die TEPCO-Arbeiter bestochen habe, damit ich in einem Schutzanzug die radioaktiv verseuchte Zone aufsuchen konnte. Er weiß nicht, dass ich monatelang jedem Gerücht und jeder Spur gefolgt bin, wie dürftig sie auch waren. Und er weiß nicht, dass ich, nachdem ich schließlich zugeben musste, dass es vorbei war, dennoch ein ganzes Jahr nicht den Mut gefunden habe, nach Hause zurückzukehren.

Den Fukushima-Deal zu retten war meine Art, mich für das kolossale Desaster zu entschuldigen, das Kate Mason das Leben gekostet hat. Es war etwaswirklich Gutes für die Welt und hat ein wenig von dem wiedergutgemacht, was ich getan habe. Es spielt keine Rolle, dass ich der Einzige bin, der davon weiß.

»Das Fukushima-Einhorn.« Die Worte aus meinem Mund klingen belegt, so als würde ich mich an einer Fremdsprache versuchen, die neu für mich ist.

Decker nicht. »Sieht so aus.«

Es ist also doch noch nicht vorbei. Mein Verstand rattert die Möglichkeiten durch, und meine Gedanken überschlagen sich, bis sie absolut keinen Sinn mehr ergeben. Ich zwinge mich, ruhig zu atmen. Ein und aus. Finde die Ruhe.

Wir hatten natürlich versucht, den Deal geheim zu halten, aber eine Firma, die so groß und bekannt ist wie CastorNet, kann auf so was nicht den Deckel halten. Es sickerte durch, dass wir kurz davor waren, von einer kleinen Firma in Fukushima, Japan, Quantencomputertechnologie zu erwerben, die einen gewaltigen Entwicklungsschritt bedeutet hätte. Nach dem Tsunami und dem nuklearen Desaster war diese Technologie einfach weg, von der Bildfläche verschwunden. Die Leute nannten die verschwundene Technologie schon bald das Fukushima-Einhorn, weil niemand mehr lebte, der sie je zu Gesicht bekommen hatte. Außer mir.

»Woher wissen wir, dass es nicht schon wieder eine falsche Spur ist?«, frage ich. »Die Leute behaupten seit Jahren, dass sie jemanden kennen, der jemanden kannte, der es gesehen hätte. Es ist zu einer modernen Sage geworden. Deshalb nennen sie es ja auch Einhorn.«

Decker schüttelt den Kopf. »Wie viele Sagen kennen Sie, die radioaktive Spuren hinterlassen? Das Labor hat die Werte bestätigt.«

Nachdem der erste Schock abgeflaut ist, zwinge ich mich dazu, Logik und Vernunft zu aktivieren. Als ich damals nach Fukushima gekommen bin, war alles weg, das Gebäude verlassen und die Leute verschwunden. Als hätte dort nie etwas existiert. Ich suchte sämtliche Evakuierungszentren ab, alle Ryokans und Minshuku im Umkreis von zweihundert Meilen. Nichts. Ich stieß nur auf Gerüchte.

»Was ist bestätigt?«, entgegne ich. »Dass irgendetwas, was einmal in diesem Koffer gewesen ist, der Strahlung des Fukushima-Daiichi-Unfalls ausgesetzt war? Wissen Sie, ein wie großer Teil der japanischen Landschaft damals verstrahlt worden ist? Alles in der Sicherheitszone war heiß.«

Ich habe mich von Decker aus dem inneren Gleichgewicht bringen lassen, und das ist gar nicht gut. Ich will nicht, dass ein Kerl wie er weiß, welche Knöpfe er bei mir drücken muss, um mich aus der Fassung zu bringen. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass er mich in eine Falle hat tappen lassen. Er tut freundlich, aber für ihn bin ich nur ein Bauer in seinem Spiel. Es ist das Beste, ihn vorläufig in diesem Glauben zu lassen.

»Können Sie dieses Risiko eingehen, Will?«

Das kann ich nicht, und das weiß er genau.

»Erzählen Sie mir was über diesen leeren Koffer.« Ich nehme einen großen Schluck aus meinem Kaffeebecher.

»Ein Pelican-Koffer. Ein Hartschalenkoffer mit einem Ausschnitt in der Schaumpolsterung genau in der richtigen Form und Größe für das Einhorn.«

Es klingt plausibel. Das echte Fukushima-Einhorn würde strahlen wie verrückt. Und hätte es jemand mit dem Einhorn dort rausgeschafft, hätte ich ihn gefunden. Was bedeutet, das Einhorn wurde zurückgelassen, als die Strahlung alles verseucht hat. Abgesehen davon, dass ein innen mit Blei verkleideter Pelican-Koffer das Einhorn selbst schützte, hätte der zudem die Strahlung eingedämmt und die Person geschützt, die den Koffer mit sich trug.

»Sie haben ihn hier gefunden? Im Hotelzimmer des Opfers, habe ich das richtig verstanden?«

»Korrekt.« Decker trinkt einen Schluck Kaffee, schnell, obwohl er heiß ist. Dann saugt er Luft zwischen die Zähne ein, um den Kaffee in seinem Mund zu kühlen. Keine Chance. Aber er steht es durch. Seine Augen zucken unaufhörlich herum und überfliegen jedes Gesicht in der Kaffeebar und auch die der Leute auf der Straße, die er durchs Fenster sieht.

Sein nervöses Benehmen weckt meine Paranoia. Wen erwartet er, in diesem kleinen Flecken des Mittleren Westens zu entdecken? Wahrscheinlich sieht man überall Schatten, wenn man ihnen nur lange genug hinterherjagt.

»Wer ist jetzt noch in dem Hotelzimmer?«, erkundige ich mich.

»Im Moment ein hiesiger Kriminaltechniker und ein Detective der Mordkommission. Sie warten auf die Experten von Uncle Sam. Das sind wir.«

»Die wissen nicht, wer wir sind, oder?«

»Nein, und das müssen sie auch nicht erfahren. Wir sind Special Agents, mehr nicht.«

»Ich glaube, Sie kapieren das nicht.« Ich lache und lenke damit seine ganze Aufmerksamkeit wieder auf mich. »Ich bin so was wie eine große Nummer. Sie werden mich erkennen.«

Decker runzelt verwirrt die Stirn. Das überrascht mich nicht. Er hat sein ganzes Leben damit verbracht, sich unauffällig anzupassen. Im Valley tut man alles, um herauszustechen.

»Und wenn schon.« Decker trinkt einen großen Schluck und zieht erneut Luft durch die Zähne ein. »Zeit, nach oben zu gehen.«

Die ganze Sache hat noch einen Aspekt, einen, den er mir verschweigt. Ich frage mich, ob der Grund dafür ist, dass er ihn nicht kennt, oder ob er ihn einfach nicht rauslassen will. Ich vermute Letzteres. Denn ich bin nicht nur Experte, was das Fukushima-Einhorn angeht, sondern auch sein gesetzmäßiger Besitzer. Vielmehr CastorNet ist es.

Decker steht auf und zieht sein Jackett glatt.

»Moment noch.« Ich hebe die Hand. »Diese Übereinstimmung mit der Fukushima-Strahlung erklärt meine Anwesenheit, aber nicht Ihre.«

»Nein, das stimmt«, gibt er widerwillig zu.

»Irgendwelches Zeug, das Gammastrahlen abgibt, würde direkt die Terrorbekämpfung auf den Plan rufen, mit einer ressortübergreifenden Benachrichtigung an Homeland Security. Aber man hat niemanden von Homeland geschickt. Man hat Sie geschickt.«

»Und?«

»Warum?«

»Ich bin auch wegen des Einhorns hier«, räumt Decker ein.

Auf einmal macht es bei mir Klick. Die Neuigkeit vom Einhorn hat mich emotional überrumpelt, und das hat mich abgelenkt. So etwas hasse ich. Selbstverständlich bin ich nicht die einzige Person, die sich für das Einhorn interessiert. Und die Typen, die möglicherweise noch scharf darauf sind, gehören zu einer Gruppe von Leuten, die Decker liebend gern aufspüren würde.

»Wer ist es?«

Er sagt nichts. Er bleibt einfach stehen, die Hände in den Taschen seines billigen, aber perfekt gebügelten G-man-Anzugs. Er spielt das klassische Machtspielchen. Die Art von Spiel, die er für gewöhnlich gewinnt. Nur hat er es noch nie mit mir gespielt, einem Burschen, der einem Kerl wie ihm gegenüber wenig zu verlieren hat. Im schlimmsten Fall endet meine Karriere beim FBI damit, dass ich aus der Tür spaziere und das Leben eines stinkreichen Einprozenters führe, der sich zur Ruhe gesetzt hat. Das weiß er. Leider weiß er auch, dass mich die Sache mit dem Fukushima-Einhorn nicht kaltlässt.

Ich verdrehe die Augen, als er stumm bleibt, und ziehe mein riesiges iPhone hervor. Unser kleiner Zug hier kann nicht ohne mich aus dem Bahnhof dampfen, und etwas sagt mir, dass Decker Verzögerungen nicht sonderlich schätzt.

Ich weiß, dass er das Display von seinem Standort aus sehen kann. Ich öffne Facebook und überfliege die Nachrichten, die ich neu erhalten habe. Sarah hat gestern Abend Chans Restaurant besucht. Gary hat einen neuen Rettungshund. Als ich das Meme lese, das Ashraf gepostet hat, bricht Decker ein.

»Er nennt sich Dragoniis.«

»Kein Scheiß?« Die Worte kommen mir ganz unwillkürlich über die Lippen.

»Sie haben von ihm gehört?«

»Hallo?« Ich schüttele den Kopf. »Er ist der bekannteste und geschickteste Hacker in ganz Asien und wird von der chinesischen Regierung unterstützt. Angeblich ist er durch Sony Entertainment spaziert, als wär’s ein sonntäglicher Einkaufsbummel in der Mall. Ein anderes Gerücht besagt, dass er gegen eine entsprechende Gebühr einige der namhaftesten Namen aus den Panama Papers gelöscht hat, bevor sie an die Öffentlichkeit gelangt sind. Und er hat inzwischen wohl so ziemlich jede größere Bank auf der Wall Street infiltriert.«

Ich mache eine Pause. Das FBI geht zudem davon aus, dass er die Kerncodes für die geheimen Chips geschrieben hat, die in den Servern der großen amerikanischen Technologiekonzerne, der US-Regierung und unserer Geheimdienste verbaut wurden. Was bedeutet, er kennt sämtliche Hintertüren, einschließlich denen, die wir nie gefunden haben. Mit dem Wissen von Dragoniis könnten die Chinesen unseren gesamten Informationsfluss weltweit lahmlegen oder – was noch besser ist – Desinformationen verbreiten. Kein Wunder, dass Decker so angespannt ist.

»Aber er reist nur sehr selten«, fahre ich fort. »Und wenn, dann immer in ein Land, das kein Auslieferungsabkommen mit uns hat. Wir kennen nicht mal seinen wahren Namen.«

»Wir haben läuten hören, dass er hierher unterwegs sein könnte«, antwortet Decker.

Meine Brauen schießen hoch, ich kann meine Überraschung nicht kaschieren. Er meint mit »hierher unterwegs« nicht nur einfach die Vereinigten Staaten. Er meint genau hier. Es gibt nur einen Grund, warum Dragoniis das Risiko eingehen würde, dass jemand wie Decker ihn zu fassen bekommt: Er ist hinter dem Einhorn her!

»Richtig.« Decker nickt, als er erkennt, dass ich eins und eins zusammengezählt habe. »Und wenn Sie die Chance haben wollen, das Einhorn zuerst zu bekommen, sollten wir besser dort oben auftauchen. Also, gehen wir?«

»Eine Sekunde, ich muss mich kurz in L. A. melden. Wir treffen uns vor den Aufzügen.« Ich entsperre mein Telefon.

»Muss ich Ihnen sagen, dass das hier als geheim eingestuft ist?«

»Nur wenn Sie sich dann besser fühlen.«

»Das tue ich.«

Als Decker zu den Aufzügen geht, denke ich über was anderes nach. Wir wurden wegen eines Mordes hergerufen. Das heißt, wir haben bisher eine Leiche wegen des Einhorns. Wie viele weitere Leichen wird es noch geben, bevor die Sache vorbei ist? Angesichts dessen, was das Einhorn wert ist, sagt mir meine Magengrube: verdammt viele.

4

Ich: Wo steckst du?

Bradley W: Café Cenfor. Peruvian Gold. Willst du auch einen?

Ich: Und letzte Nacht?

Bradley W: Club Emerald. J-Lo und Leo waren da.

Ich: Du hackst immer noch VIP-Listen?

Bradley W: Wie soll ich sonst mit einem Regierungsgehalt da rankommen?

Ich: Geh auf der Stelle ins Büro. Ich brauch dich an deinem Schreibtisch.

Bradley W: Du bist nicht da?

Ich: Indiana.

Bradley W: What the fuck? Wie das denn?

Ich: Mitten in der Nacht. Anruf von Burke. Hat einen prominenten Fall erwischt.

Bradley W: Mist. Okay, Boss. Am Tisch in fünfzehn.

Bradley White ist mein Cheftechniker in der Außenstelle L. A. Ehemals bei der NSA, arbeitet er jetzt als ziviler Spezialist für das FBI. Nicht als Agent, was gut ist. Er ist wirklich kein Mann für den Außeneinsatz. Viel zu aufbrausend. Aber ich vertraue ihm.

Nachdem ich Bradley auf Stand-by habe, gehe ich zu den Aufzügen, wo Decker auf mich wartet, und wir fahren nach oben. Unterwegs drehen sich meine Gedanken unvermeidlich um die Vergangenheit.

Nachdem Sterling Kate Mason ermordet hatte, verdoppelte ich unsere Bemühungen, die »Privatsphäre zu schützen« und »die Art zu verändern, wie wir kommunizieren« und all die anderen großartigen Verheißungen aus den Werbevideos unserer Firma. In Wahrheit wollte ich mich einfach nur nicht dem stellen, was ich getan hatte. Mich in Arbeit zu stürzen ließ mir einfach weniger Zeit, darüber nachzudenken.

Und noch besser, als zu Hause in Arbeit zu ertrinken, war es, unterwegs von der Arbeit aufgefressen zu werden, denn so konnte ich allen Fragen nach dem Mord an Kate Mason ausweichen. Allerdings stellte keiner welche. Ich hatte natürlich recht gehabt: Die Pop-up-Nachricht war in dem Moment verschwunden, als Sterling mit dem Livestream begann. Das FBI fragte nie nach, was am technischen Ende der Sache passiert war. Man nahm an, es wäre alles nach Plan gelaufen, weil wir ihnen Sterlings genauen Aufenthaltsort hatten geben können. Man hat niemals nach der Message gefragt, und wir erzählten auch niemandem davon. Aber ich wusste, was wir getan hatten. Und Jack auch.

Das Bimmeln der Aufzugtüren holt mich in die Gegenwart zurück. Ich folge Decker durch den Flur, während in meinem Kopf die Gedanken um meine japanischen Partner und ihre Erfindung kreisen.

Als wir um eine Ecke des Flurs biegen, sehe ich einen uniformierten Polizisten, der vor einer Tür Wache steht. Das heißt, er sitzt, um genau zu sein. Man hat ihm offenbar einen Stuhl aus dem Speisesaal geholt, und er lümmelt mit übereinandergeschlagenen Beinen darauf herum und löst das Kreuzworträtsel in einer Zeitung. Woher hat er die? Wird so was noch hergestellt?

Decker baut sich gebieterisch und kerzengerade vor ihm auf. Eine Naturgewalt. Ich muss zugeben, dass allein seine Größe imponierend ist. Als er sein FBI-Abzeichen zückt, springt der Uniformierte auf.

»Special Agents Decker und Parker, FBI«, verkündet er.

Der Polizist sieht mich an, und ich bemerke die Überraschung auf seinem Gesicht. Decker entspricht vollkommen dem Bild eines Special Agents des Federal Bureau of Investigation, angefangen von seinem Kurzhaarschnitt bis zu seinem G-man-Anzug. Ich hingegen wohl eher nicht. Ich trage Jeans, ein T-Shirt mit dem Bild eines X-Flügel-Jägers aus Star Wars unter einem Blazer, dessen einziger Zweck darin besteht, das Abzeichen und die Waffe zu verstecken, die ich beide tragen muss.

Ich schnappe mir mein Abzeichen und halte es dem Uniformierten aufgeklappt unter die Nase. Der zuckt nur mit den Schultern.

»Moment, die Herren.« Er dreht sich um und schiebt eine Schlüsselkarte in das Türschloss. Die Tür öffnet sich, und er steckt den Kopf ins Zimmer dahinter. »Entschuldigen Sie, Detective, hier sind zwei Special Agents des FBI.«

»Tatsächlich? Schon?« Die weibliche Stimme klingt kräftig und entschieden. »Na, dann laden wir sie doch zur Party ein.«

Er öffnet die Tür so weit, dass wir hineingehen können. Nach New Yorker Standard ist das Zimmer riesig, aber für den Mittleren Westen eher Durchschnitt. Ein breites Doppelbett, eine Sitzgruppe, eine Minibar, ein Schreibtisch und Badezimmer direkt neben der Tür.

Als Erstes fällt mir auf, dass es hier für ein bewohntes Zimmer sonderbar ordentlich aussieht. Das Bett ist gemacht, eine Karte mit der Wettervorhersage des nächsten Tages klemmt fein säuberlich zwischen einer Flasche Wasser und einem sauberen Glas. Hier hat letzte Nacht niemand geschlafen.

Der Umschlag für die Schlüsselkarten liegt auf dem Schreibtisch vor dem Fernsehgerät. Eine Schlüsselkarte steckt noch drin. Auf dem Tisch sehe ich ein weißes Kabel, das in der Lampe steckt, daneben eine leere Donutschachtel und ein kleiner Netzbeutel mit einem Knäuel Computerkabel. Auf dem Gepäckständer steht ein Rollkoffer, Handgepäckgröße.

Große LED-Scheinwerfer auf Dreibeinen beleuchten grell einige Stellen an der Wand und auf dem Boden. Dort kniet jemand in einem weißen Einwegoverall und hält eine digitale Spiegelreflexkamera in den Händen. Am Handgelenk trägt er eine schwarze Uhr. Der Kriminaltechniker.

Neben dem Tisch steht eine Frau. Durchschnittliche Größe, das pechschwarze Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, braungebrannt. Der graue Hosenanzug kann ihre athletische Figur nicht kaschieren. Sie lehnt am Schreibtisch, hat die rechte Hand auf die Hüfte gestützt, schiebt den Jackettschoß zurück und zeigt das goldene Abzeichen und das Gürtelholster mit einer Pistole von Smith & Wesson.

»Detective Dana Lopez, Mordkommission.« Sie nimmt die Hand von der Hüfte und deutet auf den Mann am Boden. »Keith Miller, Kriminaltechniker. Und Sie sind?«

»Special Agent Thomas Decker, FBI.«

»Special Agent Will Parker. Nennen Sie mich Will.«

Sie wirft mir diesen abschätzenden Cop-Blick zu. »Ernsthaft?«

»Kein Scheiß?« Miller rappelt sich auf. »Sind Sie das echt?«

Ich lächle und winke ihm zu.

Miller streckt die Hand aus, aber ich ergreife sie nicht. Er trägt Latexhandschuhe und ist auf dem Boden eines Hotels herumgekrochen. Nein danke.

Dana wirft ihm einen scharfen Blick zu, aber bevor sie etwas sagen kann, fährt Decker fort. »Ich habe Ihren Bericht gelesen. Er war ziemlich kurz. Warum setzen Sie uns nicht ins Bild?«

»Was für ein Bericht?«, frage ich. Also wieder mal Puzzlestücke. Ich bekomme nie das ganze Bild.

»Es war nur eine Seite«, antwortet Decker. »So gut wie keine Einzelheiten.« Ich erkenne die warnenden Anzeichen eines heraufziehenden Machismo, wie das erste Donnergrollen vor einem Sturm. Zyklon Decker.

Dana strafft sich. »Das Blut ist noch nicht mal trocken. Berichte sind hier nicht oberste Priorität, auch nicht, wenn sie beim FBI landen.«

»Das ist schon okay«, beschwichtige ich. »Erzählen Sie mir einfach etwas über die Strahlung.« Wenn ich auch nur die geringste Chance haben soll, das Einhorn zu finden, habe ich keine Zeit für Dominanzspielchen.

»Klar.« Dana wendet sich von Decker ab. »Als wir Caplans Hotelzimmer betraten, haben wir es kurz durchsucht und einen schwarzen Pelican-Koffer unter dem Bett gefunden. Leer.«

»Die Vorschriften in diesem Staat verlangen von uns, nach chemischen und radioaktiven Spuren zu suchen«, übernimmt Miller. »Als ich den Geigerzähler aktiviert habe, hat er sofort an dem offenen Koffer Alarm geschlagen.«

Miller verstummt, rot im Gesicht.

»Was ist dann passiert?«, frage ich. »Können wir bitte die Show am Laufen halten, Leute?«

»Miller hat uns befohlen rauszugehen«, antwortet Dana. »Sehr nachdrücklich.«

»Ich war nur vorsichtig. Das müssen Sie bitte verstehen!« Miller verschränkt die Arme vor der Brust und blickt auf den Boden. »Aber ich habe vielleicht etwas überreagiert.«

»War es das erste Mal, dass der Alarm losgegangen ist?«, frage ich.

»Ja«, bestätigt Miller.

Ich gehe zum Bett und bücke mich, um einen Blick darunter zu werfen. Die Höhe stimmt, es gibt Platz darunter für einen Pelican-Koffer, der groß genug für ein Einhorn ist. Selbst für einen mit ausreichender Isolierung. Außerdem liegt dort ein weißes Kabel, das noch an eine weiße Mehrfachsteckdose angeschlossen ist.

»Wo ist der Koffer jetzt?«

»Im Labor«, antwortet Miller, »in abgeschirmter Verwahrung.«

Ich stehe auf und sehe Miller an. Er erwidert meinen Blick zögernd. »Sind Sie sicher, dass Sie richtig gemessen haben?«

»Bin ich.« Er nickt, und sein Gesicht wird noch röter.

»Ich frage, weil das der einzige Grund für meine Anwesenheit hier ist, dieses Testergebnis.« Ich werfe einen Blick auf Dana, die immer noch neben dem Schreibtisch mit der Lampe steht und mich abschätzend beobachtet. »Wer ist Caplan?«

»Das Opfer. Roger Caplan. Vierzig. Männlich, Kaukasier. Souvenirhändler aus Boston.«

»Sammler«, verbessere ich sie auf dem Weg zum Schrank.

»Wie bitte?«

»Sammlerexemplare. So nennt man das auf einer Comic Con. Nicht Souvenirs. Souvenirs sind Sachen, die man am Times Square kauft und auf denen ›Ich Herz N. Y.‹ steht. Händler auf Comic Cons kaufen und verkaufen Sammlerexemplare zum Beispiel eines Genres an eine spezielle Fangemeinde.«

»Und woher wissen Sie das?« Dana stemmt jetzt beide Hände auf die Hüften.

»Weiß das nicht jeder? Miller jedenfalls tut es.« Ich deute auf den Techniker, bevor ich die Schranktüren aufschiebe.